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Eine Familiengeschichte im Ruhrgebiet, die vom Ankommen in der Fremde, von Zusammenhalt, Kampf gegen Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Armut erzählt – am Ende des 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre. Adam und Zuzanna erleben als polnische Zuwanderer ein Dortmund im Pulsschlag der enormen industriellen Entwicklung. Durch einen Arbeitsunfall verliert Adam ein Auge und wenig später seine Stelle. Er tritt einem Spar- und Bauverein bei, engagiert sich in der Gewerkschaft, bei den Socialdemokraten und für die neue Arbeiter-Zeitung. Um die Familie zu unterstützen, nimmt Zuzanna Kostgänger auf und verdingt sich als Näherin. Die Familie wächst, kämpft um ihre Identität und die neue Heimat. Birgitta M. Schulte spürt in "Ruhrgemüse, polnisch" den familiären Wurzeln nach. Wie es den Urgroßeltern ergeht, die als Westpreußen und Polen in stürmischen Zeiten im Ruhrgebiet gegen Widerstände von verschiedenen Seiten – Kirche, Nationalverbände, politsche Positionen, Arbeitshierarchien – zu kämpfen haben. Wie sie gezwungen werden, ihren Familiennamen zu ändern – aus Koszyński wird Kosshofer. Wie sie aber dennoch oder auch gerade deswegen ihren Platz finden.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2025
Birgitta M. Schulte
Ruhrgemüse, polnisch
roman
ISBN 978-3-948065-40-9
Alle Rechte der Ausgabe © STROUX edition, München – 2025
Illustrationen im Buch: Pauline Stroux&Leonard Senholdt
Umschlaggestaltung: Matthias Mielitz unter Verwendung einer
Illustration von Pauline Stroux
STROUX edition, Donnersbergerstraße 32, 80634 München
www.stroux-edition.de
Druck&Bindung: ScandinavianBook GmbH, Neustadt a. d. Aisch gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier
Ähnlichkeiten mit historischen Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens sind nicht zufällig.
Sie sind dennoch Figuren des Romans.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – 1893–1896
1893
Noch 1893
1894
Winter 1895/96
Kapitel 2 – 1896
1896
Kapitel 3 – 1896–1909
Noch 1896
1897
Noch 1897
1898
1901
1906
1907
1909
Kapitel 4 – 1909–1931
1910
1912
1913
1914
1918
1919
1920
1921
1923
1924
1925
1931
Epilog
PERSONEN
Quellen
Dank
Sorgfältig einspannen! Was er den Arbeitern in der Dortmunder ,Maschinenfabrik Deutschland‘ immer sagen musste, war für Adam eine Selbstverständlichkeit. Das mach-ten seine Hände wie von selbst. Er musste nicht nachdenken, wenn er das Werkstück justierte. Wobei Nachdenken und Rechnen in seiner Arbeit eine ziemlich große Rolle spielten.
Das Metall-Drehen hatte er noch in der alten Heimat gelernt. In Westpreußen war er Handwerker gewesen und so fühlte er sich: Er war kein Arbeiter. Er trug den weißen Hemdkragen und die schwarze Samtfliege – die Zeichen seiner Stellung als Meister.
Und jetzt fiel es ihm auf: So ging das nicht! Er streckte sich über den unerfahrenen Arbeiter an seiner Maschine, griff über dessen Hand hinaus an die Walze und wirbelte zurück, stieß gegen den Arbeiter, riss beide Hände vor das Gesicht. Sein Schrei: Ein Schrei, der das Fiepen des Transmissionsriemens und den Krach des Dampfhammers übertönte, ein Schrei, wie der eines Tieres im Schlachthof. Der Andere in der grauen Arbeitsjacke war wie eine Gummiwand, die ihn auffing.
Heinz, der Arbeiter, packte ihn, legte beide Arme um ihn und hielt seine Hände fest, damit Adam sich nicht ins Auge griff, damit nicht auch noch Schmutz in die Wunde geriet. Schon stand die Walze still. Auch die riesigen Riemen waren angehalten. Der Lärm in der großen Halle wurde dadurch nicht geringer, nur das Flimmern der Bewegungen fehlte. Es war nicht das erste Mal, dass ein Span sich löste, dass der scharfe Stahlfaden ein Auge traf. Nur war es das erste Mal, dass der Meister selbst zusammensackte. Er saß auf dem schwarzen Boden und hielt sich den Kopf.
