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Jil Boßmann

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Beschreibung

»Weißt du, es gibt zwei Arten von Menschen. Erst in dem Moment der Gefahr, wenn wir voller Angst sind, zeigt sich, wer wir wirklich sind.« Angstzustände und Panikattacken beherrschen Thalia. Niemals hätte sie erwartet, dass Liebe oder gar Leidenschaft einmal ihr Leben bestimmen werden. Bis sie dem attraktiven und selbstbewussten Casper begegnet. Thalia kann sich nicht gegen seine Anziehungskraft wehren, doch das birgt Gefahren. Casper hütet ein dunkles Familiengeheimnis. Je näher Thalia ihm kommt, desto tiefer gerät sie in ein Netz aus Lügen, Machtspielen und Gefahr. Ehe sie sich versieht, läuft sie nicht nur ihren Ängsten entgegen, sondern auch um ihr Leben. »Was für ein Mensch möchtest du sein?«

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Seitenzahl: 748

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Run

Jil Boßmann

Alea Libris Verlag

1. Auflage, 2024

© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11,

72827 Wannweil

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Stefanie Tscherner

Korrektorat: Lisa Heinrich

© Cover- und Umschlaggestaltung: Fabula Design

Playlist: https://open.spotify.com/playlist/4TPCry3XlMITQfHz6dn8jc?si=5b98847857f345ee

Song zum Buch: https://open.spotify.com/intl-de/album/1MX2DLvEpp8FVqcd3xuWL1?si=-zRZ0AFrTCehWUONAwNAlA

Contents

InhaltshinweiseProlog12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637383940414243444546

Für meinen Opa.

Dass dein Licht des Mutes

auch weiterhin auf mich herabscheint.

Du wirst immer in meinem Herzen sein.

Inhaltshinweise

Das Leben ist nicht immer einfach und auch Thalia hat in ihrem Leben mit vielen Dingen zu kämpfen. Mein Roman stellt Aspekte von Angstzuständen und Panikattacken, die detailliert beschrieben und durch die Hauptfigur erlebt werden, dar. Es werden Aspekte von Gewalt, Tod, lebensbedrohlichen Situationen, Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch, emotionaler Abhängigkeit und toxische Beziehungen dargestellt.  

Ich habe versucht diese Themen so sensibel, angemessen und ehrlich wie möglich darzustellen und zu behandeln. Ich hoffe es ist mir gelungen. 

Prolog

Das Herz hämmert wild gegen die Brust, Blut rauscht in den Ohren, die Lunge brennt, der Atem geht flach, die Beine schmerzen.

Während manche von uns nur einem Trend hinterherlaufen, kann der Lauf eines anderen Menschen entscheidend sein. Bestimmte Personen begleiten uns dabei auf unserem Weg für ein Stück, andere kreuzen unseren Weg nur. Während der eine einen geraden und unbeschwerten Lauf vor sich hat, ist die Strecke eines anderen steinig und schwer. Einzelne Menschen scheinen stehenzubleiben und zu Momenten zurückzulaufen, andere von uns haben einen Wettlauf gegen die Zeit. Ein paar Personen begleiten uns auf unserem Weg für immer, während andere die Flucht ergreifen müssen. Manche Menschen gehen immer nur bekannte, alte Wege, andere von uns sind mutig genug, neue Wege zu beschreiten. Doch während einzelne Menschen ihren Weg frei wählen dürfen, werden andere von uns dazu gezwungen. Einige haben dabei ein großes Ziel vor Augen, während andere Menschen laufen, um nicht selbst die Zielscheibe zu sein. Einzelne Personen unterstützen uns auf unserem Weg, andere bringen uns bewusst zu Fall. Ein paar Menschen sind Egoisten, aber wir laufen alle.

Manche von uns um ihr Leben.

Ich gehöre neuerdings zu dieser Kategorie.

1

Meine Füße trugen mich über den dunklen Asphaltboden, als ich schnell und präzise immer einen Fuß vor den anderen setzte. Der dumpfe Aufprall bei jedem meiner Schritte war wie ein Takt, den ich vorgab, und an den ich mich halten konnte, um voranzukommen. Im gleichen Tempo, in dem mich meine Füße trugen, pochte auch mein Herz schnell, aber konstant in meiner Brust. Ich konzentrierte mich auf diesen Rhythmus und versuchte gleichzeitig meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Mit jedem Meter fiel es mir schwerer gleichmäßig ein- und wieder auszuatmen.

Ich hustete, dann wischte ich mir im Laufen ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht. Mein Rucksack prallte bei jedem Schritt gegen meinen Rücken, doch ich versuchte, mich weiter anzutreiben. Heute war nicht mein Tag! Den Blick nach vorne gerichtet, fokussierte ich mein Ziel und versuchte gleichzeitig, die Blicke der Menschen auszublenden, die mich beobachteten, als ich an ihnen vorbeistürmte. Natürlich immer darauf bedacht, niemanden versehentlich umzustoßen.

Ich wollte irgendwas rufen, als ich das Gefühl hatte, trotz meiner Bemühungen immer langsamer zu werden, vielleicht ein Stopp, aber ich hinderte mich daran. Das würde nur noch mehr Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Falls das überhaupt ging. Die Blicke der Menschen um mich herum bohrten sich bereits in meinen Körper, sie brannten sich durch meinen Rücken, durch meine Brust und fraßen sich in mein Inneres wie Säure. Sie vergifteten meine Adern. Alle um mich herum starrten mich an und das hasste ich wie die Pest.

Zu meiner großen Überraschung schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur vorderen, geöffneten Tür des Busses zu kommen. Schwer atmend blieb ich stehen, stemmte die Arme in die Hüften, beugte mich nach vorne und griff mit der Hand nach der schmalen Stange an der Innenseite der Bustür. Ich atmete tief ein und aus, spürte, wie meine Lungen sich mit rettendem Sauerstoff füllten. Dennoch konnte ich meine Atmung nicht beruhigen. Sie ging hektisch und flach. Kleine weiße Sterne tanzten vor meinen Augen und ich sah im Augenwinkel meine zitternden Finger, die sich um die rote Stange an der Bustür klammerten. Ebenso, wie meine Finger, zitterten auch meine Knie unkontrolliert. Ein leichtes Schwindelgefühl überkam mich und ich kniff die Augen zusammen, sah nach unten, suchte nach einem Fixpunkt, auf den ich mich konzentrieren konnte, doch der dreckige Boden im Türbereich des Busses vor mir drehte sich wie ein Karussell auf einem Jahrmarkt.

