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Ingmar Stadelmann

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Beschreibung

Der erste grandios komische Roman aus der Feder des mehrfach preisgekrönten Comedians Ingmar Stadelmann und seiner Schwester Juliane. »Er ist höflich wie ein Türsteher und feinfühlig wie ein Pfund Hackepeter. Und genau das macht seinen Humor aus«, sagt Dieter Nuhr über Ingmar Stadelmann. Diesen Humor hat Stadelmann, 2014 und 2015 mit so ziemlich allen wichtigen Comedy-Preisen ausgezeichnet, jetzt mal eben ausgeliehen: an BöRDie, den Rosella-Sittich. 1989 als so eine Art lebender Begrüßungs-Hunni unterm Weihnachtsbaum der Günthersens gestrandet, kommt BöRDie seitdem aus dem Kopfschütteln über seine schrecklich netten Ossis gar nicht mehr raus. Außerdem scheißt er auf political correctness, und zwar wortwörtlich. So bekommt auch der Westen sein Fett ab, garantiert. Kollegen über Ingmar Stadelmann: "Ich bin natürlich hin und weg! Man hängt dir an den Lippen, will nichts verpassen und dabei bist du eben sau präzise und sau gut!"  Eckart von Hirschhausen "Mir wurde ganz heiß von Deinem Auftritt, weil ich so fröhlich war!"  Mirja Boes "Ich finde gerade gut, dass du wahnsinnig frech bist - in der Frechheit liegt natürlich ein Risiko, aber du hast dich auf der besseren Seite des Risikos befunden und deshalb Applaus für deine Performance!"  Kaya Yanar "Ein Sympath. Trotz der vielen kleinen Frechheiten! Ein Sympath!" Bastian Pastewka

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Seitenzahl: 282

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Ingmar und Juliane Stadelmann

Rübermachen

Ein Roman aus der Vogelperspektive

Knaur e-books

Über dieses Buch

Der erste grandios komische Roman aus der Feder des mehrfach preisgekrönten Comedians Ingmar Stadelmann und seiner Schwester Juliane.

 

»Er ist höflich wie ein Türsteher und feinfühlig wie ein Pfund Hackepeter. Und genau das macht seinen Humor aus«, sagt Dieter Nuhr über Ingmar Stadelmann. Diesen Humor hat Stadelmann, 2014 und 2015 mit so ziemlich allen wichtigen Comedy-Preisen ausgezeichnet, jetzt mal eben ausgeliehen: an BöRDie, den Rosella-Sittich.

1989 als so eine Art lebender Begrüßungs-Hunni unterm Weihnachtsbaum der Günthersens gestrandet, kommt BöRDie seitdem aus dem Kopfschütteln über seine schrecklich netten Ossis gar nicht mehr raus. Außerdem scheißt er auf political correctness, und zwar wortwörtlich. So bekommt auch der Westen sein Fett ab, garantiert.

 

Kollegen über Ingmar Stadelmann:

 

»Ich bin natürlich hin und weg! Man hängt dir an den Lippen, will nichts verpassen und dabei bist du eben sau präzise und sau gut!«

Eckart von Hirschhausen

 

Inhaltsübersicht

WidmungPrologWinter1.Weihnachten 892.Stille Nacht3.Soli4.Gitte5.Balz, balz, Baby6.Silvester7.Hedda8.Flugtraining für Kater9.Ringen10.Schulbesuch11.HausbesuchFrühling1.Erich, mach mal piep!2.Kegelclub3.Showtalent4.Süße Wipfel5.Braver Frühling6.Neues Spiel, neues Glück7.Bördie allein zu Haus8.Opa Friedo9.Feueralarm10.Mehr als ein Piep11.Ostern I12.Ostern IISommer1.Abschied2.Ausflug mit Jana3.Badeanstalt4.Grillen5.Alles anders6.Freiheit7.A star is born8.The Breaking Sea9.Gran-Turismo-InjektionHerbst1.Im Westen gibt’s Neues2.Sandelshausen – Monaco3.Mitlachen, mitleiden4.Mitten im Meer5.Coucou heißt nicht Kackhaufen6.Fluchtversuch Part Two7.Wieder vereint8.Zurück in die Zukunft9.Schlüpfrigkeit10.Neuland
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Für unsere Ommel

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Prolog

Sehen Sie, ich habe kein Problem damit, in einem Käfig zu sitzen. Lesen Sie Heinrich Bölls »Weggeflogen sind sie nicht«, und Sie wissen, was ich meine. Das ist es also nicht. Ich habe allerdings ein Problem damit, wenn dieser Junge, Hanno, mir zu nahe kommt und seinen dicken – ich meine verdammt dicken – Wurstfinger zwischen meine Gitterstäbe schiebt und versucht, meinen Schwanz zu berühren. Haben Sie schon einmal versucht, auf etwa einem halben Quadratmeter vor jemandem zu fliehen? Ich meine, vor jemandem, der Ihren Schwanz berühren will, sofern Sie einen haben? Gut, mittlerweile habe ich zumindest eine Voliere, aber auch Hanno Günthersen ist gewachsen, und seine Wurstfinger sind doppelt so dick.

