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Das Leben ist zu kurz für irgendwann Hospiz-Krankenschwester Zoe hält die letzten Gedanken, Wünsche und Botschaften ihrer schwer kranken Patientinnen und Patienten fest, um sie deren Angehörigen zu überbringen. Ihr Chef Ben hält das für problematisch und befürchtet rechtliche Konsequenzen, doch Zoe weiß, wie viel Trost letzte Worte den Menschen bringen. Um Ben dies zu beweisen, soll er einen Brief mit ihr zusammen übergeben. Zoe ahnt nicht, dass die Reise mit Ben sie zwingen wird, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, mit dem Ort in ihrem Herzen, an dem nur Kummer und Trauer sind. Dass die Reise die Chance auf Heilung bringt, die Hoffnung auf eine neue Liebe – aber auch die Gefahr neuer Verletzungen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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((bei fremdsprachigem Autor))
Übersetzung aus dem Englischen von Maria Hochsieder
© Hannah Treave, 2023
Titel der englischen Originalausgabe: »The Notekeeper« bei Canelo, London 2023
© Piper Verlag GmbH, München 2024
Redaktion: Kerstin Kubitz
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Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Coverabbildung: Clare Elsaesser und Shutterstock.com
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Cover & Impressum
Widmung
Prolog
Kapitel eins
Zwei Jahre später
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
Kapitel vierundzwanzig
Kapitel fünfundzwanzig
Kapitel sechsundzwanzig
Kapitel siebenundzwanzig
Kapitel achtundzwanzig
Kapitel neunundzwanzig
Kapitel dreißig
Kapitel einunddreißig
Kapitel zweiunddreißig
Kapitel dreiunddreißig
Kapitel vierunddreißig
Kapitel fünfunddreißig
Kapitel sechsunddreißig
Kapitel siebenunddreißig
Kapitel achtunddreißig
Kapitel neununddreißig
Kapitel vierzig
Kapitel einundvierzig
Kapitel zweiundvierzig
Kapitel dreiundvierzig
Kapitel vierundvierzig
Kapitel fünfundvierzig
Kapitel sechsundvierzig
Kapitel siebenundvierzig
Kapitel achtundvierzig
Kapitel neunundvierzig
Kapitel fünfzig
Kapitel einundfünfzig
Kapitel zweiundfünfzig
Kapitel dreiundfünfzig
Kapitel vierundfünfzig
Kapitel fünfundfünfzig
Kapitel sechsundfünfzig
Kapitel siebenundfünfzig
Zwölf Monate später
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Chris – danke für Deine Ermutigung, aus dem Herzen heraus zu schreiben
Vor ihr flimmerten die Lichter der Startbahn. Es schien, als seien die blinkenden blauen und weißen Lampen eigens für sie aufgestellt worden – zum Zeichen, dass es die richtige Entscheidung war. Als die zwei Triebwerke dröhnend Fahrt aufnahmen, holte sie tief Luft. Die donnernde Kraft unter ihr sollte sie Tausende Meilen weit fort tragen. Das war’s. Es gab kein Zurück.
Während das Flugzeug beschleunigte, fixierte sie die Lichter. Sie rasten so schnell vorbei, dass sie aussahen wie eine durchgehende Linie statt einzelner Punkte. Schließlich hob die Maschine ab und schwang sich mit der Anmut und Grazie eines springenden Balletttänzers in den australischen Nachthimmel. Ein lautes Keuchen entfuhr ihr, als ihr mit Wucht bewusst wurde, was sie getan hatte, sodass sie ihren schlafenden Sitznachbarn weckte. Hastig nuschelte sie eine Entschuldigung und wandte sich wieder zum Fenster. Tief nahm sie mit den Augen die dunklen Umrisse ihres Heimatlands in sich auf, im Bewusstsein, dass sie nie wiederkehren würde.
Beim Aufwachen am Morgen hätte sie niemals gedacht, dass sie noch am selben Tag einen internationalen Flug antreten würde. Tatsächlich hatte der Tag wie jeder andere begonnen. Sie hatte nicht geschlafen, denn Schlaf war etwas, das zu ihrem alten Leben gehört hatte: einem Leben voller Glück, Arbeit, Bring- und Abholfahrten zur Schule, Kinoabende, Strandspaziergänge, frühmorgendlicher Momente und Liebe.
Nachdem ihr Mann am Morgen zur Arbeit aufgebrochen war, hatte sie sich wie üblich einen Kaffee gekocht und an einer Scheibe Toast geknabbert. Dann hatte sie sich ans Bügeln gemacht und sich eines der Hemden ihres Mannes und ihre Krankenschwesternuniform vorgenommen. Als sie aber nach dem dunkelblauen T-Shirt ihres Sohnes gegriffen hatte, war sie zusammengebrochen. Der Anblick des so unschuldig im Wäschekorb liegenden Hemds hatte sie zu Boden sacken lassen, wobei Bügelbrett, Bügeleisen und T-Shirt mit herunterkrachten. Das Gesicht auf den kalten Fliesen, hatte sie dagelegen und heulend um ihr altes Leben geweint, das verloren war, das ihr genommen worden war.
Als sie keine Kraft zu weinen mehr hatte, blickte sie sich in dem Zuhause um, das sie fast ihr gesamtes Eheleben bewohnt hatte. Es schien ihr die Luft abzuschnüren, sie musste hier raus. Sie hetzte zu ihrem Nachttisch, griff in die Schublade und holte den makellosen blauen Pass hervor, den sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Dann zog sie Schuhe und Mantel an, hielt nur inne, um nach der Handtasche zu greifen, und verließ das Haus.
*
Erst als sie die Haustür hinter sich zuziehen wollte, fiel ihr ein, dass sie das Wichtigste überhaupt vergessen hatte. Sie rannte die Treppe wieder hinauf, griff ein weiteres Mal in die Schublade des Nachttischs und nahm einen gefalteten linierten Papierbogen heraus. Allein ihn in Händen zu spüren schenkte ihr Kraft. Sie presste das Blatt an die Lippen, küsste es zärtlich, steckte es in die Tasche und hastete die Treppe hinunter. Unbeirrt trat sie aus der Haustür und vergewisserte sich noch nicht einmal, ob sie sie richtig zugezogen hatte. Sie wollte nichts als weg von hier.
Und so war sie fortgegangen. Sie hatte den Bus zum Flughafen genommen und hatte, ohne auf den Preis zu achten – wie in einer Filmszene, ein Ticket für den erstbesten Flug nach London gekauft.
Jetzt begann das Bordpersonal mit dem Service und schob den Getränkewagen durch den Gang. Sie beugte sich im Sitz nach vorne und griff nach ihrer Handtasche. Sie holte das Blatt heraus, das ihr so viel bedeutete, und kostete die wenigen Worte aus, von denen ihr jedes einzelne unendlich teuer war.
Ich will einfach nur Cowboy werden.
Beim Lesen durchströmte sie neue Kraft. Dieses Stückchen Papier hatte ihr etwas gegeben, das sie für immer verloren geglaubt hatte – Hoffnung.
Im Zimmer war nichts als das Geräusch der schweren, mühevollen Atemzüge zu hören, während Zoe Evans noch einmal die paar Zeilen auf dem Notizblock durchlas, der auf ihrem Schoß lag. Sie las den Brief bereits zum vierten Mal und empfand nach wie vor Abscheu über so gut wie jedes einzelne Wort. Abrupt blickte sie auf, wobei eine leicht ergraute blonde Ringellocke aus dem Dutt fiel, zu dem sie das Haar im Nacken zusammengesteckt hatte.
»Arthur, sind Sie wirklich sicher, dass Sie das sagen wollen?«, fragte sie und sah den Mann an, der für die Nachricht verantwortlich war.
Der Atem ging schwer, als der alte Mann im Rollstuhl nickte. Aus seinen wässrigen Augen blickte eiserne Entschlossenheit. »Ja. Ich wollte die Wahrheit viel zu lange nicht wahrhaben – es ist an der Zeit, dass alles herauskommt.«
Zoe unterdrückte den Impuls, verzweifelt aufzustöhnen. Sie war seit über zwanzig Jahren Krankenpflegerin und wusste seit Langem, dass Nörgeln keine besonders effektive Methode war, um Patienten von dem zu überzeugen, was das Beste war.
»Okay.« Sie schenkte Arthur ein beschwichtigendes Lächeln. »Aber finden Sie es nicht ein bisschen grausam, Ihrer Frau nach sechzig Jahren Ehe zu erklären, dass Sie sie nie geliebt haben und der Tod eine süße Erlösung von ihrem endlosen Gemecker, dem Gekeife und …«, Zoe hielt inne, um einen Blick auf den Notizblock zu werfen, »dem ständigen Furzgestank sein wird?«
Arthur nickte. »Sicher. Ich habe nie viel vom Lügen gehalten.«
Zoe senkte den Block und steckte den Kugelschreiber in die Tasche ihrer Uniform. Auch sie mochte keine Lügen, aber ebenso wenig glaubte sie, dass es grundsätzlich immer richtig war, anderen die ungeschönte Wahrheit aufzutischen.
