Rückkehr der Träume - Ursula Maria Wartmann - E-Book

Rückkehr der Träume E-Book

Ursula Maria Wartmann

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Beschreibung

Nach dreißig Jahren kehrt Rena an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück, in eine Kleingartenkolonie am Stadtrand von Hamburg. Grund für ihre lange Abwesenheit ist ein traumatisches Erlebnis, dem sie sich am Ort des Geschehens stellen muss, um endlich frei zu werden. Der Schlüssel dazu ist die fromme und sittenstrenge Mutter, die ihre Tochter stets voller Misstrauen überwachte. Während Rena im Haus einer Nachbarin den geeigneten Moment für ein Wiedersehen abwartet, durchlebt sie in der Erinnerung nochmals die vergangenen Jahrzehnte: wie ihre Mutter beschließt, den "Jugendsünden" ihrer Tochter ein Ende zu setzen; die folgende Krise, aus der sie sich erst nach jahrelangem Kampf und mit der Unterstützung von Freundinnen befreit. Schließlich lässt sich die direkte Konfrontation mit der Mutter nicht mehr aufschieben. Nach Die Angst der Kaninchen zeigt Ursula Maria Wartmann in Die Rückkehr der Träume erneut, wie differenziert sie menschliche Abgründe ausloten und Themen wie Hass und Liebe in neue, brillante Sprachbilder packen kann.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2015

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© Querverlag GmbH, Berlin 2004

Erste Auflage September 2004

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Fotografie von Anja Müller.

ISBN 978-3-89656-588-4

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH, Akazienstraße 25, D-10823 Berlin

http://www.querverlag.de

Wirf deine Angst

in die Luft

Bald

ist deine Zeit um

bald

wächst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine Träume

ins Nirgends

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

Sei was du bist

Gib was du hast

Rose Ausländer

Für Maria Franziska Storp

geboren am 20.8.1898,

gestorben 3.6.1974

in Oberhausen-Osterfeld

TEIL I

Rückkehr

Der Tag, an dem ich zurückkomme, ist ein sonniger Julitag. Die Stockrosen stehen in Blüte, Bienen taumeln durch die erschlaffenden Kelche des Fingerhuts, und links von dem flachen Haus steht wie immer ein kräftiger Tupfer orangefarbener Ringelblumen. Die Hundehütte ist verschwunden. Auf der Rasenfläche liegt ein Haufen Holz herum, das von Anton zu Brennholz verarbeitet werden wird, jedenfalls war das früher so. Ausrangierte Paletten, Regalböden, sperriges Zeug, das wahrscheinlich zu einem Schrank gehörte.

Anton kam mir früher schon alt vor, aber als ich mich jetzt so umsehe, deuten einige Zeichen darauf hin, dass es ihn noch gibt. Ein fleckiger Overall, der an einem Nagel der geöffneten Schuppentür hängt. Das aufgeregte Gackern der Hühner hinter der Hecke. Der Handkarren, mit dem er schon früher zum Sperrholzsammeln loszog. Sein uralter Fiat 500, mit dem er mich damals zu der Schwester meiner Mutter geschafft hat, abgefahrene Sommerreifen im Schneeregen, die Heizung funktionierte nicht, sieben Stunden von Hamburg nach Frankfurt; sieben Stunden ohne ein Wort und nur seine langen, verfrorenen Finger am Steuer.

In Frankfurt parkte er den Fiat vor einem hell erleuchteten Gardinenfachgeschäft, blies sich in die Hände und sah mich nicht an, während die Worte in weißen Rauchwolken aus seinem Mund trieben. „Deine Mutter hat es nur gut gemeint“, sagte Anton; danach füllte wieder das Schweigen den Raum zwischen uns.

Sie haben eines dieser weißen Partyzelte auf die Terrasse gestellt, das ist neu, jetzt können sie auch bei Regen aus dem Haus treten, ohne gleich nass zu werden. Es regnet oft hier im Norden, sagt man, ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Früher habe ich es nicht so empfunden, die Sommer waren, wie sie sein sollen, aber vielleicht täuscht einen ja die Erinnerung im Nachhinein wie so vieles andere auch.

Ich höre ihr Husten, bevor ich sie sehe. Sie sitzt unter dem Partyzelt. Sie hat die dürren, nackten Beine in dieser typischen Haltung übereinander geschlagen und den rechten Fuß hinter der linken Wade verknotet. Ihre Füße stecken in Frotteepantoffeln, und ihr Rücken ist über einem Päckchen Tabak gekrümmt, aus dem sie sich ihre Tagesration stopfen wird. Es ist noch früh, erst gegen neun, sie trägt wegen der Hitze einen weiten, luftigen Baumwollkittel. Sie ist beinahe siebzig Jahre alt, und sie ist meine Mutter.

Sie ist so alt geworden, dass vor Erschütterung mein Herz zu hämmern beginnt. Auf der Straße hätte ich meine Mutter nicht erkannt. Ich taste an meinem Hals nach der schmalen Kette und greife nach dem Anhänger. Ich krampfe meine Hand um das schmale, glatte, silberne D und versuche, wieder ruhiger zu atmen. Ich frage mich, was ich sonst noch fühle, als ich sie so da sitzen sehe. Ich stehe hinter dem Birnbaum, kratze mit den Nägeln durch die Rinde, bis es wehtut, und fühle in mich hinein. Ich bemerke eigentlich nur, dass der Tisch, an dem sie sitzt, derselbe ist wie vor dreißig Jahren, nur dass die hellblaue Farbe jetzt auch schon an den Beinen abgeblättert ist.

Jemand, wahrscheinlich Anton, hat zwischen zwei der Tischbeine eine rohe Holzlatte genagelt, eine Querverstrebung, viel mehr als Provisorien hat er nie hingekriegt. Der Tisch hat schon immer gewackelt, damals schon, als ich dreizehn war und nachmittags mit Angie dort saß und mich nicht traute, ihr zu sagen, wie sehr ich verliebt in sie war.

Heute ist das einfacher, überhaupt wäre das alles heute so nicht passiert, aber damals glaubten sie, sie müssten mir eine Lektion erteilen. Das Einzige, was ich heute noch von meiner Mutter will, ist, dass sie mir sagt, warum sie das damals gemacht hat. Ich will, dass sie mir Erklärungen gibt, die mich zufrieden stellen. Ich will ihr sagen, wo Daniel ist, wo man ihn damals hingebracht hat, will ihr von dem Grabstein erzählen, mit seinem Namen darauf. Nach über dreißig Jahren bin ich zurückgekommen. Ich gönne ihnen gerne den Triumph, dass sie glauben, ich krieche zu Kreuze.

Ich bin jetzt fast fünfzig, und ich hasse sie immer noch. Sie ist alt geworden, und sie wird noch älter werden. Sie gehört zu der Sorte Frauen, deren Gesichter ledrig sind, trocken vor Bitterkeit, doch hinter den schlaffen Brüsten tickt ihr Herz im rastlosen Takt einer bösen Neugier, die sie am Leben erhält: dem Wunsch, zu sehen, was aus den Trümmern der Menschen wird, an deren Zerstörung sie Anteil hatten.

Sonntags, in der Kirche, ihre dünne Stimme beim Singen der Kirchenlieder. Ich trug weiße Söckchen und Lackschuhe, ihr Atem roch nach Pfefferminz und Nikotin. Ihre bleiche Zunge, wenn sie aus der Hand des Kaplans die Hostie erhielt, flatternde Augen­lider, ihr hastiges Kreuzzeichen. Ich war vierzehn damals, ich war in Angie verliebt, Vater war schon gestorben, und Anton wartete hinten im Kirchenschiff. Anton, der Pole, der nach dem Tod meines Vaters wie aus dem Nichts erschienen war, der Brennholz herangeschafft und die Hecken geschnitten, einen Hühnerstall gebaut hatte und schließlich geblieben war.

