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Nur die Kuppel schützt Jaikong vor dem unerträglichen Smog. Draußen ist jeder Atemzug eine Qual. Wer sich nicht anpasst, wird in die Industrieringe verbannt. Die 17-jährige Kalana wollte doch nur Schauspielerin werden, aber sie wird in die Industrieringe geschickt – für immer von Quinn getrennt. Quinn war ihr bester Freund und eigentlich ein bisschen mehr, aber sagen konnte sie es ihm nie. Jetzt steht Kalana auf der anderen Seite der Kuppel. Sie kämpft gegen die Ungerechtigkeit des Systems. Und Quinn gehört zu ihren Gegnern. *** Eine atemlose Suche nach Freiheit! *** Ab 14 Jahren *** "Die Luftverschmutzung des fernen Jaikongs fühlt sich bedrohlich nah an", Finn T. *** "Ein im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubender Roman", Paula K. *** "Die aufregende Geschichte von Kalana und Quinn macht Mut", Carla P.
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hubert Wiest
Für Nina, Janek, Ben und Lola
Fünfter Industrie-Ring, Jaikong, 17. Oktober 2048
Obwohl die im Boden eingelassenen Pfeile kaum zu erkennen waren, mussten wir ihnen folgen. Alles andere wäre viel zu gefährlich gewesen. Eine rußige Schicht hatte sich über die Markierungen gelegt. Es war nicht dieser feine Staub, den man mit einem Atemzug fortpusten konnte. Nein, dieser Dreck klebte wie Zinksalbe. Ruß flirrte durch die Luft. Es war, als würde man fein gemahlene Kohle atmen. Ich konnte keine fünf Meter weit sehen. Die Umrisse der Fabrikhallen hatten sich längst im Smog aufgelöst.
Ich schob meinen Luftfilter zur Seite und hustete in das Tuch, das früher einmal weiß gewesen sein musste. Vor ein paar Wochen hätte mich der gelbe Schleim, der sich mit jedem Husten aus meinem Hals löste, noch beunruhigt. Jetzt war ich froh, dass sich noch kein Blut daruntergemischt hatte. Nach ein paar Jahren hier draußen würde das kommen. Es kam immer. Die durchschnittliche Lebenserwartung im fünften Industrie-Ring betrug dreißig Jahre. Ab heute würde mein Leben im Zeitraffer vorgespult werden.
Mit tänzelnden Schritten, die Staub wie von kleinen Explosionen aufwirbelten, ging Gloria einen halben Schritt vor mir. Ihr Overall hatte den Schnitt eines Kartoffelsacks, nur um die Taille von einem Gürtel zusammengehalten. Trotzdem wackelte sie wie auf einem Laufsteg und schlenkerte mit den Armen. Gloria drehte sich zu mir um und lächelte.
„Wir schaffen es bestimmt, Kalana. Wir kommen hier wieder raus. Vertrau mir!“, sagte sie und nickte, als könnte sie mich damit überzeugen.
Ich antwortete wortlos mit dem spöttischen Lächeln, das ich im Schauspielunterricht gelernt hatte. Wir waren gerade erst im Fünften angekommen. Da gab es keinen schnellen Weg zurück. Gloria versprühte ihren Optimismus doch nur, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. Weil ich ihr vertraut hatte, deswegen hatten sie uns in den Fünften verbannt.
„Lass dich nicht unterkriegen!“
Ich nickte, damit Gloria Ruhe gab. Niemals hätte ich mich auf sie einlassen sollen. Sie war eine von zwei Personen, denen ich besser nicht begegnet wäre. Gloria legte mir ihre Hand auf den Arm. „Bitte sei mir nicht böse.“
„Mmhh.“
Gloria musste husten. Mit einem Tuch wischte sie sich übers Gesicht, verschmierte dabei ihren Eyeliner. Schwarz gefleckt wie eine Kuh sah sie jetzt aus.
Ich räusperte mich, versuche meinen Rachen frei zu bekommen. Dieser Frosch im Hals war eine verdammte Kröte. Ich atmete ganz flach, um weniger Dreck in die Lungen zu bekommen. Klappte natürlich nicht. Ein Blick auf das Aerometer um mein Handgelenk zeigte einen Air Quality Index von 3500. Schon seit Jahrzehnten wusste man, dass ein Wert über 300 verdammt ungesund war. Obwohl erst Vormittag war, leuchtete mein Aerometer hellrot: zu viel Dreck eingeatmet. Ich hasste mein Aerometer, als wäre es für den Dreck verantwortlich.
„Ich glaube, dort drüben ist sie, die Filterreinigungsfabrik von Bo.“ Gloria strahlte, als würde sie den Hauptgewinner einer Lotterie verkünden. Sie hatte wirklich einen Knall.
Noch schlimmer als Gloria war nur Quinn. Eigentlich war alles seine Schuld. Dabei war er einmal so etwas wie mein Freund gewesen, hatte ich gedacht. Eigentlich sogar ein bisschen mehr, hatte ich gehofft. Warum wollte er mich sonst auf dem Abschlussball küssen? Es war erst ein paar Monate her, aber es fühlte sich an wie in ferner Vergangenheit. Es war eine andere Welt, in der wir damals lebten, in Jaikong unter der großen Kuppel, nicht hier draußen in einem der verdammten Industrie-Ringe.
Ich fuhr mir übers Gesicht. Ich wollte nicht, dass Gloria meine Tränen sah. Ich hatte eine Scheißangst. Jetzt war mein Gesicht wahrscheinlich genauso verschmiert wie ihres. Ich tastete nach dem hellblauen Plastik-Spielzeugroboter in meiner Overalltasche. Mit dem Zeigefinger fuhr ich sein Lächeln nach. Ich wollte mir ein wenig von seiner Zuversicht borgen. Aber heute wollte es nicht klappen. Ich holte den kleinen Kerl heraus. Sein eingestanztes Lächeln strahlte mich unverdrossen an. Er hatte nur einen Arm. Ich hatte ihn gleich am ersten Tag bei Plastic Fantastic mitgehen lassen.
„Pack das gestohlene Ding weg! Wir können uns nicht noch mehr Ärger leisten“, zischte Gloria.
Ich wusste, dass sie meinen kleinen Roboter bescheuert fand.
Seufzend steckte ich ihn zurück in die Tasche. Eigentlich war mir alles egal.
Jaikong, 1. Mai 2048
An jenem Tag wurde unser Schulabschluss im Lilienpark abgehalten. Der Lilienpark war einer dieser Parks, der zwischen den Hochhäusern zur Erholung geschaffen worden war. In den hellbraunen Kunstrasen zwischen synthetischen Büschen und Blumenarrangements waren geschwungene Kieswege angelegt. Sie versuchten, einen Hauch von Weite vorzuspiegeln, was wegen der rundherum dicht gedrängten Wohntürme nicht wirklich gelang. Jedes der Hochhäuser ragte mehrere hundert Meter in den Himmel. Ganz oben zwischen den Häusern war ein winziges Stückchen des grauen Frühlingshimmels zu erkennen. Eigentlich war es einer dieser wunderbaren Frühlingstage gewesen.
Wir saßen direkt vor der Bühne, die extra für unseren Schulabschluss aufgebaut worden war. Sie hatten die Stühle mit weißen Stoffüberwürfen geschmückt, als wären wir Ehrengäste. Ich fühlte mich eher wie Schlachtvieh. Heute würden sie über unsere Zukunft bestimmen.
Oben auf der Bühne stand ein Mann vom Ministerium. Sein Lächeln schien ins Gesicht gekerbt zu sein. Scheinwerferlicht schnitt die Konturen hart heraus.
Ein halbes Dutzend Assistenten wieselte um ihn herum. Unsere Direktorin war auch darunter. Sie benahm sich wie ein Schulmädchen, völlig peinlich.
Obwohl hier unten bestimmt dreihundert Menschen saßen, lag eine bedrückende Stille über dem Park. Der schwere Lilienduft nahm mir schier die Luft zum Atmen. Sie hatten die Aromatisierer wieder einmal zu stark aufgedreht. Aber wirklich schlimm war die Luft nur draußen in den Industrie-Ringen. Morgen früh, nach dem Abschlussball, würden sie ein paar Unglückliche aus unserem Jahrgang abholen. Das machten sie jedes Jahr so.
„Natürlich haben wir drei es geschafft. Wir bleiben in Jaikong“, flüsterte Quinn.
Eno stand auf der anderen Seite neben mir. Er nickte zuversichtlich.
