Rudelliebe - Jessica Klauß - E-Book

Rudelliebe E-Book

Jessica Klauß

4,9

Beschreibung

Neuanfang! Nach einer zerbrochenen Beziehung entscheidet sich Lilly, zu ihrem Bruder Ben nach Hamburg zu ziehen und ihr altes Leben in ihrer Heimatstadt Göttingen hinter sich zu lassen – Freundinnen mit Hormonmangel, liebeskranke Kollegen und fragwürdige Internetbekanntschaften inklusive. Durch Ben lernt sie ihren neuen Vermieter Lukas kennen – und dessen Mitbewohner Schröder, einen Rhodesian Ridgeback. Dieser Hund mit seinem außergewöhnlichen Wesen erobert Lillys Herz im Sturm und verändert einfach alles in ihrem Leben. Wird Lilly durch ihn sogar eine neue Liebe finden?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 248

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Über die Autorin

Jessica Klauß wurde 1975 in Göttingen geboren und lebt heute mit ihrem Ehemann und ihren beiden Rhodesian Ridgebacks an der Nordsee. Im Herzen von St. Peter-Ording betreibt das Ehepaar das »Treibsel«, ein Geschäft für Uhren, Schmuck und Accessoires.

Die Leidenschaft für Hunde und die Neugier am Schreiben waren der Grundstein für ihren ersten Roman »Rudelliebe«. Dieser ist für sie eine Herzensangelegenheit und basiert auf einer wahren Begebenheit.

Für Schröder, einen ganz besonderen Hund

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Epilog

Prolog

»Liiiiiiiiiiiilianaaaaa«, hörte ich meine Mutter brüllen, und das verriet nichts Gutes. Im Gegenteil, sie klang richtig sauer, der absolute Horror. Meinen ganzen Vornamen sprach sie nur aus, wenn es richtig brannte. Was hatte ich denn jetzt schon wieder angestellt – oder sagen wir mal, was hatte sie nun wieder rausgekriegt?

Ein Teenager baut ja immer mal Mist, aber ich war mir aktuell keiner Schuld bewusst, wirklich nicht.

»Dein Köter hat mehrfach ins Wohnzimmer gekackt und die ganzen Haufen unter den Läufer gebuddelt. Gerade habe ich ihn dabei erwischt!«, drang nun wieder ihre penetrante Stimme an mein Ohr.

Sie meinte Flecki, unseren kleinen schwarz-weiß gefleckten Terriermischling. Der war ein absoluter Pfiffikus, ein Stresser, Wirbelwind, Knuddelpaket und Schlaumeier in einem.

Ich rannte natürlich sofort ins Wohnzimmer, von wo das Gebrüll gekommen war. Als ich durch die Tür trat, begutachtete meine Mutter gerade den Schaden, während der Übeltäter sich unter den Esstisch verzogen hatte und sein kleines Köpfchen unter seinen Pfoten versteckte. So ganz nach dem Motto: Wenn ich die nicht sehe, sehen die mich auch nicht. Na ja, ganz so schlau war er vielleicht dann doch nicht.

Meine Mutter deutete auf den Läufer, dessen Ende sich verdächtig nach oben wölbte. Ich guckte erst sie an, dann Flecki, der immer noch seinen Kopf unter den Pfoten versteckt hielt. Nun aber schauten seine dunklen Augen ganz zaghaft zu uns hoch, und sein Blick huschte zwischen meiner Mutter und mir hin und her.

Immerhin konnte ich in diesen paar Sekunden feststellen, dass unser Hund – meiner war er natürlich nur, wenn er unangenehm auffiel – wirklich seine Kacke unter den Teppich gekehrt hatte. Mittlerweile hatte der Haufen nämlich eine solche Höhe angenommen, dass die Beule selbst unter dem potthässlichen selbstgeknüpften Teppich meiner Mutter nicht mehr zu übersehen war.

Die Krönung aber war, dass Flecki die Reaktion meiner Mutter genau richtig einzuschätzen schien. Wahrscheinlich merkte er jetzt, dass das Ganze keine gute Idee war, und betete nun dort unter dem Tisch, dem Ärger meiner Mutter entkommen zu können. Wow, er war doch schlau.

Meine Mutter und ich sahen uns an, und auf einmal brachen wir in schallendes Gelächter aus. Dieser Hund war einfach der Knaller.