»Gibt es noch etwas? Etwas Schönes?«, fragte sie. »Audrey ist Ihre Frau. Seit sechs Wochen bringt sie Sie hier zur Tagespflege ins Hospiz. Sie haben das ganze Leben zusammen verbracht, gemeinsam eine Welt aufgebaut.«
Arthurs Miene wurde weicher. »Klar liebe ich Audrey, aber dieser verfluchte Krebs hat mir einen Arschtritt verpasst. Ich will dem Herrgott nicht mit dem Gefühl gegenübertreten, dass ich unaufrichtig war. Ich bin Audrey dankbar für alles, was sie getan hat. Wir zwei sind ganz gut klargekommen, aber ich habe meine erste Liebe nie vergessen – Deirdre Hamilton.«
Bei der Erwähnung Deirdres schlich sich ein verträumter Ausdruck auf Arthurs Gesicht. Zoe merkte, dass er ganz woanders war, weit fort von dieser viktorianischen Villa am Stadtrand von Bath, die mittlerweile als Hospiz fungierte. Durchs Fenster fiel die Aprilsonne in den Aufenthaltsraum, und sie tätschelte ihm das Knie und holte ihn in die Gegenwart zurück.
»Ich weiß nicht, ob Audrey das wissen sollte«, setzte Zoe noch einmal an. »Es gibt doch bestimmt noch etwas anderes, was Sie sagen könnten. Um den Schock ein bisschen abzumildern.«
Mit gerümpfter Nase dachte Arthur eine Weile nach, dann sagte er: »In Ordnung, schreiben Sie, dass sie sich Karotten kaufen soll. Sie isst zu wenig Grünzeug, aber Karotten mag sie.«
Zoe verkniff sich ein Lachen, als sie bemerkte, dass es Arthur ernst damit war, und setzte schnell eine neutrale Miene auf. Sie zog den Stift aus der Tasche, notierte seine Worte und blickte ihn dann erwartungsvoll an.
»Haben Sie das?«, fragte er.
»Ja«, versicherte sie ihm. »Sind Sie sicher, dass Audrey das bekommen soll?«
»Das bin ich«, antwortete Arthur mit schwacher, aber entschlossener Stimme.
Zoe drängte ihn nicht weiter. Der Ausflug in den Aufenthaltsraum hatte ihn sichtlich geschwächt. Die Farbe war aus seinen Wangen gewichen und das Atmen noch mühevoller geworden.
Zoe stand auf und schob Arthur zurück zu seinem Zimmer. Ihr fiel auf, dass er anders als sonst nicht aus dem Fenster sah und die beiden Eichen bewunderte, die dem Hospiz den Namen The Oaks einbrachten. Aus Erfahrung wusste sie, es würde nicht mehr lange dauern, dass es mit ihrem Patienten zu Ende ginge.
Tatsächlich war Arthur nicht der erste Patient, der seiner Familie und seinen Freunden als Botschaft hinterlassen wollte, was er wirklich über sie dachte, und Zoe war klar, er wäre auch nicht der Letzte. Seit Zoe vor zwei Jahren als Pflegerin im Hospiz angefangen hatte, dokumentierte sie die letzten Worte der Sterbenden oder nahm Botschaften für die Hinterbliebenen auf. Sie wusste, welche Bedeutung ein letztes Wort haben konnte und wie kathartisch es für diejenigen war, die dem Ende entgegensahen.
»He, Zoe!« Eine laute australische Stimme hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken.
Sie blieb stehen und drehte sich zu ihrem Kollegen Miles Anderson um, der noch seinen schweren Mantel trug und dabei war, sich die Reste eines Schinkensandwiches in den Mund zu stopfen. Miles sah eher so aus, als käme er gerade von einer Schicht als Müllsammler statt zum Dienstantritt als Pfleger.
Zoe spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. »Hättest du nicht vor einer halben Stunde da sein sollen?«
Miles zuckte die Achseln und strich sich – unbeeindruckt von Zoes Rüge – ein paar Krümel aus dem dichten dunklen Bart. »Du weißt doch, wie es ist. Ist spät geworden gestern Abend. Ich bin einfach nicht aus dem Bett gekommen.«
Zoe runzelte die Stirn. Sie wusste, wie es war, aber sie billigte es nicht. Miles war, wie sie selbst, gebürtiger Australier, mit seinen neununddreißig allerdings fünf Jahre jünger, und er tat sein Bestes, um jeden Moment auszukosten, als sei es sein letzter – nun da er mit knapp vierzig, wie er selbst es formulierte, kurz vorm Abnippeln stand.
»Vielleicht könntest du es wenigstens versuchen«, sagte Zoe zähneknirschend. »Du wohnst doch gleich um die Ecke. Weder den Patienten noch uns gegenüber ist es fair, wenn du zu spät kommst.«
»Ja, ja.«
Zoe zog eine blonde, buschige Augenbraue hoch, richtete sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter fünfundsechzig auf und schenkte Miles einen, wie sie hoffte, vernichtenden Blick.
Offensichtlich funktionierte es. Hastig legte Miles den Mantel ab und steckte das Sandwichpapier in die Tasche.
»Sorry, Boss.« Er wirkte ehrlich zerknirscht.
Zoe zuckte die Achseln. »Nur noch für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Dann fängt der neue Troubleshooter an.«
»Temporärer Troubleshooter«, korrigierte sie Miles und wischte sich die fettigen Handflächen am Kittel ab. »Wie lange soll der bleiben?«
»Bis die Familie Harper als neue Eigentümerin zufrieden damit ist, wie die Geschäfte von The Oaks laufen«, antwortete Zoe.
»Und uns mit St Mary’s fusioniert hat«, fügte Miles mürrisch hinzu, womit er das strahlende neuere Hospiz im Norden von Bristol meinte, das The Oaks in praktisch jedem Gutachten überflügelte.
Zoe musste kichern, als sie seinen finsteren Blick bemerkte. Seit Miles mit einer der Pflegerinnen von St Mary’s geschlafen und sie die Unverfrorenheit besessen hatte, ihm das Herz zu brechen, war Miles besessen von dem rivalisierenden Hospiz.
»Ich verstehe gar nicht, warum wir überhaupt einen Troubleshooter brauchen«, grummelte Miles. »Es läuft doch ganz gut.«
»Nicht gut genug«, antwortete Zoe und fixierte den Pfleger mit ihren babyblauen Augen. »Das einzig Gute daran ist, dass dieser neue Kerl gleichzeitig die neue Pflegeleitung ist und ich die Verantwortung endlich los bin.«
Miles lachte. »Hoffentlich hast du recht. Es heißt ja, der Typ nimmt alles supergenau.«
»Umso besser!«, rief Zoe. »Der bringt es dann auch fertig, dich zusammenzustauchen, wenn du zu spät kommst oder dich am Samstagmorgen krankmeldest.«
»Nicht jeden Samstagmorgen«, warf Miles ein.
»Aber oft genug, dass es mir auffällt«, sagte Zoe seufzend, doch gleich darauf hellte sich ihre Miene auf. »Egal, das ist nicht länger mein Problem. Jetzt liegt es ganz in der Hand von Ben Tasker.«
»Na, ist ja vielleicht ganz nett, wenn mal ein Mann zuständig ist bei all den Frauen hier«, brummte Miles, dessen Gesicht wieder einen leidenden Ausdruck angenommen hatte.
»Mir egal«, grinste Zoe. »Bald kann ich einfach wieder nur das machen, was ich am liebsten tu.«
Miles verdrehte die Augen. »Man könnte meinen, du willst die Leute verführen, aber nachdem dein Styling aus nichts als Wasser und Seife besteht, weiß ich echt nicht, was du meinst.«
Jeden anderen hätte die Beleidigung womöglich verletzt, aber Zoe war unbeeindruckt. »Nur weil ich nicht eitel bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich kein Leben habe.«
»Es ist keine Eitelkeit nötig, um sich das Haar zu bürsten oder diese Augenbrauen zu zupfen, die aussehen, als klebten dir zwei Nacktschnecken im Gesicht«, erwiderte Miles, spürte dann aber doch, dass er zu weit gegangen war, und blickte sie unter seinen gezupften Brauen schuldbewusst an. »Tut mir leid, Zoe, so war das nicht gemeint. Wir machen uns einfach Sorgen, alle Pfleger hier. Soweit wir das beurteilen können, dreht sich dein ganzes Leben um das Hospiz.«
»Und wenn schon!«, begehrte Zoe auf und spürte, wie ihre blassen Wangen vor Empörung flammend heiß wurden. Sich über ihr Äußeres zu mokieren war eine Sache, ihre Professionalität infrage zu stellen etwas anderes. »Es gibt Schlimmeres, als seine Zeit darauf zu verwenden, sich um Sterbende zu kümmern.«
»Schon wahr«, meinte Miles vorsichtig und schob die Hände in die Taschen. »Aber im Leben braucht es ein Gleichgewicht. Du machst Überstunden, und dann diese ganzen Briefe, Zoe! Das ist so aus der Zeit gefallen. Mir kommst du vor wie die Schutzheilige der Sterbenden.«
»Ich bin weder die Schutzheilige der Sterbenden, noch sind Briefe altmodisch. Vielmehr sind sie ein sehr persönliches Kommunikationsmittel«, sagte Zoe und blickte auf Arthur hinunter, der mittlerweile im Rollstuhl eingeschlafen war.
»Vermutlich bist du die Einzige, die die Schreibwarengeschäfte noch am Leben erhält«, neckte Miles sie.
Zoe antwortete nicht. Ihr Verhalten war nicht ungewöhnlich, viele der Pflegerinnen und Sanitäter, mit denen sie zusammenarbeitete, schrieben unheilbar kranken Patienten Briefe, um sie aufzuheitern. So wie Zoe waren viele davon überzeugt, dass eine handschriftliche Notiz im digitalen Zeitalter etwas Besonderes war, ein physisches, ermutigendes Dokument, das die Patienten berühren und zu dem sie einen Bezug herstellen konnten, wie es eine Textnachricht oder E-Mail niemals nachbilden konnte.
