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Libanon, achtziger Jahre: Die achtjährige Ruba denkt, die alte Frau, die im Dorf als Hexe verschrien ist, muss ihren Vater mit einem Fluch belegt haben. Warum sonst sitzt er seit vielen Wochen in seinem Sessel und starrt vor sich hin? Eines Tages findet Ruba im Wald ein Glasauge und ist nun ganz sicher, was den Fluch anlangt. Sie beschließt, mit der Hexe zu sprechen und ihren Vater zu retten, damit es in der Familie wieder so lebendig und lustig zugeht wie früher. Aber es ist Krieg, die Familie wird von neuen Schicksalsschlägen getroffen; Rubas Bruder, der mit seinen Freunden nach Splittern und Patronen gesucht hat, wird schwer verwundet, die hellsichtige Großmutter träumt vom Tod. Der Krieg rückt näher und näher. Im Angesicht von Not und Gefahr, so zeigt sich, verlieren alle bedrückenden Geheimnisse ihre Kraft über die Menschen. Und in einer besonders schweren und traurigen Stunde macht die alte Frau, vor der Ruba solche Angst hat, dem Mädchen schließlich ein wunderbares Geschenk ... Ein berührender, poetischer Roman über Kindheit und den Verlust der Unschuld auf der Schwelle zum Erwachsenwerden.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2010
Nathalie Abi-Ezzi
Rubas Geheimnis
Roman
Aus dem Englischen von Annette Meyer-Prien
«Dass du heute nicht umgekommen bist, hast du der Adra zu verdanken.» Teta bekreuzigte sich und bewegte ihre Lippen in stillem Gebet, während wir auf ihrem Bett saßen und Kleidungsstücke zusammenlegten, die die Sonne zu seltsamen steifen Formen verkrümmt hatte.
Das Zimmer mit den alten Möbeln und den müden Vorhängen, die sich am liebsten loshaken und zur Ruhe legen wollten, wirkte dunkler und schwerer als gewöhnlich. Jenseits des Fensters zogen sich die Pinienwipfel bis zum Tal hinunter, wo weiße Gebäude aus Stein zwischen ihnen aufragten wie riesige Finger, und weiter bis nach Beirut, das am Meer hingestreckt dalag. Der hitzeflirrende Himmel hatte sich selbst gebleicht, und die Zikaden summten hin und her und hin und her, wie Baumsägen. Teta hatte einmal gesagt, dass immer dann, wenn sie mit ihrem pulsierenden Gezirpe innehielten, ein Mensch gestorben sei, aber sie hielten nicht oft inne: Sie begannen früh am Morgen, wenn das Licht über den Berg kam, und hörten nicht auf, bis es wieder verschwand.
«Ich bin von ganz oben von der Felskante gefallen. Die Erde kam ins Rutschen, und es ging ganz tief runter, es war höher als die Decke.»
«Bist du denn verrückt, Ruba, im Wald so nah an einem so steilen Abhang zu spielen? Bist du das, Mädchen?» Sie strich mir über die Wange. «Jedenfalls hat sie dich gerettet.»
«Die Jungfrau?» Ich starrte die gelbhaarige Plastikfrau im blauen Kleid an, die auf der Frisierkommode stand. Eigentlich war sie eine Flasche, gefüllt mit Weihwasser. Man konnte es sehen, wenn man ihre Krone abschraubte. Ich wusste nicht, wie sie mir am Morgen geholfen haben sollte.
Teta nickte. «Du hättest bis in die Hölle selbst fallen können und wärst trotzdem nicht dabei ums Leben gekommen. Die Heilige Jungfrau hätte dich nicht sterben lassen.»
«Ist das ihre Aufgabe? Ist es das, was sie tut?»
«Tut?» Teta warf mir einen Blick zu. «Sie ist doch keine Bauchtänzerin, Kind, sie ist die Mutter Jesu Christi.»
Ich wollte nicht wirklich etwas über die Jungfrau Maria hören, es sei denn, Teta verpackte sie in einer Geschichte und ließ sie aufregende Dinge tun wie aufs Meer hinausschwimmen oder Verstecken spielen mit Gott oder einen Tunnel ganz bis nach Beirut graben und darin wohnen.
Die riesige weißgraue Unterhose, die ich zusammenzulegen versuchte, wollte sich einfach nicht kleiner machen lassen. Es waren Großmutterhosen; niemand außer einer Großmutter würde je so etwas tragen.
«Aber sie kann mich nicht gerettet haben, sie war ja gar nicht da.»
Teta lächelte. «Doch, das war sie.»
Vielleicht hatte Teta recht. Vielleicht hatte die Jungfrau gewollt, dass ich fiel. Sie hatte mich fallen lassen, damit ich das Glasauge fand.
«Wenn sie nur auch deinem Vater helfen würde», murmelte Teta.
Ich sah von der Hose auf, aber sie sprach nicht weiter, sondern glättete, schüttelte und faltete. Eine dünne grüne Bluse glitt von dem Stapel, wurde ausgebreitet und glattgestrichen: Tetas Hände waren langsam und schwer, und die Dinge gehorchten ihnen.
«Sieht sie wirklich so aus?» Ich zeigte auf die Plastikflasche voll Weihwasser. «Oder wie Teta Fadia? Teta Fadia sieht wie ein Engel aus.» Am Spiegel der Frisierkommode steckte ein Bild von Tetas Mutter, es zeigte eine über einen Spazierstock gebeugte Frau, die älter war als irgendjemand, den ich je gesehen hatte. Ihr weißes Haar war in der Mitte gescheitelt und nach hinten gebunden, und sie trug eine schwarze Hornbrille, aber das Gesicht dahinter blickte freundlich und sanft.
«Sie war ein Engel», sagte Teta. «Habe ich dir erzählt, dass ich nur ihretwegen Lesen gelernt habe? ‹Warum sollten meine Söhne zur Schule gehen und meine Tochter nicht?›, sagte sie immer. ‹Bin ich nicht auch eine Tochter?› Meine Brüder und ich wechselten uns in der Schule und beim Ziegenhüten ab.»
Teta sah nicht wie ihre Mutter aus. Ihr Haar war noch von viel Schwarz durchzogen, sie war kräftig und hatte ausladende Hüften, und ihr Gesicht war weder sanft noch schön, nur rund, faltig und wunderbar.