Eigentlich hätte er sein Geschäft ja ohne Weiteres draußen erledigen können. Wir hatten ihm eigens dafür eine Katzenklappe gebaut, die hinaus in den Garten führte. So konnte er raus und rein, wann immer er wollte. Das machte er dann auch – meistens zumindest. Es konnte schon mal vorkommen, dass er den Komposthaufen zu Hilfe nahm, über den Zaun sprang und mit wildfremden Menschen spazieren ging. Die brachten ihn dann aber immer wieder nach Hause zurück.

Leider nutzte unser kleines Wollknäuel diese Sprungschanze auch einmal an einem kalten Wintertag und spielte mit dem Tankwart, der nebenan den Öltank befüllte. Flecki wollte wohl nicht wahrhaben, dass der Tankwagen danach wieder davonfuhr, sprang an der Fahrertür hoch, rutschte auf dem Glatteis weg und brach sich das Rückgrat. Der kleine Kerl war sofort tot und ich am Boden zerstört. Flecki war bis dahin die Liebe meines Lebens gewesen. Es war meine erste Erfahrung mit dem Abschiednehmen, und ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder einen Hund so lieben zu können.

Nach Flecki adoptierten meine Eltern noch einen Hund, einen großen Berner Sennenhund. Unsere Elli war ein Mädchen und das genaue Gegenteil von dem kleinen Flecki. Sie mochte es kühl und wollte im Gegensatz zu Flecki nie mit in mein Bett, was ich total doof fand. Elli war in ihrem Wesen einfach zu perfekt: lieb, geduldig, wachsam, unterwürfig und gehorsam. Meine Eltern machte sie natürlich sehr glücklich, doch für meinen Bruder Ben und mich war Elli eine Streberin, kein verrückter Freak wie Flecki. Das Verhältnis zwischen uns änderte sich jedoch schlagartig an dem Tag, als Elli sich den Sonntagsrollbraten, den unsere Mutter für das große Familienessen in der Speisekammer deponiert hatte, geschnappt und komplett plattgemacht hat. Respekt. Mein Vater ist so was von ausgeflippt, hat sie angeschrien, in den Hintern getreten und ausgesperrt.

Von diesem Tag an fühlte ich mich mit Elli verbunden – sie war ab sofort eine von uns! Frech, rebellisch und nicht mehr der Liebling von allen! Ich habe Elli in mein Zimmer geholt, sie ist sofort mit in mein Bett gehüpft und unter die Decke gekrochen. Seitdem waren wir die dicksten Freunde. Ärger mit den Eltern verbindet eben.

Elli starb im Alter von acht Jahren an einer zu spät erkannten Gebärmutterentzündung, was mir zum zweiten Mal in meinem Leben das Herz brach. Und so wollte ich niemals mehr nur daran denken, noch einen Hund zu verlieren. Doch das hieß schlussendlich, dass ich mir selbst wohl niemals einen anschaffen sollte.

Kapitel 1

»Ich bin wieder da«, höre ich meinen Freund Oliver rufen. Es ist Sonntagnachmittag, ich liege gerade in der Badewanne und freue mich über seine Stimme. Allein zu sein, ist mal ganz schön, aber nach ein, zwei Tagen reicht es mir dann doch.

Oliver hat das Wochenende in Hamburg verbracht. Bayern München war zu Gast beim HSV, und der Junggesellenabschied eines alten Schulfreundes stand auf dem Programm. Und wo kann man den besser feiern als auf dem Kiez? Wir haben zwar Dezember, eigentlich nicht die schönste Zeit zum Heiraten. Doch die Braut ist wohl im dritten Monat schwanger und will, bevor sie das Kleid zum Platzen bringt, im Januar noch Ja sagen. Gut, das verstehe ich, obwohl ich von diesem »Oh, schwanger, schnell noch heiraten-Ding« nicht so viel halte und es auch ziemlich unromantisch finde. Wäre doch auch ganz süß, wenn das Kind später Blumen streut. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Oliver konnte jedenfalls mal wieder in seine Heimat, und ich hatte sturmfreie Bude.

»Ich bin in der Wanne, du kannst gerne dazustoßen«, rufe ich nicht ohne Hintergedanken.

Oliver kommt ins Bad und sieht ehrlich gesagt völlig beschissen aus.

»Du hattest wohl eine lange Nacht«, stelle ich fest. Klar, ein Junggesellenabschied in Hamburg, dann auf den Fischmarkt und danach mit der Bahn wieder vier Stunden zurück nach Göttingen ist natürlich anstrengend. Besonders wenn man über dreißig ist, Alkohol und solche »Wir machen durch bis morgen früh-Exzesse« nicht mehr gewohnt ist.

