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Raum für Würde schaffen Scham gehört in Schulen zum Alltag. Entwürdigung findet dort in alle Richtungen statt: Lehrkräfte werden durch herausforderndes Verhalten der Schüler:innen beschämt, Schüler:innen werden von Lehrkräften bloßgestellt und lächerlich gemacht. Auch Schulleitungen, Eltern und alle anderen an Schule Beteiligten sind davon betroffen. Und trotz ihrer Allgegenwart ist Scham ein Tabuthema; offen umgegangen wird mit Beschämung kaum. "Geht das nicht auch anders?", fragt Anika Roßmann. Mit diesem Buch bietet die erfahrene Schulsozialarbeiterin und systemische Coachin den Leser:innen Gelegenheit, der Emotion Scham im System Schule auf vielfältige Weise zu begegnen. Dabei werden die verschiedenen Formen von Scham umfangreich erläutert und durch Fallbeispiele aus dem tatsächlichen Schulalltag beleuchtet. Die Geschichten sind aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und zeigen, dass alle am Schulleben Beteiligten von einem akuten Schamerleben betroffen sein können. Die jeweils anschließende Analyse ermöglicht es, eigene Verhaltensstrategien im Umgang mit schambehafteten Situationen zu überdenken und diese aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei wird immer das gesamte System der beschämten Person einbezogen. Am Ende steht den Leser:innen ein Werkzeugkoffer mit alternativen Strategien zur Bewältigung beschämender Situationen zur Verfügung. Die Autorin: Anika Roßmann; B. A. Soziale Arbeit; M. A. Erziehungswissenschaften; Systemische Coachin für Neue Autorität; Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Potsdam; Schulsozialarbeiterin an einer Berliner Oberschule; Dozentin im Fortbildungsbereich zu den Themen Scham, Mobbing und Neue Autorität.
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Systemische Pädagogik
Was treibt Menschen zum Lernen an? Was hält sie davon ab? Wie kann eine funktionierende Lehrer-Schüler-Eltern-Beziehung entstehen? Wie gelingen Erziehung und Bildung? Was sind Kompetenzen und wie lässt sich deren Reifung unterstützen? Wie fördert man Persönlichkeiten?
Diese und ähnliche Fragen stehen im Mittelpunkt der Systemischen Pädagogik. Das Ziel ist ein von wechselseitigem Respekt geprägter Umgang von Schülern, Lehrern, Erziehern und Eltern. Gemeinsames Lernen mit Zuversicht und Spaß, der Blick auf die Potenziale und Fähigkeiten – zwei Grundannahmen der Systemischen Pädagogik. Gleichzeitig ist sich die Systemische Pädagogik der Tatsache bewusst, dass Menschen lernfähig, aber unbelehrbar sind. Welche Konsequenzen sich daraus für gelingende Lern- und Bildungsprozesse für Lehrende bzw. Lernbegleiter ergeben, ist eine wichtige Zukunftsfrage der Systemischen Pädagogik.
Der Ansatz der Systemischen Pädagogik verbindet systemtheoretische Erkenntnisse, Sicht- und Handlungsweisen mit dem Forschungsstand und den Erkenntnissen der Erziehungswissenschaften und macht sie für den pädagogischen Alltag nutzbar. Auch im familiären Erziehungsalltag lässt sich systemisches Denken und Handeln gut nutzen, ohne Kinder zu disziplinieren oder ihnen mit Anpassungsforderungen zu begegnen. Selbstkritische und selbststeuerungsfähige Menschen benötigen sehr spezifische Möglichkeiten der Reifung und Auseinandersetzung beim Aufwachsen. Welche das sind und wie das gehen kann, zeigen anerkannte Therapeuten, Pädagogen und Berater in den Büchern dieser Reihe.
Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold
Herausgeber der Reihe Systemische Pädagogik
Anika Roßmann
Umgang mit Scham in der Schule
Mit einem Vorwort von Stephan Marks
2025
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Dresden)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Sebastian Baumann (Mannheim)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Carmen Beilfuß (Magdeburg)
Dr. Dirk Rohr (Köln)
Dr. Michael Bohne (Hannover)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Torsten Groth (Münster)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt † (Münster)
Reinert Hanswille (Essen)
Jakob R. Schneider (München)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer † (Heidelberg)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Karsten Trebesch (Dallgow-Döberitz)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Tom Levold (Köln)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Dr. Dr. Kurt Ludewig (Münster)
András Wienands (Berlin)
Dr. Stella Nkenke (Wien)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Rainer Orban (Osnabrück)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Themenreihe: Systemische Pädagigik
hrsg. von Rolf Arnold
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: B. Charlotte Ulrich
Umschlagmotiv: © ADDICTIVE STOCK CORE – stock.adobe.com
Redaktion: Nicola Offermanns
Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2025
ISBN 978-3-8497-0608-1 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8560-4 (ePUB)
© 2025 Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
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Carl-Auer Verlag GmbH
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Vorwort
Einleitung
Zum Aufbau des Buches
1 Die aktuelle Schulsituation in Deutschland
Die Lehrkräfte
Die Schüler:innen
Das Elternhaus
Die Schulsozialarbeit
Die Gesellschaft und das Schulsystem
2 Der systemische Blick auf die Schule
Warum lohnt sich nun ein gezielter systemischer Blick auf die Schule?
Was bedeutet der systemische Blick für das »System Schule«?
Auf welche systemischen Methoden können wir zurückgreifen?
