Rückblende auf Paris - Walter Flemmer - E-Book

Rückblende auf Paris E-Book

Walter Flemmer

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Beschreibung

Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter einer großen, international tätigen Kosmetikfirma stellen bei einem Treffen in München fest, dass sie sich Aufschreibungen über ihre "Pariser Tage" gemacht haben. Sie waren sich vor einiger Zeit bei einem von der Firma in Paris zur Adventszeit veranstalteten Mitarbeitertraining zum ersten Mal begegnet und hatten unabhängig voneinander festgehalten, wie sich in diesen Tagen ihre Beziehung entwickelte, bis hin zu einem dramatischen Ende, das der frühere Partner der Frau, der ihr nach Paris nachreiste, ausgelöst hatte.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Walter Flemmer

Rückblende auf Paris

Roman

ImprintRückblende auf ParisWalter Flemmerpublished by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.deCopyright: © 2012 Walter FlemmerISBN 978-3-8442-2986-8

Das ist nicht möglich, sagt Nicole und springt auf. Ihr Stuhl fällt um. Die Leute an den anderen Tischen schauen überrascht zu uns herüber. Ich hebe den Stuhl schnell auf. Nicole setzt sich, stützt die Ellbogen auf den Tisch und legt ihren Kopf in die Hände. Sie sieht mich an und durch mich hindurch.

Du bist überrascht? frage ich. Warum eigentlich?

Ich kann dir nicht glauben, sagt Nicole. Nimmst du mich auf den Arm? Was bezweckst du damit? Schon die Vorstellung: Wir zwei sitzen im selben Hotel und schreiben am Abend nieder, was am Tag geschehen ist, kommt mir wie ein schlechter Witz vor. Ich jedenfalls werde dir nicht zeigen, was ich notiert habe.

Was ist ungewöhnlich daran, dass ich mir Notizen gemacht habe? Seit meiner Studentenzeit habe ich immer meine Schreibmappe dabei. Allerdings notiere ich meist Geschäftsvorgänge. Ich könnte die Notizen auch in ein Bandgerät diktieren. Aber mein Handbetrieb ist halt eine alte Gewohnheit. Im übrigen wirst du dich daran erinnern, dass in unseren Trainings immer wieder darauf hingewiesen wird, wie wichtig es ist, am Ende eines Arbeitstages die Resultate festzuhalten.

Versteh ich nicht, sagt Nicole. Damit konnte ich mich nie anfreunden. Die Tage in Paris damals, die waren eine Ausnahme. Ich habe nie ein Tagebuch geführt. Meine Pariser Notizen sind auf Firmenpapier geschrieben, jede Seite trägt den Firmenkopf. Ich hatte mich spontan entschieden, ein paar Beobachtungen zu notieren. Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich keine Zeile zu Papier gebracht.

Und warum willst du mir nicht zeigen, was du geschrieben hast? Fürchtest du dich? Vor mir, vor dir? Ich weiß doch alles über dich.

Alles? fragt Nicole. Das sagt sich so leicht. Was weißt du über mich? Was ich dir erzählt habe. Was habe ich dir erzählt? In den paar Stunden, den paar Tagen. Ein wenig mehr, später im Krankenhaus vielleicht. Du würdest erschrecken. Ich habe immer wieder erfahren müssen, dass Rückblicke alte Wunden aufreißen. In der Psychotherapie ist das Wundenaufreißen ja zur Methode gemacht worden. Schritt um Schritt wird dir das Fleisch von den Knochen geholt. Ich bin längst nicht mehr sicher, ob man diese Methode noch anwenden soll.

Du hast Erfahrungen mit der Psychotherapie? frage ich überrascht.

Ja, die hab ich, antwortet Nicole. Und was soll dabei herauskommen, in die eigene Hölle hineinzuschauen? Denn die Hölle, das sind immer wir selbst, nicht, wie Sartre gemeint hat, die anderen. Wir gehen von einer Hölle in die andere. Und die Frage ist nur, wie und ob wir uns in der Hölle einrichten wollen. Manchmal kann es in der Hölle ja angenehm warm sein, fleischlich zugehen. Und man begegnet in der Hölle sicher auch Partnern und kann sich ganz den unheiligen Bedürfnissen widmen. Aber mir ist die Lust vergangen, noch einmal in die Hölle hinabzusteigen. Weder meine Hölle lockt mich, noch deine.

Wer sagt dir denn, dass meine Vergangenheit ähnlich höllische Anlässe zu bieten hat?

Jeder sitzt auf seiner Hölle, und es ist gut, wenn man sich mit einem breiten Hintern auf den Deckel hockt.

Wir könnten doch die Probe aufs sogenannte Exempel machen. Was wäre, wenn beim Lesen unserer Pariser Niederschriften auch ein wenig Himmel zutage käme? Könnte doch sein. Ich verspreche dir, dass ich mich auch an recht himmlische Augenblicke erinnern werde.

Die Augen Blicke, ja, die hat es gegeben, sagt Nicole versonnen. Trotzdem: ich weiß, die Schrecken würden zu viele Schatten werfen.

Ich bin anderer Meinung, sage ich. Warum bist du nur so misstrauisch, warum willst du allem eine schlechte Seite abgewinnen? Du stellst dir immer einen negativen Ausgang vor. Du gehst nicht offen auf die Situation zu. Immer siehst du Untergänge, malst sie dir aus.

Ich habe meine Erfahrungen gemacht, sagt Nicole.

Auch ich bin doch eine deiner Erfahrungen.

So könnte man es nennen.

Nicht nur in Paris.

Gerade in Paris. Und du hast die Schrecken ausgelöst.

Deine Schrecken. Aber die zählen nicht, wenn ich die positiven Erfahrungen dagegenhalte.

Gut, die gab's natürlich. Du, eine positive Erfahrung. Klingt nicht schlecht, sagt Nicole und lächelt dazu.

Wir haben uns in München wieder getroffen. Nicole hat Hamburg verlassen. Sie ist nach Regensburg versetzt worden. In meine Nähe. Ich musste ihr also wieder über den Weg laufen. Regensburg wird von München aus betreut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in meine Nähe gewollt hat. Doch wer kann sich heute schon aussuchen, wo er arbeiten will. Nicole hätte auch nach London oder Budapest versetzt werden können. Unser Konzern ist weltweit aktiv.

Worüber denkst du nach? Fragt Nicole.

Ich hatte geglaubt, Paris sei das Ende gewesen. Nein, nicht Paris, sondern was danach kam.