Meine Finger verloren den Halt am Geländer. Stattdessen stützte ich mich mit meinen schweißnassen Handflächen an der einzigen Möglichkeit ab, die mir in diesem Moment noch blieb: an der Glasscheibe der Bustür. Ich schloss die Augen, um mich zu sammeln.

Bereits heute Morgen hatte ich eine böse Vorahnung gehabt, dass es nicht gutgehen würde, wenn ich mich nach mehreren Wochen wieder traute, das Haus zu verlassen. Ich konnte einfach immer noch nicht mit den Menschenmassen und diesen starrenden Blicken umgehen. Doch ich musste versuchen, diese Situation irgendwie zu meistern. Nicht zusammenbrechen, Thalia, du musst es noch bis nach Hause schaffen. Es sind nur ein paar Stationen. Sechs Kilometer, um genau zu sein, und der Bus hält beinahe direkt vor deiner Haustür.

Ich konzentrierte mich auf eine meiner Lieblingsmelodien: Es war einmal im Dezember aus dem Film Anastasia. Ich sang die Tonfolge in meinem Kopf, um die Erinnerung an die musternden Blicke zu überdecken und spürte, wie ich langsam ruhiger wurde und meine Finger sich entspannten.

»Steigst du ein?«

Leise vernahm ich das Echo der Stimme, als würde ich tief in einem dunklen Tunnel stehen, zu dem die eigentlichen Klänge und Geräusche der Menschheit keinen Zugang hatten.

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter und mit einem Mal war der Schwindel verschwunden. Mein gesamter Körper kribbelte wie tausend Spinnen, die sich in meiner Wirbelsäule eingenistet hatten und mir von dort aus in den Kopf wanderten. Mir war kalt und ich war hellwach. Mit einem Mal nahm ich alles noch genauer wahr und mir wurde die Situation bewusst, in der ich mich befand. Ich stand hier, kurz vor dem Zusammenbrechen, in der Tür des Busses.

Der Busfahrer warf mir über seinen weißen Schnurrbart hinweg einen genervten Blick zu. Er rümpfte die Nase und wischte sie an seinem dreckigen, rot karierten Ärmel ab. Zwei braune Flecken prangten auf dem Karo-Muster und ich verzog das Gesicht.

»Na los, ich hab’ nicht den ganzen Tag Zeit«, blaffte er mich mit der rauchigen Stimme an, die ich wenige Sekunden zuvor bereits dumpf vernommen hatte. Jetzt kamen seine Worte jedoch klarer bei mir an. Sein immer noch genervter Blick ruhte auf mir. »Wo ist deine Fahrkarte?«

Ursprünglich hatte ich vorgehabt, die beim Busfahrer zu kaufen.

»Ich … ähm.«

Heute Morgen hatte ich mir die Worte zurechtgelegt und auswendig gelernt, die ich sagen wollte, doch jetzt war mein Kopf leer. Zu viel Angst hatte ich davor, mit diesem Fremden zu sprechen, der von Sekunde zu Sekunde genervter dreinblickte. Als ob die Worte, die ich vergessen hatte, hier auf dem Boden geschrieben stehen würden, sah ich nach unten, musterte erst meine dunklen Schuhe, dann den riesigen Handabdruck an der Bustür, den meine Finger dort hinterlassen hatten, bevor mein Blick in den überfüllten Innenraum des Busses wanderte. Mehrere Augenpaare musterten mich abschätzig und ich begegnete einigen genervten, bösen Blicken. Die Menschen drängten sich aneinander, nahmen den gesamten Innenraum ein und schienen sich gegenseitig beinahe zu erdrücken. Heiße, stickige Luft stieg mir entgegen. Bei dem Gedanken, jetzt noch mit diesem überfüllten Bus nach Hause fahren zu müssen, verkrampfte sich mein Magen.

»Mädchen, ich habe einen Zeitplan einzuhalten«, meckerte der Busfahrer weiter. Aus den Augenwinkeln erkannte ich zustimmende Gesten, ein Nicken von einigen Fahrgästen und ich vernahm sogar ein theatralisches Seufzen.

»Also entweder steigst du jetzt ein und zeigst mir deine Fahrkarte oder gehst aus der Tür. Entscheide dich!«

Erneut wanderte mein Blick über die unzähligen Köpfe und begegnete einigen Augenpaaren. Ich spürte Säure meinen Hals hinaufkriechen. Kurz darauf breitete sich ein ätzender Geschmack in meinem Mund aus. Wie ein Strick, der sich Sekunde für Sekunde enger um meinen Hals zog, schnürte es mir die Luft ab. Ich schmeckte nur noch Galle und konnte nicht mehr atmen.

Dann erinnerte ich mich an den groben Ton des Busfahrers bei seinen letzten Worten und spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten. Mit aller Mühe, keuchend und mit letzter Kraft, versuchte ich sie wegzublinzeln, doch ich wandte den Blick ab, als mir eine einzelne Träne die Wange hinunterlief.

Verdammt, jetzt steig in diesen bescheuerten Bus ein! Du musst, um nach Hause zu kommen, ermahnte ich mich, doch allein bei dem Gedanken begannen meine Gliedmaßen wieder ruckartig stärker zu zittern. Das Schwindelgefühl kam zurück und meine Sicht wurde von schwarzen, undurchdringlichen Rändern eingerahmt. Sie verdeutlichten mir die Grenzen meiner angsterfüllten Welt. Grenzen, deren Überwindung ich heute nicht schaffen würde.

Mein Körper nahm mir die Entscheidung ab. Mein Herz hämmerte plötzlich so wild, dass ich davon überzeugt war, jeder um mich herum könnte es hören. Es würde mir jeden Moment aus der Brust springen. Viel heftiger drehte sich alles um mich. Kleine undurchsichtige Punkte lösten sich von den dunklen Rändern meines Sichtfelds und tanzten vor meinen Augen wie schwarze Löcher. Sie raubten mir Sekunde für Sekunde mehr Sicht. Ich stolperte unkontrolliert nach hinten, bis ich gegen etwas Hartes knallte. Blut rauschte wie ein hinabstürzender Wasserfall in meinen Ohren. Erst ganz leise, doch dann immer stärker, schlimmer, schneller und dröhnender, bis es alle anderen Geräusche des Busbahnhofs gänzlich ausgelöscht hatte. Die tauben Hände drückte ich mir auf die Ohren, doch ich spürte meine Finger nicht mehr.

