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Wenn der Vorhang fällt, beginnt das Spiel um Leben und Tod Der Oktober in Landau ist düster und grau, die feuchte Luft voll fallender Blätter. Ares Rot hat sich in der Stadt als Privatdetektiv selbstständig gemacht. Als Frida, die Betreiberin einer Bar im Theater »Kulturhaus«, ihn bittet, den Tod ihrer besten Freundin aufzuklären, muss er sich unversehens mit einem echten Mordfall befassen. Als wäre das nicht schon genug, wird kurz darauf der stellvertretende Bürgermeister bei der Premiere eines Sherlock-Holmes-Stücks vor aller Augen ermordet – und Ares findet sich im Zentrum einer doppelten Mordermittlung wieder. Je tiefer er in die Welt des Theaters eintaucht, desto unklarer wird, was inszeniert ist, und was tödlicher Ernst. Inmitten von Bühnenlicht und Pressewirbel erkennt Ares zu spät, dass er einen unsichtbaren Gegenspieler hat – einen brillanten Manipulator ohne Skrupel. Zwischen Requisiten, Masken und Intrigen wird die Wahrheit zum Teil eines perfiden Spiels.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Tim Nicolas Zwick
Rot wie Nebel
Vom Autor bisher bei KBV erschienen:
Rot wie Schnee
Tim Nicolas Zwick, geb. 1987 in Dahn in der Pfalz, ist Schriftsteller, Gesundheitsmanager, systemischer Coach und Theaterspieler. Nach seinem Pädagogik-Diplom an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz lebt und arbeitet er jetzt in Mannheim. Neben dem Theater und den Krimis sind Brettspiele seine geheime Leidenschaft. Mit Rot wie Schnee erschien 2024 sein Erstlingswerk – der Auftakt einer Reihe um seinen ungewöhnlichen Ermittler Ares Rot.
Tim Nicolas Zwick
Krimi aus der Pfalz
Originalausgabe
© 2025 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH
Am Markt 7 · DE-54576 Hillesheim · Tel. +49 65 93 - 998 96-0
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Umschlaggestaltung: Ralf Kramp
Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-95441-741-4 (Taschenbuch)
ISBN 978-3-95441-752-0 (eBook)
Prolog
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Epilog
Ende
Für Marie-Claire,die mir Flügel gab,als ich nicht mehr laufen konnte.
Der rote Vorhang (fällt)
Und im Lichtspielhaus gehen die Lichter aus
Und ich sehe mir noch einmal alles an
Doch im Lichtspielhaus bleibt der Beifall aus
Und ich frage mich, was habe ich getan?
(Liedtext »Der rote Vorhang« – Stoneman)
Langsam rollte die Träne über ihre Wange, blieb kurz in dem kleinen Wangengrübchen hängen und rollte dann über den Hals in die offenen blonden Haare, welche das Gesicht umrahmten. Es würde die vorletzte ihres Lebens werden. Zusammen mit der Blässe ihrer Haut sah sie aus wie ein Engel. Ein Engel, dem Leid und Trauer in das Gesicht gemeißelt worden waren. Mit der linken Hand band sie geübt ihre Haare nach oben. Es war heiß in der kleinen Kammer, die Tageshitze war in den Steinen gespeichert, und diese gaben sie beharrlich und konstant ab. Nur leicht sorgte ein gekipptes Fenster für Kühlung. Es waren Herbsttage, die letzten Reste eines warmen Sommers hatten sich in Steinen und Erinnerungen gespeichert. Lange würde es nicht mehr dauern, die nächsten Tage sollte es spürbar kälter werden, der Nebel lag morgens schon auf den Wiesen und Parkanlagen. Sie bewegte den Kopf, und die Schweißtropfen sammelten sich an ihrem Haaransatz. Durch das Hochbinden der Haare spürte sie den Luftzug an ihrem Hals, und sofort stellten sich die kleinen Haare am Hals der jungen Frau auf. Ihr verschwommener Blick aus dunkelgrünen Augen konzentrierte sich wieder auf den hölzernen, leicht wackeligen Tisch direkt vor ihr. Insbesondere das Messer zog ihren Blick wie magisch an. Aber wie ein blinder Fleck zog sie eine Stelle des Tisches noch mehr an. Samt dem Gegenstand, der dort nicht mehr lag.
Erstaunlich. Es fehlt mir beinah.
Ihre Gedanken drifteten kurz ab, während ihre Hände fast mechanisch die Gegenstände vor ihr zum letzten Mal sortierten. Das scharfe Messer, das Gedicht, ihr Handy mit den gelöschten Kurznachrichten.
Der Gegenstand, der so schnell zum wichtigsten in ihrem Leben geworden war, fehlte. Diese kleine, dunkelrote Dose, die sie über die letzten Monate immer mehr begleitet und die zu alldem geführt hatte. Sie überlegte kurz und hörte in sich, ob sie wütend war.
Auf wen? Auf das Schicksal?
Ein leichtes Kopfschütteln begleitete den Gedanken, dann ein Schulterzucken. Sie war so voll mit Emotionen, es war kein Platz für weitere. Wut war da, aber nicht auf die Dose samt des Inhalts. Sie hatte die kleine Dose in die Queich geworfen, als sie vor etwas mehr als einer Stunde Abschied von ihrer Stadt genommen hatte. Abschied von Landau, Abschied von der Queich, ihrem Lieblingsflüsslein, Abschied von ihrem Lieblingsplatz und dem Raben, der dort oft mit ihr saß.
Der eine Baumstamm unter den Weiden, der große Stein hinter mir mit Blick auf meine Queich. Das Lachen der Menschen von der Fußgängerzone im Hintergrund.
Dort hatte sie Abschied genommen. Wie so oft saß sie mit dem Rücken an diesen Baumstamm gelehnt, verdeckt von Weiden und der hohen Uferpromenade, ungesehen von den Menschen, die durch die Kneipen zogen, lachten oder in ihre Handys brüllten. Ungesehen nahm dort ein blonder Engel Abschied. Abschied vom Leben.
Langsam nahm ihre Hand das Messer und hob es ruhig auf Augenhöhe. Sie saß auf dem alten, dunkelbraunen Holzstuhl vor dem Tisch, der Weg war nicht weit.
Sollte die Hand nicht zittern?