Dennoch war Zoe bewusst, dass niemand sich derart ins Zeug legte wie sie. Gewissenhaft fragte sie jeden Patienten im Hospiz, ob er oder sie eine letzte Botschaft habe. Manchmal geschah das, wenn sie ihre letzten Atemzüge taten, manchmal in den Tagen oder Stunden vor ihrem Tod. Zoe wusste, dass es ihnen etwas gab, woran sie sich in den dunklen Momenten der Trauer festhalten konnten.
»Du bist eine fantastische Pflegerin, Zoe«, fuhr Miles fort. »Ich verstehe nur nicht, warum du dir nicht etwas mehr Spaß im Leben gönnst.«
»Die Arbeit hier macht Spaß«, antwortete sie nüchtern.
Miles schüttelte den Kopf, als habe er einen hoffnungslosen Fall vor sich. »Zoe, die Arbeit hier ist harte Maloche. Du fährst nie in den Urlaub, du nimmst dir nie einen Tag frei …«
»Doch!«
»Um die Wäsche zu machen«, sagte er und schenkte ihr einen vernichtenden Blick. »Deine Mitbewohnerin Sarah hat es mir erzählt.«
»Oh, das hätte sie nicht tun dürfen«, erregte sich Zoe. »Was ich mit meiner Freizeit anstelle, ist allein meine Sache.«
»Schon gut«, rief Miles und trat einen Schritt zurück, als fürchte er, dass sie explodierte. »Ich meine ja nur.«
»Dann lass es einfach bleiben. Außerdem, wer weiß, wie es weitergeht, wenn Ben Tasker morgen anfängt.«
Miles lächelte. »Ja, wer weiß. Vielleicht hast du dann ja mal Zeit für ein Bier im Pub oder ziehst dir mal was anderes an als dunkelblaue Schwesternkittel.«
Nach dieser letzten Bemerkung verlor Zoe endgültig die Geduld und machte sich daran, Arthur zurück in sein Zimmer zu schieben. Dabei erhaschte sie einen Blick auf ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Miles hatte recht, in den ungebügelten Kleidern, mit der fahlen Haut und dem graublonden Haar, das so zerzaust war, als habe es seinen eigenen Willen, wirkte sie wie eine alte Frau. Doch wen kümmerte das schon? Was zählte, war, den Patienten zu einem leichten Tod zu verhelfen, und Zoe war sicher, sie und der neue Troubleshooter wären sich in dieser Frage einig.
Miles war nicht der Einzige, der an diesem Tag zu spät zur Arbeit erschien. Bis zum Ende von Zoes Schicht waren zwei weitere verspätete Pflegerinnen und ein Mitarbeiter des Betreuungsteams dazugekommen. Als sie in den Bus nach Hause stieg, empfand sie wieder einmal Erleichterung darüber, dass die Tage ihrer Verantwortlichkeit gezählt waren. Zu Beginn ihrer Arbeit in The Oaks war das Hospiz schon mehr als dreißig Jahre unter einer unabhängigen Leitung gewesen und hatte jungen wie alten Patienten offengestanden. Zoe hatte es von dem Moment an, da sie durch die Tür getreten war, geliebt. Doch in letzter Zeit war offensichtlich geworden, dass die Geldmittel knapp wurden.
Ständig wurde das Budget gekürzt, und auf den Gängen traf Zoe häufig auf Mitglieder der Geschäftsleitung, die mit gedämpften Stimmen über Einsparungsmöglichkeiten berieten. Im Haus hatte immer eine emsige, positive Atmosphäre geherrscht, aber in den vergangenen Monaten, als an allen Ecken und Enden gespart wurde und Stellen gestrichen wurden, war nicht mehr zu übersehen, dass das Ende eingeläutet worden war. Und so war es keine allzu große Überraschung gewesen, als vor ein paar Wochen die Familie Harper, der eine Reihe von Hospizen im Land gehörte, verkündet hatte, sie werde The Oaks übernehmen. Natürlich löste die Nachricht gemischte Gefühle aus, aber die Geschäftsleitung hatte ihr Bestes getan, um alle davon zu überzeugen, dass die Harpers das Ruder herumzureißen wussten, und der Vertrag wurde geschlossen.
Letzte Woche hatte Zoe erfahren, dass Ben Tasker für ein paar Monate ihre Aufgaben übernehmen würde. Er galt als eine Art Wunderpfleger. Seit einigen Jahren arbeitete er als Troubleshooter für die Familie Harper und stellte sicher, dass sämtliche Hospize profitabel waren, wobei die Versorgung der Patienten das Herzstück jeder Einrichtung war. Um sie herum gab es einigen Unmut über die Veränderungen, aber Zoe war heilfroh. Sie wollte nichts sein als eine Pflegerin, für sie war Ben Taskers Antritt eine gute Sache.
Bald hatte der Bus das Zentrum von Bath erreicht, und Zoe blickte durch die schmutzige Fensterscheibe, als sie sich dem historischen Rathaus näherten. Ein Stück weiter war die Abtei aus dem cremefarbenen Kalkstein, danach kam das Wehr an der Pulteney Bridge, an dem das Wasser so laut rauschte, dass man schreien musste, um sich zu verständigen.
Die Altstadt von Bath hatte Zoes Herz zwei Monate nach ihrer Ankunft in England erobert. Mit einer befreundeten Pflegerin hatte sie von London aus einen Tagesausflug gemacht, und beide waren vom ersten Augenblick an hingerissen. Gemeinsam hatten sie die eleganten Stadthäuser am Royal Crescent und am Circus bewundert und waren ins Zentrum spaziert, wo sie mit Blick auf die Abtei und die Brunnenhallen etwas getrunken hatten. Leider hatte ihr Budget nicht gereicht, um die römischen Bäder zu besuchen, und so hatten sie stattdessen auf dem Queen’s Square ihre Sandwiches vertilgt. Wie sie da saßen und den Boule-Spielern zusahen, war Zoe zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Großbritannien mit sich im Reinen gewesen.
Also hatte sie auf der Busfahrt zurück sowohl an den Vermieter ihres schäbigen WG-Zimmers in Earl’s Court als auch an die Zeitarbeitsagentur geschrieben, bei der sie angestellt war, und bei beiden die fristgerechte Kündigung eingereicht. Einen Monat später war sie in ein Haus in Bath gezogen und hatte die Stelle in The Oaks gefunden. Der Rest war Geschichte.
Nun stieg sie aus dem Bus und ging durch die gepflasterten Straßen der Innenstadt. Die laue Sonne an diesem Frühlingsabend wärmte ihre Haut. Innerhalb weniger Minuten war Zoe zu Hause.
»Hallo?«, rief sie, als sie die schwere Holztür aufschloss und in die winzige Diele trat.
»Wir sind hier«, kam eine Stimme aus dem hinteren Teil des schmalen Reihenhauses.
Zoe lächelte, weil ihre Mitbewohnerin Sarah Rokeby wenigstens dieses eine Mal pünktlich von der Arbeit als Sozialarbeiterin nach Hause gekommen war. Auf dem Weg Richtung Küche war sie kaum zwei Schritte weit gekommen, als ihr Sarahs Tochter entgegenstürzte und geradewegs in ihre Schienbeine raste.
»Wie geht es dir, Lottie?«, fragte Zoe, ihre Stimme voller Wärme, als das kleine Mädchen die kurzen Arme um Zoes Beine schlang.
»Gut. Mummy und ich haben mit Fingerfarben gemalt, und in der Schule gab es Schinkenbrote«, sagte die Sechsjährige, das Gesicht in Zoes Schwesternkittel gedrückt.
»Klingt toll.« Zoe strahlte, nahm das kleine Mädchen auf den Arm und setzte sie sich auf die Hüfte. Gemeinsam betraten sie die Küche, wo Sarah an der Spüle stand und Wasser in den glänzenden Dualit-Kessel füllte. Er hatte eine horrende Summe gekostet, aber Sarah bestand darauf, dass man damit den weltbesten Tee kochen konnte und dass sie kein einziger Penny reute. Zoe hatte das nicht weiter kommentiert. Sie mochte sich an das Leben in England gewöhnt haben, doch die Teebesessenheit verstand sie noch immer nicht. Im besten Fall schmeckte er nach Spülwasser.
»Wie war dein Tag?«, fragte Zoe und setzte Lottie ab.
»Nicht schlecht.« Sarah nickte lächelnd, sodass ihr brauner Bob auf der Schulter wippte. »Ich konnte mich ein bisschen um den Papierkram kümmern, während Lottie ein Mittagsschläfchen gemacht hat.«
Zoe nickte anerkennend. »Gut gemacht. Wie lange dauert es noch, bis ihr eine neue Bürokraft bekommt?«
»Im nächsten Monat fängt jemand Neues an«, antwortete Sarah und unterdrückte ein Gähnen. »Hoffen wir, dass er länger als zwei Wochen bleibt. Vielleicht kann ich mir dann mal einen Tag freinehmen.«
Sarah reichte ihr eine Tasse Kaffee, die Zoe mit einem dankbaren Lächeln entgegennahm.
