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Mika ist zwanghaft und phobisch in jeder Hinsicht. Alles hat seine Ordnung und Sicherheit ist ihre Obsession. Sie versucht ihre blinde Mutter zu schützen und das geht nur, wenn die Welt ein sichererer Ort wird. Daher widmet sie ihre Promotion der Optimierung der Sicherheit des Tunnelsystems unter Berlin. Doch ihre selbstgeschaffene Ordnung verliert sich mehr und mehr als sie Roxanne kennenlernt. Eine geheimnisvolle, gefährliche Kommilitonin, die sich langsam in ihr Leben drängt. Was sind ihre Absichten und wieso dringt sie gewaltsam in das Tunnelsystem ein, das Mika zu schützen versucht? Geprägt von Kontrollverlust, Vertrauen und der Angst davor entwickelt sich zwischen beiden eine verstörende Beziehung.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Josi Schlichting ist 1989 im bergischen Hückeswagen geboren und auf der spanischen Insel Teneriffa aufgewachsen. Dort begann sie ein Studium der Tourismuswirtschaft. Anschließend kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete in Hannover während ihres Studiums der Germanistik und Romanistik als Übersetzerin und verfasste Artikel für regionale Zeitschriften. Hauptberuflich bewegt sie heute Teams aus ihrer Komfortzone. Die Schriftstellerei ist seit jeher ihre große Leidenschaft. Unter anderem lektoriert sie das Literaturmagazin "LiMa" des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen e.V. (BVjA). Nach kleineren Erfolgen mit Kurzgeschichten wie "Stumme Schreie", "Bis es schmerzt" und "Dicke Fische" veröffentlichte sie Anfang 2017 mit "XY - Das Kind" ihren ersten Roman. Auf der Frankfurter Buchmesse des gleichen Jahres gewann sie den von BoD und Beemgee ausgerichteten "Deine Helden"-Wettbewerb. Das daraus entstandene und 2019 veröffentlichte Buch trägt den Namen "Roxanne".
Für Mama.
"Respira", me dices mientras miras al mar y te miro, y respiro.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Einer nach dem anderen betrat den Hörsaal, blickte um sich und fand einen Sitzplatz auf einem der hölzernen Klappsitze. Manche Studenten kannten sich bereits und suchten sich gemeinsam Plätze aus. Keine strategisch kluge Entscheidung, dachte Mika. Ganz anders als die, die sie selbst getroffen hatte. Mika war früh aufgetaucht, ungeduldig vor der Hörsaaltür auf- und abgegangen und die Erste gewesen, die den Raum betreten und sich einen Platz gesucht hatte. Ihre Wahl war, wie längst geplant, auf den Sitz direkt an der rechten Wand in einer der hinteren Reihen gefallen, in der Nähe eines der riesigen Fenster, durch die das milchige Licht der Morgensonne auf ihre blassen Hände schien. Nicht zu nah und nicht allzu weit vom Dozentenpult entfernt. Am wichtigsten war für Mika, wie in all den vorangegangenen Studienjahren, freie Sicht auf den Eingang zu haben. Sie würde die Tür durchgehend im Blick behalten, sogar aus den Augenwinkeln heraus. Sie würde das Gesicht von jedem, der den Saal betrat, sehen und auch wiedererkennen. Sie würde sehen, wie motiviert es wirkte. Und sie würde ihre Kommilitonen auch während der Vorlesungen beobachten können, sich fasziniert in den Zeichnern, den Übereifrigen und den Gelangweilten verlieren.
Bis die Vorlesung begann, fanden keine Auffälligkeiten statt. Mika lehnte sich aufatmend zurück und fing erst in der Folge damit an, sich auf das Semester zu freuen. Dann bemerkte sie allerdings eine unübersehbare und dennoch unbekannte Studentin, die den Raum betreten hatte, nachdem der Dozent für "Radar Remote Sensing" sich auf den Weg zur Tür gemacht hatte, um sie zu schließen. Sie war anders als die anderen. Sie wurde vom Dozenten mit einer Umarmung begrüßt. Einige Kommilitonen tuschelten daraufhin und Ruhe kehrte erst wieder ein, als der Dozent das Wort ergriff: "Puh, dieser Kurs wird von Jahr zu Jahr von weniger Jungen frequentiert", stellte er fest. Während er sprach, lief die zuletzt eingetroffene Studentin hastig zu ihrem zukünftigen Platz in der ersten Reihe, den sie wählte, weil er einer der letzten freien Plätze war, weil sie keine Zeit hatte, sich umzusehen oder aber weil sie sich vorgenommen hatte, ohne Ablenkung fleißig zu sein. Sie wirkte ungeduldig und unreif in Mikas Augen. Ihr gelber Pullover war auf der Rückseite von Grasflecken bedeckt. Mika hielt sie für faul. Für jemanden, der lieber im Gras schläft, anstatt pünktlich zur Vorlesung zu erscheinen. Sie hielt sie für zu faul, um in einem Kurs zu sein, der für Doktoranden und ein paar Masterstudenten vorgesehen war. Und trotzdem war sie für Mika interessant genug, um die ersten Worte des Dozenten zu verpassen, den sie aufgrund von Beschreibungen im Vorlesungsverzeichnis zu ihrem vorläufigen Lieblingsdozenten ernannt hatte. Mika rieb sich die Schläfen, blendete ihre Analyselust aus und schaute den Dozenten an. Er sprach über sich und seine Forschungsarbeit am Institut. Wie immer am Anfang eines Semesters, nicht wichtig, dachte Mika und ihr Blick fiel wieder auf den gelben Pullover. Wieso hatte sie einen ihrer Lieblingsdozenten umarmt?, fragte sie sich. Vielleicht hatte sie nicht im Gras geschlafen, sondern sich geprügelt, überlegte sie oder Bodenkontakt-Sportarten ausgeübt. Vielleicht war sie auch gefallen, spekulierte sie weiter, weil sie schwach war, aufgrund von einer Krankheit oder einer Verstauchung. Dann schluckte sie. Sie mutmaßte über Krankheiten aufgrund lächerlicher Grasflecken, dabei sollte sie sich konzentrieren. Ihren Blick richtete sie wieder nach vorn. Mikas volle Aufmerksamkeit galt unverzüglich wieder ihrem Dozenten.
Inzwischen hatte er das Thema gewechselt und sprach über Drogen-Aufklärungsveranstaltungen, die alle Kommilitonen unbedingt besuchen sollten. "Freiwillig. Zum Wohle der Gesellschaft. Um anständige Menschen zu werden. Sollte Ihnen jemand Freifall anbieten, lassen Sie bitte die Finger davon, verstanden? Sie werden sich innerhalb weniger Tage vor sich selbst ekeln, wenn Sie nicht schon nach wenigen Minuten Ihre Selbstachtung verlieren."