In all den Geschichten, die sie gelesen hatte, zitterten die Menschen immer, wenn sie sich selbst umbrachten. Sie waren in Panik, konnten die Hände nicht ruhig halten und sprangen lieber von Brücken, damit es nicht ihre Hände waren, die es schlussendlich vollbrachten. Aber das waren nur Geschichten.
Dies ist keine Geschichte.
Mit der linken Hand fuhr sie prüfend und tastend über die Haut unter dem linken Schlüsselbein und zählte die Rippen. Zwischen der fünften und der sechsten Rippe war der perfekte Platz für das Messer. Das hatte er gesagt. Das Messer würde die größere Herzkammer treffen und ein Loch hineinbohren. Das Herz würde all das Blut, welches es wie eine perfekte Maschine tagtäglich durch den Körper pumpte, in den Bauchraum verlieren. Das Blut würde nicht mehr fließen, innerhalb kurzer Zeit würden die wichtigsten Organe nicht mehr versorgt.
Einschlafen in unter zwanzig Sekunden.
So hatte er es genannt. In den langen, schattengeplagten Nächten hatte sie mit ihm darüber geredet.
Einschlafen in unter zwanzig Sekunden.
So schnell war sie noch nie eingeschlafen, gerade die letzten Wochen waren durch Herumwälzen und Schlafstörungen geprägt gewesen.
Sollten jetzt nicht Bilder meines Lebens an mir vorbeiziehen? Ein Licht erscheinen? Alles hell werden? Gegenstände eine weißgelbe Aura bekommen? Ich die großen und kleinen verpassten Chancen bedauern?
Kein Licht erschien, ihr Kopf war leer. Vielleicht stimmten die Berichte auch nicht, die sie gelesen hatte. Noch einmal zählte sie die Rippen nach, um sicher zu sein. Da war die fünfte. Sie schloss die Augen und setzte das Messer an, die Spitze durchdrang schon nach einem leichten Druck den dünnen schwarzen Pullover und ritzte in die Haut. Es war ein großer Schritt, ein schwerer. Unsicherheit durchflutete ihren Körper.
Die Klinge steckte.
Mein Peiniger wird bezahlen. Welt, räche mich.
Das Herz war getroffen. Der Stift fiel vom Tisch. Langsam rollte ihre letzte Träne über die Wange, während sie nach hinten sank und starb.
29.10.
UNBEKANNT
Der Mann stand mit weit geöffnetem Mund und hochgezogenen Augenbrauen vor dem Spiegel, seine rechte Hand zitterte leicht. Er spannte seine Fingermuskeln noch etwas mehr an und hob den Kajalstift wieder an sein Auge.
Konzentriert zog er die schwarze Linie am unteren Augenlid entlang.
»Vielleicht muss es das nächste Mal doch Sabine machen.« Er murmelte leise, sein Flüstern prallte von den schiefen Wänden ab.
Fertig. Er blickte mit seinen unergründlichen Augen in den Spiegel.
»Wer sagte noch mal, dass die Augen der Spiegel zur Seele seien? Ich hoffe, derjenige hat unrecht. Das könnte mich verraten.«
Ansonsten würde ihn nicht viel verraten, da war er sich sicher. Alles war perfekt geplant, über Monate vorbereitet und inszeniert, geprobt, angepasst und immer wieder verbessert. Jeder Unternehmensberater wäre stolz auf ihn. Er hatte seinen Prozess immer wieder selbst reflektiert, analysiert, adaptiert und wieder reflektiert.
Und heute Abend war der große Abend. Mit der Hand zupfte er sich die letzten Haarsträhnen zurecht, sie sollten ihm nicht ins Gesicht hängen, das würde unschöne Schatten werfen. Auch hier zitterte seine Hand leicht.
»Es ist alles perfekt vorbereitet, ich habe an alle Eventualitäten gedacht. An alle gedacht! An alle gedacht?«
Um seinen Gedankenkreislauf zu durchbrechen, warf er einen Blick aus dem Fenster. Das kleine Kabuff, in dem er sich befand, war knapp unterhalb der Grasnarbe, ein kleines, schmutziges Fenster ließ nur wenig von der Außenwelt erahnen. Er streckte sich etwas und öffnete es. Wie als ob er darauf gewartet hätte, kroch weißgelblicher Nebel herein, der sich in der letzten Nacht auf der Rasenfläche gesammelt hatte und von der schwachen Oktobersonne tagsüber nicht vertrieben worden war. Sanft, wie an Spinnenfäden gezogen, fand er seinen Weg über das verkratzte hölzerne Fensterbrett und waberte langsam in das schiefe Räumchen hinein. Das kleine Zimmer hatte keinen einzigen rechten Winkel, alle vier Ecken waren krumm. Direkt hinter ihm stand ein wackeliger Kleiderständer mit seiner Alltagskleidung darauf. Ein paar Schuhe lagen in der Ecke, die Armatur mit dem großen, runden Spiegel war voller Farben, Feuchttücher, Haarsprays und Klammern. Eine einzelne Glühbirne versuchte, die Dunkelheit des Oktobers zu vertreiben und den Raum zu erhellen. Ohne die kleinen LEDs am Spiegelrand wäre das Schminken unmöglich geworden. Die Düsternis des Herbstes hatte die Stadt, die Menschen und alle Räume des Kulturzentrums im Griff. Die weiße Farbe an den Wänden blätterte an verschiedenen Stellen ab; mehrere durchweg recht originelle Schriftzüge von offenkundig verschiedenen Autoren zierten das Mauerwerk. Einer seiner liebsten Sprüche befand sich direkt oberhalb des großen Spiegels, vor dem er sich gerade fertig schminkte und frisierte. In einer geschwungenen Handschrift hatte dort jemand mit einem dicken grünen Filzstift geschrieben: Allerdings muss zugegeben werden, dass wir das Stück unter besonders ungünstigen Umständen gesehen haben. Der Vorhang war offen.
So, fertig.
Das Bild eines roten, wallenden Vorhangs schob sich in seine Gedanken. Schwer fiel er, leicht wehte der Wind, versuchte, den samtenen Stoff beiseitezuschieben und die Geheimnisse zu öffnen, die dahinter lagen. Mit einem Kopfschütteln drückte er es weg.
Nicht jetzt.
