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Eigentlich hatte sich Christoph die Zeit nach seiner Verlobung anders vorgestellt: Ein bisschen mehr Hochzeit und deutlich weniger Ärger. Dabei ist die übermotivierte Wedding Plannerin noch das geringste seiner Probleme. Es ist schier unglaublich, was einem auf dem Weg zum Standesamt vor die Füße fallen kann. Manchmal ist man es sogar selber. Nicht nur Christophs Verlobter muss viel Geduld und noch mehr Humor beweisen, um dieses Herzenschaos rechtzeitig aufzulösen. Denn der Countdown bis zur Trauung tickt für alle...
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Sonnabend, 24. Dezember 2011
Das Knechtshaus auf dem Dünenhof
Burg auf Fehmarn
Christoph schaute Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Man hatte ihn nämlich aus der Küche geworfen. Also fläzte er sich auf dem Sofa und stopfte eine Pfeffernuss nach der anderen in seinen Mund. Er sah nicht ein, warum man nicht wie sonst auch einfach Würstchen und Kartoffelsalat auf den Tisch bringen konnte, doch sein Vorschlag war bei Holger auf strikte Ablehnung gestoßen.
»In jedem anderen Jahr kein Problem, aber doch nicht diesmal. Wie sieht das denn aus?«
»Reichlich übertrieben.«
»Deine Meinung. Und jetzt raus mit dir.«
Auch beim Herrichten der Festtafel war Christoph nicht erwünscht. Holgers Großmutter Alma-Henriette, familienintern nur als die göttliche Jette bekannt, hatte sich jede Hilfe verbeten. Wenigstens lag Corgi Charly neben ihm und ließ sich ausgiebig kraulen.
Holger kam aus der Küche. »Hier ist das Stövchen.«
»Danke, Junge, aber langsam wird es ein bisschen eng auf dem Tisch.«
»Habe ich es nicht gesagt? Würstchen und Kartoffelsalat«, tönte es vom Sofa rüber. »Eine Schüssel, eine Platte, fertig.«
»Ja, ja«, winkte Holger ab.
»›Ja, ja‹ heißt ›Leck mich am Arsch.‹«
»Ja, ja.«
Holger ging zum Fenster hinüber. Die Dielen des alten Fachwerkhauses knarzten unter seinen Schritten. Draußen fielen weiße Flocken vom Himmel. Jede tanzte ihren eigenen wirren Tanz und schien mit den anderen nur den Weg nach unten gemeinsam zu haben.
»Die weiße Weihnacht kommt wie gerufen, aber muss es gleich so viel sein? Hoffentlich kommen sie durch.«
»Warum sollten sie nicht?« Unbeeindruckt schob sich Christoph eine weitere Pfeffernuss in den Mund. »Sie kommen ja nicht mit der Knutschkugel von meiner Mutter.«
»Darum mache ich mir die wenigsten Sorgen. Bloß wenn das Schneetreiben erst mal so dicht ist, dass die Fehmarnsundbrücke gesperrt wird, hilft ihnen nicht einmal mehr Papas Cherokee.«
»Nun übertreib mal nicht.« Die göttliche Jette hielt prüfend ein Glas gegen das Licht der Deckenlampe. »Die paar Flöckchen reichen noch lange nicht für eine Sperrung. Obendrein ist es viel zu mild, wahrscheinlich bleibt das Zeug nicht mal liegen.«
»Wir werden also nicht einschneien?«, fragte Christoph.
»Zumindest nicht heute.«
»Aber morgen?«
»Das mag angehen. Eine starke Schneefront kann buchstäblich über Nacht anrücken. Wäre nicht das erste Mal. Wenn man es recht bedenkt, ist der Winter achtundsiebzig-neunundsiebzig noch gar nicht so lange her. Was sind denn in meinem Alter schon dreiunddreißig Jahre?«
Fast ihr ganzes Leben hatte Alma-Henriette Lüders geb. Stüdemann auf dem Dünenhof am südwestlichen Ortsrand von Burg auf Fehmarn verbracht. Über achtzig Jahre waren mittlerweile zusammengekommen, mehr als fünfzig davon war sie Hausherrin eines Ferienhofes gewesen, nachdem die Landwirtschaft sich als nicht mehr rentabel erwiesen hatte. Zuerst gemeinsam mit ihrem Mann Klaas, später als Witwe. Das hatte ganz gut geklappt, denn der Hof gehörte zu den eher mittleren Anwesen, die man durchaus mit einer kleinen Crew bewirtschaften konnte. Groß genug, um neben einem Auskommen und auch einen bescheidenen Wohlstand zu sichern, wenn man nicht gerade exorbitante Ansprüche an das Leben hatte. Es gab fünf Ferienwohnungen im großen Wohnhaus, zwei im Altenteilerhaus, eine in der Tenne und zwei Studioapartments in einer ehemaligen Stallung. Dazu gab es eine große Spielscheune, Leihfahrräder und ein riesiges Außengelände mit Spielplatz, Hundewiese, Liegewiese und Grillterrasse. Auf zusätzliche Neubauten, die in Prospekten so klangvolle Namen wie Haus Shanty oder Villa Seegras trugen, hatten Jette und Klaas verzichtet.
