Rosenzart - Kumud D. Schramm - E-Book

Rosenzart E-Book

Kumud D. Schramm

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Beschreibung

Rosenzart ist ein Erzählreigen mit starken und eigenwilligen generationsübergreifenden Frauenporträts. Die Erzählungen reihen sich wie Rosenperlen einer Kette aneinander. Die Frauen begegnen sich nur kurz und reichen den jeweiligen Lebensstaffelstab an die nächste Frau weiter: Agathe begegnet Dorothea begegnet Franka begegnet Emilia begegnet Annemarie begegnet Franziska begegnet Florentine begegnet Paula. Was sie unterscheidet, sind ihre Lebensstartpunkte und ihre Lebensentscheidungen. Was sie eint, ist ihr Lebenswille und ihre Fähigkeit, Herausforderungen anzunehmen und Widrigkeiten in ihr Leben zu integrieren. Es sind Frauen! Sie finden Lösungen! Im Erzählreigen Rosenzart öffnen diese Frauen für einen Augenblick ihre Lebenstür. Sie stehen als Symbol für die Vielfalt fraulichen Lebens.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Es steht und fällt ein Volk mit seinen Frauen.“

Friedrich von Schiller

Ein sanfter, starker Wind streift böig übers Land, über Hügel und Felder, durch Bäume und Häuserreihen, über Parkplätze und die Köpfe der Menschen. Überall lösen sich unwillig Blütenblätter von ihren Stängeln und segeln taumelnd durch die Gärten. Eben noch hielten sich die zartfarbigen Rosenblätter am Rosenstock fest, schon fliegen sie im jetzt stürmischen Lebenswind hinaus in die Weite und verströmen einen betörenden Duft.

Die Rose ist mit ihrer Blütenfülle, den zarten und farbenprächtigen Rosenblättern, den widerspenstigen Dornen, ihrem wilden Wuchs und feinem Duft ein Symbol für Lebenskraft und Lebensfreude, Leidenschaft und Schönheit, Entzücken und Verführung. Ebenso verhält es sich mit den hier beschriebenen Frauen Persönlichkeiten, die ein zarter, weiblicher Hauch verbindet. Alle Frauen sind rosenzart. Sie sind jede auf ihre Art dornig und widerspenstig, eigensinnig lebendig, überlebensstark, mutig, äußerst kreativ in Herausforderungen und liebevoll mit anderen.

"Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose..."

Gertrude Stein

Wie ein unendlicher Lebensstrom reihen sich diese unterschiedlichen Lebenskonzepte wie Rosenperlen aneinander: Agathe ist Dorothea ist Emilia ist Franka ist Annemarie ist Franziska ist Florentine ist Paula…

Was sie unterscheidet, sind ihre Lebensstartpunkte und Lebensentscheidungen. Was sie eint, ist ihr Lebenswille und ihre Fähigkeit, Herausforderungen unterschiedlichster Art mutig zu begegnen und Widrigkeiten zu integrieren. Es sind starke und eigenwillige Frauen in ihrem Alltag. Es sind Frauen.

Im Erzählreigen „Rosenzart“ öffnen diese Frauen für einen Augenblick ihre Lebenstür und lassen uns teilhaben an ihren generationsübergreifenden Erlebnissen. Sie stehen als Symbol für die Vielfalt fraulichen Leben

Inhaltsverzeichnis

Agathe träumt

Dorothea malt

Franka rennt

Emilie tanzt

Anne-Marie spielt

Franziska lächelt

Florentine kocht

Paula kämpft

Danksagung

Die Autorin

Buchempfehlung

Agathe träumt

I

Es ist jeden Morgen das gleiche. Agathe von Sierow fällt das morgendliche Aufwachen sichtlich schwer. Es ist noch früh am Morgen, wahrscheinlich noch vor sieben, es ist noch dunkel. Sie wird unruhig, spürt ihren schmerzenden Körper und kehrt deshalb ungerne in ihn zurück. Die Nacht hat sie angestrengt und aufgewühlt. Sie atmet tief durch, bewegt Hände und Füße, reckt und streckt sich, auch wenn es unangenehm ist. Unmerklich schüttelt sie ihren Kopf, kann immer noch nicht wirklich verstehen, dass sie schon 92 Jahre alt ist. Eigentlich ist ja nur ihr Körper 92 Jahre alt, sagt sie sich immer mal wieder, denn sie selbst fühlt sich oft viel jünger. So wie vorhin noch, im Schlaf.

Im Traum war sie wieder mit ihren Freunden und einigen aus der Familie in Südfrankreich unterwegs gewesen, wie früher, als sie alle noch da waren, und sich jedes Jahr in unterschiedlicher Konstellation im Sommer in Sanary-sur-Mer trafen.

Das erste Mal reiste Agathe von Sierow 33jährig im Juli 1959 zu ihrem Geburtstag nach Südfrankreich, damals noch mit Gregor, mit dem sie unzüchtig unverheiratet liiert war und zusammenwohnte. Das war damals noch eine große Sache. Im Sommer '59 waren sie geflüchtet vor den intrigenhaften Gerüchten und missbilligenden Blicken der Nachbarschaft, wollten in Ruhe ihre immer noch frische Liebe leben. Sie hatten sich erst spät kennengelernt. Sie fuhren mit Gregors erstem Auto, einem Lloyd 600, auf den er ganz stolz war, weil er im Freundeskreis der Erste mit einem Auto war, und zelteten in der Bucht von Presqu’île de Capelan in Bandol.

Der Zeltplatz war ganz schlicht angelegt, in einem Pinienwäldchen direkt an einer verwunschenen Bucht. Das Zelt, die Luftmatratzen, die er mit kraftvoll blähenden Wangen für sie beide aufblies, und die Kochutensilien hatte Gregor besorgt. Agathe musste sich zwar erst ans einfache Leben auf einem Zeltplatz gewöhnen, aber dann gefiel es ihr.

Es war eine herrlich unkomplizierte Zeit, erinnert sich Agathe und dreht sich noch einmal im Bett auf die andere Seite.

Ein Bild taucht aus dem Traum auf. Es hat sich tief in ihr eingeprägt und ist für sie eine Art Innenbild dieser Jahre: Sie fühlt die trockene Hitze auf ihrer Haut, riecht die würzigen Pinien, spürt deren weiches Nadelpolster, auf denen sie ihr Zelt aufgeschlagen haben, und hört das Zirpen der Zikaden. Als sie eines nachts wegen des lauten Zirpens einer Zikade, es war wirklich nur eine, nicht schlafen konnten. Gregor war ärgerlich aufgestanden, hatte die angefangene Flasche Olivenöl aus dem Auto geholt, war in die Nähe der Zikade geschlichen, die so laut war und hat dann das Olivenöl in deren Richtung geschüttet. Er muss sie getroffen haben, denn danach war Ruhe, etwa bis zum späten Vormittag, dann begann das Zirpen wieder. Solange hatte die Zikade wohl gebraucht sich trocken zu reiben. Gregor und sie hatten noch in der Nacht wie befreit gelacht und waren dann Arm in Arm eingeschlafen. Als am späten Vormittag der Zikadengesang wieder erklang, sahen sie sich verschmitzt an und mussten erneut herzlich lachen. An dieses Lachen erinnert sich Agathe besonders gerne. Es war so unbeschwert.