Die Regisseurin Annette steckte, ohne anzuklopfen, ihren wild verwuschelten Kopf ins Zimmer. Ihre heisere, aber gewaltige Stimme war viel zu viel für dieses kleine Zimmer.
»In fünf Minuten letztes Warm-up, Sekt gibt's im Kühlschrank, dann letztes Zusammenkommen, Bühne ablaufen, dann geht's los. Und warum zum Henker schminkt dich Sabine nicht? Wenn du Schatten auf dem Gesicht hast, spinnt Steph wieder und dreht wild am Licht herum.« Sie ließ den Türrahmen los und klatschte wild in die Hände. »Chop Chop. Das wird ein unglaublicher Abend. Wir werden sie von den Sitzen reißen. Ich erwarte eine komplette Seite drei im Landauer Morgen.«
Damit war sie wieder weg und die Tür leicht zitternd wieder zugefallen.
Wie recht sie doch hatte. Und wie unrecht gleichzeitig.
»Ja, wir werden sie von den Sitzen reißen. Aber das, was passieren wird, wird eher was für die Seite eins sein. Das wird eine Schlagzeile, wie sie Landau lange nicht gesehen hat. Davon werden die Leute noch ihren Kindern erzählen.«
Er blickte auf den hereinwabernden Nebel.
»Zumindest die, die es überleben.«
Er spürte eine innere Erregung, die er trotz der absoluten Sicherheit einer makellosen Vorplanung nicht abstreifen konnte. Nicht verwunderlich, er spielte ein Spiel im Spiel, ein Rätsel versteckt in einem Rätsel. Und ganz nebenbei würde er gleich auf einer Theaterbühne stehen und eine Premierenvorstellung geben.
»Sherlock Holmes wäre stolz auf mich. Wobei, wohl eher Moriarty.«
Über sich hörte er das Getrappel von Füßen und das unverwechselbare Klacken von High Heels auf einem Holzboden. Den ersten Gästen war Einlass gewährt worden. Sie würden sich noch etwas zu trinken holen, die Flyer und das Programm lesen, sich in Gruppen zusammenstellen, um nicht einsam zu wirken, und sich dann langsam ihre Plätze suchen. Er kannte den Ablauf, war oft Teil desselben gewesen. Auf beiden Seiten des Vorhangs.
Er warf einen letzten Blick in den Spiegel. Sein Kostüm saß wie angegossen, die Haare fielen, wie sie sollten, und die etwas dunklere Schminke hatte den gewünschten Effekt. Kalte Luft streifte seine Hand, er unterdrückte den Reflex, das Fenster wieder zu schließen. Kälte war gut, sie schärfte die Sinne und den Verstand.
Das Getrappel über ihm wurde lauter, immer mehr Gäste strömten in das Gebäude.
»Wie ein summender Bienenschwarm. Ob mein besonderer Gast schon da ist? Oder kommt er zu spät, wie üblich?«
Mit einem letzten Blick in den Spiegel verließ er sein Ebenbild und wandte sich zum Gehen. Sein Blick fiel auf einen Spruch neben der Tür, von Oscar Wilde, wie er wusste: »Das Stück war ein großer Erfolg, nur das Publikum ist durchgefallen.«
Einer wird heute Abend sicher durchfallen. Setzen, sechs, sagt der Lehrer. Du hast nicht überlebt, Ziel des Lebens verfehlt. Setzen, sechs.
Mit einem unterdrückten Lächeln verließ er seinen kleinen Umkleideraum und öffnete die Tür.
SÖREN
Schnell ließ Sören das Handy in seine Hosentasche gleiten, als seine Frau das Ankleidezimmer betrat. Das Smartphone durchstach die perfekte Bügelfalte der Anzughose. Ihre hochgezogenen Augenbrauen zeigten ihm ihre Irritation.
»Alles in Ordnung, Schatz?«
Da war er wieder. Dieser Unterton.
Warum immer wieder dieser Unterton?
»Jaja«, murmelte er, während er sein offen stehendes Hemd zuknöpfte. Langsam ließ seine Frau einen Blick über ihn schweifen, bevor sie sich herumdrehte und den kleinen Ankleideraum mit dem schönen hohen Fenster verlassen wollte. An der Tür blieb sie jedoch stehen.
Der Stoff ihres Kleides raschelte sanft. Sie sah umwerfend aus. Das hochgeschlossene grüne Kleid betonte ihre schmale Figur und lief sanft bei den Knöcheln aus, die von schwarzen Stiefeletten riemig umschlossen wurden. Ihre langen braunen Haare fielen geföhnt-wellig über die Schultern. Das Kleid war asymmetrisch geschnitten, ließ eine Schulter frei. Sie sprach weiter, ohne sich umzudrehen. »Darf ich wenigstens ihren Namen erfahren?«
Er war sich nicht sicher, ob es Traurigkeit oder einfach nur Kälte in ihrer Stimme war.
»Wie oft denn noch?« Seine Stimme klang genervt, als er die letzten Knöpfe des weißen Hemdes schloss. Leicht drückte er dabei sein Kinn nach vorne. Der große Spiegel in der Tür des Kleiderschrankes verriet ihm, dass das Hemd um die Bauchgegend mehr spannte als noch vor einigen Monaten.
»Es gibt keine andere, Liebling. In meinem Herzen ist nur Platz für eine Frau.«
Das ist die Wahrheit.
Er atmete aus, zog den Bauch ein und zog den Gürtel ein Loch enger.
»Das habe ich dir schon so oft gesagt, das muss jetzt auch mal reichen. Und pack bitte die Theaterkarten noch in deine Handtasche, ich will die nicht zerknittern. Wahrscheinlich ist die Presse da, da wirken zerknitterte Eintrittskarten unprofessionell.«
Während er weiterredete, hatte er die Krawatte, die die ganze Zeit über seiner Schulter gelegen hatte, um den Hals geschwungen und knotete gekonnt den Windsor-Knoten.
»Wir haben unsere Stammplätze oben in der Loge, und das Stück könnte dir gefallen. Sie spielen irgendwas mit Sherlock Holmes, ich weiß doch, wie gerne du diese alten Krimis magst. Eine nostalgische Reise, so was reizt dich doch. Nach der Veranstaltung gibt es noch eine kleine Gesprächsrunde mit dem Intendanten, der Regisseurin und ein paar Presseheinis, dort sollten wir noch danebenstehen und gut aussehen. Ich will morgen ein schönes Bild von mir in der Zeitung. Warum stehst du denn immer noch hier?«
Mit diesem Satz drehte er sich zu ihr um und sah sie an.