„Zuzanna!“, wimmerte er, „Zuzanna! Sie wartet draußen!“
Zuzanna stand wie die anderen Ehefrauen mit dem Hen-kelmann in der Hand – nicht so nah am Werkstor, sondern da, wo sie sich ins Gras setzen konnte, zur Bahnlinie hin. Bald Mittagspause.
Im Vinzenzkrankenhaus wurde nur vormittags operiert.
„Da kommt noch eine Augenverletzung!“, rief die Aufnahmeschwester der Schwester im Operationssaal zu. „Einer aus dem Osten! Den müssen wir wohl auch aufnehmen.“
Adam Koszyński hatte nicht lange Zeit nachzudenken, was dieser Ausruf zu bedeuten hatte. Schneller als er den Kopf heben konnte, hatte er den mit Äther gefüllten Wattebausch unter der Nase.
„Ganz weit im Osten“ hätten sie gelebt, so hörte ich über meine Urgroßeltern. In Dokumenten las ich, dass mein Urgroßvater 1863 im Gutsbezirk Gryzlin geboren wurde, in der Nähe von Neumark. Im Regierungsbezirk Marienwerder, im Osten von Westpreußen. Tatsächlich ganz im Osten!
Der Staat, zu dem meine Urgroßeltern gehörten, reichte bis an die Grenze Polnisch-Litauens. Sie waren preußische Staatsbürger. Friedrich II. hatte die ostelbischen Provinzen seinem Preußen einverleibt. Er befand, die Polen in seinen annektierten Landen seien in der Mehrzahl „eitel und feige“, „verwildert, dumm und ohne Unterricht.“ 1772 erließ er die Kabinettsordre, „diesen sklavischen Leuten bessere Begriffe und Sitten beizubringen, und solche mit der zeit mit Teutsche zu meliren“.
Welche Sprache sprachen meine Urgroßeltern? Deutsch, wie in Danzig oder vielen anderen Gebieten des ehemaligen Deutsch-Ordensritter-Landes? Polnisch, weil das Gebiet zuvor von Polen besiedelt war? Fühlten sie sich polnisch? Es gab keine Identität als polnische Nation. Wegen der vielen Teilungen war der Katho-lizismus das, worauf sich alle Polen bezogen. Auch wenn sie Polnisch sprachen, waren meine Urgroßeltern Preußen und konnten sich deutsch fühlen, als sie einwanderten in die Gegend, die dauerhaft Arbeit versprach und besseres Leben. Im späten
19. Jahrhundert war das. Eine Zeit rasanter Industrialisierung. Auch Westfalen zogen dahin, wo es gutes Geld für harte Arbeit gab. Sie verließen die Kotten und das bisschen Land ihrer Väter. Die Heimat ihrer Sprache verließen die aber nicht.
Mein Urgroßvater hatte den Mut fortzugehen, um Arbeit zu suchen und in Dortmund zu finden. Ich stelle ihn mir vor als einen großen Mann mit breiten Händen und abstehenden Ohren. Ein freimütiger, auch rebellischer Geist.
Keine Tränen! Zuzanna riss sich zusammen. Sie musste zurück zu ihrem Kind. In der kleinen Kolonie verbreiteten sich Neuigkeiten schnell. Es war ja gut, dass man zusammenstand, dass sie Ania, ihre kleine Anna, mittags bei der Nachbarin Iwona lassen konnte, während sie dafür den Henkelmann mitnahm für ihren alten Freund Witold. Aber es wurde so viel geredet. Ania sollte es von ihr selbst erfahren.
Zuzanna ging mit eiligen Schritten. Ihre Gedanken rasten. Es gab die Fabrik-Krankenkasse, Adam würde wohl weiter Geld bekommen. Sie brauchten ihn, den Meister. Er war ein Handwerker, ein Gelernter, längst ein Facharbeiter, nun schon mehr als ein Vorarbeiter. Außerdem hatte er sich immer eingesetzt auf der Arbeit. Das sicherte ihm das Krankengeld. Es war ja nicht selbstverständlich. Die, die nicht so viel leisten konnten, bekamen oft nichts, Politische wurden richtiggehend bestraft. Trotzdem: Das Krankengeld würde nicht reichen. Sie musste arbeiten gehen. Aber was und wo? Und Adam allein mit Ania?