Einziger Angestellter war für ewige Zeiten der alte Matten gewesen, der in jungen Jahren als Knecht auf den Hof gekommen und nie wieder gegangen war. Seit auch Matten seine letzte Ruhe auf dem Friedhof von St. Nikolai gefunden hatte, halfen ein paar Frauen aus der Umgebung, die sich etwas dazuverdienten. Während der Hauptreisezeit im Sommer wurden bisweilen zusätzliche Saisonaushilfen angeheuert. Was den letzten Rest an landwirtschaftlichem Kram wie das Mähen der großen Wiesen oder die Pflege des Obst- und Gemüsegartens angegangen war, fanden sich auch immer noch zuverlässige Hände, die keine Arbeit scheuten. Die Nachbarschaftshilfe funktionierte bestens, denn freilich revanchierte man sich bei nächster Gelegenheit.
Erst im vorletzten Jahr hatte Jette sich eingestanden, dass die alten Knochen allmählich müde wurden, und das Geschäft an ihren Enkel übergeben. Der hatte dafür eigens seinen Job in einer Spedition aufgegeben, war von Hamburg nach Fehmarn gezogen und hatte sich das alte Knechtshaus hergerichtet, eine hübsche kleine Fachwerkkate mit Reetdach.
Nach einer eingehenden Bestandsaufnahme hatte Holger sich dafür entschieden, den Hof wie bisher weiterzuführen, getreu dem Motto »Never change a winning team.« Seine Großmutter hatte keine Ahnung, was das bedeutete, denn sie sprach kein »Auswärts«, wie sie es ausdrückte. Aber sie zeigte sich genau so froh wie ihre guten Geister, dass mit Holger nicht die Pferde durchgegangen waren und er davon absah, den Hof vollkommen auf den Kopf zu stellen. Nur ein paar behutsame Modernisierungen bei der Ausstattung und ein höheres Augenmerk auf ökologisch vertretbaren Fremdenverkehr, sonst nichts. Die langjährigen Stammgäste honorierten diese Entscheidung, indem sie dem Dünenhof weiterhin die Treue hielten.
Jetzt gerade war Holger in die Küche zurückgekehrt und holte den Weihnachtsbraten aus dem Ofen. Das Fleisch sah großartig aus, es war keinen Millimeter geschrumpft. Es machte eben doch einen Unterschied, ob man im Supermarkt kaufte oder einen guten Draht zu den Bauern der Umgebung hatte.
Der verführerisch durch das ganze Haus ziehende Duft lockte zuallererst Charly an. Er setzte sich neben sein Herrchen und blickte erwartungsvoll an ihm hoch. Holger bedachte ihn mit einem strafenden Blick.
»Mein Lieber! Bilde dir bloß nicht ein, dass du etwas abbekommst. Du hast dir keine Freunde gemacht, als du heute Morgen draußen Karnickel gejagt hast und stundenlang nicht wiedergekommen bist.«
Der Vorwurf prallte an Charly ab wie Wasser an einer Ente. Er fiepte leise und schaute Holger aus melancholischen braunen Kulleraugen an.
»Du bist und bleibst ein alter Halunke.« Holger holte ihm ein Stück Wurst aus dem Kühlschrank. Die Fellnase wusste genau, welche Knöpfe sie drücken musste.
Christoph betrat die Küche und sang dabei eine Strophe aus einem bekannten Weihnachtslied, die er auf eigenwillige Weise umgedichtet hatte: »Der Schnee ist knöcheltief, das Haus ist voller Mief. Jetzt weiß ich instinktiv: Das geht gehörig schief...«
Holger wirbelte herum und zeigte mit dem Schneebesen drohend auf Christophs Brust. Der hob beide Hände.
»Was willst du mit dem Rührer - sprich?!«
»Erschlagen dich, verstehste mich?«
»Wiesoweshalbwarum? Was habe ich verbrochen?«
»Tu nicht so unschuldig, Christoph Collingsen! Angesichts der hier herrschenden Wohlgerüche von ›Mief‹ zu singen ist ja wohl eine Frechheit sondergleichen!«
»Aber es reimte sich doch so gut.« Lachend schlang Christoph die Arme um Holgers Taille und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Seit über zwei Jahren waren sie nun ein Paar. »Du weißt genau, dass das Gegenteil der Fall ist! Es duftet wie immer sensationell.«
»Es sei dir verziehen. Aber jetzt lass mich bitte in Ruhe weitermachen.«
Christoph musterte das Durcheinander aus unzähligen Töpfen, Schüsseln, Tellern und Kochbesteck. »Du hast ja schon immer einen Staatsakt aus deinen großen Menüs gemacht, aber ich finde, in diesem Jahr treibst du’s besonders dolle.«
»Ist das ein Wunder? Du weißt doch selber, dass wir mehr vorhaben als nur die übliche Raubtierfütterung.«
»Wir?« Christoph schaffte es, das Wort auf drei Silben zu dehnen. »Du weißt, dass ich...«
»Nu’ fang nicht wieder damit an!«
»Lass dich doch mal ’n büschen ärgern.« Christophs Lächeln spielte sich nur um die Mundwinkel ab, seine Augen erreichte es nicht. »Eigentlich ist es völlig egal, was heute auf dem Teller landet. Es könnte ebenso gut Bauschaum sein. Ich werde den dringenden Verdacht nicht los, dass meine Geschmacksnerven versagen werden, je näher der entscheidende Moment kommt.«
»Frag mich mal. Grußkarten aus handgeschöpftem Papier wären leichter gewesen.«
»Dann hätte es wenigstens heute Würstchen mit Kart...«
»Collie!«
»Jungs?« Vom Wohnzimmer aus verschaffte sich die göttliche Jette Gehör. »Da draußen kommt so ein großer schwarzer Kasten die Zufahrt entlang gekrochen.«
»Das dürften sie endlich sein.« Holger wischte sich die Hände ab, drehte alle Herdflammen auf die kleinste Stufe und folgte den anderen zur Haustür.