Ich sage Ihnen, die Welt war nicht mehr die gleiche, und das lag nicht an der gefallenen Mauer, von der ich anfangs ja überhaupt nichts wusste! Diese Familie war wie ein eigener Staat, schlimmer als der Sozialismus, weil man sich hier noch nicht einmal darüber einig war, ob man die Dinge verteilen oder doch lieber alles sofort selbst aufessen wollte. Sie können sich nicht vorstellen, was los war, wenn die Mutter aus der Kaufhalle kam. Ich hab einiges gesehen an Fütterungen, ich komme aus einer Großsittichzucht, aber so etwas … ich weiß jetzt, dass sich ein Mensch einen kompletten Broiler in einem Stück in den Mund stecken kann. Genauer gesagt weiß ich, dass Hanno das kann. Und natürlich weiß ich, dass das mal ein Vogel war, der Broiler. Und dass er lebend viel größer ist als ich. Können Sie mir folgen?

Ich war mir durchaus bewusst darüber, dass die genauso, wie sie dieses fettgetränkte Geflügel verschlangen, auch jederzeit mich in Öl tunken konnten, um mich ungegart zu verzehren. Besonders dem Jungen hätte ich das zugetraut. Wobei ich mir lange gar nicht sicher war, ob es ein Junge war.

Ich habe Raubtiere gesehen, die gesitteter mit ihrer Beute umgegangen sind. Hanno hatte immer Hunger, und sein Kopf war ungefähr so groß wie der Mond! Genauso weiß war er übrigens auch! Ich war mir sicher, in einem besonders hungrigen Moment konnte er das komplette Universum verschlingen! Auf alle Fälle wäre ich für diesen Zwergen-Ceaus˛escu nicht mehr als der Begrüßungsjoghurt bei der ersten Fahrt in den Westen gewesen. Vorspeise plüschiger Vogel, Hauptgang Universum, dann satt … bis Mittag. Das traute ich ihm jederzeit zu. Und wenn er mal wieder zu nah an den Käfig kam und versuchte, meine Krallen mit der Gabel »zu streicheln«, dann glaubte ich oft, es war so weit. Er nannte das wirklich streicheln! Und ich stellte irgendwann fest, dass es tatsächlich weniger mit Nahrungsaufnahme als mit Zärtlichkeit zu tun hatte. Er versuchte übrigens auch, die Füße seiner Schwester auf diese Art zu berühren. Die ist aber klein und dick und nicht so schnell wie ich. Ihre Füße waren dadurch immer gut durchblutet. So würde man es wahrscheinlich ausdrücken, als Mensch. Aber nun gut, ich bin ein Vogel, falls Sie es noch nicht gemerkt haben, und jetzt geht’s los.

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Winter

1.Weihnachten 89

Ich fange mal vorne an, was? Mir ist es ja wurscht, aber mittlerweile habe ich kapiert, dass Menschen Fans einer sogenannten Chronologie sind. Warum ich als Großsittich weiß, was das ist? Ich sag mal so, es hat was mit Intelligenz zu tun, alles andere ist Ihr Problem.

Also, die Menschen, von denen ich spreche, die nennen sich Günthersens und sind so etwas wie eine Art für sich. Eine Menschenhand namens Kalle hat mich zu ihnen gebracht. Quer über den Planeten, aufgebrochen im Sommer, angekommen im Winter 1989. Nein, nicht, weil die Reise ein halbes Jahr gedauert hätte. Ganz einfach, weil wir aus der südlichen Hemisphäre in die nördliche gereist sind.

Auf der Reise hatte ich mich eigentlich schon damit abgefunden, zu sterben. Aber immer kurz bevor es hätte vorbei sein können und Mangos und Margaritas mit Engelsflügeln vor meinen Augen tanzten, gab mir Kalle ein Körnchen. So überlebte ich in einem kleinen, zugedeckten Käfig, gerade mal so groß, dass ich mich nicht selber anschiss. Wie viel Zeit wirklich vergangen war in diesem zugedeckten Käfig, weiß ich nicht. Das hat aber nichts mit Intelligenz zu tun, sondern eher mit Trauma. Wenn Sie aus Ostdeutschland kommen, brauch ich Ihnen das wahrscheinlich jetzt nicht weiter zu erklären. Zum Ende der Reise hin war ich nur noch ein bunter Schatten meiner selbst. Kalle hatte mich in irgendein Auto verfrachtet, und wir fuhren und fuhren. Kurz vor meinem ersten Auftritt bei den Günthersens hörte ich Gekrächze und viele verschiedene Rufe. Mir war, als wäre ich wieder in meiner Sittichzucht in Moondarra am Coopers Creek, zu Füßen des Mount Baw Baw. Es war ein süßer Traum, ich war dem erlösenden Schlaf so nahe! Aber dann: Zack, Vorhang auf! Es war wie Theater: Jemand zog die Decke vom Käfig, und plötzlich sah ich mich auf einer Bühne wieder. All lights on me. Das stumme Publikum vor mir. Erwartungsvolle Blicke aus fünf Augenpaaren. Und ich: das erste Mal im Licht seit einer gefühlten Ewigkeit, ausgemergelt und flach atmend, einen Gitterstab hatte ich in den Schnabel genommen, damit ich nicht von der Stange fiel. In meinem Gefieder hing noch die Kotze. Ich war so reisekrank! Und da ich nicht einsah, mich vor dem Tod noch mal zu putzen, ließ ich es einfach so, wie es war. Konnte ja keiner ahnen, dass ich noch einen Auftritt haben würde. Scheiße, die glotzten die ganze Zeit! Wie war noch mal der Text jetzt?

»Piep« – das ging ja immer.

»Was zur Hölle ist das?«, fragte ein etwas angegrautes, dickes Weibchen aus der Ecke.

»Ein Vogel«, stellte ein großes Männchen fest, das ein sehr dichtes Gefieder in der Brust- und Bauchregion aufwies. Ich vermutete, dass er damit, so wie ich auch, fliegen konnte.