Was?
»Warum weinst du denn, Liebling?«
»Ich komme nicht mit. Ich kann das nicht mehr. Für dich lächeln, während du hinter meinem Rücken eine andere hast.«
Die Worte kamen immer schneller und schneller aus ihr heraus. »Du bist nur noch bei mir, weil du dir politisch keine Scheidung leisten kannst. Aber ich kann das nicht mehr, Sören. Vielleicht musst du ohne mich Bürgermeister werden!«
Mit diesem Satz rannte sie tränenüberströmt in das Schlafzimmer gegenüber. Das harte Knallen der Tür konnte Sören sehr gut deuten.
»VERDAMMT NOCH MAL, ICH HABE KEINE ANDERE! WIE OFT DENN NOCH?! HERRGOTT NOCH MAL!«
Es kam keine Reaktion.
Verdammt. Wie sieht das aus, wenn ich alleine auftauche? Die Klatschpresse stürzt sich doch auf so was.
»ICH SAG, DU HAST MIGRÄNE, WENN JEMAND FRAGT.«
Keine Reaktion. Die Schlafzimmertür blieb stumm.
Na ja, wird schon passen.
Missmutig schlüpfte Sören in seine Schuhe, zog sein Jackett und einen Herbstmantel an und steckte eine Theaterkarte, vorsichtig, in die Innentasche. Sein Gesicht entspannte sich erst, als er die Haustür hinter sich zuzog und sein Handy aus der Hosentasche angelte. Geschickt gab er den sechsstelligen Code ein, der den Bildschirm entsperrte, und ging sofort auf einen verschlüsselten und sicheren Messenger. Mit einem Klick öffnete er ein Chatfenster, und ein Lächeln umspielte sein Gesicht, als er sah, dass er ein Bild gesendet bekommen hatte. Ein sehr aufreizendes Nacktbild. Insbesondere das große Gemächt war gut in Szene gesetzt, Sören blickte auf dem Weg zum Auto kurz nach links und rechts, bevor er alle Details des Bildes schwer atmend in sich aufsog. Brian wusste aber auch sehr genau, was Sören sehen wollte.
Seit knapp fünf Monaten war Brian, angeblich ein Austauschstudent aus Tunesien, seine heimliche Affäre. Er hieß nicht wirklich Brian, aber das war Sören egal. Er kam wahrscheinlich auch nicht aus Tunesien, aber auch das war Sören egal. Seine Frau hatte natürlich die Veränderung an ihm bemerkt. Aber er konnte es ihr nicht sagen. Nicht das.
»Du, Liebling, ich bin übrigens schwul.«
Nein. Nein. Das würde niemals passieren. Niemals.
Und wenn er dafür noch hundertmal alleine ins Theater gehen musste.
Landau wird seinen ersten schwulen Bürgermeister bekommen. Nur dass niemals jemand erfahren wird, dass er schwul ist.
Langsam verließ sein Auto die Auffahrt, er hatte sein Ziel in das Navi eingegeben. Obwohl er hier seit seiner Geburt lebte, hatte er immer noch das Gefühl, seinen Orientierungssinn an der Haustür abzugeben.
Sören blickte kurz auf das Gerät. Der Weg war nicht weit, sein Ziel klar. Das Kulturhaus.
ARES
Ich liebe es, wenn es so richtig Herbst wird. Menschen, die eine warme Tasse Tee mit den Händen umspielen, melancholische Blicke aus dem Fenster werfen, bevor sie noch einen Holzscheit in den brennenden Kamin werfen und ihre wollbedeckten Arme um sich rekeln.
Mit einem lauten »Uähh« zog Ares seinen Fuß aus einer braunen Wasserpfütze. Kurz darauf spürte er schon die Nässe, die begann, seinen mit weihnachtlichen Motiven versehenen Socken von unten zu durchdringen und sich, gemäß der Physik, hochzuarbeiten. In seinen Gedanken flogen die schönen Worte verschiedener Schriftsteller hin und her. So viele hatten über den Herbst geschrieben und so wenige seine Essenz erfasst. Er war traurig, braun und nie so, wie er in den Büchern dargestellt wurde.
Humpelnd bog Ares um die letzte Straßenecke vor seiner Wohnung, als er überrascht aufblickte. Etwas war anders. Er braucht einen Moment, um sich zu orientieren, während sein Gehirn das Vorher-nachher-Bild auf den Fehler untersuchte.
Aber was ist es?
Er blickte über die durchgehend hell erleuchtete Fassade des Hauses, in dem er kürzlich eine Wohnung zur Miete bezogen hatte. Hinter manchen der Fenster waren Menschen zu sehen.
»Es ist Zeit zum Abendessen, die meisten werden zu Hause sein. Kein Wunder, es sieht nach Regen aus.«
Ares bemerkte etwas.
Die Straßenlaterne direkt vor seinem Haus war unbeleuchtet, der Hausflur lag im Dunkeln. Langsam ging Ares darauf zu, sein langer wolfsgrauer Mantel wehte im stärker werdenden Herbstwind. Er war nach den Ereignissen in Ludwigswinkel im letzten Jahr umgezogen, hatte eine kleine Praxis als Privatdetektiv in der Fußgängerzone eröffnet, eine kleine Wohnung zur Miete in diesem alten mehrstöckigen Gründerzeithaus gefunden. Die Wohnung lag etwas außerhalb, war damit für ihn bezahlbar. Auch wenn es für sein Konto sicherlich gut wäre, wenn auch die nächsten Aufträge gut bezahlt würden. Die mit Stuck und kleinen Balkonen verzierte Fassade ließ ihn immer wieder lächeln, wenn er nach Hause kam. Landau war an vielen Stellen eine verspielte kleine Stadt. Ares hatte oft das Gefühl, dass sie sich selbst nicht so ernst nahm. Das war ihm schon immer sehr sympathisch gewesen. Er kam nach Hause.