Während ich sie im Spiegel betrachtete – ihr Lächeln und ihre Bewegungen beim Zusammen- und Aufeinanderlegen–, spielte ich mit dem Glasauge in meiner Tasche. Es war hart und fest, und ich hatte niemandem davon erzählt.
«Naji müsste inzwischen zurück sein. Ich werde mal nachsehen.» Als der frühe Nachmittag in den Spätnachmittag übergegangen war und die Geschäfte wieder geöffnet hatten, war Mutter mit Naji ausgegangen, um Essen und ein paar Haushaltsdinge zu kaufen. Nur Vater war zu Hause.
Tetas schwere Hände schüttelten ein Handtuch aus. «Ja. Geh nur zu deinem Bruder.»
Meine Schuhe quietschten über den Fliesenboden des Korridors. Durch die Türen, die auf den großen Balkon hinauszeigten, drang Licht herein, aber im Inneren der Wohnung war es still und gedämpft wie unter Wasser. Die Glühbirne über dem Waschbecken im Gang brannte, und im Schatten hockte wie ein kleiner Schwarzbär die Nähmaschine mit der Aufschrift ‹Singer›. Ich reckte die Nase in die Luft, als ich an dem getrockneten Lavendelstrauß vorbeikam, der an einem Nagel an der Wand hing: Er roch nach Schlaf und weiten Räumen.
Über der hölzernen Doppeltür blutete der Kopf Jesu auf einem großen Stickbild und sandte Lichtstrahlen aus, während seine Augen zum Rand hinaufstarrten, so dass das Weiße zu sehen war. Im Esszimmer gab es noch ein Bild von ihm, aber da aß er zusammen mit vielen anderen Männern. Teta sagte, das sei sein letztes Mahl, wollte aber nicht sagen, was es zu essen gab und wo die Frauen hin waren, die es zubereitet hatten.
Die Tür fiel stotternd zu, und ich ging die Stufen hinauf ins weiße Sonnenlicht.
Die Augustsonne strahlte wie Jesus, und auf der anderen Straßenseite schwirrten lästige dicke schwarze Fliegen um die mageren Hunde und Katzen herum, die durch den Abfall tappten oder auf die Mülltonnen sprangen. Mittags zogen schwitzende Ladenbesitzer ihre Jalousien herunter und gingen nach Hause, um zu essen und auszuruhen. Dann setzte die Nachmittagsstarre ein. Menschen und Pflanzen ließen die Köpfe hängen; nur die Pinien standen weiter soldatisch aufrecht in der Hitze. Staub wirbelte hoch und legte sich wieder, sobald ein Auto langsam den Berg hinaufschnaufte, Katzen und junge Frauen gähnten, und die Stadt wartete darauf, dass die Schatten länger wurden.
Ich wollte nicht mit Vater allein im Haus sein, deshalb blieb ich auf der Veranda, die sich um drei Viertel des Gebäudes zog. Ich ließ mich zu Boden gleiten und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand.
Mutter sagte immer, die Zeit gehe schnell vorbei, und vielleicht tat sie das anderswo ja auch – in Beirut oder am Strand oder in den römischen Tempeln von Baalbek in unseren Schulbüchern oder ganz oben auf dem verschneitesten Berg–, aber hier in Ein Douwra schlich sie dahin. Ganz am Ende der Veranda stieg der Rosenmann die Treppe hinunter, lächelte dabei seinen Rosen zu und ging dann weiter den Berg hinauf, das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagernd, er hob den Stock und setzte ihn wieder ab, mit einer kurzen Pause nach jedem fünften oder sechsten Schritt, um sich auszuruhen und ein wenig umzusehen. Er war langsam, und die Zeit bewegte sich sogar noch langsamer als er. Es hatte ewig gebraucht, bis 1981 war, und es würde noch einmal ewig dauern, bis ich meinen achten Geburtstag hatte.
Schließlich hörte ich Kies knirschen, und Mutter erschien, schwitzend und rotgesichtig und mit Einkaufstaschen beladen. Hinter ihr ging Naji, der auch zwei Tüten trug und mit den Füßen im Takt zu einem Lied stampfte, das er sang. Er folgte Mutter ins Haus und kam eine Minute später wieder heraus. «Was ist mit dir passiert?», fragte er und betrachtete meine Schürfwunden.
Ich drehte mich erst zur einen, dann zur anderen Seite, um Naji die besten davon zu zeigen.
«Was ist passiert?»
«Ich bin den Abhang im Wald runtergefallen. Den ganz steilen.» Ich zeigte dorthin, wo die Bäume sangen, wo sich ihr Zirpen zusammenfügte zu einem nahtlosen Geflecht. Der Wald mit seinen grünen Piniennadeln und dem Gras, den braunen Felsen und Baumstämmen, den leuchtenden Blumen, glänzenden Insekten, Dornenbüschen und der trockenen roten Erde auf seinen schmalen Wegen, er war der beste Ort überhaupt. «Die Haut ist abgeschürft, als ich gerutscht bin. Schau mal, es sind immer noch kleine Steinchen drin.» Ich pulte an den schwarzen Punkten auf meinem Knie herum.
Naji zog die Augenbrauen hoch, als wollte er mir nicht glauben.
«Es war wirklich so! Ich hab versucht, mich an ein paar Wurzeln festzuhalten, aber es ging nicht.»
«Wenn du tatsächlich gefallen bist: Was lag unten?»
«Alles Mögliche– Zweige, eine rostige Dose und Pinienzapfen.» Meine Finger rochen immer noch nach den jungen Zapfen, die hart und grün gewesen waren, mit einem silbernen Diamanten auf jeder Schuppe. «Und dann fand ich…»
Seine Augen leuchteten auf: «Was?»
«Nichts. Du und Mama seid nicht da gewesen, also bin ich zu Teta gelaufen, und sie hat mich von oben bis unten abgetastet, ob noch alles dran war. Das hat gekitzelt! Und ich hatte Blut auf dem Hemd von dem Schnitt an meiner Schulter. Es sah aus wie eine Blume – es wurde immer größer… wie eine Rose!–, und dann hat Teta Alkohol auf meine Kratzer gemacht, das hat noch mehr wehgetan als das Hinfallen.»
