Rat mal, wer das Essen kocht - Gerrit Jan Appel - E-Book

Rat mal, wer das Essen kocht E-Book

Gerrit Jan Appel

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Beschreibung

Reinhold Bargstedt ist sauer. Zugegeben, er hat sich bei der Auswahl einer neuen Haushälterin nicht wirklich geschickt angestellt - fünfzehn hat er in genau so vielen Monaten verschlissen. Und die Versuche, sein schmuckes Haus im noblen Treppenviertel von Blankenese selbst in Ordnung zu halten… Lassen wir dem Mann seine Würde und sprechen besser nicht drüber. Doch was jetzt passiert, schlägt dem Fass die Krone aus: Der neue gute Geist, der ihm ins Haus gesetzt wurde (jawohl, ohne jegliches Mitspracherecht!), ist ein Kerl!!! Revierverteidigung ist angesagt – auch bei Kristen, jenem „guten Geist“, der Reinholds sorgsam gehüteten Mikrokosmos gehörig durcheinander bringt. Die beiden Männer zoffen sich ziemlich, bis sich die Gemeinsamkeiten nicht länger ignorieren lassen. Ruhe kehrt damit allerdings immer noch nicht ein. Im Gegenteil – die Welt der beiden streitlustigen Herren gerät noch mehr aus den Fugen, zumal Gott Amor sich auch noch einmischt…

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Impressum

1. Kapitel

Opossums.

So hießen die komischen Viecher doch, die immer dann, wenn Gefahr im Verzug war, die Augen zukniffen und sich tot stellten? Ganz nach dem Motto Was ich nicht sehe, kann auch mich nicht sehen, oder? Doch, das waren Opossums.

Reinhold Bargstedt seufzte. Genau so verhielt seine Schwester sich gerade. Sie hatte den Kopf auf das Lenkrad sinken lassen, die Augen geschlossen und schien warten zu wollen, bis alles vorbei war.

"Hey!" Reinhold klopfte gegen die Scheibe. "Komm raus, du Opossum!"

Keine Reaktion. Auch die Rufe mit ihrem Namen beeindruckten Margret nicht.

"Schluss mit den Albernheiten."

Reinhold riss die Tür auf und löste den Sicherheitsgurt.

"Lass das!"

Reinhold ließ sich nicht beirren. Er zog die sich sträubende Frau aus dem Auto. "Jetzt gib hier nicht den Maulesel."

"Was denn nun, du Klugscheißer? Opossum oder Maulesel?"

"Schnack nicht – komm."

"Ich will nicht. Beerdigungen an sich sind schon schrecklich genug, aber dann auch noch am offenen Sarg Abschied nehmen... Ich habe noch nie einen leblosen Körper aus der Nähe gesehen."

"Wovon redest du? Du bist seit fünf Jahren mit Hannes verheiratet."

Margret funkelte ihren älteren Bruder wütend an. "Das war gemein."

"Wo ist er eigentlich?"

"Er musste noch kurz ins Büro, ist jetzt aber auch unterwegs hierher. Er hat grade angerufen."

"Als ob die in seiner Marinadenfabrik nicht mal einen Tag die Rollmöpse alleine zählen könnten... Egal, komm mit."

"Muss ich?"

"Das bist du ihr schuldig. Du hast dich schon vor der Aufbahrung beim Bestatter gedrückt. Falls es dich beruhigt: Es ist überhaupt nicht schlimm, ich war schon bei ihr."

Sie hatten die kleine Kapelle erreicht, vor der die Bestatterin auf sie wartete.

"Guten Tag, Frau Lankers." Die Bestatterin begrüßte Margret mit einem warmherzigen Händedruck und wandte sich dann an Reinhold: "Wenn Sie bitte einen Augenblick warten möchten, richte ich rasch neue Kerzen her."

"Danke, Frau Sieveking."

Die Geschwister ließen sich auf einer Bank neben der Eingangstür nieder. Für einen Moment war nur das Zwitschern der Vögel zu hören.

Reinhold legte den Arm um Margrets Schulter. "Wie geht's dir?"

"Ich weiß nicht genau. Es ist so surreal. Da ist etwas passiert, das in meinem Lebensplan überhaupt nicht vorkam. Für mich war sie unsere familieneigene Highlanderin, die uns alle unter Missachtung sämtlicher Naturgesetze mit Leichtigkeit überleben würde. Sie war vor uns da, sie war mit uns da, und... und sie würde auch nach uns da sein. Die bloße Idee, dass wir eines Tages wegen ihr hierher... Nein, das stand absolut nicht auf meiner Liste." Sie legte ihre Hand auf Reinholds Knie. "Für dich muss es noch viel schwerer sein als für uns. Ihr habt immerhin unter einem Dach gewohnt."

"Richtig, ich werde mich nun wohl auch vom letzten Teil unserer Kindheit verabschieden müssen."

Eine schwere Limousine fuhr auf den Parkplatz. Hannes Lankers stieg aber nicht aus, er telefonierte. Die ganze Zeit hatte Reinhold seine Schwester irritiert gemustert. Jetzt fiel ihm endlich auf, was ihn störte. "Warum trägst du eigentlich diesen aufdringlich roten Schal?"

"Weil rot ihre Lieblingsfarbe war."

"Dir ist klar, dass du damit wie Satans Sekretärin aussiehst?"

Frau Sieveking kehrte zurück. "Frau Lankers, Herr Bargstedt? Es ist alles hergerichtet. Wenn Sie mir bitte folgen möchten."

Sie führte die Geschwister in die Kapelle, ein bescheidenes Fachwerkgebäude, dessen familiäre Atmosphäre dem Anlass seine Wucht nahm. "Eine Gemütssache", wie ihre Mutter, die Seniorchefin, immer zu sagen pflegte.