»Nach Hause.«
Es fühlte sich immer noch merkwürdig an. So viel war passiert, sein Aufstieg und Fall als Therapeut, die Geschichte mit Merlin, die dunkle Übergangszeit auf der Suche nach Sinn und einer Zukunft und jetzt sein Mut, sich als Privatdetektiv zu versuchen.
Überraschenderweise von Anfang an mit Erfolg. Er hatte einen Gründerworkshop besucht, die Meinung der Coaches war eindeutig. »Schwieriges Business, schwer reinzukommen, die ersten ein, zwei Jahre nur Netzwerkaufbau, wenig Verdienstmöglichkeiten ohne gute Mundpropaganda, das wird dauern, das wird dauern, das wird sehr lange dauern.«
Sie hatten nicht recht behalten. Er hatte in Zeitungs- und Internetwerbung investiert, sich eine Webseite basteln lassen und hatte schon in der zweiten Woche einen großen Auftrag in der Tasche. Mit Erfolg machte er heimlich Bilder von einem Drogensüchtigen – beauftragt von einer gewissen Elena, ohne Nachnamen. Ein spannender Fall, Elena, die Schwester, wollte ihren Bruder des Drogenkonsums überführen. Es hatte geklappt, und er hatte sein erstes Geld in der Tasche.
»Welches ich wohl langsam mal in neue Schuhe investieren sollte.«
Wasser schwappte in seinem rechten Schuh. Das war sein starkes Bein. Das linke zog Ares nach, er humpelte seit seiner Geburt, laut seinem Vater war es angeboren. Wegen der defekten Laterne vor der Haustür unsicher, stocherte er im Schlüsselloch und schaffte es schließlich, die mit zwei dreieckigen kleinen Glasfenstern verzierte Haustür aufzuschließen. Auf Dauer würden die Muskeln in seiner Hand das Schloss perfekt kennen und das Aufschließen geschmeidiger machen.
Erst als er vor seiner Wohnungstür stand und der Lichtspalt seine Schuhe anfiel, bemerkte er seinen Fehler. Sein Gefühl hatte nicht auf die Straßenlampe reagiert, sondern auf die komplett hell erleuchtete Fassade.
»Warum ist in meiner Wohnung Licht?«
Er war sich sicher, es ausgeschaltet zu haben, als er das Haus verlassen hatte. Ares hatte seine Fehler, aber Energieverschwendung und Licht anlassen gehörten nicht dazu. Mit dem Ohr an der Holztür lauschte er in seine Wohnung hinein.
Da war ein Geräusch.
Schritte. Eine Person lief in seiner Wohnung. Sein Blick flog über seine Eingangstür. Keine Einbruchsspuren.
Auf Zehenspitzen steckte er seinen Schlüssel ins Schloss.
Warum stehst du denn auf Zehenspitzen, alter Mann?
Er atmete tief ein, dann drehte er den Schlüssel, die Tür schwang auf und gab den Blick in sein neues Zuhause preis.
Ich habe ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit.
ALEXANDRA
Ihre dunklen Augen flogen über den Text. Trotz gegenteiliger Behauptung war sie selbst immer noch ihre größte Kritikerin. Auch wenn unfeine Zungen ihr vorwarfen, nur auszuteilen.
»Austeilen entsteht aus Härte zu sich selbst. Auch wenn das Wort ›austeilen‹ wohl mittlerweile im Deutschen nicht ganz korrekt verwendet wird. Da sind die Engländer und die Italiener präziser. Distribute beziehungsweise distribuire«, Alexandra murmelte die Worte, um sich zu vergewissern, dass sie die Aussprache noch korrekt hinbekam, »haben eine stärkere Bedeutung hin zu zuteilen, verbreiten oder verteilen.«
Ihr Gesicht wurde hart, die feinen Wangenzüge erzählten Geschichten von Trauer und Leid.
»Und ich teile zu, was zugeteilt werden muss.«
Sie war sich nicht sicher, ob sie sich für diesen Weg entschieden hatte oder ob er ihr von oben zugeteilt worden war.
Nervös strich sie sich eine blonde, dünne Strähne aus dem Haar. Sie machte diese Bewegung oft, zu oft, aber es war niemand da, der sie darauf aufmerksam machen würde.
Sie blickte auf. Niemand außer ihrer Katze Nimmermehr, angelehnt an das berühmte Gedicht von Edgar Allan Poe. Komplett schwarz bis auf einen weißen Fleck auf der Stirn, transportierte Nimmermehr gut die Geheimnisse eines Edgar Allan Poe. Alexandras Fingernägel kratzten über den Tisch, eine schmerzhafte, aber wirksame Erinnerung, dass sie sich konzentrieren und weitermachen sollte. Es würde noch ein langer Abend werden.
Sie wusste, warum sie so nervös war. Das war sie vor Theaterpremieren immer. Nicht, weil sie auftreten würde, Gott bewahre, sie würde sich niemals auf eine Bühne stellen. Dort könnte es ja passieren, dass Zuschauer nicht klatschten. Oder sogar noch schlimmer: klatschten.
Nein, sie war keine Darstellerin. Sie war eine Schreiberin, Autorin, Reporterin und mit den Jahren eine immer gefürchtetere Theaterkritikerin. Doch während ihre Feinde – und die hatten sich in letzter Zeit deutlich vermehrt – ihr Gefühlskälte vorwarfen, pochte ihr Herz immer zum Hals, wenn sie ein neues Stück sah.
Das wird nur niemals jemand sehen. Herzenswärme wird immer bestraft.
Das hatte sie auf eine sehr harte Tour gelernt. Die körperlichen und seelischen Narben trug sie bis heute.
Ihr Blick wanderte zurück zu dem Text auf dem flimmernden Bildschirm vor ihr. Noch die letzten Zeilen korrigieren, sich in ihr schwarzes Kostüm werfen und wieder mit gezücktem Stift im Publikum des Kulturhauses Platz nehmen, wenn der Vorhang aufgeht. Sie las ein letztes Mal über den Text.