Aber Naji war zwei Jahre älter als ich und an solchen Sachen nicht interessiert. Er ging hinein. Als er wieder herauskam, hatte er ein Matchbox-Auto dabei, seinen Beutel mit Murmeln und die blaue Blechbüchse, die immer auf dem obersten Brett seines Bücherregals stand, wo ich nicht rankonnte. Er bewahrte die meisten seiner Wertsachen darin auf.
«Teta hat gesagt, die Jungfrau hat mich vorm Sterben bewahrt.»
Er streichelte das kleine weiße Sportauto. «Das ist ein Lamborghini. Sieh mal.» Er zupfte die Türen auf – sie öffneten sich nach oben – und drückte sie wieder zu.
«Glaubst du, das stimmt, Naji?»
Er zog das Auto ganz schnell über die eine Handfläche, so dass die Räder sirrten. «Nein. Die Jungfrau Maria ist gar nicht hier. Hast du’s nicht gehört: Man hat sie auf einer Baustelle in Beirut gesehen.»
«Wer hat sie gesehen?»
«Leute halt. Gabriels Mutter hat es uns erzählt. Sie sagte, nur zwanzig Kilometer von hier die Straße entlang in Beirut würden Wunder geschehen.»
«Aber Teta lügt nicht.»
Er zuckte die Achseln.
Es krachte irgendwo in der Ferne, als Naji seine Hosentaschen ausleerte, um nachzusehen, ob sich etwas Wertvolles finden ließ, das er in seine Büchse tun konnte. Da gab es ein langes Stück Schnur mit mehreren Knoten darin, sein altes Taschenmesser, ein kleines Stück Holz mit hineingebohrtem Loch, eine ganze Reihe Flaschendeckel und noch mehr Murmeln.
«Ich hab auch eine Murmel», sagte ich.
Najis schwarze Augenbrauen senkten sich. «Wo ist sie? Wann hast du sie bekommen?»
«Heute. Ich habe sie gefunden.» Es war immer noch in meiner Tasche, sehr warm, nachdem es den ganzen Nachmittag an meinem Körper gelegen hatte. «Hier!» Ich ließ es in seine Hand fallen.
Er schnappte nach Luft. Das Glasauge hüpfte zweimal in seiner Hand auf und ab. Ich setzte mich in die Hocke und lachte.
«Wo hast du das her?»
Ich erzählte ihm, wie ich es im Wald gefunden hatte, und er drehte und wendete es und untersuchte es ausführlich. Es sah komisch aus, dort in seiner Hand, ohne einen Körper dazu, und ich dachte darüber nach, dass die Menschen aus lauter einzelnen Teilen zusammengesetzt waren – Ohren und Finger und Haare und Bauchnabel.
«Glaubst du, es ist ihrs?»
Er sah auf. «Wessen?»
«Na, ihrs.»
Er sah genauer hin, als stünde vielleicht der Name drauf. «Von der Hexe?»
Ich nickte.
«Wahrscheinlich.»
Seit wir alt genug zum Denken waren, hatten wir gewusst, dass sie Vater mit einem Zauber belegt hatte, damit er wurde, wie er war.
«Ich weiß jetzt!», schrie ich. «Das ist der böse Blick!»
Naji sah nicht überzeugt aus. «Vielleicht.»
«Wahrscheinlich hat sie mehr als eins, damit sie sie auswechseln kann, je nachdem, wen sie mit dem bösen Blick belegen will. Große Augen für große Flüche und kleine für kleinere Flüche – eine ganze Schublade voll, und immer, wenn sie sie aufmacht, rollen sie rum!»
Naji seufzte, und das bedeutete, er glaubte kein Wort. «Es gibt nur einen bösen Blick», sagte er, «aber wenn es ihrs ist, dann heißt das, dass sie uns nicht mit einem Fluch belegen kann. Weil wir es haben.» Seine Miene erhellte sich. «Wie ein Wunder. Es geschehen immer wieder Wunder.»
«Welche anderen Wunder denn?»
Er hielt das gläserne Auge an sein eigenes, vielleicht, um zu probieren, ob er damit sehen konnte. «Mar Sharbel.»
«Was hat der gemacht?»
«Er ist unser Heiliger, da ist immer von so Zeug die Rede, wie kranke Leute gesund werden.»
Das Krachen, das ständig im Hintergrund gewesen war, wurde jetzt wieder durch die windstille Luft zu uns herübergetragen. «Und wie?»
Er winkte ab, als gäbe es da viel zu viele Beispiele, um sich genau zu erinnern. «Wenn sie blind sind, wachsen ihnen neue Augen, oder wenn sie nicht laufen können, eben neue Beine.»
Aber uns fehlten keine Beine, Arme, Augen oder auch nur Zähne. Uns fehlte nur Vater.
Mutter sprach mit sich selbst – sie verzog das Gesicht, nachdenklich oder traurig, und gab dann Geräusche von sich: ein knappes Einatmen, wenn sie sich geschnitten hatte, ein «Ts», wenn sie Fatayir in Päckchen rollte und der Teig nicht richtig zusammenhielt, ein «Ach», wenn sie sich nach dem Bettenmachen aufrichtete, und diesen langen Seufzer, wie vom Meer her, wenn sie sich am Ende des Tages hinsetzte. Sie sprach sogar mit dem Hühnchen, bevor sie es in den Ofen schob, voller Mitgefühl, als täte es ihr leid. Und dann war da noch ihr eigenster Klang: das Rascheln des Unterrocks, der gegen ihre Beine rieb, das Klappern ihrer Holzpantinen, das Klirren ihrer beiden Goldarmreifen, das Knacken der Hüfte beim Verlagern ihres Gewichts vom einen Fuß auf den anderen, das leise Klick, während sie ihre Frisur hochsteckte und auf die Haarklammern biss.
Vater war still wie ein Stein.
Vielleicht kochte Mutter deshalb so gern, weil die Küche ihr antwortete: das Blubbern und Zischen in den Töpfen, das Hacken und Kneten auf dem Holzbrett, das Klappern von Messern und Gläsern, der knarrende Tisch, das Summen des Eisschranks und das Plopp-plopp-plopp vom tropfenden Wasserhahn.
Naji musste Fußabdrücke hinterlassen haben, als er zu Gabriel hinübergegangen war, weil das Stück Küchenboden zwischen Esszimmer und Terrassentür frisch gewischt und nass war. Ich hätte beinahe ein Backblech auf den weiß gefliesten Boden fallen lassen.