Meine Urgroßmutter wurde 1866 in Neumark geboren.
Ich nenne sie Zuzanna. In meinen Augen ist sie klein von Statur und schmal, offen und neugierig und vorwärtsstrebend wie Adam. Sie muss eine durchhaltefähige, starke Frau gewesen sein. Sie ist mit Adam nach Dortmund gegangen, 1890. Beide folgten ihrem Freund Witold, der auf einen Anwerber gehört hatte und schon im Eisen- und Stahlwerk Hoesch arbeitete.
Geheiratet hatten meine Urgroßeltern 1888 in Samplava. Beide waren katholisch. Wer in Westpreußen katholisch war, hatte polnische Vorfahren. Alle polnischen Kinder mussten in dieser Zeit den Deutschunterricht besuchen, meine Urgroßeltern also auch. Wer evangelisch war, war deutsch.
Zuzanna saß auf der Kante des Bettes, in dem matt ihr Adam lag, innerlich weit entfernt. Wie schwebend fuhr sie mit ihren Fingern an seinen Adern entlang, die so deutlich sichtbar über seinen Handrücken verliefen. Immer wieder strich sie zärtlich, bis sie plötzlich die Hand des Verletzten zwischen ihre beiden Hände nahm und fest zudrückte.
„Aus lauter Liebe zerquetschen?“, murmelte er leise und öffnete das unverletzte Auge. Zuzanna lächelte ein immer breiter werdendes Ja. Sie begann zu erzählen. Dass jetzt überall schwarze Trauerfahnen wehten. Dass ihrem Haus gegenüber, vor dem Verwaltungsgebäude von Eisenhütte und Bergwerk, vor dem dunkelroten Backsteingebäude von Hoesch, sogar zweimal Halbmast geflaggt war. Für die toten Kumpel. 61 zmarłi. Schlagwetter. Dass es ihr aber so vorkomme, als wehten die Fahnen für ihn. Adams Unglück wegen. Als wenn die ganze Stadt mit ihnen traurig sei. Seine Zuzanna. Adam lächelte. War wohl groß, ihr Schmerz. Seine Zuzanna. Träumte den Schmerz davon.
Während Zuzanna wusch, draußen, wo es das Wasser gab, eine Pumpe über einem Steintrog, während sie die Kartoffeln schleppte und das Futter für das Schwein kochte, während sie wischte und bohnerte, kam ihr immer wieder wie ein Bild ihre Nähmaschine vor Augen. Sie strengte sich an, weiter zu denken. In der Stadt gab es genügend reiche Leute, die sicher Ausbesserungsarbeiten vergeben würden. Sie konnte alles anbieten. Sie konnte auch etwas Neues nähen. Nicht gerade Herrenanzüge, aber sonst doch alles.
Mitte April, an einem Donnerstag, rief sie Ania und ging los. Sie fasste das Händchen ihrer Zweijährigen und machte langsame Schritte. Es dauerte, bis sie da ankamen, wo Rhododendren fünfstufige Treppenaufgänge flankierten.
Zuzanna half Ania vorsichtig die Stufen hinauf. Leise! Sie legte den Finger auf den Mund und stöhnte dann doch laut. Ojej ojej! Was sagen? Wie sich anbieten? Dann entschied sie sich, schnell und gerade heraus zu handeln und klingelte.
„Wer war das?“
„Ach, Gesocks. Hat man sofort gerochen! Wie Plumpsklo!“, hörte Zuzanna noch, bevor die Tür vor ihr wieder ins Schloss fiel. Einen Moment stand sie starr. Dann drehte sie sich um, nahm ihr Kind auf den Arm und hetzte die Stufen hinab.
„Hast du das gehört, Ania, als wenn wir uns nicht waschen würden! Wie Plumpsklo. Unerhört!“
Zuzanna legte Empörung in ihre Stimme. Ania sollte nicht hören, wie bedrückt sie war. Wie sollte sie das ändern? Sofort gerochen! Es war nicht ihre Schuld, dass die Abwässer aus der Innenstadt bei ihnen noch immer die Gosse entlangflossen. Oder eben nicht mehr flossen. Was konnte sie dafür?