… und doch, obwohl Die Räuber, interpretiert von M. T. Wollmers, drei Wochen später als geplant Premiere feierten, konnte die gestohlene Zeit bedauerlicherweise weder für eine Intensivierung der schauspielerischen Leistung noch für eine glaubwürdige Spannung zwischen den Darstellern genutzt werden. Das Timing ist unterirdisch, Handlung und Text sind viel zu oft voneinander getrennt, um das noch mit kapriziös zu umschreiben, und die Souffleuse war so laut, dass ich geneigt war, mir Kopfhörer aufzusetzen. Dies hätte auch die penetrante Stimme der Hauptdarstellerin unterdrückt. Die Darsteller arbeiten durch die Bank hinweg weder aphoristisch noch epikurisch. Wenn M. T. Wollmers jemals für Avantgarde stand, dann sollte dieses Wort mit ihm beerdigt werden. Sollte Ihnen der Sinn nach Kultur stehen, empfehle ich Ihnen, sich auf Ihren Küchenboden zu legen und die Decke anzustarren. Sie werden mehr exorbitante Spannung und Tiefe wiederfinden. Ihre Alexandra Timers
Sie nickte zufrieden, verpackte den Text als Mailanhang und schickte ihn ihrer Redaktion. Mit etwas Glück wurde er noch an diesem Abend auf der Internetseite des Landauer Morgen veröffentlicht, sodass in der morgigen Zeitung genug Platz für die Kritik des heutigen Theaterstückes sein würde.
»Eine Neuinterpretation der Sherlock-Holmes-Geschichte, rund um seinen Kampf mit Moriarty. Ich bin gespannt.«
Nachdem sie die letzten Jahre gefühlt ein Dutzend Mal Kabale und Liebe, Faust, Die Räuber und Nathan der Weise gesehen hatte, war sie nun doch sehr gespannt auf dieses heutige Stück.
Sanft streichelte sie Nimmermehr über den Kopf. Er mochte es, wenn ihre vielen Ringe und die langen, dezent lackierten Nägel über seinen Kopf schabten. Mit einem Klicken schaltete sie ihren Mac aus. Langsam und mit einem vor Schmerzen verzerrten Gesicht stand sie auf, ihr Hintern tat weh. Alexandra hatte es sich schon vor Jahren zur Angewohnheit gemacht, auf einem sehr kleinen, sehr unbequemen Holzstuhl ihre Kritiken zu schreiben und erst aufzustehen, wenn diese fertig waren.
Wenn ich nicht mehr hart zu mir selbst bin …
Sie dachte diesen Gedanken nicht zu Ende, während sie sich anzog, die dünner werdenden blonden Haare streng zurückband und eine Schicht Make-up auflegte. Sie blickte danach nicht mehr in den Spiegel. Grundlegend versuchte sie meistens, sich nicht selbst in die Augen zu sehen.
Nimmermehr mauzte herzzerreißend, als sie das Haus verließ und hinter sich abschloss.
Immerhin einer, der trauern würde, wenn ich wieder tot umfalle. Gott interessiert es ja nicht. Die Menschen auch nicht. Dann muss ich immerhin nicht mehr erleben, dass die Haare noch dünner werden.
Ihr schwarzes Kostüm war etwas zu dünn für diese Jahreszeit, und so fror sie trotz des grauen Vuitton-Herbstmantels schon auf dem Weg zu ihrem Auto.
Sie nickte.
Kälte machte sie wach, klar und präzise. Etwas, das ihre Leser von ihr erwarteten.
ARES
Sie sieht nicht aus, wie man sich klassischerweise eine Einbrecherin vorstellt.
Ares stand noch in seiner Eingangstür, während diese durch den Schwung des Öffnens weit aufschwang.
Die Deckenlampe strahlte ein helles Licht ab und gab einen guten Blick auf das größte Zimmer der Wohnung preis, einen kombinierten Wohn-Ess-Bereich. Dieser war abgetrennt durch einen großen, bullig wirkenden Raumteiler, der das Zimmer in eine kleine Küchenzeile und einen größeren Wohnbereich aufteilte. Bis auf das Küchenfenster gingen alle Fenster zur Straße hinaus, er hatte das Licht von unten ja schon gesehen.
Von der Einrichtung an sich war nicht viel zu sehen, das Konzept des Zimmers schien mit dem Wort Chaos gut umrissen zu werden. Die nicht erkennbar blaue Couch war unter losen Blättern, Zeitschriften und mehreren teilweise aufgeschlagenen Büchern sowie einer imposanten Schalsammlung nicht mehr zu sehen. Der gläserne Wohnzimmertisch hätte sich sicher gerne gebogen, wenn es ihm möglich gewesen wäre. So ertrug er stoisch die Last der vielen Bücher, eines Mikroskops, zweier leerer und eines halb vollen Tellers, irgendetwas unidentifizierbar Verbranntem sowie mehrerer, scheinbar stückweise auseinandergebauter Steckdosen.
Wie bei den Hottentotten.
Das dachte er oft, wenn er in seine Wohnung kam. Dann lächelte er und ließ sich genau in eine Lücke auf die Couch fallen, während Schuhe und Hemd in hohem Bogen irgendwo hinflogen. Ares empfand ein gewisses Maß an Chaos um sich herum als kreativ-stimulierend. Es half ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, über den Tellerrand zu sehen. Auch sollte dies normalerweise niemand sehen, das war nur sein Reich. Klienten empfing er in dem kleinen, aufgeräumten Büro seiner Detektei in der Fußgängerzone.
Daher lächelte er diesmal nicht, als er in der Tür stand, und er dachte auch nicht an die Hottentotten, als er die junge Frau erblickte, die inmitten des Wohnbereichs stand, die Arme verschlungen hatte und ihn trotzig anblickte.
Mit seiner ersten Schätzung hatte er sie auf Mitte dreißig einsortiert, korrigierte diese Annahme jedoch nach einer etwas intensiveren Beobachtung gute fünf Jahre nach unten. Ihre stark schwarz geschminkten Augen und die nachgezogenen dunklen Wangenknochen erschwerten die Schätzung. Schwarz war insgesamt eine sehr dominante Farbe an der Besucherin. Ein schwarzes eng anliegendes T-Shirt mit einem Bandnamen, der ihm nichts sagte, verschwand nahezu nahtlos in einer schwarzen, ebenfalls eng anliegenden Jeans sowie dicken, schwarzen Stiefeln. Umrahmt wurde das Ganze von einem langen schwarzen Mantel sowie ihren langen schwarzen Haaren – auf einer Kopfseite, auf der anderen waren sie abrasiert.
Sein Blick flog blitzschnell durch den Raum, erfasste und ordnete ein.