«Sei vorsichtig, ya Ruba!»
Überall lagen Backbleche – auf der Arbeitsfläche, der Wärmeplatte, dem Eisschrank, auf den beiden Stühlen voller Kuchenteig, die Mutter aus dem Esszimmer herübergetragen hatte.
«Warum machst du so viele?»
Mutters Gesicht war rot von der Hitze, und sie wischte sich die Hände an einem Tuch ab. «Es wird gar nicht so viel ergeben.» Auf ihrer Oberlippe hatte sich Schweiß gesammelt, und sie wischte ihn mit einer Abwärtsbewegung ihres Zeigefingers fort.
«Sind das alles die gleichen?»
Sie nickte und begann ein neues Viereck auszurollen. Dann hob sie es auf den Knöcheln hoch und zog es mit weit ausgebreiteten Ellbogen so dünn auseinander, dass ich durch den Teig ihr Gesicht sehen konnte. Er riss dreimal und musste geflickt werden, aber schließlich schnitt sie ihn in Stücke und schichtete diese übereinander, wobei sie jede Lage mit Butter bestrich und Nüsse darüberstreute. Viele gingen dabei kaputt, und der Klumpen aus nutzlosem, hautähnlichem Teig wurde immer größer.
«Hier – hack die mal schön klein.» Ihr Gesicht war mehlverschmiert, und sie strich sich die Haare mit dem Arm zurück.
Es war schwer, die Pistazien zu hacken. Eine schnipste hoch und traf den Heiligen auf dem Kalender, der seit zwei Monaten nicht umgeblättert worden war. Eine andere flog auf den Boden.
«Geduld. Mit Geduld kann man Zucker aus einer Zitrone quetschen.»
Ich rollte einen Kern zwischen den Fingern. «Wie denn?»
Aber sie antwortete nicht. Zwei Bleche wurden aus dem Ofen gezogen, und zwei andere wanderten hinein, mit Lagen von Blätterteig wie Libellenflügel, die raschelten, wenn ich sie berührte.
Mutter beachtete mich nicht. Sie legte noch mehr Teig auf ein Blech. Tief nach vorn geneigt stand sie da, und ihr Haar saß wie eine riesige Schnecke auf ihrem Hinterkopf. Dann trat ich ganz nah heran – ihre Augen weiteten sich. «Ruba, was ist passiert?» Eine lose Haarsträhne kitzelte mich an der Wange, als sie sich zu mir herunterbeugte. Ihre Augen waren rund und schwarz umrändert. Im Licht vom Fenster her sah ich Mehlpartikel, die neben ihrem Ohr in der drückenden Hitze schwebten.
«Ich bin gefallen. Ist schon in Ordnung. Teta hat Alkohol draufgetan», erklärte ich.
Sie musterte mich kurz, dann arbeitete sie weiter und bewegte sich zwischen dem Backblechpuzzle hin und her. Das Grün ihres Kleides war ganz dunkel unter den Achseln, und ihre Arme flatterten in der Ofenhitze.
Aus dem Wohnzimmer kam das leise Klick-klick-klick von Vaters Sorgenperlen, die er eine nach der anderen zwischen Daumen und Zeigefinger gleiten ließ, immer und immer wieder.
«Mama, warum kochst du andauernd?»
«Es lenkt mich ab.»
«Hast du deshalb meine Schrammen nicht bemerkt?»
Sie machte ein beunruhigtes Gesicht. «Ja.»
Nach dem Kochen kam das Waschen. Dann wurde die Wäsche auf der Veranda aufgehängt, und Mutter begoss die Fuchsien und Ringelblumen und Geranien. Während sie hinter den aufgehängten Wäschestücken entlangging, erschien oder verschwand sie in der Sonne, und unter den Töpfen breitete sich dunkel das Wasser aus. Mutter war gut darin, für alles zu sorgen, sicherzustellen, dass genug Essen und Wasser da war. Dünne Rinnsale schlängelten sich über die Veranda und flossen in den Gully. Sie traten unter jedem Topf hervor – außer dem mit dem schiefen Kaktus, der an eine Stange gebunden allein in einer Ecke stand. Mutter mochte ihn nicht und hoffte immer darauf, dass er eingehen würde, aber er tat es nicht. Sie wollte ihn weder wegwerfen noch gießen. Vielleicht war ihr Herz in der Hitze vertrocknet und zusammengeschrumpelt wie eine Feige. Einen Moment lang stellte ich es mir vor, dunkelrot und eingefallen in ihrer Brust. «Mama, wann wirst du den Kaktus gießen?»
Sie warf einen Blick über die Schulter. «Ich weiß nicht. Bald.»
«Wie bald?»
Die Plastikwäscheleine knarrte, doch es kam keine Antwort. Die letzten Tropfen gab sie der Fuchsie, während ein Stück weiter die Wand entlang die Erde um den Kaktus herum hart und aufgerissen blieb.
Vater sah schweigend aus seinem Sessel zu, und als ich durchs Wohnzimmer ging, verfolgte er mich mit den Augen; sonst bewegte sich nichts an ihm. Aus dem kleinen Radio, das er immer auf dem Regal neben seinem Sessel stehen hatte, sang eine Frau.
«Sie haben Straßensperren aufgestellt,
die Schilder alle verhängt,
sie haben Bomben gesät
und die Plätze vermint.
Wo bist du, mein Lieb?
Nach dir wurde unsere Liebe ein Schrei.»
Ich nahm mir ein Buch und setzte mich aufs Sofa. Über meinem Bild von Ali Baba und den vierzig Räubern sah Vaters Gesicht noch eckiger aus als sonst – ein großes braunes Viereck, abgesehen von dem roten Mal auf seiner Stirn, das aussah wie Schuhcreme und das ich am liebsten abreiben wollte. Und die ganze Zeit dieses Klick-klick-klick seiner Sorgenperlen.
Die Frau sang immer noch – «Nun ist der zweite Sommer, der Mond ist zerbrochen», und Vater starrte auf die Schnittwunden an meinen Beinen.
«Ich bin gefallen, das ist alles. Es hat nicht sehr wehgetan.»