Das Ende wovon? Dein Ende, mein Ende? Und nun sitz ich dir wieder gegenüber in diesem Café, und wir schauen auf den Englischen Garten hinaus. Die alte Dame dort drüben am anderen Tisch mag denken, wir seien ein Liebes oder Ehepaar, das schnell für eine Stunde aus dem Büro entflohen ist.

Ja, ich habe geglaubt, wir hätten uns damals in Paris alles gesagt.

Man sagt sich niemals alles. Und dann wächst einfach Gras darüber. Monate vergehen, vielleicht Jahre, ehe man sich wieder erinnern kann.

Die Pariser Tage sind noch nicht überstanden, denke ich. Nicole hat recht. Sie werden nie überstanden sein. Nicht der letzte unserer Dezembertage. Jetzt weiß ich: auch Nicole hat sich Notizen gemacht. Aber Paris war für sie doch nicht die Hölle. Die Hölle wird von den anderen angeschürt.

Du fürchtest dich also? frage ich noch einmal.

Nein, antwortet Nicole. Aber ich habe nur für mich geschrieben. Ich habe weder an dich, noch an einen anderen Leser gedacht. Du musst mir meine Gedanken lassen.

Wie du meinst, sage ich, doch vielleicht interessiert dich, was ich in dieser, unserer Woche niedergeschrieben habe. Mag sein, dass du in meinen Zeilen gar nicht vorkommst. Ich hätte keine Probleme, dir meine Notizen zum Lesen zu geben.

Das glaub ich nicht, sagt Nicole. Aber zugegeben, ich wüsste gerne, was du gedacht hast, als du mich zum ersten Mal gesehen hast. Vom ersten Eindruck hängt doch alles ab.

Neugierig?

Ein wenig. Aber vielleicht sollten wir die Vergangenheit doch besser ruhen lassen. Vorbei ist vorbei.

Du willst ablenken.

Kann sein.

Willst du meine Geschichte kennen lernen?

Welche Geschichte? fragt Nicole. Was heißt Geschichte? Wirklichkeit. Ja, alles war doch wirklich in den Pariser Tagen, damals. So unwirklich wirklich, so wirklich schön und schrecklich.

Glaubst du an die Wirklichkeit?

Unsere Wirklichkeit.

Könnte ein Traum gewesen sein, füge ich hinzu.

Dann also willst du mir deinen Traum erzählen, sagt Nicole. Einen Traum, der einige Tage gedauert hat. Eine Wirklichkeit, in die du hineingeträumt hast.

Nein, Nicole, mein Traum gegen deinen Traum. Jetzt will ich wissen, was du geträumt, gedacht hast.

Du handelst mit mir?

Nicole weiß, dass ich nicht mit ihr handeln will. Setzt sie mir ihren Widerstand nur scheinbar entgegen? Meine Neugierde. Ist Neugierde wichtig? Was haben wir uns noch zu entdecken nach den Pariser Tagen? Jede Entdeckung ist gefährlich. Was haben wir einander noch nicht gesagt? Alles! Alles ist verborgen geblieben, zugedeckt von einer fressenden Gegenwart. Alles? Würde uns nicht jede Frage hinter die Gegenwart zurück, stören, einander endgültig entfremden? Aber die Kapitel waren doch schon geschlossen. Warum jetzt ein neuer Eintritt in das Leben des anderen? Ahne ich, dass mich der Eintritt schrecken wird? Warum habe ich die Notizen nicht verbrannt? Warum hat Nicole, was sie aufgeschrieben hat, nicht vernichtet? Der neue Eintritt. Kann er nicht auch Bestätigung des Glücks sein? Unseres Glücks. Doch dieses Glück ist nicht herauszunehmen aus der Unmittelbarkeit jener Tage. Warum es der Mühsal der Wiederholung aussetzen? Wir haben unser Glück erfahren. Nur eine Andeutung. Das Unwiederholbare lässt sich nicht festkleben, einordnen. Wenn man einmal das Glück über die Ordnung gestellt hat, kann man dann in die Ordnung zurückkehren? Man muss.

Was denkst du? fragt Nicole. Du hast nur noch wenige Minuten Zeit. Ich muss gehen. Meine Zeit läuft ab, ach, ich könnte auch sagen, unsere Zeit verstreicht.

Ich werde dich im Wagen zum Flugplatz bringen. Auf den Nebenstrecken kann ich schnell fahren.

Was denkst du? fragt Nicole noch einmal und steht auf.

Ich denke darüber nach, ob ich recht daran getan habe, auf meine Notizen hinzuweisen.

Ja, du hast damit angefangen. Entweder verbrennen wir die paar Seiten oder wir müssen sie doch dadurch aus der Welt schaffen, dass wir sie lesen. Ich die deinen und du die meinen. Du könntest mir deine Notizen nach Regensburg schicken. Sieht so aus, als bliebe uns doch keine andere Möglichkeit. Gut, dann schick ich sie nach Regensburg.

Nein.

Was heißt das?

Dass ich dir meine Notizen nicht schicken werde.

Gut, dann also nicht, sagt Nicole kurz und geht einen Schritt auf die Garderobe zu.

Ich hole dir den Mantel, sage ich, muss aber vorher noch bezahlen.

Ich habe den Eindruck, dass Nicole sich zurückziehen möchte. Was habe ich falsch gemacht? Aber ich will lesen, was sie geschrieben hat.

Als wir in meinen Wagen zum Flughafen fahren, kommt kein Gespräch in Gang. Nicole sitzt, wie ich zu spüren meine, steif neben mir, verspannt und blickt geradeaus. Auch ich bleibe stumm. Ich schalte kurz den Verkehrsfunk an, dann drehe ich den Knopf des Autoradios gleich wieder ab. Nicoles Rock ist ein wenig hochgerutscht. Sie hat ihre Beine fest geschlossen. Ihre Hände liegen im Schoß.

Ich will wissen, was du geschrieben hast, unterbreche ich das Schweigen.

Wäre es nicht besser, wir würden nicht mehr darüber reden, antwortet Nicole.

Ich hatte den Eindruck, auch dich würde interessieren, was ich in Paris empfunden habe. Du drehst dich im Kreis herum. Was willst du wirklich?

Weiß ich denn nicht, was du in Paris empfunden hast?

Also, du bringst deine Seiten das nächste Mal mit, und ich bringe mit, was ich geschrieben habe.

Das nächste Mal? fragt Nicole. Wenn wir uns auf der nächsten Regionalkonferenz treffen? Du gibst mir deine Papiere, ich gebe dir meine. Warum eigentlich nicht. Nur so scheinen wir das Geschriebene unschädlich machen zu können.