Sie entschlossen sich, bald wiederzukommen. Und das taten sie. Sie erzählten zu Hause ihren Freunden so begeistert und in bunten Farben vom Mittelmeer, der vor Hitze flirrenden Luft und den ungewöhnlichen Düften der Zedern und Pinien, dass verabredet wurde im nächsten Jahr in größerer Gruppe zu fahren. In den ersten Jahren zelteten sie noch in Bandol, später mieteten sie sich mehrere Ferienwohnungen in Sanary-sur-Mer.

Jetzt leben die Freunde überall verstreut in der Welt und sie sehen sich nur selten. Agathe seufzt tief auf. Manchmal vermisst sie diese Zeit, und auch ihre Freunde.

Ihr Bruder Greg hatte mit 52 Jahren in Amerika noch einmal geheiratet und lebt mit seiner Familie schon seit achtzehn Jahren in Huston. Er hat ihr erst letztens am Telefon gesagt, dass er mit Jane, seiner Ältesten, im August nach Deutschland kommen wird und fast drei Wochen bleiben will. Agathe freut sich sehr auf ihn, auf ihre Nichte und auf abwechslungsreichen Wochen.

Ihre Freundin Sonja, mittlerweile auch schon 91, lebt seit sieben Jahren bei ihren Kindern in Vancouver. Dort hat sie ihr „letztes Domizil im Diesseits“ bezogen, sagte sie seinerzeit vor dem Umzug nach Kanada. Agathe und Heinrich hatten sie vor sechs Jahren besucht und festgestellt, dass sie es dort gut hat. Sonja und Agathe telefonieren noch immer jeden ersten Sonntag im Monat miteinander.

Gregor ist schon vor vielen Jahren verstorben. Er hatte einen Autounfall bei Marseille. Damals trafen sie sich alle nochmal an seinem Grab. Es war ein trauriges und lustiges Abschiednehmen zugleich. So, wie es sich Gregor gewünscht hätte.

Ihr Freund Gerd ist nach Ablauf seiner diplomatischen Dienstzeit vor fünfzehn Jahren in Bogota hängengeblieben. Er lebt dort, trotz seiner achtzig Jahre, zufrieden mit Anne, seiner noch jungen kolumbianischen Frau auf einer kleinen Farm. Er war schon früher ein Schwerenöter. Agathe lächelt.

Und dann ist da noch Susanne, ihre Schulfreundin aus der Gymnasialzeit, die mit ihrem Mann Fred und den vielen Kindern und Enkeln nun schon seit über 35 Jahren in Melbourne lebt. Agathe war schon lange nicht mehr in Australien, weiß gar nicht, ob sie die Reise noch schaffen würde.

Wenn Agathe von Sierow an die weit entfernten Freunde denkt, fühlt sie sich manchmal ganz alleine auf der Welt, wie übriggeblieben. Dann fühlt sie eben doch die 92 Lebensjahre.

Mit ihrer letzten großen Liebe Heinrich lebte sie viele Jahre unverheiratet im gemeinsamen Häuschen zusammen. Sie hatten ein schönes Leben miteinander. Heinrich war selbstständig als Geschäftsführer einer Werbeagentur in Frankfurt, und sie selbst arbeitet viele Jahre als Lehrerin für Geschichte und Erdkunde am Gymnasium Eleonorenschule in Darmstadt. Sie haben sich gegenseitig bestärkt und unterstützt. Agathe saß so manches Mal zu Hause in ihrem Lehnstuhl am Schreibtisch und dankte im Stillen dem Herrgott für das wunderbare Leben mit Heinrich. Sie hatten keine finanziellen Sorgen, da beide gut verdienten. Als Heinrich so plötzlich vor vier Jahren starb, wusste sie nicht wohin mit sich. Zwar war sie mit allem Materiellen versorgt, da Heinrich keine Verwandten hatte und ihr alles rechtzeitig überschrieben hatte, doch wollte sie nicht alleine im großen Haus und in der Stadt bleiben. Das Haus zu versorgen wurde ihr zu viel, und die Stadt war ihr zu anonym. Sie hatte das Gefühl in allem zu ertrinken. In ein Altenheim wollte sie sich aber auch nicht einmieten. Sie verabscheut solche Lebens-Endstationen, wie sie diese trostlosen Heime nennt. Da gehört sie gewiss nicht hin.

Also hatte sie sich nach Alternativen umgeschaut und sich an diese Reha-Einrichtung in Bad Soden erinnert, in der sie vor vielen Jahren nach einer Hüft-OP zur Reha-Maßnahme war, und nachgefragt. Es hatte sie einige Überzeugungskraft gekostet, bis der damalige Institutsleiter Herr Schwenk zugestimmt hat. Agathe schmunzelt in sich hinein, weil sie noch seine ungläubige Stimme hören kann:

„Sie wollen hier für immer wohnen? Hier kommen doch ständig neue Leute. Es wechseln alle drei bis vier Wochen die Patienten. Wie wollen Sie sich dann hier wohlfühlen und sich mit jemandem anfreunden? Wir sind doch hier kein Heim, sondern ein Durchlaufbetrieb.“

Agathe erinnert sich an ihre Antwort: „Aber genau das mag ich. Jetzt bin ich schon 88 Jahre alt und brauche Lebendigkeit um mich herum. Ich mag das Haus und die Betriebsamkeit. Außerdem haben Sie hier eine Pflegestation, die ich vielleicht einmal benötigen werde. Aber ich bin noch sehr rüstig und werde Ihnen sobald nicht zur Last fallen, und für die Kosten werde ich aufkommen.“

Ihr großes Finanzpolster war sicher ein gutes Argument gewesen. Herr Schwenk stimmte nach Rücksprache mit seinen geschäftsführenden Kollegen zu.

„Sie wissen, dass das ganz und gar unüblich ist?“ Herr Schwenk war extra nach Darmstadt gereist, wo Agathe noch in ihrem Heinrich-Häuschen wohnte, um ihr die Entscheidung mitzuteilen. „Wir begrüßen Sie gerne in unserem Haus. Bedenken Sie nur, dass Sie wahrscheinlich der einzige Hausgast bleiben werden.“

Agathe hatte da keine Bedenken. Nun lebt sie also mit ihren Erinnerungen hier in einer Reha-Klinik und ist ein ständiger Hausgast in einem Durchlaufbetrieb.