Margaret und Reinhold traten an den Sarg. Verloren blickten sie in das friedliche Gesicht vor ihnen.

"Sie hat wirklich Glück gehabt", sagte Reinhold. "Ein ganz normaler Tag. Abends ins Bett, eingeschlafen – und einfach nicht mehr aufgewacht."

"Genau wie sie es immer gewollt hat", erwiderte Margret leise. "Eines Tages, wie sie immer gesagt hat. Es will mir immer noch nicht in den Kopf, dass eines Tages wirklich gekommen ist."

"Eigentlich erwarte ich, dass sie sich jeden Moment wie von ihrem Nachmittagsschläfchen aufrichtet, mir am Ohr zieht und mitteilt, dass mir eine mächtige Karbonade blüht, wenn ich meine Hosen schon wieder in den Wäschekorb geworfen habe, ohne die Papiertaschentücher herauszunehmen."

"Das hat sie immer noch gemacht?"

Reinhold schmunzelte. "Was hast du denn gedacht? Du weißt doch, wie sie war. Noch am letzten Abend hat sie gesagt, mit meinen sechsundvierzig Jahren wäre ich ihr zwar längst über den Kopf gewachsen, aber nicht über die Hand."

"Wie geht es Jonica mit allem?"

"Es hat sie natürlich auch schwer getroffen. Finn ist zum Glück noch zu klein, um überhaupt zu begreifen, dass der Tod zu den Tatsachen des Lebens gehört und wir einfach damit leben müssen, auch wenn es uns schier umbringt." Reinhold stutzte. "Ich glaube, jetzt habe ich gerade ziemlichen Unfug geredet."

Margret hatte nicht zugehört. "Schau mal."

Ein Windzug bewegte ein Stück Papier, das im Sarg lag. Reinhold griff danach und drehte es im. Ein Schwarzweißfoto, das wohl einmal größer gewesen und irgendwann in der Mitte durchgerissen worden war, zeigte die Verstorbene in jüngeren Jahren vor einem Reetdachhaus. Ihr Lächeln trug den ganzen seligen Übermut eines unbeschwerten Sommers in sich.

"Warum wollte sie unbedingt dieses Foto haben?" wunderte sich Margret.

"Keine Ahnung. Ich hab's nicht dahin gelegt. Ich weiß nicht mal, wo das aufgenommen wurde – bei uns ist das nicht."

"Gediegen."

"Es scheint jedenfalls seinen Sinn zu haben, dass es hier liegt." Reinhold hob sanft die Hand der Toten und schob das Foto darunter, so dass es nicht noch einmal verrutschen konnte. Dabei streichelte er als letzten Gruß noch einmal die Haut, die alt und gezeichnet war von harter Arbeit, aber auch von dem sanften Fortstreicheln von Tränen, die ein Kindergesicht hinunterliefen. Es fühlte sich für Reinhold an, als würde er jemanden berühren, der wirklich nur schlief. Margret hingegen fuhr ein kalter Schauer über den Rücken. "Hättest du das nicht Frau Sieveking machen lassen können?"

"Ist doch nichts dabei. Mir ist es viel wichtiger, dass Frau Sieveking ihr noch ein letztes Mal den Bauch massiert, bevor der Sarg endgültig geschlossen wird."

"Warum das denn?"

"Du hast doch schon mal von Leichengasen gehört? Die dehnen sich bekanntlich aus und suchen sich ihren Weg. Stell dir einfach die Totenpredigt des Pastors vor, unterbrochen von einem dicken Rülpser aus dieser Holzkiste."

* * *

Seine Hände zitterten. Mehrmals musste er mit dem Binden seiner schwarzen Krawatte von vorn beginnen. Er war blass im Gesicht, seine Lippen waren zu dünnen Strichen zusammengepresst.

Wieder hielt der Windsorknoten nicht.

"Nun reiß dich doch endlich zusammen", fluchte Kristen Falkenbrook. Nervös war er, fühlte sich nicht wirklich wohl bei dem, was er vorhatte.

"Warum habe ich mir das nur aufgehalst?" Er fragte sich das nicht zum ersten Mal. Die Antwort blieb allerdings weiterhin aus.

Endlich saß der Knoten. Kristen fuhr noch einmal mit einem weichen Tuch über die frisch gewienerten schwarzen Schuhe und bürstete ein paar letzte Staubkörner vom Revers des Sakkos. Nach kurzem Überlegen nahm er seinen Ring mit den bunten Ornamenten ab und legte ihn auf den Dielentisch. Nicht, dass er sich dafür schämte, die Regenbogenfarben zu tragen. Wahrscheinlich würde das Schmuckstück überhaupt niemandem auffallen. Doch Kristen war detailverliebt. Der Ring passte nicht zu seinem Auftritt, folglich blieb er zuhause.

Im Hausflur blieb er auf dem Treppenabsatz stehen, um das Fenster zu öffnen. Bei der kleinen Keramikgans auf der Fensterbank fehlte der Strohhut. Wie beinahe täglich. Also raus in den Hinterhof, das gute Stück aufgesammelt und dorthin zurück gebracht, wo es hingehörte. Es war nicht weiter tragisch, dass der Frührentner aus der Wohnung nebenan den Haussheriff spielte und aus "Schutz vor Einbrechern" ständig die Fenster schloss. Höchstens albern. Denn wer stieg schon im vierten Stock einer Mietskaserne ein, sofern er nicht Feuerwehrmann war und einen ganz legalen Grund hatte? Jedenfalls war es unverschämt, dass er dabei ständig die Fensterbankdeko demolierte.