»Hallo«, sagt er noch einmal etwas kleinlaut, und ich merke sofort, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt. Aber was? Ist er einfach nur müde – oder vielleicht unsicher? Er guckt auf den Boden und meint: »Ich warte, bis du fertig bist. Ich muss dringend in die Wanne.«

Da er aussieht, als gehörte er ganz schnell ins Bett, antworte ich: »Du kannst gerne hinein, ich bin fertig.«

So tauschen wir ein paar Sätze aus, die sich aber irgendwie total seltsam anfühlen, und schließlich steige ich aus der Badewanne.

Oliver zieht sich aus, setzt sich rein und taucht direkt ab. Er geht immer nur nach mir baden. Ich bade sehr heiß, und Oliver würde Brandblasen und ich Gefrierbrand kriegen, wenn wir zusammen baden. Erst nachdem ich mir die Haare ausgespült habe, wofür ich logischerweise kühleres Wasser nehme, hat das Badewasser eine Temperatur, bei der er ohne Schreikrämpfe einsteigen kann. Er meint, ich sei ein Teufel und würde direkt in die Hölle kommen, wenn es mal so weit ist. Dort würde ich mich von der Temperatur her sicher am wohlsten fühlen. Jedenfalls habe ich es immer auf die Temperatur bezogen, aber vielleicht war das auch nur ein Wortspiel. Oje, darüber sollte ich mal nachdenken.

Ich ziehe mir einen Bademantel an, hole mir einen Kaffee und setze mich damit auf den geschlossenen Klodeckel. Natürlich will ich wissen, wie der Junggesellenabschied seines Kumpels Heiko, von dem ich seltsamerweise noch nie etwas gehört habe, abgelaufen ist, und hoffe auf lustige Storys. Ob wohl der zukünftige Bräutigam peinliche Sachen machen musste, die die anderen mit dem Smartphone aufgenommen haben?

Wenn ich gehofft habe, dass Oliver so euphorisch auf meine Nachfrage reagiert, dass ich gar nicht weiß, wie ich die ganzen Informationen verarbeiten soll, habe ich mich wohl geirrt. Denn es kommt rein gar nichts von ihm. Vielleicht haben die sich ja so einen Männer-Ehrenkodex gegeben. So nach dem Motto: Was in Hamburg passiert ist, bleibt auch in Hamburg.

»Lilly«, sagt er nur, »sei mir nicht böse, ich wäre gern mal kurz für mich allein. Der Abend war nett, aber ich bin kaputt.«

Also wenn das mal keine ausführliche Beschreibung ist. Lilly nennt er mich auch nicht oft. Wann wurde aus Schatz denn Lilly? Mann, ich kriege wohl gar nichts mehr mit. Warum nicht gleich Liliana?

Gut, denke ich, er ist zwar scheiße drauf, aber vielleicht ist ihm schlecht, und er will gleich mal über die Schüssel. Seine Gesichtsfarbe lässt jedenfalls darauf schließen.

Nach etwa einer Stunde kommt er aus dem Bad und macht sich einen Kaffee.

»Wolltest du nicht ins Bett?«, frage ich erstaunt. Ein Kaffee ist ja nun nicht gerade das Einschlafgetränk.

Er mustert mich ernst und auch irgendwie kühl. »Wir müssen reden.«

Oje, was kommt denn jetzt? Mein Herz klopft, und mir ist absolut klar, dass irgendwas passiert sein muss. Und mich befällt auch schon eine leise Ahnung, in welche Richtung es gehen könnte.

»Lilly, ich bin total übermüdet und bestimmt nicht mehr Herr meiner Sinne. Aber ich kann mich jetzt nicht ins Bett legen, ich kriege eh kein Auge zu. Ich muss dir was sagen, und wenn ich das jetzt mit Restalkohol im Blut nicht tun kann, wann dann?«

Und was dann kommt, verändert mein Leben für immer.

Kapitel 2

Ich kann mich noch erinnern, wie es war, als ich Oliver vor vier Jahren kennengelernt habe. Damals war ich siebenundzwanzig, optisch auf dem Zenit, bereits selbstständig im Fitnessbereich, Single und kurz davor, meinen über alles geliebten Bruder und besten Freund Ben aus beruflichen Gründen nach Hamburg ziehen lassen zu müssen. Somit befand ich mich in einer wirklich schlechten emotionalen Phase, in der ich natürlich leicht zu beeindrucken und vor allem für jede Ablenkung dankbar war.