Zoes Freundin und Mitbewohnerin mit dem offenherzigen Gesicht, den warmen braunen Augen, aus denen so viel Liebenswürdigkeit strahlte, und dem ansteckenden Lächeln war bekannt für ihr Mitgefühl. Als Zoe nach Bath kam, hatte Sarah sie mit offenen Armen bei sich aufgenommen. Damals war sie Sozialarbeiterin in The Oaks gewesen und hatte sich kurz zuvor von Lotties Vater getrennt. Weil sie sich als Alleinerziehende einsam gefühlt hatte, hatte sie Zoe ein Zimmer angeboten und darauf bestanden, dass sie keinerlei Kaution hinterlegen müsse. Zoe war froh gewesen, weil sie knapp bei Kasse war, hatte Sarah allerdings versichert, nur ein paar Wochen zu bleiben, bis sich eine dauerhafte Lösung gefunden hätte. Mittlerweile waren zwei Jahre vergangen und die drei unerwartet zu einer Familie zusammengewachsen.
In diesem Augenblick spürte Zoe das Handy in der Tasche vibrieren. Sie zog es heraus und reagierte gereizt, als sie auf dem Sperrbildschirm eine Nachricht von David aufleuchten sah.
Sarah runzelte die Stirn. »Ist es das, was ich denke?«
Zoe nickte und schob das Handy, ohne die Nachricht zu lesen, zurück in die Tasche.
»Wie aufs Stichwort«, meinte Sarah gleichmütig und setzte sich an den runden Küchentisch.
Seufzend zog Zoe ihrer Freundin gegenüber einen Stuhl an den Tisch. »Seine Nachrichten kommen pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Zu jedem Geburtstag, Weihnachten, zum Monatsersten, und wenn Sean … immer, wenn Sean …«
Die Worte hingen in der Luft, und Zoe war unfähig, den Satz zu vollenden, doch das war bei Sarah gar nicht nötig.
»Liest du sie überhaupt jemals?«, fragte Sarah und zog Lottie auf ihren Schoß.
»Manchmal, aber es steht immer dasselbe drin. Er liebt mich, er vermisst mich, er kann kaum erwarten, dass ich nach Hause komme. So als würde ich bloß Urlaub machen und käme demnächst zurück.«
Sarah schüttelte den Kopf, und Lottie tat es ihr nach, und Zoe musste über den ernsten Gesichtsausdruck lachen, der so gar nicht zu dem kleinen Mädchen passte.
»Warum erlöst du deinen Ex nicht aus seinem Elend und sagst ihm, dass er sich verpissen und dich in Ruhe lassen soll?«, empfahl ihr Sarah, wie sie es schon tausendfach zuvor gemacht hatte.
»So einfach ist das nicht.« Zoe löste ihr Haar aus dem Knoten und schüttelte die Locken aus, während sie sich mental für die Diskussion wappnete, die sie, wann immer David sie kontaktierte, mit Sarah führte.
»Aber so geht das nicht«, argumentierte Sarah. »Diese ganzen Nachrichten tun weder ihm noch dir gut.«
Trauer erfasste Zoe bei dieser Bemerkung. So hatte sie sich das Eheleben nicht vorgestellt. Als sie David kurz nach ihrem einundzwanzigsten Geburtstag geheiratet hatte, hätte sie nie damit gerechnet, dass sie beide irgendwann einmal an entgegengesetzten Enden der Welt leben würden.
»Im Ernst, Zoe, warum lässt du dich nicht einfach scheiden?«, hakte Sarah zaghaft nach. Sie beugte sich über den ramponierten Tisch aus Kiefernholz und griff nach Zoes Hand. »Dann wärst du ein für alle Mal frei und stündest nicht mit einem Fuß in Aussieland und mit dem anderen hier.«
»So ist es nicht«, murmelte Zoe.
»Doch, ganz genau so ist es«, widersprach Sarah nachdrücklich.
Es herrschte Schweigen, während Zoe über die weisen Worte ihrer Freundin nachsann.
»Irgendwie kommt es mir zu früh vor für eine Scheidung. Wir waren mehr als zwanzig Jahre zusammen.«
»Die beiden letzten wart ihr nicht zusammen«, widersprach Sarah unverblümt. Sie zog ihre Hand zurück und nahm sich einen Schokoladenkeks von dem Teller, der in der Mitte des Tischs stand.
Zoe wartete ab, bis Sarah fertig gekaut hatte. »Trotzdem, die Vorstellung tut einfach zu weh. Ich hätte das Gefühl, Sean zu verraten.«
»Selbst wenn es so wäre, dass du Sean damit verrätst – und hier bin ich im Übrigen anderer Meinung«, sagte Sarah mit einem zweiten Keksbissen im Mund, »ist es trotzdem nicht richtig, dass du so in der Schwebe hängst. Du kannst weder die Vergangenheit loslassen noch nach vorne schauen. Würdest du dich für eine klaren Schnitt entscheiden, hättest du vielleicht auch mehr Interesse daran, Verantwortung in der Geschäftsleitung zu übernehmen.«
»Das stimmt alles überhaupt nicht«, erwiderte Zoe erregt. »Außerdem will ich keinen Leitungsposten, ich mag den Alltag in der Pflege.«
»Na, wenn du meinst«, sagte Sarah und wirkte wenig überzeugt. »Aber hast du dir auch darüber Gedanken gemacht, ob dieser Troubleshooter …«
»Ben Tasker«, unterbrach sie Zoe.
»Ja, okay. Also, ob Ben Tasker andere Vorstellungen hat, was dich angeht?«, führte Sarah aus und nahm sich noch einen Keks. Sie hielt Zoe den Teller hin, doch die schüttelte nur den Kopf. »Durchaus möglich, dass er möchte, dass du mehr Verantwortung übernimmst, bei all deiner Erfahrung.«
Über Zoes Miene flackerte Panik, und Sarah musste kichern.
»Jetzt komm schon, so schlimm wäre das doch nicht«, sagte sie aufmunternd.
»Doch, verdammt, das wäre es!« Zoe überlegte sich die Sache mit den Keksen anders und nahm sich zwei. »Als die Harpers vor der Übernahme für ein Meeting zu uns kamen, hat mich ihr Personalchef zweimal gefragt, ob ich Interesse an einer verantwortungsvolleren Position hätte, und ich habe abgelehnt. Dieser Ben Tasker soll sich lieber nicht an mich halten. Mir reichen die Tablettenausgabe, Dienstpläne und Bettpfannen, vielen Dank.«
»Und die Briefe«, fügte Sarah hinzu. »Vergiss die Briefe nicht.«
»Höre ich da Sarkasmus heraus?«, blaffte Zoe, wobei sie Kekskrümel über den ganzen Tisch verteilte und Lottie zum Lachen brachte.
»Von wegen!« Sarah schenkte ihr einen lammfrommen Blick, und Zoe trank ihren Kaffee aus.
Das war das Großartige an ihrer Freundschaft, dachte Zoe. Sie wussten beide genau, wie weit sie bei der anderen gehen durften und wann es genug war.
»Wo wir davon reden: Ich muss einen Brief übergeben«, sagte Zoe. »Habt ihr zwei Lust, mich zu begleiten?«
»Aber du bist doch gerade erst nach Hause gekommen«, begehrte Sarah auf. »Ich dachte, wir schauen uns irgendeinen Quatsch auf Netflix an und trinken billigen Wein, wenn ich Lottie ins Bett gebracht habe.«
»Das ist ungerecht!«, protestierte Lottie, die mit ihren sechs Jahren keinen Spaß verpassen wollte. »Ich will auch billigen Wein.«
Bei dieser Bemerkung kicherten die beiden Frauen, während sich auf Lotties Miene geradezu musterhaft kindliche Verärgerung abzeichnete.
»Es ist nicht weit von hier«, sagte Zoe. »Ihr könntet beide mitkommen. Das wird nett.«
Sarah wirkte skeptisch. »Beim letzten Mal, als ich dabei war, hast du einer Frau einen Brief auf knallrosa Papier gegeben, in dem die Schwester gestand, dass sie ihr den gesamten Schmuck gestohlen hatte und nun auf dem Sterbebett die Wahrheit sagen wollte. Die Situation war mehr als peinlich.«
Zoe lachte. Zugegeben, es war eine unangenehme Botschaft gewesen, aber sie hatte nicht geahnt, dass die Schwester so ältlich und unerbittlich sein würde, und auch nicht, dass zu dem Schmuck zwei De-Beers-Diamanten gehört hatten.
»Das wird anders, versprochen.«
Sarah wirkte immer noch misstrauisch. »Na gut. Aber wenn es so schlimm wird wie letztes Mal, dann will ich hinterher Pommes und eine Flasche Fusel.«
»Ich auch!«, pflichtete ihr Lottie bei, rutschte von Sarahs Knien und nahm Zoe an der Hand. Zoe sah auf das kleine Mädchen hinunter und spürte eine Woge der Zuneigung. Sie hatte Kinder immer geliebt, und Lottie nahm einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen ein, gleich neben der Lücke, die niemals gefüllt werden könnte.
Glücklicherweise war die Übergabe der Botschaft an den Sohn eines ehemaligen Marineoffiziers glatt über die Bühne gegangen. Der Umschlag hatte keinerlei Überraschungen enthalten, sondern nur ein paar liebevolle Worte des Vaters an seinen Sohn – ein formvollendeter Abschied.
Trotz des erfolgreich verlaufenen Besuchs – weswegen sich auch der billige Wein erübrigte – wachte Zoe am folgenden Morgen müde und mit schwerem Kopf auf. Die ungelesene Nachricht von David hatte ihr keine Ruhe gelassen, und den Großteil der Nacht hatte sie sich von einer Seite auf die andere gewälzt, während sich ihr Noch-Ehemann in das bisschen Schlaf, das sie abbekam, gedrängt hatte.