Agathe richtet sich in ihrem Bett auf, sie ist noch etwas benommen von ihren vielen Gedanken, die sich wieder einmal selbstständig gemacht haben, und schaut sich in ihrem fast 30 qm großen Zimmer um. Sie fühlt sich wohl hier unter dem Dach mit weitem Blick über die Rhön. Helles gelb-orangenfarbenes Licht verkündet einen unerwartet schönen Sonnenaufgang. Gestern noch war für heute Schneefall angesagt, aber vielleicht kommt der ja später noch. Es ist Anfang Februar.

Das winterliche Sonnenlicht weckt Agathes Lebensgeister. Sie wühlt sich aus dem noch warmen Bett, schlägt die Bettdecke weit zurück und legt sich eine Wolldecke über die Schultern, die sie vom Stuhl nimmt, der nahe am Fenster am Schreibtisch steht, geht zum Fenster und reißt es weit auf. Eisigkalte Luft strömt herein. Das liebt sie. Die kalte Luft erfrischt ihren Kopf und ihre Gedanken. Sie atmet tief durch und ahnt den ersten zarten Frühlingsduft. Allzulange kann es nicht mehr dauern, bis sich die ersten Knospen zeigen werden. Agathe schließt das Fenster wieder. Das reicht an frischer Luft. Sie dreht sich um und geht mühsam die wenigen Schritte zur Kommode. Sie stützt sich einen Moment an ihr ab und lässt sich Zeit.

Heute sind ihre Gliederschmerzen wieder stärker als sonst. Ob das Wetter wieder umschlägt? Agathe betrachtet liebevoll die Kommode, ein Erbstück von ihrer Mutter, und streicht mit ihrer Hand zärtlich über das erst gestern frisch polierte Holz. Die Putzfrau Lena auf ihrer Etage hilft ihr immer gerne, über das übliche Maß im Haus hinaus, denn in Agathes Zimmer stehen einige echte Antiquitäten, die sie bewundert und gerne pflegt. Agathe von Sierow durfte seinerzeit einen Teil ihrer Möbel mitbringen, dadurch ist die Atmosphäre hier eine völlig andere als in den Patientenzimmern. Außerdem legt Agathe immer ein paar Kekse und ein Extratrinkgeld für Lena in eine Schale am Eingang.

Agathe entnimmt der Kommode frische Unterwäsche und Strümpfe, geht etwas schwerfällig zum Kleiderschrank und wählt für heute eine braune Stoffhose mit Bügelfalten, eine beige Bluse mit einer großen Schleife, die sie locker am Hals binden wird, und ein farblich passendes braun-beiges wollenes Jäckchen. Dazu plant sie, ihre braunen Pumps anzuziehen.

Früher trug Agathe immer elegante und hohe Schuhe, sie konnte gut darin laufen, heute müssen es bequeme, weite und flache Pumps sein, die ihren Zehen genügend Platz lassen. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass sie sich umstellen musste. Wenigstens hat sie keine Hammerzehen oder Hallux, wie viele andere.

Dann geht sie ins Bad und erfrischt, cremt und parfümiert mühsam ihren zierlichen und, trotz der nicht zu übersehenden Altersflecken, noch immer ansehnlichen Körper. Noch kann sie sich selbst pflegen und versorgen. Darüber ist sie sehr froh, auch wenn alles viel mehr Zeit braucht als sonst, und sie sich morgens oft steif fühlt. Auch das Schminken fällt ihr immer schwerer, weshalb sie nur noch einen Lippenstift benutzt und eine Abdeckcreme auf die Wangen aufträgt, um die Altersflecken zu überdecken. Die Wimpern tuscht sie sich nicht mehr selbst. Sie lässt sie beim Friseur färben, zu dem sie einmal im Monat geht. Mit ihrer stärker gewordenen Weitsichtigkeit sieht sie sich im Spiegel nahe nicht mehr gut genug, obwohl sie sogar ihre Lesebrille dazu aufsetzt. Erst vor kurzem hat sie sich eine neue Gold berandete Brille von Gucci für die Ferne gegönnt, und eine neue Lesebrille von Prada. Zum Glück hat sie keine finanziellen Sorgen, Heinrich hatte da gut für sie vorgesorgt. Ihre Augen waren neu vermessen worden, dabei wurde festgestellt, dass ihre Sehschwäche stärker geworden war und sie neue Gläser brauchte. Dazu hatte sie sich dann selbst die neuen Brillengestelle verordnet.

Agathe kleidet sich sorgfältig an und wählt als Schmuck zwei kleine goldene Ohrstecker mit je einer Perle, eine goldene kurze Halskette mit dem ägyptischen Anhänger Angh, Symbol für Leben, und zwei Ringen an jeder Hand, Geschenke von Heinrich. Sie betrachtet sich im großen Spiegel neben der Badezimmertür und sieht eine gepflegte, kleine und zarte Frau, die nur noch etwa 150 cm groß ist, weiße sich kringelnde halblange Haare hat, die bald wieder onduliert werden müssen, und eine große Brille trägt, durch die ihre Augen größer aussehen. Sie wendet sie um und geht langsam zum Schreibtisch neben dem Fenster. Dort liegt die Schachtel mit ihren Hörgeräten. Sie setzt sich die Hörgeräte in die Ohren und wendet den Kopf in beide Richtungen.

Es ist jedes Mal wieder ein Wunder für sie, wie sehr sich die Wahrnehmung verändert. War sie zuvor noch ganz in ihrer Gedankenwelt zu Hause, öffnet sich ihr jetzt plötzlich die weite Welt. Sie hält einen Moment inne, um diesen besonderen Moment zu genießen, hört es im Haus knacken, in der Heizung rauschen, hört sich selbst atmen, hört sogar ihr Schlucken. Sie trägt jetzt seit etwa drei Jahren Hörgeräte und ist immer noch froh, dass sie sich damals dazu überwinden konnte, denn anfangs war ihr das sehr peinlich. Leider hört sie im Moment nicht optimal, besonders wenn viele Leute gleichzeitig reden wie z.B. im Speisesaal. Heute will sie nach dem Frühstück in den Ort zu einem Akustiker gehen. Sie hat dort einen Termin ausgemacht und hofft, dass er ihr helfen kann.

Agathe ist für heute zufrieden. Sie nimmt ihre kleine Handtasche von der Kommode, legt ein frisches Spitzentaschentuch aus der Kommode hinein, das sie als Serviette benutzen will und greift ihren hölzernen, dunkelbraunen Gehstock mit der goldmetallenen Spitze. Noch ein paar Spritzer ihres Lieblingsparfüms von Hermes, dann macht sie sich auf den Weg hinunter zum Speisesaal.

