Rummelpott - Gerrit Jan Appel - E-Book

Rummelpott E-Book

Gerrit Jan Appel

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Beschreibung

Im Norden geht es gemächlich zu. Das Leben richtet sich nach der Natur. Die Menschen leben mit grauen Nebelschwaden und endlosen Regennächten ebenso wie mit Sommertagen, wie sie schöner nicht sein können - wie sie aber auch schlimmer nicht sein können, wenn die Sonne über Wochen ohne Nass vom Himmel die Ernte verbrennt. Am Meer nehmen heftige Stürme genau so Land weg, wie sie neues erschaffen. Der Norden fordert und gibt. Beides unvorhersehbar, von beidem mal zu viel, mal zu wenig, niemals ausgeglichen. An Küste und Hinterland der Nordsee bestimmt zudem der Gezeitenstrom den Lauf der Tage. Im Auf und Ab von Ebbe und Flut trägt das Meer sein Wasser in die Salzwiesen und Flüsse, Fische in die Reusen und alte Geschichten ins Land. Geschichten von den Gewalten der Natur und den Lebenswegen der Menschen, gelenkt von einem Geschick, das nicht immer zu erklären ist... Unheimliche Erscheinungen und mysteriöse Begegnungen vor der Kulisse Norddeutschlands mit seinen einprägsamen Menschen bilden die Szenarien der acht Schauergeschichten in "Rummelpott", erzählt in der Tradition viktorianischer Autoren aus der "Goldenen Ära der Geistergeschichte" von etwa 1850 bis zum Ende des ersten Weltkrieges.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Sören von der Entenkoje

Fährmann, hol über

Cäsar

Das Nebelschiff

Sommereis

Die Witwe von Nienstedten

An seiner Seite

Rummelpott

Glossar

Impressum

Sören von der Entenkoje

Im Norden geht es gemächlich zu. Das Leben richtet sich nach der Natur. Seit der ersten Besiedlung vor vielen Jahrhunderten leben die Menschen mit grauen Nebelschwaden und endlosen Regennächten ebenso wie mit Sommertagen, wie sie schöner nicht sein können - wie sie aber auch schlimmer nicht sein können, wenn die Sonne über Wochen ohne Nass vom Himmel die Ernte verbrennt. Man bewirtschaftet ein bis auf wenige sanfte Hügel ebenerdiges Land. Am Meer nehmen heftige Stürme genau so Land weg, wie sie neues erschaffen.

Der Norden fordert und gibt. Beides unvorhersehbar, von beidem mal zu viel, mal zu wenig. Niemals ausgeglichen.

An Küste und Hinterland der Nordsee bestimmt zudem der Gezeitenstrom den Lauf der Tage. Im Auf und Ab von Ebbe und Flut trägt das Meer sein Wasser in die Salzwiesen und Flüsse, Fische in die Reusen und alte Geschichten ins Land. Geschichten von den Gewalten der Natur und den Lebenswegen der Menschen, gelenkt von einem Geschick, das nicht immer zu erklären ist.

Für Geschichten hatte Hannes Ruppel nichts übrig. Ihn interessierten nur Tatsachen, und er war auf dem Weg, um welche zu schaffen. Mit dem spätnachmittäglichen Postzug auf der Marschbahn von Sylt nach Süden war er kurz vor der Abenddämmerung an dem kleinen Bahnposten angekommen. Den Rest des Wegs würde er nun zu Fuß zurücklegen. Sieben Kilometer waren für ihn eine leichte Übung, selbst mit seinem schweren Lederkoffer in der Hand.

Der Halt war nur kurz. Der Beamte sprang aus dem Postwaggon, holte den Postsack für Hamburg aus einem gut verschlossenen Häuschen am Ende des wackeligen hölzernen Bahnsteigs und kletterte wieder in den Zug. Die Lokomotive pfiff, stieß eine mächtige Rauchwolke aus und setzte sich langsam in Bewegung.

