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**Wenn du die Magie der Edelsteine entdeckst …** Im magischen Reich Ellendria scheint das Leben einer mittellosen Waise wie Lyanna genau vorgezeichnet. Bei Stiefeltern aufgewachsen, rechnet sie damit, einen bescheidenen Beruf ergreifen und ein karges Leben führen zu müssen. Doch am Tag der Prüfung, die den Weg aller Jugendlichen in Ellendria bestimmt, kommt alles ganz anders. Lyanna offenbart als eine der wenigen »die Gabe«: Sie kann die Magie der Edelsteine lenken. Sofort schickt man sie an die Schule für Magie, wo sie ihr Talent zu beherrschen lernen soll. Doch hier, in der Gesellschaft von Adligen und Reichen, muss sich Lyanna erst noch beweisen. Als ihr ein folgenschwerer Fehler mit einem ihr anvertrauten Edelstein unterläuft, scheint alles verloren. Bis ihr der mysteriöse Cylon einen riskanten Handel vorschlägt … High Fantasy zum Ganz-tief-darin-Eintauchen! Ein Muss für alle, die sich in ein fantastisches Reich voller Zauber und Geheimnisse entführen lassen möchten. //Dies ist der erste Band der magisch-fantastischen Reihe »Akademie der Magier«. Alle Bände der High-Fantasy-Reihe bei Impress: -- Rubinmacht. Akademie der Magier 1 -- Onyxfluch. Akademie der Magier 2// Diese Reihe ist abgeschlossen.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Tanja Roullier
Rubinmacht (Akademie der Magier 1)
**Wenn du die Magie der Edelsteine entdeckst …**
Im magischen Reich Ellendria scheint das Leben einer mittellosen Waise wie Lyanna genau vorgezeichnet. Bei Stiefeltern aufgewachsen, rechnet sie damit, einen bescheidenen Beruf ergreifen und ein karges Leben führen zu müssen. Doch am Tag der Prüfung, die den Weg aller Jugendlichen in Ellendria bestimmt, kommt alles ganz anders. Lyanna offenbart als eine der wenigen »die Gabe«: Sie kann die Magie der Edelsteine lenken. Sofort schickt man sie an die Schule für Magie, wo sie ihr Talent zu beherrschen lernen soll. Doch hier, in der Gesellschaft von Adligen und Reichen, muss sich Lyanna erst noch beweisen. Als ihr ein folgenschwerer Fehler mit einem ihr anvertrauten Edelstein unterläuft, scheint alles verloren. Bis ihr der mysteriöse Cylon einen riskanten Handel vorschlägt …
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Vita
© privat
Tanja Roullier wurde 1992 in Bayern geboren und wohnt seit einigen Jahren im schönen französischen Elsass. Hier inmitten der idyllischen Weinberge hat sie es schließlich geschafft, ihre große Leidenschaft für Fantasy endlich in ihrem ersten eigenen Roman »Rubinmacht« umzusetzen. Wenn sie nicht gerade an ihrer Fantasywelt tüftelt, geht sie gerne mit ihrem Mann auf lange Wanderungen oder unternimmt spannende Ausritte mit ihrem Pferd.
Für meine Mutter,die meine Leidenschaft für Fantasy geweckt hat.
Rhyara
Rhyara erhob sich träge von dem samtenen roten Diwan im Salon, auf dem sie ihr Frühstück zu sich genommen hatte. Eine angenehme Brise kam zum offenen Fenster herein und sie genoss die warmen Sonnenstrahlen, die an diesem Morgen alles in einem goldenen Licht badeten. Sehnsüchtig sah sie auf die weitläufige Terrasse hinaus, von der aus man einen atemberaubenden Blick über die ganze Stadt hatte. Wie gerne hätte sie den Rest des Vormittags dort draußen verbracht, doch leider hatten ihre Priester für sie heute Morgen eine Audienz mit einigen Abgeordneten anberaumt, vor der sie sich nicht drücken konnte. Dabei sollten ihr die Priester als ihre ergebensten Untertanen und Diener eigentlich jeden Wunsch von den Lippen ablesen – zumindest hatte Rhyara sich das immer so vorgestellt. Doch in Wahrheit bevormundeten die Priester sie noch schlimmer, als ihre Mutter das immer getan hatte.
Mit einem letzten wehmütigen Blick durchs Fenster trat sie gähnend zurück und begab sich durch eine offen stehende Tür zu ihrer Linken in den Thronsaal.
Der Raum hatte riesige Ausmaße. Langsam schritt Rhyara über den makellos polierten Fußboden aus weißem Marmor hin zu dem erhöhten Podest, auf dem ihr Thron stand. Dabei wurde ihre schlanke Gestalt tausendfach von den großen, goldgerahmten Spiegeln reflektiert, die sämtliche Wände des Raumes bedeckten. Sie ließen den gewaltigen Saal noch größer wirken und gaben den Besuchern das unangenehme Gefühl, ständig von allen Seiten beobachtet zu werden.
Rhyara selbst genoss das Gefühl, sich von allen Winkeln aus bewundern zu können. Ihr langes weißes Kleid mit den Goldstickereien am Kragen und an der Hüfte umwogte sie sanft bei jedem Schritt. Ihr glänzendes schwarzes Haar fiel ihr in üppigen Wellen über den Rücken und ihr hübsches Gesicht mit den hohen Wangenknochen strahlte vor Selbstsicherheit. Das Bemerkenswerteste an ihrem Gesicht waren allerdings ihre Augen. Von flammend roter Farbe glänzten sie wie glühende Kohlen und gaben ihrem Aussehen etwas Überirdisches, Außergewöhnliches. Etwas Göttliches. Rhyara lächelte.
Die Priester, allesamt in lange weiße Roben gekleidet, hasteten geschäftig wie die Bienen um sie herum. Sie schüttelten die weichen weißen Kissen auf, die ihren Thron polsterten, trugen frische Blumengestecke herbei und rückten goldene Vasen zurecht. Das ganze geschäftige Treiben war gut koordiniert, doch Rhyara ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ungeachtet des Tagesplans würde die Audienz doch erst beginnen, wenn sie bereit war.
Nach einem letzten ausgiebigen Gähnen stieg sie schließlich die Stufen zum Podest hinauf und ließ sich auf ihrem imposanten Thron nieder, dessen Gestell aus purem Gold gefertigt und so schwer war, dass er wahrscheinlich noch nie fortbewegt worden war. Mit einem Seufzen ließ sie sich gegen die weichen Kissen sinken. So konnte Rhyara selbst die nervtötendsten Audienzen bequem überstehen. Zumindest meistens.
Ungeduldig wartete sie darauf, dass es endlich losging. Sie wollte das Ganze so schnell wie möglich hinter sich bringen. Mit einem verwunderten Stirnrunzeln bemerkte sie, dass ihre Zofe Elissa das Symbol ihrer Macht herbeibrachte, ein schweres Collier, besetzt mit dreizehn der größten und reinsten Rubine, die es in ganz Ellendria, wohl sogar auf der ganzen Welt, gab. Das Schmuckstück war das Insignium der Herrscherin, ein magisches Artefakt, so mächtig, dass es nur von einer Göttin benutzt werden konnte. Die meiste Zeit über ruhte es auf einer eigens dafür vorgesehenen Anrichte im Thronsaal. Das Collier war so schwer und unbequem zu tragen, dass Rhyara sich meist nur zu öffentlichen Anlässen damit sehen ließ. Andere Göttinnen hatten es anscheinend Tag und Nacht getragen, ohne sich je davon zu trennen, aber Rhyara hielt das für übertrieben. Sie hatte so viele andere Rubine, Ringe, Ohrringe und dergleichen, dass sie die Halskette ihrer Meinung nach eigentlich nicht brauchte. Auf ihre tödliche Macht war trotzdem immer Verlass. Und dann war da ja auch noch ihre priesterliche Leibwache, von der heute sechs Mitglieder hinter ihrem Thron an der Wand entlang postiert waren. Sie standen dort so bewegungslos, als wären sie aus Stein gemeißelt, aber Rhyara wusste, dass sie alles, was in dem Saal vor sich ging, mit wachsamen Augen beobachteten.