Trockene Haare, sie ist schon etwas länger hier. Die letzte Stunde hat es draußen genieselt. Kein Anzeichen von Scham, keine Einbruchsspuren. Auf den ersten Blick ist nichts durchwühlt, alle Schubladen geschlossen. Körperhaltung eher trotzig. Augen wirken, als hätte sie vor Kurzem geweint. Steht mitten im Raum, ist das eine Karte zwischen ihren Fingern?
Mit einem Knall kam die aufschwingende Tür an der Wand an und schwang wieder leicht zurück.
»Guten Abend.« Seine Stimme klang leicht kratzig.
»Bist du der Privatdetektiv?«
Ihre Stimme hatte eine Tiefe und Samtheit, die er dem schlanken Körper nicht zugetraut hätte.
Keine Begrüßung, keine formelle Anrede. Hohes Anspannungslevel oder absichtliche Grenzüberschreitung, um ein Zeichen zu setzen. Interessant. Und vielleicht eine Klientin. Aber warum hier?
In all seinen Werbeanzeigen sowie auf seiner Visitenkarte stand sein Büro, seine Detektei als Adresse.
»Der bin ich. Aber das ist meine Privatwohnung.«
Nach den Ereignissen, die dazu geführt hatten, dass er Detektiv wurde, hatte er beschlossen, seine Privatadresse so geheim wie möglich zu halten. Sie war nirgendwo im Internet oder im Telefonbuch zu finden. Es war unwahrscheinlich, aber möglich, dass sich Freunde von Ulf an ihm rächen würden. Immerhin hatte ihn Ares in seinem ersten Fall in Ludwigswinkel zweier Morde überführt.
»Woher hast du diese Adresse?«
Ares hatte sie unwillkürlich geduzt. Sie legte den Kopf schief und blickte ihn an.
»Ich glaube nicht, dass jemand wie du mir helfen kann. Du erinnerst mich an meinen Vater.«
Ares überlegte. Seinem Konto würden neue Klienten guttun. Und irgendetwas hatte diese junge Frau an sich.
Was wird funktionieren? Sie wirkt wie eine Rebellin, vermutlich eher ein konservatives Elternhaus. Keinesfalls Autorität, dann wird sie gehen. Was steht für die vermutlich konservative Welt, aus der sie kommt?
Er zückte seinen Geldbeutel, nahm einen Fünfzigeuroschein, und sie zuckte zurück.
Immerhin den Trigger getroffen.
»Hier sind fünfzig Euro. Nimm den Schein versteckt in eine Hand hinter deinen Rücken. Ich muss raten, in welcher Hand er ist. Wenn ich dreimal richtig rate, erzählst du mir deine Geschichte.«
»Und wenn nicht?« Sie hatte etwas Lauerndes. Ihr Interesse war geweckt.
»Gehst du hier mit fünfzig Euro mehr raus, als du reingekommen bist. Und ich zeige dich nicht wegen Einbruchs an.«
Sie nickte, nahm den Schein und stellte sich gerade vor Ares hin. Der Schein war in einer Hand hinter ihrem Rücken.
»So ein Fünfzigeuroschein ist schwerer, als man denkt, nicht wahr? Die Bedeutung und der Tauschwert des Geldes erhöhen doch deutlich die Last, die man mit so einem Schein zu tragen hat.« Ares beobachtete sie scharf.
Da war es.
Ihr Körper reagierte auf seinen Satz und überprüfte das Gewicht, ihre rechte Schulter zuckte. Minimal, aber sichtbar.
»Rechts.«
Sie nickte. »Noch mal.«
Wieder wirbelten ihre Hände hinter ihrem Rücken, dann stand sie still.
Ares musste nicht lange überlegen.
In einer Umgebung wie dieser wird sie auf Sicherheit spielen. In einer unsicheren Welt klammern wir uns an alles Vertraute. Und sei es nur der Geldschein, der schon mal in der gleichen Hand war.
»Noch mal rechts.«
Sie nickte, Irritation mischte sich in ihren Blick.
Ares ging an ihr vorbei, nahm einen Armvoll Zeitungen und Bücher von der Couch und setzte sich. »Du wirst noch mal rechts nehmen.« Er zeigte auf den einzig halbwegs leeren Sessel. »Und schuldest mir jetzt eine Geschichte.«
Ein letztes Zögern, dann setzte sie sich, schlug die Beine übereinander und legte den schwarzen Mantel darüber. Ihre Fingernägel sahen abgekaut aus, die schwarze Farbe stellenweise abgekratzt oder gesplittert. Ihre Zerbrechlichkeit wirkte auf Ares wie eine alte Vase, die trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auf ihrem Sockel wackelte.
»Mein Name ist Frida. Meine beste Freundin wurde ermordet, ich komme gerade von ihrer Beerdigung. Die Polizei hält wohl meinen besten Freund für ihren Mörder. Bei ihren persönlichen Sachen wurden Indizien gegen ihn gefunden. Und ich fand deine Karte.« Sie hielt eine Visitenkarte hoch und reichte sie ihm. Das silberne Wolfssymbol auf schwarzem Hintergrund blinkte im Wohnzimmerlicht.
Ares betrachtete die Karte von allen Seiten. Darauf zu sehen waren sein Name, sein Beruf und sein Logo, ein A samt verschlungenem R mit einem stilisierten Wolfskopf in Silber, alles wie auf seiner richtigen Karte. Mit dem einen Unterschied, dass seine Privatadresse statt seiner Büroadresse darauf stand.
Er legte die Karte auf seinen chaotischen Wohnzimmertisch.
Irgendjemand hatte sich hier viel Mühe gegeben.
Frida beugte sich nach vorne. »Ich habe nicht viel Geld, aber ich kann nicht in wenigen Wochen meine zwei wichtigsten Menschen verlieren. Kannst du mir helfen?« Sie zögerte. »Bitte.«
Auch Ares beugte sich nach vorne. »Ich kann für dich arbeiten. Aber nur, wenn du dir zu hundert Prozent sicher bist. Ich weiß nicht, was ich finde, aber wenn wir zusammen in dieses Kaninchenloch mit besten Freunden, Verstrickungen und vielleicht sogar Mord hinabsteigen, kann das Konsequenzen haben. Wahrscheinlich kommt man nicht unbeschadet heraus. Vielleicht finden wir Sachen, die begraben bleiben sollten.«
Frida nickte. »Ich will es so.«
In der Ferne heulten Polizeisirenen, und Ares blickte auf.