Da kam Oliver völlig durchnässt in das Fitnessstudio, in dem ich auch heute noch arbeite. Es goss wie aus Kübeln, er strich sich ganz hollywoodlike seine dunklen, nassen Haare aus dem Gesicht und gab mir so die Chance, mich in seinen katzenhaften grünen Augen zu verlieren. Da war es um mich geschehen. Ich konnte gar nicht anders, als seinem Charme und dem RTL-Bachelor-Zahnarztlächeln zu erliegen.

Alter Schwede, wer ist dieser Typ?, fragte ich mich. Hoffentlich sah er mir nicht an, dass in meinem Kopf gerade ein Porno ablief, in dem er und ich eine ziemlich tragende Rolle spielten. Ich muss aber zu meiner Verteidigung sagen, dass ich bis dahin wirklich lange Single gewesen war, nicht gerade unglücklich, doch ich hatte die Suche aufgegeben und war zu dieser Zeit wirklich etwas untervögelt. Zudem stand meine Periode in den Startlöchern, und meine Hormone spielten verrückt. Der Mann vor mir war pitschnass und brauchte dringend jemanden, der ihn von seinen triefenden Klamotten befreite. Kopfkino pur!

»Lilly, Lilly! Sorry, aber geht es Ihnen nicht gut?« Er, der nasse, schöne Unbekannte sprach mich an. Woher wusste er, wie ich heiße? Ach ja, mein bescheuertes Namensschild hatte mich wohl verraten. Zum ersten Mal fragte ich mich, warum wir Namensschildchen tragen mussten, auf denen Gemüse abgebildet war.

Gut, ich arbeitete in der Gesundheitsbranche, aber deshalb musste ja nicht jeder denken, dass ich Lilly aus der Gurkengruppe bin. Diese Kindergartennummer brauchte ich nun wirklich nicht. Und so langsam sollte ich auch mal meinen richtigen Namen Liliana verwenden, denn irgendwann ist man einfach aus dem Lilly-Alter raus. Doch das Dumme an Spitznamen ist, dass man sie niemals wieder wegbekommt. Ich erschrecke heute noch, wenn mich jemand mit meinem richtigen Namen anspricht, denn das passiert eigentlich nur, wenn er oder sie sauer auf mich ist. Und so richtig schön finde ich Liliana auch nicht. Hört sich irgendwie spießig und arrogant an. Lilly ist lieb, süß und Harmonie pur.

Aus dem Mund dieses super hotten Typens klang aber selbst Lilly sexy. Ich war in Gedanken jedenfalls dabei, ihm seine durchnässten Kleider vom Leib zu reißen, damit er keine Lungenentzündung bekam!

»Hm, ja, sorry. Hallo, ich bin Lilly, ich war gerade irgendwie abgelenkt«, sagte ich und merkte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Jetzt zahlte sich mein Camouflage Make-up hoffentlich aus. »Willkommen in unserem Studio. Wie kann ich dir helfen?«

Nachdem ich Oliver eine halbe Stunde lang beraten hatte, schloss er ein Zwölf-Monats-Abo in unserem Club ab. Diese Zeit sollte selbst für mich völlig flirtunfähigen Vollpfosten ausreichen, um ihn von mir zu überzeugen. Laut Fragebogen war er zwei Jahre älter als ich, ledig und Single – yippie!

So lernte ich also meinen Oliver kennen und lieben. Er hatte gerade sein Referendariat beendet und wollte nun dem Recht und Unrecht auf dieser Welt Beine machen und Anwalt des Jahrtausends werden. Um es kurz zu machen, es ging alles ratzfatz, und Oliver verdrehte nicht nur das Rechtssystem, sondern auch meinen Kopf.

Heute bin ich in den Dreißigern und optisch eigentlich ganz gut in Schuss. Doch leider bin ich so ein »Aber-Typ«. Klar habe ich ein paar körperliche Wehwehchen, aber ich bin ja auch nicht mehr zwanzig. Mit 173 cm zwar nicht klein, aber Modelgröße beginnt leider erst bei 176 cm. Ich trage Konfektionsgröße 36/38, aber 34/36 wäre schon toll. Meine Haare sind blond und kräftig, aber in der Länge werden sie zu dünn, daher ist ein langer Bob das Höchste der Gefühle. Jobbedingt trage ich den meist als Zopf, was aber so nach Rasierpinsel aussieht. Auf meine großen blauen Augen bin ich eigentlich ganz stolz, aber die Wimpern sind irgendwie zu kurz. Meine Haut ist schön gleichmäßig, ohne Pickel, aber trocken, und somit schreit sie nach Falten … Das könnte jetzt Stunden so weitergehen, aber lassen wir das.