Der Grasfleck drehte sich weg. Die unpünktliche Studentin suchte etwas in ihrer Tasche hinter sich. Erst jetzt bemerkte Mika die harten Gesichtszüge der Fremden, ihre dunklen Augen, die kleine Platzwunde an der Unterlippe, die dichten Augenbrauen und den markanten Unterkiefer. Aber sie hielt ihren Blick gesenkt, sodass der Ausdruck ihrer Augen verborgen blieb.
Sieh mich an, dachte Mika und hoffte, ihr penetrantes Starren würde an den anderen Teilnehmern der Vorlesung unbemerkt vorbeiziehen. In dieser Stadt kannte noch keiner ihre Eigenart, augenscheinlich apathisch zu beobachten.
Die Fremde schloss ihre Tasche, schob eine Strähne ihrer schwarzen Haare hinter ihr Ohr und sah auf. Ihr Blick blieb an Mika hängen. Zwei Sekunden hielten sie Augenkontakt. Zwei lange Sekunden, aus denen vielleicht auch drei oder mehr geworden wären, wenn Mika nicht bewusst weggesehen hätte. Sie fragte sich, warum sie sich gewünscht hatte, angesehen zu werden, und kämpfte zwischenzeitlich gegen ein Gefühl, das sich auf ihrer Skala bei neun befand: Scham. Hinzu kam der unangenehme Umstand, möglicherweise beobachtet zu werden, ohne selbst die Beobachtende zu sein. Da hatte sie ihren perfekten Platz, von dem aus sie die Überwachung eines Großteils des Raums problemlos vornehmen konnte, und dennoch war sie es, die weggesehen hatte. Sie war es, die beobachtet wurde. Vielleicht. Diese Ungewissheit befand sich ebenfalls auf dem neunten Rang ihrer Skala. Sie atmete aus, ballte ihre Fäuste und sah wieder zu der Fremden im gelben Pullover. Doch diese sah nicht mehr zu ihr hinüber, sondern zum Dozenten. Natürlich, dachte Mika verärgert. Nicht zu wissen, wie lange sie bereits nicht mehr zu Mika sah, löste weitere unangenehme Ungewissheitsgefühle in ihr aus. Sie holte tief Luft. "Verdammt", flüsterte sie, woraufhin sich ihre Nachbarin räusperte. "Entschuldigung", hauchte sie rasch hinterher.
Ihre Nachbarin schüttelte den Kopf. Wie die meisten Menschen, die Mika erstmals sahen, und auch wie viele, die sie bereits lange kannten. Die ersten Sekunden in der Nähe fremder Menschen waren für Mika klar entscheidend für die Zukunft jeder Beziehung. In 97 Prozent der Fälle endeten ihre ersten Begegnungen mit genau diesem Kopfschütteln ihres Gegenübers. Die restlichen drei Prozent mündeten meistens später in Distanzierungsversuchen.
Mika lockerte ihre geballten Fäuste, holte tief Luft und versuchte abermals, sich auf die Worte des Dozenten zu konzentrieren. Dennoch blieb das Gesicht der Fremden in Mikas Netzhaut gebrannt. Doch nicht mit einem liebenswürdigen Lächeln, das dazu einlädt, möglicherweise eine Freundschaft zu beginnen, erschien es in ihrer Erinnerung, sondern voller Wut, Misstrauen und einer Prise Gewalt. Eine wohlwollende Stimme in Mikas Kopf, die klang wie die ihrer Mutter, suggerierte ihr sanft, diesen Menschen nie wieder anzublicken. Doch eine andere, nach 14 Semestern neue, ungewohnt aufregende und raue Stimme lachte darüber. Erst zum Schluss, an dritter Stelle, kam üblicherweise ihre eigene Meinung, auf die sie viel zu selten hörte: "Es war nichts dabei", sagte Mika zu sich selbst.
"Wie bitte?", fragte ihre Nachbarin, die ebenfalls viel zu jung aussah und vermutlich erst kürzlich das Ende der Schulzeit begrüßt hatte. Sie muss sich in der Vorlesung vertan haben, dachte Mika.
"Ich bin Karla", fuhr die Nachbarin fort, obwohl nach Mikas Statistik kopfschüttelnde Menschen nicht auf sie zugingen. "Und du?"
"Shh", stoppte jemand aus den Nebenreihen ihre zaghafte Kommunikation.
Mika hatte sich auch in diesem Semester für ihre Promotion erhofft, von Stipendien leben zu können, und musste deswegen überdurchschnittlich abschneiden. Ihre Mutter konnte sie finanziell nicht unterstützen, sondern brauchte ihre Tochter und das bisschen zusätzliches Einkommen, das Mika durch Aushilfsarbeiten in der städtischen Schulbuchdruckerei beitragen konnte. Doch trotz all ihrer Vorsätze, zur Musterstudentin zu werden, rauschten nun die ersten Vorlesungsstunden des Semesters einfach an ihr vorbei. Sie hatte sich unterbewusst dafür entschieden, die neue regungslose Kommilitonin mit den Augen zu fixieren. Ihr Herz klopfte laut und deutlich und zudem schneller als sonst.
"Es reicht, wenn Sie das erste Buch der Literaturliste bis in zwei Wochen durchgearbeitet haben. Guten Tag." Der Dozent klappte seine Mappe zu und ging.
"Welche Literaturliste?", murmelte Mika.
Ihre Sitznachbarin schnaubte und ging wortlos. Sie muss es Mika übelgenommen haben, die Vorstellungsrunde nicht wieder aufgenommen zu haben.
Ist nicht weiter schlimm. Professor Wenzel gilt als nett, er wird mir sicherlich die Liste schicken, wenn ich ihn darum bitte, überlegte Mika, während sie ihren unbenutzten und sauber angespitzten Bleistift hinter ihrem Ohr verschwinden ließ. Sie trug ihren Bleistift seit Jahren hinter dem linken Ohr, sodass er bereits wie in einer für ihn vorgesehenen organischen Delle hing. Mika hasste Federmappen und auch sonst alle Gegenstände, die sie versehentlich vergessen könnte. Nicht einmal einen Anspitzer für ihren Bleistift führte sie mit sich. Wenn sie gerade nicht den elektrischen Anspitzer auf dem Flur vor den Hörsälen nutzen konnte und auch kein Messer zur Hand hatte, spitzte sie ihren Bleistift an einem Stein oder mit ihren Fingernägeln an.