In diesem Moment blieb mir nur noch eins: mich auf den Boden zu setzen und abzuwarten, bis alles vorbei war. Und so ließ ich mich an dem harten Beton hinter mir hinuntergleiten, bis ich zitternd auf dem Boden saß, die Beine an meinen Körper zog und still und leise wartete, bis sich mein Inneres wieder beruhigt hatte. Ich versank in der Dunkelheit, ergab mich meinem Schicksal und kämpfte nicht mehr gegen die Reaktionen meines Körpers an. Galle kroch meinen Hals hinauf und ich übergab mich wenige Sekunden später auf den Bürgersteig.

Ein leichter Druck legte sich auf meine linke Schulter. Zuerst so schwach, dass ich dachte, ich hätte mir das Ganze bloß eingebildet, doch dann wurde ich am Oberkörper leicht geschüttelt, bis sich etwas Spitzes in meine Schultern bohrte und ich erschrocken die Augen aufriss.

Durch den Tränenschleier erkannte ich nur verschwommene Schemen. Alle Farben der Umgebung, die hellen Neonröhren über mir, die roten Rücklichter der Busse und Autos vor mir, der graue Beton des Bürgersteigs unter mir und die Schwärze der anbrechenden Nacht, gingen ineinander über. Mit zitternden Fingern wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht und kam wieder im Hier und Jetzt an. Mein Körper bebte immer noch, doch ich stand nicht mehr in der Tür des Busses, sondern saß auf dem dreckigen Asphaltboden, den Rücken gegen etwas Hartes gelehnt. Der Bus, in den ich eigentlich hatte einsteigen wollen, um nach Hause zu kommen, war nicht mehr zu sehen. Zitternd legte ich mir die Arme um den Körper, als mir bewusstwurde, dass ich somit gerade den letzten Bus nach Hause verpasst hatte.

Der konstante Druck und leichte Muskelschmerz in meiner Schulter ließ auch nach ein paar weiteren Sekunden nicht nach, sodass ich wild den Kopf hin und her drehte, um die Verspannung in meinem Rücken zu lösen. Erst, als ich mit meiner Hand nach der schmerzenden Stelle tastete, wurde mir klar, dass es keine Verspannung war, sondern eine Hand, die auf meiner Schulter lag. Ich musterte sie: pinke Fingernägel, goldener Armreif, gebräunte Haut. Mein Blick wanderte höher und wurde von zwei eisblauen Augen erwidert.

»Thalia, ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen, als ich dich hier eben am Boden hab’ sitzen sehen.«

Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, da hatte sich das Mädchen, das mir vage bekannt vorkam, schon zu mir heruntergebeugt und mich in eine herzliche, feste Umarmung gezogen. Der Duft nach Rosen hüllte mich komplett ein und die braunen, schulterlangen Haare erstickten mich beinahe.

Ich röchelte und drückte die Person etwas von mir weg, dann hustete ich und beugte mich dabei nach vorne. Ich hatte das Gefühl mich jeden Augenblick ein zweites Mal übergeben zu müssen. Ich schmeckte immer noch Galle und auch der Geruch nach Erbrochenem auf dem Bürgersteig neben mir trug nicht unbedingt dazu bei, dass mein Magen sich beruhigte. Ich konzentrierte mich auf den Rosenduft.

»Oh, tschuldige«, nahm ich die leise Entschuldigung wahr, war jedoch mehr darauf bedacht, wohltuenden Sauerstoff in meine Lungen zu bekommen und mich nicht noch einmal auf den Bordstein zu übergeben.

»Ich habe mir echt Sorgen gemacht«, erklärte die Stimme weiter.

Einzelne Kieselsteine, die durch das Vorbeifahren der Busse und Autos auf den Busbahnsteig gewirbelt worden waren, bohrten sich in meine Handflächen, als ich mich nun ruhiger atmend aufrichtete. Ich atmete tief durch und wandte meinen Blick dem Mädchen vor mir zu, die mir immer bekannter vorkam. Sie hatte sich kein Stück bewegt, saß immer noch schräg vor mir, eine Hand auf meiner Schulter, die sie jetzt langsam in ihren Schoß sinken ließ.

Mein Hals fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Staubtrocken und rau. Der eklige Geschmack im Mund machte es nicht besser. Mehrere Male räusperte ich mich und schluckte schwer, bevor ich einen Ton herausbekam.

»Eva?« Meine Stimme klang genauso, wie sich das Sprechen anfühlte. Rau und zittrig. Ich schluckte ein weiteres Mal.

In meine Nervosität mischte sich nun doch eine Spur Überraschung Eva hier zu treffen und ich sah ihr direkt in die Augen.

Eva und ich hatten die Schulzeit zusammen verbracht, seit der Abifeier aber kaum noch ein Wort miteinander gesprochen, geschweige denn miteinander geschrieben oder uns getroffen. Umso erstaunter war ich, sie hier zu treffen.

»Na, wusste ich doch, dass du mich noch kennst.« Ein weiteres Mal kam mir Eva entgegen und zog mich in eine Umarmung, doch dieses Mal war ich vorbereitet und ließ mich nicht, wie beim ersten Mal, von ihr erdrücken. Leicht legte auch ich meine Arme um ihren dünnen Körper und erwiderte ihre Geste. Ein leises Lachen entwich mir, als ich an die Schulzeit mit ihr zurückdachte. Wir hatten immer viel Spaß gehabt. Vor allem hatte Eva mich nie allein gelassen.

Als wir uns voneinander lösten, hatte auch der Rest meines Körpers akzeptiert, dass ich nicht in Gefahr war und sich vollständig beruhigt. Mein Blick fiel auf meine staubigen, dreckigen Hände, an denen kleine Steinchen klebten. Ich presste die Lippen aufeinander, als mir bewusstwurde, dass ich mitten auf dem Busbahnhof eine Panikattacke gehabt hatte und zusammengebrochen war.

Ich blickte neben mir auf einen Fleck auf dem Bordstein. Es hätte alles Mögliche sein können, doch es roch viel zu penetrant, um noch länger daneben sitzen zu bleiben. Ich schluckte bei diesem Gedanken und sah wieder nach vorne, auf der Suche nach neugierigen Augenpaaren anderer Passanten. Tatsächlich wurde mein Blick von einigen erwidert. Mehrere Menschen waren stehengeblieben, doch sie musterten mich nicht neugierig oder genervt. Eine Dame mit grauen, kurzen Haaren sah mich voller Sorge an. »Geht es Ihnen gut?«

Tränen bildeten sich erneut in meinen Augen und wieder versuchte ich, sie wegzublinzeln und stattdessen der Frau vor mir zu antworten.