II

Der Weg führt Agathe von Sierow quer durch das alte, im Krieg von Bomben verschont gebliebenem, ehemaligen Hauptgebäude der Klinik, durch ein großes Treppenhaus mit Fahrstuhl hinunter zum dunklen, langen, tunnelartigen Durchgang, der die Gebäude miteinander verbindet, hin zum neuen Hauptgebäude mit Rezeption, Pflegeabteilung, Verwaltung, Räumen für Behandlungen und Anwendungen und eben auch zum Speisesaal.

Die Gebäude sind wegen der Hügel auf unterschiedlicher Höhe gebaut, weswegen die Etagen verschoben sind. Die erste Etage des alten Hauses befindet sich auf Höhe der zweiten Etage des neuen Gebäudes. Das zeigt sich besonders skurril im Fahrstuhl, denn dort gibt es nicht nur zwei Fahrstuhltüren, sondern auch zwei Tastaturen. Die eine Tastatur zeigt die Stockwerke in dem einen Gebäude an, die andere Tastatur im anderen. Agathe muss ins Erdgeschoss fahren, um zum tunnelartigen Übergang zu kommen, der im zweiten Stock des anderen Gebäudes liegt. Immer wieder stehen erst vor kurzem angekommene Patienten vor den Fahrstühlen und wissen nicht wohin. Wenn Agathe ihnen dann manchmal den Weg zeigt, fühlt sie sich fast schon zugehörig zur Einrichtung.

Agathe bewegt sich wie immer langsam, vorsichtig und unauffällig durch das Haus. Ihr Leben unterscheidet sich von dem der Menschen um sie herum. Während sie geruhsam und gleichbleibend von Tag zu Tag lebt, so gut es eben geht, bewegt es sich geschäftig um sie herum. Sie weiß, jeder Patient hat ein Ziel, jeder das gleiche, jeder will nach einer OP wieder gesund werden, und folgt einem für ihn individuell zusammengestellten Tagesprogramm, das er in einer Mappe mit sich herumträgt: Sportgymnastik in der Turnhalle, Krankengymnastik, Fangopackungen, Massagen, Rotlicht und Lymphdrainagen im Therapiezentrum, Ergometer Training und Krafttraining im Geräteraum, Wassertreten und Aquajogging im Schwimmbad, Gangschulungen auf den Gängen und rund um den Gebäudekomplex herum. Alle laufen ständig kreuz und quer hin und her und man begegnet sich ständig irgendwo wieder. Es herrscht eine aktive Geschäftigkeit, die nur abends zur Ruhe kommt.

Agathe von Sierow geht nach dem Frühstück meist recht leichtfüßig mit ihrem Stock. Wie an jedem Morgen lassen die Anlaufschwierigkeiten wie Steifheit und Gliederschmerzen nach einiger Zeit nach. Parallel dazu hebt sich auch immer ihre Stimmung. Sie betrachtet den auf Unterarmstützen humpelnden und staksenden Menschenfluss. Manche schleichen übervorsichtig voran und schieben ihre Füße nur so über den Boden. Sie vertrauen ihren eigenen Beinen nicht mehr. Manche sind unbeholfen mit ihren Stöcken und stolpern fast darüber. Manche machen den tunnelartigen Übergang zu einer Trainingsstrecke und überrennen die anderen fast.

Vor den beiden Fahrstühlen im neuen Gebäude, die wie ein Nadelöhr hinunter zum Speisesaal führen, stehen viele Rollstühle, karawanenartig zusammengeschoben, und blockieren so die Fahrstuhltüren. In jeden Fahrstuhl passen sechs Rollstühle, wenn sie ganz dicht zusammengeschoben werden. Dann können aber keine anderen Patienten mitfahren. Zwei junge Hauskurierfahrer holen von überall her aus der Station die Rollstuhlfahrer, um sie in den Speisesaal zu transportieren. Agathe bewundert sie, weil sie den lieben langen Tag unermüdlich und schwungvoll dafür sorgen, dass alle „Rollis“, wie sie sie insgeheim nennt, rechtzeitig zu ihren Anwendungen und Therapien kommen. So manche ältere Dame oder alter Herr im Rollstuhl juchzt und lacht laut, wenn ein Hauskurierfahrer wieder einmal das Tempolimit im Haus überschreitet und die Kurven waghalsig nimmt.

Agathe sieht wie die Patienten mit Unterarmstützen heute genervt hin und her staksen. Die „Stakser“, Agathe nennt sie so für sich, weil sie sich auf die Stöcke mit ihrem ganzen Gewicht, das oft sehr hoch ist, aufstützen und hölzern humpeln, wollen nicht warten und versuchen sich vorzudrängeln. Das Stehen fällt ihnen schwer. Alle sind mehr oder weniger schmerzbeladen und mit Schmerzmitteln beruhigt. Vielleicht sind sie aber auch nur hungrig, oder eher gierig? Da, eine der Fahrstuhltüren öffnet sich und schon schieben sich die Stakser hinein und füllen den Fahrstuhl komplett aus, bevor einer der Rolli-Kurierfahrer überhaupt reagieren kann. Die Stakser scheinen zu denken, sollen doch die „Rollis“ warten, die sitzen ja eh‘ bequem. Agathe schüttelt den Kopf. Sie entscheidet sich doch lieber die Treppe zu nehmen. Das traut sie sich heute zu.

III

Agathe von Sierow erreicht den Speisesaal gleich nach den Staksern, die vorgedrängelt mit dem Fahrstuhl gefahren waren. Vor dem Speisesaal stehen die Leute hintereinander in langer Reihe. Es ist noch recht früh, erst halb acht, und Frühstück gibt es bis neun, aber manche haben eben schon um acht ihre erste Anwendung. Agathe schlängelt sich unbemerkt elegant an ihnen vorbei und setzt sich an den eigens für sie reservierten Tisch. Sie hat Zeit. Sie will warten bis sich die Personenschlange am Buffet lichtet. Agathe könnte auch erst später zum Frühstück gehen, aber sie genießt es, die Leute und das Geschehen im Saal zu beobachten. Das ist ihr Unterhaltungsprogramm. Der Service ist sehr bemüht, jedem Patienten zu helfen. Sie stellen für jeden ein Tablett mit Besteck und Teller zurecht, sind behilflich, wenn sich ein Patient mit seinen Stützen nicht alleine bedienen kann oder zu wackelig ist, um den Rollator loszulassen, und tragen das gefüllte Tablett dann zu dem Tisch, an den sich der Patient setzen möchte. Agathe sieht Nadeshda, die russische Servicekraft, die sie immer so freundlich bedient, auf sich zu kommen.