Aufrecht saß sie in dem Doppelbett, das in Sarahs Gästezimmer gequetscht war. Sie bemühte sich, gleichmäßig zu atmen, griff nach dem Wasserglas auf dem Nachttisch und trank einen Schluck. Die Träume hatten sich so echt angefühlt. Sie hatte am Strand gelegen und ein Buch gelesen, dann waren David und Zoes Mutter Ruth gekommen und hatten eine Überraschung angekündigt. Nach viel Geklatsche und Gejohle war Sean aufgetaucht und hatte Zoe sein übliches strahlendes Lächeln geschenkt. Er hatte sich kein bisschen verändert, dachte sie, während ihr Blick sein Gesicht abtastete, sein goldblondes Haar und seine sommersprossige Nase registrierte. Hastig hatte sie sich aufgerappelt, voller Sehnsucht, ihn in die Arme zu schließen. Kaum war sie auf den Beinen, hatte Sean sich zurückgezogen und war im Meer verschwunden. Sie hatte geschrien, ihn angefleht zurückzukommen, und war aufgewacht. Schweiß tropfte ihr von der Stirn, und ihr Körper hatte sich in den feuchten Laken verheddert.
Langsam atmete sie durch die Nase ein und aus, so wie es ihr die Psychologin beigebracht hatte. Als sie sich beruhigt hatte, zog Zoe sich an und füllte Kaffee in die Thermoskanne. Kurz hielt sie inne und griff dann nach den Autoschlüsseln, froh, dass ihr ein Parkplatz sicher war, wenn sie so früh zur Arbeit erschien.
Der Morgen brach gerade an, als Zoe The Oaks erreichte, und sie gönnte sich einen Moment, um den Anblick auszukosten. Das Gebäude stand in einer weitläufigen Parklandschaft mit breiten Wegen, auf denen Kirschblüten lagen. Lauschige Senken und Nischen verliehen dem Garten eine behagliche Atmosphäre, und die hohen Hecken, die ihn umgaben, hielten jeglichen Lärm von der Straße fern, wodurch das Hospiz den Eindruck eines friedlichen Zuhauses erweckte. Von diesem Punkt aus hatte sie The Oaks das erste Mal erblickt und war verzaubert gewesen. Während ihre Augen über das viktorianische Herrenhaus wanderten, hoffte sie nur, dass es Ben Tasker bei seinem Eintreffen später am Tag ähnlich ergehen würde.
Als sie aus dem Auto stieg, wurde ihr bewusst, dass sie nervös war. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ihre Zeit als Pflegedienstleitung vorbei wäre, bedeutete die Übernahme ohne Zweifel Veränderung. Beim Hineingehen grüßte Zoe den Sicherheitsmann mit einem Nicken und ignorierte den Bleichmittelgeruch von den frühmorgendlichen Reinigungsleuten, der ihr in die Nase stieg. Jemand rief ihren Namen. Als sie sich umdrehte, stand die Hospizleiterin Karen Lowell vor ihr. Die Verwaltung war zwar großteils digitalisiert, doch Karen war altmodisch und bevorzugte Papier. Sie hatte Dutzende Aktenmappen im Arm, die Brille rutschte ihr von der Nase, und ihre Strickjacke war falsch geknöpft. Zoe entspannte sich. Karen war bodenständig, verantwortungsbewusst und nett und liebte genau wie sie selbst die persönliche Note, die Papier besaß. Es war also nicht überraschend, dass Zoe sich in Gegenwart der älteren Frau wohlfühlte.
»Endlich bist du aus dem Schneider.« Karen grinste.
»Endlich«, sagte Zoe und genoss das Gefühl der Erleichterung, das sie bei diesem Wort durchflutete.
»Du machst die Übergabe an Ben, aber ihm steht ein ziemlich voller Tag oben bei uns bevor mit den ganzen Compliance-Videos und so«, erklärte Karen, während sie eilig den Gang entlanglief.
Zoe gab sich Mühe, mit der Leiterin Schritt zu halten. »Daran erinnere ich mich gut.«
»Ganz genau«, sagte Karen in jenem Tonfall, den Zoe mittlerweile als vornehmsten Bath-Akzent identifizierte. »Also, könntest du dich solange weiter um den alltäglichen Kram kümmern, bis er sich eingelebt hat?«
Zoe nickte, und Karen machte eine Pause.
»Da wäre noch etwas«, meinte die Hospizleiterin dann. »Heute Vormittag bekommen wir einen eher außergewöhnlichen Neuzugang. Du weiß ja, wer Simon Harper ist, der neue Eigentümer. Er bringt seine Mutter hierher und hat darum gebeten, dass du die Sache beaufsichtigst.«
»Ich?« Zoe hielt die Luft an. »Warum?«
»Vermutlich eilt dir ein besonderer Ruf voraus«, erwiderte Karen mit einem Lächeln. »Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass du unsere beste Pflegerin bist, und es ist außerdem allgemein bekannt, dass du das Amt als Verantwortliche nicht weiter ausüben willst.«
»Mir ging es immer um die Patienten.«
»Das wissen wir alle, und dafür sind wir dir sehr dankbar«, sagte Karen ruhig. »Du musst dir nur darüber bewusst sein, wenn Leute explizit dich bitten, sich um ihre sterbenden Mütter zu kümmern. Wenn du das machst, dann sehen sie in dir automatisch die Chefin.«
»Ich weiß.« Zoe seufzte. Sie wusste, sie sollte sich geschmeichelt fühlen, tatsächlich aber war sie viel zu müde und durcheinander von den Träumen, die so real gewirkt hatten. »Wann kommt Simons Mutter?«
»Heute Vormittag.« Karen drückte Zoe eine Aktenmappe in die Hand. »Hier steht alles über sie drin. Sie wird anfangs nur zur Tagespflege da sein.«
»Madeleine Harper, vierundsiebzig, Hirntumor«, las Zoe vor, während sie die Mappe durchblätterte. »O Mann. Heutzutage ist das kein Alter.«
»Richtig«, antwortete Karen kurz angebunden. »Wir erwarten sie um neun – kann ich dir das überlassen?«
Zoe hatte kaum genickt, als Karen sie stehen ließ und weiterlief.
»Ach, Zoe.« Abrupt hielt Karen auf dem Korridor inne. Zoe sah auf. »Bitte achte darauf, dass Mr Tasker sich in der Belegschaft wohlfühlt.«
»Natürlich«, meinte Zoe. »Ich bin sicher, Ben will dasselbe, was alle anderen auch wollen, nämlich das Beste für die Patienten.«
Karen entfuhr ein schroffes Lachen. »Das mag schon sein, aber vergiss nicht, dass Mr Tasker ein paar recht revolutionäre Vorstellungen hat. Da ich zu den Leuten gehöre, die diese verfluchte Übernahme organisieren müssen, würde es mir wirklich viel bedeuten, wenn du ihn und seine Ideen vollumfänglich unterstützt.«
Karen hatte etwas an sich, das es unmöglich machte, sich ihr zu widersetzen, darüber hinaus aber hatte sie mehr als dreißig Jahre als Pflegerin an vorderster Front gekämpft. Demzufolge hielt Zoe große Stücke auf sie und nickte pflichtschuldig.
»Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen«, sagte Karen lächelnd. »Unter der Akte von Mrs Harper sind noch ein paar Formulare, die du bitte ausfüllen solltest. Ich wäre dir dankbar, wenn du das so bald wie möglich erledigst und sie in Mr Taskers Postfach legst.«
Zoe blätterte die Unterlagen durch. Es gab einen Fragebogen dazu, was man sich persönlich von der Rolle als Pfleger erwartete, einen zum Führungsstil und ein Formular, in das man etwaige außerberufliche Hobbys eintragen konnte und das, was man persönlich für das Hospiz machen könnte. Beim Anblick all dessen stutzte Zoe. Woher nahm der neue Troubleshooter die Zeit für solche Sachen? Sie wollte gerade etwas dazu sagen, als sie bemerkte, dass Karen immer noch redete.
»Denk bitte auch an den 14. Mai!«
»Wie bitte?« Verständnislos blickte Zoe die Leiterin an.
»Der Vierzehnte«, wiederholte Karen ungeduldig. »Ein Donnerstag. Wir heißen die neuen Eigentümer mit einem kleinen Umtrunk für die Belegschaft und Freunde im Hospiz willkommen. Bring deine Mitbewohnerin mit.«
Es war eher eine Aufforderung als eine Frage.
»Oh, in Ordnung.«
»Wunderbar.« Karen strahlte. »Schön, dich zu sehen, Zoe.«
Mit diesen Worten marschierte Karen über den Korridor davon in Richtung ihres Büros und ließ Zoe mit Mrs Harpers Akte stehen. Zoe ging in den leeren Aufenthaltsraum und setzte sich auf die Kante eines der Ohrensessel. Sie schob die Hand in den vollgestopften Rucksack, kramte in dem üblichen Durcheinander aus Handdesinfektionsgel, Gesichtsmasken, ihrem Kindle, Handy und einem sauberen T-Shirt, bis sie ertastete, wonach sie suchte. Sie zog eine Handvoll farbenfroher Briefkärtchen heraus, suchte eines mit dem Bild einer heiteren Meereslandschaft heraus, klappte es auf, und während der schwarze Füller über der Karte schwebte, dachte sie einen Augenblick nach und begann dann zu schreiben.