Um Ihnen den Überblick etwas zu erleichtern, stelle ich das Publikum kurz vor: Da war also das nackte, stark befiederte Familienoberhaupt Rainer, gleich daneben sein Frauchen, Hedda, das ich anfangs aufgrund ihrer Frisur für ein geil gewordenes Männchen hielt, und direkt vor meiner Bühne hatten wir die beiden fetten Küken: Hanno und Jana. Das eine klein, fett, männlich. Das andere noch kleiner, noch fetter, weiblich und blond. Und last but not least saß hinten in der Ecke unter einer Lampe ein graugefiedertes, ebenfalls sehr rundes Weibchen, das ungefähr den Charme von Erich Honeckers Bürotapete versprühte. Nur wusste ich zu diesem Zeitpunkt weder, wer sie, noch, was der Unterschied zwischen dem Erich und seiner Tapete war. Gott, was war ich naiv. Das graue Weibchen hieß Trudi und starrte mich fassungslos an. Von Kalle, der Hand, die mich am Leben gehalten hatte, keine Spur.

»Den Käfig hat Kalle mir gerade beim Tschüss-Sagen in die Hand gedrückt.«

»Wenn es nicht atmen würde, hätt ich gesagt, es ist ein faltbarer Dederonbeutel! Guck doch mal, wie bunt und hässlich!«, tönte es aus der grauen Ecke.

»Hast du … Rainer, hast du Kalle so verabschiedet?«, fragte Hedda. Ihr wisst schon, das ist das größere Exemplar aus dem Publikum mit einer Frisur wie ein geil gewordener Artgenosse.

»Wie verabschiedet?«

»Na, nackt!?«

»Ich hab doch einen Schlüpfer an, Hedda! Jetzt übertreib mal nicht.«

»Du hast Kalle gerade im Schlüpfer verabschiedet? Gott, Rainer, Mensch, es ist Heiligabend!!«, regte sich jetzt das Exemplar mit der aufgegeilten Frisur auf.

»Mensch, regt euch ab, der war auf Weltreise, der hat sicherlich Schlimmeres gesehen als meine Brustbehaarung!«

»Aber die Nachbarn!«

»Nackig zur Bescherung … jetzt geht’s wohl langsam mit dir durch!«, blökte wieder das graue Viech aus der Ecke.

»Wir sind doch jetzt ein freies Land, Mutter! Klassenlos und nackt in den Kapitalismus, wie Gott mich schuf! Was kann ich dem Markt denn anderes entgegensetzen als mein Fleisch?«

»Rainer … keine politischen Reden zu Weihnachten. Du hast es mir versprochen«, gab Hedda zurück.

»Fiep, fiep, fiep«, simulierte eines der beiden fetten Küken aus dem Publikum einen anscheinend legasthenischen Artgenossen von mir und steckte seine kleinen Wurstfinger in meinen Käfig.

»Ich pik dich tot!«, sagte es.

Arschloch! Ich zerhack dich!, dachte ich und hackte wild um mich. Hack, hack, hack!

»Auaaaaa!«, zwitscherte das fette Küken grell und haute mit der Faust auf meinen Käfig, dass es schepperte.

Woraufhin ich wild wurde und meine Flügelmaschine anschmiss, um einen Tsunami aus Wut und Wahnsinn zu erzeugen. Das ist meine Bühne! Ihr seid mein Publikum! Der ganze Käfig wackelte, und ich fühlte meine Brust schwellen, und mein Schwanz wurde ganz steif und zeigte anklagend auf die genadelte Palme hinter mir, aber das kleinere, noch fettere Küken mit den langen, blonden Kopffedern sagte nur: »Guck mal, Mutti, es tanzt!«

»Ich geh mir mal was überziehen«, sagte der große Vogel und verschwand.

Das aufgegeilte Mutti-Exemplar kam jetzt näher und streichelte über den Käfig. »Ganz ruhig, meine kleine Kreatur«, sagte sie. Sie beugte sich herunter, und ich roch etwas, das mich erst mal so eine Art Giftgasanschlag vermuten ließ. Ich hatte davon gehört. Im Mittleren Osten war das wohl in den Achtzigern gang und gäbe. Da mir noch nicht ganz klar war, wo ich denn nun überhaupt gelandet war, hielt ich meine Theorie für schlüssig.

Etwas später stellte sich dann raus, es waren geschätzte drei Tonnen Haarspray. Mit dem Gesicht kam sie ganz dicht an meinen Käfig heran. Ich hechelte noch ein bisschen. Die wilde Demonstration meiner körperlichen Überlegenheit hatte mich fix und fertig gemacht.

»Hallo, du Kleiner«, sprach sie leise durch die Gitterstäbe, »willkommen in der freien Welt.«

Warum hatte Kalle mich nicht einfach sterben lassen?

»Ob der Nährstangen verträgt?«, fragte das graue Weibchen aus der Ecke.

»Nein, nein!«, tönte der große Vogel, der jetzt in einem gestreiften Frottee-Gefieder zurück in den Raum kam.

»Kalle meinte vorhin, nur frisches Gemüse, Früchte und Körner! Von Teig und Schokolade bekommt er Durchfall.«

»Wie heißt du denn?«, fragte mich das blonde, fette Küken.

»Piep«, machte ich, weil es sich verpissen sollte.

»Gute Frage, Jana. Wie soll er denn heißen?«

»Er soll Oma Trudi heißen! Oma Trudi!«, schrie das andere Küken, dem ich den Finger zerhackt hatte.

»Aber, Hanno, so heiß ich doch schon!«, dröhnte es aus der Ecke, wo sich die Alte jetzt eine schokoladenüberzogene Stange in den Schnabel schob.