Dass es nicht leicht sein würde, Arbeit zu finden, das hatte sie sich gedacht. Dass die Suche aber so schnell zu Ende sein würde, hatte sie nicht geahnt. Auch die Aufwartungsfrauen der Nachbarhäuser würden sie sofort am Geruch erkennen. Gesocks. So hießen sie hier also.
Auf dem Rückweg zog Zuzanna Ania ungeduldig hinter sich her. Wenn sie keine Arbeit bekam, dann musste eben ein Kostgänger kommen. Ihr halbes Häuschen, das ihnen Nachbar Witold, ihr alter Freund aus Neumark, besorgt hatte, war ja ein Luxus, auch wenn es nicht besonders groß war. Unten die Küche und der Zugang zu Garten und Ställen. Oben ein Schlafzimmer und ein Zimmer für Kinder. Noch schlief Ania bei Adam und ihr. Aber wenn das Neue da war – nicht mehr so sehr lange hin –, dann sollte sie einen eigenen Raum haben. Noch konnte ein Schlafbursche in das Zimmer, vielleicht auch ein zweiter.
Zuzanna überlegte. Einen Zettel an das Küchenfenster kleben? Auf ihrem Weg zur Hütte mussten viele Arbeiter an ihrem Haus vorbei. Auf Polnisch schreiben? Das wäre zu auffällig, geradezu eine Einladung zu Hetze und Maßregelung. Die Polizei hätte sofort zu wissen geglaubt, wer nachts Kartoffeln klaut oder Hühner. Und die Deutschen hätten sich darin bestätigt gesehen, dass hier die Faulen wohnen, die Trinker, bei denen immer Streit ist.
Zuzanna nahm sich vor, zum Hüttenwerk zu gehen und es dort selbst zu erzählen. Am besten erst einmal Witold. Sie holte wie üblich Witolds Henkelmann von Nachbarin Iwona und machte sich auf. Mit gebeugten Schultern und schleppendem Schritt ging Zuzanna noch langsamer, als hätte sie die kleine Ania an der Hand. Sie drängte Tränen zurück und Scham.
Vor dem Werkstor traf sie Witold, der wie die meisten Hüttenarbeiter schon gewartet hatte, und gab ihm seinen Henkelmann. Witold dankte kaum, sondern begann sofort zu erzählen. Er redete und redete, sprach unbekümmert Polnisch. Witold hatte den Anfang gemacht, er war einem Anwerber gefolgt. Jetzt sah er sich als den Erfahrenen, der sogar Regeln brechen konnte. Zuzanna hielt den Kopf gesenkt. Ein Redeschwall – sie verstand gerade nichts. Nein, dieser selbstgewisse Mann war nicht der Richtige, ihr Angebot zu verbreiten. Und dazu einer aus der alten Heimat, aus Neumark selbst. Sollte sie gleich sagen, es ist wieder so weit, das Geld reicht nicht, wie schon in der Heimat nicht?
Zuzanna drehte sich auf dem Absatz um, nickte noch einmal zurück und ging. Da fiel es ihr ein, der Pförtner! Er sah die Männer aus- und eingehen, auch die jungen, auch die neuen Arbeiter. Ihn würde sie bitten, es weiterzusagen: Volle Kost für zwei.
Arbeit hatte Zuzanna jetzt genug. Sie würde bald für die Kostgänger mitkochen, mitwaschen, also noch mehr Holz spalten und noch öfters Wasser tragen. Wenigstens brauchte sie nicht den doppelten Weg zu machen, erst für Witold bis zum Hüttenwerk Hoesch, das war kurz, aber dann die Straße hinauf bis zur ,Maschinenfabrik Deutschland‘ mit Adams Henkelmann, das dauerte doch ein bisschen.
Adam saß mit seiner Augenklappe in der Küche.
„Weißt du was, Zuzanna, jetzt ist es ja schon länger her, aber es ist mir heut Nacht wieder eingefallen. ‚Einer aus dem Osten‘ hat die Krankenschwester gerufen, als ich eingeliefert wurde. Was hat sie gemeint?“
„Na, ‚Polak‘ werden sie nicht gleich schreien im Krankenhaus.“
„Ich bin Deutscher wie die Leute hier auch. Ich komme aus Preußen. Ich spreche Deutsch wie sie.“
„Naja. Nicht so ganz wie sie. Musstest du zwar lernen in der Schule, aber es klingt …“
„Ach, egal. Macht ja nichts.“ Adam wiegelte ab.