Natürlich hatte Eno die Abschlussprüfung mit höchster Auszeichnung bestanden. Seit ich Eno kannte, war er Klassenbester gewesen. Aber hoffentlich hatte es auch Quinn geschafft. Um ihn machte ich mir fast ein bisschen Sorgen. Quinn war der sympathischste Chaot, den ich kannte, und über alle die Jahre so etwas wie mein bester Freund gewesen, auch wenn wir gemeinsam mit Eno immer zu dritt unterwegs waren. Vor Jahren hatten wir uns geschworen, immer füreinander da zu sein, wie die Musketiere. Im Gegensatz zu Eno war Quinn so ein verträumter Typ, dem man nicht unbedingt zutraute, dass er sein Leben auf die Reihe bekam. Er hatte diesen verdutzten Blick drauf, als verstünde er überhaupt nicht, worum es ging. Seine Haare waren meistens ein wenig zu lang. Trotzdem sah er niemals ungepflegt aus. Seine Klamotten trug er nachlässig, als wäre ihm völlig egal, was er anhatte, aber immer sah er super aus. Und das fanden wohl auch die anderen Mädchen. Gerade im letzten Jahr standen die meisten auf ihn. Quinn tat so, als wäre ihm das egal, trotzdem ging er mit ihnen aus. Und für mich hatte er immer weniger Zeit. Wenn ich ihm sagte, dass er sich wie ein Idiot aufführte und lächerlich machte, sah er mich betroffen an und sagte: „Ach, Kalana, das ist doch alles nicht so wichtig.“
Und das stimmte auch. Denn die einzige Sache, die für Quinn Bedeutung hatte, war Vincoon, sein bescheuerter Sport. Dafür hatte er sich sogar bei den Aeronauten beworben. Er wollte nach der Schule unbedingt zu den Aeronauten gehen. Ich hatte diesen Wunsch noch nie verstanden. Die Aeronauten kümmerten sich um die Sicherung der Luftqualität und bekämpften die Terroristen, auch draußen in den Industrie-Ringen. Der Job war lebensgefährlich. Aber die Vincoon-Mannschaften der Aeronauten spielten überragend und ihre Nachwuchsarbeit war legendär; so drückte sich zumindest Quinn aus.
Obwohl die Temperatur auch im Lilienpark die vorgeschriebenen 24 Grad betrug, zitterte ich am ganzen Körper, als hätte ich Schüttelfrost. Im Theaterunterricht hatte ich alles gegeben. Sie mussten mich einfach an der Theaterakademie aufnehmen! Frau Alenkowa, meine Theaterlehrerin, hatte früher einmal gesagt, als sie noch an der Schule unterrichtete: „Wenn du keinen Platz an der Theaterakademie bekommst, Kalana, dann weiß ich auch nicht, wen sie nehmen.“ Immer wieder sagte ich mir diesen Satz vor und versuchte, dabei jedes Mal ein anderes Gesicht zu machen: Lustig, traurig, beleidigt, wütend, glücklich.
Quinn knuffte mich in die Seite. „Was machst du für komische Grimassen, Kalana? Wir haben es bestimmt geschafft.“
Okay, heute war ich vielleicht nicht so gut. Das Zittern und meine klatschnassen Hände – ich hatte mich einfach nicht unter Kontrolle.
„Psst“, zischte Eno.
Mit dem Gongschlag erhoben sich alle. Ein kurzes Rascheln der Abendkleider, in die sie uns Mädchen gesteckt hatten. Die Anzüge der Jungs machten keine komischen Geräusche und ihre Lederschuhe drückten sich lautlos ins Gras.
Unsere Direktorin stand oben auf der Bühne ganz still und wartete, bis der Mann vom Ministerium ans Mikrofon trat. Er trug einen hellgrauen Anzug mit den silbernen Streifen des Ministeriums. Selbst die silbergrauen Haare sahen nach Ministerium aus. Seine Zähne blitzten im Scheinwerferlicht. Er nahm einen tiefen Atemzug: „Herrlich diese Luft. Was für ein wunderbarer Abend, um euch den Weg in die Erwachsenenwelt zu weisen. Ihr erhaltet heute eure Zuweisung. Ich bin Counselor Killari.“
Wir sahen alle ehrfürchtig zu ihm hinauf.
„Ihr kennt die Zeit, als es noch keine schützende Kuppel über Jaikong gab, nur aus dem Geschichtsunterricht. Ich selbst habe die schmutzige Zeit noch als Kind erlebt. Die Lebenserwartung in Jaikong ging aufgrund der Luftverschmutzung von Jahr zu Jahr zurück, bis endlich die Kuppel gebaut wurde. Die Kuppel ist der größte Segen für die Bewohner Jaikongs.“
„Mann, der soll aufhören zu quatschen. Ich will endlich meine Zuweisung zu den Aeronauten“, zischte Quinn.
„Psst“, fauchte Eno.
Ich konnte es nicht erwarten, meine Zuweisung zu bekommen – und trotzdem hätte ich den Augenblick am liebsten in die Zukunft verschoben. Er würde die Weichen meines Lebens mit einer gnadenlosen Endgültigkeit stellen und die Zeit meiner Kindheit unumkehrbar beenden.
„Die große Kuppel ermöglicht den Bewohnern Jaikongs ein Leben im Einklang mit der Natur, ohne auf den technischen Fortschritt zu verzichten.“
Der Mann vom Ministerium atmete noch einmal ganz tief ein. Dann begann er, den Bühnenrand abzuschreiten und versuchte ein charmantes Lächeln.
Dafür hätte er im Schauspielunterricht bei Frau Alenkowa höchstens eine Vier bekommen.
„Leider fordern die Pumpen und Filteranlagen der großen Kuppel einen gigantischen Energieaufwand. Es ist unmöglich, mehr als 50 Millionen Menschen unter der Kuppel mit Frischluft zu versorgen. Deshalb müssen manche Mitglieder der Gesellschaft ihren Dienst draußen in einem der fünf Industrie-Ringe verrichten.“
Counselor Killari seufzte, als würde ihm das leidtun. Das war schon wieder so eine Vier minus.
„Heute bekommt ihr eure Zuweisung. Ihr hattet es selbst in der Hand, durch Leistung in der Schule euren Platz in der Gesellschaft zu finden. Jeder Einzelne hatte die gleichen Chancen.“
„Der soll uns endlich unsere Zuweisung sagen.“ Quinn zappelte hin und her.
Ich war auch total nervös und drückte meine Beine an die Stuhlkante hinter mir. Das gab mir ein wenig Halt. Aber das bescheuerte Ballkleid nahm mir schier die Luft zum Atmen.
Und wenn sie mich doch nach draußen in einen der Industrie-Ringe schickten? Der erste Industrie-Ring, das ging vielleicht noch. Die Lebenserwartung betrug dort immerhin noch fünfzig Jahre. Fünfzig, das war schon ziemlich alt. Aber mit jedem Ring weiter draußen nahm die durchschnittliche Lebenserwartung um fünf Jahre ab. Im fünften Industrie-Ring wurden die Menschen kaum älter als dreißig. In der Schule hatten wir das immer wieder lernen müssen. Die Luft in den Industrie-Ringen war so schlecht, dass man ohne Filtermaske nicht nach draußen gehen konnte. Und trotzdem atmeten die Menschen dort viel zu viel Dreck ein. Verbrechen wegen Sauerstoffkartuschen waren an der Tagesordnung. Ständig musste man mit dem Aerometer die persönliche Belastung kontrollieren. Dort draußen gab es keinen zartgrauen Himmel, so wie wir ihn aus Jaikong kannten. An einem wunderschönen Frühlingstag hatte ich hier in Jaikong sogar einmal den Stand der Sonne am grauen Himmel erkannt. Die Sonne selbst konnte man nicht sehen. Das war unmöglich. Ich wusste es aus der Schule. Aber an jenem Frühlingstag war der graue Himmel an einer runden Stelle ein wenig heller.
„Ehe wir zu den Abschlussnoten und eurer Zuweisung kommen, habe ich noch eine Überraschung für euch“, sagte Counselor Killari. „Ich bitte um Ruhe.“
Jeder noch so kleine Laut verstummte im Lilienpark, als hielten alle die Luft an. Für uns kam es heute Abend darauf an. Ich bin sicher, dass die Eltern der anderen genauso mitfieberten. Meine Eltern lebten nicht mehr. Sie waren vor zehn Jahren bei einem Anschlag der Phunks-Terroristen ums Leben gekommen.
Counselor Killari räusperte sich.
Quinn zappelte von einem Fuß auf den anderen. Eno knetete die Finger. Dabei hatte er wirklich keinen Grund zur Sorge.
„Eure Schule hat das beste Ergebnis von ganz Jaikong erzielt. Deshalb wird die Präsidentin persönlich einige Worte an euch richten“, verkündete Counselor Killari.
Ich hielt die Luft an. Die beste Schule in Jaikong! Das war absoluter Wahnsinn. Ein Ruck ging durch die Menge, als die Nationalfanfare erklang und die Präsidentin überlebensgroß auf dem Bildschirm erschien. Freundlich lächelte Präsidentin Paal auf uns herab. Ihre Haare waren hinten locker zusammengebunden. Wie immer hatte sie ihre Augenbrauen in der Mitte ein wenig hochgezogen. Das gab ihr ein nachdenkliches Aussehen. Die Bewohner Jaikongs mochten Präsidentin Paal. Nicht umsonst war sie auch in ihrer dritten Amtszeit mit überwältigender Mehrheit bestätigt worden.