Er stand stocksteif hinten unter der Orgel. Er drehte Vaters schwarzen Hut mit der breiten Krempe in der Hand; er bewegte beim Vaterunser leise die Lippen, und wenn ich verstohlen zu ihm hinübersah, wandte er den Blick ab, als hätte ich ihn bei etwas ertappt. Er reihte sich Sonntag für Sonntag als einer der Letzten zum Kommuniongang ein. Er kniete vor dem Priester nieder und schlug danach umständlich das Kreuzzeichen, mit so ausholenden, großartigen Bewegungen, dass ich mir das Lachen verkneifen musste, wenn er mit steinernem Gesicht und gefalteten Händen an unserer Bank vorbei zurück zu dem Platz unter der Orgel schritt.

Später, wenn wir nach Hause liefen, erst die vierspurige Straße entlang, dann ein Stück durch den Wald und schließlich den langen, holprigen Weg durch die Lauben bis zu unserem Haus, hatte er den Hut in die Stirn gedrückt und die knochigen Schultern nach oben gezogen. Er sagte nicht viel, er ging ein paar Schritte vor uns her, und Mutter und ich gingen in gebührendem Abstand hinter ihm, denn alles andere hätte sich vor den Leuten nicht gehört.

Ich sehe auf die Uhr. Wenn alles ist wie damals – und nichts deutet darauf hin, dass es anders ist –, wird Hilda Bernstein, die Nachbarin von schräg gegenüber, auf der Terrasse hinter dem Haus beim Frühstück sitzen. Vor drei Wochen habe ich von Frankfurt aus bei ihr angerufen, um zu überprüfen, ob es sie noch gibt.

Auch sie gibt es noch, meine liebe, alte Hilda. Und seltsamerweise klingt ihre Stimme genauso wie vor einer halben Ewigkeit: laut und lebhaft, als wäre sie höchstens dreißig und nicht schon knapp über siebzig. Als ich in den Hörer sagte: „Oh, bitte entschuldigen Sie, ich habe die falsche Nummer gewählt“, hörte ich ihr warmes, dröhnendes Lachen und die Versicherung, dass das nicht weiter tragisch sei. Sie wird erstaunt sein, mich gleich zu sehen, aber sie wird mich hereinbitten.

Ich denke, dass meine Rechnung aufgeht und ich eine Zeit lang bei ihr wohnen kann. Hilda hat mich immer gemocht. Es gab eine Zeit, da war ich mehr bei ihr als bei Mutter; da habe ich praktisch bei ihr gewohnt. Mutter bestand darauf, dass ich zumindest nachts in meinem Zimmer schlief. Hildas Zwillinge, Klaus und Kurt, waren gut zwei Jahre älter als ich, sie waren langsam in dem Alter, und wer wusste, was da nachts nicht so alles hätte passieren können.

Doch es passierte auch so – am helllichten Tag.

Meine Mutter hat inzwischen ihre Tagesration Zigaretten fertig gestopft, streift mit einer nachlässigen Bewegung die Frotteepantoffeln von den Füßen und lehnt sich in ihrem Sessel zurück. Ihre müden Oberarme hängen wie Lappen, als sie die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ihre blassen Achselhöhlen sind nackt. Ihre Augenlider flattern. Eine riesige lärmende Verkehrsmaschine verdunkelt für Sekunden die Sonne: Eine Boeing der British Airways ist auf dem Flughafen kaum fünf Minuten von hier gestartet. Meine Mutter schaut der Maschine mit gerecktem Hals und wütend zusammengekniffenen Lippen nach und nimmt die Arme nach vorne. Ich lasse noch einen Moment meine Hand auf dem Stamm des Birnbaums liegen, dann drehe ich mich um und schleiche davon wie ein Dieb.

Ich blicke auf mein Handy, um zu sehen, ob Marga mir eine Nachricht geschickt hat. Marga ist vor zwei Tagen nach Buenos Aires geflogen; sie will auf Dauer in Südamerika bleiben. Unser Plan ist, dass ich nachkomme, wenn ich das hier erledigt habe. Möglich, dass ich vorher noch ein paar Tage zu Joan nach Irland fliege; ich kenne sie seit dem Kunstgeschichte-Studium in Frankfurt. Lust dazu hätte ich jedenfalls, und solange ich noch in Europa bin, sollte ich das ausnutzen.

Marga ist Biologin, Hepatitis-B-Forscherin; die Universität von Buenos Aires hat ihr einen gut bezahlten Job angeboten. In Frankfurt war sie über ein Jahr arbeitslos; also hat sie sofort zugegriffen. Sie spricht fließend Spanisch, ihr Großvater kam aus Barcelona, und ihre Eltern haben sie zweisprachig erzogen.

Unsere Wohnung im Frankfurter Westend haben zwei Studentinnen gemietet. Unsere Möbel, den Hausrat, Margas Cello und unsere privaten Dinge haben wir in einem Container untergebracht und verschifft. Wenn ich ankomme, wird auch der Container längst eingetroffen sein. Den größten Platz nehmen ohnehin Margas Sachen ein. Zwei Koffer von mir, mit Fotos, Briefen, meinem Tagebuch, einige Bilder, an denen ich hänge, der alte Sekretär – das Einzige, was ich von Karen behalten wollte. Das ist alles, was im Bauch eines Frachtschiffes durch die Dünung nach Argentinien reist. Das ist alles, was ich besitze.

Marga hofft, dass der Abstand uns gut tun wird – wir sind jetzt acht Jahre zusammen. Ich glaube nicht wirklich daran. Aber ich bin entschlossen, mir Mühe zu geben, zumindest bilde ich mir das ein, denn ich will glauben, dass Abstand gut tut, wenn die Nähe unerträglich geworden, der Wunsch danach aber weiter lebendig ist. Irgendwo muss man anfangen, auch wenn man nicht sicher ist, ob der erste Schritt in die richtige Richtung geht. Wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln, ob es überhaupt mit uns weitergeht. Aber immerhin war es Marga, die auf mich einredete, nach Hamburg zurückzufahren, mich dem zu stellen, was mich Jahrzehnte hindurch gequält und porös gemacht hat wie einen ausgewaschenen Stein.

Vor einem halben Jahr waren meine Alpträume schlimmer geworden. Ich schrie nachts im Schlaf, obwohl ich die Medikamente höher dosierte, und ich hatte Angst, wieder für länger in einer Klinik verschwinden zu müssen.

„Du musst deinen Frieden mit deiner Mutter machen“, hatte Marga gesagt und ein Lächeln hervorgezaubert, das gleichzeitig Milde und Strenge signalisieren sollte. Es kam mir vor, als säße mir Dr. Freitag in der Therapiestunde gegenüber. „Versuch es. Lass es zumindest nicht unversucht! Du wirst es bereuen, wenn du demnächst in Buenos Aires sitzt und nichts unternommen hast. Du schleppst den ganzen Kram mit über den großen Teich. Dann sitzt du da. Und so eben mal fliegst du garantiert nicht zurück!“

Als sicher war, dass sie den Job an der Universität von Buenos Aires bekommen und ich meiner Bank kündigen und nachkommen würde, verstand ich, dass ich, wenn ich es überhaupt tun wollte, es jetzt tun musste. Wenn ich erst einmal am anderen Ende der Welt angekommen war, würde ich wahrscheinlich wirklich so bald nicht mehr zurückkehren. Wozu auch?