Am Ende der Vorlesung angelangt, gingen einige Studenten in andere Hörsäle, aber viele blieben, so auch Mika und die Neue. Inmitten der Lautstärke und Bewegung während der akademischen Viertelstunde und dem Gehen und Kommen neuer Professoren gelang es Mika langsam wieder, die restlichen 398 Menschen im Raum wahrzunehmen. Und pünktlich zum Ende der letzten Einführungsveranstaltung des Tages waren ihre Synapsen bereit, den Klang ihres Namens wahrzunehmen und aufzusehen.
"Frau Lindblad", rief eine Professorin. "Lindblad?"
Mika hob energisch ihren linken Arm, packte ihr noch unberührtes Notizbuch in die von ihrer Mutter selbstgehäkelte Tasche und schnellte die Stufen hinab zum Eingang nahe dem Pult.
"Hier ist Ihr Projektbrief". Die Professorin reichte Mika genervt schnaubend einen Umschlag. Sie trug eine Lesebrille auf der Nasenspitze, während sie Mikas Namen vom Umschlag ablas, bevor sie den Raum wieder verließ, um den Korridor herunterzugehen.
Mika bemerkte ihre Finger, als sie den Brief entgegennahm. Sie waren lang und so dünn, dass sie eher wie abgenagte Knochen wirkten, die an einer zittrigen Hand hingen. Symptome einer gestressten, ungeduldigen Koffeinsüchtigen, dachte Mika, eine Frau, die wahrscheinlich aufgrund ihrer mageren Erscheinung älter aussieht, als sie tatsächlich ist.
Mika kannte die Professorin nur von ihren Veröffentlichungen und bewunderte sie. Sie leitete sämtliche Forschungsgruppen zur Sicherheit des Tunnelsystems unter Berlin und Mika hatte sich um eine Forschungsstelle bei ihr beworben. Sie wollte ihre Promotion nach einem Jahr der Forschung an Photogrammetrie ändern, bevor ihr Doktorvater es für sie tat, und hatte sich immer wieder um eine Stelle bei Professorin Louisa Roth beworben.
"Projektbrief?", fragte Mika verwirrt, obwohl die Professorin längst nicht mehr in Sichtweite war.
"Du hast nicht zugehört. Professorin Roth verteilt Projekte für das Semester."
Ein kalter Schauer lief Mikas Rücken herunter, als sie sich umdrehte und feststellte, wer ihr diese Erklärung gegeben hatte. "Oh", entfloh es ihr, "aber ich brauche kein Projekt für die Promotion, es sei denn..."
"Ein Danke wäre auch o.k.", sagte die Fremde im gelben Pullover.
Schnell sah Mika fort und murmelte ein Danke. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie nah die Fremde neben ihr stand, und sie hatte verpasst, ob etwas zu den verteilten Umschlägen gesagt wurde. Langsam entfernte sie sich von der Menschenansammlung im Eingang, die vermutlich zusammengekommen war, weil jeder einen Umschlag erwartete.
Jetzt, wo die Professorin gegangen war, löste sich die Traube auf. Einige schlurften enttäuscht zurück zu ihren Plätzen. Mika wollte den Raum verlassen und ihren Umschlag alleine öffnen. Ein Teil ihrer Konzentration galt jedoch noch dem Versuch, nicht in die Richtung der neuen Kommilitonin zu sehen, die im Türrahmen lehnte und ihren eigenen Projektbrief las. Ihre tiefe Stimme verankerte sich neben dem Bild ihres Gesichts in Mikas Kopf.
Sie rief sich selbst ins Gedächtnis, welchen Wert das Studium für sie hatte. Sie wusste, was sie wollte und wie sie ihre Ziele erreichen konnte. Sie würde sich auch jetzt nicht ablenken lassen.
Draußen im Flur las sie das Schreiben:
"Promotion / Projekt: Das Tunnelsystem Berlins.
Liebe Frau Lindblad,
Ihre Bewerbung um ebendieses Thema hat uns davon überzeugt, mit Ihnen hieran zu arbeiten. Wir möchten den folgenden Aufgabenbereich in Ihre Hände legen, da Dr. Sergejev und ich Ihre detaillierte Analyse bereits für unsere Arbeit nutzen konnten. Ihre Ansätze bezeugen, dass Sie das Tunnelsystem bereits kennen. Zudem würden Sie hervorragend in die Forschungsgruppe hineinpassen, die dafür verantwortlich ist, die Tunnelsicherheit zu optimieren. Der Ausschuss stimmt Ihrem Antrag auf einen Promotionswechsel zu und bietet Ihnen eine Doktorandenstelle im Fachbereich 'Sicherheit und Kontrolle' an. Sollten Sie unser Angebot annehmen, müssten wir uns schnellstmöglich genauer darüber unterhalten, wie tiefgehend Ihre Kenntnisse sind und woher sie rühren, da es sich um sensible Informationen handelt, wie Sie sicherlich wissen."
Unter Mikas Haut brach augenblicklich eine Art Waldbrand aus. Mika liebte das Tunnelsystem seit dem Moment, in dem sie erstmals davon in den Nachrichten gehört hatte. Sicherheit zu optimieren war seit der Erblindung ihrer Mutter und der Überfälle, die sie aufgrund dessen erleiden musste, ihr einziges Anliegen. Und das Sicherheitssystem des Tunnels ließ ihrer Meinung nach zu wünschen übrig. Sie selbst hatte mehrere Lücken ausfindig gemacht und diese mutig in ihr Bewerbungsschreiben eingebracht.
Sie las weiter:
"Es ist von größter Wichtigkeit, dass wir Ihnen vertrauen können, und ich bitte Sie daher, sich bei mir im Büro (Gebäude "Kolosseum", 3. Stock, Raum 312) vorzustellen, nachdem Sie alle Unterlagen gesichtet und sich für dieses Projekt und die dafür benötigte Loyalität und Verschwiegenheit entschieden haben, jedoch spätestens bis zum 30. Oktober. Gezeichnet: Prof. Louisa Roth."
Mika faltete den Brief wieder zusammen und schob ihn in den Umschlag. Ohne weiter darüber nachzudenken, machte sie sich auf den Weg zu Raum 312 in den dritten Stock des weitläufigen Universitätsgebäudes.
"Herein", hörte sie die Stimme der Professorin, kurz nachdem sie an die hohe und breite Eichenholztür geklopft hatte. Erleichtert trat sie ein.
Die Professorin saß in einem als Bürostuhl eher ungeeigneten Ohrensessel aus braunem Echtleder, den Mika förmlich riechen konnte. "Ja bitte?" Sie sah auf, über ihre schmale Brille hinweg und ihr Ausdruck erhellte sich, als sie erkannte, wer sie besuchen kam.
"Mein Name ist Mika Lindblad. Sie haben mich im Projektbrief 'Das Tunnelsystem Berlins' zu sich gebeten", erklärte sich Mika eilig.