Kristen gab nicht gerne den Querulanten, da jedoch die letzten Gespräche von Mann zu Mann scheinbar keinen Erfolg gebracht hatten, war nun wohl eine eMail an die Hausverwaltung fällig.

Er setzte der Gans den Hut wieder auf und verließ das Haus. Lächerlich kam er sich in seinem edlen Aufzug vor, als er zur S-Bahn ging, zumindest ein bisschen. Sein Quartier im Ostzipfel von Eilbek gehörte nicht zu den Banlieues von Hamburg, war aber auch nicht unbedingt die Gegend für Galaauftritte am helllichten Tag. Bis in den Zug hinein gafften ihm vereinzelt Menschen hinterher. Ein schwarzer Anzug für feierliche Anlässe blieb eben ein schwarzer Anzug für feierliche Anlässe, der selbst zwischen den ganzen Businessanzügen mit und ohne Nadelstreifen auffiel.

Erst ab Altona wurden die Blicke weniger aufdringlich, man erreichte allmählich die betuchteren Vororte im Westen der Stadt. In Othmarschen reagierte kaum noch jemand, als Kristen aus dem Zug stieg. Nur an der Haltestelle für den Bus nach Teufelsbrück fiel er noch einmal auf, denn wer hier im Anzug herumlief, nahm zwar gelegentlich die S-Bahn, hatte aber keinen Bus nötig. Doch da musste er drüberstehen. Sein kleines Vorhaben war wichtiger als ein bisschen Unbehagen, weil er sich deplatziert fühlte.

* * *

Die Bibelverse trafen bei Reinhold nur das Gehör. Er konnte der gestelzten Sprache nichts abgewinnen, weil sie ihm zu weit von dem entfernt war, was die Menschen hier und heute wirklich bewegte. Doch als der Pastor Persönliches aus dem Leben der Verstorbenen erzählte, musste Reinhold sich dazu zwingen, an den Rülpser aus dem Sarg zu denken. Margret bemerkte seine Unruhe und nahm seine Hand.

Reinhold war froh, als sich nach einer halben Stunde die Pforten der Kapelle öffneten. Ruhig und diskret wies Frau Sieveking den Weg zur Grablege. Der kaum merkliche Umweg, den sie einschlug, lag abseits der Hauptwege und sorgte dafür, dass die kleine Trauergemeinde unter sich bleiben konnte. Dieser Anlass war zu intim, zu wichtig, zu einmalig für unwillkommene Störungen.

Reinhold schloss zwischendurch immer wieder für ein, zwei Sekunden die Augen und nahm die Atmosphäre in sich auf. Ohlsdorf war mehr als ein Friedhof mit Gräbern. Es war ein Park, der seine Besucher mit Blumenbeeten, Bachläufen, Skulpturen und Springbrunnen willkommen hieß, wobei er eine andere Seite Hamburgs zeigte, weit weg von Kaufmannstum, Hafenhektik und Kiezüberdrehtheit. Das erleichterte vielen Menschen den letzten Abschied. Besonders an einem hellen, freundlichen Frühlingsnachmittag wie diesem. Die ersten Blumen standen in Blüte, Vögel sangen, Hasen hoppelten über die Wiesen. In der Ferne klopfte ein Specht. Ohlsdorf war ein Ort, der trotz seiner Aufgabe als letzte Ruhestätte das Leben betonte.

Am Grab sprach die Pastorin einen letzten Segen, der Sarg wurde hinabgelassen, die Trauernden warfen eine Handvoll Erde oder ein kleines Blumengebinde hinterher. Reinhold nahm mit Margret das Defilee der Kondolierenden ab, dann zerstreute sich die Menge.

Bruder und Schwester warteten eine Weile, bis alle außer Sicht waren, ehe sie zu ihren eigenen Autos zurückkehrten.

"Den Teil hätte man schon mal hinter sich." Hannes Lankers hatte die Hände jovial in den Hosentaschen vergraben. "Fast so ergreifend damals wie bei Susanne."

"Hannes, bitte!" Reminiszenzen über seine erste Frau in unpassenden Momenten waren eine von Hannes' schlechten Angewohnheiten. Er meinte es nicht böse, trotzdem kam Margret sich zuweilen wie die neue Mrs. de Winter vor.

"Tut mir leid, lütt klein's Frollein", erwiderte Hannes. "Aber gerade heute kannst du doch nicht erwarten, dass ich meine verstorbene Frau ignoriere."

"Warum nicht?" fragte Reinhold ungerührt. "Es gab doch auch kein Halten für dich, als sie noch gelebt hat."

"Reißt euch zusammen", zischte Margaret. "Ihr habt schon mal eine Taufe mit euren Kabbeleien gesprengt, nun muss der Kreis nicht noch mit einer Beerdigung geschlossen werden. Lasst uns lieber auch verschwinden, die letzten sind gerade losgefahren."

Die Fahrt vom Friedhof zum Hotel Ankerklüse in Teufelsbrück kam Reinhold endlos vor. Jonica hatte vorgeschlagen, das allgemein übliche Kaffeetrinken nahe des Friedhofes stattfinden zu lassen, doch Reinhold hatte sich auf keine Diskussion eingelassen. Die Familie beging traditionell alle größeren Anlässe in der Ankerklüse.

Der Parkplatz war fast vollständig belegt, als Reinhold mit seinem Porsche vorfuhr. Nur mit Mühe fand er eine freie Box. Margret musste ihren Mini einige Meter weiter nicht ganz konform zur Straßenverkehrsordnung an einer Bushaltestelle abstellen.

In dem reservierten Saal Luv hatten sich die ersten Gäste bereits an den Tischen niedergelassen oder standen draußen auf der Terrasse, wo geraucht werden durfte. Reinhold sparte sich große Worte, alles von Belang war auf dem Friedhof gesagt worden. Er bat lediglich darum, dass alle zugreifen und sich dem Wunsch der Verstorbenen folgend auf die freudigen Begegnungen mit ihr besinnen mochten.