Hannes hatte Bahnsteig und Wegweiser schon hinter sich gelassen und ging auf der befestigten Schotterstraße in Richtung Westen. Der Weg zog sich eintönig dahin, nahezu schnurgerade. Es gab keine Landmarke, die einschätzen ließ, wie weit es noch zum Dorf am Siel war. Es wurde nicht leichter, als die anfangs noch recht breite Straße sich zu einem Redder verjüngte. Dichter Bewuchs zu beiden Seiten behinderte die Orientierung erheblich. Hannes wusste, dass er nicht mehr weit von seinem Ziel entfernt sein konnte, als er eine Bank am Wegesrand erreichte. Auf ihr saß ein Mann mit dichtem Kinnbart und zerfurchter Stirn. Vom linken Ohr zog sich eine lange Narbe über die hohle Wange. Sein Haar war zerzaust und genau so strohblond wie der Bart.

Hannes grüßte, bekam jedoch keine Antwort. Es verwunderte ihn nicht. Die Menschen hier galten als stur, besonders Neuankömmlingen gegenüber. Der Mann auf der Bank schien ein ganz besonderes Exemplar seiner Zunft zu sein. Er starrte so düster, feindselig und bedrohlich aus schwarzen, tief in den Höhlen liegenden Augen, dass es Hannes ganz kalt wurde. Sofort beschleunigte er seinen Schritt. Sein Herz klopfte. Ganz besonders, als er glaubte, ihm würden Schritte folgen. Er wandte sich um. Doch der Mann saß immer noch mit unverändert frostiger Miene auf der Bank. Ansonsten war niemand zu sehen.

Hannes verspürte eine gewisse Erleichterung, als der Weg eine Biegung machte und dahinter die ersten Häuser des Dorfes am Siel zu sehen waren. Gleichzeitig kam er sich töricht vor, ein solcher Hasenfuß gewesen zu sein.

In der Pension am Dorfplatz trat man ihm freundlicher gegenüber, aber auch nur gerade eben genug, um einen zahlenden Gast nicht gleich wieder zu verjagen. Zudem wurde er mit unverhohlen neugierigen Blicken gemustert. Was wollte jemand um diese Jahreszeit hier, wenn noch die Frühlingsnebel zogen? Bis die Sommerfrischler kamen, mit denen das Dorf seit einigen Jahren gutes Geld verdiente, würde noch einige Zeit vergehen.

Hannes trug sich in das Gästebuch ein, wechselte ein paar höfliche Worte mit der Pensionswirtin und bezog ein Zimmer im ersten Stockwerk. Viel Gepäck hatte er nicht in seinem Koffer. Nur ein wenig Kleidung, ein Buch zum Lesen und einen Notizblock. Mehr brauchte er für eine Woche nicht. Länger konnte er auch nicht bleiben.

Er ging in die Gaststube hinunter und nahm noch eine kleine Mahlzeit zu sich, ehe er zu Bett ging. Als er die Vorhänge zuzog, sah Hannes den Mann von der Bank auf dem Dorfplatz stehen. Mit unbewegter Miene schien er die Fassade der Pension mit den Augen abzusuchen, bis sie schließlich an einer Stelle hängen blieben.

Sofort fror Hannes wieder am ganzen Leib. Er wollte den Vorhang zuziehen, doch der Fremde schien ihn mit seinem Blick förmlich festzuhalten. Es gelang Hannes nicht, seine Augen abzuwenden, bis das Schlagen der Kirchturmuhr ihn zusammenzucken ließ. Als er wieder auf den Platz hinuntersah, war der Fremde fort.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag erkundete Hannes das Dorf. Alle Versuche, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, schlugen fehl. Auf Fragen erhielt er nur einsilbige Antworten, oft genug auch gar keine. Das Misstrauen stand den Einwohnern ins Gesicht geschrieben. Er war kein Erholungsuchender aus der großen Stadt, wie er allen vorgaukeln wollte, und sie wussten es.

Hannes änderte sein Vorgehen. Er holte ein Buch aus seinem Zimmer und zeigte überhaupt kein Interesse mehr an den Einheimischen. Er spazierte gemächlich durch das Dorf, sah am Hafen zu, wie die Fischerboote entladen wurden, und ließ sich am Rand verschiedener belebter Plätzen nieder, um scheinbar konzentriert in seinem Buch zu lesen.