"Frau Lindblad! Das ging schneller, als ich erwartet hatte." Die Professorin setzte ihre Brille ab. "Aber das ist gut. Je eher wir sprechen, desto besser für das Projekt."
Mika sah sich im Raum um. Der Schreibtisch ihrer Dozentin stand am Giebelfenster, direkt gegenüber vom Eingang, sodass Professorin Roth auf die Tür schaute, sobald sie hinter dem höhenverstellbaren Schreibtisch saß. Das würde im Notfall bedeuten, dass sie langsamer zur Tür kommen würde, als wenn der Tisch um lediglich 90 Grad gedreht würde. Dann könnte sie die Tür leicht erreichen, ohne um den Tisch herumrennen zu müssen. Besonders, wenn sie gerade im Stehen arbeitete. Sie könnte zur Not auch aus dem Fenster springen. Mika überlegte, ob man einen Sprung aus dem dritten Stock des Altbaus der Universität mit ihren hohen Decken überleben würde, und versuchte einen Blick nach draußen zu werfen. Wenn sich zum Beispiel ein überdachter Balkon im zweiten Stockwerk befinden würde, sähen die Fluchtmöglichkeiten wieder deutlich besser aus.
"Frau Lindblad, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?"
Mika erschrak. "Also das Tunnelsystem kenne ich gut, weil...", stotterte sie los.
Die Professorin unterbrach sie: "Stellen Sie sich hier vor mich."
"Wie bitte?"
"Kommen Sie, Sie wollen mich doch nicht allen Ernstes glauben lassen, Sie wären schwerhörig." Eine dünne Falte zeigte sich zwischen den Augenbrauen der Professorin. "Ich kenne Ihren Werdegang in- und auswendig. Ich glaube Ihnen. Ich habe alle Ihre Arbeiten gelesen und auch die Artikel, die Sie für die Bewerbung bei der Campus-Zeitung geschrieben haben. Ich weiß nicht, woher Sie diese Gabe haben, aber jedes kleinste Detail saugen Sie auf und bringen es auf den Punkt. Das brauche ich. Wenn Sie sich dafür entscheiden, an unserem Projekt teilzunehmen, sollten Sie aber wissen, dass ich Ihre Arbeit überprüfen werde, ich werde Ihr Supervisor sein. Die gesamte Zeit über."
Mika war Professorin Roths Aufforderung inzwischen gefolgt und stand vor ihr. Ziemlich genau zwanzig Zentimeter sind das, dachte Mika, die sich überaus unwohl fühlte.
Ihre Dozentin richtete sich auf. Mika wich einen halben Schritt zurück. "Sie werden eine persönliche Schutzausrüstung erhalten und eine dreiwöchige Selbstverteidigungsausbildung absolvieren müssen, sollten Sie sich für das Projekt entscheiden", erklärte die Dozentin. "Außerdem werden Sie Vertrauenstests durchlaufen müssen, ohne Ankündigung. Das versteht sich von selbst."
"Ja, das versteht sich von selbst." Mika konnte ein bisschen Spott in ihrer Wiederholung nicht vermeiden.
"Überlegen Sie sich das gut", mahnte Professorin Louisa Roth.
"Ich entscheide?"
"Nein, die Ausbildung gehört dazu."
"Ich meine, ich darf mich für oder gegen das Projekt entscheiden, oder? Sie haben sich bereits für mich entschieden?"
"Es ist kein Projekt, sondern Ihre Promotion, und Sie haben sich um diesen Wechsel beworben. Ich verstehe nicht ganz, warum Sie das noch fragen. Aber seien Sie beruhigt, es gibt noch andere Kandidaten." Professorin Roths Mundwinkel zuckten. "Und ja, wir würden gerne mit Ihnen arbeiten."
Mika zögerte aufgrund des einzigen Hakens an der Sache. Die Selbstverteidigungsausbildung und ich sind nicht kompatibel, dachte sie.
"Sie können, wenn Sie nun doch unsicher sind, noch etwas darüber nachdenken", fuhr die Professorin fort, "jedoch nicht zu lange, wir wollen so bald wie möglich beginnen. Sie sollten wissen, dass wir uns jährlich die besten Studierenden aus allen Bewerbungen heraussuchen, Frau Lindblad. Ich nehme an, Sie haben mein Buch 'Save the Data' gelesen?" Louisa Roth baute eine bedeutungsvolle Pause ein. Als Mika nicht reagierte, fuhr sie fort: "Erste Voraussetzung noch vor der Sicherheitsausbildung ist es, dieses Buch zu lesen, ansonsten müssen wir mit Ihnen fast ganz von vorne anfangen."
"Ich habe es gelesen, Verzeihung."
"Gut", erleichtert atmete Professorin Roth auf.
"Ist unter Ihrem Büro ein Büro mit einem überdachten
Balkon?", fragte Mika nun.
Die strenge Falte verschwand und die Dozentin sah Mika verwirrt an. "Ein Balkon? Nein, warum?"
"Dann sollten Sie Ihren Tisch drehen, sodass das Fenster auf Ihrer linken und die Tür auf Ihrer rechten Seite liegen", riet Mika.
"Ich verstehe nicht..."
Mika unterbrach sie: "Ich bin dankbar. Danke, dass ich die Tunnel betreten darf."
"Heißt das, Sie sind interessiert?" Wieder zuckten Professorin Roths Mundwinkel.
"Ja."
"Warum?"
"Warum? Ich liebe das Tunnelsystem, es ist ein Gefühl, das mich seit jeher verfolgt. Ich könnte mich in den Tunneln verstecken. Mich in ihnen verlieren."
Beide lächelten. "Schön, das freut mich zwar sehr, ich will Sie jedoch darauf hinweisen, dass das für mich unter anderen Umständen keine akzeptable Antwort wäre." Ihre Stimme klang in diesem Moment für Mika wie die ihrer Mutter vor vielen Jahren. Professorin Roths Worte gingen ohne Pausen ineinander über. Sie sprach nicht hastig wie die meisten Dozenten, und wenn sie ihre Sätze beendete, klangen sie weiter. So begleiteten sie Mika bis nach Hause.
Auf ihrem Heimweg las Mika in der U-Bahn die Mappe zum Selbstverteidigungskurs, den sie in den kommenden Wochen über sich ergehen lassen musste, nachdem sie sich im ersten Abteil direkt hinter die Kontrollkabine an die Sicherheitsscheibe gelehnt hatte - ihr Lieblingsplatz. Der Platz war nicht immer frei, aber heute hatte sie Glück, so sagte sie sich. Heute war schon so vieles gut gelaufen. Sie lächelte. Bis ihr die neue Kommilitonin wieder einfiel. Sie würde sie am Folgetag einfach frei heraus fragen, warum sie an dieser Universität studiert und welchen Schwerpunkt sie hat. Sie würde ausnahmsweise die Initiative ergreifen.