„Einen wunderschönen guten Abend, liebe Absolventinnen und liebe Absolventen. Guten Abend liebe Eltern, Verwandte und Freunde. Und nicht zuletzt einen herzlichen Gruß an die unermüdliche Schulleitung.“
Die Präsidentin lächelte. Sie wirkte fast mädchenhaft, als sie sich mit der Hand über die Haare fuhr. Mit einem Kopfnicken deutete Präsidentin Paal eine Verbeugung an. „Eure Schule hat den besten Abschluss von ganz Jaikong erzielt. Das ist eine unglaubliche Leistung. Mein herzliches Kompliment.“
Ich war total stolz auf mich und freute mich für die anderen.
„Fast alle von euch erhalten eine Zuweisung nach Jaikong.“ Unsere Direktorin strahlte, als wäre es ihr Verdienst. Ein erleichtertes Murmeln ging durch die Menge.
„Ihr seid die Zukunft Jaikongs“, fuhr Präsidentin Paal mit sanfter Stimme fort. „Ihr habt gezeigt, dass der zukünftige Platz in der Gesellschaft nicht von der Herkunft abhängig ist. Egal, ob eure Eltern arm oder reich sind, gute Beziehungen haben oder in den Industrie-Ringen ihren Dienst für die Gesellschaft ableisten, fast alle von euch haben es geschafft. Beruhigt kann ich die Zukunft Jaikongs in eure Hände legen. Mit euch wird der Wohlstand in Jaikong weiter gedeihen! Viele von euch werden ihren Traumberuf ergreifen können. Und den wenigen, die in ein paar Minuten eine andere Zuweisung erhalten, wünsche ich, dass sie das Beste aus ihrer Zukunft machen. Auch sie erhalten die Möglichkeit, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft zu werden.“
Ich zitterte vor Aufregung und stellte mir meinen ersten Tag an der Theaterakademie vor. Nein, eigentlich träumte ich längst von meinem ersten großen Auftritt, um genau zu sein: vom überbordenden Applaus nach der Premiere.
„Counselor Killari wird euch nun die Zuweisung mitteilen. Alles Gute für euer weiteres Leben.“
Präsidentin Paal lächelte gütig. Unter dem erneuten Klang der Nationalfanfare verblasste ihre Projektion und verschwand schließlich ganz.
Counselor Killari trat nach vorne. Sein Mund war so dünn, dass ich seine Lippen nicht sehen konnte, obwohl ich in der dritten Reihe stand.
„Aargoni, Mara“, rief Counselor Killari.
Ein dünnes Mädchen stand auf. In ihrem gerüschten Ballkleid sah sie ein wenig verloren aus. Ich kannte Mara nur vom Sehen. Wir hatten keinen einzigen Kurs zusammen gehabt. Unsicher trippelte Mara nach vorne. Bestimmt trug sie die hohen Schuhe heute zum ersten Mal. Zwei Lehrer halfen ihr die Stufen zur Bühne hinauf. Unsicher blieb Mara dort oben stehen.
„Komm ruhig näher! Du musst keine Angst haben“, sagte Counselor Killari mit einer Stimme, die er wohl für freundlich hielt. Mir machte er damit höchstens Angst. Unsere Direktorin stand dümmlich grinsend daneben.
„Mara, du hast einen ganz ausgezeichneten Abschluss gemacht. Mit einer hervorragenden 1,2 erhältst du wie gewünscht eine Zuweisung zum Medizinstudium und die Wohnberechtigung für Jaikong. Du darfst weiterhin unter der Kuppel leben.“
Mara stand reglos da. Ihr Gesicht glühte rot. Im Publikum jubelte ein älteres Paar. Das mussten ihre Eltern sein. Counselor Killari überreichte Mara eine Urkunde. Mit einem Knicks verabschiedete sich Mara und stolperte zurück auf ihren Platz. Hundert neidische Blicke folgten ihr. Mara hatte es geschafft!
„Acanto, Eno“, hallte Killaris Stimme aus den Lautsprechern.
„Viel Glück!“, zischte ich Eno zu.
Eno ging nach vorne. Unsicher betrat er die Bühne. Ich fühlte mich alleine gelassen. Die ganze Schulzeit war Eno für mich da gewesen, wenn ich ihn brauchte. Nie hatte er sich in den Vordergrund gedrängt und immer konnte ich mich auf ihn verlassen.
Counselor Killari schüttelte ungläubig den Kopf. „Also das hat es schon seit sieben Jahren nicht mehr gegeben.“
Eno knetete seine Hände.
„Eine glatte 0,75. Du hast jede einzelne Prüfungsaufgabe mit der Höchstnote abgeschlossen. Deine Abschlussarbeit zur intelligenten Drohnensteuerung hat Aufsehen bis hinauf ins Forschungsministerium erregt.“
Ich musste schmunzeln. Schon als Viertklässler hatte Eno heimlich diese Flugdinger gebaut. Als er damit für Quinn und mich die Mathearbeit aus der Wohnung unserer Lehrerin klauen wollte, war die Drohne in einen Topf Kartoffelsuppe gestürzt. Das gab eine riesengroße Sauerei. Aber erwischt hatten sie ihn nie.
„Eno, für dich beginnt heute ein neues, aufregendes Leben. Du erhältst einen Platz am Ghilbi-Institut, unserer renommiertesten Forschungseinrichtung für Luftverbesserung. Dein Wohnort bleibt selbstverständlich unser herrliches Jaikong. Ich bitte um Applaus für den Jahrgangsbesten.“
Alle klatschten. Ich freute mich ehrlich für Eno. Er hatte es wirklich verdient.
Nach und nach wurden die anderen unseres Jahrgangs aufgerufen. Ich war es gewohnt, dass Quinn und ich zum Schluss an die Reihe kamen. Alle durften in Jaikong bleiben. Nur Ropex nicht und Amali, seine Freundin. Ich weiß nicht, wie oft die beiden im letzten Jahr die Schule geschwänzt hatten. Es wunderte mich ehrlich gesagt nicht, dass sie die Abschlussprüfungen vergeigt hatten. Sie mussten in den dritten Industrie-Ring. Lebenserwartung 40 Jahre. Obwohl ich sie nicht mochte, taten mir die beiden echt leid.
„Woodburn, Quinn!“
Quinn stieß mich mit dem Ellenbogen sanft in die Seite und lächelte mir zu. „Heute Abend feiern wir“, sagte er.
Ich nickte. Mein Mund fühlte sich trocken an, als wäre er voller Sand.
Auf der Treppe zur Bühne nahm Quinn immer zwei Stufen auf einmal.
„Quinn, du bist ein hervorragender Sportler“, begann Counselor Killari. „Ja, ich war in der Vincoon- Schulmannschaft und habe in der letzten Saison 3725 Punkte geholt.“
Der Mann vom Ministerium nickte. Dann sagte er mit einem Bedauern in der Stimme: „Aber in den anderen Unterrichtsfächern konntest du nicht punkten.“
Quinn stutzte. „Ja, schon, aber …“ Dann verstummte er.
„Quinn Woodburn, ich freue mich, so einen begabten jungen Vincoon-Spieler kennenzulernen. Das hat man nicht alle Tage.“
„Nur alle zehn Jahre“, murmelte Quinn.
Killari zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. „Ja, deine Leistung in Sport war hervorragend. Trotzdem ist deine Abschlussnote nur eine 4,1. Das reicht leider nicht für einen Platz bei den Aeronauten. Deine Zuweisung lautet: Dritter Industrie-Ring. Alles Weitere wird sich dort finden.“
Eine Vier? Das konnte doch nicht wahr sein. Ich hatte meine Ergebnisse noch mit Quinn verglichen. So mies war er bestimmt nicht gewesen.
Quinn glotzte Counselor Killari an. Sein Mund stand offen und seine Schultern hingen plötzlich vorneüber.
„Aber …“, stammelte er.
Counselor Killari deutete mit dem Kopf zu den anderen. Dort sollte sich Quinn hinstellen.
„Jeder bekommt den Platz in der Gesellschaft, der ihm zusteht. Jeder hat die gleichen Chancen. Es kommt darauf an, sie zu nutzen. Auch in den Industrie-Ringen gibt es Vincoon-Teams und Arbeit, die die Gesellschaft voranbringt.“
„Aber ich …“, murmelte Quinn. Fassungslos trottete er zu den anderen.
Nein, sie durften Quinn nicht in den Industrie-Ring schicken. Ich würde Quinn nicht gehen lassen.
„Zookie, Kalana“, riss mich Counselor Killari aus meiner Erstarrung.
Ich schreckte hoch und stolperte zur Bühne. Ein ordentlicher Gang war doch das Mindeste, was ich als Schauspielerin zustande bringen sollte. Ich stellte mir einen roten Teppich vor. Ich würde den Preis als beste Hauptdarstellerin in Empfang nehmen. Ein selbstsicherer Gang und doch bescheiden – das war es, was das Publikum von Stars erwartete. Als ich meinen Rücken durchdrückte und würdevoll die Treppe hinaufschreiten wollte, blieb ich irgendwie mit dem bescheuerten Absatz hängen. Ausgerechnet mein ehemaliger Mathelehrer, der rechts von der Bühne stand, fing mich auf.
Ein paar Idioten im Publikum lachten.