»Vielleicht was Internationales … der ist ja anscheinend nicht von hier.«

Und jetzt kam der, den sie Rainer nannten, bedrohlich dicht an mich heran.

»Könnt ihr euch das vorstellen? Der ist wahrscheinlich aus einem östlicheren Osten als die ganze UdSSR!«

»Wenn du immer Richtung Osten fährst, biste am Ende auch im Westen!«, blökte das graue Huhn.

Jetzt meldete sich Mutti: »Ich bin für was Deutsches … jetzt, wo wir ein Land sind.«

»Das weißt du doch noch gar nicht! Das ist doch noch gar nicht raus. Staatsgrenze ist Staatsgrenze, hat der Grenzpolizist doch gesagt, als wir da waren!«, regte sich der Frotteemann auf.

»Wer hat eigentlich das Lametta gebügelt dieses Jahr? Das sieht richtig scheiße aus!«, donnerte die graue Ecke, alias Oma Trudi.

»BRD-Bert!«, schrie das eine dicke Küken.

»Nee, Hanno, das hört sich blöd an!«, sagte das blonde etwas nachdenklich.

»Wie wär’s mit Gorbi?«, sagte Hanno.

»Hä, wieso das denn?«, fragte Oma Trudi.

»Na, wegen der roten Flecken!«, antwortete Hanno, sichtlich überzeugt von seiner Argumentation. Rainer verdrehte die Augen.

»Einheits-Erich!«, kam es von irgendwoher.

»Nein! Auf keinen Fall!«, schrie der Frotteemann.

Und Trudi: »Ich bin für was Schlichtes: Günter Schabowski.« Sie probierte es sofort an mir aus: »Na, mein kleiner Schabernackbowski? Piep, piep!«

»Ja, so eine Art Wortspiel …«, überlegte Rainer.

»Bernd – da sind alle neuen Buchstaben drin!«, sagte das kleine, blonde Küken.

»Neue Buchstaben?«, fragte Trudi.

»Na, vom neuen Staat! Mensch, B – R – D! Mutti! Stell dich doch nicht so an!«, schimpfte der Frottee-Vogel.

»Seit wann kannst du denn buchstabieren, Jana?«, fragte Hedda etwas besorgt.

»Hmmm … nicht schlecht, ja …«, gab irgendwer zu.

»Rainer, Jana kann buchstabieren!«

»Didi Air!«, kam es von Hanno.

»Auf keinen Fall … viel zu rückwärtsgewandt!«, sagte Rainer.

»Jana, wer hat dir das beigebracht?«

»Beee Errrr Deeeee …«, überlegte die graue Ecke.

»BöRDie!«, schrie Hedda.

»Ja!!«

Wer war das jetzt?

»Alles drin, alles dran, bisschen Dialekt im Affekt. Bisschen Vogel, bisschen Staat, und in seiner Heimat würde man ihn auch verstehen. Wo auch immer die ist! Es ist international! Gefällt mir gut, Schatz!«, sagte das Frottee-Tier und schnäbelte seine Gefährtin mit der aufgegeilten Frisur.

War denn schon Paarungszeit? Ja, was war hier eigentlich los? BöRDie?!

Als sich alle etwas beruhigt hatten, kam ich dazu, einen genaueren Blick auf meine neue Umgebung zu wagen. Ohne meinen Körper zu bewegen, scannte ich mit einer dezenten Dreihundertsechzig-Grad-Drehung meines Kopfes die Weihnachtsstube.

»Guck mal, Mutti, er schraubt seinen Kopf ab!«, schrie das kleine blonde Küken namens Jana.

»Mach’s mit, mach’s nach, mach’s besser! Dann schicken sie dich direkt zur Spartakiade, Kleines«, bemerkte Oma Trudi.

Jana begann sofort sehr ehrgeizig, ihren Kopf so weit wie möglich zu verdrehen. Sie fiel dabei mit dem Gesicht in ihren bunten Teller. Hedda hob sie vom Boden auf. »Jana … lass das. Der schraubt nur mal ein Auge, was es hier so zu sehen gibt.«

Schön war anders. Beige Wände, dunkelbraune Rattan-Möbel mit beigen Polstern, eingerahmte Postkarten aus aller Welt an der Wand, die allesamt so schief hingen, dass mir schwindlig wurde. Und eine Schrankwand, die seltsam braun vor sich hin glänzte, darin Kristallschalen und -gläser, dass es in den Augen stach. Wenn Sie mich fragen: Völlig klar, warum man um diese Geschmacklosigkeiten eine Mauer gebaut hatte! Aber immerhin: die Farbe, das Rattan – gut, damit konnte man arbeiten. Rattan, da könnte ich gut drauf aussehen, das hatte etwas Exotisches, vielleicht um ein kleines Balztänzchen aufzuführen, wenn sich denn die Gelegenheit bot, vor einer netten Genossin. Und bei den bunten Gläsern konnten wir uns ungestört paaren, da war ich perfekt getarnt. Aber diese Nadelpalme mitten im Raum. Hässlich und behangen wie die Züchter aus Moondarra zum Jagdfest. Was hatte das alles zu bedeuten? Mittlerweile hatten sie mir eine Möhre quer zwischen die Käfigstangen gedonnert, und Frottee-Vater Rainer stand mit einem Buch vor mir.