3 Die Rolle der Scham
Jeder Mensch schämt sich für etwas anderes
Die Schamanfälligkeit kann sich im Verlauf des Lebens ändern
Scham resultiert aus der Erwartung, sich selbst oder andere zu enttäuschen
Scham ist die heimlichste Emotion des Einzelnen und der Gesellschaft
Scham zeigt sich durch körperliche Reaktionen
Scham schränkt unser Reaktionsvermögen ein
Einfrieren und Verstecken
Flucht
Kampf
Scham lässt sich unterteilen in gesunde und traumatische Scham
Die traumatische Scham kann uns krank machen
Die Scham kann transgenerational weitergegeben werden
Fremdschämen ist das Schämen über Fehltritte anderer
Scham wird immer ein Teil von uns sein
Scham als sozialer Klebstoff
Die Grundformen der Scham
Scham durch Missachtung
Scham durch Grenzverletzung
Scham durch Ausgrenzung
Scham durch Verletzung der eigenen inneren Werte
4 Schamprozesse in der Schule
Beurteilen
Vergleichen
Zugehörigkeits-Check
5 Schamgeschichten aus der Schule
Die entmutigte Emma
Der hilflose Mohamad
Die abwertende Frau Schmidt
Die angespannte Frau Lang
Der vorgeführte Erik
Der überforderte Herr List
Die leistungsschwache Lilly
Der abschätzige David
Die (über)angepasste Julia
Die neue Laura
Der andere Paul
Der verzweifelte Herr Rubens
Charlies überlastete Mutter
Der gemobbte Momo
Die bedrängte Frau Ebert
Die entblößte Maja
Die selbstverletzende Sophie
Die wütende Frau Engel
Die verletzte Carla
Die aufgeregte Frau Bohm
Der lebensmüde Roman
Der beschuldigte Jonas
Der schikanierte Herr Gube
Der abwesende Alex
Die unbedachte Frau Patz
Die unsichere Luise
Der ungewollte Clemens
6 Die Schule der Zukunft?
Umgang mit Scham an Schulen – ein Werkzeugkoffer
Der Missachtung begegnen: Anerkennung herstellen
Grenzverletzung begegnen: Schutz herstellen
Ausgrenzung begegnen: Zugehörigkeit herstellen
Verletzung eigener innerer Werte begegnen: Integrität herstellen
Epilog
Danksagung
Literatur
Über die Autorin
Endlich! Endlich ein Buch, das die große Komplexität des Schulgeschehens differenziert betrachtet. Endlich ein Buch, das die Herausforderungen beschreibt, die Schule Tag für Tag für alle Beteiligten darstellt: für Schüler:innen, Lehrpersonen, Schulsozialarbeiter:innen und -psycholog:innen, Eltern … Und endlich ein Buch, das die grundlegende Bedeutung der Scham für alle Beteiligten am System Schule differenziert analysiert und eine Fülle an Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Es ist unvermeidbar, dass Schulen Orte der Scham sind, weil Entwicklung – Lernen aus Fehlern und Fehlverhalten, Wachstum aus Versuch und Irrtum – mit diesem Gefühl verbunden ist. Umso wichtiger, dass dieses schmerzhafte Gefühl in konstruktiver, nicht beschämender Weise begleitet wird. Alle Akteur:innen von Schule sind tagtäglich Zeug:innen und auch Begleiter:innen von Scham – also »Schambegleiter:innen«.
Das zeigt Anika Roßmann, eine erfahrene Schulsozialarbeiterin, anhand von zahlreichen, berührenden Fallvignetten aus dem Schulalltag. Sie vermittelt eindrücklich, dass es sich lohnt, diese oft übersehene Emotion zu »bemerken«, sie sich bewusst zu machen und konstruktiv mit ihr umzugehen. Denn Scham ist zwar schmerzhaft, hat aber auch wichtige Aufgaben. Leon Wurmser beschreibt sie als Hüterin der Menschenwürde. Schamgefühle sind immer auch Wegweiser für ein menschenwürdiges Miteinander.
Wenn wir den Kernauftrag unseres Grundgesetzes erst nehmen – »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt« –, dann ist ein bewusster und konstruktiver Umgang mit Schamgefühlen nicht weniger als der Schlüssel, um unsere Schulen zu Orten der Menschenwürde zu machen, für alle Beteiligten. Endlich!
So gesehen muten viele der zahllosen Korrekturversuche am deutschen Schulsystem der letzten Jahrzehnte an wie – metaphorisch gesagt – Versuche, »alten Wein in uralte Schläuche« zu füllen. Schulreform wird nicht selten mit technischen Metaphern umschrieben, als ob es darum ginge, an den richtigen »Stellschrauben« zu drehen. Aber Schulen sind keine Maschinen (auch wenn sie oft aussehen wie Fabriken), und Menschen sind keine Maschinenteile, sondern Menschen. Schule kann nur dann gelingen, wenn die Beziehungen zwischen allen Beteiligten gelingen – und genau dies ist ja die Aufgabe der Scham, sie ist der soziale Affekt.
Ich wünsche diesem Buch eine große Verbreitung unter allen Beteiligten: Lehrpersonen, Schulsozialarbeiter:innen, Schulpsycholog:innen, Eltern und Elternvertretungen sowie allen, die in der Lehrkräfteaus- und -fortbildung, in Schulverwaltungen oder Kultusministerien tätig sind.