Mir ist ein anderer Einfall gekommen, sage ich. In drei Wochen werde ich in Baden Baden sein. Am Freitag dienstlich ich könnte ein Wochenende dranhängen. Ich fahre mit dem Wagen. Du könntest am Samstag kommen. Ich lade dich für ein Wochenende nach Baden Baden ein. Mai in Baden Baden. Ist das nicht eine gute Idee? Und wir lesen uns vor, was wir damals geschrieben haben. Nicole sieht mich an, zögert mit der Antwort, dann aber sagt sie:

Du hast Einfälle. Und wie stellst du dir das Informationswochenende vor?

Ich möchte, dass wir zur gleichen Zeit erfahren, was einer über den anderen gedacht hat, Schritt um Schritt, das heißt, Seite um Seite.

Dann also Testamentseröffnung in Baden Baden, meint Nicole überraschend locker.

Hast du Angst? frage ich.

Angst? Wovor? Die Pariser Tage sind doch vorüber.

Ich stelle den Wagen im Parkhaus ab, begleite Nicole zum Lufthansaschalter. Wir verabschieden uns mit einer angedeuteten Umarmung.

Ich bestelle ein Zimmer in Bad Hotel Zum Hirsch, von dem der Prospekt sagt, sein Publikum sei "gutbürgerlich", aber auch "distinguiert". Ich fahre mit dem Wagen nach Baden Baden und hole Nicole in Oos ab. Sie kommt aus Frankfurt. Als ich sie anrief, um nach der Ankunftszeit des IC zu fragen, war sie eher kurz angebunden als erfreut, so, als hätten wir einen Geschäftstermin zu vereinbaren.

Baden Baden hat mich immer bedrückt. Ich wehre mich gegen die Ansammlung von Wohlhabenheit und Leerlauf. Ich habe den Luxus, den man dieser Stadt zuschreibt, nie begriffen oder gespürt, habe keinen Zugang gefunden zu dem Exquisiten und Extravaganten, auch wenn mich schon einmal im Frühjahr die Düfte der Oleander und Magnolienbäume im Kurpark betäubt haben. Aber was war die Eleganz von Baden Baden gegen die von Paris oder Florenz? Gutes Essen in eines der umliegenden Winzerdörfer. Was sonst? Ein Abend im Rebland mit Nicole. Doch kein Kurkonzert.

Baden Baden, die Sommerhauptstadt Europas in der Belle Epoque, damit habe ich mich nicht anfreunden können. Eine Stadt des Luxus, des Überflusses. Natürlich, wenn man in die Auslagen der Juweliere am Kurhaus blickt. Ich bin nie lange stehen geblieben. Baden Baden als Refugium des Überflusses in einer freien und gesunden Gesellschaft. Frei vielleicht, aber sie, die Reichen und Luxusbesessenen sind doch nach Baden Baden gefahren, weil sie sich kurieren lassen wollten von eingebildeten Krankheiten. Einmal war ich in der Spielbank. Nicht um zu spielen, sondern um zuzusehen. Fasziniert hat mich eine alte Dame, die stundenlang verlor und doch nicht vom Spiel lassen konnte, wollte. Elegantes Publikum? Im Spielsaal, im Sommer, 1862 wurde das Theater mit der Oper Beatrice und Benedict von Hector Berlioz eröffnet, habe ich gelesen. Heute gehen wohl mehr Menschen in die Caracalla Thermen als ins Theater. Die heilende Kraft des Mineralwassers. Nicole und ich werden keine Zeit haben, die Heilkraft zu erproben.

Aber vielleicht wieder ein Spaziergang durch den in Blüten ertrinkenden Park. Ja, die hohen Bäume, die weit ausgreifenden Äste, der sorgfältig geschnittene Rasen, die Brücke über das Flüsschen, gepflegte Luxusnatur für einige Tage.

Diesmal vermag die Erwartung auf Nicole die bürgerliche Behäbigkeit zu verdrängen. Nicole ist vor mir eingetroffen. Ich habe mich um drei Minuten verspätet. Nicole steht neben dem Koffer vor dem Bahnhofsgebäude. Taxifahrer spielen Karten, eingesunken auf Klappstühlen sitzend.

Hallo! Nicole winkt. Da bist du ja.

Entschuldige, ich bin zum Hotel gefahren und habe meine Sachen auf das Zimmer gebracht. Meine Frau komme nach, habe ich gesagt, ich muss sie vom Bahnhof abholen.

Deine Frau? Nicole hat einen spöttischen Zug um die Mundwinkel, als sie mir die Frage stellt. Dir sieht man doch den Junggesellen aus zehn Metern Entfernung an.

In Baden Baden und insbesondere im Bad Hotel Zum Hirsch ist man aber verheiratet. Oder soll ich dich in einem anderen Hotel einquartieren?

Verheiratet für ein Wochenende, ich habe nichts dagegen. Aber wenn du deine Absicht wahrmachen willst, dann werden wir nicht viel Zeit fürs Eheleben haben.

Hast du so viel geschrieben?

Warte es ab.

Ich umarme Nicole, streiche mit der rechten Hand das lange braune Haar, das ihr über die Schulter fällt, zur Seite und umfasse ihr Kinn.

Gut siehst du aus. Neuer Cashmere Mantel. Dunkelblau steht dir. Mag ich zu deinem Haar.

Schön, ja? Darf ich einsteigen? Nimm den Koffer.

Wie immer ist die Suche nach einem Parkplatz vor dem Hotel aussichtslos. Nachdem ich zweimal um den Häuserblock gefahren bin, verlässt ein VW die Parkreihe, die dicht geparkt am Rande des hügelauf führenden Sträßchens steht. Für kurze Zeit kann ich hier den Wagen abstellen. Am Abend, wenn wir aus dem Rebland zurückkommen, werde ich den Wagen ins nahegelegene Parkhaus bringen.

Wenn du hineinkommst, werden Vorder und Hintermann nicht mehr herauskönnen.

Ich komme in die Lücke.

Nimm den Koffer heraus.

Siehst du, schon gelungen.

Ich nehme an, sagt Nicole, Kurgäste fühlen sich in diesem Hotel immer noch wohl.

Freundlicher Service, gediegene Tradition.

Konntest du kein anderes finden?

Bei dem Andrang jetzt im Frühling? Zu dir passt das Hotel natürlich nicht.

Und zu dir?

Wie man's nimmt. Dusch dich erst mal, dann sieht der Nachmittag gleich anders aus.

Essen wir hier im Hotel?

Natürlich nicht. Wir fahren ins Rebland.

Spargelessen in Baden Baden.

Ja, mit Schinken und Pfannkuchen.

Wir werden bald zurück sein? Wir wollten doch ...

Wie abgesprochen.