»Rosellasittich! Platycercus eximius. Englisch: Eastern Rosella! Habt ihr das gehört? Sag ich ja: Der is auch ausm Osten! Der Platycercus eximius kommt am häufigsten in seinem natürlichen Lebensraum in Südost-Australien vor und wurde vor wenigen Jahren auch in Neuseeland eingeführt, wo er sich schnell vermehrt hat. Er gehört zu der Gruppe der …«

»Papa«, unterbrach Hanno. »Was ist eigentlich das da?«

Die Köpfe der Familie drehten sich etwas gespenstisch, nämlich ohne dass sich ihre Körper mitbewegten, dem kleinen Ding zu, das neben meinem Käfig auf dem Boden lag. Und während ich noch darüber nachdachte, wie viel Vogel in diesen Kreaturen steckte, kam schon Jana und hob das Ding auf.

»Ein Baum?«, fragte sie.

Unter uns: Es war eine Artischocke, und ich kann Ihnen sagen, sie war so artischockig, wie ein rosa Elefant eben rosa war.

»Was ist das?«, fragte Hedda ihren Gatten.

»’ne Pflanze, schätz ich … irgendwas Exotisches …«

Bravo! Gar nicht mal so schlecht, du Holzkopf.

»Was hat denn Kalle gesagt, was es ist?«

»Wie, was hat Kalle gesagt?«

»Na, er muss doch was gesagt haben, als er dir den Vogel und das Ding hier überreicht hat!«

»Keine Ahnung … doch … warte … ich glaub, so was wie: Guten Appetit!«

Ich kann Ihnen das unangenehme Gefühl kaum beschreiben, das einen beschleicht, wenn sich auf einmal fünf Augenpaare auf Sie richten und Sie das Bratfett bereits meinen riechen zu können. Mein Leben, das bis jetzt eigentlich zum größten Teil aus Dunkelheit bestand, zog an mir vorbei: Ich sah meine Mutter, ich sah einen Mann mit Hut, ich sah Freunde, ich sah ein lustiges Känguru, das sich in unserer Wasserschale wusch. Ich sah schwarz und schwarz und schwarz und die fünf Augenpaare. Zack, das war mein Leben, und gleich war es vorbei, denn sie hatten verstanden: Ah! Der ist gar nicht zum Streicheln gedacht! In ihren Augen sah ich mich: eine Rosine im Schnabel, wurde ich am Spieß über der Flamme eines Feuerchens gebraten. Da auf dem Tisch brannten auch schon vier Kerzen. Gleich würden sie den ganzen Kranz anstecken und lustig drumherum tanzen, bis ich gar war. Während Mutti den Dip vorbereitete.

Innerlich schrie ich: dieArtischocke, ihr Idioten! Nicht mich!

»Piep, piep, piep!«

Scheiße.

»Den Vogel?«, fragte die Kleine und schmiss ihre dicken Haare über die Schultern.

Nein, du blöde Kuh! Die Artischocke, die Artischocke!

»An dem ist doch gar nix dran. Da brauchen wir aber noch eine Sättigungsbeilage!«, sagte der Vater.

»Egal!«, schrie der Sohn.

Natürlich war es ihm egal. Er hatte ja mittlerweile sogar schon den Pappteller seines bunten Tellers aufgefressen. Da kam Hedda eine Idee: »Rainer, vielleicht … vielleicht ist es eine Art Südfrucht.«

Hey! Hedda war gar nicht so blöde, wie ihre Frisur vermuten ließ. Was hatte die eigentlich auf ihren Schultern, unter ihrem Kleid? Zwei tote Artgenossen? Merkwürdig. Aus der Ecke, wo die Alte ein paar Zottel vom Lametta bügelte und dabei schon wieder eine Nährstange im Mundwinkel hatte, wie die Wilderer in meiner Heimat ihre Kippen, kam, ohne aufzusehen: »Nein, Schatz. Das ist definitiv ein Vogel.«

»Mensch, Rainer: Anschneiden!«

Um Himmels willen! Mich?

»Anschneiden!«, schrie der dicke Junge und spuckte dabei, weil ihm schon wieder das Wasser im Mund zusammenlief.

Und Rainer ging los und holte eines dieser großen stumpfen Messer, die absolut alles konnten, außer schneiden.

»Für Frieden und Sozialismus!«, schrie er und haute das Ding in die Artischocke.

»Das kann doch nicht sein … jetzt ruf mal Kalle an!«

»Wir werden vielleicht immer noch abgehört …«

»Das ist doch scheißegal!«

»Du, Hedda, wir müssen ein bisschen vorsichtig sein. Nur weil Halligalli am Todesstreifen ist, heißt das noch lange nicht, dass wir machen können, was wir wollen. Der Schulz ausm Intershop hat erzählt, vielleicht ist es nur eine Art Testlauf. Und wenn sie merken, dass zu viele Arbeitskräfte rübermachen, machen sie überall wieder dicht. Und dass man dann mit seinem Visum für drüben nicht wieder zurückkommt. Stell dir das doch mal vor!«

»Rainer. Das ist eine Südfrucht und kein Westvisum. Deshalb werden sie dich schon nicht nach Bautzen II verfrachten.« Gott, diese Frau wurde mir immer sympathischer! Was auch immer das für ein Batzen war, von dem sie da sprach. Und so riefen sie Kalle an. Ich machte einen hohen Ton, als ich Kalles Stimme am Telefon hörte, um ihn freundlich zu grüßen. »Halt die Fresse«, sagte der kleine dicke Hanno und boxte wieder auf meinen Käfig.

»Das ist eine Artischocke«, wiederholte Rainer, was Kalle am Telefon sagte.

Ein Raunen ging durch den Raum.

»Wie isst man die denn?«

Gespannte Stille.