„Du musst nicht nervös sein, Kalana. Alles wird sich fügen“, murmelte mir der Mathelehrer aufmunternd zu. Dabei hatte ich schon einkalkuliert, dass ich in Mathe eine miese Note bekam. Wenn sogar er mir Mut machte, konnte nichts schiefgegangen sein. Der Mathelehrer schob mich zur Bühne hoch.
„Kalana, komm bitte ein bisschen näher“, sagte Counselor Killari.
Ich nickte, statt zu gehen.
Ein paar aus dem Publikum kicherten.
„Talent als Schauspielerin hast du bestimmt.“
„Danke.“
„Ich kann mir gut vorstellen, dass du Erfolg auf der Bühne haben wirst …“
Ich deutete einen Knicks an.
„… wenn du nicht stolperst.“
Die Trottel im Publikum lachten wieder.
„Ich könnte mir vorstellen, dass es auch im dritten Industrie-Ring eine vielversprechende Schauspielgruppe gibt.“
Was redete der da? Dritter Industrie-Ring?
„Kalana, du hast einen Notendurchschnitt von 3,9 erreicht. Selbst in der Theaterklasse reichte es nur für eine Drei. Ich denke, der dritte Industrie-Ring ist eine passende Umgebung für dich. Du wirst dich dort wohlfühlen, wo der Leistungsdruck nicht ganz so hoch ist.“
In den dritten Industrie-Ring? In der Theaterklasse nur eine Drei? Das konnte nicht sein.
„Ich bedanke mich im Namen des Ministeriums für die überragenden Leistungen in der Abschlussprüfung. Ihr seid wirklich ein ganz außergewöhnlicher Jahrgang. Und nun ist es an der Zeit, gemeinsam zu feiern. Morgen werdet ihr getrennte Wege gehen und eure Kindheit und Jugend für immer hinter euch lassen. Hiermit eröffne ich den Abschlussball.“
Musik wurde eingespielt. Bassläufe brummten aus den Lautsprechern. Die ersten bewegten sich im Rhythmus dazu.
Ich stand einfach nur da, reglos wie eine Statue. Ich konnte nicht einmal weinen. Alles um mich herum fühlte sich dumpf und nutzlos an.
Wie in Zeitlupe kam Quinn auf mich zu. Er nahm mich am Handgelenk und zog mich in irgendeine Richtung. Als gehörte mein Körper nicht mehr mir, ließ ich es wortlos geschehen.
Ich wusste nicht mehr, wie ich an den Tisch im Pavillon gekommen war. Quinn und Eno saßen mir gegenüber. In meinen Händen hielt ich ein Glas mit einem rosa Getränk. Es fühlte sich schon ganz warm an. Der schwere Liliengeruch machte es mir fast unmöglich, meine Gedanken zu sortieren. Cube-Musik dröhnte aus den Lautsprechern. Aus den Augenwinkeln sah ich Leute auf der Bühne dazu tanzen. Unsere Schuldirektorin war sich nicht zu blöd, mit Counselor Killari einen Seventytwo zu tanzen. Alle hatten so bescheuert gute Laune. Nur Ropex und Amali hockten niedergeschlagen am Tisch gegenüber. Amalis Gesicht war verschmiert. Ihre ganze Gothic-Schminke war verlaufen. Ich mochte Amali und Ropex trotzdem nicht. Die beiden hatten nie zu uns gehört.
„Kalana! Hörst du mich?“, rief Eno und stupste mich in die Seite.
Ich nickte.
„Seit einer Stunde sitzt du hier, glotzt nur vor dich hin und sagst kein einziges Wort.“
Ich hob meine Schultern und senkte sie. „Was soll ich schon sagen? Herzlichen Glückwunsch! Du hast es geschafft“, seufzte ich. „Du bekommst deinen Traumjob. Aber Quinn und ich müssen raus. Weißt du, was das heißt? Unser Leben wurde gerade mal ein paar Jahrzehnte vorgespult.“
Eno schüttelte unsicher den Kopf. Ohne mich anzusehen murmelte er: „Ich werde alles tun, damit die Luft dort draußen besser wird. Du weißt, es gibt Möglichkeiten den Schadstoffausstoß zu verringern und bessere Filter einzusetzen. Die Luftqualität in den Industrie-Ringen ist eines der drängendsten Probleme unserer Gesellschaft.“
„Du glaubst doch selbst nicht, dass die Regierung dafür Geld ausgibt“, fuhr ich ihn an. Eno redete schon wie diese Leute aus dem Ministerium, dass eben jeder für eine begrenzte Übergangszeit seinen Tribut leisten müsse. „Quinn und ich müssen raus, bekommen noch nur giftigen Dreck zu atmen. Das fühlt sich verdammt beschissen an!“
„Kalana, es wird alles gut werden“, mischte sich Quinn ein. „Spätestens in ein, zwei Jahren lassen sie uns zurück nach Jaikong. Wenn wir hart arbeiten, haben wir eine echte Chance.“
Ich nickte kraftlos. Wie sollten wir uns in den zweiten Industrie-Ring hocharbeiten, dann in den ersten und schließlich zurück nach Jaikong? Das war nicht zu schaffen.
„Außerdem dürfen wir jeden Monat zur Luftkur nach Jaikong“, sagte Quinn.
„Zwei Stunden, du Idiot! Sie stecken dich in eine Kurzelle und Aeronauten richten die ganze Zeit Egalisierer auf dich, nur damit du nicht zu viel frischen Sauerstoff einatmest. Ach entschuldige, ich vergaß, du wärst am liebsten selbst ein Aeronaut geworden.“
„Kalana, du hast es immer noch nicht verstanden. Aeronauten kümmern sich um die Einhaltung der Luftvorschriften. Jeder erhält so viel saubere Luft, wie ihm zusteht. Aeronauten sorgen für die Einhaltung der Gesetze, für Gerechtigkeit. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Zusteht! Phh! Gerechtigkeit! Es ist Scheiße, dass manche Menschen dreckige Luft atmen müssen. Dir ging es immer nur um dein bescheuertes Vincoon und da hätten die Aeronauten eine bequeme Gelegenheit geboten. Wann übernimmst du endlich Verantwortung, Quinn?“
„Hört auf zu streiten“, sagte Eno.
„Ganz genau, lasst uns den Abend genießen.“ Quinn sprang auf und strahlte mich an.
Ich konnte Quinns Unbekümmertheit, oder sollte ich sie besser Dummheit nennen, nicht verstehen.
Da erklangen aus den Lautsprechern die ersten Töne von ForevAir. Mein Herz machte einen Satz. Warum spielten sie mein Lied? Heute wollte ich es ganz bestimmt nicht hören.
Schon hatte mich Quinn an der Hand gepackt und hochgezogen. „Dein Lieblingssong. Komm, Kalana! Wir tanzen.“
Ich wollte nicht tanzen – nicht jetzt. Aber ich hatte keine Kraft, mich zu wehren. Ich ließ mich von Quinn auf die Bühne ziehen, stolperte hinter ihm her. Unsere Direktorin und der Counselor staksten an uns vorbei. Rhythmus schien nicht ihr Ding zu sein. Die anderen aus unserem Abschlussjahrgang taten, als würden sie uns nicht sehen. Sie behandelten uns schon jetzt wie Aussätzige, nur weil wir dem Dritten zugeteilt worden waren. Gestern noch hatten sich die meisten um Quinn bemüht. Viele Mädchen standen auf ihn. Klar, ich mochte Quinn auch und fand ihn süß, aber sagen würde ich ihm das nie im Leben.
Quinn nahm mich an der einen Hand, seinen anderen Arm schlang er um meine Hüfte. Heute war es irgendwie anders. Ich machte einfach die Augen zu. Ich spürte seinen warmen Körper. Sein Aftershave roch nach Zitronengras.
Ich hatte noch nie mit Quinn getanzt, zumindest nicht in echt. Vorgestellt hatte ich es mir oft, wie es wäre, wenn …
Quinn drehte mich zum Refrain. ForevAir, ForevAir, ForevAir!
Warum passierte das ausgerechnet heute? Quinn und ich und Eno waren seit Kindertagen die besten Freunde, aber mehr war da nie gewesen. Ich war immer neidisch auf die anderen Mädchen, die Quinn einfach anschmachten konnten.
Ich drehte mich um Quinn, und meine Gedanken wirbelten in Pirouetten. Ich wagte nicht, meine Augen zu öffnen, wollte den Augenblick nicht zerstören. Er durfte nie enden. ForevAir!
Ich fühlte Quinns Bewegungen ganz nah. Ich spürte seinen Atem und dann etwas Weiches auf meinen Lippen. Mein Herz wollte einfach stehen bleiben oder explodieren oder beides zusammen.
Für den Bruchteil einer Sekunde war ich versucht, seinen Kuss zu erwidern.
Dann wurde mir mit einem Schlag klar: Heute war ganz bestimmt nicht der Tag, eine Sache mit Quinn anzufangen. Wie kam der Idiot überhaupt auf diese Idee? Sie hatten uns gerade in den dritten Industrie-Ring verbannt. Ab jetzt ging es nur noch ums Überleben. Dort draußen wurden Menschen wegen ein paar Kartuschen Sauerstoff ausgeraubt und für ein Visum nach Jaikong wurde gemordet. Quinn bog sich die Wirklichkeit zurecht, wie es ihm passte, und meinte wohl, ich wäre ein Teil seiner Traumwelt. Nein, ganz bestimmt nicht! Ich gehörte nicht ihm. Ich war ich, Kalana Zookie.