In Wahrheit hielt er Augen und Ohren weit offen. Er hatte recht gehabt mit Annahme, die Dörfler würden ihn förmlich vergessen, wenn er mit der Umgebung verschmolz. Sie redeten, als schienen sie ihn nicht zu bemerken, und Hannes hörte genauestens zu. Abends auf seinem Zimmer machte er sich Notizen. Beim Zuziehen der Vorhänge fiel ihm erneut der Mann mit den düsteren Augen auf, doch heute war Hannes gefasster bei diesem Anblick als gestern. Denn schon während des ganzen Tages war der Mann immer wieder wie zufällig an den verschiedensten Orten aufgetaucht. Da von den Dorfbewohnern niemand Notiz von ihm genommen hatte, nahm Hannes an, dass es sich um den Dorfkauz handelte: Wunderlich, ein bisschen unheimlich, aber nicht wirklich gefährlich.

Am nächsten Morgen rasierte sich Hannes gerade, als die Tochter der Pensionswirtin neue Handtücher brachte. Für einen Moment glaubte Hannes beim Blick in den Rasierspiegel, den Fremden im Türrahmen stehen zu sehen. Er musste sich getäuscht haben, denn im selben Moment verließ das Mädchen den Raum und wäre unweigerlich mit dem Mann zusammengestoßen, wenn er dort wirklich gestanden hätte.

Hannes beendete seine Morgentoilette und verließ das Haus. Er hatte noch nicht genug von dem gehört, was er erfahren wollte, darum würde er noch einen weiteren Tag den Vergnügungsreisenden spielen.

Neben der Dorfkirche fand er ein Haus, das älter zu sein schien als die meisten anderen im Ort. Über die Jahre waren Fachwerkgemäuer und Reetdach windschief geworden. Der Schornstein lehnte sich arg zur Seite, beinahe so, wie dieser Turm, den Hannes einmal in einem Buch über Italien gesehen hatte. Heimatmuseum stand auf einem verwitterten Holzschild, darunter Eintritt frei.

Hannes stieß die Tür auf. Der Türrahmen war so niedrig, dass Hannes sich ducken musste, um eintreten zu können. Im Inneren empfing ihn eine düstere, muffige Atmosphäre. Staub lag auf den ausgestellten Möbeln, die wohl zeigen sollten, wie eine typische Fischerkate in dieser Gegend eingerichtet war. Viel mehr gab es nicht zu sehen und Hannes wandte sich zum Gehen um. Aus dem Augenwinkel nahm er ein Wandbild wahr. Er sah genauer hin und erkannte den Fremden, der ihm so oft über den Weg lief. Zumindest schien er den Mann auf dem Bild zu spielen, vielleicht für ein Dorffest, es gab ja solche Bräuche. Denn der Mann, der Modell gestanden hatte, war schon viele Jahre tot. So stand es auf einem der drei handbeschriebenen Blätter, die von einer Glasplatte geschützt auf dem Tisch unter dem Bild lagen. Sören von der Entenkoje hatte man den Mann gerufen und er war der Kopf einer großen Schmugglerbande gewesen. Hannes las:

Dabei bedienten sie sich der Entenkoje von Sören Vogts Vater. Für eine Entenkoje wurden in den vier Ecken eines künstlichen quadratischen Teichs vier sich zum Ende verjüngende Kanäle angelegt, so genannte "Pfeifen", die mit Netzen überspannt wurden und an deren Ende sich Reusen befanden. Für gewöhnlich wurden so mit Hilfe von abgerichteten Enten deren wilde Artgenossen angelockt. Die Lockenten wurden am Ende der Reuse befreit und wieder in die Lüfte entlassen, während die gefangenen Enten geschlachtet und auf dem Markt verkauft wurden. Die Bande von Sören Vogt brachte in einer der vier Pfeifen in der Entenkoje einen raffiniert getarnten Taubenschlag an. Die Komplizen der Schmuggler auf See ließen zu gegebener Zeit eine Brieftaube frei, welche zu der Entenkoje flog und Sören Vogts Bande über einen kleinen Zettel wissen ließ, welche Schmuggelware zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort übergeben werden sollte. Da das Uferdickicht um die Koje zahlreichen anderen Vögeln als Brutrevier diente, fielen die Tauben nicht weiter auf. Durch den sie umgebenden Wald bekam niemand mit, dass Sören Vogts Männer rund um die Koje mehrere Verstecke für ihr Schmuggelgut anlegten und dort allmählich der wichtigste Umschlagplatz für die Schmuggelei in diesem Landstrich entstand.