»Das sieht ja aus wie in einem Prospekt!«, stellte Charlotte Collingsen fest, als sie aus dem Geländewagen von Holgers Eltern stieg und den großen Platz musterte, um den sich die Gebäude des Dünenhofs scharten. Hier und da hatten Holger und Christoph große alte Stalllaternen aufgestellt, die weihnachtliches Licht verbreiteten, doch der wahre Blickfang war ein mit Geschenkpaketen geschmückter alter Pferdeschlitten, den Holger auf einem Antikmarkt gefunden hatte. Davor lag ein leeres Pferdegeschirr mit Zaumzeug auf dem Boden. An den Schlitten gelehnt war ein hölzernes Schild, auf das »Kaffeepause« aufgemalt war. Der Clou war das daran festgeklebte Knöllchen für falsches Parken.
»Eigentlich ist das zu jeder Jahreszeit so.« Christoph nahm seine Mutter liebevoll in die Arme. »Frohe Weihnachten, Muddi.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen und ich ärgere mich zutiefst, dass ich nicht schon früher mal hergekommen bin. Frohe Weihnachten, Chris.«
»Wir haben dich oft genug eingeladen«, erinnerte Holger.
»Du weißt doch, dass ich nicht mehr so gerne lange Strecken fahre.«
»Du hättest nur etwas sagen brauchen, Charlotte, wir nehmen dich im Sommer genau so gerne mit wie jetzt«, schaltete sich Holgers Mutter ein. »Wo wir gerade dabei sind: Irgend etwas kommt mir anders vor als bei unserem letzten Besuch.«
»Es schneit«, antwortete Holger.
»Du bist ein oller Sabbelbüddel. Ich meine am Haus.«
»Ach so - ja, das stimmt. Ich habe den Zaun machen lassen. Die Fensterläden sind auch gestrichen.«
»Das sieht man sofort.«
»Wenn man vorher nur lange überlegt, stimmt’s?«
»Reiß dich zusammen, Junge! Du magst mir über den Kopf gewachsen sein, aber nicht über die Hand.« Angelika Clausen lächelte trotzdem.
»Kinners, ich will nicht drängeln«, mahnte Christoph, »doch ich glaube, in der Küche ist etwas auf dem besten Wege anzubrennen.«
»Himmel, meine Sauce! Jetzt können wir den Braten trocken essen! So’n Schietkrom!«
Es gab dann aber doch Sauce, weil Holger das ganz große Malheur wie jeder erfahrene Koch verhinderte. Nämlich mit einem frischen Topf, einem feinem Sieb, Butter, Crème fraîche, Zuckerkulör, einem beherzten Griff ins Gewürzregal und etwas Rotwein. Heute musste sich ohnehin keiner mehr ans Steuer setzen, Christoph hatte die Studioapartments für die Weihnachtsgäste hergerichtet. Wenigstens das hatte er gedurft.
Man begab sich zu Tisch. Schon mit der Vorsuppe verloren sämtliche Schwüre, ganz sicher auf Diät und Cholesterin Rücksicht zu nehmen, ihre Gültigkeit. Es wurde ohne Reue geschlemmt.
»Da merkt man mal wieder, wie sehr man sich daran gewöhnt hat, es sich mit Würstchen und Kartoffelsalat einfach zu machen«, stellte Charlotte Collingsen fest. »Man muss erst wieder ein echtes Weihnachtsmenü vorgesetzt bekommen um zu merken, wie sehr man das vermisst hat.«
Worauf Holger sich mächtig aufplusterte, bis Christoph ihm zuflüsterte: »Wenn du keine Ohren hättest, könntest du jetzt im Kreis grinsen.«
»Lass den Tünkram, du Klookschieter. Sag lieber dein anderes Sprüchlein auf.«
»Jetzt schon?«
»Desto eher haben wir es hinter uns.«
»Okay...« Christoph spürte, wie sein Herz in einen deutlich schnelleren Takt wechselte. Räuspernd erhob er sich und klopfte mit dem Sorbetlöffel an sein Weinglas. »Ihr Lieben! Zuerst einmal vielen Dank dafür, dass ihr in diesem Jahr die Feiertage bei und mit uns verbringen wollt. Die Bescherung soll es ja erst nach dem Essen geben, doch eine Kleinigkeit wollen Holger und ich jetzt schon... tja, wie soll ich sagen... auf den Tisch bringen.«
Holgers Eltern und Christophs Mutter sahen einander fragend an. Nur die göttliche Jette blieb unbeeindruckt. Sie war eingeweiht.