Frieden machen. Natürlich, ich weiß, dass das gut wäre, ich weiß sogar, wie gut das wäre,doch noch während ich Marga in die Augen sah und zustimmend nickte, dachte ich, dass ich nicht verzeihen würde. Meine Mutter verdient keine Gnade. Sie hat mich nie geliebt; Kinder spüren, wenn sie geliebt werden. Und wenn sie nicht geliebt werden, spüren sie es selbstverständlich auch. Ich hasse meine Mutter dafür, dass ich zurückgekommen bin. Ich hasse sie für das, was sie mich zu tun zwingt. Ich bereue schon in diesem Moment, was ich noch gar nicht getan habe, und werde es dennoch tun.

Ich habe meinen Peugeot auf dem Waldparkplatz abgestellt. Er ist bis unters Dach beladen: Bücher, einige Koffer mit Kleinkram und Kleidung für den Sommer und den kommenden Herbst, meine Medikamente. Alles andere ist in dem Container nach Argentinien unterwegs. Meinen Laptop habe ich natürlich dabei; ich werde fürs Erste nur über mein Handy oder per E-Mail zu erreichen sein. Den roten Plüschhasen, den meine Tante damals bei meiner Ankunft in ihrer Frankfurter Wohnung auf mein Bett gesetzt hatte, habe ich ebenfalls mitgenommen.

Ich habe gespart; das Geld wird für einige Monate reichen. Wenn ich hier fertig bin, werde ich weitersehen. Joan bietet mit seit Jahren an, zu ihr nach Irland zu kommen, egal wie lange, es sei genug Platz da, versichert sie immer wieder. Seit dem Tod ihres Mannes fühlt sie sich sehr allein.

Marga ist einverstanden. Für sie ist es in Ordnung, dass ich möglicherweise erst im Herbst nachkomme. Sie braucht ohnehin Zeit, um sich einzuarbeiten. Sie reizt, auch wenn sie es nie zugeben würde, natürlich auch der Gedanke, die Wohnung allein einzurichten. Wir hatten immer schon Streit, wenn wir das gemeinsam versuchten. Käme ich erst im Herbst, hätte sie Tatsachen geschaffen, die ich nur schwer würde rückgängig machen können. Marga mag es, unverrückbare Tatsachen zu schaffen.

Es gab eine Zeit, da habe ich mich damit wohl gefühlt.

Hildas Tätowierung

Es sind kaum fünf Minuten von dem Parkplatz bis hierher und etwa zwanzig bis zu der Kirche, in die wir sonntags immer gingen. Die Kleingartenanlage, in der ich aufgewachsen bin, liegt genau zwischen dem Wald und einem Stadtteil, der früher öde und vernachlässigt war. Heute steht hier ein riesiges Einkaufszentrum, es gibt Kneipen und ein Multiplex-Kino. Junge Bäume in der Fußgängerzone mit weichen, fedrigen Zweigen. Blau gestrichene Bänke, fast alle mit Graffiti besprüht. Das Gewerbegebiet auf der anderen Seite des Waldes nicht weit vom Flughafen hat sich beinahe verdoppelt.

Am Südzipfel der Gartenkolonie ist ein Neubaugebiet entstanden. Winzige Reihenhäuser aus Backstein mit handtuchgroßen Vorgärten. Ziersträucher, Rosen. Jemand hat einen kleinen Teich angelegt. Beinahe identische Scheibengardinen vor den Küchenfenstern, hier und da eine Kinderkarre vor der Haustür, ein Sandkasten, Tonnen für den Bio-Müll. Hildas Haus gleicht dank der Erbschaft noch am ehesten solchen Häusern, auch wenn es mitten in der Kleingartenkolonie steht: ein Spitzdach mit roten Dachpfannen, weißer Putz, solide Fenster, mehrfachverglast gegen den Fluglärm. Eine neue Satellitenschüssel.

Links neben das Haus hat jemand einen viel zu großen Carport gebaut. Ein neuer knallroter Mini mit einem Wimpel im Heckfenster steht neben ein paar rostigen Gartengeräten und einem Benzinrasenmäher. Ich grinse, als ich mir den Wimpel genauer ansehe: FC St. Pauli. Ich würde jede Wette eingehen, dass Hilda den Mini fährt und dass sie nach wie vor Verwarnungen wegen zu schnellen Fahrens kassiert. Stark anzunehmen, dass sie noch immer ihren Charme spielen lässt, wenn ein Polizist sie anhält. Genutzt hat es ihr nie etwas, aber sie hat es immerhin versucht.

Hilda war immer großzügig, erst recht nach der Erbschaft, nur zu ihren Söhnen nicht, die hielt sie nach wie vor kurz. Hilda hätte damals genug Geld gehabt, um hier wegzuziehen, aber sie wollte bleiben. Sie hat auch ihren Bürojob bei einem Autohaus weitergemacht, sie konnte es sich aber leisten, auf eine halbe Stelle herunterzugehen.

Hilda war einige Jahre nach dem Krieg hierher gekommen, nachdem ihr Mann sie und die Zwillinge verlassen hatte, wegen einer anderen, hat sie meiner Mutter später erzählt, und meine Mutter war entsetzt.

„So etwas wäre bei uns nicht möglich gewesen“, hat Mutter gesagt. „Bis dass der Tod euch scheidet!“ hat Mutter Hilda erklärt, schneidend und kategorisch. „Wir Katholiken nehmen das ernst, in guten wie in schlechten Tagen“, hat meine Mutter auch noch gesagt und mitleidig ausgesehen. Hilda war evangelisch, und so war es eben passiert, dass sie da saß mit den Kindern.

Hilda hat sich natürlich nicht unterkriegen lassen. Sie hat sich an diesem Ort eingerichtet – zwischen windschiefen Häuschen und Lauben, die man seit der Zeit nach dem Krieg „Behelfsheime“ nennt und von denen über Jahrzehnte die meisten Provisorien geblieben sind.

Viele Leute hier heizen noch immer mit Holz; der Anblick vor Mutters Haus weist darauf hin, dass das auch bei ihr so geblieben ist. Die Winter meiner Kindheit waren hart in der Kolonie und sind es wahrscheinlich noch. Die Häuser sind schlecht isoliert und zusammengeflickt, rissige Teerpappe modert auf den Dächern der muffigen, engen Zimmer. Grauer Kitt bröckelt aus den Fensterrahmen, in den Dachrinnen nistet schwarzes, feuchtes Moos.

Meist war ich den ganzen Winter hindurch erkältet.

Hilda kochte für mich, Mutter und Anton oft mit und brachte nachmittags, wenn Mutter von der Arbeit zurück war, das Essen vorbei. Sie nahm nie Geld dafür, früher nicht und nach ihrer Erbschaft erst recht nicht. Sie hat mich auch zum Fußball mitgenommen, ich saß zwischen ihr und Klaus und Kurt. Klaus stotterte vor Aufregung, wenn St. Pauli ein Tor schoss, während Kurt mit versteinertem Gesicht an den Fransen seines Schals nagte und mit den Füßen wippte, als hätte jemand eine Feder in ihm aufgezogen.

Die pfenniggroßen Feuermale der Zwillinge glühten dicht neben den runden, weichen Nasenflügeln, und Hilda ließ den Verschluss einer Bierflasche aufschnappen. Sie drückte uns Kindern ein Päckchen Sunkist in die Hand und brach mir vor Begeisterung fast die Rippen, wenn sie mich umarmte, weil wieder ein Tor geschossen worden war.