Wir gehen auf das Zimmer. Ich setze mich in einen der Sessel, den ich zum Fenster gerückt habe. Nicole räumt Wäsche aus ihrem Koffer in den Schrank. Dann verschwindet sie im Bad. Sie nimmt ein rostrotes Kleid mit. Sie braucht lange. Ich höre, dass sie duscht. Ich blättere in den Werbebroschüren, die auf einem Tischchen liegen. Baden Baden wird angepriesen. Spaziergänge, Spazierfahrten in die Umgebung. Würde ich eine Woche mit Nicole in Baden Baden verbringen wollen? Dumme Frage. Nicole will wissen, was ich über sie in Paris geschrieben habe, ich will wissen, was sie über mich zu Papier gebracht hat. Das ist alles.

Als wir am Abend zurückkommen, haben auch die Pensionsgäste das Essen hinter sich gebracht. Im Restaurant im ersten Stock aber sind beinahe alle Tische besetzt. Gedämpftes Reden. Viel Schweigen, Teetassen. Wir gehen auf unser Zimmer. Ich habe Rotwein und Champagner in den Kühlschrank stellen lassen. Nicole macht es sich bequem. Sie hat einen Packen Papier in der Hand. Ihre Pariser Aufzeichnungen.

Willst du etwas trinken?

Jetzt wohl nicht.

Ich klappe meine schwarze Lederschreibmappe auf. Ich muss mit meinen Aufzeichnungen beginnen. Wir haben vereinbart, diese Nacht und wenn nötig, den morgigen Vormittag zum Wechselgespräch unserer Pariser Erfahrungen werden zu lassen, zu einem Gespräch, das auf jeder Seite Selbstgespräch gewesen ist und in dem nicht vorherzusehen war, dass die Teile ineinander passen würden. Aber was heißt ineinander passen?

Nicole lehnt sich zurück. Ich beginne.

18. Dezember

Dienstreise im Dezember. Ich pfeife auf Paris. Die Überstunden, die so zusammenkommen, rechne ich der Firma nicht vor. Kann ich nicht. Vierzehn Wochenstunden sind jetzt beisammen. Leitende Mitarbeiter sind verpflichtet, auch am Samstag oder Sonntag loszufahren, wenn am Montag irgendwo ein Termin angesetzt ist. Stabsbesprechungen werden regelmäßig auf einen ruhigen Samstagvormittag gelegt.

Sie genießen doch das Privileg der freien Zeiteinteilung, sagte Bill, als im Sommer einer motzen wollte. Die Arbeiterinnen stechen mit der Karte die Zeit. Sie nicht. Wollen auch Sie Karten haben? Wer sticht die Zeit? denke ich. Die Zeit sticht uns. Mich etwa nicht? Jetzt jedenfalls kann ich nichts gegen die Zeit ausrichten.

Die Zeit fährt mich nach Paris. Dieser Bill. Immer die New Yorker Idioten. Vierzehn Wochenstunden? Stimmt nicht ganz. Entweder ein Samstag oder ein Sonntag. Die anderen bummeln ab. Warum wieder Dezember? Warum hat die Zentrale die Tagung in den Dezember gelegt? In die Woche vor Weihnachten. Die in New York setzen sich einfach über alles hinweg. Zentrale Planung. Und doch will niemand von uns in die Zentrale. Wenn, dann müssen sie uns holen. Die Zentrale plant. Mit der Distanz zum Zentrum ist eine gewisse Abnahme der Planungshoheit spürbar. Von New York aus Paris, Mailand, London, München geplant. Integration. Und Hamburg blickt nach München, Mailand schafft Rom an. Frühling in Paris, das wäre ein Angebot gewesen. Aber eine Dezemberwoche mit Regen. Wer sich das ausgedacht hat. Wir wählen nichts aus, wir funktionieren.

Sie sollen mitdenken, sagte Bill. Ich denke mit, auch wenn ich Bill in der letzten Woche am liebsten geohrfeigt hätte. Dieses Großmaul. Ich spreche Englisch, nicht Amerikanisch. Ich schlag ihm ins Gesicht, hab ich gedacht, als er seinen dicken Hintern auf meinen Schreibtisch niedersetzte. Sie vertragen keine Kritik, Franz? Seien Sie froh, dass ich Sie so direkt angesprochen habe. Wir hätten auch sanften Druck aus der Ferne ausüben können.

Langsam aushungern, dachte ich, du Schwein, so nicht, nicht jetzt. Jetzt noch nicht? Das ist doch die Firmenphilosophie: Geradeheraus. Sag mir alles ins Gesicht, was du denkst. Ich denke nicht daran. Auch Sie, Bill. Drohen gilt nicht.

Er will mir seine Gunst entziehen. Wie einem kleinen Kind. Drohen mit dem Liebesentzug. Verlass das Zimmer, ich rede nicht mehr mit dir. Soll ich draußen heulen? In einer halben Stunde werde ich wieder hereingelassen. Gedemütigt. Das Firmenfamilienleben soll weitergehen.

Jetzt werde ich Sie behandeln wie die anderen, sagte er. Jetzt erst? Weil ich mich geweigert habe, seiner Meinung zu sein. Er soll anschaffen.

Ok, ich stimme zu. Aber ich bin nicht Ihrer Meinung, Bill.

Wir brauchen andere Verkaufskonzepte für die Bundesrepublik. Der amerikanische Markt ist nicht auf den deutschen übertragbar. Verdammte Blaupauserei. Andere Konzepte für Plattling und andere für Buxtehude, verstehen Sie mich, Bill? Ich kenne mich in Niederbayern aus. Was wissen Sie von Niederbayern? Ich hab dort drei Jahre gelebt nach dem Krieg. Da gehen Sie im Winter aus dem kleinen Dorf zwei Stunden durch den verschneiten Wald in die Schule. Drum kam ich später ins Internat. Da lernst du, dass die eine andere Seife wollen als ein New Yorker Girl. No Sir. Angepasst, so würde euch die Richtung passen. Keine anderen. Auch für euch keine Extrawürste. Nur wenn wir die Methoden zentral steuern, können wir weltweit den Erfolg halten, den Sie wohl nicht geschaffen haben. Hab ich nicht Bill, hab ich nicht. Sie leben von der Firma! Ich stoß dir die Firma in den Rachen zurück, wenn du noch ein Wort sagst, dachte ich und nickte, als Bill seine flache rechte Hand auf einen Schenkel schlug. Brauchte mich nicht von ihm anpöbeln zu lassen. Zog aber zurück, gab nach, wusste, der holt sich keinen anderen. Was kostet der Kotau? Ich bin nicht Ihrer Meinung, aber selbstverständlich akzeptiere ich Ihre Anordnung. Morgen wird man uns andere Konzepte andienen. Die Firma legt Wert auf Selbständigkeit. Sie müssen sich wie selbstständige Unternehmer fühlen. Sie müssen handeln, als arbeiteten Sie in Ihre eigene Tasche. Da wäre aber eine Beteiligung am Umsatz die Voraussetzung. Der jährliche Ansporn. Wir wollen keine Jasager. Sie müssen Ideen haben. Dafür werde ich bezahlt. Gerade von den Verkaufmanagern erwarte ich Ideen, sagte Bill. Konzepte, Franz, Konzepte. Sie glauben doch nicht, die Damen würden uns unsere Artikel nur deshalb abkaufen, weil wir schon immer großartig verkauft haben.