»Warum denn so offiziell?«, fragte sie Elissa, die an dem störrischen Verschluss des Colliers herumnestelte. »Hat jemand etwas gesagt, warum die Audienz so kurzfristig beantragt wurde?«
»Nein, meine Göttin, aber der Oberpriester hat das so angeordnet«, erwiderte Elissa und hielt zögerlich inne. »Soll ich es wieder wegbringen?«, fragte sie zaghaft, aber Rhyara winkte ab. Wenn der Oberpriester meinte, das Collier wäre notwendig, dann würde sie es eben tragen.
»Nein, mach nur«, sagte sie und Elissa ließ die schweren Edelsteine auf Rhyaras Brust sinken. Sofort begannen die Rubine im Einklang mit ihrem eigenen Herzen zu pochen.
»Kann ich sonst noch etwas tun?«, fragte ihre Zofe.
»Nein, wir können anfangen«, entgegnete sie mit einem Kopfschütteln und Elissa klatschte daraufhin in die Hände.
Die Priester, die so eilig hin und her gehuscht waren, zogen sich zurück und warteten geduldig am Rande des Saales für den Fall, dass sie gebraucht würden. Einen Moment lang wurde der sonst so geschäftige Raum von einer erdrückenden Stille gefüllt. Winzige Staubkörnchen tanzten fröhlich im Licht der Morgensonne, während die Anwesenden die Luft anzuhalten schienen. Dann wurde die große, vergoldete Flügeltür zu Rhyaras Rechten geöffnet und die Abgeordneten traten ein. Drei Männer und eine Frau, allesamt in prächtige Gewänder gekleidet, näherten sich nun ihrem Thron.
Rhyaras Aufmerksamkeit wurde jedoch nur von einem der vier in Anspruch genommen. Beim Anblick des kräftig gebauten Mannes, der in einen dunkelblauen Mantel gehüllt war und durch den Thronsaal schritt, als wäre es sein eigener, verstand sie nun auch, weshalb der Oberpriester auf das Collier bestanden hatte. Sie kannte den Abgeordneten nur zu gut und sein harter saphirblauer Blick, der Rhyara mit seiner Intensität förmlich zu durchbohren schien, verhieß ganz und gar nichts Gutes.
Einige Meter vor dem Podest kam die kleine Gruppe zum Stehen und verneigte sich tief unter ihrem abschätzenden Blick. Nur der mitternachtsblau gewandete Mann verharrte aufrecht. Als er Rhyaras Stirnrunzeln bemerkte, ließ er sich schließlich ebenfalls zu einer kurzen Verbeugung herab.
Nachdem sich alle wieder aufgerichtet hatten, kündigte ein hagerer Priester, der mit einer Schriftrolle neben Rhyaras Thron stand und das Protokoll führte, mit erhobener Stimme an: »Lord Entel, würden Sie bitte vortreten.«
Rhyaras Blick wanderte zu dem älteren, leicht gebeugt dastehenden Herrn mit schütterem weißem Haar hinüber, der sich nun räusperte und einige Schritte nach vorne machte, jedoch sofort von dem Mann mit den kalten blauen Augen unterbrochen wurde. »Es gibt einige wichtige Angelegenheiten zu besprechen, die höchste Dringlichkeit erfordern …«, begann er mit kühler Stimme.
Bei seinem respektlosen Ton warfen sich sogar einige der Priester irritierte Blicke zu.
Der Morgen hat so gut begonnen, doch nun droht er sich ins Gegenteil zu wenden, dachte Rhyara verärgert.
»Ich werde entscheiden, welche Angelegenheit Priorität erfordert, Lord Anger«, fiel sie ihm scharf ins Wort. »Wir werden die Reihenfolge einhalten, egal wie eilig Sie es haben.« Sie hatte mit all ihrer Autorität gesprochen und der Lord konnte nichts anderes tun, als die Lippen verärgert zu einem schmalen Strich zusammenzupressen. Gut so, dachte sie. Sie war schließlich die Göttin und mit ihr sprach man nicht irgendwie, auf jeden Fall nicht, wenn man an seinem Leben hing. Wie aufs Stichwort pochten auch die Rubine verärgert auf ihrer Brust.
Nach einem letzten irritierten Blick auf Lord Anger konzentrierte sie sich auf Lord Entel. Der kleine Mann trat schon seit Beginn nervös von einem Fuß auf den anderen, was selbst für eine ängstliche, alte Schildkröte wie ihn ungewöhnlich war.
»O Göttliche, ich bin geehrt, dass Sie das Wort an mich richten«, begann er und knetete dabei rastlos seine dunkelviolette Robe in den knorrigen Händen. »Ich überbringe eine Botschaft, die mir erst kürzlich von meinen Untergebenen mitgeteilt wurde, damit Ihr sie mit Eurer Weisheit beurteilen könnt. Der Handel in den südlichen Provinzen scheint gestört, ja, er ist sogar teilweise eingebrochen. Niemand ist in der Lage, genau zu erklären, woran das liegt. Uns fehlt jede Neuigkeit aus den wedriurischen Waldgebieten. Die Angelegenheit ist höchst rätselhaft, Göttin«, berichtete er ehrerbietig, aber dennoch mit deutlichem Zittern in der schnarrenden Stimme. Er versuchte es zu verbergen, konnte sich aber nicht ganz davon abhalten, hin und wieder Lord Anger nervöse Blicke zuzuwerfen, dessen Miene sich zusehends verfinstert hatte.
Nachdenklich strich Rhyara die Falten ihres Kleides über ihren Knien glatt. Derartige Probleme kamen nicht oft vor und wurden meist schnell vom ansässigen Landadel beseitigt. Dass die Geschichte überhaupt bis an ihre Ohren drang, zeugte davon, wie schwerwiegend die Angelegenheit war.
»Eine Belanglosigkeit, die sich wahrscheinlich von ganz allein wieder beruhigt«, stieß Lord Anger verächtlich hervor. Bevor Rhyara Zeit hatte, ihn abermals zurechtzuweisen, fuhr er bereits fort: »Währenddessen werden unsere westlichen Grenzen bedroht, Göttin. Die Alkiraner sammeln sich nahe der Grenze und wir wissen nicht warum, doch sie beäugen unsere Amethystminen schon seit einiger Zeit mit gierigem Blick. Unsere Garnisonen im Westen müssen gestärkt werden, der Feind muss wissen, dass wir nicht tatenlos zusehen werden, Göttin.«
Rhyara hatte solche Nachrichten über die zehn Jahre hinweg, in denen sie seit dem Tod ihrer Mutter regierte, bereits ein Dutzend Mal gehört. Aber bei jedem dieser Berichte hatte es sich um falsche Gerüchte oder um Fehlinterpretationen gehandelt. Die Alkiraner würden nicht wagen ihr Reich anzugreifen, mit allem, was sie ihnen entgegenschleudern könnte. Selbst unvorbereitet war Ellendria unbesiegbar und ihre Feinde wussten dies sehr genau. Sie vermutete, Lord Anger versprach sich einen persönlichen Vorteil durch eine mögliche Truppenumverteilung. Und dann war da auch noch das offene Unbehagen Lord Entels. Irgendetwas ging da vor sich, doch sie hatte das eindeutige Gefühl, dass das nichts mit Alkira zu tun hatte.
»Immer wieder die gleichen alten Geschichten, Lord Anger. Gibt es denn diesmal irgendwelche Anzeichen von konkreten Vorbereitungen auf einen Kampf?«, erkundigte sie sich kühl. Es war offensichtlich, wie wütend ihn ihre abschätzigen Fragen machten, und sie genoss es in vollen Zügen, ihm dabei zuzusehen. Sie würde ihm schon noch Manieren einbläuen, diesem aufgeblasenen Wichtigtuer.