Zuzanna schwieg. So gelassen wie er konnte sie nicht sein.
„Na und? Sind wir Polen schlechtere Menschen?“
„Gesocks. So nennen sie uns. Mich auch. Das war schlimm, als ich nach Arbeit gesucht habe. Ojej ojoj! O nie. Mit dem Kind dabei!“
„Nimm es dir nicht so zu Herzen, Zuzanna! Ich habe eine gute Position, und wir wohnen in einem Haus. Ich verdiene viel mehr, als ich in Neumark je bekommen hätte.“
Den letzten Satz sprach Adam nur noch leise aus. Er bekam ja kaum noch Geld. Nun nagte auch an ihm der Zweifel. Zuzanna, die am Kohlenherd stand, fühlte sich auf einmal wie gelähmt. Sie legte eine Hand unter ihren Bauch. Adam? Verdienen? Zuzanna hielt die Tränen zurück. Ganz fest versuchte sie, alles zurückzudrängen, was aus ihrer Kindheit hochkam.
Zuerst war es nur weniger Fleisch gewesen, dann überhaupt weniger zu essen. Keine neuen Schuhe mehr. Und die Sonntagstracht verschliss, wie die Alltagskleidung längst verschlissen war. Ihr Vater, einst ein angesehener Schreinermeister, war zum Kistenbauer abgestiegen. Keine Gesellen, keine Lehrlinge mehr. Warum, das hatte Zuzanna nicht verstanden. Als Kind fühlte sie nur, wie weh es tat.
Ihre Kinder sollten einmal nichts entbehren müssen! Zuzanna drehte sich um, lehnte sich an die Ofenstange und bildete mit ihren beiden Händen ein Halbrund, das ihren Bauch stützte. Langsam entspannte er sich unter der Wärme, die ihre Hände ausstrahlten. Ja, sie würde ihre Kinder schützen. Aufrecht wandte sie sich wieder den Töpfen zu.
Adam saß ganz still und schaute nach innen. Er spürte dabei sein linkes Auge. Kinder! Das zweite bald da. Arbeiten konnte er noch nicht. Für Zuzanna allein war das alles zu viel. Wie entfernt hörte Adam sie sprechen. Schlug sie Taufnamen vor?
„Gracjan“, unterbrach er sie.
Zuzanna wirkte irritiert.
„Wenn es ein Junge wird, meine ich. Oder Jeremiasz.“
„Wenn es ein Junge wird.“
„Ja, Zuzanna, ich bin ganz sicher, es wird ein Junge. Leszek. Was hältst du davon?“
„Ich bin nicht sicher, es könnte auch ein Mädchen sein, ich kann es nicht fühlen dieses Mal. Aber eins kann ich dir sagen, Adam, das Kind bekommt einen Namen wie deinen! Einen, dem nicht anzuhören ist, dass er polnisch ist. Konrad zum Beispiel. Oder Józef, den können wir gleich Josef mit s schreiben lassen. Oder Józefina – schreibt man mit z. Ach so, das müsste dann Josefine heißen. Nein, Josefina mit s.“
Adam stand auf und nahm sie in den Arm. Zuzanna legte ihren Kopf an seine Brust. Sie reichte ihm gerade bis zur Schulter.
„Und Ania wird ab jetzt auch Anja mit j“, setzte sie nach.
„Zuzanna?“
Sie hob den Kopf. Verschämt küsste Adam ihr Ohr. Sie drückte sich fester an ihn. Lang und innig war die Umarmung.
Nun getraute sie sich, Adam zu erzählen, dass sie auf der Hütte um Schlafburschen werben ließ.
„Was? Was hast du gemacht?“
Adam schob Zuzanna auf Armlänge zurück.
„Das Zimmer brauchen wir doch noch nicht, Adam.“
„Nicht hier oben, nicht die Treppe rauf!“
„Ist doch besser. Dann sind sie nicht ständig in der Küche.“
Ein neues Kind. Wenn er daran dachte, verschwanden die Querfalten auf Adams Stirn. Ein Junge. Ganz sicher. Adams Mundwinkel wanderten nach oben, stürzten aber schnell wieder ab. Das Nichtstun machte ihm zu schaffen. Vor allem, dass er Zuzanna so viel aufbürden musste, krank, halbblind. Und – sie entschied!