Gestern diese Methoden, morgen andere. Der gibt mir ja recht, aber ich soll doch seiner Meinung sein. Falsche Meinung. Aber richtige neue Konzepte. Wir fahren zu den neuen Konzepten nach Paris. Ich lass Bill nicht ran. Nicht in München. Das Münchner Büro ist das Münchner Büro. Was denn sonst? Aber genau den Unterschied begreift er nicht. Wenn sie den einmal für drei Jahre nach München schicken, dann gute Nacht. Jedenfalls wird er nicht Generaldirektor. Aber Regionalchef, das ist drinnen. Reicht mir schon, wenn ich ihn wieder auf die Jagd begleiten muss. Is there any possibility? Immer ist da eine Möglichkeit. Kleinwild. Großwild soll er in Ungarn oder Sibirien jagen. Oder flieg doch nach Afrika. Wird Zeit, dass wir in Kenia und in Nigeria präsent sind. Das gleiche Parfum entfaltet sich auf brauner Haut anders als auf weißer. Hängt von der Schweißabsonderung und der Sonneneinstrahlung ab. Also eine Kollektion für Schwarzafrika. Schweres Eau de Toilette unter die schwarzen Achselhöhlen. Keine Zerstäuber. Unbrauchbar in der Hitze. Ich begleite Bill nicht nach Afrika. Was der mit mir vorhat? Immer die Hinweise auf die Chancen, die ich im Haus noch haben kann. Das Haus, die Firma. Der liebe Gott, verdammt noch mal. Wer ist das? Wir. Ich. Da oben steht er: das Haus. Und uns wird mit dem Haus gedroht. Haben wir den Ruf des Hauses angekratzt? Habe ich mit meinen persönlichen Meinungen das Haus geschädigt? Ich pfeife auf das Haus. Ich werde Bill doch den Entwurf vorlegen. Er muss zugeben, dass das Münchner Konzept eine neue Variante bringt. Lässt sich in die New Yorker Konzepte einbringen. Das müssen Sie doch sehen, Bill. Zehn Prozent Umsatzsteigerung könnten sich glatt ergeben. Ich habe einen Probelauf durchgeführt. Ich habe die Verkäufer laufen lassen. War gar nicht so einfach. Nicht jeder denkt wie Sie, ist aufgeschlossen. Natürlich sind Sie aufgeschlossen. Schwamm drüber, Bill, hab nicht daran gedacht, dass Sie das kränken könnte. Ich hab die Unterlagen für Sie kopieren lassen. Wenn Sie hineinsehen wollen. Ist ganz einfach.

Jetzt Tee, Fräulein Pelzer, bitte zwei Tassen. Die Gegensprechanlage funktioniert wieder nicht. Zwei Tassen hab ich gesagt. Fünf Minuten ziehen lassen. Und die kleinen Kekse. Er beißt an.

Bill, hab ich Sie überzeugt? Wir können Ihnen garantieren, dass die ganze Mannschaft mitzieht. Sie sind motiviert. Sag ich doch, drei Monate Motivation, Schritt für Schritt, jeden Tag eine kleine Portion mehr. Jeder wird zurechtgeschliffen, Sie kapieren jetzt, wohin der Weg führt? Zum Käufer natürlich. Einführungskurs für die neuen leitenden Mitarbeiter.

Ich erinnere mich noch genau an den ersten Tag als Bill im Kreis der vier anderen Oberbosse uns Neulingen die Zielsetzung erklärte. Wurden darauf eingeschworen. Das müssen Sie im Hinterkopf behalten, jede Ihrer späteren Entscheidungen muss gemessen werden, automatisch, im Schlaf, an den Unternehmenszielen. Wir werden, wir wurden ausgeliefert an diese Ziele. Wir haben sie akzeptiert. Die rituelle Aufnahme in den Club der Leitenden.

Bill, verstehen Sie doch, wie könnte ich den Käufer vergessen haben. Sie wissen, auch das Wild muss vor die Flinte getrieben werden. Vor Ihre Flinte, Bill. Sie treffen, wenn nur genug getrieben wird. Wollen Sie sagen, dass wir keine Treiber sind? Ich bin lange genug mit Ihnen auf dem Ansitz geblieben. Auch in der Nacht, minus 17 Grad im Bergwald bei Ruhpolding. Wenn wir die Wärmeglühstäbe nicht dabei gehabt hätten, die natürlich wieder die Japaner erfunden haben, wären wir erfroren. MYCOAL Handwarmer. Keeps you warm all over. Und in den Handwarmer werden die fuel sticks gelegt. Zünden Sie ein Ende des fuel stick mit dem Zündholz an, blasen Sie drauf, bis es richtig glüht. Es entsteht keine Flamme, nur ein Glühen. Dann legen Sie den glühenden stick in den warmer, mit dem glühenden Ende in die weiteste Ausbuchtung der Blechschachtel, schließen Sie den warmer sorgfältig. Jeder MYCOAL FUEL STICK heizt neun Stunden lang und gibt Ihnen herrliche Wärme durch die Warmer Schachtel. Do not use the warmer in the bed. Hab ich nicht vor. Aber Bill war begeistert. Kannte die Neuigkeit noch nicht. The use of the product not in accordance with the manufacturer’s operating instructions, is the user’s responsibility. Sollen wir das auch auf unsere Seifenschachteln drucken? U. S. PAT. No 3547100. Bill hätte die Sticks kennen müssen. Jedenfalls hab ich ihm die Hände damit gewärmt. Und die Blechschachtel wird in ein Samtsäckchen gesteckt, kann in der Hosentasche getragen werden. Bill hat gelacht und gesagt: nehm ich zum Eierwärmen. Er war froh über die Wärmeverpflegung, als uns die Kälte ins Gesicht biss.