»Holger und ich haben lange überlegt, wie wir es anstellen sollen. Zuerst haben wir daran gedacht, einfach eine Münze zu werfen, doch das fanden wir unpassend. Mit dem Glück spielt man nicht. Also sind wir auf die Idee gekommen, dass ich als der Ältere das Reden übernehmen werde. Das kommt dem bekannten Ritual irgendwie am nächsten. Obwohl seine Klappe sonst nie stillsteht, war Holger wahrscheinlich noch nie so froh darüber, der Nesthaken zu sein, wie jetzt.«
»Na warte, du olles Miststück«, presste der zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Den Nesthaken kriegst du wieder, verlass dich drauf.«
»Klappe«, zischte Christoph zurück. »Du hättest dich ja freiwillig melden können. Hast du aber nicht, also ist für dich jetzt Sendepause.«
»Du hast wohl nicht mehr alle Matrosen an Deck, du kleiner...«
»Ruhe da im Gepäcknetz!«
Christoph hob sein Glas. Rasch stellte er es wieder ab. Er war ziemlich grün im Gesicht geworden und röchelte wie von unsichtbaren Tentakeln gewürgt. »Entschuldigt mich einen Moment.«
Er stürzte aus dem Raum, gefolgt von verwunderten Blicken. Holger rutschte nervös und ein bisschen dämlich grinsend auf seinem Stuhl hin und her. Aus der Diele hörte man die Badezimmertür zuschlagen, gefolgt von gedämpften Geräuschen akuten Unwohlseins.
Nach ein paar Minuten kehrte Christoph mit schweißglänzender Stirn zurück.
»Tut mir leid, das stand nicht im Drehbuch. Also das Ganze nochmal von vorn. Seid mir nicht böse, wenn es jetzt furchtbar kitschig wird. Aber ich mache das zum ersten Mal und muss mich auf das verlassen, was ich aus dem Kino kenne.«
»Henne, hör auf zu gackern und leg endlich das verdammte Ei«, murmelte Holger.
Christoph ging wohlweislich nicht darauf ein. Er griff erneut zu seinem Glas.
»Liebe Muddi, von Herzen hast du Holger schon lange in der Familie aufgenommen, was uns sehr glücklich macht. Nun möchte ich ihn aber noch so richtig mit Brief und Siegel bei uns haben - ich hoffe, das kannst du dir genauso gut vorstellen wie ich. Liebe Angelika, lieber Michael: Darf ich bei euch offiziell und in aller Form um die Hand eures Sohnes anhalten?«
Freitag, 6. Januar 2012
Eine Altbauwohnung auf der Langen Reihe
Hamburg-St. Georg
»Schon wieder leer.«
Christoph musterte unschlüssig den leeren Pappbecher. Entweder wurde die Lust auf seinen Lieblingsjoghurt immer größer oder der Hersteller hatte wieder einmal bei der Verpackungsgröße gepfuscht.
Er kuschelte sich tiefer in seinen Sessel und lauschte der warmen Stimme von Ella Fitzgerald. Eigentlich hatte er seine Buchhandlung in Altona während der ersten Januarwoche geschlossen gehalten um einige Dinge zu erledigen, die er sonst gerne vor sich herschob. Gründliches Ausmisten, zum Beispiel. Besonders der alte Büroschrank mit den hölzernen Jalousien brauchte dringend Aufmerksamkeit. Das Ding hatte ganz zu Anfang in seinem Laden gestanden, als dieser noch vom Vorbesitzer geführt worden war. Irgendwann hatte Christoph ihn in seine alte Wohnung verfrachtet, in monatelanger Kleinarbeit mühsam aufgearbeitet und im Wohnzimmer stimmungsvoll als Aufbewahrungsort für Kleinkram und Souvenirs in Szene gesetzt. Bei einem verheerenden Feuer im Haus war der Schrank das einzige Möbelstück gewesen, das sich bei den Aufräumarbeiten retten ließ und den Umzug in die jetzige Wohnung mitmachte. Dort war er noch ein paarmal hin und her geschoben worden, bis er endgültig im Arbeitszimmer gelandet war, wo er seitdem als Lager für allerlei Kleinzeugs diente, das »bei Gelegenheit« gesichtet und ordentlich eingeräumt werden sollte. Das Alter an sich und die vielen Umzüge hatten den Schrank ziemlich instabil werden lassen. Es wurde Zeit, ihn komplett leerzuräumen und festzustellen, ob ihm ein weiterer Umzug zuzumuten war oder der Sperrmüll drohte.
Spätestens bis zur Hochzeit wollte Christoph die Wohnung vermietet oder verkauft haben, das stand weniger fest als die Tatsache, dass er künftig auf dem Dünenhof wohnen würde. Das konnte allerdings nur dann im vorgesehenen Zeitrahmen über die Bühne gehen, wenn er endlich mit den Vorarbeiten dazu anfing.
Seufzend rutschte Christoph vom Sessel auf den Fußboden und widmete sich den Wäschekörben, in die er den Schrankinhalt geschaufelt hatte. Er griff in den ersten Korb wie in die Lostrommel auf dem Rummelplatz und zog einen alten Kassenzettel heraus
»Kinder, wie die Zeit vergeht.«
Die Rechnungssumme wies einen exorbitant hohen Preis für ein Paar Schuhe aus und war noch in D-Mark ausgezeichnet. Kein Wunder, denn der Datumsstempel trug das Jahr neunzehnhundertsiebenundneunzig. Als nächstes erwischte er die Rechnung für eine aus Japan importierte CD, vierundsechzig Euro zuzüglich Porto und Zollgebühr für gerade mal zehn Lieder, von denen er neun schon gehabt hatte.