ALEXANDRA
Alexandra spürte das Kribbeln, das Schwirren der Menschen wie in einem Bienenstock.
Eine Premiere war für die Reporterin immer etwas Besonderes, ihr Körper reagierte auf die angespannten Schauspieler, die freudigen Besucher, das ganze Wirbeln und die Energie.
Es gab eine Zeit in ihrem Leben, in der sie nichts gespürt hatte, nichts mehr spüren konnte, den Kontakt zu ihrem Körper verloren hatte. Kurz nach dem Kloster. Das war eine dunkle Zeit, eine gottverlassene Zeit. Nach diesem Tal wusste sie vieles wieder mehr zu würdigen. So wie diese Premiere.
Sie hatte das kurze Interview mit Sören Peters, dem stellvertretenden Bürgermeister, hinter sich gebracht, es lief wie erwartet. Sie blickte murmelnd und zusammenfassend auf ihre Notizen.
»Kultur stärken, Stadtteilarbeit, Freude, Freude, Kultur, schau mal, wen ich alles kenne, Händeschütteln, große Pläne, oh, den kenne ich auch, Stadtteile, Freude, Freude.«
Sie seufzte innerlich.
Es gehörte dazu. Sie mochte die Arbeit mit Menschen, sie schrieb gerne für Menschen und über Menschen. Es bedeutete ihr etwas, wenn Künstler mit Kraft, Schweiß und Energie etwas erschufen.
Aber warum stehen immer irgendwo große bedeutsame Männer herum, die nicht merken, dass ihre Aussagen komplett von einem Inhalt separiert werden?
Es gongte, und Alexandra blickte auf. Langsam erlosch das Licht.
Immerhin sitzen die großen, bedeutsamen Männer während der Vorführung nicht bei mir. Sondern in einer der drei Logen.
Die letzten Stimmen verstummten, die letzten Handybildschirme erloschen. Alexandra blickte sich um.
Das typische Theaterpublikum. Die Studenten, die irgendetwas Kreatives studieren. Manche interessiert Theater wirklich, die anderen reden sich ein, dass es sie interessieren müsste. Das süße Rentnerpaar, das auch nach fünfzig Jahren Ehe verliebt wie am ersten Tag ist. Hoffentlich schläft er nicht ein. Er sieht aus, als ob er schnarchen würde. Eine heterogene Masse in der dritten Reihe, klassischerweise Freunde und Bekannte der Schauspieler.
Für sie war in der ersten Reihe ein Platz reserviert, aber eine Alexandra Timers saß nie in der ersten Reihe. Meistens saß sie in einer der letzten Reihen. Sie wollte das Stück mit dem Publikum erleben, die Reaktionen, die Lacher, das traurige Einatmen, das freudige oder entnervte Stöhnen, je nachdem. Das war die Grundlage ihrer Kolumnen, die Basis ihrer Arbeit. Sie war sich der Spannung bewusst, dass sie einerseits Menschen liebte und alles über sie wissen wollte, auf der anderen Seite aber niemals wieder jemanden an sich heranlassen könnte. Dieser Jemand könnte einen Blick in sie werfen.
Sie selbst hatte nie Theater gespielt, mit Theologie und Latein auch nichts Kreatives studiert. Aber den Menschen in den Reihen vor den Brettern, welche die Welt bedeuteten, diesen Menschen konnte sie Wörter geben.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.
Sie kniff sich in den rechten Oberschenkel, traf die alte Wunden, die sie sich selbst zugefügt hatte, und Schmerzwellen durchfluteten ihren Körper. Die Gedanken veränderten sich, wanden sich den dunkleren Zimmern in dem Haus ihres Gehirns zu.
Während das Licht ausging, dachte sie darüber nach, welche Rolle sie wohl in dem großen Stück des Lebens spielte.
Langsam ließ das Zittern ihrer Hand nach, sie traute sich, nach dem Stift zu greifen und sich für Stichpunkte bereit zu machen. Sie wusste, dass jeder die Worte bekam, die er verdiente. Außer ihr natürlich. Sie war schließlich die Schreiberin.
Alexandra blickte auf, als sich der Vorhang hob.
Das Stück war eine Neuinterpretation des bekannten Werkes The Final Problem, in dem Sherlock Holmes auf seinen größten Widersacher trifft. James Moriarty, ein genialer Professor. Holmes spielt mit ihm ein Spiel auf Leben und Tod, und beide sterben schlussendlich in den Reichenbachfällen. Alexandra war gespannt, wie sie insbesondere das Ende, den Sturz in den Wasserfall, auf dieser kleinen Bühne darstellen wollten. Was sie jedoch nicht wusste, nicht wissen konnte – es würde ihr nicht vergönnt sein, das zu sehen.
Stichpunktartig notierte die Kritikerin die Personen mitsamt ihren Besonderheiten. So war auf ihrem Block zu lesen:
Sherlock gespielt von Henry Weiß, schöne Mimik, klare Sprache, etwas zu pummelig und Locken? Sherlock mit Locken? Sehr anmutige Bewegungen für einen Mann, fast eine weibliche Grazie. Moriarty gespielt von Bruce Landon, immer noch ein englischer Akzent, klein, verschlagen, gute Besetzung, zieht Aufmerksamkeit und Spielfreude wie ein Magnet an, hohe Spannung im Publikum, wenn er auf der Bühne ist, Watson gespielt von Andreas Wolff, der Dienstälteste im Ensemble, über die letzten Jahre unauffällige Nebenrollen oder in der Technik eingesetzt, diesmal größere Rolle, überraschend intensives Spiel, scheint stark an sich gearbeitet zu haben, rührt das Publikum zu Tränen. Irene Adler gespielt von Lisa Klapp, unauffällig, wenig Bindung zu Sherlock, insgesamt die Schwächste, keine Ausstrahlung, keine Erotik, kurvenlos, verschwindet in ihren Kleidern. Sebastian Moran gespielt von seinem Namensvetter Sebastian Hugemüller, groß, sehr schlaksig, wirkt jünger, als er ist, ein gutes Duo mit Bruce, wenige, aber stimmungsvolle Auftritte, Waffe wirkt sehr echt.