Stephan Marks
Grüßen Sie sie schön, wenn Sie ihr begegnen – und das werden Sie. Es gibt kein Entrinnen. Die Scham ist immer und überall, manchmal ganz offensichtlich, manchmal sehr versteckt. Sie ist da, ob Sie es wollen oder nicht. Nun könnten wir den Kopf in den Sand stecken und uns unserem Schicksal ergeben – oder wir schauen genauer hin und fragen nach: Was ist die Scham? Warum ist sie da? Wie kann uns ein guter Umgang mit ihr gelingen? Kann sie uns vielleicht sogar nützlich sein?
Insbesondere die Institution Schule stellt häufig einen Ort dar, an dem Einzelne beschämt werden und an dem man versucht, Scham zu verstecken. Zu groß scheint die Angst, offen mit ihr umzugehen, oder die Gefahr, durch Unwägbarkeiten angreifbar zu sein. Das gilt nicht nur für Schüler:innen, die ihre Schulpflicht erfüllen müssen, sondern auch für all diejenigen, die an der Schule tätig sind, seien sie Lehrkräfte, Sekretär:innen, Hausmeister:innen, Schulleitungen oder Schulsozialarbeiter:innen. Schule ist als ein Ort bekannt, an dem es zu Entwürdigung in alle Richtungen kommt: Lehrkräfte werden durch herausforderndes Verhalten der Schüler:innen beschämt, Schüler:innen werden von Lehrkräften bloßgestellt und lächerlich gemacht. Geht das nicht auch anders?
Schauen wir in die Ferne, Richtung Norden. In Finnland bestätigt der überwiegende Teil der Lehrkräfte, dass sie sich in ihrer Arbeit sehr wertgeschätzt und gleichwertig wie Ärzte oder Rechtsanwälte in der Gesellschaft anerkannt fühlen. Das finnische Bildungssystem setzt auf Chancengleichheit und gemeinsames Lernen. Dabei wird insbesondere der Bereich »Lebenskompetenzen« als wichtiges Element in den Lehrplan integriert, und der/die einzelne Schüler:in steht im Fokus der Arbeit. Die Kinder und Jugendlichen erhalten einen individuell ausgestalteten Stundenplan und durchlaufen die Schule gemeinsam von der 1. bis zur 9. Klasse, erst dann erfolgt eine Aufteilung (vgl. Hendricks, o. J.).
In Dänemark wurde im Jahr 1993 das Schulfach Empathie in den nationalen Lehrplan eingeführt, in dem Schüler:innen gemeinsam lernen, Gefühle einzuordnen und mit ihnen umzugehen – eine gute Gelegenheit, um auch die Emotion Scham kennenzulernen und einen angemessenen Umgang mit ihr zu finden. Welch ein Gewinn muss es sein, wenn Schüler:innen lernen, sich mit sich selbst und ihren Gefühlslagen auseinanderzusetzen, und es ihnen dann noch gelingt, das Gelernte in ihr weiteres Leben zu übertragen? Wie viel Selbstsicherheit in ihrer Persönlichkeit wird ihnen damit zuteil (vgl. Dezer 2024)?
Was wäre nun, wenn deutsche Schulen einen Imagewandel vollführen würden? Wenn Schule als ein Ort der Wertschätzung gesehen und behandelt würde? Wenn endlich alle dort agierenden Personen die Anerkennung erhielten, die ihnen zuteilwerden sollte, die ihnen hilft, eine positive Identität zu entwickeln und Hürden dank ausreichender Unterstützung zu überwinden?
Ich arbeite seit über zwölf Jahren als Schulsozialarbeiterin an mehreren Schulen und konnte durch meine Tätigkeit, aber insbesondere auch durch den Austausch mit anderen Schulsozialarbeiter:innen und Lehrkräften verschiedener Schulen, einen guten Einblick gewinnen, wie es dem Einzelnen in der Institution Schule geht und welche Themen die Menschen dort bewegen. Vor sechs Jahren habe ich begonnen, mich intensiv mit dem Thema Scham auseinanderzusetzen. Durch einen glücklichen Zufall traf ich damals den Sozialwissenschaftler Stephan Marks, der mir intensive Eindrücke in seine Arbeit zum Thema Scham ermöglichte. Einmal damit begonnen ist mir im Verlauf der Zeit erst klar geworden, wie viele Augenblicke im Leben jedes Einzelnen schambehaftet sind und wie unterschiedlich diese sichtbar werden. Oftmals ist die Scham nahezu komplett verborgen, manchmal lässt sich gut erahnen, dass sie hinter einer Situation steckt. Während der Lockdowns in den Jahren 2020 und 2021 habe ich mich oft gefragt, wie sich die Corona-Pandemie mit all ihren Maßnahmen auf die jungen Menschen in Schulen, aber auch auf die Gesellschaft auswirkt. In Gesprächen via Zoom schilderten mir die Schüler:innen, mit denen ich damals gearbeitet habe, dass sie sich einsam und nicht mehr gesehen fühlten. Sie berichteten von Krisen im häuslichen Umfeld, in denen ihre Grenzen verletzt oder sie Zeug:in von unrechtem Verhalten anderer wurden. Heute ist mir klar, dass sie damals den verschiedenen Dimensionen von Scham ausgesetzt waren und keinen richtigen Umgang mit ihr wussten.