Das Schmuggelgeschäft blieb lange einträglich, bis Sören und seine Bande durch einen Zufall entdeckt und gestellt wurden. Rasch wurde der Trick bekannt, und von da an nannte man Sören Vogt nur noch "Sören von der Entenkoje". Nur wenige Wochen nach seiner Verhaftung wurde er zum Scharfrichter geführt. Mit seinen letzten Worten soll er geschworen haben, immer auf seine eigenen Leute aufzupassen, um sie vor den Klauen der Obrigkeit zu schützen.

In der Tat wurde seitdem in der Gegend nie wieder ein Schmuggler dingfest gemacht.

Als Hannes wieder in den Vorgarten des brüchigen alten Hauses trat, sah er auf der anderen Straßenseite eine ihm nun längst vertraute Gestalt. Diesmal lächelte der Fremde ihn an. Es war kein freundliches Lächeln, sondern hinterhältig und durchtrieben.

Ein Pferdefuhrwerk kreuzte den Weg. Als es Hannes passiert hatte, war von dem Fremden nichts mehr zu sehen. Er musste irgendwie auf das Fuhrwerk aufgesprungen sein. Hannes zollte ihm innerlich Respekt für diese Leistung. Er würde damit großen Eindruck schinden wenn er dies bald für die Sommergäste vorführen sollte. Denn das war es wohl: Ein Spaß, um Fremden einen wohligen Schrecken zu bereiten. Und Hannes war das willkommene Publikum, um die neuesten Tricks auszuprobieren.

Im Nachhinein war Hannes zufrieden mit seiner Entscheidung, dieses lächerliche kleine "Museum" besucht zu haben, hatte ihm dieser Abstecher doch interessante Erkenntnisse gebracht. Überhaupt erwies sich der weitere Tag als wahre Goldgrube. Jetzt ergaben die Dinge, die er von den Dörflern aufschnappte, einen Sinn. Er war sehr zufrieden, als er an diesem Abend zu Bett ging. In einem Anflug von Übermut ließ Hannes sich beim Schließen des Fensters sogar dazu hinreißen, dem Fremden unten auf der Straße mit einer unmissverständlichen Geste deutlich zu machen, was er von ihm hielt.

Nach einer weiteren Nacht in der Pension wurde Hannes an seinem dritten Tag in dem Dorf am Siel auf der Polizeiwache vorstellig.

"Ich habe mich schon gefragt, wann du kommst", sagte der Dorfwachtmeister jovial, noch bevor Hannes selber den Mund auftun konnte.

"Sie wissen, wer ich bin?"

"Natürlich. Glaubst du wirklich, auch nur einer im Dorf hat dir abgenommen, dass du zur Erholung gekommen bist? Uns haben sie schon so oft Verstärkung geschickt, dass wir es euch an der Nasenspitze ansehen. Ganz egal, wie ihr versucht, euch bei uns einzuschleichen."

"Dann wissen Sie auch, warum ich bei Ihnen bin?"

"Lass die Förmlichkeiten, wir gehören zum selben Verein. Ich bin Klaas Klaasen. Und wer bist du?"

"Johannes Ruppel, Hamburger Polizei, Abteilung Zollschmuggel."

"Also Hannes. Tee?"

"Gerne."

Ohne Eile bereitete der Dorfpolizist Tee für sich und seinen Gast zu. Dabei redete er weiter. "Natürlich weiß ich, warum du hier bist, Hannes Ruppel. Ab und zu wird es den Herren an höheren Stellen mit der Schmuggelei hier zu dumm, und sie schicken uns Amtshilfe. Einmal haben sie uns sogar einen Preußen aus Berlin geschickt. Über den haben sie sich alle nur lustig gemacht. Konnte man nicht ernst nehmen mit seinem steifen Gang, als hätte er einen Stock verschluckt. Hier." Er reichte Hannes eine Tasse Tee.