Auf ihrem rechten Unterarm glühte die Tätowierung: ein flammendes rotes Herz mit dem Namen Maria, beinahe handtellergroß. Die Tätowierung war die Bedingung für die Erbschaft eines steinalten, listigen Onkels, Onkel Bruno, gewesen, dessen Frau längst tot war. Sein einziger Sohn war in Frankreich gefallen.

Die große Liebe von Onkel Bruno war in den dreißiger Jahren eine gewisse Maria gewesen; er selbst hatte die gleiche Tätowierung auf dem rechten Unterarm gehabt und zeigte sie bis zu seinem Tod oft und gerne her.

Keine Erbschaft ohne Tätowierung, so viel war klar, als der Onkel seine Stunde kommen sah und seine Lieblingsnichte an sein Sterbebett rief. Irgendwer musste das Andenken an Maria weitertragen – wie das olympische Feuer, hatte Onkel Bruno verlangt, wie das olympische Feuer, das auch nie erlischt.

Für Hilda keine Frage. Für Geld machte sie eine ganze Menge. Und dann hatte sie den Onkel schließlich gemocht. Für den Job im Autohaus, wo Wert auf korrektes Aussehen gelegt wurde, gab es langärmlige Blusen, und zu Hause im Garten, mein Gott, wer die Tätowierung nicht mochte, brauchte schließlich nicht hinzugucken.

Meine Mutter sah es nicht gern, wenn Hilda mich einlud, zum Fußball, zur Limo, manchmal auch ins Kino, vielleicht, weil sie selbst es finanziell nicht gekonnt hätte. Aber ich glaube, sie mochte auch Hilda nicht wirklich, erst recht nicht nach der Erbschaft und der Sache mit der Tätowierung, die meine Mutter geradezu skandalös fand. Aber Mutter war arm, und ihr Mann war gestorben; die Witwenrente und meine Waisenrente reichten nicht aus. Große Sprünge waren nicht drin, und so machte sie böse Miene zum guten Spiel. Sie missbilligte auch, selbst wenn sie es nie direkt ansprach, dass Hilda protestantisch war; Andersgläubige tolerierte meine Mutter nur, wenn es gar nicht zu umgehen war.

Für gewöhnlich hatte sie keinen Kontakt zu Menschen, die nicht katholisch waren, zumindest keinen privaten Kontakt. Ihr gesellschaftlicher Umgang beschränkte sich auf die Leute aus der Pfarrei, in die sie selbst schon hineingeboren worden war: St. Johannes. Eine alte Backsteinkirche, die den Bombenhagel fast unbeschadet überstanden hatte, das Gemeindehaus, dessen Dach Ende der Sechziger neu eingedeckt wurde: Mutter hatte damals dafür gesammelt, sie war von Haus zu Haus gegangen, und für den Adventsbasar hatte sie unzählige Socken gestrickt, um das Geld für das Dach zusammenzukriegen. Es hat trotzdem lange gedauert, bis es so weit war. Die Gemeinde war nicht groß, überhaupt waren Katholiken im Vergleich zu den Protestanten deutlich in der Minderheit, was bis heute so geblieben ist.

Mutter litt darunter, dass Hamburg eine Art Diaspora war, doch daran war nichts zu ändern. Es machte sie nervös, und ich glaube, es machte ihr Angst. Sie glaubte wirklich, dass nur dort, wo Wasser in Blut und Brot in den Leib Christi verwandelt wurde, die Wahrheit zu finden war, und sie war erleichtert, dass später, nach dem Tod meines leichtfertigen Vaters, Anton diesen Glauben mit ihr teilte.

Anton brachte jeweils am Ersten des Monats etwas Geld für die Miete vorbei, fünfzehn Mark waren es. Anton lebte in einem winzigen Anbau hinter dem Haus, den mein Vater innen schon zur Hälfte mit Holz verkleidet hatte. Er hatte die Idee gehabt, dort eine Art Bar einzurichten, mit Tresen und Barhockern und einem Regal für die Flaschen und allem Drum und Dran. Meine Mutter hatte vergeblich versucht, ihm das auszureden, es hatte lange Streit darum gegeben. Aber mein Vater hatte sich durchgesetzt und war mit der zweiten Wand gerade fertig, als er vor den Elbbrücken ins Schleudern kam.

Anton vertäfelte den Rest. Er organisierte eine Matratze, fand beim Sperrmüll zwei Cocktailsessel und einen Nierentisch, hängte Vaters Kleider an einen Haken neben der Tür und brachte von da an am Ersten des Monats fünfzehn Mark vorbei.

Meine Mutter legte Wert darauf, dass die Leute dies wussten.

Sie arbeitete seit Vaters Tod im Keller des Hafenkrankenhauses in der Spülküche. Sie hatte es schnell zur Vorarbeiterin gebracht, und Hilda klopfte abends oft an unsere Tür und brachte uns Essen vorbei. Anton nickte ihr zu, sein Adamsapfel hüpfte, er brachte Worte in diesem harten, kratzenden Akzent hervor, und Hilda lachte, und Anton machte sich über sein Essen her.

Mutter wischte seufzend mit einem Lappen über den Tisch und sagte: „Nun wartet doch wenigstens, bis das Tischgebet gesprochen ist“, und Anton und ich senkten verlegen den Blick auf unsere Hände, während uns der Duft von scharfem braunen Fleisch in die Nase stieg und Hilda mit einem schiefen Grinsen machte, dass sie aus der Tür kam, zurück zu ihren protestantischen Zwillingen ins Haus gegenüber.

Das Hafenkrankenhaus lag nicht weit vom Hamburger Michel entfernt, ein paar Minuten nur zu Fuß. Manchmal, wenn wir Ferien hatten, holte ich Mutter von der Arbeit ab. Ich war immer wenigstens eine Stunde zu früh. Bei schlechtem Wetter ging ich in den Michel, bewunderte die überbordende barocke Pracht des Kircheninneren und entdeckte jedes Mal aufs Neue Dinge, die mir bisher entgangen waren.

Bei gutem Wetter ging ich zum Stintfang, einer kleinen Anhöhe oberhalb der Landungsbrücken, setzte mich auf eine der niedrigen Begrenzungsmauern und sah auf den Hafen herunter, wo riesige, behäbige Frachter in den Docks lagen, fremde Flaggen an Deck, seltsame Schriftzüge am Bug.

Schlepper tanzten auf den Wellen, ein tiefes Tuten lag über den Hafenbecken, Barkassen legten im milden Licht des Nachmittags ab. Das Lachen einiger Touristen, das heisere Rufen der Möwen im Wind; ich hatte immer etwas Brot dabei. Ich warf das Brot in den Wind, und die Möwen schossen wie Pfeile heran und schrien und rissen ihre Schnäbel weit auf und waren verschwunden, sobald ich ihnen die letzten Krümel zugeworfen hatte.

Friedliche Absichten

Ich hole tief Luft und versuche, mich zu konzentrieren. Zu Hause in Frankfurt habe ich mich vorbereitet. Ich habe im Spiegel ein souveränes Lächeln einstudiert, das Hilda davon überzeugen soll, dass ich in friedlicher Absicht komme.