Was es wohl braucht – egal, ob Fernunterricht oder in Präsenz, ob Maskenpflicht oder im »normalen« Alltag –, ist die Entwicklung eines Schambewusstseins. Wenn wir anerkennen, dass es Scham in der Schule in allen möglichen Zusammenhängen gibt, können wir lernen, mit ihr umzugehen, und so den Menschen die Möglichkeit geben, sich weiterzuentwickeln und ihre Persönlichkeit zu entfalten. Der bewusste Umgang mit Scham könnte der Schlüssel zu einer menschenwürdigen Schule auf allen Ebenen werden.
Auf dem Weg zu genau dieser Schule können Sie folgenden Fragen begegnen:
Wie wäre es, wenn es an Schulen die Möglichkeit gäbe, mit herausfordernden Situationen umzugehen? Wenn nicht mehr die an Schule Beteiligten still in der Ecke ausharrten, um bloß nicht selbst in den Fokus zu geraten?
Wie wäre es, wenn wir zusammen hinschauen würden auf all die Dinge, die in Schulen geschehen, und gemeinsam überlegen, wie wir Gegebenheiten verbessern und Menschen helfen könnten, aus Mustern auszubrechen und Handlungsstrategien zu schaffen?
Mit diesem Buch möchte ich Sie dazu einladen, mit mir gemeinsam hinzuschauen: Was ist los an unseren Schulen? Wie geht es den Beteiligten? Wie geht es Ihnen? Und was passiert, wenn wir uns gegenseitig sensibilisieren und künftig jede:n als Menschen mit eigenen Bedürfnissen sehen?
Ich möchte versuchen, mit Ihnen gemeinsam eine Idee davon zu entwickeln, wie die Situation im Hinblick auf das Phänomen Scham in der Schule derzeit aussieht, und ein Gefühl dafür zu bekommen, in welchen Situationen es auftaucht und hinter welchen Fassaden es wirkt. Nur wenn wir die Scham als solche auch erkennen, können wir mit ihr arbeiten. Auch möchte ich mit diesem Buch Ihren Blick für die Grundbedürfnisse schärfen, die hinter dem Gefühl der Scham stecken, damit Sie daraus Handlungsoptionen ableiten können. Denn wie meinte Albert Einstein schon:
»Auf Veränderung zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.«
Dabei verstehe ich dieses Buch nicht als Kochbuch mit fertigen Rezepten, sondern vielmehr als Einkaufsliste mit verschiedenen Zutaten, die Sie benutzen können. Vielleicht gelingt es Ihnen auch, eigene Rezepte zu entwickeln. Bleiben wir offen und probieren wir es aus!
Bei einem Buch mit Schamgeschichten aus der Schule ist es ein Muss, die derzeitige Schulsituation in Deutschland – aus den verschiedenen Perspektiven – abzubilden. Im Anschluss erfolgt eine kurze Erörterung des Begriffes Scham. Mit diesem Wissen tauchen wir dann anhand lebensnaher Geschichten in den facettenreichen Schulalltag der Scham ein. Dabei werden alle Beteiligten mal im Fokus stehen – denn Scham macht vor niemandem Halt und erwischt uns alle. Wir werden uns im Anschluss an jede Geschichte die folgenden Fragen stellen:
Wo steckt die Scham, und wen hat sie erwischt? Die Analyse steht jeweils unter der Überschrift »Der Scham auf der Spur«.
Was könnten wir ändern, um die entstandenen Schamgefühle zu regulieren oder um die Situationen im Umgang mit Scham positiv zu verändern? Dazu dient jeweils der Abschnitt »Denkanstöße«.
Am Ende jeder Geschichte stehen kleine Kästen mit praktischen Informationen und Tipps zur Verfügung. Dort erfahren Sie etwas über das spezifische Thema in der vorangegangenen Geschichte und bekommen Tipps zu weiterführender Literatur sowie Hinweise zu Orten, an die Sie sich wenden und von denen Sie Unterstützung zum entsprechenden Thema erwarten dürfen.
Am Ende des Buches erfahren Sie, welche Handlungsstrategien Sie nutzen können, um sich selbst, aber auch ihr Gegenüber, bei aufkommender Scham zu schützen und zu unterstützen. Sollten Sie es eilig haben, können Sie gerne vorblättern. Ansonsten genießen Sie die erkenntnisreiche Reise durch die Welt der Scham und packen Sie all das in Ihren Koffer, was Ihnen passend erscheint oder was Sie schon immer mal dabeihaben wollten.
Was ist heute los an deutschen Schulen? Die Corona-Pandemie ist, zumindest gefühlt, überstanden. Die Digitalisierung ist dank hybriden oder Online-Unterrichts stark vorangekommen, und alle scheinen zufrieden zu sein, nun wieder in Präsenz und ohne Maske jeden Morgen das Schulgebäude betreten zu können. Oder?