»Ja, es geht schon wieder«, brachte ich heraus und lächelte jeden, der stehengeblieben war, an. Um meinen Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen, versuchte ich aufzustehen. Mit der einen Hand tastete ich mich an der Betonsäule entlang, an der ich offenbar zusammengebrochen war.

Auf zitternden Beinen klopfte ich mir mit den staubigen Händen den Schmutz von meiner dunklen Hose. Es brachte nichts. Der Straßenstaub flog durch die Gegend und ich hustete, dann legte er sich wieder auf den dunklen Stoff meiner Hose. Die Dame vor mir erwiderte mein Lächeln immer noch leicht besorgt, griff dann aber nach einer Einkaufstüte zu ihren Füßen und entfernte sich von mir.

»Hey, hey, beruhige dich. Geht es dir wirklich gut?« Eva musterte mich mit einem ebenso besorgten Blick, wie die anderen Menschen zuvor. Sie nahm meinen Kopf in beide Hände und zog die Stirn in Falten. Wieder musste ich tief durchatmen, bevor ich ihr antworten konnte.

»Ja, Eva. Es geht schon. Danke.« Ich hielt die Luft an, um mein Herz wieder etwas zu beruhigen. Fragend zog sie nach dieser halbherzigen Beantwortung ihrer Frage die rechte Augenbraue in die Höhe. Sie presste die roten Lippen aufeinander und schien nicht wirklich überzeugt. Ich konnte es ihr nicht übelnehmen. Nicht einmal der Kaktus auf dem Fensterbrett in meinem Zimmer hätte diese Lüge geglaubt.

»Wirklich, es ist alles gut«, versuchte ich sie weiter von meiner Lüge zu überzeugen. »Du kennst doch meine kleinen Angstreaktionen aus der Abizeit. Ich war deswegen auch schon beim Arzt.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass es schlimmer geworden ist«, gestand sie. »Konnte dir der Arzt nicht helfen?«

Ich musste dringend das Gespräch von mir und meinen Angstzuständen weglenken. Sie musste ja nicht gleich von meinem Wartelistenplatz für eine Therapie erfahren, daher fragte ich das Erste, was mir zu Eva in den Kopf kam: »Und, wie geht’s dir, wie läuft das Studium?«

Evas Miene hellte sich auf. Die Falten verschwanden von ihrer Stirn, ein Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln und ihre Augen begannen zu funkeln.

»Es ist perfekt, genau das, was ich immer machen wollte. Und bei dir?«

Und schon waren wir wieder bei dem Thema angelangt, über das ich nicht sprechen wollte. Trotzdem musste ich ihr ihre Frage beantworten. Das war ich ihrem neugierigen Blick, aber vor allem der Tatsache, dass sie mir gerade geholfen hatte, schuldig.

»Ich komme gerade von der Hochschule«, gab ich kleinlaut zu. Eva riss die Augen auf. »Also studierst du doch? Ich dachte du wolltest damals erst einmal gucken und …«

Ich hob die dreckige Hand und unterbrach sie. »Ja, so ist es auch. Ich, ähm … habe mir heute das erste Mal die Musikhochschule angesehen.«

Ihre Augen wurden noch größer. Man konnte regelrecht zusehen, wie die Neugier in ihr wuchs.

»Und?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Es war groß. Genauso wie man sich eine Hochschule vorstellt.«

Ich fühlte mich unglaublich dumm bei meiner Aussage. Natürlich war eine Hochschule groß. Was sollte sie auch sonst sein? Ich biss mir auf die Lippe. »Aber, ähm.« Ich atmete einmal tief durch, um mich zu sammeln und um einen halbwegs normalen Satz herauszubringen. »Ich weiß noch nicht, ob ich mich bewerben werde«, gestand ich ihr.

»Nicht?«, fragte sie. »Warum nicht?«

Weil ich Angst habe, das Haus zu verlassen und wenn ich studieren würde, müsste ich das jeden Tag tun. Doch ich traute mich nicht, Eva die Wahrheit zu sagen. Stattdessen wich ich ihr aus.

»Es gibt mehrere Musikhochschulen, die ich mir angucken werde.« Das war gelogen. Tatsächlich hatte es mich ein halbes Jahr Vorbereitung gekostet, heute das Haus verlassen zu können, um einen mir unbekannten Ort mit so vielen Menschen anzusehen.

»Außerdem habe ich Panik vor der Aufnahmeprüfung.« Das war die Wahrheit. Meine Angst war sogar so groß, dass ich mich niemals für ein Studium an der Musikhochschule bewerben würde.

»Oh, ja.« Eva schien in Gedanken. »Bei den musischen Studiengängen braucht man ja immer einen Eignungstest.« Sie machte eine kurze Pause, in der sie mich erwartungsvoll ansah. Ich wich ihrem Blick aus und erwiderte nichts. Was erwartete sie auch von mir?

»So einen Test machst du doch mit links!«

Ich wusste nicht, was skurriler war: Die Tatsache, dass ich meine alte Schulfreundin durch Zufall nach einem Jahr wiedergetroffen hatte und wir über das Studium sprachen, oder die Tatsache, dass sie wirklich zu glauben schien, dass ich diese Prüfung bestehen, geschweige denn mich für diese anmelden würde. Ich konnte bei beidem einfach nur den Kopf schütteln.

»Ja, das hast du beim Abi auch gesagt und ich wäre beinahe durchgefallen«, rief ich ihr in Erinnerung.

Eva erwiderte das kleine Lachen, das ich ihr zuwarf. »Ja, aber nur beinahe.« Sie sah sich kurz um, spähte über alle Köpfe hinweg, drehte sich um die eigene Achse und stellte sich sogar ein paar Mal auf die Zehenspitzen, um über die größeren Leute drüber hinweg zu sehen, was bei Eva so ziemlich jeder war. Sie war nämlich wirklich sehr klein.

»Suchst du jemanden?«

Eva richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich. Die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, nickte sie.

»Wen denn? Einen Freund?«

Eva brach in schallendes Gelächter aus, verstummte wieder und sah sich erneut suchend über die Menschenmenge hinweg um. »Nein. Wenn du mich fragst, warte ich eher auf ein notwendiges Übel, das man ertragen muss«, sagte sie. »Und nein, du kennst ihn nicht. Sei froh, dass du seine Launen nicht ertragen musst.«

»Und warum musst du –«, wollte ich gerade weiter fragen, doch Eva unterbrach mich. »Wie kommst du eigentlich nach Hause?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Na, mit dem Bus.« Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass ich gerade den letzten Bus nach Hause verpasst hatte.