"Vielen Dank."

"Da nich' für. Das letzte Mal war jemand hier vor... lass mich überlegen... drei oder vier Jahren. Aber der ist genau so unverrichteter Dinge wieder abgezogen, wie alle anderen davor. So wie ich das sehe, wird es dir kaum anders ergehen."

"Weil Sören von der Entenkoje auf seine Leute aufpasst?" Hannes trank von seinem Tee. Ein gutes Gebräu. Das konnten die hier wirklich besser als in der großen Stadt, das hatte er schon in der Pension beim Frühstück bemerkt.

Klaas lachte. "Hab' mir schon gedacht, dass du auf diese alte Geschichte gestoßen bist, als ich hörte, du wärest im Heimatmuseum gewesen."

Wahrscheinlich hat der angebliche Fremde es dir gesteckt, dachte Hannes. Laut sagte er: "Und?"

Klaas schüttelte den Kopf. "Zwanzig Jahre bin ich hier jetzt der Dorfgendarm, und mir ist noch nie etwas untergekommen, bei dem ich an Sören von der Entenkoje gedacht hätte. Ich sag' dir was: Wer erfolgreich schmuggelt, ist nicht dumm. Genau so, wie sie für uns Polizisten immer neue Methoden zum Fangen der Spitzbuben finden, so finden die Spitzbuben neue Wege, um uns zu entwischen."

"Klaas, es gefällt mir nicht, wie du redest. Du als Hüter von Recht und Ordnung! Man könnte meinen, dir sei der Schmuggel egal."

"Die Leute hier haben schon immer von dem gelebt, was die See hergegeben hat."

"Die See? Wohl eher all die Frachtsegler, die hier ihre Schmuggelware absetzen und die dann von euren Spitzbuben eingesammelt wird."

"Gott, das bisschen Rum und Tabak für den eigenen Bedarf. Wird doch nichts weiterverkauft. Wem schadet das schon?"

"Der Staatskasse. Alle Ware aus dem Ausland muss verzollt und versteuert werden."

"Der Staat ist weit. Hier an der Küste geht das nun mal anders zu als bei euch in der großen Stadt."

"Ich kann nicht ohne Resultate dorthin zurückgehen. Wie stünde ich dann da? Wenn ich die Schmuggelroute schon nicht selbst abschneiden kann, will ich sie zumindest auskundschaften. Und es muss heute Nacht geschehen. Desto eher kann ich Bericht erstatten und euch wieder in Ruhe lassen."

"Nu' schnack nicht so gediegen", sagte Klaas Klaasen verächtlich. "In Ruhe lassen. Als wolltest du uns wer weiß was für einen Gefallen tun. Du willst wieder weg von hier, und das so flott wie möglich. Schon in der Minute, als du deinen Fuß zum ersten Mal auf den Dorfplatz gesetzt hast, konnte man dir ansehen, dass du am liebsten gar nicht erst hergekommen wärst zu uns Töffeln am Siel."

"Ich habe meine Befehle."

"Und was habe ich damit zu kriegen?"

"Du sollst deine Pflicht genau so erfüllen wie ich und mir helfen."

"Was hast du da im Sinn?"

"Heute Mittag habe ich am Hafen aufgeschnappt, wie einer eurer Fischer zu seinen Kumpanen gesagt hat, er wolle sehen, dass er den Grünen bis morgen Abend handzahm kriegen will. Mit der Grüne kann ja wohl nur ich gemeint sein."

"Wegen so einer läppischen Bemerkung machst du soviel Wirbel? Hannes, ich verrate dir, was passieren wird: Geh morgen Nachmittag in den Dorfkrug. Lass dich auf einen Tee mit Rum einladen. Natürlich geschmuggelten. Trink ihn, dann bist du sündig. Die Männer hier am Siel wollen einfach, dass du bei der Sperrstunde ein Auge zudrückst."