Wütend riss ich mich aus Quinns Umarmung und knallte ihm eine – voll ins Gesicht. So fest ich nur konnte. Quinn glotzte mich dämlich an und hielt sich die Wange.
Als hätte ich mit diesem Schlag den Strom ausgeknipst, brach die Musik ab. Das letzte ForevAir fiepte kraftlos aus den knisternden Lautsprechern und verlor sich im Nichts. Einige aus unserer Klasse begannen zu klatschen. Andere lachten unsicher. Quinns Gesicht leuchtete knallrot. Quinn konnte nicht damit umgehen, vor anderen bloßgestellt zu werden.
Heulend stolperte ich von der Bühne. Mir war scheißegal, was die anderen dachten. Ich würde sie sowieso nie wiedersehen.
Am nächsten Morgen saß ich auf einer Metallbank in einem fensterlosen Gang. Hier drinnen war alles mattgrau gedämpft. Selbst die Lampen an der Decke schienen hellgraues Licht zu verströmen. Unsicher blinzelte ich zur Seite. In einen grauen Overall gesteckt hockte dort Amali. Ihre langen Haare, links über dem Ohr ausrasiert, hatte sie zu einem Zopf gebunden. Ihr ungeschminktes Gesicht sah wächsern aus. Ohne die ganze Gothic-Verkleidung wirkte sie so zerbrechlich, als hätte man sie ihres Schutzschildes beraubt.
Um Amalis Hals hing eine Staubmaske mit dem Luftfilter, der wie eine Cremedose aussah. Draußen in den Industrie-Ringen würde er den gröbsten Dreck aus den Lungen fernhalten, aber mehr auch nicht.
Ich wagte nicht, an mir herabzusehen, aber ich fühlte den rauen Stoff eines Overalls kratzig auf meiner Haut.
Gegenüber saßen Ropex und daneben Quinn. Ich erschrak, als ich sein zugeschwollenes Auge sah. Ich hatte ihn nicht verletzen wollen!
Quinn schien durch mich hindurchzusehen. Sein Overall war blaugrau. Selbst darin sah er irgendwie cool aus. Quinn sah immer gut aus. Ich ärgerte mich über diesen bescheuerten Gedanken. Mein Leben wurde gerade auf der Müllhalde von Jaikong abgeladen und ich Idiotin überlegte, wie Quinn aussah.
„Tut mir leid“, murmelte ich zu Quinn hinüber und versuchte, einen Wimpernschlag Aufmerksamkeit aus seinem starren Blick zu erhaschen. Doch er starrte einfach durch mich hindurch, schien mich nicht einmal zu hören.
„Also gut“, murmelte ich, „wenn du unbedingt darauf bestehst.“ Und dann erhob ich meine Stimme und rief in aufdringlicher Lautstärke, brüllte schon fast: „Es tut mir echt leid. Das wollte ich nicht. Ich bin eben ausgerastet. Kannst du mir verzeihen?“
Gelangweilt fuhr Quinn mit seinem Daumen über die Fingerkuppen. Warum sagte er nichts? Er hatte bestimmt noch nie von einem Mädchen eine Ohrfeige bekommen. Verkraftete sein Ego das nicht? Ja, ich hatte seinem aufgeblasenen Jungsego die Luft abgelassen. Das war der Herr nicht gewohnt. Bitte schön, mir auch egal. Sollte er sich doch von den anderen Mädchen anschmachten lassen, dieser Gockel.
„Dann eben nicht“, fauchte ich. Quinn zuckte nicht einmal. Verdammt noch mal, ich war doch nicht durchsichtig.
Plötzlich wurde eine Tür neben mir aufgerissen. Ein Corporal der Aeronauten trat ein. Mit kaltem Blick musterte er uns. „Amali, Kalana, Quinn, Ropex.“
Obwohl er uns nicht aufforderte, standen wir alle auf, auch Quinn.
„Das Ministerium hat euch einen Platz im dritten Industrie-Ring zugewiesen.“
Mit einem Nicken ergab ich mich meinem unabänderlichen Schicksal.
„Es ist eine große Ehre, den Dienst für die Gesellschaft im dritten Industrie-Ring verrichten zu dürfen.“
Ehre, davon würde ich mir nichts kaufen können.
„Im dritten Industrie-Ring werden elektronische Geräte für Jaikong gefertigt. Ohne die Produkte aus dem Dritten würde das Leben in Jaikong stillstehen. Der dritte Industrie-Ring ist von enormer Wichtigkeit. Alle Bewohner Jaikongs blicken ehrfürchtig auf den dritten Industrie-Ring.“
Bullshit. In meinem ganzen Leben hatte ich noch kein einziges Mal ehrfürchtig auf den dritten Industrie-Ring geblickt.
„Jaikongs leistungsfähige Industrie läuft rund um die Uhr. An manchen Tagen ist die Luft außerhalb der Kuppel signifikant belastet, dafür habt ihr Luftfilter erhalten.“
Der Typ deutete auf die Dinger, die uns alle um den Hals baumelten.
„Die Luft im dritten Industrie-Ring ist deutlich besser als im vierten oder fünften. Die meisten Fabriken haben ordentliche Filteranlagen. Im Freien gilt es ein paar einfache Vorsichtsmaßnahmen zu beachten:
1. Bleibt nicht länger draußen, als unbedingt nötig.
2. Geht niemals ohne Filtermasken nach draußen.
3. Das Aerometer zeigt eure tägliche Belastungsdosis an. Solange es den roten Grenzbereich nicht deutlich überschreitet, habt ihr keine akuten Schäden zu befürchten.“
Ich blickte auf mein Handgelenk. Sie hatten mir auch so ein Aerometer umgebunden. Es leuchtete in sattem Dunkelgrün. Klar, hier in Jaikong war die Luft tadellos. Ich vermisste schon jetzt den wunderbar hellgrauen Himmel über der Stadt.
„Jeden Monat erhaltet ihr eine zweistündige Luftkur in Jaikong. Durch gute Arbeitsleistung könnt ihr zusätzliche Erholungsstunden in Jaikong erhalten“, fuhr der Aeronaut fort.
„Was müssen wir dort draußen arbeiten?“, fragte Quinn.
„Jeder ist selbst verantwortlich, eine angemessene Arbeit zu finden. Die lokale Ringverwaltung hilft euch bei der Suche. Sonst noch Fragen?“
Ich sagte nichts, obwohl ich tausend Dinge wissen wollte. Sie konnten uns doch nicht mit diesen dürren Worten hinaus in den Dreck schicken.
Da räusperte sich Ropex und sagte mit zitternder Stimme: „Ich möchte Widerspruch einlegen. Ich zweifle das Ergebnis meiner Abschlussprüfung an.“ Amali nickte, als wollte auch sie ihres anzweifeln.
„Selbstverständlich, das ist euer gutes Recht“, sagte der Aeronaut mit zusammengekniffenen Lippen.
Ropex lächelte zaghaft.
Warum war mir das nicht eingefallen? Ich würde mein Ergebnis auch anzweifeln. An der Theaterakademie warteten sie doch auf mich. Frau Alenkowa hatte immer gesagt, ich hätte außergewöhnliches Talent. Quinn starrte immer noch vor sich hin, als würde ihn das alles nichts angehen.
„Bei der lokalen Ringverwaltung im Dritten kannst du eine formale Beschwerde einreichen und deinen Abschluss amtlich überprüfen lassen. Solltest du ungerecht beurteilt worden sein, wirst du nach Jaikong zurückgeholt. Bei Feststellung eines schlechteren Ergebnisses kann es allerdings passieren, dass du in den vierten oder fünften Industrie-Ring abgeschoben wirst. Es liegt ganz bei dir.“
Ropex starrte den Aeronauten wütend an.
„Es wird Zeit zu gehen“, sagte der Aeronaut, ohne seine Stimme zu heben.
Wie eine Schafherde trieb er uns voran durch einen engen Gang. Quinn ging ganz dicht neben mir. Ich wagte nicht, ihn zu berühren, versuchte aber einen Hauch von seinem Zitronengrasduft zu erhaschen. Der Geruch war verblasst, kaum noch zu erahnen. Warum hatte ich mich nur so megadämlich verhalten? Jahrelang hatte ich Quinn angeschmachtet und ausgerechnet als er mich küssen wollte, hatte ich ihm eine gescheuert. Ich musste unsere Freundschaft wieder kitten! Quinn war mein einziger Lichtstrahl dort draußen. Gemeinsam würden wir es schaffen.