Es gibt Schüler:innen, die leider in den vergangenen Jahren den Anschluss verloren haben. Sie haben irgendwann einfach aufgehört, die zahlreichen Aufgaben zu Hause am Küchentisch zu bearbeiten und per Mail an ihre Lehrkräfte zurückzuschicken, damit sie dann bewertet werden. Sie sind irgendwann online nicht mehr vor dem Bildschirm aufgetaucht. Viele Lehrkräfte hatten nicht mehr die persönlichen Kapazitäten, nachzuprüfen, was hinter dem Fernbleiben stecken könnte. Diese Schüler:innen sind verloren gegangen. Genaue Studien dazu lassen sich schwer finden – in Gesprächen mit Schüler:innen scheint sich doch die Realität abzubilden. So erzählte mir eine Schülerin, die inzwischen die 10. Klasse besucht, dass sie sich ein halbes Jahr in ihrem Zimmer verschanzt habe und einzig zwischen ihrem Bett (um zu lesen) und ihrem Schreibtisch (um am PC zu zocken) gependelt sei. Zum digitalen Unterricht sei sie irgendwann nicht mehr erschienen, und es habe auch niemand nachgefragt – weder die Lehrkräfte noch ihre Eltern. Alle hatten mit sich selbst und der Bewältigung der veränderten Lebensumstände zu tun. Ein anderer Schüler berichtete mir, dass seine Eltern durch die Arbeit im Homeoffice immer häufiger Streit hatten, die in Gewaltausbrüchen vonseiten des Vaters endeten. Niemand bekam mit, wie sich sein Zuhause verändert hatte, niemand schritt ein und schützte ihn. Heute lebt er in einer therapeutischen Jugendwohngruppe und versucht, die traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten.
Insgesamt sind die Auswirkungen der Pandemie auf die Schulbildung und auf die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen bis heute an vielen Stellen sichtbar. In einem Bericht mehrerer Ministerien im Auftrag des Bundestages wird geschätzt, dass ca. 70 % der Kinder und Jugendlichen davon betroffen sind (Tagesschau 2023a): Die
»Lernrückstände seien enorm; viele Kinder und Jugendliche zeigten noch immer psychische Belastungen« (Sonnenholzner 2023).
Dabei hat »Deutschland – das Land der Dichter und Denker« doch den Ruf nach Weisheit, Bildung, Fleiß und Klugheit zu verteidigen: das Land, in dem die Poesie und das uneingeschränkte Lernen im Mittelpunkt stehen. Nicht umsonst bezeichnen Menschen anderer Nationen deutsche Bürger:innen klischeehaft als fleißig, pünktlich, diszipliniert und ordentlich. Wo, wenn nicht in der Schule, sollten wir diese Eigenschaften lernen und verinnerlichen?
Gegenwärtig gibt es in Deutschland ca. 40.000 Schulen mit etwa 11 Millionen Schüler:innen1 und etwa 1,6 Millionen Lehrkräften (Bundesagentur für Arbeit 2023, S. 1). Bei einer Einwohnerzahl von rund 84 Millionen Menschen in Deutschland (vgl. Countrymeters 2024) sind also ungefähr 15 % der Menschen im System Schule unterwegs. Es lohnt sich daher ein genauerer Blick darauf, wie es den verschiedenen Beteiligten in Schule geht und wie die aktuelle Situation in deutschen Schulen ausschaut.
In den Medien sind derzeit wiederholt Schlagzeilen über die Institution Schule zu finden, die sich erschreckend lesen, so z. B.: die »Zahl der Gewalttaten an Berliner Schulen deutlich gestiegen« (s. Welt 2024), die »Digitale Belastung: Lehrkräfte kämpfen mit zunehmendem Stress« (s. Hedermann 2024), »Jeder vierte Viertklässler kann nicht richtig lesen« (IGLU-Studie, s. Tagesschau 2023b) oder »Schulen am Abgrund« (s. Kreye 2024).
Schauen wir einmal genauer hin: Was ist los in der Schule?
Zunächst einmal bin ich sehr dankbar für die zahlreichen Lehrkräfte, denen ich in meinem Leben als Schulsozialarbeiterin, aber auch bereits als Schülerin begegnen durfte und die tagtäglich einen großartigen Job machen. Viele Lehrkräfte tun ihr Möglichstes, um die Schüler:innen in ihrer Entwicklung zu fördern und sie als starke Persönlichkeiten in die große, weite Welt zu entlassen. Aber auch hier, im System Schule – so wie wohl in fast allen Systemen auf der Welt, zumindest in Deutschland (über überbürokratische Vorgänge in Deutschlands Ämtern könnte ein eigenes Buch entstehen) – lassensich einige Aspekte finden, die wir als schwierig oder altmodisch, als unnütz oder entwicklungshemmend bezeichnen können.
Schauen wir uns dazu zunächst den Beruf der Lehrkraft an, der vermeintlich einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat. Schließlich spielen Lehrkräfte im Leben aller Kinder und Jugendlichen eine wesentliche Rolle, insbesondere in der Bildung und Erziehung. Diesen gesellschaftlichen Wert nehmen die Lehrkräfte jedoch sehr ambivalent wahr: Einige haben das Gefühl, als Vorbilder angesehen zu werden, und äußern, sie erhielten Respekt und Anerkennung für ihre Arbeit. Andere sagen jedoch genau das Gegenteil: Sie würden von Eltern und Schüler:innen beschimpft und kämpften mit dem Vorurteil, dass sie übermäßig viel Freizeit hätten. Unterschiedliche Lehrkräfte berichteten mir, dass sie immer wieder mit Aussagen von Menschen aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft konfrontiert würden wie »Lehrer müsste man sein, dann hätte man fast nur frei«, »So viel frei wie ein Lehrer möchte ich auch gern mal haben« oder »Stell dir mal vor, ein Lehrer müsste genauso viel arbeiten wie ich – der wäre gar nicht so belastbar«.