Obwohl ich immer noch so hundevernarrt bin, kann ich leider keinen eigenen haben, da Oliver allergisch auf Tierhaare reagiert. Dieser cholerische, fußballverrückte Anwalt für Arbeitsrecht macht es mir oft nicht leicht. Seit vier Jahren sind wir nun zusammen, und irgendwie merke ich so langsam, dass diese Konstellation nicht wirklich Früchte trägt.

Heute finde ich ihn definitiv nicht mehr so sexy wie an diesem Tag, als er völlig durchnässt im Studio aufgetaucht ist und das Abo für den Sport und mein Herz bei mir abgeschlossen hat. Besonders nicht, wenn er in seinem HSV-Trikot vor der Glotze hockt und seine Verbalattacken und zum Teil doch recht unqualifizierten Äußerungen über den Schiedsrichter oder einen schlechten Spieler zum Besten gibt. Irgendwann hat er nämlich seine Dauerkarte beim HSV verkauft, Sky abonniert, und von da an gehörten auch meine Besuche an der Elbe und bei Ben der Vergangenheit an. Die waren nämlich ein angenehmer Nebeneffekt von Olivers regelmäßigen Stadionbesuchen. Die Schreibtischplauze ist dagegen eine Begleiterscheinung, auf die ich verzichten könnte, aber das ist nicht wirklich das Problem, warum die Luft bei uns raus ist.

Es kommt jetzt irgendwie auch alles zusammen. Optisch bin ich wie gesagt ganz ansehnlich. Das ist aber auch der wirklich einzige Vorteil meines Berufes als selbstständige Fitnesstrainerin und Ernährungsberaterin. Wenn ich recht überlege, ist auch meine Leidenschaft, den anfangs noch motivierten Mitgliedern die Faszination des Sports zu vermitteln, dahin. Ich bin nämlich leider selbst auch nicht mehr ganz überzeugt davon. Sein Hobby zum Beruf zu machen, ist im Nachhinein betrachtet nicht wirklich so spitze, wie man denkt. Ich habe jetzt zwar einen Job, aber kein Hobby mehr. Wenn ich Sportschuhe auch nur sehe, schwillt mir der Kamm. Ich arbeite lieber zu Hause Ernährungspläne aus und treffe mich mit Kunden zum Personaltraining. Leute, die wissen, was sie wollen, bezahlen zwar eine Stange Geld dafür, halten es dann aber auch durch. Bei ihnen habe ich wenigstens das Gefühl, dass meine Arbeit Anerkennung findet und nicht sinnlos ist.

Oliver hat sich mittlerweile einen wirklich guten Namen als Anwalt gemacht. Die Kanzlei, in der er arbeitet, läuft gut, und er hat viel und ich ihn dafür weniger um die Ohren.

Sein Plan, später einmal zurück in seine Heimatstadt Hamburg zu gehen und dort die Kanzlei seines Vaters zu übernehmen, hat sich vor einem Jahr zerschlagen. Oliver hat sich mit seinem Vater so überworfen, dass sie seitdem keinen Kontakt mehr haben. Ausschlaggebend war leider ich, denn seine Eltern haben mich von Anfang an schikaniert und mir deutlich gezeigt, dass ich nicht wirklich an Olivers Seite gehöre. In ihren Augen braucht er eine Frau mit Manieren, die ihm den Haushalt schmeißt, Kinder bekommt, kochen kann und den guten Ton wahrt, indem sie auf diverse Verbalattacken verzichtet. Ich gehe ganz stark davon aus, dass sie mir diese gewünschten Attribute absprechen.

An einem der Besuchssonntage kam mir seine Mutter wieder blöd. Ich sagte ihr, dass es ihr gutes Recht sei, mich abzulehnen, aber sie solle es mir doch bitte nicht so deutlich zeigen. Ansonsten könne sie sich darauf einrichten, dass sie ihren einzigen Sohn gar nicht mehr zu Gesicht bekommt. Denn ich habe Besseres zu tun, als an unserem freien Sonntag zweihundertfünfzig Kilometer zu fahren, um ihren widerlichen, zu streng schmeckenden Lammbraten zu essen. Außerdem habe ich moralisch eh ein Problem damit, Tierkinder zu essen. Das mündete in einer klitzekleinen Verbalattacke meinerseits, aber es musste einfach mal raus. Die letzten Worte, die sie uns hinterhergerufen hat, waren: »Oliver, diese Hüpfdohle ohne Substanz und Kinderwunsch ist nicht gut für dich. Bitte werde doch endlich vernünftig!«

Ohne mit der Wimper zu zucken, hat sich Oliver auf meine Seite gestellt. Daher fällt es mir auch so schwer, überhaupt an eine Trennung zu denken, denn er hat ja irgendwie alles für mich aufgegeben. Laut Oliver war ich immer das perfekte Pendant zu seinem täglichen Umgang mit den zum Teil doch recht trockenen Juraleuten.