»Was macht man nicht alles aus Liebe zur Musik?«
Es war erstaunlich, wie wenig echte Souvenirs sich anfanden. Das meiste war Beifang, der sich aus purer Faulheit angesammelt hatte, die paar Meter zum Papierkorb zu gehen. Der große blaue Müllsack füllte sich schnell.
Ganz unten im Korb fand Christoph einen großen Umschlag. Er nahm ihn und zog ein Foto von der Größe eines Briefbogens heraus.
»Das ist ja mal eine Reise in die Vergangenheit!«
Er blickte auf eine Gruppe von vier jungen Männern. Die alte Clique. Johlend saßen sie in dem Boot einer Wildwasserbahn und hatten die Arme nach oben gerissen. Die letzte Schussfahrt kurz vor dem Ende. An jenem Tag hatten sie sich in einem Freizeitpark ausgetobt, bis dieser seine Pforten geschlossen hatte. Wie lange war das jetzt eigentlich her? Er konnte sich gar nicht mehr genau erinnern, nur daran, dass er und Holger sich da schon ein paar Jahre gekannt hatten.
Eigentlich war das mit ihm und Holger damals vor Urzeiten lediglich ein One Night Stand bei Tageslicht gewesen. Nach dem Abbau von überschüssigen Hormonen war eben nur Platz für eine gute Freundschaft geblieben. Hatten sie zumindest gedacht. Noch heute konnte sich Christoph manchmal selber in den Hintern treten, weil sie soviel Zeit damit verloren hatten, sie sich diesen Tünkram einzureden.
Sofort verwarf er den Gedanken wieder. Es hatte genau so kommen müssen. Wenn man es näher betrachtete, waren sie die schwule Ausgabe von Harry und Sally. Jeder hatte seine Zeit für sich gebraucht. Und seine Abenteuer, erfolgreiche und Riesenpleiten gleichermaßen. Erst dann waren sie erwachsen genug gewesen für das, was sie jetzt hatten.
Erwachsen. Was bedeutete das eigentlich?
Die Frage hatten sie sich damals an dem Tag im Freizeitpark gestellt. Das heißt, später am Abend war es gewesen, bei einem nicht ganz legalen Lagerfeuer am Ostseestrand. Sie hatten nicht nur geredet, es war auch einiges passiert.
Christoph schaute noch einmal in den Umschlag. Ganz unten waren ein paar zerknitterte Zettel. Er fischte sie hinaus und las sie.
»Tja. So viel zum Thema ›erwachsen werden.‹«
Christoph versank so tief in Erinnerungen, dass er erst beim dritten Läuten aus der Diele ins Jetzt zurückkehrte. Als er die Wohnungstür öffnete, fegte ein grellbunter Wirbelsturm gefolgt von einer schweren orientalischen Parfümwolke herein und kam ohne Umschweife zur Sache: »Gut, dass du da bist. Ich brauche einen Lover. Sofort. An dieser Stelle kommst du ins Spiel.«
Von Frauen über siebzig wurde allgemein erwartet, dass sie in gediegener Lebensweisheit langsam zur Ruhe kamen. Es gab nichts, was Claire Markuse weniger zu tun gedachte. Deswegen trug sie auch heute einen knallroten Hosenanzug zu grünen Pumps und einen orangefarbenen Schal. Obendrein schrieb sie historische Romane mit, wie sie es nannte, »tüchtig Sex, Kitsch und Intrigen.« Beim Sex war sie einmal so tüchtig gewesen, dass ihr Verlag das Manuskript mit der Begründung, einen Platz auf dem Index der jugendgefährdenden Schriften könne man sich nicht leisten, rundweg abgelehnt hatte.
Christoph folgte seiner Nachbarin aus der Wohnung unter ihm, die gleich in die Küche durchgerauscht war. »Ich? Dein Lover? Claire, nach all den Jahren müsstest du endlich wissen, dass du für mich da oben zuviel und da unten zu wenig hast.« Er zeigte abwechselnd auf Claires wogenden Busen und ihre Gürtelschnalle.