»Okay, super, Kalle! Das ist ja großartig!«

Der Vater legte auf und sagte zur Mutter: »Man muss sie im heißen Wasser abkochen und mit Zitrone beträufeln, damit sie nicht braun wird!«

»Wir haben nur Instant-Zitronentee.«

»Na, dann rein da mit dem Ding«

»Und was isst man dazu?«

»Keine Ahnung, Ketchup?«

Oh Gott, das war ja nicht zu ertragen. Ich habe ja ein sehr feines Gehör, und ich meinte damals, sehr leise nur, aber doch hörbar, die Artischocke weinte, als man sie schließlich verspeiste. Aber nicht vor Schmerz! Sondern aus purer Geschmacklosigkeit! Ich meine, wenn man schon gegessen wird, dann will man doch wenigstens gut schmecken.

»Schmeckt irgendwie nur nach Ketchup.«

Ach nee! Aber ich beschwerte mich nicht. Ich war ja froh, dass ich nicht in Bröseltee gebadet und mit Ketchup übergossen worden war. Dass ich lebte! Auch wenn es hieß, in dieser Familie zu leben. Fragte sich nur, für wie lange. Denn für mich stand fest: Hier würde ich es nicht lange aushalten. Sollte ich es nicht hier rausschaffen, ich war mir sicher, ich wäre die nächste Südfrucht zwischen den Kiefern des dicken Jungen oder würde wahrscheinlich unterm Kleid auf Muttis Schultern enden.

Wissen Sie, ich war ja ahnungslos. Ich hörte die Familie vom »Osten« sprechen und war mir sicher, dass sie über meine Heimat sprachen. Denn wenn mein inneres Lot richtig gefällt war, dann war ich im Bauch des großen Vogels sehr weit in den Westen getragen worden. Erst viel später verstand ich, dass ich zwar in den Westen geflogen, aber im tiefsten Osten gelandet war. Dass ich nicht bleiben wollte, stand für mich spätestens fest, als Hanno an diesem, dem Heiligen Abend, das erste Mal einen Tortenheber durch die Gitterstäbe schob und mich damit fast guillotinierte. Dabei furzte er, wobei ich damals noch dachte, das wäre so eine Art Sprache. War es im Prinzip auch, denn er kommunizierte so seiner Umwelt eine gewisse Ausgelassenheit. Wenn Hanno dabei war, sich zu amüsieren, ließ er den Schließmuskel locker. Somit war es irgendwie doch eine Art Sprache. Leider konnte ich noch nicht darauf antworten. Meine Winde brachten keine Geräusche vor. Ich konnte nur circa fünfundzwanzig Laute, die den Günthersens bereits von Anfang an auf die Nerven gingen. Deshalb war ich doppelt gefangen. In meinem Käfig und in meinem Kopf und zusätzlich in der ehemaligen DDR. Denn nur weil die Grenze offiziell auf war, hieß das noch lange nicht, dass »rübermachen« einfach war. Schon gar nicht für einen Vogel! Und wenn »drüben« nicht in Duisburg, sondern in Down Under lag.

2.Stille Nacht

Nun, ich überlebte also irgendwie den ersten Abend bei den Günthersens. Trotz des Terrors, der mir bevorstand, schlief ich einigermaßen befriedigt ein, nicht nur, weil ich nicht in Bröseltee gekocht worden war, sondern vor allem, weil ich mich kräftig an den Käfigstangen gerieben hatte mit der Vorstellung, es sei ein unterkühltes, sehr schlankes Weibchen. Fantasy makes you fly. In der Nacht wachte ich auf. Ich sah auf die leere Bundesstraße, die draußen vor dem Fenster zu sehen war. Sie lag da wie erschossen. Kein Auto kam vorbei. Die Straßenlaternen beleuchteten die tote Straße. Und dann – erst dachte ich, ich hätte Schleim auf den Augen – erkannte ich etwas im Licht der Laterne, etwas flimmerte, etwas, das im ersten Moment aussah wie Reste von dem Kalkstein, der in meinem Käfig hing. Aber in Flocken. Und leise. Es fiel so leise, dass ich glaubte, es mir einzubilden, denn als Vogel gebe ich nicht so viel auf Äußerlichkeiten. Die Dinge existieren für mich vor allem, weil ich sie höre. Sehen ist schön, aber nicht zwingend notwendig. Auf einmal stand Jana wie ein Gespenst vor der Nadelpalme und glotzte mich an. Ich erschrak so heftig, dass ich instinktiv die Flucht ergriff und vergaß, dass ich in einem Käfig saß. Ich rammelte gegen die Gitterstäbe wie ein Idiot. »Na, kannste auch nicht schlafen?«, fiepste sie mir unschuldig entgegen.

»Schön, ne? Der Schnee …«

Der was?

»Kennst du die Geschichte von Hirsch Heinrich, kleiner Bördie?«

Von wem?

»Hirsch Heinrich ist ein Hirsch aus China, der bei uns in einen Zoo kommt. Er hat ganz schlimmes Heimweh. Aber weil alle lieb zu ihm sind, überwindet er es schnell. Zu Weihnachten aber kommt keiner zu Besuch, und da beschließt er, auszubüchsen und nach China zurückzugehen. Weit kommt er aber nicht. Es ist ein langer Weg und er hat schrecklichen Hunger, und ganz allein hat er keine Chance zu überleben. Er gibt auf und kommt zurück in den Zoo, wo ihn die Kinder der Stadt schon erwarten.«

Was wollte die von mir? Wollte sie mich ideologisieren? Warum erzählte mir dieses kleine gruselige Mädchen mitten in der Nacht so eine Propaganda-Scheiße? Woher kannte ich dieses Wort? Was war hier los? Und wer zur Hölle war dieser Heinrich?