Er hatte schwarze Haare an den Armen, wo das Hemd hochgekrempelt war, und auf den Handrücken und über jedem Knöchel; und weiter unten auf den Zehen in ihren schwarzen Ledersandalen, auf den großen und den ordentlich daneben aufgereihten kleinen.
«Du musst vorsichtig sein.»
«…oh, die Tage der Liebe kommen wieder, Beirut, die Tage kommen wieder…»
Das rötliche Mal über seinen Augenbrauen wirkte jetzt noch größer. Es erinnerte mich an das, was Schwester Thérèse gesagt hatte, als sie neulich bei uns in der Schule gewesen war, um uns etwas über Gott und die Bibel beizubringen, und dabei mit Augen, die alles sahen, durch ihre Brille geschaut hatte, bereit, diese Tadelstimme zu benutzen, die direkt aus ihrer Nase kam. Sie sprach über Kain und Abel und dass der böse Bruder ein Mal am Kopf hatte.
Die Plastikblumen in der Vase auf dem Tisch waren staubig, und in der Luft schwebte der Geruch von verbranntem Teig. Vater hatte sich in eine Statue mit auf den Boden fixiertem Blick verwandelt. Als er den Kopf wieder hob, schien er erstaunt, dass ich noch da war. Beim Weggehen fiel mir seine Ähnlichkeit mit dem Kaktus auf: Er saß hart und trocken in der Ecke, als hätte jemand vergessen, ihn zu gießen.
Am nächsten Sonntag versuchte Mutter, Naji zur Eile anzutreiben. Während wir auf ihn warteten, löste sie ihr Haar und drehte es wieder ein, aber es muss immer noch nicht richtig gewesen sein, denn sie zog die Augenbrauen hoch und machte es ein zweites Mal. «Nabeel», sagte sie schließlich zu Vater. «Willst du nicht mit uns zur Kirche kommen?»
Er saß immer noch an seinem Frühstück. «Bitte keine Religion, Aida.»
«Mir zuliebe, Nabeel.»
«Ich möchte nicht Leuten begegnen und mich von ihnen anstarren lassen. Und zum ersten Mal seit Jahren in der Kirche erscheinen. Wie ein Idiot.»
«Niemand wird dich anstarren. Und wenn doch, was stört’s dich?»
Najis Sonntagsschuhe kamen den Flur entlanggeklappert.
«Mach, was du willst, das geht nur dich und deinen Gott etwas an. Aber für mich ist kein Platz in der Kirche.» Er schnitt ein Stück Käse ab und legte es zwischen zwei Brotscheiben. Die Zikaden im Tal schrammelten und schrammelten immer weiter, wie wenn man Kopfschmerzen hat und das Blut einem im Schädel pocht.
Wir gingen vor Mutter und Teta. Draußen lag überall Staub. Mit lautem Motorengeheul fuhren Autos an uns vorbei und legten sich quietschend in die Kurve, ihre Räder klebten am heißen Asphalt. Gegenüber der Kirche trug ein Mann Steigen mit Obst und Gemüse aus seinem dunklen Laden und stellte sie davor ab: riesige rote Äpfel und Tomaten, Bananen, Aprikosen, strahlend rosa Granatäpfel, Berge von Okra, Bohnen und Kopfsalat, während drinnen große Tüten mit flachen runden Broten an Haken hingen und im hereinscheinenden Licht erstrahlten.
«Früher kam Papa immer mit in die Kirche», sagte Naji.
«Wann?», fragte ich und befingerte das Glasauge in meiner Tasche: Ich hatte beschlossen, es zum Schutz immer bei mir zu tragen.
«Früher. Aber damals war alles anders. Erinnerst du dich an Jamila, die für uns gekocht hat?»
«Ein bisschen. Sie war weich und warm, wenn sie mich getragen hat, und ihr Nacken roch nach Petersilie… und an ihrem Haaransatz bildeten sich so kleine runde Wassertropfen.» Ich sah wieder das lange, um Jamilas Kopf gebundene Tuch vor mir und den dünnen schwarzen Zopf, der sich ihren Rücken hinunterschlängelte. «Hat sie gute Sachen gemacht?»
«Besser als das Essen von Mutter», flüsterte er, «und sie hat mit uns gespielt.»
«Warum ist sie weg?»
«Wegen Vater. Das war, als er aufgehört hat zu arbeiten und wir nicht genug Geld hatten. Sie weinte, als sie gehen musste, und hat uns so fest geküsst, dass es wehtat.» Er machte schmatzende Geräusche mit den Lippen. «Da hat Mutter mit dem Kochen angefangen.»
«Daran erinnere ich mich.» Nachdem Jamila das Haus verlassen hatte, hatte Mutter allein mitten in der Küche gestanden und die Hände geknetet. Ungefähr damals verzichtete sie darauf, dermaßen oft auszugehen. Damals hatte der Fluch angefangen. «Die Hexe verteilt immer noch Flüche», sagte ich. «Letztes Mal kam sie in den Nussladen – und schon hatten sie eine ganze Fuhre verdorbene Nüsse. Ali hat gesagt, so etwas hätte er noch nie gesehen.»
«Lass uns zu ihm gehen und ihn fragen», schlug Naji vor. Wir überquerten die Straße und gingen auf der anderen Seite weiter. Meine Finger berührten alles am Weg: raue, von winzigen weißen Härchen bedeckte Blätter, Blumen, die aus Mauerspalten wuchsen, das Sims des örtlichen Straßenaltars, den heißen, verstaubten Kühler eines Autos, eine grobe Steinmauer und schließlich die schneidende Kühle abbröckelnder Farbe auf Metallgeländern.
Die Läden vor Vaters Geschäft waren geschlossen, und drinnen lag wohl alles im Dunkeln – die Töpfe und Bratpfannen, Gläser und Messer, Trittleitern und Wischtücher, Teller und lächelnden Porzellanfiguren, von denen einige seit Jahren am selben Platz standen.
Als wir daran vorbeigingen, trat Naji wütend gegen die Rollläden, aber kaum erreichten wir den Nussladen, hellte sich seine Miene wieder auf. «Wenn er nur Ali gehören würde», sagte er. «Er würde uns immer was geben.»