Liebe Mrs Harper,
willkommen in The Oaks. Ihnen steht eine Herausforderung bevor, aber egal wofür und wann immer Sie uns brauchen, wir sind für Sie da.
Hochachtungsvoll
Zoe Evans, Pflegedienstleitung
Zoe steckte die Karte in den Umschlag und suchte Mrs Harpers Zimmer auf. Sorgfältig platzierte sie den Brief auf dem Kopfkissen, zog die ohnehin tadellosen Laken straff und lächelte. Der Brief mochte keine Verbesserung der Diagnose bewirken, doch Zoe hoffte, dass diese kleine Geste Mrs Harper half, darauf zu vertrauen, dass es noch Hoffnung gab, an der sie Halt finden konnte.
Trotz aller Versprechungen hatte Zoe im Laufe ihrer Schicht keine Gelegenheit, Ben Tasker kennenzulernen. Genau genommen wurde sie in dem Augenblick, da sie sich an den Schreibtisch setzen wollte, von Karens Stellvertreterin Indira belagert, die einen Furcht einflößend großen Stapel an Papier im Arm hielt.
»Kannst du das hier durchsehen?«, bat sie, und auf die hellbraunen Züge legte sich ihr typisches verschmitztes Grinsen.
»Was ist das?«, fragte Zoe und betrachtete argwöhnisch die A4-Blätter, die aus Indiras Griff herausgerutscht waren.
»Abrechnungen, mit denen du zu tun hattest, Bestellungen, Inventurverzeichnisse. Karen möchte, dass Ben mit reinem Tisch loslegen kann.«
Zoe war fassungslos. »Machst du Witze?«
Indira, eine Frau nur wenig älter als Zoe, schenkte ihr ein verlegenes Lächeln. »Es dauert nicht lang. Vielleicht könntest du dich daransetzen, sobald du Mrs Harper alles gezeigt hast.«
»Mrs Harper ist schon da?«, fragte Zoe. Sie folgte Indiras Blick und bemerkte eine ältere Frau mit dichtem dunklem Haar mit grauen Sprenkeln und direkt neben ihr den neuen Besitzer von The Oaks, Simon Harper. Kurzzeitig war Zoe aus der Fassung gebracht. Sie war Mr Harper erst ein einziges Mal begegnet, hatte ihn aber mit seinem breiten Körperbau und dem kantigen Kiefer als gewichtig und unbeugsam empfunden. Jetzt aber, als er versuchte, seine Mutter dazu zu bewegen, sich in einen Rollstuhl zu setzen, wirkte er wie ein hilfloser kleiner Junge, und Zoe empfand Mitleid mit beiden.
»Noch bin ich keine Invalidin, mein Lieber.« Die gleichmäßige, entschiedene Stimme von Mrs Harper war im Gang deutlich vernehmbar, als Zoe auf die beiden zuging. »Also behandle mich bitte auch nicht wie eine.«
»Ich will dir nur helfen«, verteidigte sich Mr Harper. »Ich mache das doch um deinetwillen.«
»Nein, Simon«, fiel ihm Mrs Harper ins Wort. »Du machst das um deinetwillen. Du brauchst die Tatsachen gar nicht zu verdrehen und irgendetwas anderes zu behaupten.«
Zoe lächelte freundlich, um der Auseinandersetzung ein Ende zu machen.
»Mrs Harper, Mr Harper«, sagte sie und reichte beiden die rechte Hand zur Begrüßung. »Es ist mir eine Freude, Sie hier willkommen zu heißen. Mein Name ist Zoe. Ich bin eine der Pflegerinnen und kümmere mich heute um Sie.«
Die alte Dame wandte sich Zoe zu und schenkte ihr ein Lächeln, das ihre grauen Augen nicht erreichte. »Danke, meine Liebe. Ich würde auch gern sagen, dass es mir eine Freude ist, aber ganz ehrlich, wer landet am Ende seines Lebens schon gern in einem Hospiz?«
Zoe unterdrückte ein Kichern, während die Frau angewidert die Umgebung musterte und ihr Blick auf den magnolienfarbenen Wänden verweilte, die dringend eines Neuanstrichs bedurften. Insgeheim freute Zoe sich über die unverblümteren Patienten – mit ihnen wurde das Leben interessanter.
»Mutter, bitte«, sagte Mr Harper, und Zoe vermutete, dass ihm der Einwand bereits vertraut war.
Mrs Harper streckte die Hände aus und gab sich geschlagen. »Schon gut, war nur Spaß. Ist auch nur ein Tag wie jeder andere. Bestimmt werden Zoe und ich uns prächtig verstehen.«
Zoe nahm das als Stichwort für ein bekräftigendes Lächeln, hob die Mundwinkel und wandte sich an ihren neuen Chef. »Natürlich werden wir das. Mrs Harper, darf ich Sie herumführen?«
Auf Mr Harpers Miene zeichnete sich Erleichterung ab. »Ich hole dich später wieder ab, Mutter.«
Er beugte sich zu seiner Mutter hinunter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, und ging dann zügig durch den Korridor davon.
Mrs Harper ließ ein Seufzen hören. »Ich weiß, er meint es gut, aber seit der Diagnose macht er ein Gewese, als wäre ich eine alte Frau. Ich wette, das war einer der Gründe, warum er dieses Hospiz gekauft hat.«
Zoe stellte sich hinter den Rollstuhl und atmete eine Wolke Chanel No. 5 ein. Mrs Harper hatte offensichtlich noch ihren Stolz, dachte Zoe, während sie ihren neuesten Schützling Richtung Aufenthaltsraum schob.
»Warum sollte er deswegen das Hospiz kaufen?«, fragte sie.
»Weil das hier, bevor es ein Hospiz wurde, mein Elternhaus war«, erklärte die Frau mit einiger Vehemenz. »Einen Umstand allerdings hat mein Sohn praktischerweise vergessen, nämlich jenen, dass ich es gehasst habe.« Sie wandte sich zu Zoe um, als sie den hell erleuchteten Raum voller plaudernder, lesender und Karten spielender Patienten betraten. »Das hier war das Esszimmer. Meine Mutter hat großartige Partys gegeben, bei denen sich mein Vater betrunken hat und sich zum Idioten gemacht hat. Es war keine schöne Zeit. Ich bin so früh wie möglich abgehauen.«
Zoe schob den Rollstuhl ans Fenster, tätschelte Mrs Harper die Schulter und holte ihr eine Tasse Tee von der Maschine am anderen Ende des Saals. Sie drückte sie der alten Frau in die Hand und setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl. »Warum also wollte Ihr Sohn, dass Sie Ihre letzte Reise von hier aus antreten?«
Mrs Harper verdrehte die Augen und setzte die Tasse auf dem hölzernen Couchtisch ab, der zwischen ihnen stand. »Weil er glaubt, dass es für mich eine Rückkehr nach Hause ist. Er hat vergessen, wie selten ich ihn zu den Großeltern mitgenommen habe. Und wenn doch, konnte ich nicht schnell genug wieder wegkommen.«
»Das tut mir leid«, sagte Zoe. »Soll ich mit ihm reden?«
Mrs Harper entfuhr ein schnaubendes Lachen. »Mein Sohn und auf jemand anders hören? Ich denke, das wird nichts, meine Liebe, aber ich weiß Ihr Angebot zu schätzen. Haben Sie Kinder?«
Zoe war kurz davor, den Kopf zu schütteln, wie sie es immer tat, aber etwas an Mrs Harpers Art weckte in ihr den Wunsch, die Wahrheit zu sagen.
»Ja, einen Jungen.«
»Also, wenn Sie meinen Rat wollen, lassen Sie ihn nicht groß werden«, sagte Mrs Harper nüchtern. »Wenn sie erwachsen sind, werden sie zu Männern, die man kaum wiedererkennt.«
Mrs Harpers klare Augen wanderten zum Fenster, und Zoe rang um Fassung. Sie holte tief Luft, während ihr das Herz raste und sie alle Kraft zusammennahm, um das Bild von Sean aus dem Kopf zu verscheuchen. Sie durfte nicht zulassen, dass ihre Vergangenheit in der Arbeit die Oberhand gewann. Denn die Arbeit war das Einzige, was ihr Halt gab.
Da Zoe so viel anderes zu tun hatte, überließ sie Miles die Versorgung von Mrs Harper für den Rest des Tages, und als die Schicht um sechs Uhr zu Ende war, war sie zutiefst erleichtert, Schluss machen zu können. Sie trat aus der Tür des Hospizes und umrundete das Gebäude. Als sie sicher war, außer Sichtweite zu sein, lehnte sie sich an eine der großen Eichen und stöhnte laut.
»Klingt, als wäre Ihr Tag fast so schlimm wie meiner gewesen«, erklang eine tiefe Stimme.
Sie schreckte hoch, verärgert und peinlich berührt, dass man sie in einem so intimen Moment ertappt hatte. Sie spähte hinter den Baum und entdeckte einen groß gewachsenen dunkelhäutigen Mann, der einen grauen Anzug trug und um dessen Hals eine gelockerte Krawatte baumelte. Die Füße überkreuzt, lehnte er am Stamm, und sie bemerkte, dass er eine sehr teuer aussehende Zigarre rauchte.
»Die dürfen Sie hier nicht rauchen«, blaffte sie ihn an.