»Bördie, bleibst du bei uns?«

»Piep.« Das hieß vielleicht, aber es war scheißegal, weil sie mich sowieso nicht verstand.

»Ich wollte nur mal kurz vorbeikommen, damit du kein Heimweh haben musst.«

Das war ja irgendwie fast … nett.

»Und um auf Nummer sicher zu gehen, klebe ich dich an der Stange fest!«

Was??

Das kleine miese Gespenst zog eine Tube Duosan Rapid hervor, drehte sie auf und zerdrückte alles über meinen Käfig. Das war nicht nur sicher, das war todsicher.

»Bleib immer bei uns, kleiner Bördie!« Damit verschwand sie.

Binnen weniger Sekunden verklebten meine Krallen mit dem Plastikboden des Käfigs. Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Gefühl war. Eine Zeitlang saß ich nur so da, wie im Wachsfigurenkabinett. Zum Glück hatte die kleine Terrorkröte meinen Schnabel verfehlt, so dass ich begann, hohe Laute von mir zu geben, in der Hoffnung, irgendwer würde mich befreien kommen. Als die Frequenz meiner Laute so hoch war, dass schon die Nadeln an der Palme zitterten, kam endlich Hedda in die Stube: »Um Gottes willen, Bördie! Was ist denn mit dir?«

Ihre Haare erinnerten mich jetzt an eine seltene australische Schafsart. Vielleicht legte sie sich nachts eins auf den Kopf? Vielleicht war sie aber auch einfach Opfer des Klebeterrors, und jemand hatte ihr etwas auf den Kopf getan.

»Du bist ja festgeklebt!«, stellte sie fest.

»Piep«, machte ich, was jetzt so viel wie korrekt hieß.

»Wer war das denn? Hanno, dieser Schlawiner!«

Eigentlich ja nicht, aber irgendwie war es mir egal, wer dafür letztendlich bestraft werden würde. Mit einer Nagelfeile fing sie an, am Kleber herumzustochern. »Duosan Rapid – Unbesiegt«, murmelte sie und meißelte mich langsam wieder heraus.

Anfangs hackte ich nach ihrer Hand. Einfach so, weil ich es so gewohnt war, wenn mir wer zu nahe kam. Dann begriff ich, dass es nur noch länger und schmerzhafter für mich sein würde, und ich hielt still. Keifte sie nur an, wenn sie mir weh tat.

»Ist ja gut, du kleine Schlange … wie du zischen kannst! Zzzzz, zzzzzz! Kann ich auch! Jetzt bin ich fast fertig … warte, ich nehm dir noch das Plaste raus.«

Damit meinte sie die Kunststoffschale, auf der der Käfig befestigt war. Sie verschwand und kam mit dem »Plaste« wieder, legte Zeitungen darin aus und setzte den Käfig, in dem ich geduldig gewartet hatte, wieder drauf. Das mit der Zeitung war mir ein Rätsel. Ging sie etwa tatsächlich davon aus, dass ich lesen konnte? Wollte sie mir so die Langeweile vertreiben? Ich meine, warum sonst sollte sie täglich ein neues Blatt hineinlegen? In der Zwischenzeit hatte ich den Dielenboden vollgeschissen, auf dem der Käfig ohne Schale gestanden hatte.

»Ach Scheiße, du Vogel … du machst ja wirklich einen ursten Dreck.«

Ich wollte sagen: Ey, Olle, ich versuche runterzukommen! Ich versuche mich einigermaßen zu entspannen, nachdem ich heute Abend fast zweimal Opfer eines Mordanschlags geworden wäre, und da gehört kacken für mich einfach dazu! Ist so ein emotionales Ding. Aber noch verstand sie mich nicht. Mir kam erstmals die Frage in den Sinn, ob es wohl möglich wäre, die Sprache dieser Kreaturen zu erlernen.

3.Soli

Die Tage vergingen, ohne dass ich als Sättigungsbeilage auf dem Teller des dicken Jungen landete. Aber das war nur ein gefräßiges Paar Augen, das mich jeden Morgen verschlang. Das andere lauerte auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Seit ein paar Tagen stand ich bei den Günthersens auf der Wohnzimmerfensterbank, die zur Bundesstraße hinausging. Das klingt jetzt erst mal schrecklich für Sie, aber die Bundesstraße durch Sandelshausen hatte ungefähr so viel Verkehr wie der Vatikan. Und ebenso beschaulich ging es deshalb auf meiner Fensterbank zu.

Ich hatte es mir in der Grausamkeit ganz nett zurechtgemacht. Jana hatte sogar echte Äste vom Hof geholt und zwischen die Gitterstäbe gesteckt. Dass sie den Klebstoff-Anschlag zu verantworten hatte, war nie herausgekommen. Als wäre nie etwas gewesen, summte Jana, während sie mir den Käfig mit Echtholz ausbaute. Die guten Holzstangen schiss ich von oben bis unten zu. So, dass es am Ende auch egal war, ob Holz oder Plaste. Und von drüben starrte dieses Augenpaar. Von der anderen Straßenseite. Es war ein Tier. Und ich kannte das Tier. Da, wo ich herkam, nannte man so was Tasmanischen Teufel! Aber in meiner Heimat war es etwas größer und fetter und hatte rote Ohren, wenn es aufgeregt war. Und es war gefährlich. Und irgendwie auch schön. Das da drüben war eine Art Tasmanisches Teufelchen. So klein und grau und hässlich, als hätte sich der liebe Gott einen Scherz erlaubt. Doch ich witterte den knurrenden Magen des Teufelchens bis hoch zu meiner Fensterbank. Wenn das Fenster kurz auf war, wehte mit der kühlen Luft ein lächerliches Brüllen zu mir hoch. Armseliger Teufel. Und dann war er plötzlich weg. Und Jana stand mit ihm auf dem Arm vor meinem Käfig.