Aber ich fahre nicht mit ihm nach Afrika. Wenn er mich einladen sollte? Er wird mich nicht einladen. Dazu bin ich noch zu klein. Noch? Jeder darf wachsen im Haus, und doch wachsen keine Bäume durch das Dach. Lässt Bill mich wachsen? Ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich vor die Alternative gestellt werde: weiterwachsen und nach Amerika gehen oder dableiben und die Decke auf das Haupt gestoßen zu bekommen. Wenn die New Yorker denken, du musst nach New York, dann gehst du oder du bleibst unten. Unten, auf der gleichen Stufe bleiben, heißt immer unten bleiben, denn dann gehst du unter. Jede Weigerung gegen die Weisheit von oben heißt untergehen, Untenbleiben ist Untergehen. Mach dir doch in einer solchen Situation das eigene taktische Verhalten bewusst. Wen man mit Vernunft nicht erreicht, den muss man mit der Emotion packen. Weiß Bill doch. Hat er doch selbst dozieren lassen. Seinerzeit in New York. Oft umgeht man gezielt, was man wahrnehmen kann, was handgreiflich ist, um direkt das Unterbewusste anzusprechen. Ein Satz ist mir im Gedächtnis geblieben: Jeder Mensch, auch der verstandesmäßig ausgerichtete, ist über das Unterbewusstsein zu erreichen; deshalb ist es wichtig, nicht nur das Hirn, sondern auch das Herz des Gesprächspartners anzusprechen. Was nützt mir das Herz, wenn ich vor der Frage stehe, ob ich nach New York ins Hauptquartier gehen soll? Ich will keine Lyrik, wenn Entscheidungen dieser Tragweite anstehen. Die Verpackung für das Wort ist die Tonart, in der wir reden. Also der Ton macht die Musik. Denkt ihr. Ich will geradewegs zu einem Ja oder Nein kommen. Nur wer sich ständig in seiner Art, sich zu geben, zu reden, zu reagieren, auf andere einzugehen, kontrolliert, ist Herr der Situation. Nur die Bewusstheit führt zu dem Ziel, das wir uns persönlich gesetzt haben. Wie aber kommen wir mit dem Unbewussten zurecht? Wie reagieren wir auf Emotionen?

Die drehen dir die Chancen ab, hat Mayerhofer zu Schedler gesagt, als dieser sich nicht von dem Häuschen trennen wollte, das er in Gräfelfing gebaut hatte. Häuschenbauer sind für Weltfirmen ungeeignet. Als Bill kam, hat er ihm nur kalt ins Gesicht gesagt: Sie sind Häuschenformat, sonst nichts. In der Zentrale brauchen wir Weltformat. Sie Taschenformat, Sie. Mayerhofer blieb die Sprache weg. Aber Schedler nahm den Streich an. Schedler kommt nicht mit nach Paris. Hat ja auch nichts mit dem Vertrieb zu tun. Davon abgesehen, sein Taschenformat wäre für Paris zu klein gewesen. Mitarbeiter seines Niveaus neiden uns diese Reisen. Wir haben eine Chance voranzukommen. Hausgeförderte Mitarbeiter. Er hat seine Chance selbst beendet. Qualitäten zeigen sich in Fähigkeiten, immer wieder von vorne anfangen zu können. Sie holen uns in die Fortbildung wie Schulanfänger. Theorie für die Praxis. Wer nicht aufsteigt, fällt ab. Jedes Jahr einmal die Auffrischung. Kontakte, die andernfalls nicht zustande kämen. Sollen wir uns auch noch lieben? Bills Familiensinn. Unser Haus. Ich bin froh, wenn ich am Abend die Türe schließen kann. Vergiss nicht deinen Aufstieg, deine Verantwortung. Endlich rede ich mit. Die erste Stufe ist erreicht. Ich werde einige Zeit brauchen, um die nächste zu schaffen. Aber ich lasse nicht einfach über mich verfügen. Meinst du? Mir genügt, dass ich die Konzepte ausbreite und vorbereite, mit denen wir über die Käufer verfügen. Ich muss den Außendienstmitarbeitern die Zusammenhänge klar machen. Der Außendienst ist theorie und konzeptfeindlich, Sie müssen die Mitarbeiter über die Praxis erreichen. Lassen Sie die Kerle ihren Alltag erzählen, die Storys aus den Dorfgasthöfen, die Begegnungen mit der Drogistin aus Passau, trinken Sie mit ihnen. Ist schon gut, Bill, Sie haben Erfahrung. Amerikanischer Markt. Aber Ihr Süden ist nicht unserer Süden.

Gut, also Paris. War dran in der Reihe unserer europäischen Niederlassungen. Bekommen das Hotel jetzt natürlich zum Sonderpreis. Neue Werbekonzepte, Mitarbeiterschulung, Verkaufsorganisation. Das teure Management ist den New Yorkern teuer. Wir werden auf dem Laufenden gehalten. Neue Konzepte? Doch wieder Nostalgie. Elefanten aus Seife und Asterix Figuren als Flaschen für die Baby Bade Lotion. Warum füllen wir die Lotion nicht in eine Weichplastikflasche? Die für Damen. Sie müssten die Form eines Penis haben. Werde ich als Verbesserungsvorschlag einbringen. Wenn Roland Topor dem Mann in einer seiner Zeichnungen die Potenz so zum Kopf steigen lässt, dass der Penis die Gurgel durchbohrt und oben aus der platzenden Schädeldecke herausstößt, dann können wir doch einen weichen, sanft gefüllten, sanft sich anfühlenden Lotion Penis in unsere Kollektion aufnehmen. Und hier, gnädige Frau, die neueste Kreation, speziell für Sie. Die Verkäuferin klappt das Etui auf, und da liegt das Fläschchen. Die Dame wird nicht rot. Greift nach dem Dingsda und umfasst es mit den Fingern, prüft die Füllung.