»Warum nicht?«, fragte der Mann, formte mit den Lippen ein großes »O« und blies einen perfekten Rauchkringel aus. »Soweit ich informiert bin, darf man im Freien noch rauchen.«
»Ja, aber das hier ist ein Hospiz«, wetterte sie und wedelte sich ostentativ den Rauch aus dem Gesicht. »Das gehört sich nicht.«
»Warum nicht? Weil alle sterben?« Der Mann lachte, und das Lächeln erreichte auch seine braunen Augen. »Ich glaube nicht, dass das noch eine Rolle spielt.«
»Nein, sondern weil es respektlos ist«, entgegnete Zoe.
Sie hasste die Streite zu diesem Thema. Manchmal brachten Besucher Whisky, Wein oder sogar Drogen für ihre Angehörigen ins The Oaks, um ihnen die letzten Augenblicke zu erleichtern, weil es ihrer Meinung darauf auch nicht mehr ankam. Mit dieser Haltung hatte Zoe Schwierigkeiten. Nicht dass der Alkohol und die Drogen sie töten würden, es war eine Frage der Pietät. Sie warf dem Mann einen finsteren Blick zu und spürte Genugtuung, als er die Zigarre auf den Boden warf und mit dem Schuh austrat.
»Sie haben recht, tut mir leid«, sagte er mit zerknirschter Miene. »War ein harter Tag.«
»Ja, meiner auch.«
»Ich nehme an, als Pflegerin und nicht als Bewohnerin?«, sagte der Mann und deutete auf ihre Arbeitskleidung.
»Wie haben Sie das nur erraten?«, antwortete Zoe sarkastisch, die immer noch aufgebracht war von der Auseinandersetzung.
»Haben Sie eine leitende Funktion?«, fragte er.
Ungehalten schüttelte sie den Kopf. Sie war müde, wollte nach Hause und ein Glas Wein trinken. »Nein.«
»Sicher nicht?« Der Mann zog die Augenbrauen hoch. »Sie wirken genervt, und so, wie Sie mich fürs Rauchen zusammengestaucht haben, hatte das durchaus etwas Herrisches an sich.«
»Ich habe Sie doch nicht zusammengestaucht«, entgegnete Zoe. »Ich habe Sie bloß gebeten, nicht auf dem Hospizgelände zu rauchen. Mich geht es nichts an, wenn Sie sich umbringen wollen.«
»Ganz genau.« Der Mann grinste. »Die Zigarre war zwar eine einmalige Sache, aber es würde Sie nicht weiter kümmern, wenn ich mir in ein paar Minuten wieder eine anzünde?«
»Was Sie dort draußen machen«, meinte Zoe und deutete mit einer Kopfbewegung zur Straße, »geht mir am Arsch vorbei.«
»Bei den Patienten schlagen Sie bestimmt ein wie eine Bombe«, feixte der Mann. »Ihre Umgangsformen sind wirklich charmant.«
Zoe verdrehte die Augen, steckte die Hände in die Kitteltaschen und ging Richtung Parkplatz. Sie war nicht zum Scherzen aufgelegt.
»Wollen Sie mir noch nicht einmal Auf Wiedersehen sagen?«, rief er ihr nach.
Zoe schluckte ihren Ärger hinunter und warf sich geradezu auf den Sitz, kaum dass sie am Auto war. Der Tag hatte schlecht begonnen und war nach dem Gespräch mit Mrs Harper nur noch schlimmer geworden. Sie stützte den Kopf ans Lenkrad, schloss die Augen und erlaubte sich endlich, an ihren Sohn zu denken. Bilder davon, wie er Sandburgen am Strand baute, wie er grinsend Toy Story anschaute, wie er wohlbehalten in seinem Bett schlief, rasten vor ihrem inneren Auge vorbei wie ein vorwärtsspulender Film. Erst jetzt gab sich Zoe den Tränen hin, die sich seit dem Aufwachen bedrohlich aufgestaut hatten. Das einzig Gute war, dass der rauchende Mann nicht in der Nähe war und nichts mehr davon mitbekam.
Als Zoe am darauffolgenden Morgen zur Arbeit kam, stahl sie sich am Schwesternzimmer vorbei, um zu vermeiden, dass man sie abpasste. Es gab da etwas, was sie erledigen wollte, bevor sie sich offiziell zur Arbeit meldete.
Sie tappte zu Arthurs Zimmer, schob vorsichtig die Tür auf und sah ihn sanft schnarchend im Bett liegen, während seine Frau Audrey schlafend auf dem Stuhl neben ihm saß. Eingehend betrachtete Zoe das Paar und bemerkte, dass Arthur Audreys Hand fest umklammerte. Ungeachtet all seines Gezeters war offensichtlich, dass Arthur seine Frau über alles liebte.
Vorsichtig, um das schlafende Paar nicht zu wecken, rückte Zoe die Wasserkaraffe zur Seite und legte zwei Umschläge auf den Nachttisch. Für Arthur hatte sie eines ihrer Lieblingsmeeresmotive ausgesucht, mit ein paar Worten, in denen sie ihm für die Freude dankte, die er ihr jeden Tag bescherte. Den Brief an Audrey hatte sie auf einen handgeschöpften hellblauen Briefbogen geschrieben. Das Papier hatte sie in einer Papeterie gekauft, und in dem Moment, in dem sie die Prägung mit der silbernen Sternschnuppe am oberen Rand gesehen hatte, hatte sie gewusst, wie perfekt es für jemanden geeignet war, der ein nettes Wort gebrauchen konnte, um durch den Tag zu kommen.
Als die Briefe sicher zugestellt waren, kehrte Zoe zum Stationszimmer zurück, wo Indira auf einem Stuhl saß, den prüfenden Blick auf den Computermonitor gerichtet.
»Was machst du hier?«, fragte Zoe.
Indira sah auf und lächelte. »Ben hat mich gebeten, unser Instagram-Profil zu aktualisieren. Ich habe Bilder hochgeladen und will ein paar hübsche Momente aussuchen, während wir die Zimmer für die Neuzugänge fertig machen.«
Zoe furchte die Stirn, während sie Indira über die Schulter spähte. »Ich wusste gar nicht, dass wir heute neue Patienten aufnehmen.«
»Zwei Patienten aus dem Hospiz St Mary’s«, antwortete Indira. »Sie waren in der Tagespflege, aber Ben hat ihren Umzug hierher in die Wege geleitet. Oh, und Mrs Kennington ist letzte Nacht gestorben.«
»O nein.« Zoe setzte den Rucksack auf dem Boden ab. »Hat sie noch alles regeln können?«
»Falls du damit meinst, ob jemand ihre letzten Worte dokumentiert hat, dann ist die Antwort Nein«, sagte Indira und verdrehte die Augen.
Zoe unterdrückte ihre leichte Gereiztheit. Mrs Kennington war erst gestern aufgenommen worden, und Zoe war so mit Mrs Harper und den Vorbereitungen für Ben beschäftigt gewesen, dass sie keine Zeit gefunden hatte, mit ihr über letzte Worte zu reden oder ihr auch nur eine Karte zur Begrüßung zu schreiben.
»Mach dir keinen Kopf, weißt du, sie hatte ein gutes Ende«, sagte Indira sanft, als sie Zoes Gesichtsausdruck bemerkte. »Es war sehr friedlich, und ihre Tochter war bei ihr.«
»Oh, das ist gut.« Zoe seufzte. »Ich wünschte, ich hätte wenigstens die Gelegenheit gehabt, sie zu begrüßen.«
»Du kannst nicht alles machen.«
»Nein, aber ich hoffe, dass ich wenigstens keinen Papierkram mehr erledigen muss, jetzt wo wir einen neuen Chef haben.«
Indira erwiderte nichts, sondern blickte über den Gang. Zoe folgte ihrem Blick. Im Hospiz herrschte wie üblich um sieben Uhr morgens geschäftiger Betrieb, wenn die Ärzte ihre Visite machten und die Patienten sich im Bett aufsetzten und an ihren Lippen hingen. Andere waren im Aufenthaltsraum und klammerten sich an ihre alten Gewohnheiten, lauschten der Frühstückssendung im Radio, lasen die Zeitung oder spielten auf dem Handy herum. Alles wirkte wie immer. In der Ecke allerdings stand ein Mann in derselben dunkelblauen Uniform wie Zoe, den sie nicht kannte.
»Wer ist der Mann, der sich mit Mrs Taylor unterhält?«, fragte sie, während der in ein dröhnendes Lachen ausbrach, das im ganzen Aufenthaltsraum widerhallte.
»Das ist Ben Tasker. Bist du ihm gestern gar nicht begegnet?«
Zoe schüttelte den Kopf. »Hatte keine Gelegenheit.«
»Er ist wunderbar«, sagte Indira mit echter Begeisterung. »Geh hin und stell dich vor.«
Als Ben wieder lachte, musste auch Zoe lächeln. Der Klang seines Lachens hatte etwas ausgesprochen Tröstliches. Es war aufrichtig und kam von Herzen. Sie nickte Indira zu und ging auf Ben zu, der sich im selben Augenblick umwandte. Abrupt blieb Zoe stehen. Ben Tasker war kein anderer als der Kerl, den sie am Abend zuvor angefahren hatte, weil er geraucht hatte.
Als sich ihre Blicke trafen, spürte sie, wie ihre Wangen glühend rot wurden und ihr das Blut heftig durch die Venen pumpte. Sie war grob gewesen. Ben war neu und außerdem ihr Chef. Sie müsste sich entschuldigen. Sie zwang sich weiterzugehen und bemühte sich, die Panik zu ignorieren, die sich in ihrem Magen zusammenbraute.