Stöhnend strich ich mir eine meiner langen Haarsträhnen hinters Ohr. Wenn ich in der Vergangenheit den Bus verpasst hatte, hatten mir immer meine Eltern geholfen.

»Ich werde meinen Vater anrufen.«

Meine Finger begannen zu schwitzen, als ich in meinem Rucksack nach meinem Handy kramte, dann gab ich zwei Mal den Pin falsch ein. Wie ich es hasste, zu telefonieren! Und die Tatsache, dabei von Eva beobachtet zu werden, machte es auch nicht besser. Zwar sah sie sich immer mal wieder suchend um, schien mich aber noch immer zu beobachten.

Es dauerte etwas, bis ich den Kontakt von meinem Vater im Telefonbuch gefunden hatte und mein Magen verkrampfte sich bei der Vorstellung, gleich telefonieren zu müssen. Ich atmete noch einmal tief ein und aus, versuchte, mich ein bisschen zu beruhigen. Es war nur mein Vater, den ich anrief und kein Fremder. Das sollte ich also hinbekommen. Dann klickte ich auf die Nummer und hielt mir das Handy ans Ohr.

Ich hörte, wie am anderen Ende der Leitung das Freizeichen ertönte und schluckte schwer. Mit jedem weiteren Tuten verlagerte ich mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und lauschte dem Geräusch an meinem rechten Ohr. Gerade als ich auflegen wollte, meldete sich die Stimme meines Vaters am anderen Ende der Leitung.

»Thalia?«, fragte mein Vater mit keuchender, abgehetzter Stimme. Er schien im Stress zu sein. Großartig.

»Ja, ähm. Hey Papa, ich bin's.« Meine Stimme zitterte und ich hatte keine Ahnung, wo ich anfangen sollte, zu erklären.

»Was ist los? Ist etwas passiert?«, fragte mein Vater und holte einmal tief Luft.

»Nein. Ähm, ja«, sagte ich unsicher und guckte mich um. Redete ich vielleicht zu laut? Immerhin wollte ich nicht noch mehr auffallen, als ich es ohnehin schon getan hatte. Ich beobachtete die Menschen, die an mir vorbeiliefen, aus den Bussen ausstiegen oder einstiegen. Niemand wirkte so, als würden ihn mein Gespräch oder meine Anwesenheit stören, selbst Eva sah mir gerade nicht zu, aber ich ging trotzdem sicherheitshalber einen Schritt weiter nach hinten und versuchte, leiser zu sprechen. »Ich habe den Bus verpasst«, flüsterte ich in den Hörer.

Mein Vater stöhnte am anderen Ende der Leitung genervt auf. »Nicht schon wieder«, sagte er und klang verärgert. Ich verzog das Gesicht. Natürlich war mir klar gewesen, dass er nicht begeistert sein würde.

»Ich wollte fragen, ob du mich vielleicht abholen könntest.« Ich hielt meinen Daumen gedrückt.

Mein Vater musste mich abholen. Der anstrengende Tag mit den vielen neuen Eindrücken und den ganzen fremden Menschen, diese gesamte Situation mit dem Bus, das war mir gerade alles zu viel. Wenn ich jetzt noch die sechs Kilometer nach Hause laufen müsste, würde ich vor Erschöpfung sterben.

Wieder stöhnte er am anderen Ende der Leitung. »Wo bist du denn gerade? Immer noch am Busbahnhof?«

Ich nickte wild und die Haarsträhne, die ich mir noch vor wenigen Minuten hinters Ohr gestrichen hatte, löste sich und nahm mir die Sicht auf meine Umgebung.

»Thalia?« Die Stimme meines Vaters ließ mich zusammenzucken.

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass er meine Reaktion auf seine Frage gar nicht sehen konnte. Scham kroch in mir hoch und ich spürte, wie mein Körper heiß wurde. Plötzlich war ich froh, dass meine Haare Teile meines Gesichts hinter sich verbargen. So, wie es sich für mich anfühlte, machte es gerade der Farbe einer reifen Tomate Konkurrenz.

»Thalia? Bist du noch dran?«

»Ja!«, platzte es aus mir heraus, da ich Angst hatte, mein Vater würde jeden Augenblick auflegen. Ich zuckte vor der Lautstärke meiner eigenen Stimme zusammen und schielte durch meinen Haarschleier, doch mein Aufschrei hatte keine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

»Bist du noch am Busbahnhof?«, wiederholte er seine Frage.

»Ja.« Dieses Mal antwortete ich ihm wieder mit gesenkter Stimme.

»Ich, ähm –« Er stockte. »Ich kann dich nicht abholen. Ich habe gleich noch einen wichtigen, ähm, Termin in der Firma.«

Oh. Damit hatte ich nicht gerechnet.

»Du hast so spät noch einen geschäftlichen Termin?« Kurz herrschte Stille am anderen Ende der Leitung, dann meinte ich Stimmen zu hören, die sich miteinander unterhielten.

»Ja, Schatz, hör zu. Es ließ sich nicht anders einrichten. Kannst du nicht den nächsten Bus nehmen?«

»Das war der Letzte.«

Mein Vater seufzte. »Hör zu. Ich kann dich nicht holen.«

Ich presste die Lippen aufeinander, als ich merkte, wie ernst es meinem Vater war. Natürlich konnte er nicht einfach einen Termin absagen, nur weil seine Tochter den Bus verpasst hatte. Er war zwar ein hohes Tier in der Firma, aber dennoch auf seinen guten Ruf und die Kunden angewiesen.

»Zumindest nicht sofort«, unterbrach die Stimme meines Vaters meine Gedanken. »Wenn du noch ein wenig warten kannst, dann hole ich dich nach meinem Termin.«

Mein Vater wusste doch, wie es mir mit solchen Situationen ging. Jede weitere Minute an diesem Busbahnhof, mit diesen ganzen Menschen, würde die Angst in mir wieder die Oberhand gewinnen lassen.

»Kann ich nicht vielleicht in die Firma kommen? Es ist doch nur ein Kilometer.« Ich legte meine ganze Hoffnung in diese zwei Sätze, doch sie starb mit den nächsten Worten meines Vaters.

»Nein, ähm, das geht heute wirklich nicht. Der Termin ist sehr wichtig für mich und die Firma. Ich darf mir keine Störungen erlauben.«

Ich schwieg, denn natürlich wollte ich meinen Vater nicht stören. Dennoch graute es mir davor, am Busbahnhof auf ihn warten zu müssen.