Während sie durch die Scheibe und die Gardinen schaute, welche die Kontrollkabine vom Rest der U-Bahn trennten, um einzuschätzen, ob der Lokführer fit genug wirkte, holte sie die Projektmappe noch einmal hervor.
Ihre Kontaktperson, eine Frau, die Wächterin, die Mika im Tunnel bei ihrer Arbeit drei Monate lang begleiten würde, sollte sie so bald wie möglich aufsuchen, damit sie ihr beibrächte, "welche Informationen für die Öffentlichkeit bestimmt und welche Sicherheitskriterien für sie als öffentliche Person wichtig, aber geheim zu halten waren". Sie schaute sich die Schichtpläne der Tunnelwächter an und fand noch eine Verschwiegenheitserklärung. Ich werde meiner Mutter nichts erzählen dürfen, dachte sie. Aber erst nach geleisteter Unterschrift.
Durch langsames aber stockendes Abbremsen vor der nächsten Bahnhaltestelle fielen Mika einige Zettel auf den Boden. Sie bemühte sich ungewandt, alle aufzuheben, ohne weitere fallenzulassen. Verlegen sah sie sich in der Bahn um. Niemand schaute zu ihr. Erst da bemerkte sie, dass kein einziger Mann im Abteil saß, außer der Lokführer. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn, der sie im Augenwinkel wahrgenommen hatte, seine schiefen Zähne zeigte und eines der Fenster öffnete, das ihn mit dem Zug-Inneren verband. "Guten Abend junge Dame", sagte er, "komm ruhig näher."
Mika näherte sich vorsichtig: "Hallo Mister, danke."
"Interessierst du dich für U-Bahnen?", seine blondweißen Haare ließen den unregelmäßigen Bartwuchs noch karger erscheinen, als er ohnehin war. Er hatte ungewöhnlich hohe Wangenknochen und sah müde, aber fröhlich aus. Sein Lächeln offenbarte weitere schiefe Zähne. Ein Zeichen für Vertrauenswürdigkeit, dachte Mika.
"Nein, ich stehe hier, weil ich schneller eingreifen könnte, sollte Ihnen etwas zustoßen oder jemand die Bahn entführen wollen."
Daraufhin lachte der Mann lauthals los. Es vergingen mehrere Sekunden, bis er bemerkte, dass sich Mikas Gesichtsausdrucke nicht verändert hatte. Sein Grinsen verflüchtigte sich langsam, er wischte sich eine Träne aus dem linken Auge und holte tief Luft. "Du willst eingreifen? Was kann denn schon passieren? Und weißt du überhaupt, was du tun müsstest?"
"Was passieren kann? 1983 schlief der Lokführer Daniel L. Peters während der Fahrt ein, weil ihm jemand Schlafmittel in den Kaffee gemischt hatte und die Bahn krachte mit voller Geschwindigkeit in eine andere, die an der nächsten Haltestelle stehenblieb."
"Dafür haben wir heute Automatismen", entgegnete er schnaubend.
"2031 wurde die Linie 7 für einen Bankraub von der Gruppe 3-1-2 übernommen und drei Geiseln starben. Nur ein Jahr später drehte eine Bahnfahrerin durch, weil sie gekündigt wurde und fuhr mit der Bahn an allen Haltestellen vorbei, ließ die Fahrgäste erst mitten im Tunnel aussteigen und entkoppelte manuell alle Waggons voneinander bis sie zufrieden in den letzten Feierabend ging. Und das sind nur Geschichten, an die wir uns alle erinnern, weil sie nicht so alltäglich sind. Jeden Tag passieren Unfälle durch Flüchtigkeitsfehler." Mika sprach emotionslos weiter: "Ob ich weiß, was ich tun muss? Dafür stehe ich jeden Tag hier und schaue Ihnen zu."
"Du glaubst, zuschauen reicht?"
"Ja."
Wieder schnaubte er.
"Entschuldigung, ich möchte Sie nicht beleidigen", beschwichtigte sie: "Aber der große rote Knopf, zum Beispiel, dient dazu eine Schnellbremsung vorzunehmen. Wenn der Zug sofort zum Stillstand kommen muss, muss dieser Knopf gedrückt werden. Den haben Sie noch nie benutzt, als ich zugesehen habe, aber Recherchieren ist nicht ganz so schwer."
Er unterbrach sie: "Das weiß jeder. Der große rote Knopf interessiert uns von klein auf, nicht wahr?"
Sie fuhr unbeirrt fort: "Mit dem Joystick auf der linken Seite fahren oder bremsen Sie, mit dem Monitor daneben können Sie ebenfalls bremsen, das Getriebe überprüfen und die Fahrgäste über alles Mögliche informieren, mit dem Schlüsselschalter rechts daneben wird der Zug überhaupt erst in Betrieb genommen. Meiner Meinung nach sollten Sie den Schlüssel am Handgelenk tragen, falls eine Entführung eintritt, wissen Sie?"
"Jetzt hast du auch noch Verbesserungsvorschläge? Was, wenn der Entführer meine Hand abhackt?", fragte er, während er den Kopf schüttelte. "Du bist pfiffig Kindchen, aber lass die anderen ihre Jobs machen. Die können das besser als du. Zuschauen darfst du trotzdem, wenn du jetzt still bist."
"Ich bin kein Kind, sehe jünger aus, als ich wirklich bin. Und selbst wenn, ich könnte den Zug steuern, wenn ich müsste."
Der Lockführer sah Mika an, schloss das Fenster und zog eine dunkelgrüne Gardine vor, sodass ihr auch das Zuschauen verwehrt wurde.
"Na toll Mika", murmelte sie zu sich selbst, "sag den Menschen nette Dinge, dann wirst du auch nicht immer ausgeschlossen." Sie zog einen Zettel aus ihrer Mappe, schrieb "Sie machen einen tollen Job" darauf und schob es durch einen schmalen Türspalt in die Fahrerkabine. Dann stieg sie aus.
Wenig später war sie zu Hause. Aufgeregt lief sie die engen Steintreppen des Gebäudes hinauf, in dem sie sich mit ihrer Mutter eine Wohnung teilte. 76, 77, 78, zählte sie flüsternd, 79, 80, geschafft.
"Wie war dein erster Tag?", fragt ihre Mutter wissensdurstig, noch bevor eine Begrüßung bis zur Eingangstür durchdringen konnte. Sie war aus der Küche in den Flur geeilt, um ihre Frage los zu werden. So war sie immer gewesen, voreilig, nach Informationen lechzend. Ihre Hände waren feucht vom Geschirr, dass sie kurz zuvor noch im weißen Porzellanbecken abwusch.