"So wie du, hm? Ich habe schon mitbekommen, dass du es damit nicht so genau nimmst."

"Hannes, hier am Siel machen wir die Dinge auf unsere eigene Art und Weise ab. Wenn ich darüber hinwegsehe, dass der Wirt hier und da eine halbe Stunde länger ausschenkt, halten mich die anderen für einen feinen Baas und es gibt viel weniger Scherereien wegen anderer Dinge. Und sag mir nicht, dass ihr das in der großen Stadt nicht genauso macht. Ihr habt doch auch eure Gefälligkeiten, mit denen ihr die kleineren Spitzbuben bei Laune haltet, damit sie euch den Weg zu den wirklich üblen Ganoven zeigen."

"Mag sein. Aber ich bin mir trotzdem sicher, dass heute Nacht etwas passieren wird."

"Wie kommst du darauf?"

"Der zahnlose Alte, der immer auf der Bank am Kirchturm sitzt, hat mir da eine sonderbare Mär aufgetischt, dass ich mich nachts unbedingt von der Entenkoje fernhalten soll. Sören Vogt würde niemanden durchlassen, der nicht zu seinen eigenen Leuten gehört."

Der Dorfgendarm lachte. "Hannes, Hannes, Hannes... Wärst du damit mal vorher zu mir gekommen. Auf das, was der alte Jakob von sich gibt, brauchst du nicht zu hören. Der ist nur einmal am Tag besoffen, und das ist immer."

Hannes dachte wieder an den Fremden und sagte: "Wäre nicht der erste, der das nur spielt."

Er wurde amtlich.

"Klaas Klaasen, es führt kein Weg daran vorbei. Heute Abend soll sich was auf der Schmugglerroute tun, und ich glaube, der Dreh- und Angelpunkt ist immer noch die Entenkoje. Schau dir mal meine Aufzeichnungen über die Erkenntnisse der letzten Tage an. Hier auf dieser Landkarte habe ich..."

Am Ende fügte Klaas Klaasen sich seufzend in sein Schicksal und traf beim letzten Glimmen der Abenddämmerung mit Hannes im Schatten der Mauer um den Kirchhof zusammen. Beide Männer waren ganz in Schwarz gekleidet. Hannes Ruppel hatte sich sogar schwarze Schuhwichse ins Gesicht geschmiert. "Kennst du den Weg zur Entenkoje auch im Dunkeln?"

"Natürlich!"

"Verdammt, nicht so laut!" zischte Hannes. "Willst du die Gauner warnen? Die haben doch bestimmt hier ihre Helfershelfer."

"Ist ja schon gut", flüsterte Klaas. "Gewiss kenne ich den Weg. Bin ja schließlich hier aufgewachsen, oder?"

"Dann mal zu!"

Klaas führte Hannes auf Schleichwegen zur Entenkoje. Es ging durch wenig benutzte Redder, Gräben, die nur bei Regenwetter Wasser führten, und besonders dichte Gebüsche. Eins musste man Klaas Klassen lassen - er kannte sich hier wirklich gut aus. Angesichts dessen fand Hannes es verwunderlich, dass es hier keine Erfolge beim Aufspüren der Schmuggler gab. Doch wahrscheinlich kannten sich die Nachkommen von Sören von der Entenkoje und seiner Bande noch besser aus oder hatten sich ihre eigenen geheimen Wege gebaut.

Als sie eine kleine Tannenschonung erreichten, wurde Hannes hinter eine hohe Holzmiete gezogen. "Auf der anderen Seite liegt der letzte Rest des Weges, dann beginnt der Wald um die Entenkoje. Wir müssen dazu gut zweihundert Meter über offenes Feld huschen. Am besten gehen wir nacheinander. Halte dich möglichst geduckt am Boden. Ich laufe vor. In meinem Rucksack habe ich eine alte Eisenbahnerlaterne. Ich werde mit dem Rotlicht leuchten, das fällt in der Nacht nicht so auf. Merk dir die Position gut - ich werde nur einmal leuchten. Sicher ist sicher. Verstanden?"

"Verstanden."

"Gut. Bis gleich."