»Hör zu, Schatz, ich weiß, es ist sehr anstrengend für dich, jetzt auf mich zu warten, aber ich verspreche dir, dass ich mich beeilen werde«, sagte er. »Oder du musst deine Mutter anrufen. Die holt dich sicherlich auch ab.«

Mein verkrampfter Magen machte sich wieder bemerkbar und ich legte mir die flache Hand auf den Bauch. Ein weiteres Telefonat würde ich nach allem, was heute passiert war, nicht überstehen, auch wenn es nur mit meiner Mutter wäre.

»Nein, das schaffe ich gerade nicht, Papa. Ich werde auf dich warten.« Wieder hörte ich drängende Stimmen am anderen Ende der Leitung.

»Schatz, ich muss Schluss machen. Ich schreib dir eine kurze Nachricht, wenn ich losfahre. Geh deine Methoden zur Beruhigung durch. Wie wäre es, wenn du mit den verdrehten Redewendungen anfängst?«

»So wie: Aus den Augen, kurzer Sinn?« Ich hörte meinen Vater am anderen Ende der Leitung kurz auflachen.

»Genau das meinte ich.« Ich stimmte in sein Lachen mit ein und ließ mir das verkehrte Sprichwort noch einmal durch den Kopf gehen. »Falsche Redewendungen sind wirklich viel lustiger.« Der Krampf in meinem Bauch löste sich langsam auf und es blieb nur noch ein leichter Schmerz.

»Da hast du recht, mein Schatz. Also, ich beeil mich und melde mich bei dir.«

»Danke.« Ich legte lächelnd auf.

»Und?«, fragte Eva mich, nachdem sie die zwei Schritte auf mich zugekommen war, die ich mich während des Telefonats von ihr entfernt hatte.

»Es dauert wahrscheinlich noch etwas, aber mein Vater hat versprochen, mich abzuholen«, sagte ich und spürte, wie das Lächeln auf meinem Gesicht breiter wurde. Ich musste nicht nach Hause laufen!

»Die Firma, bei der dein Vater arbeitet, ist doch nicht weit. Geh doch zu ihm, dann brauchst du nicht in der Kälte zu stehen.«

»Er hat noch einen wichtigen Termin.«

»Na und? Du warst doch sonst auch manchmal da, wenn er Termine hatte.« Eva zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.

»Ja, aber dieser hier schien wirklich wichtig zu sein. Ich will meinen Vater nicht mitten im Gespräch stören oder ablenken.«

Eva verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich lächelnd an. »Gut, aber dann warte ich mit dir.«

Meine Haare flogen durch die Luft, als ich den Kopf schüttelte. »Nein, Eva, das brauchst du nicht. Du musst doch auch nach Hause.«

Sie imitierte unbeeindruckt mein Kopfschütteln. »Du hast vergessen, dass ich auch auf jemanden warte. Dann können wir uns auch gemeinsam die Füße in den Bauch stehen.« Dagegen konnte ich nichts sagen, also willigte ich ein.

»Na gut, aber wenn dein Bekannter da ist, brauchst du nicht noch länger mit mir warten. Okay?« Sie nickte.

Es war albern, davon auszugehen, dass mein Vater bereits jetzt hier auftauchen würde, doch ich suchte trotzdem den Busbahnhof nach seinem Auto ab. So konnte ich mich ablenken und bei der Gelegenheit auch gleich nach einem Gesprächsthema suchen. Doch mir fiel nichts ein.

»Lass uns doch mal wieder was zusammen machen, Thalia.«

Ich zuckte zusammen, als Eva die aufgekommene Stille zwischen uns brach, doch sie redete einfach weiter. »Die Zeit bis zum Abi hat so viel Spaß gemacht mit dir. Wir sollten unsere Freundschaft nicht einschlafen lassen.«

Bei ihren Worten schlich sich ein breites Grinsen auf meine Lippen und ich dachte an die Zeit im Abi zurück. Ich würde gerne wieder etwas mehr Kontakt zu Eva haben, so wie früher. Immerhin ist und war sie meine einzige Freundin.

»Ja, gern.«

Freudig hüpfte sie auf und ab, wobei ihre dunkelbraunen, zum Bob geschnittenen Haare auf ihren Schultern wippten.

»Sehr schön, sehr schön.« Sie hielt kurz inne und schien zu überlegen. »Bitte reiß mir nicht gleich den Kopf ab, aber wie sieht‘s mit einer Party aus?«

Ich verzog das Gesicht. »Eva, du kennst mich, ich bin die letzte Person, die du auf einer Party dabeihaben möchtest.«

Das konnte nicht ihr Ernst sein. Das letzte Mal, als Eva mich zu einer Party mitgenommen hatte, hatte ich mich furchtbar blamiert. Ich hatte damals das erste Mal in meinem Leben Alkohol getrunken. So viel, dass ich alle Hemmungen verloren hatte, erst wild getanzt hatte, meinem damaligen Schwarm den halben Abend hinterhergelaufen war, vor meiner Klasse unfassbar schief Karaoke gesungen hatte und mich zum Schluss noch übergeben hatte. Alle hatten es mitbekommen und über mich gelacht. Seitdem war ich nie wieder auf einer Party gewesen oder hatte Alkohol getrunken. Natürlich war das schon vor einiger Zeit gewesen, aber jetzt schlug sie vor, mich, obwohl sie um meine Panikattacken wusste und sich meine Angstzustände seitdem verschlimmert hatten, trotzdem mitzunehmen?

»Das stimmt nicht, Thalia. Wenn ich dich nicht dabeihaben wollte, würde ich dich einfach nicht fragen.«

Das war kein wirkliches Argument und dass ich mir jetzt bereits Gedanken über die Menschenmengen auf der Party machte, war auch ein deutliches Zeichen für mich.

»Ich bin kein Partymensch.«

»Ach, komm schon. Das könnte dich richtig nach vorne bringen. Wie ich dir zu Abizeiten schon gesagt habe: Ängste bezwingst du nur, indem du dich ihnen stellst.«

Im Moment wollte ich mich aber gar nicht meiner Angst stellen, sondern nur noch nach Hause.

»Ich weiß, was du gesagt hast, aber ich denke nicht, dass eine Party die richtige Umgebung ist, um mich meiner Angst vor Menschenmassen zu stellen, die auch noch betrunken sind. Ich halte das wirklich für keine gute Idee.«

»Das weißt du erst, wenn du es versucht hast«, erwiderte sie und langsam wurde mir bewusst, dass sie bei diesem Thema nicht lockerlassen würde.

»Das kann witzig werden und ich verspreche dir, dass wir sofort nach Hause fahren, wenn du dich unwohl fühlen solltest.«

Eva hatte mich bis jetzt nie im Stich gelassen.