Nach anfänglicher Verkrampfung löste sich die Stimmung bald. Das gedämpfte Murmeln wurde lauter und lebhafter, hier und da wurde sogar gelacht. Während er von Tisch zu Tisch ging und Smalltalk machte, nahm Reinhold zusammenhanglose Gesprächsfetzen auf.

"Erinnern Sie sich noch an den Einbrecher? Mit dem Teppichklopfer in der Hand hat sie einmal um den Süllberg gejagt – direkt bis zur Polizeiwache in die Arme von Wachtmeister Brammer!" – "In dem Winter war alles so verschneit, dass der Kohlenhändler nicht durchgekommen ist. Als das Holz nicht brannte, weil es noch zu feucht war, hat sie den teuren Jamaika-Rum genommen und in den Heizofen gekippt, weil kein Spiritus mehr da war. Düwel ook, war der Alte da füünsch. Aber wenn es darum ging, dass die Kinder nicht frieren sollten, hat sie auch vor den Schnapsvorräten nicht halt gemacht." – "Das mögen Sie wohl sagen. Robert, Klaus, Martin und Charlotte hatten es wirklich gut mit ihr getroffen."

Für einen Moment hatte Reinhold ein schlechtes Gewissen, weil ihm bei den meisten Anekdoten ein breites Grinsen über das Gesicht huschte.

"Bei einer Trauerfeier lacht man nicht!" mahnte eine innere Stimme. "Ach, und warum nicht?" fragte eine andere. Man ehrte die Verstorbene doch am besten, wenn man genau das machte, was sie selbst am liebsten getan hatte, oder?

Verflixte Erziehung.

* * *

Kristen trommelte nervös mit den Fingern auf seinen Oberschenkeln. Eine schmale Straße war nach einem LKW-Unfall unpassierbar, der Bus konnte weder vor noch zurück. Kristen rannte die Zeit davon. Warum war der Fahrer überhaupt von Othmarschen losgefahren?

Einer der Polizisten erbarmte sich. Mit Verkehrshütchen und Flatterband legte er eine provisorische einspurige Gasse über den Bürgersteig an und regelte die Durchfahrt in beide Richtungen wie der gute alte Verkehrspolizist.

Endlich erreichte der Bus Teufelsbrück. An der Haltestelle wurde gerade ein Cabrio abgeschleppt. Kristen legte die letzten Meter zum Hotel Ankerklüse per pedes zurück. Vor der Eingangstür konsultierte er noch einmal seine Gedächtnisstütze: Sechzehn Uhr dreißig, Punktlandung. Er trat ein und kontrollierte noch einmal den Sitz seiner Krawatte. Perfekt. Er straffte sich. Es konnte losgehen.

Nach kurzer Orientierung betrat er einen der beiden Säle und ließ seinen Blick über die seriös gekleideten Damen und Herren schweifen. Er versuchte, die Stimmung zu erfassen. Alle waren in ihre Gespräche vertieft, niemandem fiel Kristens Ankunft auf. Er mischte sich unter die Leute und machte seine Präsenz spürbar, ohne sich in die Unterhaltungen einzuschalten.

Es dauerte nicht lange, bis Kristen schmunzeln  musste. Das Ganze war bemerkenswert öde. Zeit, ein bisschen Stimmung in den Laden zu bringen. Er gab sich selbst das Startzeichen. Ah, da drüben war sie ja. Durch den roten Schal fiel sie sofort auf. Wie Teufels Tippse, dachte Kristen. Den Rücken zu ihm gewandt, stand sie am Kuchenbuffet. Energisch durchquerte er den Saal und trat hinter sie. Maliziös fragte er: "Musste das wirklich sein?"

* * *

Margret drehte sich mit souveräner Miene um. Ihr Unbehagen war gewichen. Sie würde es Reinhold gegenüber nie zugeben, doch sie war in der Tat froh darüber, am offenen Sarg Abschied genommen zu haben. Sie war überzeugt, dass sie anderenfalls früher oder später das Gefühl überkommen hätte, etwas Entscheidendes ausgelassen zu haben und keinen Abschluss finden zu können.

Die jahrelangen Benimmlektionen für Töchter der besseren Familien aus dem Gedächtnis abrufend, unterstützte sie ihren Bruder bei den gesellschaftlichen Aufgaben. Sie brachte in erlahmte Konversationen neuen Schwung, achtete darauf, dass auf allen Tischen ausreichend Getränke vorhanden waren, und sorgte auch für die Erfüllung außergewöhnlicher Wünsche wie dem nach einer Schale Götterspeise: "Wissen Sie, Kind, mir ist gestern der Weisheitszahn gezogen worden, und ich könnte im Moment nicht mal in eine Biskuitrolle beißen."

Als Margret das gut geplünderte Kuchenbüffet gemustert und überlegt hatte, ob es wohl nötig war, in der Küche noch ein paar Plunderteilchen nachzubestellen, war von hinten eine Stimme an ihr Ohr gedrungen. Ihre Antwort war eisig. "Was musste sein?"

"Margret, du hättest mit Reinhold in der zweiten Reihe sitzen müssten, nicht in der Familienbank. Es gibt nun einmal Menschen, bei denen bleibt sie leer. Bei allem Respekt vor der Toten, aber euer Verhalten könnte die Leute am Ende... stutzig machen."

Präzise und sorgfältig war die Kunstpause gesetzt worden. Margret durchschaute das billige Manöver sofort. "Ich weiß nicht, inwiefern die Leute stutzig werden sollten, weil wir ein Familienmitglied beigesetzt haben."