"Gut", antwortete Mika knapp, während sie die Haustür hinter sich abschloss und verriegelte. "Mehr als gut", fügte sie schnell hinzu, als ihre Mutter enttäuscht den Kopf neigte.
"Erzähl mir alles." Wie ein Kind, das endlich am Heiligen Abend nach dem Abendessen auf seine Geschenke zulaufen darf, stand Mikas Mutter mit hochgezogenen Brauen im Türrahmen der Wohnküche. Mika ging auf sie zu, um sie zu umarmen. Auf dem Esstisch hinter ihr stand das Abendessen schon bereit.
Liane Lindblad kochte jeden Tag - allerdings waren es häufig nur Fertiggerichte, die sie in der Mikrowelle erwärmte. Immer pünktlich um sieben Uhr.
Mika setzte sich ihr gegenüber an den Tisch, auf den grünen Stuhl mit der selbst geleimten Lehne, die unter dem Einfluss des Alters kürzlich gebrochen war. Den Stuhl hatte Mika zusammen mit seinen zwei anderen nur zwei Wochen zuvor nahe dem Müllplatz ihres Viertels gefunden und stolz nach Hause getragen, um die gemeinsamen Abendessen auf dem Sofa zu beenden. Ein ganz normales Abendessen am Esstisch hatte sie sich gewünscht und es inzwischen auch ihrer Mutter schmackhaft machen können. Wobei sie es wahrscheinlich nicht wirklich, sondern nur vermeintlich, eingesehen hatte.
"Habe ich heute schon erwähnt, wie toll ich unsere neuen Stühle finde?", fragte Mika stolz.
"Heute noch nicht, Schatz", lächelte ihre Mutter, "ich finde sie auch ganz wunderbar", log sie.
"Ich weiß, dass du das Essen auf dem Sofa vermisst, Mama. Aber ist es nicht jetzt viel einfacher und gut, für das Ritual, hier zu essen?"
"Wenn du nicht immer auf dem kaputten Stuhl essen wollen würdest...", sagte Liane, bevor Mika sie unterbrach: "Hey, du verletzt seine Gefühle!"
Mika hatte den Stuhl mit der geleimten Lehne zu ihrem erklärt, weil sie ihre Mutter vor Verletzungen schützen wollte. Trotz zwei völlig stabiler Versionen wollte sie fortan immerzu auf dem einen kaputten Stuhl sitzen, nur damit sich ihre Mutter nicht versehentlich draufsetzen konnte.
"Setz dich doch wenigstens auf einen der ungefährlichen Stühle", insistierte Liane.
"Aber die Nostalgie! Du wolltest, dass wir den kaputten Stuhl behalten und jetzt darf ich mich nicht draufsetzen?"
Mika konnte solch kleine Gefahren nicht ausstehen, hätte den Stuhl am liebsten sofort nach dem Bruch am Tag seines Einzugs entsorgt, ließ ihn jedoch weiter bei ihrer Mutter und sich wohnen, weil Liane es sich wünschte. Nachts hatte sich Mika schon mehrfach in die Küche geschlichen, um den Stuhl aufs Neue zu leimen.
"Erzähl mir von der Uni. Hast du die Kurse bestätigt bekommen, die du gerne besuchen würdest? Gefällt dir das alte Gebäude?", fragte Liane schriller, aufgeregter als zuvor.
"Das Gebäude, in dem ich hauptsächlich sein werde, ist von innen ebenso beeindruckend wie von außen, so wie wir es uns vorgestellt haben. Die Decken sind hoch, viel höher als bei den früheren Altbauten. In den Gängen befinden sich in regelmäßigen Abständen Rundbögen und jede Säule sowie Ecken und Türrahmen ragen mit Stuckverzierungen in den Raum hinein. Die Türen der Vorlesungssäle gleichen eher Toren als normalen Wohnungstüren. Sie lassen sich zu beiden Seiten öffnen und quietschen, wenn man sie bewegt. Außerdem schließen sie mit einem dumpfen Ton, wenn sie ins Schloss fallen, so schwer sind sie. Würde man eine der Türen schließen, wenn der Raum menschenleer ist, würde das Echo bis in die hintersten Ecken mehrmals nachhallen, so groß sind die Räume, die sich hinter den Toren verstecken. Es war nicht kalt. Ich hätte bei den hohen Decken Kälte erwartet. Aber vielleicht wird es im Winter eisig", berichtete Mika und stand auf, um sich Wasser einzugießen. "Möchtest du auch etwas trinken, Mama?"
Doch ihre Mutter wollte etwas anderes. "Erzähl mir mehr", verlangte sie. "Wie hast du dich gefühlt? Wie roch es? Gibt es einen großen Campusgarten wie an deiner bisherigen Uni?"
"Ja, sofort. Sei nicht so ungeduldig", antwortete Mika und setzte sich wieder mit ihrem Glas Wasser an den Tisch. Sie wusste, dass ihre Mutter bereits seit Wochen auf neue Beschreibungen wartete. Für Liane schien Mikas erster Tag eines neuen Semesters aufregender als für ihre Tochter zu sein. Dieses Mal hatte Liane aber die Beschreibung des Gebäudes noch viel sehnsüchtiger erwartet als zuvor, weil sie mit ihrer Tochter für die Promotion extra in die Großstadt umgezogen war. Also fuhr Mika fort: "Die Sitzreihen teilen sich einen langen Tisch, dieser wirkt wie ein niedriger Bartresen und die Sitze müssen aufgeklappt werden, wenn man sich auf sie setzen möchte. Sie bestehen aus dunkelbraunem Nussbaumholz und genauso riecht der Saal, wie in einem Kastanienwald, durch dessen Baumwipfel Sonnenstrahlen fallen, nachdem es nächtelang geregnet hat."
Mikas Mutter lächelte. Mika liebte genau diese Augenblicke. Dafür lohnte es sich, jedes Detail ihrer Umgebung einzusaugen und die Worte, die sie dazu am Abend an ihre Mutter weitergeben würde, immer und immer wieder in ihrem Kopf durchzugehen. Auf diese Weise konnte sie alles genau formulieren, wie es ihr am besten erschien. Die unschönen Details ließ sie einfach aus. In Lianes Vorstellung von Mikas Umgebung gab es keine Graffiti oder Kaugummis an den Wänden, es gab keinen Gestank nach Abwasser oder gefährlich aussehende Kommilitoninnen mit Grasflecken auf gelben Pullovern. "Außerdem roch es nach alten Büchern, die zwischendurch auf- und wieder zugeschlagen werden, um sie vom Wartestaub zu befreien. Hier gibt es tatsächlich Räume voller Bücher, ganz anders als im Norden. Ich weiß nicht, wie ich im Studium so weit kommen konnte, ohne all diese Bücher", sagte Mika nun.