Paris im Dezember. Zuerst einmal hinkommen. Als ich heute früh aus dem Fenster in die undurchdringliche Nebelsuppe sehe, ist die Katastrophe schon zu ahnen. Aber da im Verkehrsfunk keine Meldung über einen annullierten Flug kommt, finde ich mich pünktlich um 10 Uhr auf dem Flughafen ein. Verkehrsfunkglaube, Schlagermischgefühle, Stauglaube, Freie Fahrt Glaube. Du wirst auf die Straße gesetzt, funkgeleitet, sonntagszerplaudert. Wieder macht der Hauptabteilungsleiter selbst Dienst hinter dem Mikrofon. Er ist Journalist geblieben, einer der Macher. Seine Sendung, sein Programm. Plaudern und Katastrophen zu melden, macht Spaß. Ihm hörbar. Sonntagsnebelservice. Guten Morgen meine lieben Hörer, schon zum Fenster hinausgeschaut? Bei uns im Studio: Ich sehe nicht einmal den Turm der Brauerei vor dem Fenster. Ich hoffe, Sie fahren langsam, richten Sie Ihr Tempo entsprechend den Verkehrsverhältnissen ein. Ich richte gar nichts ein. Ich richte gar nichts aus, ich rechne mir die Enttäuschung aus. Fahrt durch den Nebel alles anders als erfreulich. Die Fröhlichkeit des Funksprechers. Gott sei Dank kein Lastwagenverkehr. Um 10.30 Uhr ist der Flug annulliert. Was hab ich vom Verkehrsfunk? Keine Staus, gestaute Wut. Soll ich mit dem Wagen nach Paris fahren? Bis Mitternacht wäre die Strecke zu schaffen. Verrückt. Bei dem Nebel. Fragen, ob eine andere Maschine fliegt, später. Das Mädchen am ABR Schalter sagt unwahrscheinlich, dass die Abendmaschine wegkommt. Fahren Sie mit der Bahn. Abfahrt: München Hauptbahnhof 13.58 Uhr, Ankunft Paris 23.11 Uhr. Was bleibt mir anderes übrig? Die New Yorker soll der Teufel holen. Tagung. Schulung. Die glauben immer noch, wir seien nicht schnell genug, nicht rigoros genug bei der Führung der Mitarbeiter.

Sie müssen sich immer vorsagen: wir sind kein öffentlicher Dienst, bei uns arbeiten keine Beamten auf Lebenszeit. Wer nichts bringt, geht. Das gilt für die Mädchen an den Verpackungsmaschinen wie für das höhere Management. Ich höre Bill immer noch reden. Wie der sich aufgeblasen hat auf der letzten Schulung. Sie alle sind Verkäufer. Wir wollen verkaufen, was denn sonst? Sie müssen die Frage Technik anwenden. Wir wollen Vertrauen gewinnen. Sie überreden nicht, sie motivieren. Motivationsintensität steigert den Verkaufserfolg. Wir müssen steigern, Sie müssen sich steigern, wir steigern uns von Erfolg zu Erfolg. Der Kauf der indonesischen Fabriken im letzten Jahr ist nicht das Ergebnis von Faulheit, sondern von Strategie und gewonnenem Vertrauen. Wir werden auch in Asien weiteres Vertrauen gewinnen, mit Ihnen. Bill suchte uns zu motivieren, er verkaufte uns das Verkaufen. Sind wir denn in den letzten Jahren Trottel gewesen? Natürlich nicht, wir haben doch die Erfolge gebracht. Hat er ja auch gesagt. Aber er hat uns unsicher gemacht. Aus uns ist noch mehr herauszuholen. Wie aus den Kunden. Wir hetzen den Kunden nach, Bill hetzt uns nach. Hoffentlich hat die Zentrale einen anderen nach Paris geschickt. Wenn die Tage wieder so vollgepackt sind, dass nicht einmal ein Vormittag zum Bummeln bleibt, dann werde ich streiken. Du wirst gar nichts sagen, du wirst still sein und mitmachen, weil du froh bist, dass du trotz der Rezession in München untergekommen bist, dass du im Werk München bleiben konntest. Du wirst dich schulen lassen, du wirst mitdiskutieren und zumindest den Eindruck des Interesses erwecken. Wir verkaufen Schönheit. Wir versprechen Schönheit, jeder Frau. Unsere Artikel haben alle Drogerien, Kaufhäuser, Selbstbedienungsläden des Kontinents erobert. Und jetzt die neuen Chancen in Asien. Wir sind immer auf der Spur des neuen Typs gewesen. Auch jetzt. Nicht mehr die ausgezehrten, blassen, hohlwangigen Mannequins. Man wird wieder Körper tragen, vorzeigen. Frische, kräftige Farben. Die neuen Modells sehen gesund aus. Unsere Girls sind kräftig, haben Busen. Mit den kannst du beinahe boxen. Die kommen dir entgegen mit offenen Haaren, zeigen, was sie haben. Sie können Männern ins Gesicht schauen. Mit denen wollen Männer ausgehen. Ihr Lachen färbt ab. Die Natürlichkeit dieser Jahre, Jean Shrimpton oder Claudia Schiffer. Aber auch sie werden hergerichtet für Zigarettenwerbung, für Harpers Bazar, vielleicht für unsere Artikel. Sie brauchen diesen zusätzlichen Hauch, den Schimmer des Lippenstifts auf ihren zu schmalen Lippen, das hingewehte Rot auf den Wangen. Ist schon gut. Jetzt aber die neunstündige Bahnfahrt vor mir.

Nebel in Augsburg, in Ulm und bis zur Steige. Plötzlich über der Alb ein wolkenloser Himmel und tief im Westen kochendes Gelb der Wintersonne. Zurückgeworfen von grauen Hausflächen. Vorbei an den Hintergärten der Nation, den bis knapp an den Bahnkörper reichenden Einfamilienhausgrundstücken. Rüben und Kohlköpfe aus der eigenen Ernte, und jede Nacht der Schnellzug mitten durch das Schlafzimmer. Rasch bricht nach Stuttgart die Nacht herein. In Ludwigsburg beginnt die Fahrt in die Finsternis. Nach Pforzheim noch fünfeinhalb Stunden zu fahren. Der Reiseplan, den mein Büro ausgearbeitet hat, sähe jetzt Paris vor. Ich habe mich auf einen Spaziergang durch die Sonntagsnachmittagsstraßen und ein langes Abendessen in einem bretonischen Restaurant gefreut. Der Zugkellner bietet Würstchen mit Senf und Limonade an.

Führungskräfte werden zentral geschult. Unsere Verpackungsmädchen und die Hilfskräfte an den Abfüllmaschinen werden nur einmal eingewiesen, dann beherrschen sie alle Handgriffe. Die können jetzt das Fußballspiel im Fernsehen genießen. Blöder Gedanke. Ich will gar kein Fußballspiel sehen.

Wir führen aus, was die New Yorker bestimmt haben. Ich werde verbessern. Ich werde die Pariser Tagung zum Forum der Verbesserungen umfunktionieren. Wir schulden uns die Verbesserung. Wir geloben Verbesserung. Wir müssen radikal werden, umkrempeln. Solidarisierung der Führungskräfte. Gegen? Gegen die Oberführung. Nein, ich werde zuhören, mitmachen, Lernbereitschaft zeigen, Teamgeist. Wir haben noch eine Chance trotz des mörderischen Wettbewerbs. Was heißt mörderisch? In diesem Jahr wäre eine Prämie fällig gewesen. Aber die stifte ich wohl als Beitrag zur Wiedergewinnung der Stabilität, der Marktführung. Wenn wir nicht so groß wären, müssten wir den Markt nicht führen. Wir werden doch von Amerika aus geführt. Und das jetzt beim Verfall des Dollars. Eine solche Fahrt in den Keller haben wir noch nicht erlebt.