„Guten Morgen Frau von Sierow. Wie geht es Ihnen heute? Kann ich Ihnen etwas bringen?“

Agathe nickt ihr grüßend zu und verneint. „Vielen Dank, Nadeshda. Mir geht es gut, und ich komme zurecht.“

Schon eilt Nadeshda weiter zu einer Patientin, die ihr Tablett nicht mehr halten kann. Im Speissaal verläuft alles reibungslos. Alle sind ungewöhnlich geduldig, auch wenn jemand umständlich und langsam ist. Agathe lässt ihren Blick schweifen. Es ist laut geworden, Geschwätzigkeit erfüllt den großen Speisesaal. Obwohl es keine feste Sitzplatzregelung gibt, versuchen doch einige für die neu gewonnenen Bekannten Plätze zu reservieren bzw. diese gegenüber anderen zu verteidigen. Hier und da sind Sitzkissen auf den Stühlen zu erkennen oder über die Stuhllehne gelegte Pullover, obwohl niemand in der Nähe ist. Es ist doch immer das gleiche.

Agathe schüttelt den Kopf und denkt an die Handtuchplage auf den Sonnenliegen am Pool in Deiá auf Mallorca, wo sie erst im letzten Herbst alleine ihren Urlaub verbracht hatte. Es war schön in Deiá, inspirierend und erholsam. Es erfüllt sie noch jetzt, wenn sie an die dortige lebendige Künstlerszene mit den vielen kleine Geschäften und Restaurants denkt und den wohlduftenden Oliven- Zitrus- und Mandelbäumen. Sie hat sich dort wie immer wohlgefühlt, in Picassos ehemals mallorquinischem Rückzugsort. Dorthin waren sie und Heinrich in ihren letzten gemeinsamen Jahren regelmäßig gereist. Sie hatten jedes Jahr das gleiche Hotelzimmer gemietet, kannten den Hotelbesitzer persönlich, wurden wie willkommene Gäste behandelt, gingen viel spazieren, genossen das gute Essen, den guten Wein und die guten Gespräche. Es war wie ein zweites Zuhause für sie beide gewesen. Seit Heinrichs Tod fährt Agathe im Herbst alleine nach Deiá und fühlt sich Heinrich dort ganz nahe. Zwar fällt ihr das Reisen dorthin mittlerweile schon recht schwer, aber das Reisebüro sorgt immer schon im Vorfeld für die nötige persönliche Betreuung am Flughafen. Und in Mallorca wird sie immer von Angestellten des Hotels abgeholt. Ach, wie gerne würde sie schon bald wieder dorthin reisen.

Es ist so weit, die Schlange hat sich fast aufgelöst, die meisten sitzen zufrieden vor ihren wieder einmal prall gefüllten Tabletts. Manchmal erstaunt es Agathe wie viel man essen kann. Sie steht auf, nimmt sich ebenfalls ein Tablett, legt Teller und Besteck darauf, befüllt es mit einem Brötchen, Butter und Marmelade in kleinen abgepackten Portionen, mit Käse und einem Schälchen Quark. Sie trägt ihr Tablett noch selbst zu ihrem Tisch, setzt sich und lässt sich Zeit beim Essen. Ihre Gedanken schweifen umher. Sie ist viel allein, und ihre Gedanken sind ihr ein zuverlässiger Begleiter.

Wenn sie unter Menschen ist, um sie herum viel los ist und trotzdem alles geordnet ist, fällt es ihr leicht sich auf sich selbst zurückzuziehen, dann spürt sie sich intensiver als sonst. Es ist, als brauche sie diese äußeren Impulse, damit sich ihr eigener Raum öffnet, der sich verliert, wenn sie zu viel alleine ist. Liegt es an ihrem Alter? Sie genießt es in einer Gemeinschaft zu sein, irgendwie dazuzugehören und doch außen vor zu bleiben, unberührt zu bleiben. Früher war sie mittendrin im Geschehen, tanzte auf allen Festen, stürzte sich in viele Abenteuer und bestimmte ihr Leben selbst. Heute hält sich Agathe meist aus dem Geschehen um sie herum raus. Es muss doch am Alter liegen. Sie fühlt sich öfter mal schwach und müde und braucht zwischendurch erholsame Pausen, in denen sie ihre Gedanken in vergangene Welten und Träume entführen und die aufsteigenden Gefühle sie empfindsam und sinnenhaft verführen. Diese Ichbezogenheit wird ihr hier leicht gemacht, da die Menschen meist nur mit sich, ihrer aktuellen OP-Geschichte und ihren Schmerzen beschäftigt sind, die sie sich nur allzu gerne und ausführlich gegenseitig berichten. Da kann Agathe nicht mithalten, was sie auch nicht will. Nur selten wird sie von jemandem bemerkt, so wie jetzt.

Agathe schreckt auf, als bei ihr eine große, kräftige Dame stehenbleibt. Ein Schatten fällt auf sie als die Dame mit ihren Stöcken noch nähertritt. Agathe ist das unangenehm. Sie versucht in eine andere Richtung zu sehen.

„Ich sehe Sie hier immer alleine sitzen. Gibt es dafür einen Grund?“

Agathe zuckt leicht zusammen. Hat die Dame mit ihr gesprochen? Ist wirklich sie gemeint? Sie dreht ihren Kopf und schaut auf. Was soll sie antworten? Muss sie überhaupt antworten? Sie versucht es und sagt:

„Ja……?“ Dabei zieht sie ihre Antwort in die Länge. Vielleicht geht die Dame ja gleich weiter. Doch die lässt nicht locker:

„Welchen Grund?“ Sie beugt sich zu Agathe hinunter, da die nur ganz leise gesprochen hat. Der Schatten auf Agathe wird noch größer.

„Ich bin hier Hausgast.“ Sagt sie überrumpelt.

„Mmmh“, brummt die Dame und schaut Agathe nachdenklich an.

„Ich würde mit Ihnen gerne einen Kaffee trinken. Haben Sie nicht auch Lust dazu?“ Sie schaut Agathe direkt in die Augen. „Drüben im alten Gebäude gibt es in der Stube eine Kaffeemaschine. Die wurde erst heute Morgen repariert.“ Der Blick wird noch forscher. „Sagen wir um halb vier?“

Agathe sagt noch immer nichts. Natürlich kennt sie drüben den Aufenthaltsraum, aber das sagt sie der Dame nicht. Was soll sie tun? Was will die Frau von ihr? Soll sie sich mit ihr treffen? Es könnte eine Abwechslung sein. Außerdem sieht die Dame anders aus, als die Leute sonst so. Sie wirkt aufrecht, direkt, selbstbewusst und stark. Wieso war sie ihr bisher noch nicht aufgefallen? Vielleicht ist sie ja erst vor kurzem gekommen.

„Kaffee bekommt mir nachmittags nicht mehr so gut. Aber dort gibt es auch Tee.“ Antwortet sie dann doch noch.