Die bunten Farben der Bonbons, Schokolade und Getränke machten ihn zum hübschesten Laden der Stadt. Naji sog den nach draußen wehenden Duft der heißen Nüsse ein, bevor er zu Ali hinaufrief. Einen Augenblick später erschien Ali in seiner weißen Baumwolljacke hinter einem Metallgitter über der Tür und sah nach draußen, als sähe er die Welt zum allerersten Mal.
«Es muss so heiß sein, da oben», rief ich. «Du bist schweißgebadet!»
Er winkte. Sein rundes Gesicht glänzte, das linke Auge zeigte leicht auswärts, der breite Mund war ein fester gerader Strich. «Nur ich bin hier, um die Nüsse zu rösten. Das ist heiß für sie und für mich auch: Sie rösten, und ich röste mit!» Er lachte über seinen eigenen Witz und wiederholte ihn nochmal vor sich hin.
«Stimmt das mit den Nüssen, Ali?» Ich hielt mir die Hand über die Augen. «Stimmt es, dass die Nüsse verdorben sind, als die Hexe reinkam?»
Ali nickte, seine Augen weiteten sich ängstlich. Seine Hände waren salzverkrustet, sein Gesicht rot durch die Hitze vom Feuer. «Konnte sie nicht verkaufen. Die ganze Fuhre.» Er schüttelte den Kopf.
«Wie hat sie sie verdorben?»
«Das weiß er bestimmt nicht», sagte Naji. «Ich weiß nicht, worüber er so nachdenkt, aber bestimmt nicht über so was.»
«Ali», rief ich, «woran denkst du da oben?»
Ali lächelte. «Hier oben kann ich alles sehen, also denke ich an alles.» Er verschwand, dann kam er wieder zum Vorschein und warf uns ein paar Zuckermandeln zu. Zwei rosafarbene flogen in meine Richtung: Er wusste, dass ich die rosafarbenen am liebsten mochte.
Wir standen neben der Kirche und schauten auf die Hänge mit den Oliven- und Mandelbäumen hinunter. Naji sagte, die Phönizier hätten sie angelegt, aber als ich fragte, wer das war, war er sich nicht sicher. Unten und weiter hinten breitete sich Beirut an der Küste aus wie eine Legostadt aus grauen und weißen Steinen, daneben glitzerte das Meer.
Eine Autoschlange bildete sich. Ein Fahrer hatte angehalten, um mit jemandem auf der Straße zu sprechen. Es gab noch mehr Gehupe, und es wurden Sachen über die Schwester des einen Mannes und die Mutter eines anderen gerufen.
Mutter und Teta schafften es schließlich den Berg herauf. Teta, in ihrem besten schwarzen Kleid, schnaufte, um wieder zu Atem zu kommen. «Gott ist mein Zeuge, dass ich voller Hingabe bin: so eine alte Frau und bewältige diesen ganzen Weg», murmelte sie, während sie langsam die Treppe zur Kirche hochstieg.
Drinnen war es warm und düster. Im Hauptschiff standen hölzerne Sitzbänke auf dem Steinboden, während an den Seiten links und rechts Stuhlreihen aufgestellt waren. Die großen Heiligen aus buntem Glas sahen in dem strahlenden Licht, das durch sie hindurch auf die Gemeinde fiel und die blasse Kleidung rosa und blau einfärbte wie Comic-Zeichnungen, heiß und rotgesichtig aus. Die Kirchenbänke waren mit steifen Anzügen und Goldschmuck gefüllt, kölnisch Wasser lag fettig in der Luft.
Wir saßen nahe am Rand, Teta und Naji vor mir und Mutter. Neben mir hatten eine dicke Frau mit klimperndem Armband und ein Mann mit einer rosa Speckrolle im Nacken Platz genommen.
«Sitz still», flüsterte Mutter Naji zu, der summte und mit der Hacke gegen die Kirchenbank schlug.
Ein Priester in schwarzer Robe und gebauschtem Hut stand auf der Kanzel. Wie alle Priester hatte er einen langen Bart, durch den er sang. Dann waren wir dran, und die Erwachsenen sangen zu ihm zurück.
Naji drehte sich zu mir um und rollte mit den Augen, aber ich versuchte zu erraten, wann Mutter den Kopf beugen und wann der Priester sich umwenden würde, um wieder zum Altar und dem goldenen Kreuz hin zu sprechen anstatt zu uns. Er sagte ziemlich viel in einer fremden Sprache, vielleicht, damit Gott ihn verstehen konnte, aber ich glaubte nicht, dass es Gott besonders interessierte, wo ER doch seit hundert Jahren jeden Sonntag dasselbe hörte.
Die Lilien und Nelken am Altar welkten schon, und die Seiten der Bibel von der Dame neben mir klebten schwitzig aneinander. Rechts oben lief ein Buntglasheiliger rot an. Er sah aus wie Onkel Wadih, nur dass Onkel Wadih keinen langen Umhang trug. Oder rot wurde.
Mutter und Teta hatten anscheinend viel Anlass zum Beten. Sie knieten mit geschlossenen Augen auf den Kissen und bewegten die Lippen, während der Priester umherging und in einer Büchse, die er an goldenen Ketten hielt, Weihrauch schwenkte.
Ich hörte, wie Teta Gott und Jesus bat, eine lange Liste von unseren Verwandten zu behüten und der Seelen ihres Mannes und ihrer Mutter gnädig zu sein. Vor allem wollte sie, dass «die Kinder und meine Söhne und meine Schwiegertochter glücklich sind». Aber wahrscheinlich hatte Gott mit Onkel Wadih nicht viel Arbeit, denn der war immer glücklich.
Mutter betete: «Gib ihn uns zurück. Oh, Allah, bitte mach, dass Nabeel zu uns zurückkommt.»
Ich betete auch. Dass der Fluch über Vater aufgehoben würde, dass Onkel Wadih rechtzeitig zu meinem Geburtstag kommen möge und dass ich niemals Omaschlüpfer tragen müsste wie die von Teta.
Zurück im Freien, konnte ich fast hören, wie die Sonne herunterbrannte. Die Männer zogen ihre Jacketts aus und standen rauchend und redend in Gruppen zusammen, während die Frauen über die Straße zum Nussladen gingen, um Schachteln mit Schokolade für die Sonntagsbesucher zu kaufen. Eine gab dem Mann im Rollstuhl, der regelmäßig nach der Kirche bei den Eingangsstufen wartete, ein wenig Geld. Er trug beulige Stiefel an den Enden seiner verschrumpelten Beine, und über seinen Knien lagen zwei Krücken.