»Diese Truppenbewegungen sind an sich schon höchst beunruhigend, Göttin, und mehrere andere Lords stimmen mir da eindeutig zu«, erwiderte Lord Anger und warf dabei einen eindringlichen Blick zu den beiden anderen Abgeordneten, die er im Schlepptau hatte. Nach kurzem Zögern, das nur einen Moment zu lange gedauert hatte, nickten die beiden eifrig.
Rhyara drehte gelangweilt eine ihrer schwarzen Locken um ihren Finger und musste ein spöttisches Schnauben unterdrücken. Nur zu gerne hätte sie gewusst, wie viel er hatte bezahlen müssen, damit die beiden ihm nicht nur offiziell zustimmten, sondern sogar bis zu ihrem Palast kamen, um das vor Rhyara auch noch zu bezeugen. Lord Anger verschwendete wieder einmal ihre Zeit, davon war sie überzeugt. Sicherheitshalber würde sie wohl einen ihrer Spione am alkiranischen Königshof kontaktieren lassen, doch schien ihr die Angelegenheit in Wedriur bei Weitem wichtiger, zumal das Gebiet nur wenige Tagesritte von der Hauptstadt Valorya selbst entfernt war. Egal was es genau war, das Lord Anger wollte, sie würde es ihm nicht geben.
»Mestorius, ich will vier leicht gepanzerte Trupps in den wedriurischen Wäldern. Wo Ihr schon dabei seid, könnt Ihr sie gleich selbst anführen. Nehmt ein paar Magier mit und sucht das gesamte Gebiet gründlich ab. Ich erwarte, dass eventuelle Neuigkeiten per Boten direkt an mich übermittelt werden«, sagte sie an einen der Leibwächter gewandt, der, und das wusste sie auch, ohne sich umzudrehen, hinter ihr an der Wand stand und genau zuhörte. Wie zur Zustimmung vernahm sie das leise Klappern einer Rüstung.
Damit war die Angelegenheit für sie erledigt und in Gedanken schweifte sie schon zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung, doch Lord Anger erlaubte sich wie immer eine Frechheit zu viel.
»Aber, Göttliche, was ist mit Alkira? Diese Trupps sollten unsere Präsenz an der Grenze verstärken, nicht in den Wäldern nach Gespenstern jagen! Und schon gar nicht angeführt vom Hauptmann Eurer persönlichen Leibgarde!«
Sein respektloser Ton brachte sie wieder einmal zur Weißglut. Wie konnte er nur so mit ihr reden? Sie war die Göttin! Rhyara musste sich zusammenreißen ihn nicht auf der Stelle zu töten. Ihre Rubine pochten wütend auf ihrer Brust, forderten sein Blut. Zum tausendsten Mal fragte sie sich, was ihre Mutter an diesem hinterlistigen Mann nur gefunden hatte, wie sie ihn als ihren engsten Berater hatte ertragen können.
»Alkira interessiert mich nicht, das ist nicht mein Reich. Sollte jemand es wagen, Ellendria anzugreifen, werde ich mich selbst zur Grenze begeben und jeden einzelnen Feind eigenhändig töten! Wenn ich noch ein Wort aus Ihrem Mund höre, Lord Anger, wird Euch das gleiche Schicksal ereilen. Und nun ist die Audienz beendet«, presste sie verärgert hervor und stand auf, was alle in jähe Bewegung versetzte, denn es war das klare Zeichen, dass sie sich entfernen sollten. Niemand wollte einer Göttin im Wege stehen und schon gar nicht ihr.
Sobald die vier Abgeordneten den Raum verlassen hatten, durchquerte Rhyara den Saal und betrat durch eine offen stehende gläserne Tür die weitläufige Terrasse, von der aus sie die ganze Stadt überblicken konnte. Tief atmete sie die warme Luft des Spätsommers ein und versuchte sich zu beruhigen. Sie lehnte sich an die marmorne Brüstung und sah hinab. Ihre Stadt. Ihr Land. Ihre Menschen.
Valorya war direkt an einem steilen Berghang der valoryanischen Vorgebirge erbaut, der in vier Plateaus allmählich zur Ebene hin abfiel. Ihr Palast befand sich auf dem vierten und höchsten Plateau. In westöstlicher Richtung war die Stadt durch den Kalysorfluss, der unter ihrem Palast hindurchfloss und sich über vier große Wasserfälle in die Stadt ergoss, in zwei Teile geteilt. Der rauschende Fluss erzeugte winzige Wassertropfen, die über der ganzen Stadt schwebten und die Luft zum Glitzern brachten. Rhyara liebte es, das Schauspiel der Sonne auf dem Wasser zu bewundern, liebte es, die vielen Häuser, Brücken und Tore zu betrachten und sich die tausend Menschen vorzustellen, die wie geschäftige Ameisen durch die Stadt wimmelten. Das sowie die erfrischende Brise, die vom Fluss heraufkam und den Geruch des Wassers mit sich brachte, halfen dabei, ihren Ärger langsam erkalten zu lassen.
Rhyaras Blick wanderte über die Stadt. Das Plateau direkt unter ihrem Palast war vollständig vom Adelsviertel eingenommen, in dem die Lords und Ladys ihre beträchtlich kleineren Paläste erbaut hatten. Die meisten bestanden so wie ihrer aus Marmor, denn dieses war das einzige Material, welches das in der Stadt allgegenwärtige Moos davon abhielt, sich zu stark anzusiedeln.
Auf dem Plateau darunter lag auf südlicher Seite das geschäftige Handelsviertel, in dem der Großteil ihrer Bürger arbeitete und der besser verdienende Teil auch wohnte. Auf nördlicher Seite befand sich das Magierviertel, dessen Häuser mit allerlei Steinfiguren verziert waren, die mithilfe von Magie direkt aus dem Felsen heraus erschaffen worden waren. Die vielen Türme und verwinkelten Gassen, die mystische Atmosphäre, die der Ort selbst aus so großer Entfernung ausstrahlte, hatten Rhyara schon immer fasziniert. Sehnsüchtig wünschte sie sich, sie könnte einfach so hinabsteigen, um die vielen versteckten Winkel und Ecken zu erkunden. Wie gerne würde sie ihre Pflichten hinter sich lassen, sich unter die Menge mischen und einfach einmal in den Tag hineinleben. Doch das war natürlich ganz und gar unmöglich, denn sie war zwar eine Göttin, und so sehr sie auch die Autorität ihrer Stellung auskostete, so war ihre Freiheit dennoch begrenzt.
Während Rhyara schließlich zum vierten und niedrigsten Plateau hinabsah, welches die wild zusammengewürfelten Häuser der Bürgerlichen beherbergte, wand sie sich nachdenklich eine ihrer langen schwarzen Locken um den Finger. Vielleicht war es ja ein Fehler gewesen, ihren obersten Leibwächter auf diese Mission zu schicken, doch sie erkannte ganz deutlich, wie sehr er sich im Palast langweilte. Er brauchte ein Abenteuer. Danach würde er wieder zu ihr zurückkehren und umso entschlossener bei seiner Arbeit sein.
Wie dem auch sei, Lord Anger erlaubte sich eindeutig zu viel, wenn er ihre Entscheidungen so offen kritisierte. Dieser Mann war einfach unerträglich. Ihre Rubine pochten zustimmend auf ihrer Brust und Rhyara fragte sich, wieso überhaupt jemand eine Leibwache für notwendig hielt. Sie war als Göttin schließlich die mächtigste Magierin der Welt. Wenn sie sich entschied, ihre gesamte Kraft zu entfesseln, wäre sie in der Lage, eine ganze Armee tot umfallen zu lassen.