Mit einem Zischen fuhr die Tür am Ende des Gangs auf. Eine Transportkapsel mit schmucklosen Plastikbänken stand bereit. Die Fenster und Türen waren vergittert, als wären wir Schwerverbrecher. Ropex stieg wortlos ein. Amali brach in Tränen aus. Ihr Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Dann ließ sie sich in Ropex’ Arme fallen. Quinn stieg ein, ohne mich ein einziges Mal anzusehen. Er setzte sich auf die vordere Bank. „Jetzt du“, der Aeronaut deutete mit dem Egalisierer auf mich. Zitternd zog ich mich in die Transportkapsel und ließ mich auf den Platz neben Quinn fallen. Unsere Schultern berührten sich. Ich spürte seine Wärme. Irgendwie würden wir zwei es schon schaffen dort draußen. Quinn rückte von mir ab, so weit es der enge Platz erlaubte.
„Die Regierung von Jaikong ist stolz auf euch“, sagte der Aeronaut. Dann schloss sich die Tür der Transportkapsel mit einem Schmatzen.
„Quinn“, flehte ich, „bitte sprich mit mir.“ Es war bestimmt nicht unser erster Streit. Aber irgendwie fühlte sich diesmal alles anders an.
Quinn starrte geradeaus. Ich schielte zu ihm hinüber. Das mit dem Bluterguss tat mir ehrlich leid. Ich hatte mich doch schon entschuldigt. Warum hörte er nicht endlich auf, sich so bockig zu benehmen. Ich schloss den Sicherheitsgurt und wartete auf den sanften Ruck der Transportkapsel.
„Gemeinsam kriegen wir das hin“, hörte ich Ropex sagen. Er streichelte über Amalis Kopf.
So einen Satz hätte ich mir von Quinn auch gewünscht. Ich biss die Zähne zusammen.
Da fuhr mit einem Zischen, ganz unerwartet, die Tür der Transportkapsel wieder auf.
Ein ganzer Trupp Aeronauten stand jetzt davor.
Was wollten die Idioten noch von uns?
„Woodburn, Quinn?“, rief ihr Anführer.
„Ja.“
„Deine Leistungen im Vincoon waren herausragend.“
„Sag ich doch.“
„Du hattest dich für eine Karriere bei den Aeronauten beworben.“
„Jawohl“, Quinn nickte.
„Die Ergebnisse deiner Abschlussprüfung wurden überprüft. Ein Beurteilungsfehler lag vor. Deine tatsächliche Note liegt bei 2,9. Unter Berücksichtigung deiner herausragenden sportlichen Leistungen wirst du in der Aeronauten-Akademie auf Probe aufgenommen. Die Aero-Cadets suchen talentierte Nachwuchsspieler.“
„Nein“, schrie ich. Sie durften uns nicht trennen.
Quinn drückte sich aus dem Sitz und schob sich an mir vorbei. Ein Lächeln flutete sein Gesicht. Mich sah er immer noch nicht an. Seit der ersten Klasse waren wir die besten Freunde gewesen: Quinn, Eno und ich. Die drei Musketiere, die immer zusammenhielten. Das hatten wir uns damals geschworen. Einer für alle, alle für einen.
„Quinn!“, flehte ich. Ich griff nach seiner Hand. Sie fühlte sich kalt an. Quinn schüttelte mich ab wie ein lästiges Kind, das Sauerstoff schnorren wollte.
„Nein, bitte nicht“, schluchzte ich. „NEIN!“
Mit einem wütenden Fauchen schloss sich die Tür der Transportkapsel hinter Quinn. Diesmal war es endgültig. Die staubigen Scheiben gaben einen letzten Blick auf ihn frei. Dann presste mich der Druck der Beschleunigung unnachgiebig auf die graue Kunststoffbank.
Quinn wollte schreien, wollte jubeln. Er hatte es geschafft. Es war der absolute Wahnsinn. Sein Traum ging in Erfüllung!
Ein breites Lächeln zog sich über sein Gesicht. Wie ferngesteuert bewegte er sich auf die rettende Tür zu, die ihn vor dem Transport nach draußen bewahrte.
Er fühlte, wie eine warme Hand nach seiner griff. Kalanas Worte drangen nicht mehr in sein Bewusstsein vor. Irgendetwas in ihm weigerte sich, diese Laute zu übersetzen. Er wollte seinem schlechten Gewissen keine Nahrung geben. Ganz tief in seinem Inneren war eine mahnende Stimme, die ihn überreden wollte, bei Kalana zu bleiben. Mit ihr nach draußen zu fahren. Nein, jeder war für sein Leben selbst verantwortlich – tausend Mal hatten sie das in der Schule gelernt. Und die drei Musketiere, das war doch nur ein lächerlicher Kindertraum, weit ab von der Wirklichkeit. Sie waren der Fantasie eines Autors entsprungen, der sein Leben bestimmt selbst nicht auf die Reihe gekriegt hatte. Schlag um Schlag rang seine Vernunft das Gewissen nieder, verbannte es in die hintersten Winkel seines Bewusstseins.
„Gratuliere, Quinn“, lächelte ihn ein Aeronaut an, der höchstens ein paar Jahre älter war als Quinn und trotzdem schon den Trupp anführte.
„Ich bin Cassaio, Leutnant Cassaio, einer deiner Ausbilder. Willkommen bei den Aeronauten.“
„Woodburn, Quinn.“
Mit einem Ruck zog Quinn seine Hand aus Kalanas und ging.
Der silbergraue Gleiter der Aeronauten parkte direkt vor dem Transportterminal. Als sich Quinn in einen der gepolsterten Schalensitze fallen ließ und durch die abgedunkelten Scheiben nach draußen blickte, kam er sich schon wie ein Vincoonstar vor. Der Gleiter beschleunigte und schoss auf die oberste der fünf Straßenebenen. Quinn hatte so ein wunderbares Kribbeln im Bauch. Es fühlte sich unglaublich wichtig an, auf alle anderen herunterschauen zu können. Die fünfte Ebene war VIPs und Behördenfahrzeugen vorbehalten. Die Aussicht war phänomenal. Grau glitzernde Wolkenkratzer zogen sich in alle Richtungen bis zum Horizont. Und darüber lag wie aus Kristall geschnitten die gigantische Kuppel, die das Leben in Jaikong so lebenswert machte. Oben, fast im Zentrum der Kuppel, leuchtet das Grau ein wenig heller. Dort musste die Sonne stehen. Was für ein herrlicher Tag. Quinn wollte schreien vor Glück. Doch da drängte sich das Bild von Kalana dazwischen. Ihre Enttäuschung brannte sich übermächtig in sein Bewusstsein ein. Ein stechender Schmerz wie von einem Zahnarztbohrer durchfuhr ihn, als er in seiner Erinnerung noch einmal seine Hand aus ihrer zog. Mann, er sollte sich eigentlich freuen. Er hatte es geschafft. Sein Traum wurde gerade Wirklichkeit. Das Schicksal belohnte ihn für all die harte Arbeit auf den Vincoonspielfeldern. Und dann quälte ihn wieder der Gedanke an Kalana.
Quinn wusste nicht, wie lange die Fahrt dauerte. Er konnte sich nur noch erinnern, als sie die Abfahrt direkt neben dem Aero-Tower nahmen. Das blauschwarz verglaste Hochhaus überragte alle umstehenden. Der weiße Adler des Aeronauten-Wappens prangte über dem Eingangsportal.
Die Schleuse zur Tiefgarage wurde von schwer bewaffneten Aeronauten bewacht. Kanonengroße Egalisierer sicherten die Zufahrt.
„Die Sicherheitskontrollen sind verstärkt. Alarmstufe gelb. Da dauert es immer etwas länger“, erklärte Cassaio, als sie sich in die Warteschlange einreihten. „Wegen der Phunks. Es sind Anschlagspläne bekannt geworden“, fügte er düster hinzu.
Quinn nickte. Die Bedrohung durch die Phunks-Terroristen war in den letzten Monaten erheblich gestiegen. Vor zehn Jahren waren Kalanas Eltern bei einem Anschlag der Phunks ums Leben gekommen. Und schon musste er wieder an Kalana denken. Der dritte Industrie-Ring war nicht so schlimm wie der vierte oder fünfte und außerdem würde er als Aeronaut die Phunks bekämpfen. Er würde auf der Seite der Guten stehen, den Tod von Kalanas Eltern rächen. Kalanas Vater hatte er nur ein oder zwei Mal gesehen, aber Elga Zookie, Kalanas Mama, hatte er noch gut in Erinnerung. Sie war eine unglaublich warmherzige Frau gewesen. Immer hatte sie sich Zeit genommen, die Geschichten der Kinder anzuhören. Großzügig durften sich alle aus ihrem Süßigkeitenschrank bedienen.
„Aussteigen, Quinn“, rief Cassaio.
Quinn schreckte auf. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er der Letzte war. Der Gleiter war längst zwischen anderen Einsatzfahrzeugen in der Tiefgarage geparkt.
„Du meldest dich in Ebene 23 beim Kadettenempfang. Dort bekommst du deine Ausrüstung und ein Zimmer zugewiesen.“
„Jawohl, Ebene 23, Kadettenempfang“, wiederholte Quinn und folgte Cassaio zum Aufzug.
„Wir sehen uns morgen zum Einführungsunterricht“, verabschiedete sich Cassaio von Quinn.
Ebene 23 wimmelte nur so von stahlgrau uniformierten Kadetten. Fertig ausgebildete Aeronauten trugen die gefürchteten blauschwarzen Uniformen.