"Kind, nun sei nicht so unbedarft. Ein bisschen müssten du und dein Bruder schon wissen, was man unter dem zu verstehen hat, was man in unserer Position tut und lässt. Wir haben einen Namen zu verlieren. Es ehrt euch alle sehr, dass ihr sie als Familienmitglied betrachtet habt, aber die Nachbarn..."

Margret unterbrach energisch. "Die Nachbarn wissen allesamt, wie wir zu ihr gestanden haben, also tätest du gut daran, nicht dort einen Skandal zu wittern, wo gar keiner ist."

"Man sagt aber, dass euer Vater..."

"Nein – nicht man sagt. Du sagst. Ich halte es, gelinde gesagt, für eine Frechheit, dass du dein taktloses Mundwerk an so einem Tag aufmachst. Mit welchem Recht redest ausgerechnet du von dem, was man tut oder nicht tut?"

Ihr Gegenüber setzte zu einer Erwiderung an, doch Margret schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. "Ich gebe dir jetzt genau eine Minute, ohne ein weiteres Wort zu gehen. Du verabschiedest dich von niemandem, sagst niemandem Bescheid, schüttelst keine Hände, sondern nimmst einfach deinen Mantel und verschwindest. Tust du das nicht, erzähle ich Reinhold, was du gerade hier veranstaltest. Du kannst dir sicher vorstellen, dass er dich nicht so diskret vor die Tür setzen würde wie ich. Willst du das riskieren?"

* * *

"War es wirklich nötig, die Reifen von meinem Wagen zu zerstechen?" Mit fester Stimme setzte Kristen seinen Angriff fort. "Ist dir deine billige kleine Rache wirklich so wichtig?"

Die Angesprochene drehte sich um. Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre vollendet geschwungenen Lippen. "Sieh mal einer an, welches verrottete Stück Treibgut die letzte Ebbe vergessen hat aus der Stadt zu spülen." Sie gab sich keine Mühe, ihre Worte nur für Kristen hörbar zu machen. Die Umstehenden bekamen alles mit und wandten mit befremdeten Mienen die Köpfe.

"Treiben... das passt wohl besser zu dir", schoss Kristen zurück. "Hat dieser Nachwuchsgigolo es dir wenigstens ordentlich besorgt?"

"Natürlich. Im Gegensatz zu dir schafft er das ohne Vitamine. Das V auf den blauen Pillen steht doch für Vitamine, oder?"

"Falsch, du Miststück. Es steht für Vipernschutz, der mich gegen eine falsche Natter wie dich schützen soll."

"Was bin ich denn nun? Eine Viper oder eine Natter? In Biologie scheinst du nicht gerade das hellste Lämpchen am Christbaum zu sein. Wie eigentlich in allen Lebensbereichen."

"Hm..." Kristen neigte den Kopf zur Seite. "Ich würde dich ohnehin eher als eine räudige Hündin bezeichnen – wer sich mit dir schlafen legt, wacht mit Flöhen wieder auf. Mindestens. Vielleicht sogar mit einer ausgewachsenen Syphilis."

"Also, nein!" Es war nicht auszumachen, wem die empörte Stimme gehörte. "Das gehört sich doch nicht!"

"Dann wäre unser Kind also ein Hundesohn?" kassierte Kristen die Retourkutsche, doch der teilte mit Gusto erneut aus: "Wohl eher ein Hurensohn, wenn ich dich so anschaue."

"Du verdammter Scheißkerl", fluchte sie lautstark, griff nach dem nächstbesten Wasserglas und schleuderte dessen Inhalt mitten in Kristens Gesicht.

Kristen lächelte überlegen. "Mach nur weiter so, damit auch jeder genau mitkriegt, was für eine billige Schlampe du bist."

"Ich zeig' dir mal, wie billig ich wirklich sein kann." Sie griff eines der Cremeschnittchen vom Buffet und klatschte es Kristen mitten ins Gesicht.

Das indignierte Gemurmel schwoll weiter an. Jemand forderte, die beiden Störenfriede hinauszuwerfen.

"Miese kleine Bitch", zischte Kristen, griff nach einem Löffel und schaufelte ihr eine Portion Sahne in die sorgfältig ondulierte Frisur.

"Aber, aber, meine Herrschaften! Ich muss doch sehr bitten!" Ein souverän auftretender Herr mit aristokratischen Gesichtszügen versuchte, Ruhe in das Chaos zu bringen. "Bedenken Sie bitte, dass dies ein ehrenvoller Anlass ist!"

"Halt's Maul, Saftsack", pflaumte Kristen zurück. "Was willst 'n du..."

Der Rest seiner Worte ging in einer dicken Schicht aus Mousse au chocolat unter, die ihm mitten auf den Mund gekleistert wurde. "Mach den Kopf zu, das zieht!"

Kristen ging seiner Kontrahentin an die Gurgel, doch die wehrte den Angriff geschickt ab. Sie brachte sich irgendwie hinter Kristen in Position, sprang an ihm hoch und krallte sich in seinen braunen Haaren fest. "Dich mach ich fertig, du impotenter Jammerlappen!"

Mit grimmiger Miene schnippte der Gastgeber mit den Fingern, worauf zwei Kellner die beiden sich heftig wehrenden und keifenden Kontrahenten mit Schraubstockgriff aus dem Saal führten. Zurück blieben die versteinerten Gäste, die nach einem Moment der empörten Stille plötzlich wie eine Gänseherde wild durcheinander schnatterten.

Die beiden Störenfriede indes wurden nicht etwa schnellstens vor die Tür gesetzt, sondern in die Teeküche im Personaltrakt des Hotels geführt, wo die beiden Kellner ihre versteinerten Mienen gegen ein breites Grinsen eintauschten.