Die Dame nickt Agathe zu. „Dann ist das also abgemacht. Bis nachher.“

Sie wendet sich mit ihren Stöcken um. Sie ist eine von den Staksern. Agathe schaut der Dame hinterher wie sie in Richtung Fahrstühle humpelt. Sie schwankt dabei erheblich, wie ein Schiff auf hoher See, trotz ihrer Unterarmstützen. Bestimmt ist sie erst neu gekommen, und wahrscheinlich ist die OP noch nicht so lange her. Agathe spürt, dass sie beginnt sich auf die Unterhaltung nachher zu freuen. Die Dame hatte klare Augen, als sie sie ansah. Das mag Agathe. Sie atmet tief durch und widmet sich weiter ihrem Essen. Zum Schluss betupft sie ihre Lippen mit ihrem Spitzentaschentuch und macht sich ebenso unbemerkt von dannen wie sie gekommen war.

IV

Oben in ihrem Zimmer angekommen, mittlerweile ist es schon halb neun geworden, geht sie noch einmal ins Bad und erfrischt sich.

Sie nimmt ihre große Tasche von der Garderobe und setzt sich mit ihr an den Schreibtisch. Dort packt sie aus, was noch darin ist, begutachtet alles, legt Ausweis und Krankenkassenkarte ins Portemonnaie, und zusammen mit frischen Papiertaschentüchern wieder hinein in die Tasche. Sie zieht sich warme Stiefelletten an, nimmt den braunkarierten Wollmantel aus dem Schrank und zieht ihn über, legt sich einen warmen Schal um, setzt sich eine warme Kappe auf und nimmt ihre Handschuhe von der Garderobe. Es ist nicht weit bis in den Ort. Sie geht mit energischen Schritten hinaus auf den schmalen Bürgersteig und zieht instinktiv den Kopf ein. Es ist noch viel kälter, als sie angenommen hatte. Sie hätte doch ihre Wollmütze nehmen sollen und nicht nur die Kappe. Nun, sie will aber nicht wieder zurückgegen, also geht sie weiter. Sie spürt wieder ihre Glieder unangenehm schmerzen. Hoffentlich schafft sie den Weg. Sie setzt ihren Stock energischer auf, als sie sich fühlt und hofft so sicherer zu gehen.

Die Metallspitze klackt bei jedem Aufsetzen. Für Agathe klingt das gut.

Agathe überquert die Hauptstraße und geht dann auf der anderen Straßenseite zwischen alten, windschiefen Häusern hindurch bis hinunter zur Salz, dem winzig kleinen Bächlein im Ort Bad Soden. Der Ort ist auch winzig klein, zumindest der Altstadtbereich. In einer Viertelstunde hat man alles gesehen. Bad Soden erscheint nur größer durch die Ansiedlung der vielen Kurkliniken und der entsprechenden Infrastruktur. Agathe gewöhnte sich nur schwer an so wenig städtische Geschehen. Sie hatte bis zu Heinrichs Tod mit ihm 15 Jahre in Darmstadt gewohnt, einer gewachsenen lebendigen Kleinstadt, in der viele Vereine aktiv sind, es immer irgendein Fest gibt und die Fahrt nach Frankfurt kurz und schnell ist. Von der Reha-Klinik, in der Agathe wohnt, werden einmal im Monat Busfahrten nach Frankfurt angeboten. Manchmal nimmt sie an solch einer betreuten Fahrt teil, denn so wird sie sicher hin und wieder zurück kutschiert. Alleine mit der Bahn zu fahren fühlt sie sich meist zu unsicher.

Das Hörgeräte Geschäft liegt in zweiter Reihe zur Salz, ein kleiner Bach, der durch Bad Soden fließt. Sie wird dort schon erwartet. Als Agathe durch die Eingangstür geht, erklingt eine tiefe Glocke. Ein angenehmer Klang, findet Agathe. Schon kommt Herr Körner, der Akustiker, aus dem Hinterzimmer hervor. Als er Agathe sieht, erhellt sich wohlwollend sein Gesicht.

„Hallo Frau von Sierow. Wie schön, dass Sie wieder einmal kommen konnten. Ich habe schon alles vorbereit. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“ Herr Körner bewegt sich elegant um Agathe herum, nimmt ihren Mantel und hängt ihn an die Garderobe. Agathe nimmt ihre Kappe vom Kopf und legt sie zusammen mit Schal und Handschuhen in ihre Tasche.

„Bitte folgen Sie mir nach hinten. Dort können wir Ihr Anliegen besprechen.“

Herr Körner geleitet Agathe zuvorkommend in einen speziell eingerichteten Akustikraum mit „Eiersteigen“ und Lochkartons an Decke und Wänden, wie früher so mancher Partykeller, Agathe kichert in sich hinein. Außerdem sind da unzählige Kabel mit kleinen, bis winzig kleinen Steckern an vielen Wandhaken, zwei brusthohen mit Kabeln übersäten offenstehenden Schränken, einem Computer mit übergroßem Bildschirm auf einem Schreibtisch, mehreren für Agathe unbekannten technischen Geräten und Lautsprecherboxen in den Ecken. An den Wänden hängen große Informationstafeln für verschiedene Hörgeräte und Systeme. Vor dem Schreibtisch stehen bequeme Stühle, von denen Herr Körner einen für Agathe bereithält. Herr Körner umrundet den Schreibtisch und setzt sich Agathe gegenüber.

„So, Frau von Sierow. Wie kann ich Ihnen helfen? Sie sagten am Telefon, dass Sie mit ihren Geräten nicht mehr zufrieden sind. War das vorher anders?“

„Ja, noch vor ein paar Tagen konnte ich die Leute recht gut verstehen, aber jetzt ist alles irgendwie so dumpf. Ich verstehe auch Sie jetzt nicht wirklich gut.“ Agathe kraust sorgenvoll ihre Stirn.

„Ok, dann werde ich die Geräte jetzt erst einmal reinigen.“ Herr Körner steht auf und geht zu Agathe. Er beugt sich zu ihr hinunter „Darf ich kurz?“ und will gerade an Agathes rechtes Ohr greifen, als sie „Moment!“ ruft. Herr Körner zuckt zurück. „Warten Sie doch. Ich muss zuerst meine Brille abnehmen.“

Als Agathe ihre Brille in der Hand hält und „jetzt können Sie“ sagt, greift Herr Körner vorsichtig erst an ihr linkes und dann an ihr rechtes Ohr und entnimmt die Hörgeräte.

„Ich bin gleich wieder da. Es dauert aber einen kleinen Moment. Möchten Sie etwas zu trinken? Kaffee? Wasser?“ Herr Körner hat extra laut gesprochen.