«Wie konnte der Priester den Weihrauch so hoch über seinen Kopf schleudern, ohne dass etwas herausfiel?»
«Das tut er, damit Gott unsere Gebete hören kann», sagte Teta, «damit sie mit dem Rauch in den Himmel steigen.»
Sie gingen voraus.
«Der Rosenmann sagt, es nützt alles nichts», sagte ich zu Naji, «und dass wir wie Pflanzen sind – wir sind hier und dann nicht mehr. Warum gehen die Leute überhaupt in die Kirche?»
«Ich weiß nicht. Vielleicht, weil sie etwas von Gott wollen. Dann gehen jedenfalls die meisten hin und beten. Sonst kümmern sie sich nicht viel drum.»
Die Blätter hingen lose an den Bäumen, und weiße Trichterwinde ergoss sich eine Mauer herunter.
«Was will Mama denn?» Ich dachte an ihr verhärtetes, ausgetrocknetes Feigenherz.
«Reich sein, wahrscheinlich. Das wollen alle.»
Ums Reichsein hatte ich sie nicht beten hören. «Wird Gott nicht böse, wenn die Leute nur hingehen, wenn ER etwas richten soll, was schiefgelaufen ist, so wie zum Arzt, wenn sie krank sind?»
Er hinterließ mit dem Finger eine Wellenlinie an der Seite eines verstaubten Autos. «Na ja, er würde sich ärgern, wenn man ihn belästigt, solange alles in Ordnung ist, oder?»
«Probiert mal.» Mutter hielt uns mit beiden Händen zwischen Daumen und Zeigefinger etwas zum Kosten hin. Es sah aus wie ein Stückchen gefüllter Fleischklops oder vielleicht gebackener Blumenkohl.
Als ich es im Mund hatte, mochte ich es nicht runterschlucken, aber Naji war gut im Lügen, wenn es um die Dinge ging, die aus Mutters Hand kamen.
«Mhm.» Er lächelte, dann lief er schnell weg.
Mutter klopfte Fleisch mit einem Stock, an dessen Ende ein Holzklotz steckte. Sie schlug so kräftig und lange auf das dünne Fleischstück ein, dass es dem Tier wehtun musste, obwohl es längst tot war. Ein süßlich-warmer Geruch von brutzelnden Zwiebeln und Pinienkernen stieg aus der großen gebogenen Pfanne auf, und von dem Brett, auf dem sie Petersilie hackte, ertönte ein leises schrk-schrk-schrk. Ihre grün gesprenkelten Finger hielten inne, als sie die Petunien auf dem Fensterbrett betrachtete.
«Warum sterben Blumen im Winter?», fragte ich.
«Weil es zu kalt ist.»
Sie hatte sie dorthin gestellt, weil sie etwas Schönes zum Anschauen haben wollte, und jetzt fragte ich mich, wie sie sich wohl fühlen würde, wenn sie eingingen.
Naji und ich aßen so viel zu Mittag, bis wir nicht mehr hungrig waren, dann schoben wir das Essen auf unseren Tellern herum. Es war irgendwie bitter, obwohl Vater das nicht zu merken schien; er aß in regelmäßigem Takt vor sich hin und nahm jede Menge Salz dazu.
Mutter redete auf ihn ein, am nächsten Tag das Geschäft zu öffnen. «Bald fängt die Schule an, und wir brauchen Geld. Ich habe nicht mehr viel übrig.»
Die Linien in Vaters Gesicht gruben sich tiefer ein.
«Du hast jetzt eine Woche lang nicht mehr geöffnet. Muss ich das wieder erledigen?»
Er aß weiter und starrte beim Kauen auf seinen Teller.
Der Reis auf Mutters Gabel zitterte. Ein paar Körner fielen runter. Vielleicht hatte Naji recht gehabt, und es war wirklich das Armsein, das Mutter unglücklich machte.
Vater sagte leise: «Ich werde das Geschäft öffnen. Aber nicht morgen.»
«Wann dann? Am Tag danach wird es genau dasselbe sein.» Niemand aß jetzt. «Du wirst wieder zu diesem Sessel gehen und nicht mehr aufstehen.» Sie fasste sich mit der Hand an die Stirn. «Du wirst in diesem Sessel sitzen und–»
Vaters Gabel fiel klappernd auf den Teller. «Was willst du von mir, mein Liebes? Dass ich da rausgehe und mit irgendjemandem, der grad reinkommt, ein Schwätzchen halte – über nichts? Über absolut nichts?»
«Du musst ja nicht mit ihnen reden. Niemand erwartet, dass du Konversation treibst.»
«Nein, nur dass ich tue, als wäre nichts geschehen. Als wäre dieses Land hier nicht die Hölle! Kannst du das nicht verstehen, Aida?»
«Nein – nein! Ich verstehe nicht, wie wir deiner Meinung nach weiterleben sollen. Die Zeit vergeht, die Kinder werden größer, und immer noch…» Ihre Hand rutschte jetzt über ihre Augen.
«Immer noch ändert sich nichts. Aber werde ich euch alle verhungern lassen? Ist es das, was du denkst?» Er schob ungeduldig seinen Teller von sich. «Ich habe doch gesagt, dass ich es tun werde. Nur nicht morgen.»
«Wie sollen die Kinder lernen, ohne Bücher, und wie sollen sie zur Schule gehen, ohne Kleider oder Taschen oder Stifte?» Sie atmete schwer. «Warum kannst du nicht…?»
Vater lächelte bitter. «Hast du die Geduld mit mir verloren, ya Aida, du, mit deinem unerschöpflichen Quell an Geduld? Vielleicht musst du auf ewig geduldig sein, verstehst du? Für immer.»
Mutters Lippen verschwanden in ihrem Mund, und sie stand auf.