»Schnack nicht so einen Unfug. Ein guter Schwimmer kennt beide Ufer.«
»Vielen Dank für diesen Bericht zur Lage der Nation, doch zwanzig Minuten höchst unangenehmen Knutschens und etwas Petting oberhalb des Bauchnabels mit Jeannine aus der Parallelklasse haben mich schon mit vierzehn davon überzeugt, dass es nur ein Ufer gibt, an dem ich mich aufhalten möchte.«
»Nun fühl dich nicht gleich geschändet. Du sollst ja auch nur so tun, als ob. Für einen Nachmittag. Vielleicht auch zwei. Höchstens.«
»Ich kann dir nicht folgen.«
»Dabei ist es so einfach: Bei einer Lesung Ende November hat sich so ein alter Knacker in mich verguckt. Seitdem taucht er bei jeder Veranstaltung auf. Blumen, Pralinen, Lavendelseife und schmalzige Briefe, gezeichnet mit ›Ergebenst, Ihr Friedrich Mäkelt.‹ Igitt!«
»Oh-la-la... Bahnt sich da etwas an?«
»Christoph, seit mein Ex mich nahezu in den Ruin getrieben hat, bin ich mit Kerlen durch. Ab und zu darf nochmal einer auf den Hügeln meiner Lust Schlitten fahren, aber ich will nichts Festes mehr. Selbst wenn ich mir nochmal einen Kerl auf Dauer zulegen sollte, dann bestimmt keinen Postbeamten a. D., für den das aufregendste Ereignis der Woche das kostenlose Blutdruckmessen in der Apotheke ist!«
»Kannst du ihm nicht einfach höflich einen Korb geben?«
»Einen? Christoph, der hat schon so viele Körbe von mir bekommen, dass jeder andere Kerl freiwillig schwul geworden wäre. Streich das, schlechtes Beispiel.« Claire schüttelte energisch den Kopf. »Nein, nein. Ich fürchte, bei dem hilft nur die Holzhammermethode. Ich muss mich vor ihm mit einem jungen, sexy und potenten Toyboy zeigen. Am nächsten Dienstag habe ich wieder eine Lesung und du wirst mich begleiten.«
»Warum ausgerechnet ich?«
»Weil du jung und sexy bist, wegen der Potenz müsste ich deinen Zukünftigen fragen. Außerdem kann man so das Nützliche mit dem Spaß verbinden«, fuhr Claire fort. »Lass uns einfach mal wieder etwas völlig gegen den Strich Gebürstetes tun. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht. Und was haben wir nicht früher alles angestellt.«
»Ich würde sagen, artig sein gehört beim Ausgehen nicht zu unseren stärksten Tugenden.«
»Das magst du wohl sagen! Weißt du noch - die neapolitanische Nacht bei dem edlen Italiener in Eppendorf? Als es uns nach zwei Stunden Variationen auf O sole mio zu langweilig geworden ist, haben wir auf Teufel komm raus miteinander geturtelt und am Ende sogar die extra langen Spaghetti wie Susi und Strolch gezuzelt. Bis man uns höflich-bestimmt vor die Tür gesetzt hat.«
»Du hast ja recht. Aber irgendwann muss doch mal gut sein mit sowas. Alles hat seine Zeit.«
Claire sah ihn befremdet an. »Sag mal, was ist eigentlich aus dir geworden? Vorgestern hattest du schon keine Lust, mit mir in die Rocky Horror Show zu gehen. Dabei hatte ich extra neue Netzstrümpfe zu meinen Stilettos gekauft. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass ein Heiratsantrag nicht nur das schönste Kompliment ist, das ein Mann macht, sondern in den meisten Fällen auch das letzte. Aber bei dir scheint sich das auch auf die Lebenslust auszuwirken. Wie soll das erst werden, wenn du mit Holger verheiratet bist?«
Sonnabend, 21. Januar 2012
Christophs Wohnung auf der Langen Reihe
Hamburg-St. Georg
Entspannte Zufriedenheit lag auf Holgers Gesicht. In der Nacht hatten sie zweimal wunderbaren Sex gehabt. Er schlief gerne mit Christoph. Während das ein oder andere Paar nach zwei Jahren vielleicht schon die ersten Abnutzungserscheinungen beklagen konnte, waren die beiden immer noch für Überraschungen gut. Nicht, dass sie die Akrobatik aus einschlägigen Filmchen nachturnten. Solche Verrenkungen bekam man nur hin, wenn man vorher Aufwärmübungen wie vor einem Triathlon absolvierte, was deutlich zu Lasten der Spontaneität ging. Wer wollte das schon?
Es waren die kleinen Klassiker, die sie variierten - wenn auch bisweilen mit zweifelhaftem Erfolg. Als Christoph bei einem Spiel mit verbundenen Augen einmal ganz sachte einen Eiswürfel auf Holgers Brustwarze getupft hatte, war dieser vor Schreck so zusammengefahren, dass er aus dem Bett gefallen war. In seiner blinden Suche nach Halt hatte Holger sämtliche Kissen und vor allem Christoph mitgerissen. Tränen lachend hatten sie danach auf dem Fußboden gelegen. Der Einfachheit halber waren sie gleich dort liegen geblieben und eingeschlafen, ohne dass mehr passiert wäre. Schön war es trotzdem und die Rückenschmerzen am nächsten Morgen absolut wert gewesen.
Holgers seliges Erinnerungslächeln verzog sich, als ein markantes Aroma ihn langsam aus dem Schlaf zog. Es war kein Brandgeruch, Gott sei Dank. Trotzdem schlug er irritiert die Augen auf. Ganz ohne Zweifel - da lag ein intensiver Odeur in der Luft, den es gar nicht geben durfte.
»Charly? Hast du schon wieder Blähungen von dem dusseligen Trockenpansen?«
Dann fiel ihm ein, dass er alleine für ein paar Tage nach Hamburg gefahren war und die göttliche Jette auf Charly aufpasste. Schlaftrunken tapste Holger in die Küche. Christoph stand am Herd und rührte in einem großen Topf, was an sich nicht ungewöhnlich war. Es war der Schal, der das Bild störte. Den hatte er sich nämlich als eine Art Mundschutz umgebunden.
»Was zum Teufel machst du da?«, fragte Holger.