„Nein, vielen Dank.“

Er verschwindet mit Agathes Hörgeräten in der Hand nach hinten. Agathe hört jetzt fast gar nichts mehr. Es ist still geworden. Sie schaut sich um und betrachtet staunend die Informationstafeln mit den vielen unterschiedlichen Hörgeräten: kleine und große Plastikschalen wie sie sie im Ohr trägt mit langen, dicken, runden oder schmalen Hörgeräten hinter dem Ohr und unauffällige, hautfarbene und für junge Leute farbenfrohe Im-Ohr-Geräte, die mal die gesamte Ohrmuschel ausfüllen oder fast unsichtbar in ihnen versteckt sind. Agathe selbst trägt sogenannte Hinter-dem-Ohr-Geräte, d.h. eine kleine passgenaue Plastikschale liegt fast unsichtbar in ihrem Ohr und ist mit einem Plastikschlauch mit dem Hörgerät, das hinter ihrem Ohr auf ihrem Brillenbügel liegt, verbunden.

Agathe erschrickt. Herr Körner war für Agathe unhörbar hereingekommen. Sie nahm nur neben sich eine Bewegung wahr. Er geht an ihr vorbei zur anderen Seite des Schreibtischs, und, wie es scheint, spricht er mit ihr.

„Was haben Sie gesagt?“

Herr Körner hält ihr die gereinigten Hörgeräte lächelnd hin. „Es ist gut, dass Sie gekommen sind. Die Öffnungen waren tatsächlich verstopft.“ Er hat wieder laut gesprochen.

„Gut, dann bin ich beruhigt.“

Herr Körner kommt wieder um den Schreibtisch herum, beugt sich zu Agathe hinunter und fragt: „Darf ich?“

Agathe nickt und Herr Körner setzt die Geräte in ihre Ohren ein. Wieder zurück am Schreibtisch sagt er:

„Ich sagte vorhin, gut, dass Sie gekommen sind. Die Geräte waren tatsächlich verstopft. Ich habe sie gereinigt und auch die Siebe ausgetauscht. Hören Sie mich jetzt besser?“ Er schaut freundlich zu Agathe. „Oder sollen wir die Einstellung der Geräte noch mal überprüfen?“

Agathe konzentriert sich auf seine Worte und strahlt dann.

„Nein, nicht nötig. Ich kann sie jetzt gut verstehen. Sogar das Brummen der Geräte hier kann ich jetzt hören.“

„Das freut mich sehr. Vielleicht kommen Sie jetzt einfach öfter mal ins Geschäft zum Reinigen der Geräte. Vielleicht alle zwei Wochen? Sie wissen doch, das ist ein Service und gehört zum Kaufpreis.“ Herr Körner zwinkert. „Ich würde Ihnen ja auch Siebe zum Wechseln mitgeben, aber ich glaube, die können Sie mit ihren Augen nicht so gut sehen, oder?“ Herr Körner hält ihr ein Mini Sieb hin.

„Nicht wirklich.“ Sagt Agathe stirnrunzelnd. „Mit der Lesebrille geht es zwar einigermaßen, aber ich werde das doch besser Sie machen lassen.“ Sie nickt sich und Herrn Körner zu. „Aber Batterien brauche ich noch.“

Agathe erhebt sich und folgt Herrn Körner nach vorne ins Geschäft. Dort stehen zwei weitere Kunden an der Verkaufstheke, die Herr Körner freundlich begrüßt. Agathe hatte die Türglocke gar nicht gehört, obwohl die doch so laut ist. Wahrscheinlich waren sie gekommen, als ihre Hörgeräte gereinigt wurden und Agathe nichts hören konnte.

Herr Körner hält ihr ein Päckchen Batterien hin, und Agathe bezahlt den ausgewiesenen Betrag. Er hilft ihr noch in den Mantel und wünscht ihr alles Gute für den Tag. Agathe setzt sich die Kappe auf, schlingt den Schal um den Hals, knöpft den Mantel zu, zieht sich die Handschuhe an und nimmt ihre Tasche. So warm eingepackt macht sie sich auf den Rückweg.

V

Als Agathe in ihrem Zimmer ankommt, ist sie ganz außer Atem. Der Weg hat sie heute angestrengt. Sie hat versucht unterwegs das unangenehme Ziehen im Körper zu ignorieren und sich nur auf die Schritte konzentriert. So konnte sie ihre Erschöpfung ausblenden. Sie nimmt die Kappe ab, zieht sich die Handschuhe aus, hängt den Mantel zurück in den Schrank, stellt die Stiefeletten auf die Matte am Eingang und ihre Tasche auf den Schreibtisch. Gegenüber der Garderobe steht eine Anrichte auf der sie einen Wasserkocher und verschiedene Teebeutel stehen hat. Sie schaltet den Wasserkocher ein, nimmt ihren Lieblingsbecher mit den roten und orangenen Herzen darauf und hängt einen Ingwer-Zitronen-Teebeutel hinein.

Während das Wasser noch etwas Zeit zum Kochen braucht, versucht sie ihren kuscheligen Ohrensessel etwas mehr zum Fenster zu drehen, was ihr nicht wirklich gelingt. Sie rückt die passende Fußbank davor, holt die warme weiße Wolldecke vom Bett und schiebt das kleine hölzerne Beistelltischchen mit den Elefantenrüsseln aus Indien dazu. Agathe gießt das heiße Wasser in den Teebecher, nimmt ihn zusammen mit einem Tellerchen für den Teebeutel und ein paar Keksen und stellt alles auf das Tischchen. Hat sie jetzt alles? Sie schaut sich um. Ach, da sind ja die Wollsocken. Sie zieht sie sich über die Füße und setzt sich endlich in den Sessel. Sie sinkt tief ein und spürt erst jetzt die bleierne Müdigkeit. Gerade noch schafft sie es ihre Füße auf die Fußbank zu legen und die Decke um sich herum festzudrücken, da fallen ihr auch schon die Augen zu und sie schläft ein.

Agathe träumt.

Sie sitzt neben Heinrich auf der weichen und tiefen Couch. Er legt seinen Arm um sie und sie schmiegt sich an seine rechte Schulter. Es ist so gemütlich hier an seiner Seite in ihrer Hexenvilla, wie sie das Haus nennt.

Sie liebt dieses Haus, dass sie gemeinsam umgebaut und eingerichtet haben und sie mit ihrer Liebe zusätzlich verhext hat. Jeder Raum auf jeder der drei Etagen wird von ihnen genutzt. Gerade erst war Heinrich aus seinem Büro im ausgebauten Souterrain hochgekommen, zufrieden lächelnd, weil er die „Banksachen“ zufriedenstellend erledigen konnte, wie er sagte. Sie selbst hatte stattdessen einen Schokoladenkuchen gebacken, den Heinrich so sehr liebt, den es später zum Nachmittagskaffee geben soll.