Mit einem Seufzen wandte sie sich um, kehrte ins Innere des Palasts zurück und rief nach Ilya, der neuen Priesterin, damit sie ihr die hüftlangen Haare flocht. Alle, die in die Priesterschaft berufen wurden, unterliefen eine drei Jahre lange Ausbildung, bei der sie je nach Begabung unterschiedlichen Aufgaben in Rhyaras Diensten zugewiesen wurden. Die Kriegerischen unter ihnen gingen zur priesterlichen Garde, so wie Mestorius, andere wiederum arbeiteten als Zofen, Köche oder Verwalter im Palast und zu guter Letzt gab es auch diejenigen, die in einen von Ellendrias vielen Tempeln geschickt wurden, um das Volk über die Göttin und deren Macht zu unterrichten. Rhyara hatte natürlich ihre Lieblinge unter ihren priesterlichen Dienern und sie mochte Ilya besonders gerne. Das junge Mädchen hatte erst vor Kurzem ihre Ausbildung vollendet und ihre Arbeit als priesterliche Zofe an Rhyaras Seite begonnen. Sie hatte die sanftesten und geschicktesten Hände, die sie sich nur wünschen konnte.
Sie hoffte, dass die Sache in Wedriur schnell geregelt wäre und Mestorius nicht zu lange wegbleiben würde. Doch das unangenehme Gefühl, dass hier mehr zugange war als eine einfache Rivalität zwischen Adeligen, ließ sie den ganzen restlichen Tag nicht mehr los.
Lyanna
»Semi, nun hör doch auf so schnell zu laufen, ich bin schon ganz außer Puste!«, jammerte Lyanna gereizt. Mit schwerem Schritt und gesenktem Kopf stapfte sie über das feuchte Kopfsteinpflaster des Handelsviertels und versuchte mit ihrer Freundin Schritt zu halten. Sie hatten bereits einen langen Weg hinter sich, um von ihrem Zuhause im Bürgerviertel bis hierher zu gelangen, und Lyanna war jetzt schon erschöpft.
Semiya, die mit leicht hüpfendem Gang und ihrem im Takt schwingenden blonden Haarschopf den ganzen Weg über immer mindestens einen Schritt vor Lyanna hermarschiert war, drehte sich nun, ohne langsamer zu werden, um und blickte sie mit vorwurfsvollem Blick aus ihren smaragdgrünen Augen an. Ihr herzförmiges Gesicht mit der kleinen Nase und dem spitzen Kinn war vor Aufregung gerötet.
»Wir sollten lieber nicht trödeln, Lia! Wir wissen doch nicht, wie viele Leute schon am Greifentor auf Einlass warten, es könnte ewig dauern, bis wir da durchkommen. Wenn wir zu spät sind, werden wir vielleicht automatisch zu den Straßenfegern gesteckt. Willst du etwa jeden Tag das Moos von den Straßen schrubben? Ich sicher nicht!«, erwiderte sie, drehte sich energisch wieder um und schritt noch entschlossener voran.
Lyanna zog ihren abgenutzten, grünen Mantel zum Schutz gegen die Kälte enger um ihre schlanke Gestalt und folgte ihrer Freundin mit einem Stöhnen.
Ihre ohnehin schon schlechte Stimmung erreichte einen neuen Tiefpunkt, während sie hinter Semiya durch die Straßen hastete. Da konnte sie auch die mystische Atmosphäre des heutigen Morgens nicht aufheitern, obwohl das Rot der aufgehenden Sonne, die auf den Nebel Valoryas traf und tausendfach reflektiert wurde, einen einzigartigen Anblick bot. Doch Lyanna hatte sowieso keinen Gedanken für ihre Umgebung übrig, denn heute war der wichtigste Tag in ihrem Leben, der Tag, an dem über ihr Glück, oder wohl eher ihr Unglück, entschieden werden würde. Es war der Tag der Prüfung. In ganz Ellendria musste heute jeder, der in diesem Jahr das Erwachsenenalter von sechzehn Jahren erreicht hatte, zur Prüfung antreten. Anhand ihrer Ergebnisse würde ihnen der Beruf zugeteilt werden, dem sie für den Rest ihres Lebens nachgehen mussten. Sie alle hatten sich die vergangenen zwei Jahre lang darauf vorbereitet und nun war der große Tag gekommen.
Eigentlich war die Prüfung eine gute Sache. Sie ermöglichte allen die gleichen Chancen auf einen guten Beruf. Es spielte keine Rolle, welche Tätigkeit die Eltern ausübten, ob sie arm oder reich waren. Allein Talent und Fleiß bestimmten das Schicksal eines jeden Einzelnen. Sogar jemand wie Lyanna, die in einfachen Verhältnissen aufgewachsen war, konnte sich einen angesehenen Beruf sichern, wenn sie nur die richtige Begabung aufwies.
Zumindest lautete so die Theorie. In der Praxis verhielt es sich jedoch oft so, dass die besten Berufe im Handel und der Verwaltung gehäuft den Sprösslingen reicherer Kaufmänner und Adeliger zufielen, während die Kinder einfacher Bürger selten über den sozialen Status ihrer Eltern hinauskamen. Zum tausendsten Mal fragte Lyanna sich, was heute wohl aus ihr geworden wäre, wenn ihre Eltern nicht kurz nach ihrer Geburt gestorben wären und sie als Waisenkind zurückgelassen hätten. Waren sie wohlhabende Händler gewesen? Oder vielleicht erfolgreiche Handwerker? Womöglich sogar Adelige?
Mit einem Kopfschütteln verdrängte Lyanna die Gedanken. Es half nichts, über das Unmögliche nachzugrübeln. Niemand wusste, wer Lyannas leibliche Eltern gewesen waren, und sie hatte es schon vor Langem aufgegeben, ihre Zieheltern danach auszufragen. Sie hatte das Glück gehabt, von einer Familie aufgenommen worden zu sein, die sie so liebte, als wäre sie ihr eigenes Kind. Dennoch konnte Lyanna nicht umhin sich an diesem schicksalhaften Tag nach ihrem Erbe zu fragen. Wenn sie nur wüsste, was ihre leiblichen Eltern getan hatten, vielleicht würde ihr das ja zumindest einen Anhaltspunkt liefern. Doch auch so war das Ergebnis der Prüfung in manchen Fällen unvorhersehbar. Wie bei ihrer Adoptivschwester Ilya, die vor drei Jahren der Priesterschaft zugeteilt worden war. Niemand hatte eine solche Entscheidung erwartet und Lyanna hatte ihre große Schwester, die immer ihre engste Verbündete gewesen war, seitdem nicht mehr zu sehen bekommen.
Wie immer, wenn ihre Gedanken zu Ilya wanderten, schaute Lyanna unwillkürlich zum großen Palast der Göttin hinauf, der in der ganzen Pracht seines makellos strahlenden, weißen Marmors und seiner glänzenden, goldenen Dächer auf dem höchsten Plateau über dem Rest der Stadt thronte. Ilya lebte nun in diesem riesigen Gefängnis aus Marmor und musste, soweit Lyanna wusste, tagein, tagaus vor der Göttin im Staub kriechen, ihre Wäsche waschen oder den Marmor blank polieren.
Das Schlimmste, was ihr heute passieren konnte, dachte Lyanna mit wachsendem Unmut, war, selbst zur Priesterin erkoren zu werden, obwohl ihr das ein Wiedersehen mit ihrer Schwester bescheren könnte. Ilya hätte bestimmt einen Rat für Lyannas missliche Lage gehabt. Ohne ihre große Schwester war sie allerdings ratlos und so hatte sie nur tatenlos zusehen können, während der Tag der Prüfung unaufhaltsam näher rückte. Das Problem und damit der Grund für Lyannas heutige Bauchschmerzen war, dass sie absolut kein Talent vorzuweisen hatte, das ihr den einen oder anderen akzeptablen Beruf sichern konnte. Sie hatte keine geschickten Hände wie ihr Bruder Boran, der schon von klein auf Figuren geschnitzt hatte und nun in einem geschätzten Holzwarengeschäft Möbel für die Adeligen verzierte. Genauso wenig hatte sie das unfehlbare Gedächtnis ihrer besten Freundin, die wohl eine Arbeit in einem der Büros des Handelsviertels bekommen würde. Semiya müsste sich eigentlich gar keine Sorgen machen, verglichen mit Lyanna selbst, und dennoch war die Nervosität ihrer Freundin schon seit Tagen fast greifbar.