Hilda reißt die Tür genauso schwungvoll auf wie vor über dreißig Jahren, bereit zu lächeln, wer auch immer da draußen stehen mag. Sie hält eine halb aufgerauchte Zigarette in der Hand. Weite Shorts, die ihr fast bis an die Wade reichen. Ein rosafarbenes Trägerhemd, auf das ein paar Dutzend winziger, funkelnde Steine genäht sind. Lippenstiftmund so rot wie die Tätowierung, die Farbe sitzt in den feinen Falten über der Oberlippe.

Hilda ist dünn geworden; man sieht, dass sie die siebzig überschritten hat. Sie hat ihr Haar rot gefärbt, die Dauerwelle ist schon lange herausgewachsen. An ihrem faltigen Unterarm knittert das Herz, handtellergroß, Maria, ihre Ohrläppchen sind lang geworden. Wie eh und je schaukeln in den Ohrlöchern zwei billige Ohrringe aus Strass.

„Hallo. Hallo … äh … Hilda“, sage ich.

Ich habe einen Kloß im Hals, denn ich erinnere mich, wie sehr ich an ihr gehangen habe. Ich fließe über vor Mitleid und einer jähen, brutalen Angst vor dem Alter. Ich greife mir an den Hals und taste nach dem glatten, kühlen, silbernen D.

„Hallo“, sagt Hilda, sie lächelt mir zu.

Sie kann mich noch nicht einordnen. Ihre Zähne sind nagelneu, und ihre lebhaften Augen machen ihre vulgäre Ausstrahlung wett. Sie schiebt die Lippen vor und überlegt, nimmt einen tiefen Lungenzug. Sie kneift die Augen zusammen.

„Mooo-mentchen“, murmelt sie mit gerunzelter Stirn. „Moment! Gleich, ich hab’s gleich …“

Sie hustet und nimmt noch einen Zug. Ihr Blick wandert über mein Gesicht, meinen Körper, schnell, nachdenklich, konzen­triert. Sie mustert mich, als hätte sie den Auftrag, meinen Marktwert zu schätzen, schnippt dann die Kippe mit Daumen und Mittelfinger auf den Kiesweg vor dem Haus und verschränkt die Arme vor der Brust. Ihre Augen bleiben zögernd an der Halskette hängen; ein plötzliches Verstehen zuckt wie ein Wetterleuchten über ihr Gesicht.

„Rena?“ fragt sie ungläubig. Ihr breites Hamburgisch dehnt das A zu einem langen, zweifelnden O. „Kann das denn sein? Bist du das, Rena?“

Wie früher, wenn sie etwas nicht gleich begriff, legt sie auch jetzt ihren Zeigefinger an die Nase und den Daumen unter das Kinn und drückte ihr Gesicht zusammen, bis die Nasenspitze fast die Oberlippe berührt. Ich mache einen Schritt auf sie zu, seltsam ergriffen, will meine Hand auf ihren Oberarm legen, aber im letzten Moment bleibt sie in der Luft hängen. Die Berührung erscheint mir zu intim. Ich versuche ein Lächeln, das misslingt, überlege fieberhaft, wie ich am besten diese verkorkste Situation wieder beenden kann, und dann ist Hilda zu ihrer alten Form zurückgekehrt. Ich liege auf einmal in ihren Armen, und sie lacht und schluchzt und ruft etwas, und ich bin wieder dreizehn, und gleich werden wir ins Kino gehen oder zum FC St. Pauli, und es wird Limo für mich und die Zwillinge geben oder ein Eis, und dass das, was später geschah, möglich sein würde, hätte kein Mensch jemals geglaubt.

Dann endlich drücke ich Hilda an mich; ich kann auf sie heruntergucken. Hilda ist geschrumpft, ihr Körper fühlt sich in meinen Armen irritierend zerbrechlich an, ihre struppigen Haarwurzeln sind weiß. Ihr rechtes Schlüsselbein muss irgendwann einmal gebrochen gewesen sein. Es ist schlecht gerichtet worden, die Haut spannt über dem hervorstehenden Knochen.

Hilda bemerkt meinen Blick.

„Wie ist das denn passiert?“ frage ich. Hilda zieht mich am Arm ins Haus.

„Na, was glaubst du?“ fragt sie und grinst.

„Keine Ahnung …“, sage ich wahrheitsgemäß.

„Na, zu schnell gefahren natürlich“, sagt sie. „Kieler Straße, du weißt schon, auf dem Weg nach Schnelsen rüber. Ist jetzt zehn Jahre her, wenigstens. War ein VW-Golf damals, ein Cabrio. Der Polizist sah fast so aus wie Robert Redford. Als er jünger war, natürlich.“

Sie verdreht schwärmerisch die Augen und streichelt versonnen mit der Linken die Tätowierung. Zwischen ihren Fingern funkelt das Herz.

„Und“, sage ich schwach, „was ist sonst noch passiert?“

„Der Wagen war hin“, sagt Hilda vergnügt. „Der kam auf den Schrottplatz. Der Führerschein war auch hin, aber nur für eine Zeit. Na ja, mein Schlüsselbein. Aber wie du siehst, bin ich wieder im Geschäft, was? Wie findest du den Mini draußen? Gerade erst gekauft, du glaubst nicht, wie der in der Kurve liegt.“

Wir reden Belangloses, um das Unwirkliche dieser Situation nicht ansprechen zu müssen, wir tun so, als wäre es das Normalste von der Welt, dass ich nach über dreißig Jahren bei Hilda geklingelt habe. Wir tasten uns wie Blinde zur alten Vertrautheit vor. Noch fragt sie nicht, warum ich da bin, was ich eigentlich will.

Ich weiß nicht wie, aber mittlerweile bin ich in ihrem Wohnzimmer gelandet. Ich sitze auf dem Sofa. Hilda ist in der Küche verschwunden, ich höre Geschirr klappern, eine Kaffeemaschine röchelt. Das Wohnzimmer ist größer als früher. Die Wand zum ehemaligen Schlafzimmer ist durchbrochen worden, wahrscheinlich schläft Hilda jetzt oben in einem der beiden ehemaligen Kinderzimmer.

Es gibt flache, weiße Heizkörper unter den Fenstern. In der alten Schrankwand steht ein überdimensionaler Fernseher, eins dieser ganz neuen Modelle mit Flachbildschirm, und auf der antiken Truhe steht wie eh und je ein Strauß mit verstaubten Trockenblumen. Eine Reihe Fotos, viele davon in Schwarz-Weiß, von weißen Zacken eingerahmt, die aussehen wie die Milchzähne von Kindern.

Klaus und Kurt mit Zuckerwatte auf dem Hamburger Dom. Klaus und Kurt in dicken Wollmützen im Garten vor dem Haus. Sie stecken einem Schneemann eine Mohrrübe ins Gesicht, neben ihren Nasenflügeln dunkel die Feuermale, auch ihr Lachen sieht absolut identisch aus, und hinten im Bild ist der alte Apfelbaum auf dem Grundstück meiner Mutter zu sehen, den Anton später gefällt hat.

Klaus und Kurt beim Zelten. Klaus und Kurt im Anzug bei der Konfirmation.

Kein Mensch außer Hilda konnte Klaus und Kurt je auseinander halten, außer sie sagten etwas, was beide selten taten. Insbesondere Klaus sprach nicht oft; er stotterte so stark, dass er nur schwer zu verstehen war. Mir tat er damals Leid, trotzdem hatte ich manches Mal Mühe, ein hysterisches Kichern zu unterdrücken. Ich weiß noch, ich schämte mich dafür und versuchte, das gutzumachen, indem ich besonders geduldig mit ihm sprach und mir Zeit nahm, wenn er mir etwas erzählen wollte.