»Ich weiß nicht.« So richtig überzeugt war ich immer noch nicht.

»Hör zu, ich weiß, es ist schwierig für dich, dich auf unbekannte Sachen einzulassen, aber das könnte auch eine riesige Chance für dich sein. Und nachher lachst du über diesen Moment und dass du Angst hattest, weil nämlich gar nichts Schlimmes passiert ist.« Sie machte eine Kunstpause und sah mir in die Augen. »Aber das weißt du nur, wenn du dich jetzt traust. Niemand prüft dich so genau, wie du dich selbst, Thalia.«

»Okay.«

Eva strahlte mich an und klatschte freudig in die Hände. »Wirklich?«, fragte sie, ließ mir aber keine Zeit, zu antworten. »Du wirst es nicht bereuen, Thalia, das wird bestimmt lustig. Also, morgen Abend …«

Ich riss die Augen auf. »Morgen Abend schon? Eva, ich dachte eher an ein Treffen in ein paar Wochen«, gab ich kleinlaut zu. Noch während ich das sagte, beschleunigte sich mein Herzschlag, doch Evas nächste Worte erstickten meine aufkommende Angst sofort wieder.

»Nein, bitte komm mit. Wenn wir jetzt sagen, dass wir uns in ein paar Wochen treffen, machen wir das sowieso nicht. Ich hole dich ab und weiche den ganzen Abend nicht von deiner Seite. Du bekommst das hin, Thalia, das weiß ich.«

Sie glaubte an mich und gab mir mit ihren Worten unglaublich viel Kraft. Es bedeutete mir viel, dass sie etwas mit mir unternehmen wollte, obwohl wir uns in den letzten Monaten kein einziges Mal gesehen hatten. Natürlich wäre es ungewohnt und unangenehm für mich, sie zu begleiten, aber eigentlich hatte ich im letzten Jahr meine Methoden entwickelt, mit meiner Angst umzugehen. Das heute mit dem Bus war nur ein dummer Rückfall gewesen, doch Eva hatte den Mut wieder in mir geweckt.

»Na, gut. Ja, ich komm mit.«

Freudestrahlend zog sie mich wieder in eine Umarmung und erstickte mich beinahe mit ihrem Rosenduft. Ich verkrampfte sofort, weil mir die plötzliche Berührung und Nähe Angst machte und ich wieder das Gefühl hatte kaum Luft zu bekommen.

»Klasse, klasse, klasse«, murmelte sie an meiner Schulter, drückte mich dann wieder von sich weg und sah mir in die Augen. »Ich hole dich um sieben ab.«

Sie lächelte mich an und ich versuchte, es ihr gleich zu tun, doch es musste eher wie eine Grimasse aussehen.

»Ich muss das erst noch abklären«, warf ich ein, doch das ließ Eva nicht gelten. »Deine Eltern werden es schon erlauben. Außerdem bist du doch volljährig.« Sie zuckte mit den Schultern. »Also, was solls?«

Für sie war das Thema geklärt, doch in meinem Kopf brodelte es noch gewaltig.

»Aber –«

»Jetzt mal nicht gleich den Teufel an die Wand.« Sie lachte vor sich hin und drehte sich wieder einmal suchend um. Eva hatte Recht. Dennoch war es viel einfacher, etwas zu sagen, als es auch tatsächlich zu tun. Die Gedanken und Bedenken in meinem Kopf wurden immer lauter und ich versuchte sie zum Schweigen zu bringen, indem ich eine leise Melodie in meinem Kopf vor mich hin summte. Ich verzog spöttisch grinsend das Gesicht, denn es klappte sogar – allerdings nur eine einzige Minute.

2

Egal wie viele Minuten verstrichen, es liefen immer weiter unzählige Menschen über den Busbahnhof, was es mir nicht einfacher machte, mit der Situation umzugehen. Ich hatte gehofft, dass sich der Platz leeren würde und mein Inneres sich weiter entspannen könnte, doch das Gefühl der Erleichterung trat nicht ein. Der Bus, den ich verpasst hatte, war zwar der Letzte gewesen, der zu mir nach Hause fuhr, doch anscheinend gab es noch einige andere Linien, die nach 18 Uhr fuhren. Ich ärgerte mich über mich selbst und die Situation, in die ich geraten war.

Normalerweise war ich nie so spät am Busbahnhof – aus dem einfachen Grund, dass ich das Haus nicht verließ aus Angst vor Menschenmengen und den bewertenden Blicken von Fremden. In meinem Kopf tauchte der Gedanke auf, die Fahrpläne der Buslinien zu überprüfen, doch dann erinnerte ich mich an die Situation vor einer halben Stunde in der Tür des Busses. Ich wusste, dass ich es auch jetzt nicht können würde, wenn ein Bus in den nächsten paar Sekunden vor mir halten würde und der Busfahrer sagen würde, er führe mich nach Hause. Gut, vielleicht mit der Bedingung, dass der Bus leer wäre. Dann hätte ich eine Sorge weniger und es würde bestimmt gehen. Aber jetzt hatte ich außerdem meinen Vater schon angerufen.

So schnell meine Wut auch gekommen war, so schnell war sie wieder verflogen. Ich musste das Beste aus der jetzigen Situation machen. Und das hieß, zu warten. Immerhin war ich nicht allein.

Mein Blick flog zu Eva neben mir. Nach ein paar Minuten war eine Bank frei geworden, auf der wir uns einen Platz gesichert hatten. Sie war zwar nicht bequem – die Metallstäbe bohrten sich schmerzlich in meinen Hintern und auch mein Rücken dankte es mir nicht – doch immerhin stand sie etwas Abseits und ich hatte nicht mehr das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Ein paar Passanten blickten zwar immer noch zu uns herüber, doch es waren nicht mehr so viele, wie vorhin, als ich zusammengebrochen war.

Ich verzog das Gesicht, als ich erneut an dieses Erlebnis denken musste. Ein Rückfall fühlte sich immer so an, als sei die ganze Arbeit mit meinen Methoden umsonst gewesen, als würden sie doch nichts bringen. Wieder in das ängstliche Loch zu fallen, aus dem ich mich so mühsam und langsam herausgekämpft hatte, war schlimm und kam mir wie eine Niederlage vor.

»Also, so langsam könnte sich dieser Idiot echt mal bei mir melden.« Eva zog zum gefühlt hundertsten Mal ihr Smartphone aus der Handtasche und sah auf den Bildschirm. »Kein Anruf. Keine Nachricht.« Mit einem lauten Stöhnen schob Eva ihr Mobiltelefon wieder zurück in ihre Tasche. Auch mein Vater hatte sich bis jetzt noch nicht bei mir gemeldet.