Wenn ich mit dem Flugzeug nach Paris gekommen wäre, müsste ich mir jetzt nicht diese Gedanken machen, sondern könnte bei einer Flasche jungen Beaujolais auf den morgigen Tag warten. So aber fahre ich weiter und weiß nicht einmal, wo wir uns gerade befinden. Ich habe noch drei Stunden Fahrt vor mir und stehe vor der Alternative, die vorbereiteten Papiere aus dem Koffer zu nehmen oder weiter unsinnige Kopfkritik zu betreiben.

Wir fahren in Straßburg ein. Kurzer Aufenthalt. Der französische Schaffner, der nach Straßburg einen Zuschlag kassiert, bewahrt mich vor der Entscheidung oder schiebt sie so auf, dass nun keine der Alternativen zum Zuge kommt.

Nach der Ankunft auf der Gare de l´Est nimmt die Fahrt zum Hotel Suffren La Tour nur eine Viertelstunde Zeit in Anspruch. Am Sonntag, um Mitternacht, sind die sonst überfüllten Straßen beinahe leer. Stille. Leere auch im Hotel. Das Zimmer ganz in Ordnung. Orange im Bad. Plastikwände. Ein herausziehbares Bidet orange unter dem Waschbecken. Vier Stehlampen. Japanisches Management. Fernseher. Eine Zimmerbar, die so funktioniert, dass man auf den Knopf für ein bestimmtes Fach drückt, das dann den Whiskey oder Sherry auswirft. Gleichzeitig notiert eine elektronische Verbindung an der Kasse unten beim Empfang den Verbrauch. Wie beim Telefonieren. Datenerfassung. Alle Daten wandern in Speicher. Werden bei Bedarf herausgeholt. Gespeicherte Menschen. Das Zimmer überheizt. Ich muss das Fenster öffnen und den Ventilo Convecteur auf Arrêt stellen, um schlafen zu können. Die lange Bahnfahrt hat mich ermüdet. Die Nacht wird kurz sein. Morgen die Jahresversammlung, das Jahresschulungsmeeting, die Auffrischung der Theorie. Ob die Kollegen alle schon angekommen sind? Wir mieten immer für die ganze Crew. Kommt billiger. Allerdings steigen einige Individualisten anderswo ab. Das schafft Ärger bei der Geschäftsleitung. Ausderreihetanzen wird nicht gerne gesehen. Schließlich sind wir eine große Familie, die Zusammengehörigkeit demonstrieren muss, hat Bill gesagt. Die Familie lässt sich auffrischen, holt die Theorie nach, die jeder von uns längst durch die Praxis überwunden hat.

Ich entwickle meine Konzepte. Wird doch von mir verlangt. Neben dem Teamwork. Wenn ich keine Ideen mehr habe. Arbeitsteilung nur so lange, bis die Kreativitätsstolperstufe in deinem Hirn zu wirken beginnt. Ich stoße an mich an. Ich stoße an die Fläche vor. Ich sehe die Fläche. Plätze sind schon besetzt. Wir bauen in die Nischen. Der Kampf gegen die französische Parfumindustrie. Die Duty free Produzenten als Gegner. Sollten uns nicht interessieren. Wie aber gelingt der Sprung in die höheren Etagen? Hausfrauenimage abbauen. Im Rahmen des Spitzenverbandes der französischen Parfümerie und Schönheitsmittelindustrie werden sich die Produzenten der bekannten Luxusparfummarken zur Interessengemeinschaft Prestige de la Parfumerie Française zusammenschließen. Haben die Angst vor uns? Strategisches Ziel der Interessengemeinschaft: die Bundesrepublik. Gemeinsame Marktaktivitäten. Groupement der Firmen Chanel, Desprez, Dior, Guerlain, Hèrmes, Guy Laroche, Lanvin, Nina Ricci, Patou, Paco Rabanne, Rochas, Roger u. Gallet, Van Cleef und Arpels. Da ist die Elite der Duftmischer beisammen. Verstärkung der Positionen auf dem deutschen Markt. Warum deutscher Markt? Klar. Weil dort die französischen Marken einem besonders starken Wettbewerb aus den USA ausgesetzt sind. Wir halten die Position. Haben nicht zum Spaß jahrelang darum gekämpft. Vor zwanzig Jahren waren die Franzosen Monopolisten auf dem deutschen Markt. Haben denen die Luft aus den Zerstäubern geholt. Unsere aggressiven Methoden. Haben den Markt erweitert. Immer breitere Bevölkerungsschichten erreicht. Wege geebnet für die Franzosen? Deren Marketing prüfen. Abendgespräche in Paris. Imagepflege auf dem deutschen Markt unterlaufen. Markterweiterung wohin? Cremes für die von den Fabrikbändern, von den Montagearbeiten, auf den Akkordplätzen geschundenen Hände. Haben wir die Düfte demokratisiert? Kommen ohne den Mittelstand aus. Massenproduktion Garantie für den Erfolg. Leben die Kleinen noch gut von der Exklusivität? Warum dann die Interessengemeinschaft? Frankreichs Parfumindustrie peilt für dieses Jahr einen gigantischen Gesamtumsatz an. Jährliche Exportzunahme 15 Prozent. Parfums, Haarpflegemittel und Toilettenartikel jedoch erreichen in Deutschland eine Steigerungsrate von 17 Prozent. Also überproportional der Export in die Bundesrepublik. Wir müssen uns ranhalten. Um ein Kilo Jasminöl zu gewinnen, braucht man 720 Kilo Jasminblüten. Ein Kilo Jasminblüten, das sind rund 10000 Blütenblätter. Warum Jasmin? In Grasse sammeln 20000 Menschen jährlich vier Millionen Kilogramm Blüten und Duftpflanzen. Was ist das gegen die Importe? 1893 der synthetische Veilchenduft. Aldehyd Chemie. Parfums Christian Dior stellte täglich 530 verschiedene Erzeugnisse in einer Auflage von 120000 Einheiten her. Zu viele verschiedene Erzeugnisse. Hèrmes komplettierte Parfums durch Badeserie. Seit Langem unser Konzept. 1974 der zu gute Start von Rabannes Pour Homme in den USA, hatte die New Yorker irritiert. Sehe die leere Fläche vor mir, ohne die Flakons der Konkurrenten.