»Da sind wir endlich«, rief Semiya freudig und riss Lyanna damit unvermittelt aus ihren Gedanken.
Bei all den finsteren Grübeleien hatte sie das Greifentor nicht einmal bemerkt, welches doch normalerweise schon weit aus der Ferne nicht zu übersehen war. Mit einem einzigen Blick darauf war klar, dass Valorya nicht ohne Grund als die uneinnehmbarste Festung der Welt galt. Jedes der vier Plateaus der Stadt war von einer unüberwindbar steilen Klippe umgeben. Und um von einer Ebene zur nächsten zu gelangen, musste man zwangsläufig eines der Tore benutzen. Nur hier war die meterhohe Felswand abgetragen und zu einer Treppe geformt worden, die an ihrem oberen Ende in einem schwer bewachten Tor mündete.
Mit einem kurzen Blick auf die zwei in Stein gemeißelten Greifen, die diesem Tor seinen Namen verliehen, machte sich Lyanna schlecht gelaunt daran, die mehr als hundert Stufen zu bewältigen. Natürlich kamen sie entgegen Semiyas Befürchtung ohne Probleme an den Wachen vorbei. Der Durchlass war hier normalerweise bei Weitem strenger geregelt als zum Beispiel beim Bärentor, welches Semiya und Lyanna bereits passiert hatten, um vom Bürgerviertel ins darüberliegende Handelsviertel zu gelangen. Am Tag der Prüfung aber war es selbst einfachen Bürgerlichen wie ihnen möglich, die weißen Marmorbauten der Adeligen auf dem dritten Plateau zu bewundern.
Paläste, einer prächtiger und prunkvoller als der andere, präsentierten sich ihnen aus nächster Nähe. Allein die riesigen Gärten mit den exotischen Pflanzen, den Springbrunnen und Statuen luden zum Staunen ein. Auch die Straßen waren sauber und es war keine Spur von Moos zu erkennen. Die Häuser selbst zeigten eine unendliche Bandbreite an verschiedenen Baustilen. Manche waren so reich mit Verzierungen bedeckt, dass man gar nicht wusste, wohin man zuerst schauen sollte. Andere wiederum waren auf den ersten Blick ganz schlicht, beeindruckten aber dennoch durch ihre pure Größe. Jeder schien zu versuchen seinen Nachbarn zu übertreffen und je weiter sie in das Viertel vordrangen, desto extravaganter wurden die Gebäude.
Semiya und Lyanna verließen schließlich die Hauptstraße und folgten einer kleineren Straße in Richtung Fluss. Sie trafen auf immer mehr Gleichaltrige, die aus der ganzen Stadt zusammengekommen waren und sich nun alle auf demselben Weg befanden, einige davon mit bangen Mienen, andere in aufgeregter Vorfreude.
Endlich bogen sie um eine letzte Straßenecke und erreichten den Kalysorfluss, der an dieser Stelle noch relativ ruhig war. Direkt am Ufer des leise vor sich hin gluckernden Wassers befand sich das Prüfungsgebäude. Der quadratische Bau war von einer imposanten goldenen Kuppel überdacht, welche an diesem Tag fast genauso strahlte wie die Sonne selbst. Das schwere, mit Silber beschlagene Eisentor stand weit offen und ließ die Menschenmenge, die sich davor angesammelt hatte, ins Innere des Gebäudes strömen.
Beim Anblick der aufgeregt schwatzenden jungen Leute, die über den Platz wimmelten, schlug Lyannas Herz vor Aufregung schneller und sie zögerte. Semiya aber packte sie an der Hand und zerrte sie mitten ins Gedränge. Als die mächtigen Tore sie verschluckten, war es, als schlösse sich eine Falle um Lyanna. Jetzt gab es kein Zurück mehr, keine Fluchtmöglichkeit und keine Ausrede. Sie würde zur Prüfung antreten und kläglich versagen.
In der großen, kühlen Eingangshalle, die ganz in Eiche getäfelt war, trafen sie nun endlich auch auf Kyle, das letzte Mitglied ihres unzertrennlichen Trios. Sein krauses dunkelblondes Haar war wie üblich zerzaust und verlieh ihm zu Unrecht einen zerstreuten Eindruck. Als er sie entdeckte, leuchteten seine sanften, grauen Augen freudig auf und sein breiter Mund verzog sich zu einem Lächeln.
»Da seid ihr ja, ich warte schon ewig auf euch!«, begrüßte er die beiden Mädchen.
»Wir haben noch Glück, so früh angekommen zu sein. Ich musste Lia ja praktisch durch die ganze Stadt hinter mir herschleifen«, antwortete Semiya mit einem anklagenden Blick zu Lyanna.
»Wir sind bei Weitem früh genug da. Je weniger Zeit wir an diesem erdrückenden Ort verbringen müssen, desto besser«, erwiderte Lyanna und sah unbehaglich zu der vergoldeten Decke hoch über ihren Köpfen hinauf.
Sie fühlte sich wie ein Tier in der Falle. Vielleicht würde sie ja weggeschickt in die Ebenen von Sembia, um Bäuerin zu werden. Dann würde sie ihre Familie nie wiedersehen. Mit einem Kopfschütteln versuchte Lyanna solche Gedanken zu vertreiben. Es führte zu nichts, sich eine Zukunft auszumalen, die wahrscheinlich nie eintreten würde, aber es war schwer, sich davon abzuhalten. Die Ungewissheit würde sie verrückt machen, noch ehe der Tag vorbei war. Letztendlich würde sie wohl schlicht und einfach im Irrenheim enden, oder am Galgen, wenn sie sich weigerte sich zu fügen.
Lyanna wurde jäh aus ihren Überlegungen gerissen, als jemand sie grob anrempelte. Sie fuhr herum und fand sich von Angesicht zu Angesicht mit einem blassen Jungen wieder. Er hatte sauber gescheiteltes blondes Haar, verblüffend saphirblaue Augen und trug eine dunkelblaue Jacke mit Goldstickereien, die wahrscheinlich so viel wert war wie die gesamte Garderobe ihrer achtköpfigen Familie zusammengenommen. Ohne Zweifel ein Adeliger.
»Abschaum«, stieß er hervor, als er sie mit gerümpfter Nase von oben bis unten gemustert hatte. Zügig drängte er sich an ihr vorbei, um sich zu einer Gruppe Adeliger zu gesellen, die ihn mit freudigen Mienen begrüßten.
Lyannas ohnehin schlechte Stimmung war nun fast schon mörderisch und sie musste sich mit aller Macht zusammenreißen, um diesem eingebildeten Goldhähnchen nicht hinterherzurennen und ihm eine wohlverdiente Tracht Prügel zu versetzen. Mit Mühe riss sie ihren mörderischen Blick von dem Jungen los und wandte sich wieder ihren Freunden zu.
»Hast du seinen Ring gesehen?«, fragte Semiya atemlos. Natürlich hatte sie ihn bemerkt, ein Saphir dieser Größe musste ein Vermögen wert sein. »Denkt ihr, er weiß schon, ob er zu den Magiern kommt?«
»Natürlich nicht, keiner weiß das. Er ist nur ein verwöhntes Kind, das Edelsteine als Schmuck trägt, zur puren Ästhetik«, erwiderte Lyanna verächtlich.