»Guck mal, Bördie! Das könnte doch dein Freund werden!«

Scheiße. Was geht in diesen sogenannten Menschen vor?

Das Teufelchen lächelte. »Miau, miau, miau«, machte es, aber ich verstand genau, was es sagte!

Miau Nummer 1: »Ich hack dir die Augen aus!«

Miau Nummer 2: »Ich fress dich auf, du buntes Huhn!«

Miau Nummer 3: »Ich mach aus deinen Überresten Eintopf für die Krippenkinder!«

»Piep«, sagte ich, was so viel bedeutete wie Ich möchte das nicht.

»Dass ich nicht lache!«, schnurrte das Teufelchen. Siehe da, es verstand mein Sittich-Deutsch!

»Na, Mensch, ihr unterhaltet euch ja richtig gut! Dann spielt mal schön!«, sprach Jana und verschwand. Sie hatte netterweise die Käfigtür verschlossen gelassen. Doch das Teufelchen schien das nicht weiter zu stören. Es boxte den Käfig mit der Schnauze, und es vergingen keine zwei Minuten, da lag ich samt Käfig auf dem Boden. Zum Glück hatte das Eisen hier Qualität. Das Gitter hielt. Das Teufelchen kam nicht an mich ran. Es brüllte: »Komm raus, du hässliches Ding!«

»Warum sollte ich?«

»Weil ich Huuuuuuunger hab.«

»Tja, wenn man zu blöd ist, auf Jagd zu gehen.«

»Ich bin ein domestiziertes, deutsches, demokratisches Haustier. Ich hab das Jagen längst verlernt, denn hier wird alles gerecht verteilt!«

»Dass ich nicht lache! Warum willst du mich dann fressen? Ich glaube kaum, dass ich dir zugeteilt wurde!«

»Weil du hier nicht hergehörst! Und weil sie mir immer nur Goldi geben!«

»Goldi?«

»Durch den Wolf gedrehte Artgenossen mit Soljanka.« »Versuch’s doch mal mit Möhren«, sagte ich und hackte in den Möhrenrest, der noch zwischen meinen Gitterstäben hing. Das Teufelchen überlegte kurz und kam dann mit seiner zuckenden feuchten Nase nah an die Möhre.

»Riecht nach Kotze!«

»Du riechst nach Kotze! Wie heißt du überhaupt?«

»Soli.«

»Soli? So wie von Sonne?«

»Nein, so wie Solidarität.«

»Soso … na, dann zeig dich doch mal solidarisch und mach aus mir kein Goldi.«

»Was bekomme ich dafür?«

»Ich bring dir Fliegen bei!«

»Fliegen?«

»Ja! Und dann kannst du rübermachen, kleiner Teufel.«

Dieses Wort hatte ich gelernt! Das hatte ich schon mitbekommen, dass das alle wollten! Vor allem Hedda, die in den paar Tagen, die ich jetzt hier war, mit Rainer immer wieder drüber sprach: »Lass uns doch endlich die Koffer packen und rübermachen«, sagte sie, wenn sie auf den flimmernden Kasten guckte, wo Menschenmassen sich mit Werkzeugen und bloßen Händen an einer hohen Mauer zu schaffen machten.

»Wie denn?«, fragte Rainer dann und: »Was passiert dann dort mit uns? Wir können doch nicht einfach wie ein paar Zugvögel rüberfliegen!«

Natürlich konnten sie das nicht, sie hatten ja keine Flügel! Ha! Und das Teufelchen auch nicht. Aber ich würde das können. Ich musste nur die ersten Tage hier überleben, bis ich einen Überblick bekommen hatte. Und dafür musste ich diesen intelligenzgeminderten Teufel loswerden.

»Ich bin eine Katze.«

»Na und?«

»Katzen können nicht fliegen.«

»Du bist ja wahnsinnig pessimistisch.«

»Das ist nicht pessimistisch, das ist ein Naturgesetz.«

»Nein, du Arschloch, Gravitation ist ein Naturgesetz. Dass man nicht fliegen kann, ist pure Einbildung!«

»Wie soll ich fliegen, wenn ich keine Flügel hab?«

»Flügel wachsen. Ich hatte am Anfang auch keine. Ich sah aus wie du, nur schöner.«

»Du lügst!«

»Ach ja? Schon mal darüber nachgedacht, warum wir miteinander sprechen können?«

»Nein. Warum?«

»Keine Ahnung, du Stinktier! Aber warum sollte dann fliegen nicht auch gehen?«

»Und wenn du nur sprechen kannst, um zu lügen?«

»Gott, bist du depressiv! Ich weiß ja auch nicht, ob du mich nicht doch frisst? Deutsches demokratisches Haustier hin oder her. Deine Zähne sind jedenfalls noch scharf!«

»Na gut, was soll ich tun?«

»So einfach ist das nicht! Es braucht Übung!«

»Okay, sag!«

»Du musst mich am Leben lassen dafür – das ist dir klar, oder?«

»Ja.«

»Ja?«

»Ja!«

»Okay, die erste Übung ist: Finde deinen Schwanz!«

Soli guckte mich schief an. Dann begann er sich umzusehen, anscheinend auf der Suche nach seinem Schwanz.