Ich habe schon so oft versucht, Oliver davon zu überzeugen, sich mit seinen Eltern auszusprechen, aber er ist stur wie ein Esel. Es ginge mir besser, wenn sie sich wieder vertragen würden. Eine Familie gehört einfach zusammen. Wahrscheinlich spielt aber auch der Hintergedanke, dass ich mich dann mit einem besseren Gewissen von ihm trennen könnte, eine Rolle. Zwar gab es nur vereinzelt Tage, an denen ich wirklich über eine Trennung nachdachte, aber wir sind eigentlich nur noch gute Freunde, vielleicht sogar nur noch WG-Partner. Jeder macht sein Ding, wir streiten ja nicht mal mehr. Nachts liege ich oft wach und frage mich, wie lange wir noch so nebeneinanderher leben und liegen wollen, bis wir uns gegenseitig erschießen.

Oliver hat ab und an schon mal vom Heiraten gesprochen, und eigentlich gibt es ja nur die beiden Alternativen: für immer zusammen oder für immer getrennt. Ich kann mir die Sache mit dem Ring überhaupt nicht vorstellen, aber nicht, weil ich generell nicht heiraten will, sondern weil ich einfach noch nicht überzeugt bin. Jedes Mal, wenn er fragt, ob wir essen gehen wollen, habe ich Angst davor, dass er mir einen Antrag macht, und bin dann immer völlig verspannt. Seit ich ein kleines Mädchen war, träumte ich aber von diesem Tag, an dem sich die ganze Welt nur um mich dreht. Einmal Prinzessin sein zu können. Nur dieser Prinz ist es irgendwie nicht.

Ich habe, verfickt noch mal, die dreißig übersprungen und kriege langsam Panik. Es muss was passieren.

Aber wenn Oliver dann vor mir sitzt – also quasi mein personifiziertes schlechtes Gewissen –, schlägt mein Herz so voller Dankbarkeit, dass ich es mit dem Gefühl der innigen Liebe verwechsle und denke, alles ist gut.

Kinder sind auch so ein Thema, bei dem Oliver und ich uns unterscheiden. Oliver möchte definitiv welche, aber ich habe es einfach nicht so mit Kindern und möchte eigentlich keine haben. Vielleicht scheue ich auch einfach die Verantwortung. Sich immer zu sorgen und zu ärgern, ist nicht so mein Ding. Bevor ich dreißig wurde, dachte ich, dass der Kinderwunsch bei mir noch kommt, aber mittlerweile glaube ich, das Thema ist durch. Mein Umfeld kennt meine Einstellung, was natürlich zur Folge hat, dass mein Bekanntenkreis inzwischen klein und recht überschaubar geworden ist.

Ich bin absolut keine Hexe, die Kinder nicht mag, und ich lasse mir das auch nicht anmerken, wenn ich im Familien- oder Bekanntenkreis auf Kinder treffe. Kinder mögen mich sogar ganz gerne, zumindest bilde ich mir das ein, aber ich habe einfach kein Interesse an den kleinen Sonnenscheinen. Ich mag auch diese Mami-Gespräche nicht und kann da natürlich auch nicht mitreden. Aber jedem das Seine. Kinderkriegen ist die normalste und natürlichste Sache der Welt – und ich bin eine Ausnahme. Was soll‘s, so ist das eben.

Neulich beim Shoppen habe ich eine Situation beobachtet, die mich echt nachdenklich gemacht und mich wieder in meiner Meinung bestätigt hat, keine Kinder kriegen zu wollen. Ein Kind hasst einen anscheinend schon, wenn es nicht die neuesten adidas-Treter bekommt. Ich habe nämlich gehört, wie so ein Teenager im Kaufhaus zu ihrer Mutter wortwörtlich sagte, sie sei die beschissenste Mutter der Welt, und sie wünsche ihr den Tod. Es ging wirklich nur um ein beknacktes Paar Schuhe, das ihr die Mutter nicht kaufen wollte. Und die Mutter gab sich auch noch ganz cool und unbeeindruckt, als hörte sie das zehnmal am Tag. Unglaublich, wie traurig mich das gemacht hätte, wenn das mein Kind gewesen wäre. Ich dachte nur, du kleines, verzogenes Stück, deine Mutter opfert sich seit geschätzten vierzehn Jahren für dich auf, macht und tut, verzichtet auf alles, was ihr selbst Spaß macht und Geld kostet, nur um dir deine Wünsche erfüllen zu können – und du gibst völlig selbstverständlich so einen Müll von dir.