Ich versuche, nicht auf die Bilder zu starren.

KlausundKurtundKlausundKurt.

Es gelingt mir nicht – nicht, wenn ich ihnen gegenübersitze. Ich trete ans Fenster und schaue in den Garten hinaus.

„Trinkst du den Kaffee noch immer ohne Milch?“ fragt Hilda in meinem Rücken. „Und drei Stück Zucker?“

Sie kommt mit einem Tablett ins Zimmer, sie hat eine Bluse über das Trägerhemd gestreift und sich die Lippen nachgezogen. Die Thermoskanne schnarrt, sie dreht resolut den Deckel fester zu. Ich setze mich wieder.

„Das weißt du noch?“ frage ich erstaunt.

„Na“, sagt sie laut und entschieden, „was denkst du denn? Natürlich weiß ich das noch. Du warst schon mit vierzehn ganz versessen auf Bohnenkaffee. Dein Vater hat ihn genauso getrunken. Schwarz. Und drei Stück Zucker. Ich schätze, so was vererbt sich. Genauso wie seine dunklen Locken. Oder diese Sturheit. Die hast du auch von ihm.“

Sie zögert eine Sekunde und wuselt mir zärtlich durch die Haare, wie sie es früher immer tat. „Hast dich verändert, Rena“, sagt sie. „Diese blonden Strähnchen. Und kürzer als früher. Aber steht dir, wirklich, steht dir wirklich gut.“

Vater

War er stur? Ich habe nicht viele Erinnerungen an meinen Vater. Er war groß und schlank, das weiß ich noch, ich fand ihn wunderschön. Er musste den Kopf einziehen, wenn er durch die Haustür kam, dann rannte ich auf ihn zu. Er nahm mich in den Arm, kitzelte mich, hob mich auf seine Schultern und lief mit mir durch das Zimmer, während ich ihn an den Ohren zog und anfeuerte. Er liebte mich zärtlich, mit der liebevollen Zerstreutheit, mit der man mit einer jungen Katze spielt. Ich weiß nicht, ob er wirklich mich gemeint hat.

Er war LKW-Fahrer und oft auf längeren Touren unterwegs, und manchmal, wenn ich lange genug gebettelt hatte, nahm er mich mit, nach Buchholz oder Rosengarten, einmal waren wir sogar in Kiel. Er hatte heißen, schwarzen Kaffee dabei, stark und süß, Brote, die meine Mutter ihm zurechtgemacht hatte, ein Transistorradio. Manchmal, wenn ein Schlager kam, den wir beide kannten, sangen wir aus vollem Hals mit. Er zog übermütig an meinen Zöpfen, und wir winkten den anderen Fahrern zu, die an uns vor­überzogen.

Mein Vater lachte viel und nahm nichts allzu schwer, und er neckte meine Mutter, die schon als junge Frau alles viel zu schwer nahm und, wenn überhaupt, ihren Mund allerhöchstens zu einem schiefen Lächeln verzog. Es gab ernste Probleme zwischen ihnen, wenn er sich über ihren Mangel an Humor lustig machte, über ihre selbstgerechte Verbissenheit, mit der sie dem Leben entgegentrat, und ich glaube, er hasste auch ihre Art von Frömmigkeit.

Manchmal, wenn ich schon im Bett lag, hörte ich sie in der Küche streiten. Die scharfe, beherrschte Stimme meiner Mutter, sein tiefer Bass, beschwichtigend erst und dann wütend und laut.

Wie später Anton, stand auch er bei der Sonntagsmesse hinten im Kirchenschiff unter der Orgel. Wie Anton drehte er seinen Hut zwischen den Händen. Wenn ich verstohlen zu ihm hinübersah, blinzelte er mir zu wie einer Komplizin. Das war bei Anton anders gewesen.

Mein Vater hatte meine Mutter früh geschwängert. Ich kam, als sie knapp zwanzig war, er war nur wenige Jahre älter; es war erwartet worden, dass er sie heiratete, und so nahm er sie eben hin, wie man etwas hinnimmt, was nicht mehr zu ändern ist.

Ab und zu, wenn der Druck zu stark wurde, trank er einen in seiner Stammkneipe zehn Minuten von hier, in die auch Hilda damals ein oder zwei Mal die Woche ging. Dort war sie später mit ihrer ungewöhnlichen Tätowierung – und der noch ungewöhnlicheren Geschichte dazu – im Kreis der abgetakelten Tresenbrüder eine Art Maskottchen. Der Wirt, Bodo, war früher zur See gefahren, er war laut und lustig, er mochte Hilda und gab großzügig Runden aus.

Er war geradezu versessen auf das Fotografieren mit einer Polaroid-Kamera, ein Kameratyp, der damals in Mode war. Er hatte sie geschenkt bekommen.

Auch Angie hatte zu ihrem vierzehnten Geburtstag von ihren Eltern eine Sofortbildkamera bekommen; sie hatten Geld, der Vater war Geschäftsführer in einem Baustoffhandel.

Später hat sie damit das Gesicht meines Vaters fotografiert, die Nase scharf, die Haut nackt und wächsern, die stillen Lider geschlossen über riesigen Augäpfeln, die mir hart wie Murmeln vorkamen. Ich habe mir das Bild nur ein einziges Mal angesehen, damals, als Angie es mir in der Eisdiele ohne jede Vorwarnung über den Tisch schob. Sie wollte mich überraschen, aber es hat sich so schmerzhaft in mein Bewusstsein geätzt, dass ich bis heute wünsche, ich hätte es nie gesehen.

Hilda hat mir einmal ein Polaroid-Foto gezeigt, auf dem eine ganze Reihe nackter Unterarme nebeneinander auf dem Tresen bei Bodo in der Kneipe liegt, ordentlich wie stramm gestopfte Bratwürstchen in der Auslage einer Fleischerei. Nur, dass die Würstchen am Ende Hände hatten und die Hände Biergläser hielten.

Das Foto zeigt die abenteuerlichsten Tätowierungen: Schlangen, Jungfrauen, Schwerter und Nixen. Namen natürlich: Monika, Carmen, Dorothee. Die linke Pranke von Bodo, die, warum auch immer, einen grinsenden Totenkopf zeigte. Und mittendrin lag Hildas Arm, braun, schlank, unbehaart: Maria.

„Meine Güte aber auch“, hatte Hilda damals kichernd gemeint – es war Winter, ich hockte in ihrer Küche und schlürfte eine heiße, süße Zwiebacksuppe von meinem Löffel –, „die Kerle haben am Anfang allen Ernstes geglaubt, dass ich auf Frauen fliege. Aber wenn, dann wäre das auch kein Beinbruch, oder wie siehst du das, mein Deern? Der liebe Gott wird schon wissen, wozu er uns Menschenkinder so unterschiedlich gemacht hat, was?“

Ich weiß noch, ich bin so zusammengezuckt, dass mir der Löffel in den Teller fiel; ich war schon voller Scham und Schuldbewusstsein in Angie verliebt. Es war ein ungewöhnlich strenger Winter, und mein Vater hatte noch zwei Wochen zu leben.

Mitten in der dritten Stunde – wir hatten gerade Erdkunde – kam die grauhaarige Schulsekretärin nach zögerndem Klopfen so vorsichtig herein, als könnte sie sich bei uns im Klassenzimmer die Fußsohlen verbrennen. Sie trippelte zum Tisch unserer Lehrerin und flüsterte etwas. Beide sahen zu mir herüber. Unsere Lehrerin nickte, kam zu mir und bat mich leise, meinen Ranzen zu packen. Etwas sei geschehen, man würde mir im Zimmer der Direktorin sagen, was genau passiert sei.