Doch jetzt sitzen sie erst einmal gemütlich beisammen und genießen ihre gemeinsame Nähe und spüren die Wärme des anderen. Agathe hört wie so oft auf ihren und Heinrichs Atemrhythmus. Wie selbstverständlich passt sich ihr Atemrhythmus dem seinen an. Das war schon immer so und ist ihr so vertraut.

Heinrich atmet jetzt lauter und schwerer als sonst, irgendwie ungut. Sie bekommt starkes Herzklopfen und öffnet ihre Augen. Irgendetwas ist anders, als sonst. Sorgenvoll schaut sie ihn an. Plötzlich greift sich Heinrich mit seiner rechten Hand auf den Brustkorb. Auch er öffnet seine zuvor noch geschlossenen Augen, sieht Agathe mit großen, ungläubigen Augen an, beißt die Zähne zusammen, verkrampft sich und fällt gegen sie.

In diesem Moment wacht Agathe mit starkem Herzklopfen auf. Immer wieder hat sie diesen Traum. Sie weiß genau wie es danach weiter gegangen ist, spürt noch immer ihre hilflose Fassungslosigkeit, ihr minutenlanges Starrsein, flach atmend ohne Heinrichs Atem, wie sie sich anschließend nur schwer unter Heinrich, der auf sie gefallen war, hervorschieben und von der Couch hochdrücken konnte, um den Rettungsdienst zu rufen. Die kamen zu spät.

Alles Weitere hat sie wie in Trance erlebt. Der Arzt diagnostizierte Herzinfarkt. Trauerfeier mit Tamtam, Abschiednehmen von den Freunden und dem Zuhause. Mit Heinrich hat sie alles verloren, was ihr noch wichtig war. Nun muss sie alleine weiteratmen. Sie lebt von Tag zu Tag, von Moment zu Moment. Sie seufzt tief und lange. Nichts da, es wird Zeit fürs Mittagessen. Agathe erhebt sich mühsam und streckt ihre schmerzenden Glieder. Der Tee ist ungetrunken kalt geworden. Sie nimmt den Becher und schüttet ihn im Bad aus.

Noch etwas benommen und mit dem Gefühl des Verlustes, nimmt sie ihren Gehstock und macht sich auf den Weg nach unten. Vor dem Speisesaal bleibt Agathe stehen und studiert den Speiseplan. Heute soll es Gemüsesuppe als Vorspeise, gebackenen Fisch mit Reis und Senfsoße als Hauptspeise, dazu Salat und Eis zum Nachtisch geben. So richtig hungrig ist sie nicht, aber die Speisezusammenstellung mag sie eigentlich. Sie geht hinein und lässt sich das Menü zusammenstellen und von Nadeshda, die ihr wieder behilflich sein will, an den Tisch tragen.

Der Speiseplan ändert sich wöchentlich und wiederholt sich alle vier Wochen. Das liegt daran, dass die Patienten selten länger als vier Wochen bleiben. Vor einiger Zeit hat sie zufällig gehört, wie sich zwei Stakser darüber unterhielten, dass die gesetzlichen Krankenkassen entschieden haben, nur noch zwei Wochen Reha finanzieren zu wollen, und nur in Ausnahme auf Verordnung des Arztes hin, eine Woche verlängern werden. Bisher waren es noch drei Wochen mit ein bis zwei Wochen Verlängerung, wenn der Arzt das empfiehlt. Überall wird gekürzt, schrecklich, Agathe schüttelt den Kopf. Hoffentlich wiederholt sich der Speiseplan jetzt nicht alle drei Wochen. Mit den Jahren ist ihr der Speiseplan langweilig geworden. Das mag Agathe nun gar nicht.

Zum Glück bekommt sie öfter Besuch von ihren Freunden aus Frankfurt. Rita und Thomas Gant sind beide auch schon weit über 80, aber noch sehr rüstig und meist guter Dinge. Sie verbinden ihre Wandertouren in die Rhön mit einem anschließenden Besuch bei ihr. Agathe ist mit ihnen schon lange befreundet. Sie waren viele Jahre Nachbarn von ihr und Heinrich in Darmstadt, bis sie vor etwa zehn Jahren nach Frankfurt zogen. Sie haben sie nach Heinrichs Tod sehr unterstützt. Manchmal geht sie mit ihnen während ihrer Besuche spazieren, wenn die Glieder es zulassen. Anschließend gehen sie zum Essen in ein Restaurant in Salmünster, meist zum Griechen. Dort sind sie schon bekannt und werden mittlerweile auch vom Chef herzlich begrüßt. Agathe studiert dann ausführlich die Speisenkarte und lässt sich vom Kellner über das aktuelle Angebot informieren. Sie wählt jedes Mal etwas anderes aus, und dazu immer den passenden Wein. Ein Gläschen genügt und bekommt ihr. Der regelmäßige Besuch der Freunde tut Agathe gut.

Da fällt ihr wieder ein, dass ihr Bruder Greg, der vor drei Wochen, im Januar, seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, ihr letztens am Telefon versprochen hat, im August nach Deutschland zu kommen. Sie hat ihn schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, und nur miteinander telefoniert. Sie freut sich schon auf ihn und ihre Nichte Jane, die mitkommen will. Dann will Agathe mit ihnen groß ausgehen, seinen Geburtstag und ihren Geburtstag im Juli nachfeiern. Vielleicht sollte sie für alle einen Tisch im Bergschlösschen in Gelnhausen reservieren. Sie bieten dort klassische italienische Gerichte an, hat Thomas in einer Gourmet-Zeitung gelesen, wie er beim letzten Besuch erzählte. Von dort soll man einen wunderbaren Panoramablick übers Tal haben. Dort waren sie bisher noch nicht gewesen. Vielleicht sollten sie doch vorher einmal zum Probeessen hingehen. Sie will es Regina und Thomas vorschlagen, wenn sie demnächst wiederkommen.

Agathes Gedanken haben sie schon wieder weit fortgetragen, so dass sie ihr Mittagessen gar nicht richtig wahrgenommen hat. Es muss wohl gut gewesen sein, denn sie fühlt sich zufrieden.

VI

Die Zeit bis zur Verabredung mit der Dame um halb vier verbringt Agathe lesend in ihrem Sessel. Sie liest gerade „Die Erfindung des Lebens“ von Hans-Josef Ortheil, eine Empfehlung der Buchhändlerin im Ort, und ist erfüllt von der ungewöhnlichen Geschichte eines Kindes, das von seiner verstummten Mutter völlig vereinnahmt und isoliert wurde, selbst verstummte, symbiotisch mit ihr lebte und dadurch lebensuntüchtig wurde. Nur mühsam konnte der Junge mit Kräften und Einflüssen von außen und der kreativen Hilfe seines Vaters seine Stimme wiederfinden und sich weiterentwickeln, zumal er so gar keinen Wunsch nach Veränderung verspürte.