Quinn erhielt vom Quartiermeister seine Ausrüstung in einer riesigen Tasche. Das Emblem der Aeronauten war außen aufgedruckt. „Hier noch unterschreiben“, schnauzte ihn der Mann an. „Du bist in Zimmer 23341 untergebracht, den Gang ganz vor, dann links und den zweiten wieder rechts.“
Quinn nickte und ging. Er war total aufgeregt. Stolpernd rumpelte er mit jemandem zusammen. Als er aufsah, blickte er in wasserblaue Augen. Die blonden Haare der Kadettin reichten bis zu den Hüften. Das Mädchen lächelte ihn herausfordernd an.
„Tschuldigung“, murmelte Quinn und ärgerte sich, dass er sich wie ein Trottel benahm.
„Bist du neu hier?“, fragte das Mädchen und strich sich die Haare aus der Stirn. Das half nichts. Sofort rutschten sie ihr wieder ins Gesicht.
„Ja, gerade angekommen“, stotterte Quinn und hob wie zum Beweis die schwere Tasche, „suche mein Zimmer.“
„Wo musst du hin?“
Quinn sah auf dem Formular nach, das er vom Quartiermeister bekommen hatte. „23341.“
Das Mädchen strahlte ihn an. „Cool, dann bist du bei Kirk.“
Quinn zuckte mit den Schultern.
„Kirk ist mein …“, dann hielt sie kurz inne, ließ ein weiteres Lächeln aufblitzen und begann den Satz von Neuem, „Kirk ist ein Freund von mir.“
Als Quinn das Lächeln mit einem planlosen Nicken erwiderte, bot sie an: „Ich bring dich hin. Am ersten Tag scheint hier alles total kompliziert zu sein. Aber das gibt sich schnell. Ich bin übrigens Lyrah.“
„Woodburn, äh, ich meine Quinn.“ Eigentlich stellte sich Quinn im Umgang mit Mädchen alles andere als dämlich an, wenn man einmal von Kalana absah. Er musste sich nicht einmal besonders bemühen. Irgendwie lief das immer. Aber heute war wohl nicht sein Tag.
Quinn folgte Lyrah durch die Gänge. Es kam ihm vor, als gingen sie im Kreis.
„Vincoon?“, fragte Lyrah und schüttelte ihren Kopf. Quinn konnte sich nicht erinnern, jemals so hellblonde Haare gesehen zu haben. Dabei wirkten sie ganz natürlich, bestimmt nicht gefärbt. Woher wusste das Mädchen, dass er ein Vincoon-Spieler war. Warteten sie schon auf ihn? Wahrscheinlich hatte sich längst herumgesprochen, dass er den Zehnjahresrekord seiner Schule aufgestellt hatte.
„Na, ich mein dein blaues Auge“, fügte Lyrah mit einem Zwinkern hinzu.
„Ach so das, nein … Das war ein Unfall auf dem Abschlussfest.“
„Schade, ich dachte, du spielt Vincoon. Also ich spiele, seit ich drei bin. Hab schon in der B-Jugend-Auswahlmannschaft gespielt, immer im Mittelfeld.“
„Doch, doch“, beeilte sich Quinn, die Sache richtigzustellen, „natürlich spiele ich auch Vincoon. Deshalb bin ich ja hier bei der Aeronauten.“
Das Mädchen blieb augenblicklich stehen und drehte sich zu Quinn um. Er hatte Mühe abzubremsen, um nicht wie ein Vollidiot in sie hineinzulaufen. Lyrah schüttelte ihren Kopf „Das hören sie hier gar nicht gerne.“
„Was?“
„Na, dass du wegen Vincoon zu den Aeronauten gekommen bist. Sicherlich haben sie hier herausragende Teams und die Nachwuchsarbeit ist phänomenal, aber in erster Linie dienst du als Kadett der Aeronauten. Die wenigsten schaffen es in die Auswahlmannschaften.“
Quinn schluckte. „Ja, genau. So sehe ich das auch.“
Lyrah war vor einer Tür stehen geblieben und klopfte. Es dauerte, bis sich eine verschlafene Stimme meldete: „Herein.“
Quinn erschrak, als sie eintraten. Das fensterlose Zimmer war eine winzige Kammer. An einer Wand waren zwei Bettmulden übereinander eingelassen. Gegenüber schlossen zwei Spindtüren bündig mit der Wand ab und dann gab es noch zwei Bildschirmarbeitsplätze. Das war alles. Wenn man in der Mitte des Raums stand und die Arme ausstreckte, konnte man fast die Wände berühren. Aus dem oberen der beiden Betten tauchte ein Junge mit kurz rasierten Haaren auf. Er sah Quinn wenig begeistert an. „Was willst du?“, fragte er mürrisch.
Quinn stellte die schwere Tasche auf den Boden. „Ich bin Quinn. Sie haben mich in dieses Zimmer eingeteilt.“
Der Junge drehte sich im Bett um und murmelte. „Da musst du nicht so einen Aufstand machen. Siehst doch, dass das obere Bett meines ist. Also nimmst du das untere und lässt mich in Ruhe weiterschlafen.“
„Alles klar, Kirk?“, rief Lyrah und drängte sich von hinten in die winzige Kammer.
Sofort tauchte Kirk wieder aus seinem Bett auf. Diesmal mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Seine Müdigkeit schien wie weggewischt. „Hi Lyrah. Ja, alles klar. Es nervt nur, dass ich mein winziges Zimmer mit dem da teilen muss.“
„Er ist auch Vincoon-Spieler“, erklärte Lyrah, als müsste sie Quinn verteidigen. „Sag mal, welche Position spielst du eigentlich?“
„Mittelfeld, offensives Mittelfeld.“
„Genau wie ich.“ Lyrah schenkte Quinn ein geheimnisvolles Lächeln.
„Immer mit der Ruhe“, mischte sich Kirk ein und ließ sich aus seinem Bett gleiten. Jetzt stand er zwischen den beiden und sah Lyrah an. „Die Auswahlspiele werden zeigen, wer es in die Aero-Cadets schafft. Und ich glaube nicht, dass der dabei ist.“ Dabei deutete er mit dem Daumen auf Quinn.
Quinn ließ sich auf sein Bett fallen, um ein wenig Abstand zu diesem Kirk zu bekommen. Mann, war ihm der Typ unsympathisch.
„Ciao, Quinn. Ciao, Kirk. Bis morgen“, verabschiedete sich Lyrah.
Als die Tür hinter Lyrah ins Schloss gefallen war, baute sich Kirk direkt vor Quinn auf:
„Eine Sache will ich gleich mal klarstellen“, schnauzte Kirk.
„Ja?“, stotterte Quinn wie ein eingeschüchterter Erstklässler. Dabei kam er sich unglaublich dämlich vor. Dieser Kirk hatte ihm gar nichts vorzuschreiben.
„Von Lyrah lässt du deine Finger! Haben wir uns verstanden?“
„Also …“
„Lyrah ist meine Freundin“, erklärte Kirk und verschränkte seine Arme.
Quinn wollte noch etwas erwidern, sagen, dass das Kirk gar nichts anginge und …
Doch Kirk war schon wieder nach oben in sein Bett geklettert, als wäre er an einer Antwort von Quinn nicht im Geringsten interessiert.
Am nächsten Morgen riss der Wecker Quinn viel zu früh aus dem Bett. Es war noch stockdunkel. Quinn brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass das an der fensterlosen Kammer lag. Albträume hatten ihn durch die Nacht verfolgt. Kalana. Er wollte sich nicht mehr daran erinnern und verdrängte die verblassenden Erinnerungen.
„Trödel nicht so rum“, fauchte Kirk, der schon in seiner stahlgrauen Kadetten-Uniform vor dem Bett stand. „Es gibt Frühstück bis sieben. Um sieben Uhr fünfzehn beginnt der Unterricht in 2301.“
„Danke“, murmelte Quinn und riss nervös am Reißverschluss seiner Tasche. Er hatte sich gestern Abend nicht mehr darum gekümmert. Mit fahrigen Bewegungen schaufelte er durch den Inhalt der Tasche und versuchte, eine komplette Uniform herauszufischen. Ein etwa vierzig Zentimeter langer Metallstab fiel dabei heraus und donnerte auf den Boden.
„Mann, du Idiot, pass gefälligst auf deinen Egalisierer auf!“
Ehrfürchtig hob Quinn die Waffe auf und legte sie vorsichtig zurück in die Tasche. Natürlich wusste er, was ein Egalisierer war. Jedes Kleinkind kannte die Waffe der Aeronauten. Irgendwie war Quinn heute Morgen total durch den Wind. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis seine Uniform einigermaßen korrekt saß.
Das Frühstück war schnell erledigt. Es gab eine ernährungstechnisch ausgewogene Paste, die alles Notwendige enthielt. Quinn freute sich schon darauf, andere Kadetten im Unterricht kennenzulernen. Aber die Sache war gar nicht so einfach. Alle schienen auf Kirk zu hören und der brauchte nicht einmal Worte, um klarzumachen, dass Quinn unerwünscht war. Quinn hatte den Fehler gemacht, Lyrah als Erstes zu begrüßen und gemeint, er könnte neben ihr sitzen. Doch das war Kirks Platz. Wie ein geprügelter Hund zog Quinn ab und setzte sich weit hinten, ganz außen in eine Reihe. Dort saß er ganz alleine.