"Das habt ihr echt klasse gemacht", sagte der eine, während der andere einem Schrank mehrere Frotteetücher entnahm: "Hier, damit könnt ihr euch schon mal provisorisch in Ordnung bringen. Ich hol' schnell eure Taschen aus dem Büro vom Chef. Für die Duschen gleich einmal durch die Tür da. Damen links, Herren rechts."

Kristen warf seiner Sparringspartnerin einen verstohlenen Blick zu. "Sorry, Hanna", meinte er verlegen, "so heftig sollte es gar nicht werden. Da sind wohl die Pferde mit mir durchgegangen."

"Du spinnst!" Lachend rubbelte Hanna sich die Sahne aus den Haaren. "So viel Spaß hat mir das schon lange nicht mehr gemacht. Ich hätte dich viel eher an Bord holen sollen. Gehen wir gleich noch zusammen 'nen Kaffee trinken?"

"Auf jeden Fall."

Nachdem sie sich restauriert hatten, brauchen Kristen und Hanna nicht lange warten, bis der Gastgeber der erfolgreich gestörten Party erschien. Alfons Soodmann strahlte über das ganze Gesicht. "Ah, da sind Sie ja!"

Er schüttelte beiden herzlich die Hände.

"Das haben Sie ganz phantastisch gemacht. Alle zerreißen sich immer noch die Münder über diese schrecklichen jungen Leute." Soodmann lachte. "Wissen Sie, die Jahreshauptversammlung unseres Schachclubs wird von Jahr zu Jahr langweiliger. Aber als ich von der Partycrasher GmbH erfahren habe, war ich mir sofort sicher, dass ein Auftritt wie der Ihre das Richtige sein würde. Ich bin außerordentlich froh, mich nicht in Ihnen getäuscht zu haben."

Hanna nahm das Lob mit strahlendem Lächeln entgegen, während Kristen etwas auf dem Herzen lag. "Ehm... Herr Soodmann...", begann er verlegen, "ich wollte noch um Entschuldigung bitten wegen dem alten Saftsa..."

Soodmann ließ ihn gar nicht weiterreden. "Aber warum denn? Das hat dem Ganzen doch nur noch mehr Würze gegeben. Nein, nein, machen Sie sich da mal keine Sorgen, das hat alles seine Richtigkeit."

Er zog eine sehr elegante, sehr teuer aussehende Lederbrieftasche aus seinem Sakko. "Ihr Honorar bekommen Sie ja über die Agentur, aber gestatten Sie mir, Ihnen noch einen kleinen Bonus zu überreichen. Muss ja nicht alles über den Gehaltszettel und die Steuer laufen."

* * *

Reinhold hatte seine Krawatte gelockert, vor ihm stand ein alkoholfreies Bier. Margret rührte Honig in ihren Tee. Beide waren müde. Sie saßen an einem der Tische, auf denen nur noch zwei vergessene Teller und ein paar Krümel daran erinnerten, dass etwas Größeres stattgefunden hatte. Im Raum lag die Stimmung des Leerlaufs zwischen Aufbruch des letzten Gastes und Begleichen der Rechnung.

"Wo ist eigentlich Tante Dorothee abgeblieben?" wollte Reinhold wissen. "Auf einmal war sie verschwunden."

"Die habe ich rausgeschmissen." Margret erzählte von ihrem Zusammenstoß mit der ungeliebten Verwandten, wie es sie wohl in jeder Familie gibt: Eine angeheiratete rechthaberische ältere Dame ohne erkennbar liebenswerte Eigenschaften, dafür mit genügend Gift und Galle ausgestattet, um allen in ihrer Umgebung vom Müllmann bis zum Pastor das Leben schwer zu machen. An ihnen wetzten diese Tanten ihre Zähne, um den Dauerclinch mit der Familie noch effektiver gestalten zu können.

Reinhold schüttelte den Kopf. "Sie kann's nicht lassen."

"Mich ärgert, dass sie sich ständig als Queen vom Treppenviertel aufspielt. Dabei hat Onkel Martin sie nur aus einer jämmerlichen Knackwurstbude am Fischmarkt rausgeheiratet."

"Lass sie doch. Wir haben auch Kapitel in unserer Biographie, auf die wir nicht stolz sind."

"Huch, woher diese Nachsicht? Du kannst sie doch auch nicht leiden."

Reinhold zuckte mit den Achseln. "Schreib's dem Tag heute zu."

"Wann willst du eigentlich die Wohnung ausräumen?"

"Margret! Das Grab ist noch nicht mal richtig zu, da kannst du nicht schon vom Ausräumen sprechen."

"Jetzt ist genauso gut wie jeder andere Zeitpunkt", widersprach Margret. "Es wird so oder so schwer. Je früher wir die Sache angehen, desto schneller haben wir es hinter uns."

* * *

Hanna fuhr mit Kristen in die Stadt und stellte ihr Auto in der Nähe von St. Michaelis ab. Über die Brücke am Viadukt der Hochbahnstation Baumwall gelangten sie auf die Hafenpromenade.

"Kristen, eins muss ich dir lassen..." Hanna brachte den Satz nicht zu Ende, denn kaum drei Meter über ihren Köpfen ratterte ein Zug der Hochbahn in die Station. Sekunden später ergoss sich ein Schwall Menschen auf die schmale Fußgängerbrücke.

"Ich muss ehrlich gestehen, dass es schon lange nicht mehr so aufregend war. Mit Florian bin ich inzwischen so oft als das streitende Paar aufgetreten, dass wir viel zu eingespielt sind. Das ist deutlich zu Lasten unserer Spontaneität gegangen. Hui, hier geht aber ein scharfer Wind heute." Hanna nahm den Schal, den sie wieder um den Hals trug, und band ihn sich zum Kopftuch. "Ich bin froh, dass ich den heute dabei habe."