Zu dieser Meinung trägt bei, dass die Arbeit der Lehrkräfte nur zu einem gewissen Teil sichtbar wird: in der Schule in Form von Unterricht. Was oftmals nicht gesehen wird, ist die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts oder auch die Korrektur von Klausuren. Weiterhin bleiben Tätigkeiten wie das Führen von Elterngesprächen, das Organisieren und Durchführen von Klassenfahrten und Ausflügen oder das Lösen von Konflikten innerhalb des Klassenverbandes meist unsichtbar. Durch diesen überwiegend verborgenen Teil der Arbeit kämpfen Lehrkräfte immer wieder mit dem Klischee, nur in Teilzeit zu arbeiten. Derzeit läuft eine Arbeitszeitstudie der Universität Göttingen (s. Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften, Georg-August-Universität Göttingen 2024), in der u. a. die derzeitige Arbeitsbelastung von Lehrkräften untersucht wird. Einige Lehrkräfte, die daran teilnehmen, berichteten mir davon, dass sie in der genauen Dokumentation ihrer tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden bei ca. 49–52 Zeitstunden pro Woche liegen, einige davon arbeiten dabei aktuell in einem offiziell verminderten Unterrichtsumfang. Die Mehrheit erzählte mir von einem ausgeprägten Schlafdefizit aufgrund der bereits erwähnten Unterrichtsvorbereitungen oder Korrekturen bis in die späten Abendstunden und dem Gefühl, nur sehr selten »richtigen« Urlaub zu haben. Auch berichteten die Lehrkräfte davon, zu wenig Zeit für die eigene Familie oder Gesundheit zu haben. Themen wie gewaltiger Zeitdruck, ein hoher Aufwand durch Verwaltungsaufgaben, Mobbing und Konflikte, die unter den Schüler:innen stattfänden und geklärt werden müssten, haben große Auswirkungen auf die Arbeitsbelastung und Qualität der Berufsausübung.
Auch die Außenwirkung des Berufs Lehrer:in scheint überarbeitungswürdig. So höre ich im Austausch mit Lehrkräften Bemerkungen wie: »Ich hasse es, wenn ich auf einem Elternabend meiner Kinder nach meinem Beruf gefragt werde. Wenn ich ehrlich antworten würde, würden mich die anderen Eltern nicht mehr als ›normalen‹ Elternteil anerkennen, und die Klassenleitung würde mich entweder als Verbündeten oder als Rivalen abstempeln. Also sage ich lieber nicht, wo ich wirklich arbeite, sondern gebe nur an, im öffentlichen Dienst tätig zu sein.«
Insgesamt gibt es viele Anforderungen von unterschiedlichen Seiten, denen Lehrkräfte Rechnung tragen sollen: Die Schüler:innen wünschen sich didaktisch vielfältigen Unterricht, in dem alle Lernenden anerkannt und gesehen werden. Bei Problemen und Schwierigkeiten soll die Lehrkraft dann auch außerhalb des Unterrichts als Ansprechpartner:in zur Verfügung stehen – auch für die Eltern. Denn die Eltern vertrauen den Lehrer:innen ihr Kind mit der Forderung an, dass die Lehrkraft alles dafür tut, das Kind im höchsten Maße zu fordern und zu fördern. Darüber hinaus wünscht sich die Schulleitung Engagement von ihrem Kollegium, und zwar über den eigentlichen Unterricht hinaus. Bestenfalls wirken die Lehrkräfte noch in Gremien mit oder übernehmen andere verantwortungsvolle Aufgaben. Mangelndes Engagement oder Desinteresse an solchen zusätzlichen Tätigkeiten können dazu führen, dass Lehrkräfte das Gefühl vermittelt bekommen, nicht gut genug zu sein, nicht genug zu leisten. Dabei tragen sie eine bedeutende Verantwortung für die Entwicklung der Kinder:
»Jeder, der auch nur fünf Minuten gemeinsame Zeit mit einem Kind verbringt, erzieht es durch seine Gegenwart und sein Vorbild« (Juul 2013, S. 28).
Diese Verantwortung reicht weit über den tatsächlichen Bildungsauftrag hinaus. Der Lehrberuf erfordert viele verschiedene Kompetenzen: spezielles Wissen in den gewählten Fächerkombinationen, eine starke Persönlichkeit sowie Führungskompetenz, ein flexibles Reagieren innerhalb sich ständig verändernder Situationen sowie ein gutes Verständnis für ein sehr breites Spektrum an Schüler:innen-Persönlichkeiten (vgl. Bauer 2008, S. 53).
Die Bildungs- und Erziehungsverantwortung einer Lehrkraft möchte ich an dieser Stelle mit einem leicht abwegigen Vergleich verdeutlichen: Stellen wir uns vor, ein:e Bäcker:in möchte ein Brot backen. Zunächst muss er/sie dafür verschiedene Zutaten → Unterrichtsstoff in eine Schüssel → Unterricht geben und anschließend den Inhalt verrühren → Unterricht halten. Dabei muss er/sie aufpassen, dass keine Klumpen → einzelne Schüler:innen zurückbleiben, sondern dass die Masse einen glatten Teig → arbeitsfähige Klasse darstellt. Anschließend muss er/sie den Teig formen → Gespräche mit einzelnen Schüler:innen, Eltern oder Kolleg:innen führen, darf dabei jedoch nicht zu viel Druck ausüben (aber auch nicht zu wenig), damit das Brot die gewünschte Form erhält → die Schüler:in den richtigen Weg einschlägt. Dann muss die Bäcker:in den Teig gehen lassen → Schüler:innen an ihr eigenverantwortliches Denken und Handeln erinnern, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Nun wird der Teig gebacken → die Entwicklung der Schüler:in läuft und muss im Anschluss auskühlen. Wird der Teig dabei zu heftig bearbeitet → durch zu harte Sanktionen, Demütigungen etc. oder bekommt zu wenig Aufmerksamkeit, besteht die Gefahr, dass das Brot im Ofen verbrennt → Schulabstinenz, Leistungsversagen etc. oder im Anschluss krümelig wird → Abgang ohne Schulabschluss. Nur mit dem richtigen Fingerspitzengefühl wird das Brot schmecken → und die Schüler:in die Schullaufbahn unversehrt überstehen. Dabei sei angemerkt, dass die Arbeit einer Lehrkraft auf andere Weise anspruchsvoll zu sein scheint als das Backen eines Brotes. Trotzdem gefällt mir die Metapher.