Ich hörte die Stille im Raum, das warme, gespannte Atmen des Mädchens neben mir, ich wusste, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Mir brach unter den Achseln der Schweiß aus. Ich schob das Heiligenbild, das ich in der letzten Stunde für gute Noten bekommen hatte, in mein Rechenheft und schraubte meinen Füller zu. Noch den Gurt um den Ranzen gezurrt – fertig. Meine Finger zitterten. Die Sekretärin winkte zu mir herüber, und ich folgte ihrem grauen, strengen Haar bis zu der geschwungenen Treppe am Ende des langen gebohnerten Flurs.

Im ersten Stock stand die Tür zum Zimmer der Direktorin offen. Sie stand am Fenster, sah hinaus und sprach mit einer Frau, die mit dem Rücken zu mir in sich zusammengesunken in einem Sessel vor einem alten, schweren Schreibtisch saß. Die Frau hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen. Sie war ganz in Schwarz gekleidet. Als sie die Hände herunternahm und sich zu uns umwandte, war die Frau meine Mutter.

Das war das einzige Mal, dass ich sie habe weinen sehen. Ihr Gesicht war grau vor Kummer und Angst. Ich ging auf sie zu und legte meinen Arm auf ihre Schulter, heißes Mitgefühl wallte in mir hoch. Ich wollte jemand sein, die ihr jetzt helfen konnte, die sie lieben würde. Sie hatte meinen Vater wahrscheinlich trotz allem gemocht; sie war so voller Trauer, dass ich die Hoffnung hatte, sie würde mich jetzt endlich auf sie zugehen lassen. Ich wollte sie trösten und hätte doch selbst so dringend Trost gebraucht.

Noch am Abend schrieb ich auf einen Zettel, was ich mir vorgenommen hatte:

Nie wieder dienstags den Müll vergessen

Einkaufen, ohne zu meckern

Schulaufgaben bis fünf Uhr fertig haben

Lieb zu Mutter sein

Da stand es, schwarz auf weiß.

Ich glaubte damals, wenn ich das nur planvoll anginge, würde es mir gelingen, zu ihr durchzudringen.

Punkt für Punkt.

Lieb zu Mutter sein.

Schulaufgaben bis fünf.

Ich habe den Trost nie bekommen.

Mein Vater starb bei einem Verkehrsunfall. Er war auf dem Weg nach Hannover vor den vereisten Elbbrücken ins Schleudern geraten und gegen einen Brückenpfeiler gerast. Obwohl der Notarztwagen sehr schnell da war, es hat wohl nur ein paar Minuten gedauert, verstarb er noch am Unfallort an schweren inneren Blutungen. Äußerlich schien er fast unversehrt, bis auf die Beine, die völlig zerquetscht waren. Das hat mir meine Mutter am Tag nach der Beerdigung erzählt, einer der seltenen Tage, an denen sie etwas getrunken hatte und überhaupt mehr als das Nötigste sprach.

Sie saß von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet am Küchentisch, rauchte eine nach der anderen und trank die Flasche Korn leer, die mein Vater vor ein paar Tagen mitgebracht hatte. Es war Nachmittag und schon beinahe dunkel, und wir hatten kein Licht gemacht. Ich zitterte und fror, meine Mutter hatte vergessen, Holz nachzulegen, und auch ich legte keins nach. Ich zitterte und fror und hörte meiner Mutter zu, und je kälter mir wurde, umso besser fühlte ich mich, ein seltsam entrücktes Gefühl, als wäre jedes Grad, das mein Körper an Wärme verlor, ein Gradmesser für mein Mitgefühl und meine Trauer.

Mutter rauchte und pulte mit ihrem Daumennagel an dem Flaschenetikett herum; das war eine Angewohnheit meines Vaters gewesen, der nicht eher Ruhe gab, bis unter dem rastlosen Schaben auch der letzte Rest des Etiketts verschwunden war. Er machte das nicht nur bei Flaschen so, auch bei Gurken- oder Marmeladengläsern, er brachte meine Mutter zur Weißglut damit, und Mutter pulte und pulte, erzählte von den zerquetschten Beinen meines Vaters, dem Riss in der Milz, der geborstenen Aorta, und rollte winzige Kugeln aus Papier auf der Wachstuchdecke aus.

„Was soll werden?“ murmelte sie ein ums andere Mal. „Was soll jetzt nur werden?“

Irgendwann erhob ich mich, steifbeinig, mein Atem stand in der Luft. Mutter sprach nicht mehr. Sie hatte den Kopf gesenkt und starrte in ihren Schoß. Die Schnapsflasche war fast leer, sie hielt sie zwischen den geöffneten Schenkeln, sie saß breitbeinig da in ihrem weiten, dunklen Kleid und drehte die Flasche zwischen den Händen. Hin und her. Her und wieder hin. Ich öffnete die Klappe des Ofens, ruckelte an dem Rost, damit die Asche durch die Stäbe fiel, und legte eine Hand voll Holzspäne auf die Glut. Dann nahm ich den Korb und lief draußen durch den Schnee, um im Schuppen Briketts zu holen.

Als ich zurück in die Küche kam, saß meine Mutter unverändert da. Ich stand vor ihr, nahm ihr behutsam die Flasche aus den Händen und berührte sie leicht an der Schulter.

Mutterachmutter.

„Komm, Mutter“, sagte ich. „Komm doch! Lass uns einfach schlafen gehen.“

Ich zog sie hoch, ich war dreizehn und schon beinahe so groß und auch so schwer wie sie, und gemeinsam torkelten wir den engen Flur entlang zu den beiden Schlafräumen. Mutter weigerte sich, sich auszuziehen, also legte sie sich einfach so aufs Bett. Ich streifte ihr die schweren, schief getretenen Stiefel von den Füßen und deckte sie mit dem Federbett zu.

Ich stand über ihr und sah auf sie hinunter.

„Schlaf gut, Mutter“, sagte ich.

Ich zögerte einen Moment, dann beugte ich mich zu ihr, schlang meine Arme um ihre schmalen Schultern und legte mein Gesicht in ihre eiskalte Halsbeuge. Meine Lippen lagen an ihrem Schlüsselbein. Ihr Atem stockte einen Moment, dann hob und senkte sich ihre Brust, und ihre Lungen füllten sich mit einem Schrei. Der Schrei war so markerschütternd, dass ich entsetzt zur Tür zurückwich. Sie lag stocksteif im Bett, die Hände flach neben den Hüften, und hätte ich sie nicht gerade gehört, hätte ich angenommen, sie schliefe nur.

Über dem Bett hing ein Christus am Kreuz, jemand hatte die Wunden an Füßen und Händen in einem grellen Zinnoberrot ausgemalt. Aus der Seite tropfte das Blut bis zur Hüfte, und von der Stirn unter der Dornenkrone sickerte es bis in die Mundwinkel herab.

Einen furchtbaren Moment lang hatte ich das Gefühl, dieser Schrei würde nie aufhören, aber dann war er doch vorbei, und ich hörte nur noch ihr Keuchen. Ich ging zu ihr, begegnete dem Blick ihrer trockenen, wilden Augen.

„Ich mach dir einen Tee, Mutter“, stammelte ich, „einen Pfefferminztee, den magst du doch so gern, ja?“

Meine Mutter sah mich verständnislos an.

„Tee“, sagte sie ratlos, dann ballten sich ihre Hände zu Fäusten. „Verschwinde, du“, sagte sie kraftlos.