"Zu dumm nur, dass er rot ist", meinte Kristen trocken. "Wegen dem Ding hätte ich beinahe unseren Auftritt ruiniert!"

"Ach, wie das?"

"Am Eingang zum Saal nebenan stand auch eine Frau mit schwarzem Kleid und rotem Schal. Darum wollte ich zuerst dort rein. Zum Glück habe ich rechtzeitig gemerkt, dass ich nach Lee hinüber musste, sonst hätte ich nämlich die Party im Luv gesprengt."

"Das wäre eine echte Katastrophe gewesen. Nebenan war keine Party, sondern eine Trauerfeier!"

"Autsch!" Kristen kniff gequält die Augen zusammen. "Also nicht nur peinlich, sondern regelrecht fatal."

"Allerdings – das hätte dich nicht nur das Trinkgeld gekostet, du hättest wahrscheinlich noch einiges mehr als Schmerzensgeld abdrücken müssen."

"O rühret, rühret nicht daran", seufzte Kristen. Er scherte aus der Touristenkolonne aus und lehnte sich auf das vor dem Sturz in die Elbe schützende Geländer. Er ließ seinen Blick durch den Hafen schweifen. Die Ebbe stand kurz vor dem Gezeitenwechsel, die Gangway der Überseebrücke hatte ihre stärkste Neigung erreicht. Mit der aufkommenden Flut würde sie sich wieder nach oben bewegen. Am Ponton lag die Cap San Diego vertäut. Die Frühlingssonne ließ den weißen Schwan des Südatlantik an seiner Steuerbordseite lange Schatten auf das Elbwasser werfen.

"Gestern ist die Stromabrechnung gekommen", fuhr Kristen sorgenvoll fort. "Fast neunzig Euro muss ich nachzahlen. Da kommt mir der Hunderter fein zupass, denn die hundertfünfundsechzig Euro vom letzten Monat, die ich mir bei der GmbH zum Arbeitslosengeld dazuverdienen darf, sind für die Reparatur meiner Waschmaschine draufgegangen."

Hanna legte mitfühlend den Arm um seine Schulter. "Immer noch nix Neues?"

"Nix. Nur Absagen." Kristen starrte düster nach unten. Eine Barkasse tuckerte vorbei. Die launigen Sprüche des Kapitäns tönten blechern über die Bordlautsprecher, vermischten sich mit dem Geschnatter der Touristen an Bord und wehten zur Promenade hoch.

"Was ist mit deinen Plänen, notfalls auch umzuziehen?"

Kristen lachte bitter auf. "Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt eine Chance bekomme, umzuziehen. Achtundsechzig Bewerbungen habe ich in ganz Deutschland bei Unternehmen verteilt, die ausdrücklich ihre Mobilitätsförderung betont haben. Aber nicht eine einzige Rückmeldung ist gekommen. Keine Eingangsbestätigung, keine Absage, rein gar nichts."

"Das kann doch nicht wahr sein!"

"Habe ich auch gedacht, ist aber so. Von Unternehmenskultur kann da wirklich nicht die Rede sein. Neulich habe ich sogar nur eine Visitenkarte zurückbekommen, auf die jemand Stelle besetzt gekritzelt hatte. Die teure Bewerbungsmappe haben sie behalten."

Das dröhnende Typhon eines auf dem Strom vorbeiziehenden Schiffes unterbrach ihre Unterhaltung.

"Genug gegnaddert?" fragte Hanna, als nur noch das gedämpfte Stampfen der Schiffsdiesel zu ihnen herüber klang. "Oder kommt da noch was nach?"

Kristen lächelte schief. "Du hast ja recht – ich bin ungerecht, verbittert und unausstehlich."

"Du bist enttäuscht", verbesserte Hanna. "Ist auch verständlich. Jetzt holen wir uns aber erst mal einen Kaffee."

Sie gingen weiter bis zu den Pavillons nahe des Pegelturms. Es war Ende März, was sich auch in den Temperaturen niederschlug: Angenehm, aber noch nicht wirklich einladend, gelegentlich aufgefrischt durch einen kräftigen Guss von oben. Die Zahl der Städtereisenden hielt sich in Grenzen, lediglich ein paar Schulklassen auf Studienfahrt bevölkerten die Promenade. Aber selbst die würden bald in ihre Hostels zurückkehren. Deshalb verschlossen einige Betreiber ihre kleinen Geschäfte mit Getränken, Fischbrötchen, Pommes frites, Souvenirs, Ansichtskarten und Tickets für Hafenrundfahrten etwas früher als während der Hochsaison. Als Kristen sich für den Kaffee anstellte, war die Fritteuse bereits ausgeschaltet, auch der Quirl der Slush-Maschine drehte sich nicht mehr.

Hanna ging inzwischen weiter. Auf dem Oberdeck von Landungsbrücke drei setzte sie sich auf eine Bank und wartete auf Kristen.

"Wer hätte auch gedacht, dass ausgerechnet meine Branche unter der Wirtschaftskrise leiden würde", sagte er, als er Hanna ihren Kaffee reichte und sich neben sie setzte. "Ist doch gediegen: Vorletztes Jahr um dieselbe Zeit haben die bei uns noch eingestellt wie blöde, weil wir im Verkauf chronisch unterbesetzt waren. Obwohl es nicht immer sinnvoll war, haben die Leute ihre Karren lieber nochmal geflickt. Zweihundert Euro für ein Ersatzteil kratzt man eben schneller zusammen als zwanzigtausend für ein völlig neues Vehikel."

"Dann kam diese idiotische Abwrackprämie."