Tatsächlich war der Saphir weit mehr als Schmuck, er war viel wertvoller als das. Die wenigen Personen mit magischen Fähigkeiten konnten Edelsteine benutzen, um Magie zu leiten. Ihre Ziehmutter war Gehilfin einer Magierin, die als Heilerin in den bürgerlichen Vierteln arbeitete. Sie nutzte dabei einen kleinen Rubin, den sie an einem schlichten Armband trug, um die Genesung ihrer Patienten zu beeinflussen. Als Lyanna ein kleines Kind gewesen war, hatte ihre Mutter sie hin und wieder bei ihrer Arbeit mitgenommen und sie war immer fasziniert gewesen von dem rot funkelnden Stein. Ihre Mutter hatte ihr von Valoryas legendärer Magierschule erzählt, an der auch die Heilerin ihr Handwerk erlernt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lyanna selbst zur Magierin ausgebildet würde, war jedoch verschwindend gering. Nur wenige Leute besaßen das magische Talent und bei vielen war es zu schwach ausgeprägt, als dass sich ihre Ausbildung lohnte.
Ihre Gedanken wurden jäh von einer streng aussehenden, kleinen Frau mit Hornbrille unterbrochen, die am rückwärtigen Ende der Halle aus einer Tür kam und in die Hände klatschte.
»Der erste Teil der Prüfung beginnt nun. Wenn Sie sich bitte in den Prüfungssaal begeben würden. Langsam und ohne Drängeleien!«, rief sie schnarrend durch die Menge, die bei ihrem Anblick gespannt verstummt war und sich jetzt aufgeregt schwatzend durch die enge Tür schob.
Der Rest des Vormittags verging, wie Lyanna fand, erdrückend langsam. Sie ertappte sich mehrmals dabei, wie sie drohte einzudösen. Es war ein warmer Tag und die ungefähr dreihundert anderen Jungen und Mädchen, die zusammen mit ihr die schriftlichen Prüfungen ablegten, sorgten noch zusätzlich dafür, dass die Luft schrecklich stickig war. Und auch wenn ihre Lehrer an der kleinen Schule ihres Viertels, zu der sie zusammen mit Semiya und Kyle gegangen war, über die letzten zwei Jahre hinweg die Prüfungsfragen ausführlich mit ihnen besprochen hatten, schwirrte ihr der Kopf und sie schaffte es nicht, sich zu konzentrieren.
Zur Mittagszeit war die schriftliche Prüfung schließlich vorbei und Lyanna wollte nichts anderes, als der staubigen Luft einen Moment lang zu entkommen. So betrat sie durch eine offen stehende Tür einen kleinen Garten hinter dem Gebäude, wo sie endlich wieder durchatmen konnte. Die Luft war hier kühl und obwohl man den Fluss nicht sehen konnte, hörte man doch sein beruhigendes Plätschern. Gedankenverloren schlenderte Lyanna den Kiesweg entlang, der sich zwischen allerlei Pflanzen hindurchwand, und genoss dabei die erfrischende Brise auf dem Gesicht. Sie blickte nach oben, wo die goldene Kuppel des Prüfungsgebäudes im Sonnenlicht glänzte.
»He, pass auf!«, ertönte plötzlich eine Stimme, doch es war schon zu spät.
Vor Müdigkeit hatte Lyanna gar nicht darauf geachtet, wohin sie gelaufen war, und nun stieß ihr Schienbein schmerzhaft gegen etwas Hartes. Mit rudernden Armen ging sie zu Boden und schaffte es dabei gerade noch, sich an einer kleinen steinernen Bank festzuhalten. Wenig grazil plumpste sie fluchend darauf. Verdammt, sie sollte wirklich besser aufpassen. Schnell drehte sie sich um, um zu sehen, wer den peinlichen Vorfall mitbekommen hatte, und entdeckte nicht weit entfernt einen Jungen. Trotz der Wärme des Tages war er in einen langen Kapuzenmantel gehüllt und schlenderte nun anscheinend lässig zu ihr herüber.
»Du lebst wirklich in deiner eigenen Welt, was?«, fragte er spöttisch und Lyanna, die sich eben noch das schmerzende Bein gerieben hatte, fuhr nun verärgert von der Bank hoch. Doch als sie den Blick hob und in die verblüffend grünen Augen ihres Gegenübers schaute, vergaß sie plötzlich alle schlagfertigen Erwiderungen, die sie eben noch im Kopf gehabt hatte. Das waren Augen, in denen man versinken konnte.
»Die Prüfung läuft wohl nicht so toll?«, fragte er und Lyanna fand endlich ihre Zunge wieder.
»Sie läuft wunderbar«, erwiderte sie gereizt. Am liebsten hätte sie ihm sein spöttisches Grinsen von seinem sonst so perfekten Gesicht gewischt, doch der Junge schien sich offensichtlich von nichts aus der Ruhe bringen zu lassen.
»Na dann ist ja alles klar«, entgegnete er mit einem Augenzwinkern und senkte verschwörerisch die Stimme. »Ich muss jetzt los, aber ich sollte dich vorher warnen. Auch wenn du Lust hast, mir zu folgen, solltest du vorher erst noch eine Weile mit der Bank üben. Kleiner Hinweis, der richtige Schwung ist alles.«
Lyanna kniff verärgert die Augen zusammen und wollte gerade Luft holen für eine Erwiderung, doch der Junge hatte sich bereits an ihr vorbeigeschoben und sprang nun mit Anlauf an der hohen Steinmauer empor, die den kleinen Garten umgab. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung zog er sich daran hoch und war auf der anderen Seite verschwunden, bevor Lyanna ein weiteres Wort hervorbringen konnte. Entgeistert blickte sie auf die Stelle, wo er eben noch gewesen war. Was hatte er gesagt? Sie sollte mit der Bank üben? Was für ein arroganter Mistkerl!
Ihr Ärger brodelte noch einen Moment in ihr, bis schließlich Semiya und Kyle wieder zu ihr stießen. Lyanna, die immer noch die Mauer angestarrt hatte, drehte sich zu ihren Freunden herum und versuchte sich den seltsamen Jungen mit den tiefgrünen Augen aus dem Kopf zu schlagen.
»Ich hoffe wirklich, ich habe richtig geantwortet, um mein Interesse am Handel deutlich zu machen. Wenn sie mich zu den Stadtverwaltern stecken, sterbe ich vor Langeweile!«, sagte Semiya besorgt.
»Mach dir keine Sorgen, Semi, du hast bestimmt die richtigen Stellen angekreuzt. So wie du dich die letzten Jahre angestrengt hast, musst du doch die Fragen mittlerweile auswendig kennen! Und wie lief es bei dir, Lia?«, erkundigte sich Kyle.
»Ach, du weißt ja, für mich steht es schlecht, ich habe keinen blassen Schimmer, was sie mit mir und meinen zwei linken Händen anfangen werden, egal, was ich heute angekreuzt habe.« Trotz der jahrelangen Vorbereitung wusste sie immer noch nicht, in welche Richtung sie die Prüfer lenken wollte. All die Berufe, die sie in den praktischen Unterrichtsstunden ausprobiert hatte, hatten sich letztendlich als Fehlschlag herausgestellt.
»Nun ja, vielleicht wirst du ja Heilerin wie deine Mutter!«, versuchte Kyle sie aufzuheitern.
»Sie ist nur Gehilfin, Kyle. Und außerdem braucht man gute Bewertungen, um so einen Beruf zu ergattern. Du weißt sehr gut, dass meine Ergebnisse da nicht ausreichen«, erwiderte Lyanna hoffnungslos. Abermals fragte sie sich, von wem sie ihre Talentlosigkeit wohl geerbt hatte. Wenn sie wüsste, wer ihre leiblichen Eltern gewesen waren, vielleicht würde sie sich leichter damit tun, das zu finden, wofür sie begabt war.