«Lass sie in Ruhe», sagte Naji nach dem Essen zu mir, aber es war schwer, nicht hinzusehen. Sie musste jede Fliese in der Küche geschrubbt haben: jede weiße und jede blaue und auch die hässlichen Flecken, wo keine Fliesen mehr waren. Sie musste jede Wand und jede Oberfläche und jeden Riss im Haus kennen, dachte ich, während ich auf einem Bein herumhüpfte. Sie musste jede Franse am Wohnzimmerteppich kennen, der in Wirklichkeit eine Insel war, von der man barfuß nicht heruntertreten konnte, ohne in das kalte Meer der Fliesen zu fallen; sie musste jeden einzelnen Wirbel an dem pfirsichfarbenen Lampenschirm kennen, der aussah wie eine Muschel und von dem sie behauptete, er stamme aus Manila, der aber in Wirklichkeit aus dem Laden an der oberen Straße kam, es mochte ihr nur niemand sagen; und sie musste wissen, dass der metallene Kleiderhaken an der Wand von Vaters schwerem Wintermantel ganz heruntergebogen war.
Während sie die Veranda fegte, lag ich auf dem Boden und las. Durch das Fenster drang das Geräusch des dicken Strohbesens zu mir herein, ein kräftiges, regelmäßiges Schurren, außer wenn sie zum Ausruhen innehielt. Ich hatte das Buch beinahe schon zu Ende gelesen, als das Singen einsetzte. Sie sang nicht oft, nur gelegentlich, wenn sie glaubte, es könne sie niemand hören.
Ich lag da und hörte ihr zu. Das Schurren verlangsamte sich zum Takt ihres Liedes und verschmolz damit. In den oberen Lagen war ihre Stimme klar und schwankte ein bisschen, aber bei den tiefen Tönen klang sie rau und körnig wie Sand. Es war eine schöne Stimme, und sie war wie eine Prinzessin, die fegt und fegt – und fegt und fegt, bis eines Tages etwas Wunderbares passiert, und dann würde sie nur noch singen.
An dem Abend saß ich an Mutter geschmiegt da und sah ihr beim Löcherstopfen zu. In seinem Sessel auf der anderen Seite des Raumes starrte Vater immer auf denselben Punkt, mit wie zu Tauen verkrampften Nackenmuskeln. Sein Kopf war gebeugt, während seine Finger die großen grünen Sorgenperlen immer wieder durchzogen, als wären sie ein endloser Abakus.
Ich zog den Nähkorb auf meinen Schoß und beschäftigte mich mit den verschiedenfarbigen Spulen, einzelnen Stecknadeln, aufgehobenen Flicken, Reißverschlüssen und dem abgenutzten Messband. Ich kippte die Knöpfe aus dem Babygläschen in den Korbdeckel. Es gab große, flache goldene, glänzende rote, kleine geschnitzte, weiße, warme aus Leder– Dutzende von verschiedenen Farben und Größen.
«Wo sind die her?» Ich nahm einen blauen auf, der silbern glänzte, wenn man ihn im Licht hin und her drehte.
Mutter biss mit den Zähnen einen Faden ab. «Das war einer von Naji, von einem Anzug, den er zum ersten Schultag getragen hat.» Sie lächelte. «Er wollte nicht hingehen.»
Naji sah vom Boden hoch, wo er inmitten seiner ausgebreiteten Bücher saß. Dann erregte etwas im Fernsehen seine Aufmerksamkeit.
«Und der hier?» Ich nahm einen geschnitzten weißen in die Hand, der sich wie Knochen anfühlte.
Sie wickelte einen Faden fest auf die Spule. «Der ist von einem Kleid, das ich vor unserer Hochzeit getragen habe, als ich noch» – sie stockte einen Moment lang–, «als ich noch jung war.»
Ich sah Vater zusammenzucken, als hätte sich ihm eine Mücke auf die Wange gesetzt, aber er nahm die Augen nicht vom Teppich hoch.
«Erinnerst du dich an alle Knöpfe?»
Sie nickte. «Die meisten. Sieh mal, das ist einer von dir.» Sie schob einen kleinen roten aus dem Haufen heraus. «Von einem deiner ersten Kleidchen, als du noch klein warst.»
«Sind die großen von Vater?»
«Manche.»
«Welche denn?»
Sie reihte die Spulen im Korb auf. «Nun lass mal.» Die hölzernen Garnrollen klickten leise aneinander, und die hineingesteckten Nadeln schimmerten sanft inmitten der bunten Garne.
Ich gähnte. «Warum behältst du sie, wenn es die Kleider nicht mehr gibt?»
«Ich werfe nie etwas weg, ohne vorher die Knöpfe abzumachen. Es sind Erinnerungen – jeder einzelne ist wie ein Foto.»
Ich drückte mich wieder an Mutter, mit ihrem warmen weichen Busen an meinem Kopf und ihrem ein klein wenig säuerlichen Geruch, und ließ ihre Erinnerungen durch meine Finger gleiten. Sie fielen mit einem prasselnden Klickerklacker in den Deckel. Ich sah ihnen schläfrig dabei zu: ihr Glänzen, die Löcher, die Kerben und Materialien. Ich stellte mir Mutters Kopf vor, voll mit bunten Knöpfen, und plötzlich waren sie alle dort drin, und sie wanderte in jedem davon herum und putzte und weinte. Ganz selten sang sie auch mal, und ihre Taschen waren voller toter gelber Petunien.
Als ich die Augen wieder öffnete, fühlte sich der Raum anders an. Naji war nicht da und Mutter mit ihrer warmen Schulter auch nicht. Sie hockte neben Vaters Sessel. Der Fernseher war leise gestellt.
«Wie soll ich weitermachen, Nabeel?»
«Niemand von uns will weitermachen. Kannst fragen, wen du willst», antwortete er.
«Aber Liebling, die Zeit vergeht und wird nicht wiederkommen. Magst du’s nicht wenigstens versuchen, ja?» Sie streckte langsam die Hand vor und legte sie auf seinen Arm. «Bitte.»
Etwas schien in ihm anzuschwellen, stieg ihm in den Mund und wurde hinuntergeschluckt.
Mutter kniete jetzt. Ihre nackten Füße verschwanden unter ihrem Rock. «Bitte, Nabeel.»
Vaters Fingerknöchel hatten sich in weiße Knubbel verwandelt. Er schlug mit der Hand auf die Sessellehne.
Mutter stemmte sich hoch. «Dann versuch’s eben nicht. Sitz einfach da und tu gar nichts!» Ihr Unterrock rieb raschelnd über ihre Seidenstrümpfe. «Ebenso gut könntest du tot sein!» Sie rauschte an mir vorbei nach draußen, und ich sah, dass sie weinte.