Natürlich will ich das nicht verallgemeinern, es gibt ja auch andere Kinder. Man erinnert sich aber leider immer nur an die Unangenehmen, die einem unsympathisch sind, nämlich an die frechen, faulen, unverschämten und nörgelnden Kids. Die höflichen, netten und süßen Kinder gehen ungerechterweise unter.

Ich höre oft: »Ach Lilly, ein Kinderlachen ist doch das Schönste auf der Welt!« Ja sicher, denn schreiende und heulende Kinder sind ja wohl auch super ätzend! Jeder sagt mir, wenn ich erst mal Mutter bin, sehe ich das ganz anders. Doch das Pilotprojekt, dass die Natur das bei mir doch anders sieht, ist mir zu heikel. Und dann diese Verantwortung ein ganzes Leben lang. Wann ist ein Kind denn heute erwachsen, mit Ausbildung und Studium fertig und reif für das Leben? Nee, nee, nee, das wird nichts mit mir und den kleinen Kackärschen.

Ich bin einfach absolut ein Hundemensch. Ein Hund ist dankbar, nimmt, was er bekommt, sagt nicht »ich hasse dich«, wenn es keine Designerleine, sondern nur eine vom Fressnapf gibt, und will bis zum letzten Atemzug geküsst und geknuddelt werden. Da kommt kein »Mama, du kannst mich doch nicht vor allen küssen« oder andere verletzende Sprüche, die einem das Herz brechen. Man kann bei einem Tier definitiv seine Beschützer- und Versorgungsseite ausleben, aber alles ohne diese ganzen Konsequenzen, die ein Leben mit Kind beinhaltet.

Der Versuch, meine Hundeleidenschaft im Tierheim auszuleben, klappte leider nicht so richtig. Mir so ein armes Seelchen zum Gassigehen auszuborgen, ging mir emotional an die Nieren. Die ganzen Hunde dort zu sehen, von denen gefühlt jeder Einzelne mir zuruft, dass ich ihn mitnehmen soll, hat mich wahnsinnig aufgewühlt. Für dieses Elend bin ich einfach zu schwach, und ich bewundere die Menschen, die dort ehrenamtlich arbeiten und sich um die Wauzis kümmern. Ich selbst packe das nicht. Mir schießen sofort die Tränen in die Augen, und es belastet mich, dass ich keinem von ihnen helfen kann. Ich musste da weg. Das Einzige, das ich für die Lieben dort tun kann, ist ein Dauerauftrag, der die Tatsache, so ein sensibler Tierfreund zu sein, für mich moralisch etwas erträglicher macht. Ich würde gerne mehr tun, aber ich bin einfach nicht dafür geschaffen. Doch so eine Fellnase fehlt mir an jedem Tag in meinem Leben. Erst dachte ich, man gewöhnt sich daran, ohne Hund zu leben, doch mittlerweile gehe ich absolut konform mit Heinz Rühmann: »Man kann ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht.«

Kapitel 3

An diesem Sonntagnachmittag kommt Oliver also nach seiner Rückkehr aus Hamburg aus dem Bad, holt sich einen Kaffee, setzt sich mir gegenüber aufs Sofa und atmet tief durch. Ich bin gespannt, was er mir zu sagen hat.

Er fällt auch gleich mit der Tür ins Haus. »Ich liebe dich nicht mehr, Lilly.«

Ja, ist klar, denke ich mir. Hat er das gerade tatsächlich gesagt? »Aha«, antworte ich wie in Trance und warte darauf, dass ich wach werde.

Er zieht eine Augenbraue nach oben. »Aha? Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?«

Ja, er hat Recht. Meine Antwort hört sich echt unspektakulär an. Aber mir fällt dazu auch nichts wirklich Intellektuelles ein.

»Das ist echt mal eine Neuigkeit, Oliver.« Mann, ich war auch schon mal schlagfertiger, aber man bekommt ja nicht tagtäglich so ein Kompliment.