Das deutsche Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung2 zeigt in einer repräsentativen Umfrage unter Lehrkräften im Juni 2023, welche Herausforderungen Lehrkräfte derzeit in der Ausübung ihres Berufes sehen: Dabei nannten 34 % das Verhalten der Schüler:innen (s. unten im Abschnitt »Die Schüler:innen«), 31 % die hohe Arbeitsbelastung sowie den Zeitmangel und 21 % den Lehrkräftemangel. Viele Lehrkräfte äußerten, über die Belastungsgrenze hinaus zu arbeiten und dennoch das Gefühl zu haben, den Schüler:innen nicht gerecht zu werden. Durch die wachsende Erschöpfung entschiedensich immer mehr Lehrpersonen dafür, die Arbeitszeit zu reduzieren (vgl. Anders 2022). Es scheint fast so, als steckten wir in einem Teufelskreis fest: Zu viele Lehrkräfte fühlen sich überlastet und entscheiden sich deshalb, weniger zu arbeiten – der Lehrkräftemangel steigt.
Die Unzufriedenheit der Lehrkräfte scheint zu wachsen – immer wieder begegnet mir während meiner Recherche der vom Gehirnforscher Joachim Bauer geprägte Begriff »Ort des Grauens« (s. Bauer 2008) bei der Beschreibung von Schulen. Dabei benennen nicht nur Schüler:innen sie so. Auch für Lehrkräfte kann Schule ein Ort des Grauens werden – insbesondere dann, wenn sich die Lehrkräfte als Einzelkämpfer:innen sehen und es zu wenig Austausch mit und Unterstützung durch andere Lehrkräfte gibt. Dies äußert sich u. a. durch den Wunsch, das Schulgebäude nach Schulschluss möglichst schnell zu verlassen (ähnlich wie bei den Schüler:innen). Dazu werden Gespräche mit Kolleg:innen und andere am Schulleben Beteiligten auf ein Minimum reduziert. Auch Konferenzen werden als zusätzliche Belastung empfunden, da durch sie noch mehr Zeit in der Schule verbracht werden muss. Dazu trägt auch bei, dass den Lehrkräften keine bzw. kaum adäquate Arbeitsplätze in Schulen zur Verfügung stehen. Die meisten Lehrkräfte nehmen also ihre Arbeit mit nach Hause an den heimischen Schreibtisch. Sie erleben ihr Zuhause also auch immer als einen Teil ihres Arbeitsplatzes. Wie schwer muss es sein, sich so von seiner Arbeit abzugrenzen? Wie kann so eine ausgewogene Work-Life-Balance gelingen? Müssten Lehrkräfte nicht mehr geschützt werden vor gesundheitlichen Risiken wie Burn-out?
Schulen brauchen gesunde Lehrkräfte, die verbindliche, tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen zu ihren Schüler:innen, aber auch zu Kolleg:innen und Eltern herstellen, um den Unterricht, das Lernumfeld und das System Schule erfolgreich werden zu lassen.
Schauen wir weiter – in Richtung Schüler:innen. Wie sieht ihre Lebensrealität an deutschen Schulen aus? Jesper Juul beschreibt die Situation der Schüler:innen an deutschen Schulen so:
»Heutzutage ist es so, dass die Kinder nur ganz am Anfang ihrer Schullaufbahn keine Angst vor der Schule haben, was sich meistens jedoch rasch ändert, weil die Schule nach wie vor auf ihrer Machtstellung beharrt« (Juul 2013, S. 43).
Das hört sich furchtbar an. Viele Schüler:innen beschrieben mir in Gesprächen ihre Schulsituationen mit Wortgruppen wie »ständig unter Druck stehen«, »viele sinnlose Prüfungen« oder »bloß nicht auffallen – Augen zu und durch«. Es könnte der Eindruck entstehen, dass viele Schüler:innen lernen, um zu überleben: Prüfungen bestehen, Punkte sammeln, den Anforderungen der Lehrkräfte gerecht werden. Bauer formuliert den Ort Schule für Schüler:innen als einen »Ort des Grauens«, dem man, so schnell es geht, wieder entkommen möchte (vgl. Bauer 2008, S. 46).
Kann Schule so funktionieren? Sind Kinder und Jugendliche nicht individuell völlig verschiedene Wesen mit unterschiedlichen Interessen und Anforderungen? Kann das Schulsystem mit kollektivistischen Lösungen daherkommen und versuchen, alle Schüler:innen gleichermaßen mit den gleichen Mitteln durch die Schulzeit zu drücken? Oder sollten wir nicht eher die Einzigartigkeit und die Individualität des Einzelnen erkennen und fördern? Wie kann es gelingen, das Selbst(wert)gefühl von Kindern und Jugendlichen zu stärken und die Entwicklung ihrer Identität zu fördern? Wir brauchen verantwortungsvolle und starke Persönlichkeiten, die insbesondere in schwierigen Zeiten nicht einfach Ja sagen und mitlaufen, sondern ihren Kopf gebrauchen, empathisch sind und um die Ecke denken.