"Dann kam diese idiotische Abwrackprämie", echote Kristen. "Genau. Wodurch die Branche der Ersatzteilhändler unversehens vom ganz sicher Überlebenden zum Teilnehmer eines Survivaltrainings wurde. Überall Stellenabbau."

Eine Hafenfähre schob sich an den Ponton. Die automatische Gangway senkte sich, Passagiere strebten geschäftig an Land. Eine Gruppe Jugendlicher schlurfte an Bord. Die Mahnung zur Eile durch ihren Lehrer verhallte ungehört. Erst als sich der Kapitän über die Sprechanlage zur Wort meldete, wurden sie flotter: "Leude, nu' macht mol wat fixer, sonst besteht die Gefahr, dass wir hier noch festrosten. Un' mit 'n büschen mehr Begeisderung, büdde!"

"Leider reicht mein Auto allein nicht aus, um deine Arbeitslosigkeit rückgängig zu machen. Sonst würde ich jeden Tag bei euch auf den Hof kurven", sagte Hanna.

"Für das Leukoplast, mit dem du das Stoffverdeck deiner Ente flickst, reicht auch eine Apotheke."

"Na, siehst du!" Hanna fiel in Kristens lachen ein. "Ist die trübe Stimmung doch wie weggeblasen. Los, trink aus. Dann fahren wir zu mir und vertilgen den Rest Marzipantorte, der vom Wochenende  übriggeblieben ist. Dabei machen wir uns Gedanken, wie wir dich schnellstens wieder anständig in Lohn und Brot bringen."

"Deal."

2. Kapitel

Ihre Wohnung sah immer noch genauso aus wie an dem Abend, als sie zum letzten Mal ins Bett gegangen war. Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer lag die aufgeschlagene Fernsehzeitung, das Kreuzworträtsel darin nur halb ausgefüllt. Allein das Lösungswort BUTTERMILCH war vollständig. Ein Wasserkocher wäre als Gewinn drin gewesen, hätte sie es eingesandt.

In der Küche war auf einer Untertasse ein benutzter Kaffeefilter ausgetrocknet. Zur Verwendung als Geraniendünger war es nicht mehr gekommen.

Im Schlafzimmer lagen ordentlich gefaltet auf einem Stuhl die Kleidungsstücke für den nächsten Tag, der nicht mehr gekommen war.

Reinhold Bargstedt stand mitten im Wohnzimmer und blickte sich um. Erinnerungen stiegen auf. Verschlungene Schwaden wie Nebel aus einem Moor: Weihnachtsfeste, bei denen er als kleiner Junge hier auf dem Fußboden gesessen, mit seiner Holzeisenbahn gespielt und ungeduldig auf die Bescherung gewartet hatte. Fluchten vor seinem alten Herrn, wenn der ihn mal wieder zum verhassten Besuch im Ruderclub verdonnern wollte. Hausgemachte Kuchen von frischen Äpfeln aus dem Alten Land, serviert auf rotem Steingutgeschirr mit wildem Blumenmuster – schon damals scheußlich, aber bis heute für ihn ein Symbol für Heimat, Zuhause, Geborgenheit.

Er dachte an die langen Nächte in der kleinen Küche, wenn er sich während der Semesterferien mal wieder so richtig über alles ausgeheult hatte, was gerade quer lief. Hier hatte er aber auch vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal die freudige Nachricht ausgesprochen, Vater zu werden.

Alles wurde vor seinem Auge lebendig und verblasste, als die Atmosphäre von endloser Abwesenheit zurückkehrte.

Ach, Frieda, dachte Reinhold, du fehlst ganz schön...

Die Verbindungstür zur Wohnung nebenan öffnete sich. Jonica kam mit einigen zusammengefalteten Umzugskartons herein. Als Reinhold sie ansah, blickte er in gerötete Augen. Er vermied es, sie jetzt in den Arm zu nehmen. Dann hätten beide geheult und überhaupt nichts mehr zustande gebracht. Er suchte nach einem unverfänglichen Thema.

"Hat sich der Schlüssel zum Gartentörchen wieder angefunden?"

"Hat er." Ein kurzes Lächeln huschte über Jonicas Gesicht. "Finn muss sich von seinem Herrn Papa abgeschaut haben, dass Ordnung das halbe Leben ist. Also hat er damit angefangen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in Schubladen zu verstauen. Der Schlüssel lag dann auch mehr oder weniger folgerichtig zwischen dem guten Sonntagsbesteck im Esszimmer."

Reinhold lachte. Zum ersten Mal seit ein paar Wochen kamen dabei auch wieder die Lachfältchen um seine Augen zur Geltung. Finn war sein größter Stolz.

"Warten wir auf Margret?" Jonica wollte noch etwas Zeit gewinnen, doch Reinhold schüttelte den Kopf.

"Nein, lass uns loslegen, sonst schaffen wir heute kaum etwas. Wir fangen einfach mit der Küche an, da gibt es doch so gut wie nichts, was wir untereinander aufteilen könnten. Das Wohnzimmer mit den ganzen Erinnerungsstücken machen wir dann, wenn Maggie da ist."

"Dann mal zu."

Die Umzugskartons waren ebenso rasch aufgebaut wie Geschirr, Töpfe, Pfannen und Besteck darin verschwanden. Reinhold trug die schweren Pappkisten zu Jonicas Auto, das einen größeren Kofferraum hatte als sein Porsche. Morgen würde alles an ein Sozialkaufhaus gespendet werden.

Als Reinhold in die Küche zurückkehrte, stellte Jonica gerade verstohlen zwei Emailleschüsseln an die Seite. Beide sahen arg angeschlagen aus und stammten mindestens aus der Zeit kurz nach dem Tag der Befreiung, wenn sie nicht sogar noch echte Kriegserzeugnisse waren.