"Danke, meine Kleine. Dein Essen wird kalt. Erzähle mir doch mehr, während du isst." Mikas Mutter begann selbst zu essen, während Mika ihr den panierten Fisch in mundgerechte Stückchen portionierte. "Lass mich das doch bitte selbst machen", protestierte die Mutter. Doch ihre Worte stießen auf taube Ohren. "Mika", insistierte sie.
"Mama, ich will dir nur helfen. Ist doch schön, wenn jemand einem hilft."
"Ich bin aber nicht unfähig oder gerade erst geboren." Liane und ihre Tochter schnaubten gleichzeitig. "Erzähl mir mehr von der Uni", wechselte Liane das Thema.
Mika hatte Lianes ersten Wissensdurst gestillt und konnte nun mit Pausen und über den Abend verteilt die restlichen Eindrücke preisgeben.
"Der Campus ist tatsächlich von riesigen Grünflächen umgeben. Auch hier gibt es Gemüsegärten, aber ich glaube, sie gehören zu den Gartenbauwissenschaftlern. Bis auf eine Handvoll Bäume gibt es aber nur Gras, so weit das Auge reicht. Es ist alles so ordentlich und sauber, dass ich den Herbst am liebsten komplett aufhalten würde, damit die schönen Bäume ihre Blätter behalten können. Heute schien sogar die Sonne zwischendurch und, lass mich verrückt sein, aber sogar das Licht ist auf dem Campus einzigartig. Irgendwie magisch." Mika lächelte in sich hinein, überglücklich, den Tag so erlebt zu haben.
"Das freut mich wirklich sehr", sagte Liane. "Wie war es inhaltlich heute? Hast du viele interessante Veranstaltungen?"
"Ich darf in die Tunnel", sagte Mika kurz und knapp und dennoch vorsichtig.
Ihre Mutter hatte es nicht für gut geheißen, dass Mika sich dermaßen für den Berliner Untergrund interessierte. Sie ahnte, dass nicht nur offizielle Wege für die Sicherheit wichtiger Machthaber und Staatsdiener dort geschaffen worden waren. Doch ihre Mutter war ebenso vorsichtig bei der Wahl ihrer Antwort. "Die Tunnel", begann sie zögernd, "unglaublich. Jetzt schon? Ich meine, deine Promotion fing doch vor einer Sekunde erst an." Es folgte eine lange Pause. "Was ich damit sagen will, ist..., mein Glückwunsch, ich weiß ja, wie sehr du darauf gehofft hast, nur weißt du auch..."
"Ja", unterbrach Mika sie, "ich weiß, dass du dich sorgst. Das musst du aber nicht. Ich werde in Begleitung sein. Ich werde Sicherheitstrainings durchlaufen und ständig beobachtet werden. Es wird schon nichts passieren. Und wenn, umso besser, dann habe ich dazu beigetragen, alles sicherer werden zu lassen."
"Oder du warst bei einem Unfall oder einem Einbruch dabei und hast nichts beigetragen, sondern bist im Weg herumgestanden."
"Wow", antwortete Mika, "oder so, du wirst wahrscheinlich richtig liegen."
Sie beließen es dabei. Liane stellte keine Fragen mehr zu den Einzelheiten des Projekts, sondern ließ sich den Campus weiter beschreiben. Mika überlegte, ob sie ihrer Mutter von der neuen Kommilitonin erzählen sollte. Dass sie in Erwägung gezogen hatte, sie als erwähnenswert einzustufen, war Mikas eigenes Problem und auch ein bisschen wie ein Geheimnis.
Für Liane endete der Tag, so wie er angefangen und durch ihre Sunden geglitten war: dunkel. Seitdem sie das Augenlicht verloren hatte, war es für sie mühsam geworden, mitzuhalten. Die Welt hatte plötzlich angefangen, sich viel schneller zu drehen, als sie begreifen konnte. Sie selbst musste schmerzlich lernen, langsamer zu leben und trotz dessen keinen Zorn mehr zuzulassen. Ihr Kampf war zu groß für sie alleine. Zumindest anfangs war er es. Sie hatte über mehrere Jahre hinweg gebetet, um durchzuhalten, für Mika. Sie fragte sich nicht nach dem Lebenssinn. Den kannte sie sehr gut. Sie wollte lediglich stark genug sein, sich nicht anmerken zu lassen, wie hilflos und einsam sie sich fühlte.
Sie hatte den Tag über auf ihre Tochter gewartet, auf dem Sofa im Wohnzimmer, auf dem die Wolldecke lag, die sie vor Jahrzehnten in den Bergen Schwedens zusammen mit ihrem Vater gekauft hatte, weil sie das Rautenmuster darauf faszinierend gefunden hatte. Sie war mit den Fingern immer wieder über die Decke gefahren und hatte sich eingebildet, das Muster zu erkennen. In solchen Momenten lächelte sie für den Bruchteil einer Sekunde, bis ihr die Realität ins Gesicht spuckte. Dann fluchte sie, stand auf und ging auf und ab in ihrem 21 Quadratmeter-Wohnzimmer. Dann setzte sie sich wieder, versuchte sich zu beruhigen und überlegte, ob Mika sehr wütend werden würde, wenn sie doch nur für ein paar Stunden an die frische Luft gehen würde. Wenn sie unter Menschen käme. Auch an dem Tag hatte sie sich gefragt, ob es keine Blinden-Gruppen in dieser neuen Stadt gäbe, in der sie sich noch kein Bisschen auskannte.
"Mika", flüsterte sie im Türrahmen des Zimmers ihrer Tochter, welche wortlos die Küche aufgeräumt und für den Folgetag vorbereitet hatte, bevor sie sich zurückzog, "schläfst du schon?"
"Nein Mama, was ist?", fragte sie ebenso leise.
"Ich habe mich gefragt, ob es hier nicht irgendwo eine Gruppe für Blinde gibt, die zusammen handwerklich arbeitet oder Ausflüge veranstaltet oder sowas und ob du mir dabei helfen kannst, das herauszufinden." Liane hatte sich nur zur Hälfte in das Zimmer ihrer Tochter getraut und hielt sich am Türrahmen fest, als würde er ihr Halt geben. Sie zitterte und ihr Herz schlug ihr bis zur Kehle. Die abgezählten Minuten, die sie mit ihrer Tochter hatten und welche das einzige Bisschen Abwechslung in ihrem Alltag waren, hielt sie umklammert wie einen teuren Schatz. "Vielleicht gibt es ja auch Aushilfsjobs, die zu mir passen würden, was meinst du?"