»Grünkohl. Isst du doch so gerne.«
»Dem kann ich nicht widersprechen«, gab Holger zu. »Aber du hasst das Zeug doch wie die Pest. Dir wird sogar schlecht davon. Unseren Bummel über den Weihnachtsmarkt in Eutin hast du offenbar schon vergessen?«
»Das war in der Tat etwas peinlich...«
»Etwas? Du hast genau vor den Grünkohlstand gereihert!«
»...aber ich wollte mich einfach mal revanchieren. Du machst mir doch auch Schweser.«
»Da liegt der kleine Unterschied: Ich kann gebackenes Kalbsbries einfach nur nicht ausstehen. Kotzen muss ich davon nicht.«
»Wird mir jetzt auch nicht passieren.«
»Ach, deswegen läufst du rum wie die Dalton-Brüder beim Überfall auf die Postkutsche?«
Christoph blieb die Antwort schuldig. Er öffnete einen der Hängeschränke und reckte sich nach dem obersten Fach. Es kam, wie es kommen musste: Die provisorische Atemmaske verrutschte. Im selben Moment platzte eine Luftblase im Kochtopf und eine beachtliche Wolke Grünkohlaroma stieg Christoph direkt in die Nase. Sofort wurde der Baum von Mann aschfahl im Gesicht und begann zu würgen. Die Dose mit dem Kümmel fiel scheppernd auf den Fußboden.
»Das konnte ja nicht gut gehen.« Holger zog ihn vom Herd weg. »Geh mal ’ne Runde spazieren. Derweil entsorge ich das Malheur hier, klare auf und lüfte ordentlich durch.«
Christoph riss sich los. »Nein, ich will das jetzt schaffen. Du hast dein riesiges Weihnachtsmenü gehabt, jetzt lass mich gefälligst Grünkohl kochen.«
»Pfüh! Wenn du unbedingt willst, dann mach doch. Ich dränge mich niemandem auf.« Holger entschwebte hoheitsvoll. Gleich darauf war er wieder da. »Collie, wir müssen reden.«
»Was habe ich nun schon wieder verbrochen?«
»Gar nichts. Nur wenn wir nicht ewig verlobt bleiben wollen, sollten wir aktiver daran arbeiten, diesen Zustand zu verändern. Die Sache ist ziemlich ins Stocken geraten.«
»Einverstanden. Können wir das irgendwo über einem kleinen Frühstück besprechen, nur nicht hier? Langsam prügelt dieser Duft etwas zu heftig auf mein Zäpfchen ein.«
»Vielleicht hättest du nur Würstchen und Kartoffelsalat machen sollen«, sagte Holger mit süffisantem Unterton. Worauf Christoph ihm die Zunge herausstreckte.
Frisch geduscht und angezogen, fuhren sie etwas später auf die andere Seite der Alster nach Hoheluft, wo sie vor einigen Wochen ein bezauberndes neues Bistro entdeckt hatten.
»Also, Schnuffel«, begann Christoph, als sie vor zwei dampfenden Tassen mit heißer Schokolade saßen, »was muss man für einen solchen Tag alles bedenken? Ich habe da ein echtes Erfahrungsdefizit.«
»Vielleicht sollten wir mit dem Einfachsten beginnen: Ein Termin muss her. Ich für meinen Teil würde ganz gerne selber erfahren, wann wir denn nun endlich ein ehrbares Paar werden.«
»Wie wäre es mit dem vierzehnten Februar?«
»Collie, das sind nicht mal mehr drei Wochen - nachher denken die Leute noch, wir... O mein Gott! Ist es etwa gar...? Müssen wir etwa heiraten? Bist du...?«
»Denk es gar nicht erst zu Ende.«
Ein junger Kellner erschien und setzte das bestellte Frühstück auf dem Tisch ab. »Die Rühreier brauchen leider noch einen Moment. Als kleine Überbrückung habe ich Ihnen diese beiden hausgemachten Lassi mitgebracht. Die kommen natürlich nicht auf die Rechnung.«
»Oh, vielen Dank.«
»Gerne doch.«
»Du musst zugeben, dass der Termin ein bisschen knapp angesetzt ist«, nahm Holger den Faden wieder auf. »Allein wegen des Papierkrams. Das bekommen wir in so kurzer Zeit gar nicht alles zusammen.«
Christoph schnitt sein Brötchen auf und belegte es mit Käse. »Da könntest du recht haben. Welche Termine bieten sich noch an?«
»Könntest du dir einen Tag in der zweiten Maiwoche vorstellen?«
»Warum ausgerechnet da? Im Mai ist keiner unserer Jahrestage.«
»Ich weiß, es ist in erster Linie praktisch gedacht, aber in der Woche habe ich das komplette Logis noch voll mit Handwerkern. Lieschen Fedderke lässt doch ihre Pension am Schwanenteich sanieren. Die Jungs sind den ganzen Tag unterwegs und wir brauchen nicht befürchten, beim Köpfen der ersten Sektflasche gestört zu werden.«
»Ich glaube, die Idee ist wirklich nicht schlecht«, erwiderte Christoph. Er hielt seine leere Kaffeetasse in die Höhe. Der Kellner hinter seiner Theke nickte verstehend und machte eine neue fertig. »Anfang bis Mitte Mai steht alles in schönster Blüte und wir geben uns im Beisein unserer selig seufzenden Mütter unterm blühenden Kirschbaum den Kuss fürs Hochzeitsfoto. Wenn das nicht was fürs Herz ist, weiß ich es auch nicht.«
»Also sind wir uns einig? Hochzeit: Zweite Maiwoche auf dem Hof?«
»Absolut einig.«
»Fein. Nächster Punkt: Die Gästeliste. Wir wollen es doch nach wie vor nicht so riesig halten, oder?«
»Nicht wirklich. Ich fürchte, wenn wir es an die große Glocke hängen, läuft die ganze Chose irgendwann aus dem Ruder. Du weißt schon. Fehmarn. Bauerninsel. Alteingesessene Familien. Traditionen. Die Ahnenväter deines Clans haben sich wahrscheinlich schon dort angesiedelt, als die Erdkruste nach dem Urknall gerade anfing, sich abzukühlen.«
»Ja, und?«
»Mensch, da haben wir doch keine Hochzeit mehr. Das wird ein Volksfest. Tausend Leute, von denen wir nicht mal die Namen kennen und die wir eigentlich gar nicht dabei haben wollen, weil sie nicht wegen uns kämen, sondern wegen ihrer alten Verbindungen zur göttlichen Jette. Einladen müssen wir sie aber, weil ›man das so macht.‹ Ich verzichte dankend!«
Holger verschluckte sich beinahe an seinem Pastramibagel. »Du hast ja drollig altmodische Vorstellungen von einer Landhochzeit. Klar, ein paar Familien machen das immer noch. Aber die Zeiten, als du die halbe Insel einladen musstest, weil alles andere dein gesellschaftlicher Untergang gewesen wäre, sind nun wirklich vorbei.«
»Sicher?«
»Ganz sicher. Aber du hast schon recht, in einem kleineren Rahmen fühle ich mich auch wohler. Nur die engste Familie, Trauung im Rathaus, zum Mittagessen laden wir in ein Restaurant, zuhause machen wir noch einen kleinen Umtrunk, fertig. Is’ was?« Holger hatte Christophs Stirnrunzeln bemerkt.