Jetzt hat er es also ausgesprochen. Wie lange schleppt er diese Erkenntnis wohl schon mit sich herum? Ich beginne nun, etwas zusammenzustottern, obwohl ich eigentlich froh sein sollte, dass er das in die Hand genommen hat und ich den schwarzen Peter los bin, denn ich habe das letzte Wochenende auch damit verbracht, unsere Beziehung zu reflektieren und darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll. Aber andererseits bin ich überhaupt nicht darauf vorbereitet, und es trifft mich wie eine Breitseite von Herrn Klitschko – jedenfalls muss sich so eine rechte Gerade von ihm anfühlen.

»Du liebst mich also nicht mehr, okay«, sage ich irritiert und empfinde die Situation so unwirklich. »Seit wann weißt du das denn so genau? Ist es so eine ›Wir haben uns voneinander entfernt, und ich muss herausfinden, ob ich dich noch liebe-Sache‹? Oder eher so ein ›Ich weiß ganz genau, dass ich dich nicht mehr liebe, weil ich dich in den letzten Wochen einfach scheiße finde und unbedingt von hier wegmuss-Ding‹?«

Oliver atmet schwer und holt richtiggehend Luft, bevor er antwortet. »Es ist ein ›Es hat eigentlich als Affäre angefangen, jetzt liebe ich sie, und sie bekommt ein Kind von mir-Ding‹, um es in deinen Worten auszudrücken.«

Okay, das macht Sinn und klingt wirklich ernst. Ich habe das Gefühl, dass ich gleich umfalle. Jetzt wäre es mir sachlich und in Fakten gesprochen doch lieber.

»Du bekommst also ein Kind mit einer Frau, die du nach einer unbestimmten Zeit des Vögelns nun doch in dein Herz geschlossen hast? Und jetzt bist du der Meinung, dass du sie liebst? Das nenn ich mal eine Story, Herr Anwalt. Respekt!«

»Ach komm, Lilly. Du hast dich doch schon lange von mir entfernt. Denkst du, ich habe das nicht gemerkt? Auch wenn ich vielleicht nicht der emotionalste Mensch der Welt bin, aber ich habe auch Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse.«

Ja Mann, die Bedürfnisse nennt er zum Schluss, ich lach mich tot. Der Ärmste.

Ich weiß gerade gar nicht, was ich sagen soll. Mir geht so vieles durch den Kopf. Irgendwie bin ich froh, dass das Thema, das mich ja auch schon länger belastet hat, nun zum Thema geworden ist und ich dabei nicht mal die Böse bin.

Aber die Situation ist wirklich grotesk. Und so typisch. Eine nicht gut laufende Beziehung wird immer nur durch das Einwirken neuer Partner getrennt. Die wenigsten Beziehungen trennen sich aus Vernunft. Es muss immer erst jemand Neues da sein, damit man wirklich die Reißleine zieht. Und dann ist immer einer verletzt, und es gibt Krieg. Warum soll es uns anders ergehen?

Ich bin doch jetzt das beste Beispiel. Ich dachte ja auch schön länger daran, mich zu trennen, und heute macht er es, nimmt mir diese Entscheidung ab, und anstatt mich zu freuen, bin ich megamäßig verletzt. Es hat jetzt einfach nichts mehr mit Fairness zu tun. Ich wollte mich von ihm trennen, weil ich gemerkt hatte, dass wir nicht mehr glücklich sind, und dafür sorgen wollte, dass wir beide wieder eine Chance auf Liebe bekommen. Oliver hat aber den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, und das ist es, was mich so kränkt. Er hökert in der Gegend herum, probiert aus und tauscht dann besser gegen schlechter, das ist echt mies.

Neulich habe ich bei Facebook einen Post gelesen, nach dem das Sprichwort »Vergeben und Vergessen« einen völlig neuen Sinn bekommt, wenn man es wie folgt interpretiert: Er ist vergeben und hat es beim Vögeln einer anderen vergessen. Beim Lesen habe ich noch darüber gelacht, doch jetzt finde ich es auf einmal gar nicht mehr so witzig.

Nachdem ich Oliver ins Schlafzimmer geschickt habe, liege ich auf dem Sofa und starre die Decke an. Passend zu meiner Stimmung herrscht richtiges Depri-Wetter. Der Regen prasselt an die Scheibe, und das Rauschen des Windes hört sich total unheimlich an. Ich hoffe, Oliver schläft jetzt erst mal zwölf Stunden am Stück und lässt mir Zeit, die Neuigkeit zu verarbeiten. Mir fällt ein, dass ich ihn gar nicht gefragt habe, wer die Schlampe überhaupt ist, die in den kommenden Monaten eine kleine Olivia oder einen kleinen Oliver aus ihrer Mitte drückt. Aber eigentlich interessiert mich das auch gar nicht.