***
Im zweiten Teil der Prüfung, der am Nachmittag stattfand, standen Einzelgespräche mit den Prüfern auf dem Programm. Dies war der Teil, den Lyanna am meisten fürchtete, denn unter den kritischen Augen eines Prüfers würde sie ihre Ungeschicktheit und Talentlosigkeit am wenigsten verstecken können.
Lyanna war einem kleinen Zimmer im dritten Stock zugewiesen worden, vor dem sie gemeinsam mit mehreren anderen jungen Prüflingen, die sie nicht kannte, eine gefühlte Ewigkeit wartete. Sie alle saßen schweigend auf hölzernen Bänken, jeder von ihnen in seine eigenen Gedanken vertieft. Einer nach dem anderen verschwanden sie schließlich in dem Raum und kamen manchmal sofort, manchmal erst nach langer Wartezeit wieder heraus. Lyannas Nervosität wurde mit jeder Minute, die verstrich, schlimmer.
Endlich war sie an der Reihe. Mit schwitzenden Händen drückte sie die Messingklinke der schmucklosen Holztür hinunter. Als sie das kleine, aber helle Zimmer betrat, fiel ihr Blick sofort auf den Tisch, der in der Raummitte stand, und sie konnte sich nicht verkneifen überrascht die Luft einzuziehen. Dort lagen zehn Edelsteine aufgereiht, einer funkelnder als der nächste. Ein einziger dieser fast kirschgroßen Steine könnte ihre ganze Familie über Jahre hinweg ernähren, dachte sie mit einem plötzlichen Knoten im Magen. Sie schüttelte leicht den Kopf, um derartige Gedanken schon im Keim zu ersticken, und konzentrierte sich stattdessen auf die Prüferin.
Die hochgewachsene junge Frau mit zurückgebundenen blonden Haaren und hübschen grünen Augen stand direkt hinter dem Tisch und las auf einem zerknitterten Blatt Papier in ihrer Hand. Ihre Kleidung war in schlichtem Schwarz gehalten, doch von feiner Machart. Eine mit einem schweren, violetten Edelstein bestückte Halskette zeugte davon, dass die Frau wahrscheinlich eine Magierin war.
Mit einem flauen Gefühl im Magen fragte Lyanna sich, ob die Frau wohl gerade ihre schriftlichen Prüfungsergebnisse studierte. Als ob die Prüferin ihre Gedanken gehört hätte, blickte diese nun auf und Lyanna, die wie angewurzelt mitten im Raum stehen geblieben war, beeilte sich mit vor Scham glühenden Wangen die Tür hinter sich zu schließen. Da war sie nun, wie die Maus, die sich selbst in die Falle sperrt, dachte sie zynisch, während sie sich wieder zu der Frau herumdrehte und sich darum bemühte, nicht so verloren zu wirken, wie sie sich fühlte.
»Guten Tag! Miss Sterryon, wie ich annehme. Wenn Sie bitte näher kommen würden.«
Die Stimme der Frau war freundlich, und sie lächelte Lyanna beruhigend an. Das macht sie wohl aus Mitleid wegen meiner Antworten vom Vormittag, dachte Lyanna, aber sie trat dennoch näher an den Tisch und die darauf aufgereihten Edelsteine heran.
»Bevor wir beginnen, wählen Sie bitte einen Stein«, forderte die Prüferin sie auf. Ihre wachsamen Augen beobachteten sie nun konzentriert.
Lyannas Blick glitt verwirrt über die vor ihr liegenden Edelsteine, jeder davon von einer anderen Art und Farbe. Smaragd, Saphir, Rubin, ja sogar ein Diamant und einige Steine, die Lyanna nicht beim Namen kannte, die aber bestimmt nicht weniger wertvoll waren. Den Rubin hatte sie natürlich schon vom ersten Moment an bemerkt. Der Stein sandte ein vertrautes Pulsieren aus, welches sie bereits von dem kleinen Stein her kannte, den die Heilerin, bei der ihre Mutter arbeitete, am Handgelenk trug. Im Gegensatz dazu war das Pulsieren jetzt aber ungemein stärker und hatte fast etwas Forderndes. Verzagt blickte Lyanna von Stein zu Stein und versuchte zu verstehen, was es mit diesem Teil der Prüfung wohl auf sich hatte. War das etwa die Magieprüfung? Würde sie mit dem Stein, den sie wählte, etwas Magisches zu bewirken müssen?
Verzweifelt warf sie einen Blick auf die Prüferin, die sie aber nur weiterhin interessiert beobachtete. Nun komm schon, Lyanna, denk nach, schalt sie sich selbst. Geblendet von den Sonnenstrahlen, die durch die Fenster hinter der Prüferin ins Zimmer fielen, blinzelte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Tisch.
Lyanna spürte ihr Blut, das in ihren Ohren pochte. Das Pulsieren des Rubins schien sie mitzureißen. Es vereinnahmte ihre Sinne und ließ sie nicht zum Nachdenken kommen. Die Luft war unangenehm warm im Zimmer und sie hatte wieder Mühe, klar zu denken. Wenn nur der Rubin Ruhe geben würde. Zögernd trat sie einen weiteren Schritt an den Tisch heran. Ihre Hand ruhte nun auf der Platte, bereit einen der Steine an sich zu nehmen. Ihr Blick kehrte unweigerlich zu dem Rubin zurück, der sie praktisch zu drängen schien, ihn endlich an sich zu nehmen. Verwundert stellte sie fest, dass er nun im Einklang mit ihrem eigenen Herzen pochte. Sie bemerkte, dass ihre Finger sich unwillkürlich über den Stein gelegt hatten. Er war angenehm warm und ein sanftes Kribbeln fuhr durch ihre Fingerspitzen. Nun gut, dachte sie, als sie kurzerhand den roten Stein vom Tisch hob. Etwas Vertrautes konnte ja nicht schaden.
Die Prüferin hatte sie die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen und begann nun fast schon fieberhaft zu schreiben. Jetzt, da Lyanna den Stein in der Hand hielt, hatte seine betörende Wirkung etwas nachgelassen und sie versuchte verstohlen über den Rand des Papiers zu spähen, um wenigstens zu wissen, wie es um sie stand. Plötzlich schaute die Prüferin wieder auf und ihre freundlichen grünen Augen blickten direkt in die ihren.
»Herzlichen Glückwunsch, Miss, Sie werden das nächste Semester in Valoryas renommierter Schule für Magie verbringen. Der Rest der Prüfung wird fürs Erste nicht mehr notwendig sein. Sie können direkt in die Haupthalle zurückkehren, wo Sie auf die anderen Begabten treffen werden.«
Lyanna
Lyanna erwachte, als es draußen noch dunkel war. Kein Laut war zu hören außer dem leisen Atmen des Mädchens im Bett neben ihr, aber der Sonnenaufgang konnte nicht mehr fern sein. Mit einem Gähnen ließ Lyanna sich wieder auf ihr Kissen sinken, doch einschlafen konnte sie definitiv nicht mehr. Sich heute in diesem fremden Bett, in diesem fremden Gebäude, in dieser fremden Welt, die nun ihre war, wiederzufinden, war das seltsamste Gefühl der Welt. Sie konnte immer noch nicht begreifen, was am Vortag geschehen war. Konnte nicht verstehen, wie das alles wahr sein konnte. Sie, eine Magierin! Sie hatte nie den leisesten Verdacht gehegt, hatte keinen Moment auch nur im Traum daran gedacht. Die magische Gabe war besonders verbreitet bei den Adeligen, die sie schon seit Generationen weitervererbten. Unter den gewöhnlichen Bürgern waren Magier äußerst selten. Darum war Lyanna erst einmal vollkommen entgeistert gewesen, als die Prüferin ihr die unglaubliche Neuigkeit unterbreitet hatte.