»Essen im Restaurant? Ich weiß nicht recht.«
»Warum denn nicht? Willst du nach dem Jawort einfach raus auf den Wochenmarkt und am Imbisswagen ein Fischbrötchen aus der Hand mümmeln?«
»Das nun nicht gerade, aber ich finde, Würstchen mit Kartoffelsalat tun’s auch.«
»Collie!«
»Sorry, aber du warst derjenige, der vorhin wieder damit angefangen hat. Im Ernst: Das Essen müssen wir schon selber ausrichten. Glaubst du, die göttliche Jette lässt es sich nehmen, das Festmenü zu kochen? Sie war schon ziemlich füünsch, Weihnachten nicht an die Töpfe zu dürfen.«
»Stimmt, das habe ich nicht bedacht. Wenn wir ihr sagen, dass sie einfach mal nur genießen soll, jagt sie uns mit Schimpf und Schande vom Hof und führt ihn wieder selber.«
»Eine sehr realistische Einschätzung. Worum müssen wir uns noch kümmern?«
»Um unseren Namen. Wie wollen wir heißen?«
»Collingsen, Clausen - wie immer wir uns auch entscheiden, beides hat denselben Vorteil.«
»Der da wäre?«
»Es bleibt bei HC und CC. Keiner von uns muss sich neue Monogramme in die Manschettenknöpfe schnitzen lassen.«
»Es sei denn, wir nehmen einen Doppelnamen.«
»Nie und nimmer!« Christoph schüttelte den Kopf so heftig, dass ein Halswirbel bedenklich knackte. An manchen Tagen merkte er durchaus, dass er die magische Vierzig überschritten hatte.
»Was hast du dagegen?«
»Hast du vergessen, dass ich wegen der guten alten Sitte, die Großväter zu ehren, gleich drei Vornamen habe, die ich wegen der blöden Bindestriche obendrein immer und überall angeben muss? Würde ich deinen Namen als Zusatz annehmen, käme Christoph-Wilhelm-Johannes Collingsen-Clausen dabei heraus. Das passt doch in kein Formular!«
»Deine Sorgen möchte ich haben.«
»Du, das ist jetzt schon ein ganz reales Problem für mich. Was meinst du, wie viele amtliche Dokumente ich in meinem Leben versaut habe, weil ich mit dem Platz nicht ausgekommen bin. Frag mich lieber nicht.«
»Mache ich ja gar nicht. Ich will einfach wissen, wie heißen werden.«
»Auf jeden Fall möchte ich einen gemeinsamen Namen, da gibt es kein Verhandeln. Das ist doch neben dem Trauring das schönste Symbol nach außen, dass man zusammengehört.«
»Geht mir genau so. Ich kann Ehepaare, die auf einen gemeinsamen Namen verzichten, wirklich nicht verstehen. Schwule Paare erst recht nicht. Unsere Rechte sind schon gering genug. Wir dürfen es ja nicht mal offiziell Ehe nennen. Da spucke ich nicht noch auf die paar Zugeständnisse drauf, die sie uns gnädigerweise gemacht haben.«
»So sehe ich das auch.«
Holger schüttelte sich. »Diese Harmonie macht mich ganz wuschig. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier gerade irgendetwas ganz gehörig schiefläuft.«
»Ich wüsste nicht wo.«
»Na, wir sind uns doch nie so schnell einig.«
»Genieße es, solange es anhält, Schnuffel. Du hast noch ein langes Leben vor dir, und ich werde jede Minute davon an deiner Seite sein. Zeit genug, um sich noch wegen ganz vieler Dinge ganz furchtbar uneinig zu sein.«
Er beugte sich zu Holger hinüber und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.
»Also, nu’ bin ich aber ferdich mit Jack un Büx! So ein Schweinkram!«
Die beiden Männer fuhren erschrocken auseinander.
»Scheiße, wo kommt der denn auf einmal her?« Christoph war sehr blass um die Nase.