Auf die Sekunde pünktlich betrat Cassaio den Hörsaal. Er ließ die Tür hinter sich zuschlagen. Augenblicklich war selbst das leiseste Flüstern verstummt.
„Guten Morgen, Kadetten!“
„Guten Morgen, Leutnant Cassaio!“
Auf einen Wink Cassaios setzten sich alle.
„Nehmt euch einen Moment Zeit, um eure Nachbarn anzusehen!“
Alle Kadetten blickten nach links und rechts. Quinn hatte keinen Nachbarn. Da sorgte Cassaio mit einem kurzen Schlag auf das Pult für Ruhe: „Es ist unwahrscheinlich, dass am Ende der Kadettenausbildung eure Nachbarn noch da sind. Mehr als die Hälfte von euch wird die Ausbildung nicht zu Ende bringen. Und falls ihr nur wegen einer Karriere als Vincoon-Spieler gekommen seid, könnt ihr gleich eure Sachen packen. Jedes Jahr beginnen über tausend Kadetten die Ausbildung. Davon schafft es nur ein halbes Dutzend in unsere Auswahlmannschaft, die Aero-Cadets.“
Quinn lief eine Gänsehaut über den Rücken. Aero-Cadets – schon der Klang dieser legendären Nachwuchsmannschaft löste ein wohliges Kribbeln bei ihm aus. Er würde es allen zeigen und sich an Kirk vorbei in die Mannschaft spielen. Lyrah würde ihn bewundern. Das Problem mit Kirk würde sich dann ganz schnell lösen.
„Wer kann mir die Hauptaufgaben der Aeronauten nennen?“, stieg Cassaio ohne Vorgeplänkel in den trockenen Unterrichtsstoff ein.
„Verbrecher fangen“, rief einer aus der ersten Reihe, ohne sich zu melden.
„Du verlässt augenblicklich meinen Unterricht und packst deine Sachen“, schnauzte Cassaio. Der Typ aus der ersten Reihe stand auf und schlich benommen davon.
„Bei den Aeronauten herrscht Disziplin. Das hier ist keine antiautoritäre Sing- und Tanzschule. Wer meint, etwas zum Unterricht beitragen zu können, meldet sich über den Touchscreen, der an jedem Arbeitsplatz angebracht ist.“
„Ja, Toto“, rief Cassaio einen Jungen auf, der neben Kirk saß.
„Die Aeronauten sorgen für die Einhaltung der Luftgesetze. Menschen in den Industrie-Ringen dürfen den ihnen zugewiesenen Ring nur mit einem entsprechenden Visum verlassen. Der Zutritt nach Jaikong wird von den Aeronauten kontrolliert.“
„Sehr gut, das hört sich schon besser an. Wie oft dürfen die Menschen aus den Industrie-Ringen nach Jaikong reisen?“
Kirk wurde aufgerufen. „Das ist in der Luftkurverordnung festgeschrieben. Alle Menschen aus den Industrie-Ringen erhalten einmal im Monat einen zweistündigen Aufenthalt im Luftkurzentrum von Jaikong. Zusätzliche Luftkurstunden können durch herausragende Arbeitsleistung gewährt werden. Die ordnungsgemäße Durchführung der Luftkuren obliegt den Aeronauten.“
Quinn rutschte nervös auf seinem Stuhl. Woher wusste Kirk das alles. Hätte er schon irgendwelche Gesetze, Verordnungen oder Dienstanweisungen lesen müssen?
„Ausgezeichnet“, lobte Cassaio ausgerechnet Kirk. „Und was willst du uns sagen, Quinn?“
Erschrocken fuhr Quinn hoch. Ja, Cassaio meinte ihn. Irgendwie musste er auf diesen verdammten Touchscreen gekommen sein.
„Also, die Aeronauten müssen auch“, stammelte Quinn, um Zeit zu gewinnen. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte.
„Ja?“
Diese zwei Buchstaben brachten Quinns Gehirn fast zum Stillstand. Dahinter verbarg sich keine aufmunternde Frage, es hieß vielmehr „Wenn du jetzt keine vernünftige Antwort lieferst, kannst du auch gleich gehen, wie dieser andere Versager.“ Geschieht dir nur recht, meldete sich jetzt auch noch sein schlechtes Gewissen und Quinn musste an Kalana denken. Kalana, die jetzt irgendwo draußen im dritten Industrie-Ring saß, deren Eltern von den Phunks bei einem Anschlag ermordet wurden. Und plötzlich fiel Quinn die Antwort ganz leicht: „Eine weitere Aufgabe der Aeronauten ist es, Jaikong von Phunks zu säubern, um dauerhaften Frieden zu gewährleisten.“
„Ja, so könnte man sagen“, meinte Cassaio und nickte wohlwollend. „Die Phunks-Terroristen, oder PT, sind eine ernste Bedrohung für die Ordnung in Jaikong und den Industrie-Ringen. Die PT fordern ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht aller Menschen in Jaikong. Aber das würde zu Jaikongs Zusammenbruch führen. Die Filteranlagen der Kuppel können unmöglich weitere 30 Millionen Menschen mit gesunder Atemluft versorgen. Und warum sollten Menschen, die nicht bereit waren, alles für Jaikong zu geben, den Bewohnern Jaikongs die Lebensgrundlage entziehen? In Jaikong erhält jeder die gleiche Chance. Alle durchlaufen dasselbe Schulsystem. Es ist nur gerecht, wenn die Leistungsträger der Gesellschaft in Jaikong leben dürfen und die anderen ihre Aufgaben in den Industrie-Ringen versehen. Ich möchte betonen, dass es weder Strafe noch Schande ist, in den Industrie-Ringen zu leben. Im ersten Industrie-Ring ist das Leben kaum schlechter als in Jaikong. In engster Nachbarschaft zur großen Kuppel sind noch viele positive Lufteffekte wahrzunehmen. Und selbst weiter draußen im vierten oder fünften Industrie-Ring ist Leben noch lebenswert. Kein Mensch muss verhungern oder verdursten. Die Anforderungen sind geringer und bieten ein ansprechendes Umfeld für Minderleister. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich durch persönlichen Einsatz nach oben zu arbeiten. Auch Arbeitern aus dem Fünften ist es schon gelungen, sich bis nach Jaikong hochzudienen. Das kommt nicht einmal so selten vor.“
Diese Worte beruhigten Quinn ungemein. Wenn es sogar Menschen aus dem Fünften schaffen, wäre es für Kalana gar kein Problem. Und die Lebensqualität im Dritten war gar nicht so schlecht. Es kam nur darauf an, was man daraus machte.
Die Transportkapsel schoss über die Schienen. Wehmütig blickte ich ein letztes Mal zurück auf das Meer glitzernder Hochhäuser. Ich vermisste schon jetzt die nie enden wollende Hektik der schlaflosen Stadt, die mir immer Geborgenheit gegeben hatte. Ich liebte es, in der Anonymität der Masse unterzutauchen und mich darin treiben zu lassen. Ich liebte es, Menschen zu beobachten. Ich studierte ihre Bewegungen, die gleich und doch so unterschiedlich waren. Alle jagten nur einem Ziel hinterher: Ihr Leben in Jaikong zu bewahren, abzusichern.
Amali schluchzte immer noch. Sie hing an Ropex’ Arm. Sie war wenigstens mit ihrem Märchenprinzen zusammen. Was machte es da schon aus, im Dritten leben zu müssen. Immer hatte ich die beiden Gothic-Punks belächelt, mit ihren an der Seite rasierten Haaren, den fingerbreiten Lidstrichen und den schwarzen Klamotten mit lächerlich klimpernden Schnallen. Aber jetzt war ich neidisch auf ihr Glück.
Ich zog meine Mundwinkel nach oben. Frau Alenkowa hatte einmal gesagt: Eine gute Schauspielerin lebt ihre Rolle, jeden Augenblick. Wenn du lachst, sei wirklich glücklich. Wenn du weinst, sei wirklich traurig. Und es klappte meistens. Wenn ich ein Lächeln auf meine Lippen zwang, fühlte ich ein wenig Glück durch meine Adern fließen. Doch heute wollte es nicht funktionieren, so sehr ich auch die Mundwinkel nach oben zog. Mir war zum Heulen zumute.
Quinn, dieses Riesenarschloch, hatte mich sitzen lassen. Eigentlich bereute ich die Ohrfeige von gestern kaum noch. Früher hatte ich gedacht, dass Quinn auf liebenswerte Art verplant war. Jetzt wusste ich, dass er ein gnadenloser Egoist war.
Die Transportkapsel tauchte in den Tunnel, der unter der Kuppel nach draußen führte. Ich lehnte mich zurück und versuchte, einen allerletzten Blick auf den zart grauen Himmel zu erhaschen. Alles vor meinen Augen verschwamm. Stumm ließ ich die Tränen über die Wangen laufen. Ich wollte nicht in das hysterische Schluchzen von Amali einfallen.