Danach war alles so schnell gegangen und sie hatte den Abend durchlebt wie eine Schlafwandlerin. Im großen Kuppelsaal hatten sich nach und nach vierzehn Leute eingefunden, alle mit aufgeregten Mienen und funkelnden Augen. Darunter war zu Lyannas großem Erstaunen auch Kyle gewesen, der ebenfalls vollkommen überrascht gewesen war und den ganzen Abend über so breit gegrinst hatte, als hätte er bereits einen Diamanten aus dem Hut gezogen.
Sie alle waren von einer strengen Frau mit straff nach hinten geflochtenem, rotem Haar durch das Adelsviertel geführt worden, über den Fluss und schließlich zurück aufs zweite Plateau, mitten hinein ins Magierviertel. Lyanna erinnerte sich fast nicht an den Weg oder an die Gebäude, an denen sie vorbeigekommen waren, so sehr hatte sie noch unter Schock gestanden ob der plötzlichen Wendung, die ihr Schicksal genommen hatte.
Letztendlich waren sie durch ein riesiges gusseisernes Tor in einen großzügig angelegten Park gelangt. Ein breiter Kiesweg hatte sie zwischen einer Allee hoher Eichenbäume auf ein altehrwürdiges Gebäude zugeführt, dessen unzählige Giebel im Licht der späten Nachmittagssonne imposante Schatten geworfen hatten. Der gelbe Sandstein der Schule hatte für Lyanna gleich etwas Warmes, Einladendes ausgestrahlt, ganz anders als die kalten Marmorbauten und düsteren Kalksteingebäude, die in der restlichen Stadt so beliebt waren.
Zum Staunen war aber nicht viel Zeit geblieben, denn ihre rothaarige Führerin hatte sie, ohne innezuhalten, in die Eingangshalle gescheucht, wo ihre kleine Gruppe sofort paarweise auf die Quartiere aufgeteilt worden war. Lyanna bewohnte nun ein kleines, aber hübsches Zimmer im dritten Stock des Südflügels, von dem aus sie einen schönen Ausblick auf den Park hatte und sogar einen Blick auf die Dächer des dahinterliegenden Magierviertels erhaschen konnte.
Das Tönen einer Glocke riss Lyanna schließlich aus ihren Gedanken und auch ihre Mitbewohnerin begann nun sich im Bett nebenan zu regen.
»Meine Göttin, wie spät ist es wohl?«, stöhnte sie, während sie sich langsam aufrappelte.
»Guten Morgen«, erwiderte Lyanna mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen.
Das sanftmütige Mädchen mit dem langen blonden Haar und hellblauen Augen war eine Kaufmannstochter und hieß Milenna. Ihre schlanke Gestalt und die zarten Gesichtszüge verliehen ihr ein fast elfenhaftes Aussehen.
»Guten Morgen«, murmelte Milenna mit einem Lächeln, das ihre noch schlaftrunkenen Augen zum Funkeln brachte. »Ich bin so aufgeregt, ich weiß gar nicht, wie ich so lange habe schlafen können!«, sagte sie, während sie sich hastig aufrappelte und versuchte ihr zerzaustes Haar in Ordnung zu bringen.
Lyanna entschied, dass sie das Mädchen trotz ihrer wohlhabenderen Herkunft bestimmt gernhaben würde.
So, wie ihnen am Vortag aufgetragen worden war, kleideten sie sich beide in die von der Schule bereitgestellten Uniform, welche aus einem recht schlichten, aber dennoch feinen langen schwarzen Seidenkleid mit weißer Borte am Kragen und an den Ärmeln, einem dunklen Gürtel sowie schwarzen Schnürstiefeln bestand.
Als sie fertig war, betrachtete Lyanna ihr neues Erscheinungsbild in dem angelaufenen Spiegel, der an der Innenseite ihres Kleiderschranks angebracht war. Eine echte Magierin, dachte sie. Doch nicht nur ihre Kleidung hatte sich verändert. Auch ihr Gesicht mit den mandelförmigen rehbraunen Augen, den geschwungenen Augenbrauen und den vollen Lippen strahlte förmlich vor Tatendrang. Sie konnte es gar nicht abwarten, endlich mehr über die Magie zu lernen. Sie bändigte ihr schulterlanges braunes Haar wie gewöhnlich in einem geflochtenen Zopf.
»Bist du so weit?«, fragte Milenna.
Lyanna nickte, zupfte ein letztes Mal eine Strähne zurecht, klappte den Schrank zu und folgte dem Mädchen hinunter zum Speisesaal. Hier wimmelte es bereits von schwarz-weiß gekleideten jungen Leuten – allesamt Magier, wie es Lyanna nun wieder durch den Kopf schoss.
Zu ihrer Erleichterung schien Milenna sich unter den Blicken der vielen Unbekannten genauso einsam und verloren zu fühlen wie Lyanna selbst. Sie beschloss kurzerhand dicht bei Milenna zu bleiben, um dieser unvertrauten neuen Umgebung nicht allein die Stirn bieten zu müssen, und ihre Zimmergenossin schien es ihr wie im stillen Einvernehmen gleichzutun.
Eine lange Theke entlang der südlichen Wand hielt die unterschiedlichsten Gerichte bereit und der verlockende Duft von warmen Waffeln ließ Lyanna sogleich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Als sie beide ihre Teller gefüllt hatten, setzten sie sich an einen der runden Tische, die überall im Raum verteilt standen.
»Welchen Stein hast du gestern gewählt?«, fragte Milenna nach den ersten zaghaften Bissen in ihr Brötchen.
»Rubin«, erwiderte Lyanna mit vollem Mund. »Meine Ziehmutter ist Gehilfin einer Heilerin. Ich schätze, ich habe mich einfach zu dem mir am vertrautesten Stein hinziehen lassen. Wie steht es mit dir?«
»Ich habe den Aquamarin genommen. Ich habe ewig gebraucht, um mich zwischen ihm und dem Cordierit zu entscheiden. Ich habe aber Gerüchte gehört, dass Cordieritmagier nicht sehr gefragt sind«, sagte Milenna nachdenklich.
»Welcher ist denn der Cordierit?«, fragte Lyanna, aber bevor Milenna antworten konnte, wurde sie von Kyle unterbrochen, der sich auf den Stuhl neben ihr fallen ließ.
»Puh, ich bin aus der Höhle des Löwen entkommen! Ich hätte schon fast gedacht, er erdolcht mich im Schlaf und wirft mich aus dem Fenster«, sprudelte er los und als er Lyannas verständnislosen Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er hinzu: »Mein Mitbewohner, der Herr Lord von was-weiß-ich.«
Wie aufs Stichwort tauchte hinter Kyle der eingebildete adelige Junge auf, der Lyanna am Vortag angerempelt hatte. Ohne sie alle auch nur eines Blickes zu würdigen, ließ er sich steif ein paar Tische entfernt von ihnen auf einem Stuhl nieder.
»Sag bloß nicht, du bist mit dem da im Zimmer«, gluckste Lyanna mit gesenkter Stimme. Kyle rollte mit den Augen.
»Das ist überhaupt nicht zum Lachen, er hat gestern bestimmt eine Stunde lang mit der Aufseherin gefeilscht, um nicht mit Abschaum wie mir in einem Zimmer bleiben zu müssen. Aber da gibts nichts zu rütteln. Hier muss sich jeder ein Zimmer teilen, jeder die gleichen Kleider tragen; nicht einmal für jemanden wie den wird da eine Ausnahme gemacht, wie es scheint«, erklärte Kyle und sah dabei gehässig über die Schulter.
Lyanna hoffte, dass ihr Freund es nicht zu schwer haben würde, wenn er mit einem solchen Schnösel tagein, tagaus auf engstem Raum zusammenleben musste. Da hatte sie bestimmt mit Milenna das bessere Los gezogen.
»Das ist übrigens meine Zimmergenossin, Milenna. Und das ist Kyle, wir sind im gleichen Viertel aufgewachsen«, beeilte Lyanna sich die beiden einander vorzustellen, dann stürzte sie sich mit Heißhunger auf ihr Frühstück.