Beim Näherkommen betrachtete sie ihn genauer. Mit seiner Glatze, der dunklen Haut und den Fältchen in den Augenwinkeln, wenn er lächelte, wirkte er ganz anders als der Mann, mit dem sie sich gestern gestritten hatte. Entspannter, sogar freundlicher.
»Zoe Evans«, sagte sie nervös und streckte ihm die Hand hin. »Ich fürchte, wir hatten keinen allzu guten Start.«
Ben antwortete nicht sofort, sondern musterte sie von oben bis unten und ergriff ihre Hand.
»Sie meinen, als Sie mich angepflaumt haben, weil ich mir zur Feier meines ersten Arbeitstages im neuen Job eine Zigarre gegönnt habe?«, sagte er, und seine Augen funkelten schelmisch.
»So in der Art«, bestätigte Zoe und kam sich merkwürdig unbeholfen vor, als sie seine Hand losließ. »Ich wusste nicht, wer Sie sind.«
»Ach.« Bens Mundwinkel zuckten. »Sie beschimpfen also nur Leute, die nicht Ihre Vorgesetzten sind?«
»So war das nicht«, setzte Zoe noch einmal an.
Ben lächelte. »Keine Sorge. Vergessen wir das.«
Auf diesen Vorschlag reagierte Zoe mit Erleichterung. »Wie leben Sie sich ein?«
Ben ließ den Blick über den Aufenthaltsraum schweifen. »Ganz gut. Alle wirken sehr nett, aber es ist ganz anders als mein alter Arbeitsplatz.«
»Inwiefern?«, fragte Zoe.
»Größer, mehr Patienten«, erklärte er. »Das hier wird eine besondere Herausforderung, außerdem haben die Harpers große Pläne.«
»Sie haben eine Menge am Hals.«
»Das Problem ist, dass ich nie lange in einem Job bleibe, meistens zwischen sechs Monaten und einem Jahr, ich habe also nie etwas von meinen Veränderungen.«
»Das klingt hart, trotzdem gefällt mir die Vorstellung, immer mal wieder etwas Neues anzufangen.«
»Ja, das ist nicht schlecht«, antwortete Ben. Er verstummte, und Zoe bemerkte, wie sein Blick auf die Tür zur Kinderstation fiel. »Ich glaube, hier sind mehr Kinder als bei meiner letzten Stelle«, sagte er leise. »Dort hatten wir nur alle paar Monate eines. Seit ich hier bin, habe ich schon zwei Neuzugänge bei den Kindern beaufsichtigt. Die Eltern waren so furchtbar verzweifelt.«
»Das kann ich mir vorstellen«, antwortete Zoe. »Für die kleinen Murkel ist es schlimm, aber erstaunlicherweise sind sie immer fröhlicher als alle anderen.«
Ben zog die Augenbrauen zusammen. »Murkel? Dachte ich mir doch, dass ich da einen australischen Tonfall rausgehört habe. Woher kommen Sie?«
Zoe lächelte und gab die übliche Antwort auf diese häufig gestellte Frage. »Sydney. Ich denke immer, ich habe mir den Aussie-Akzent abgewöhnt, und dann stolpere ich doch wieder darüber.«
»Sie sollten sich den nicht abgewöhnen«, meinte Ben. »Dialekte sind wichtig. Damit zeigen wir, dass wir nicht alle gleich sind.«
»Sie hingegen sind natürlich reinstes, feinstes Bath«, foppte sie ihn freundlich.
»Ich, Schätzchen, stamme aus dem Scherbenviertel dieser Stadt«, sagte er, wobei er den neutralen Tonfall ablegte und in einen ausgesprochen überzeugenden West-Country-Akzent fiel.
Überrascht stutzte Zoe. »Entweder sind Sie ein sehr begabter Imitator, oder Sie sagen die Wahrheit.«
»Ich sage die Wahrheit.« Ben zwinkerte voller Vergnügen. »In den ersten zwanzig Jahren meines Lebens habe ich immer so geredet.«
»Was ist dann passiert?«
»Ich bin aus Bath weg, um Biomedizin in Oxford zu studieren, und im Anschluss nach London gezogen.« Er zuckte die Schultern.
»Ach so.« Zoe nickte wissend. »Aber wie kommt es, dass man Sie dort reingelassen hat, wenn Sie aus dem Scherbenviertel von Bath kommen?«
»Ich war die ›Vorzeigeminorität‹.« Zoe merkte, dass Ben etwas erschöpft klang. Er steckte die Hände in die Taschen seines Kittels. »Schwarzer Junge, schlau, von der alleinerziehenden Mutter ermuntert und mit einem Nachbarn, der etwas von Mathematik verstand. Hat gereicht, um mich zum Lernen anzustiften, sodass ich auf die Uni gehen konnte – als der Erste in der Familie.«
»Ich war auch die Erste in unserer Familie, die studiert hat.«
»Was haben Sie studiert?«, fragte Ben.
»Krankenpflege«, antwortete Zoe, als verstünde sich das von selbst. »Ich wollte nie etwas anderes machen.«
»Es muss schön sein, wenn man sich schon im jungen Alter so im Klaren ist«, sinnierte Ben.
»Darüber habe ich nie nachgedacht«, meinte Zoe und rieb sich das Kinn. »Wahrscheinlich war es so. Dann haben Sie wohl eher nicht davon geträumt, Pfleger zu werden?«
Ben lachte. »Nie im Leben! Ich wollte Rapper werden.«
Zoe kicherte. »Und dafür haben Sie Biomedizin studiert? Wie ist es dazu gekommen?«
»Ich musste mir eingestehen, dass ich total mies im Rappen bin«, räumte er ein. »Na ja, aus dem Schaden für Drake wurde ein Gewinn für die Pflege.«
Während bei Zoe langsam eine Erkenntnis dämmerte, starrte sie ihn an. »Sind Sie der Ben Tasker, der vor ein paar Jahren den Preis für Palliativkompetenz bekommen hat?«
Diesmal wirkte Ben peinlich berührt. »Na ja, ich war Teil eines sehr großen Teams. Ich habe den Preis im Namen aller entgegengenommen.«
»Sie haben dieses Buch geschrieben«, fuhr Zoe fort, ohne darauf einzugehen. »Sie waren in allen Zeitungen. Es ging um die letzten Sterbephasen, mit Patienteninterviews. Alle Einkünfte wurden für den guten Zweck gespendet, Sie waren der Held, weil Sie das Unaussprechliche angesprochen haben.«
»Das Buch war zwar meine Idee, aber das ganze Team hat daran gearbeitet«, erklärte er und wirkte verlegen. Kurz hielt er inne, dann wechselte er das Thema. »Hören Sie, Zoe, können wir kurz reden?«
»Klar.«
Ben nahm sie am Ellbogen und führte sie aus dem Aufenthaltsraum auf den Absatz im Treppenhaus. Er sah sich um, um sicherzugehen, dass sie allein waren. »Ich wollte mit Ihnen über die Briefe reden. Sie bereiten mir Sorge.«
»Sie bereiten Ihnen Sorge?«, wiederholte Zoe.
»Ja.« Ben nickte. »Sie müssen damit aufhören.«
Zoe hatte den Eindruck, dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Einen Augenblick lang wusste sie nichts darauf zu sagen.
»Warum?«, stieß sie hervor.
Ben kratzte sich im Nacken. Verlegenheit flackerte über seine Miene. »Ich glaube, die Briefe könnten uns Ärger machen, und Sie exponieren sich selbst und das Hospiz damit unnötig.«
Bei diesem Satz wallte Entrüstung in ihr auf. »Das meinen Sie doch nicht ernst!«
»Ich meine das sehr ernst. Es tut mir leid, Zoe. Man hat mir gesagt, wie wichtig Ihnen das ist …«
»Und den Patienten«, unterbrach ihn Zoe. »Sie freuen sich, dass ihr letzter Wille an die Angehörigen weitergeleitet wird, und die Briefe, die ich ihnen schreibe, solange sie bei uns sind, erleichtern ihnen die Zeit hier. Denken Sie doch mal, wie schön es ist, heutzutage eine handgeschriebene Nachricht zu bekommen. Und dass unsere Patienten wissen, dass sich jemand die Zeit genommen und die Mühe gemacht hat, ihnen zu schreiben, und sie als Mensch sieht und nicht bloß als jemanden, der auf sein Lebensende zugeht … Sie können sich wohl gar nicht vorstellen, was das bedeutet.«
»Daran habe ich keinen Zweifel, aber der Nutzen wiegt die Risiken nicht auf.«
»Was sagt Karen dazu?«, wollte Zoe wissen.
Bens Gesichtsausdruck verhärtete sich. »Dafür bin ich zuständig, ich habe die volle Unterstützung der Geschäftsleitung bei dieser und jeder anderen Entscheidung. Ich bin hier, um die Probleme des Hospizes anzugehen, und für mich sind Ihre Briefe ein Problem.«
Zoe schwieg, weil sie sich nicht zutraute, auch nur ein weiteres Wort zu sagen, während sie sich ausmalte, was Bens Aufforderung für sie und ihre Zukunft bedeuten würde. Die Briefe waren der rettende Anker, nicht nur für die Patienten, sondern auch für sie selbst.
»Ich bin mir sicher, es gibt andere Wege, wie Sie den Patienten Ihr Mitgefühl zeigen können, Zoe«, sagte Ben, nickte ihr zum Abschluss zu und ging fort.