In der oben bereits erwähnten Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung im Juni 2023 äußerten 34 % der Lehrkräfte, dass das Verhalten der Schüler:innen eine der größten Herausforderungen für die Ausübung ihrer Lehrtätigkeit darstelle. Die Verhaltensauffälligkeiten reichten dabei von Konzentrationsproblemen (81 %), Motivationsproblemen (70 %), körperlicher Unruhe (56 %), Ängsten (31 %), aggressivem Verhalten (27 %) bis hin zu Schulabstinenz (15 %). Auch die wachsende Kinderarmut wurde in diesem Zusammenhang als große Herausforderung benannt: Die Schüler:innen brächten immer seltener Essen mit in die Schule, hätten unzureichende Schulmaterialien dabei und würden immer weniger an Klassenfahrten und Wandertagen teilnehmen (vgl. Anders 2023). Welche Rückschlüsse lassen sich aus diesen Ergebnissen ziehen? Sind die kausalen Zusammenhänge nicht viel mehr in der Lebenswelt außerhalb von Schule zu suchen? Jesper Juul schreibt dazu:
»Es ist eine Tatsache, dass die sogenannten Schulprobleme der meisten Kinder eigentlich nichts mit der Schule zu tun haben. Man muss mit diesen Kindern über ihr Leben reden, und wer etwas Glück und Geduld besitzt, der kann manchmal feststellen, dass diese Kinder irgendwann wieder mehr Gefallen an der Schule finden. Mehr Druck auszuüben ist jedenfalls zum Scheitern verurteilt« (Juul 2013, S. 35).
Auch die Eltern haben ihre eigene Sicht auf das System Schule. Dabei vertrauen Eltern ihre Kinder einer Institution an, in der sie oftmals selbst schlechte Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend gemacht haben. Das schürt häufig automatisch Ängste und Vorurteile gegenüber der Schule, also der Institution, die ab Schuleintritt ihrer Kinder einen wesentlichen Einfluss auf deren Leben hat. Eltern haben in Gesprächen mit Lehrkräften schnell die Empfindung, auf einer Art Anklagebank zu sitzen. Sie fühlen sich oft bloßgestellt oder gemaßregelt – in der Rechtfertigungspflicht, warum Sachen so und nicht anders laufen. Eltern erleben Schule nicht als Unterstützungssystem, sondern als zusätzliche Belastung zu all dem, was sonst noch so los ist:
»Die angespannte Situation in unseren Schulen belastet vor allem die Beziehung zwischen Eltern und Kindern und setzt sie unnötigem Stress aus« (ebd., S. 21).
Das gilt natürlich nicht für alle Eltern – viele fühlen sich durch die Schule gut unterstützt und informiert. Die Einbindung der Eltern im schulischen Alltag schwindet spätestens im Übergang von Grundzu Oberschule. Der Einfluss auf das eigene Kind im Schulerleben nimmt rapide ab. Viele Eltern äußern das Gefühl, nicht mehr mitzubekommen, wie es in der Schule wirklich laufe und was im Leben ihres Kindes überhaupt los sei. In Gesprächen mit Eltern werden wiederholt Schwierigkeiten deutlich, die durch externe Umstände beeinflusst werden. Dazu gehören einerseits der Einfluss von Peergroups, aber auch der unbegrenzte Zugang zu sozialen Medien. Eltern sind einem permanenten Spannungsfeld ausgesetzt: Sie sollen zu jeder Zeit in gutem Kontakt mit ihrem Kind stehen, aber auch die Werte von Schule mit ihren Aufgaben vertreten und beim Kind durchsetzen. Oftmals stimmen diese Werte dabei nicht mit den eigenen überein – ein Dilemma für alle Beteiligten.
Insbesondere, um Ängsten und Vorurteilen der Eltern entgegenzuwirken und sie als gute Kooperationspartner:innen an Bord zu holen, ist es wichtig, sie von vornherein in Schule zu integrieren und als enge Partner zu erleben. Eltern wünschen sich, ähnlich wie Schüler:innen, klare Regeln und Rahmenbedingungen, in denen sich Schwierigkeiten deutlich formulieren und konstruktiv bearbeiten lassen.
Die Institution Schule wurde in den letzten Jahren um eine wichtige Säule erweitert: die Unterstützung von Schüler:innen und ihren Eltern, aber auch von Lehrkräften erfolgt nun durch Menschen, die den sozialen Berufsgruppen zugeordnet werden. Dazu gehören Schulsozialarbeiter:innen, aber auch (Integrations-)Erzieher:innen und Sonderpädagog:innen. Ich möchte meinen Fokus in diesem Buch auf die Schulsozialarbeit legen, jedoch nicht schmälern, was für eine überaus wichtige Funktion alle sozialen Berufsgruppen an den Schulen leisten.
In den letzten Jahren sind Stellen für Schulsozialarbeitende wie Pilze aus dem Boden geschossen. Einen Großteil hat diese Entwicklung der Tatsache zu verdanken, dass sich viele Schulen in Richtung Ganztagsschulen entwickelt haben und somit ein Budget für Schulsozialarbeitsstellen geschaffen wurde. Auch aus anderen Fördertöpfen wurde Geld investiert, um die Schulsozialarbeit auszubauen.