„Ich …“, sagte ich, „aber … aber Mutter …“

„Raus! Raus mit dir, lass mich doch endlich allein“, sagte sie. Die Worte stolperten ihr über die schwerfällige Zunge. Dann warf sie sich herum und drückte ihr Gesicht in die Kissen.

Oh, wie Leid sie mir tat, meine arme, unglückliche Mutter!

Ich streichelte ihr kurz über das Haar, so zart, dass sie es kaum merken, dass es sie nicht stören konnte, warf einen letzten Blick hinüber zum Bett und zog ganz leise die Tür hinter mir zu.

Am nächsten Tag war das Rasierzeug meines Vaters aus dem Badezimmer verschwunden. Auch das Kalenderblatt, das im Schlafzimmer mit Tesafilm auf seiner Seite des Kleiderschranks befestigt war. Sonnenuntergang am Meer. Die dunkle Silhouette einer jungen Frau mit merkwürdig spitzen Brüsten, die ihre Arme in den Himmel reckte.

Seine schmutzigen Gummistiefel. Seine Bücher über Neufundland, darunter ein großformatiger teurer Bildband. Er war von der Idee besessen gewesen, dort irgendwann einmal hinzufahren.

Die winzigen Autos aus Blech, die im Wohnzimmer auf der Schrankwand standen, ordentlich in Reih und Glied, als müsste man nur noch den Startschuss für ein Rennen geben. Der ölverschmierte grüne Overall, in dem er samstags so oft an seinem Moped herumgebastelt hatte.

Mutter hat alles verschenkt oder weggeworfen; nur das Moped hat sie an einen Nachbarn verkauft.

Schon nach einer halben Woche war es so, als hätte es Vater nie gegeben. Mutter trug weiter Schwarz; sie würde dies ein Jahr lang tun, denn so verlangte es der Brauch. Im Schlafzimmer, das ich selten betrat, war über Vaters Bettseite eine Decke gelegt und sorgfältig festgesteckt. Vaters Kleider blieben auf seiner Seite im Schrank, eingesperrt, weggeschlossen.

Ab und zu wechselte sie das Mottenpapier aus.

Als dann später Anton bei uns einzog, trug er Vaters Anzüge auf, sie schlotterten an seinem mageren Körper, und hinten im Kirchenschiff drehte er Vaters Hut, die breite Krempe zwischen den schwieligen Händen. Das Band aus glänzendem Rips wurde im Lauf der Jahre stumpf.

Ich ertrug kaum das vertraute Motorengeräusch vor dem Haus, wenn morgens um sechs der Nachbar auf dem Moped meines Vaters vorbeifuhr. In mir keimte der erste Verdacht, dass meine Mutter eine Verräterin sein könnte, meine Feindin sogar. Noch lange Zeit erblickte ich Vaters Gesicht unter dem Hut, wenn ich Anton ansah, aber ich sah nicht das Gesicht, das ich kannte, sondern das, was Angie mit ihrer Polaroid daraus gemacht hatte, um mir einen Gefallen zu tun.

Angie und ich hatten die Angewohnheit, uns nach der Schule auf dem alten Friedhof zu treffen, bevor wir zum Mittagessen nach Hause mussten. Es war der Friedhof, auf dem auch mein Vater später liegen würde, ein düsterer Ort in der Nähe des Mädchengymnasiums, das Angie eine Klasse über mir besuchte.

Im Sommer hockten wir am liebsten auf einer der Bänke, die rund um ein gut drei Meter hohes Holzkreuz standen. Wir kicherten und wisperten uns Geheimnisse zu, die Gesichter warm von der Sonne und eng aneinander gedrängt. Wir hakelten die Füße umeinander, und Angie erzählte, was in der letzten Nacht ihre Eltern getan hatten, sie schwor es, sie hatte es selbst gesehen, und ich baumelte mit den Beinen und kratzte mir Schorf vom Knie, bis es wieder anfing zu bluten, und hörte ihr staunend zu. Alte Frauen in Kopftüchern, die Gießkannen und kleine Harken mit sich führten, setzten sich schwer atmend dazu, sie saßen gegenüber von uns oder rechts oder links, sie lächelten uns an, auffordernd, manche auch scheu, aber wir lächelten nicht zurück, denn wir waren hochmütig und jung; wir hatten noch alles vor uns, und auf das Lächeln unter den Kopftüchern alter Frauen waren solche wie wir nun wahrhaftig nicht angewiesen!

Im Winter waren wir ganz für uns. Wir trafen uns unter dem Vordach der Leichenhalle, das uns vor Schneetreiben oder Regen schützte. Ein Bau aus Ziegelstein, vielleicht zehn oder fünfzehn Quadratmeter groß, rundherum vermauert; das Licht fiel durch eine Öffnung in der Decke. Eine zweiflügelige alte Tür aus hartem Holz, in das Worte geschnitzt waren, die wir holpernd zu entziffern versuchten. Requiescant in pace.

Sie mögen in Frieden ruhen.

Manchmal rauchten wir eine, Ernte 23, die hatte Angie von ihrer Mutter geklaut, und eines Tages kam Angie auf die Idee, durch das Schlüsselloch der Leichenhalle zu gucken. Ich sah ihr zu, wie sie in die Knie ging, die gewölbten Hände rechts und links an ihrem Gesicht, die Stirn angestrengt gerunzelt. Sie blieb fast eine Minute reglos in dieser Position und starrte durch das Schlüsselloch, dann kam sie schwer atmend hoch und sah ziemlich blass aus.

„Da liegt einer“, sagte sie. „Man kann von hier aus genau auf das Gesicht gucken.“ Sie schüttelte sich und fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung die Arme entlang, als würde sie frieren.

„Tot?“ fragte ich entsetzt.

Ich schlang den langen, gestreiften Wollschal enger um mich – Hilda hatte ihn gestrickt und mich neulich damit überrascht – und merkte an Angies Blick, wie lächerlich die Frage war. Sie sparte sich eine Antwort, obwohl sie sie vielleicht gerne gegeben hätte, und ich war ihr dankbar dafür.

„Guck selbst“, forderte sie mich auf. „Hast du überhaupt schon mal einen Toten gesehen?“

Ich wand mich und knetete meine kalten Finger. „Noch nie“, sagte ich endlich, „ich weiß auch gar nicht so genau, na ja, ob ich das wirklich will.“

„Du musst ja auch nicht“, sagte Angie großzügig. Ich nickte erleichtert und reckte meinen Hals, um an der Kirche einen Blick auf die Turmuhr zu werfen.

„Schon fast eins“, sagte ich. „Ich muss gleich los.“

Angie ignorierte meinen Einwand. Sie überlegte.

„Es ist eben“, sagte Angie, „immer die Frage, ob man schon reif für solche Erfahrungen ist.“ Sie sah mich ausdruckslos an. „Tod und so“, fügte sie erklärend hinzu. Sie wartete. Dann spürte sie wohl, dass etwas falsch lief, dass sie mich in die Enge trieb. Sie legte eine Hand auf meinen Arm.

„He“, sagte sie, „komm schon. Das war gerade blöd. Du musst wirklich nicht.“ Sie grinste. „Wir müssen nur sterben …“

Sie boxte mir freundschaftlich in die Rippen. Sie gab mir Zeit, um mich für oder gegen die Komplizenschaft zu entscheiden, und ich wusste, letztendlich hätte sie beides akzeptiert. Die Freiheit der Wahl machte es mir leicht, mich für das zu entscheiden, was ich nicht wirklich wollte.