Mika ließ sich mit der Antwort Zeit. "Mama ich verstehe das. Ich kann mich nicht in deine Lage versetzen, das meine ich damit nicht. Ich meine, dass ich verstehe, dass du dir Gesellschaft und eine Aufgabe wünschst. Ich verspreche dir, dass wir hier eine Gruppe für dich finden. Aber das mit der Arbeit haben wir schon so oft besprochen", erklärte sie auf dem Weg zur Tür. Sie suchte Lianes Hand.
"Ich weiß, aber ich muss doch..."
Mika unterbrach ihre Mutter: "Du könntest arbeiten, wenn es nur die Augen wären, Mama. Du bist zu hundert Prozent berufsunfähig. Das ist kein Segen, sondern ein Fluch, ich weiß. Aber du würdest keinen Job lange durchstehen und du weißt doch, dass du ständig zu deinen Untersuchungen musst. Denk an die Depressionen..."
Liane wurde ungehalten: "Seitdem wir in Berlin wohnen und ich regelmäßig zu meiner Ärztin gehe, habe ich meine Gedanken und Ängste gut in den Griff bekommen, das weißt du."
"Mama..." Mika umarmte sie, "ich helfe dir, eine Gruppe zu finden, versprochen."
Liane wusste, dass sie ihr Leben mit Mika gefährdete, wenn sie ihre Gesundheit auf die Probe stellte.
"Mama, ich kann nur ahnen, wie sehr du dir diese scheinbar bedeutungslosen Dinge deines früheren Lebens zurückwünschst und ich will dir immer noch helfen, das Beste daraus zu machen, glaube mir. Aber diene Ärztin hat dir stark davon abgeraten, zu arbeiten. Du warst so schnell überfordert, als wir das versucht haben", erinnerte sich Mika.
"Ich bin ein Nichtsnutz", schluchzte Liane.
"Nein Mama, du bist eine Heldin."
Das Tunnelsystem war genauso, wie Mika es nach minutiöser Recherche für ihre Bewerbung erwartet hatte, und gleichzeitig ganz anders, als sie es sich in ihrer Kindheit und darüber hinaus immer vorgestellt hatte. Sie hatte dunkle, enge Gänge erwartet, an deren Decken Rohre und Kabel hingen, von denen es tropfte. Sie hatte einen modrigen Geruch erwartet und viele Schleusen. Sie hatte, wenn sie ihre Industriezeitalter-Phantasien beiseiteschob, wenigstens etwas Platzangst und labyrinthische Tunnel mit Zeichen an den Abzweigungen erwartet, die nur die Wächter verstehen konnten. Sie begegnete jedoch breiten Wegen mit ebenso hohen Decken, wie es sie in der Uni gab. Es gab keine Zeichen an den Wänden, die sie hätte deuten müssen, sondern richtige Ampeln, bei denen das rote Licht klassischerweise signalisierte, dass der Durchgang verboten war. Sie fand keinen Tunnelplan - den würde sie auch nicht zu Gesicht bekommen. "Zu gefährlich wäre das", erklärte ihr die pummelige Tunnelwächterin Hanne Breitbach, während Mika ihre erste Führung durch die Haupttunnel erhielt. Sie fuhren mit einem kleinen Wagen durch die Tunnel, der Mika an einen Golf-Caddy erinnerte.
"Das hier ist die Hauptstraße", sagte die Wächterin stolz, als sei sie die Herrscherin über diese Unterwelt. "Diese Straße untertunnelt ganz Berlin von Ost nach West ohne Kurven. Von ihr gehen geradlinig alle Nebenstraßen ab sowie weitere kleinere Straßen."
Es gibt sie also doch, dachte Mika, die kleinen, engen Straßen, die in geheime, kleinere, engere, tropfende Gänge mündeten. Sie hoffte es. Sie wünschte sich Geheimnisse, Dunkelheit und irgendwie auch etwas Platzangst, die sie während der Recherchearbeit nirgends beschrieben fand und die sie vor ihrer Mutter verharmlost umschreiben würde.
An einer der Abzweigungen brachten sie das Gefährt zum Stehen, sodass Frau Breitbach ihre Passkarte einscannen lassen konnte, um die Tür neben ihnen zu öffnen. "Hinter dieser Tür befindet sich das Hauptkontrollzentrum. Das ist die wahrscheinlich vertraulichste Information, die du in diesem Semester erhalten wirst, und sollte jemand außer dir hiervon erfahren, jemand, der diese Informationen besser nicht haben sollte, wirst automatisch du als Erste verdächtigt", erklärte sie und musterte Mika abwartend.
"Oh, ja, verstanden", reagierte diese rasch. "Zieht das Kontrollzentrum regelmäßig um?"
Bei diesen Worten der jungen Promovierenden fiel Hanne Breitbachs Kinnlade herunter.
"Ich meine, also, dann wäre es nicht so gefährlich, diese Infos an so Unwissende wie mich weiterzugeben, wissen Sie?" Mika biss sich auf die Zunge, bis ihr die Tränen kamen. Der pulsierenden Ader auf Frau Breitbachs Stirn zufolge war sie nach nur zehn Minuten im Tunnel zu weit gegangen.
Sie stellten den kleinen Wagen ab und stiegen aus. Die Wächterin betrat wortlos das Kontrollzentrum. Es ließ Mika gleichermaßen unbeeindruckt, wie schon die hellen, ordentlichen, großzügigen und fast sterilen Tunnel zuvor, die sie nun hinter sich ließen. Hier befanden sich keine dreißig uniformierten Angestellten, die vor flugzeugcockpitartigen Anlagen saßen und in Headsets sprechend die Zeit vergaßen. Es war kein dunkler Raum, in dem hier und da ein blaues Licht aufblitzte, wenn etwas Ungewöhnliches im Tunnel passierte. Mika entdeckte nur zwei Wachmänner mit Backwaren auf den Schößen und leeren Kaffeebechern vor sich, die auf jeweils einen Monitor mit Kontrolllämpchen starrten, während sie immer wieder einnickten und durch das Schnarchen des Partners geweckt wurden. Gegenüber von den beiden Männern blieben Mikas Blicke an einer Wand hängen, die übersät war mit Bildschirmen. Bei diesem Anblick leuchteten ihre Augen geradezu. Sie zählte 200 Bildschirme, zehn Mal zwanzig davon à achtzig Zoll, die sich an der Wand ausbreiteten. Jeder von ihnen zeigte einen Teil des Tunnels und wechselte nach zwei Sekunden zu einem anderen Teil. Mika hatte gelesen, dass sich das gesamte verflochtene Tunnelsystem über 300 Kilometer erstreckte – und sie erkannte sofort eine verbesserungswürdige Lücke. Die Bildschirme waren viel zu groß. Es wird niemandem möglich sein, jemals alle Bilder gleichzeitig zu erfassen, dachte sie.