Ein Nichts war er. Und dazu ‚einer aus dem Osten‘. Wie die, die ins Bergwerk gegangen waren. Du liebe Güte, wie viele das machten! Der knappe Lohn schien ihnen wie die Verheißung. Er dagegen war ein Handwerker, ein Meister sogar. Und doch einfach ausgesondert.
Er ging in den Garten, zupfte die letzten Radieschen und untersuchte die Blattunterseiten der jungen Kohlpflänzchen auf Läuse. Er sah die Tierchen, wischte sie mit dem Zeigefinger weg. Ein Auge reicht, sagte er sich mürrisch. Er sah das Schwein schlafen, die Kaninchen mümmelten wie die Ziege, die Hühner scheuchte er weg.
Er setzte sich auf die Bank an der Lehmstraße, die vor den niedrigen Doppelhäusern verlief. Die Straße war ihr Treffpunkt. Jedes Haus hatte eine Bank zu dieser Seite hin. Hier spielten auch alle Kinder.
Er saß und wartete. Auf Witold, aber eigentlich wartete er darauf, dass die Zeit verging. Er schaute auf das Feld gegenüber. Das nahe Hüttenwerk musste er so nicht sehen, er roch und hörte es mehr. Das ewige Hämmern und Klopfen, das Tuten und Pfeifen war nicht zu überhören. Nach rechts hin kam sehr bald der Eingang zum Werk und die Markenkontrolle. Wenn er seinen Blick geradeaus hielt, konnte er sich glauben machen, er sei wie früher nahe beim Gut.
Lieber ging er doch wieder hinters Haus. Dort, unter den Bäumen der vier aneinandergrenzenden Gärten, zwischen den Ställen, die sich jeweils die Rückwand teilten, fühlte es sich eher an wie zu Hause. Dass sie hier durch Witold, der auf der Eisenhütte arbeitete, eine Wohnung gefunden hatten! Weiter oben in der Stahlwerkstraße lagen die Zeche, die zu Hoesch gehörte, und die ,Maschinenfabrik Deutschland‘ einander gegenüber, aber es waren doch zwei unterschiedliche Brotgeber. Die Hütte gab ihren eigenen Arbeitern Wohnungen, weil sie Anhänglichkeit und Treue wollte. Aber nicht im Hüttenwerk, sondern in der Maschinenfabrik gegenüber hatte Adam Arbeit gefunden. Glück hatten sie gehabt mit dem Häuschen, cholerne szczęście, verfluchtes Glück.
Es war ohnehin zu früh heute. Witold würde so schnell nicht von der Arbeit kommen. Würde er überhaupt nach der Arbeit heimkommen, heute? Ja, heute war Mittwoch. Zu seinem Gewerkverein ging Witold immer am Dienstagabend.
Adam fragte sich, ob er nicht auch in den Grünen Kranz hätte gehen sollte. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, mal wieder die schwarze Samtfliege zu tragen. Dennoch – war vielleicht ganz gut, dass er zu Hause geblieben war.
Seine kleine Anja kam heraus, blieb stehen, lief auf die Bank zu und drängte sich schließlich an seine Knie, bis Adam sie auf den Schoß nahm und zu singen begann.
Panie Janie! Panie Janie!
Rano wstań! Rano wstań!
||: Wszystkie dzwony biją
Bim, bam, bom, bim, bam, bom.
Als er das letzte Mal die Glocken für den Meister Jakob schlagen ließ, hörte Adam von nebenan laute Worte. Witold und Iwona schienen sich zu streiten. Anja krähte, die Töne überlagerten sich. Was er verstand, kam von Iwona: „Hast ne ganz schöne Pläte, obwohl du doch erst dreißig bist.“
Witold war klein, von rundlicher Statur. Sein Haar bildete einen Kranz. Adam sah nun, wie Witold schnell aus der dunklen Küche in die Sonne hinaustrat. Er setzte sich neben Adam und atmete tief durch.
„Ah, wie war’s denn gestern?“, fragte Adam.