Klaas schlich auf die andere Seite der Holzmiete. Angestrengt suchte er das bisschen ab, was vom Horizont zu sehen war. Die Nacht war fast so schwarz wie dicke Tinte. Es schien zwar der Mond, doch hielt er sich hinter dicken Wolkenbergen verborgen. Klaas horchte noch einmal in die Dunkelheit und lief dann los.

Hannes lugte um die Holzmiete herum. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich das rote Licht der Eisenbahnerlaterne für wenige Sekunden aufflammte.

Auch Hannes versicherte sich vorher, ob die Luft halbwegs rein war, dann rannte er los. Unvermittelt stolperte er über etwas, stürzte und rollte über harten Ackerboden.

Als Hannes sich wieder aufrappelte, hatte er die Orientierung verloren. "Verdammt!" Er versuchte, mit den Augen seine Umgebung zu erfassen. Er war wohl näher an dem Wald, als er gedacht hatte, denn die Baumkronen hoben sich so mächtig vom schwarzen Himmel ab, dass Hannes sie nahezu mühelos ausmachen konnte.

Er ging auf den Wald zu. "Klaas?" flüsterte er. "Klaas? Bist du da?"

Nichts zu hören. Vielleicht war er zu weit von der Stelle entfernt, an der Klaas sich versteckt hielt. Sollte er den Waldrand nach rechts oder links absuchen? Er entschied sich für rechts.

"Klaas? ... Klaas?"

Ein Knacken ließ Hannes zusammenfahren. Plötzlich stand Klaas neben ihm. "Wo warst du so lange?"

"Ich bin gefallen und wusste erst nicht, wohin ich sollte."

"Na, nun bist du ja da. Komm, die Zeit drängt."

Klaas führte Hannes tiefer in den Wald hinein, bis sich das Dickicht lichtete und sie am Ufer des Teiches der Entenkoje standen. In diesem Moment schoben sich die Wolken beiseite und der Mond tauchte das Gewässer in fahles Licht. Die Wasseroberfläche war mit Entengrütze bedeckt - trotz des Namens waren hier schon lange keine Enten mehr niedergegangen.

"Was habe ich dir gesagt?" raunte Klaas. "Hier ist nix."

"Die Schmugglerbotschaften kamen mit Tauben, hast du das vergessen? Und die landen nicht auf dem Wasser. Ich sage dir, hier passiert heute noch was. Es liegt so was komisches in der Luft."

"Was meinst du?"

"Hör doch."

"Ich höre nichts."

"Eben. Eine ganz merkwürdige Stille. Unheimlich. Da ist... Was war das?" Hannes hatte aufgehorcht. "Da drüben... am anderen Ufer."

Klaas ließ seinen Blick über den Teich schweifen. "Nichts. Es ist nur ein bisschen heller geworden, weil die Wolken jetzt ganz verschwunden sind. Der Mond liegt frei."

"Da hat sich aber etwas bewegt."

"Unfug."

"Doch - da! In der Baumkrone. Verdammt - was ist das?"

In der Baumkrone war eine Bewegung zu sehen. Ein unheimlich schimmernder Nebel trat hervor. In ihm schien sich ein Gesicht zu bilden. Es war ein Mann. Ein Mann mit dichtem Kinnbart und zerfurchter Stirn. Vom linken Ohr zog sich eine lange Narbe über die hohle Wange. Sein Haar war zerzaust und genau so strohblond wie der Bart.

Die beiden Gesetzeshüter erstarrten.

Langsam wurde die Nebelwolke dichter und verbreitete sich über dem ganzen See.

"Grundgütiger..." Hannes' Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Klaas Klaasen war völlig verstummt.

Aus dem Nichts packte eine feuchte Klauenhand Hannes plötzlich bei der Kehle und drückte ihn so fest an den nächsten Baum, dass er Angst hatte, ihm würde das Rückgrat brechen.

"Klaas... hilf mir..." presste Hannes hervor. Doch Klaas Klaasen stand nur da, die Augen vor Entsetzen geweitet, unfähig, sich zu bewegen.

"Klaas... Bitte... Ich..."