„Ging ganz schön hoch her.“
„Ach, die Herren haben sich im Vatermörder die Köppe eingeschlagen?“
„Es hat schon seinen Sinn, dass wir Anzug und Weste tragen, Adam!“
„Ja, ja, ihr Herren Former, wollt halt gute Bürger sein“, frotzelte Adam weiter. „Aber die Weste zwickt, und schon geht’s los.“
„Adam, du weißt doch. Wir Former sind nun mal ganz oben. Das sollen wir einfach so aufgeben? Wir wollen nicht in der Masse der Metallarbeiter untergehen! Wir sind Facharbeiter und arbeiten im Prämiensystem.“
„Mensch, Witold! Der deutsche Metallarbeiterverband hat fünftausend Mitglieder. Fünftausend in vier Jahren. Eine Gewerkschaft mit so rasantem Zuwachs gibt’s nicht so schnell wieder! Und ihr meint, ihr seid eine höhere Kaste und habt mit diesen gemeinen Handlangern nichts zu tun.“
„Haben wir auch nicht, wir sind nicht die Gussputzer.“
„Ihr seid auch nicht die Kranführer, nicht die Transportarbeiter, ihr gehört auf keinen Fall zu den Angelernten in der Gießerei, ich weiß. Ich bin auch Dreher und weiß, was ich wert bin. Trotzdem können wir allein nichts bewirken. Nur gemeinsam sind wir stark.“
Adam ärgerte sich. Witold war sein Freund, sein alter Freund aus der Heimat, so lange schon kannte er ihn. Aber hatten nicht alle Streiks zuvor gezeigt, dass es keinen Sinn hatte, wenn nur eine einzige Zeche streikte? Das musste Witold doch auch einsehen. Die Herren Bergwerksbesitzer wussten, dass sie am längeren Hebel saßen. Eine einzelne Zeche, das hielten sie aus. Sobald die Bergleute aber ihren Streik aufgaben, zogen sie die Schraube an.
„Dich trifft es doch nicht!“
Adam hielt bestürzt inne. Wie kaltherzig war Witold denn? Adam stand unvermittelt auf. Was war ihm Witold? Freund oder Fremder? Adam ging ins Haus.
Zuzanna ersehnte das Geld der Kostgänger. Monatsmitte grad vorbei und gefährlich wenig in der Küchenbörse. Und Anja brauchte schon wieder neue Schuhe.
Zuzanna schlief schlecht in dieser Zeit. Es waren immer dieselben Gedanken, die sie quälten. Und doch schälte sich ganz langsam etwas Neues heraus. Iwona hatte von den Waißheims gesprochen, von ihnen sei vorm Werkstor der Hütte erzählt worden. Am Zahltag. Dann standen die Frauen ja lange da, warteten mit den Kindern auf dem Arm. Wollten die Lohntüte, sofort, bevor ihre Männer das Geld ins Schnapskasino tragen konnten. Also die Waißheims. Der Herr Commercienrat und seine Frau. Wohltätige Menschen. Sie hatten keine Kinder. Sie spendeten, stifteten, sagten die Frauen. Gütig. Ein besonderes Paar.
Die Villa Waißheim war das einzige Haus weit und breit neben der Ausflugsgaststätte Zum Fredenbaum. Zuzanna kannte es. Ein Haus in einem eigenen Park. Da würde nicht eine Bürgerfrau die andere durch die Gardinen kontrollieren, ob sie womöglich dem Gesocks Arbeit gab!
Anfang Mai machte sie sich auf. Der Weg allerdings war weit. Immer wieder musste sie ihre kleine Anja auf den Arm nehmen. Leise wiederholte sie die deutschen Sätze, die sie sich zurechtgelegt hatte. Ich kann nähen. Ich könnte für Sie nähen. Ausbessern. Gardinen nähen. Ein Kleid nähen. Bald fühlte sie sich sicherer. Als sie vor dem Eingang standen, musste Zuzanna dennoch die Luft anhalten. Das schmiedeeiserne Tor war so hoch! Zudem war es links und rechts von schmalen Häusern gesäumt, die durch einen überdachten Gang über dem Tor verbunden waren. Alles in Fachwerk – die Zeile sollte Eindruck machen.
Zuzanna räusperte sich, griff fester um die Hand ihres Kindes. Nein, diese Chance würde sie sich nicht entgehen lassen! Mit fester Stimme und durchaus laut gab sie dem Pförtner Antwort. Als er sie nach einigem Zögern zur Frau Commercienrat durchgelassen hatte, handelte sie schnell. Nur ein kurzes Stück auf dem breiten Weg, dann wandte sie sich um zu den Sträuchern gegenüber dem zweistöckigen Pferdestall.