»Wenn du diesen Typen nicht magst, solltest du vielleicht nicht auf ihn warten«, sprach ich meinen Gedanken laut aus. Ich verstand nicht, warum sie nicht einfach ging. Immerhin schien es so, als könne sie ihn gar nicht leiden.

Eva zog die perfekt gezupften Augenbrauen zusammen und schwieg, als müsste sie überlegen, was sie mir antworten sollte.

»Ich muss nun einmal notgedrungen mit ihm auskommen.« Sie zuckte mit den Schultern und ihr Gesicht entspannte sich wieder, als sie mich anlächelte. »Er und ich haben den gleichen Freundeskreis, da lernt man, sich zu arrangieren. Ich mag ihn nicht, aber das muss ich auch nicht. Man kann eben nicht alle Menschen mögen.«

Sie sah mir direkt in die Augen. Nein, schlimmer. Sie schien direkt in mich hineinblicken zu können. Wie recht sie doch mit ihren Worten hatte. Ich hatte auch oft das Gefühl, dass Menschen mich nicht mochten und ging deswegen nicht nur ihren wertenden Gesichtsausdrücken, sondern den Menschen an sich aus dem Weg. Ich senkte den Blick, weil ich ihrem nicht mehr standhalten konnte.

»Da hast du recht«, schaffte ich es irgendwann, die Antwort auf Evas Kommentar zu formulieren, war mir aber sicher, dass sie diesen Satz gar nicht gehört hatte. Ich hatte sehr leise gesprochen und auf Evas Gesicht zeigte sich keinerlei Hinweis, dass sie mich verstanden hatte.

Ich knetete meine Hände im Schoß, als mich ein Vibrieren aus meinen Gedanken holte. Bevor ich einen Blick auf mein Handy werfen konnte, wischte ich mir die schwitzigen Finger an meiner Hose ab. Erst danach griff ich nach dem kleinen Telefon, das auf meinen Oberschenkeln lag und drehte den Bildschirm so zu mir, dass ich die Nachricht, die gerade angekommen war, lesen konnte.

»Hat dein Vater dir geschrieben?« Eva rutschte auf der unbequemen Metallbank ein Stück näher an mich heran und guckte neugierig über meine Schulter, als ich das Handy entsperrte. Ich spürte ihren Blick, rutschte unwillkürlich auf der Bank ein paar Zentimeter von ihr weg, als sich meine Nackenhaare aufstellten. Die Luft um mich herum schien abzukühlen und ich begann zu schwitzen, als ich Evas Nähe immer noch deutlich spüren konnte.

Stumm nickte ich als Reaktion auf ihre Frage und las mehrmals die Nachricht, die mein Vater mir vor wenigen Augenblicken geschickt hatte.

Bin unterwegs.

Ich atmete aus. Gleichzeitig streckte ich meine angespannten Gliedmaßen nach vorne und sackte in mich zusammen. Ich fühlte mich wie der berühmte Sack Kartoffeln, den man in die Ecke geworfen hatte, als die ganze Last in diesem Moment von mir abfiel. Endlich würde ich nach Hause kommen. Mein Vater war unterwegs.

»Hey, ist alles gut bei dir? Holt dein Vater dich ab?«

Ich spürte einen Druck auf meiner Schulter und richtete mich ruckartig auf. Meine Haare wirbelten durch die Luft und ich sah vom Display auf zu Eva.

»Ja, alles gut. Er ist unterwegs.« Mit einer kleinen Handbewegung drehte ich das Telefon, das ich immer noch mit meinen Fingern umklammerte, in ihre Richtung. Eva blinzelte, als sie die zwei Wörter las.

»Sehr gesprächig ist dein Vater heute ja nicht, aber immerhin sollte er gleich da sein.« Sie lachte.

Ich steckte das Handy zurück in meinen Rucksack, den ich vor meinen Füßen abgestellt hatte.

»Und bei dir? Musst du noch lange warten?«, wandte ich mich an Eva, die ebenfalls einen prüfenden Blick auf ihr Display warf. Sie zuckte mit den Schultern.

»Ich werde ihn jetzt einfach anrufen.«

Ohne lange zu überlegen, drückte Eva eine Taste und hielt sich das Smartphone ans Ohr. Ich hielt die Luft an, als ich ein leises Tuten hörte. Augenblicklich fühlte sich mein Mund staubtrocken an und ich wusste, wenn ich jetzt mit diesem Fremden telefonieren müsste, würde ich keinen Ton herausbekommen.

Eva sah sich noch einmal über die Menge hinweg um, dann fiel ihr Blick wieder auf mich. Sie presste die rosafarbenen Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und rollte mit den Augen. Ich sah, wie ihre Fingerknöchel weiß hervortraten, so fest umklammerte sie ihr Telefon. Sie lauschte weiter dem Tuten, seufzte und murmelte dann halblaut in den Hörer.

»So ein Idiot.« Sie riss sich das Handy vom Ohr, hielt dann aber, genau wie ich, die Luft an, als sie ein leises Lachen am anderen Ende der Leitung hörte. Sofort drückte sie sich wieder das Smartphone an die Wange.

»Hör auf zu lachen. Wo bist du?«

Ich ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen, als ich abgehackte Wörter wahrnahm und mir langsam bewusstwurde, dass nicht ich es war, die telefonieren musste.

»Ich – gleich da.«

»Beeil dich, ich will nach Hause.«

»Du hättest – nicht machen müssen. Niemand zwingt dich dazu –«

Eva unterbrach die männlich klingende Stimme am anderen Ende der Leitung. »Du weißt ganz genau, warum ich das mache«, knurrte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Ich zuckte bei der Kälte ihres Tonfalls zusammen und ein Anflug von Sorge überkam mich.

»Dann hör auf – beschweren – mach deinen Job.« Die Stimme am anderen Ende klang nicht weniger kalt als die von Eva nur wenige Sekunden zuvor.

»Schon erledigt«, antwortete sie.

Ich stand von der Metallbank auf, als mir bewusstwurde, dass ich gerade Evas Gespräch belauschte und entfernte mich ein paar Schritte von ihr. Sofort stieg mir die Hitze ins Gesicht. Was dachte sie wohl gerade über mich? Ich wollte sie natürlich nicht aushorchen.

Betont unbeteiligt ließ ich meinen Blick durch die Menge schweifen. Vielleicht konnte ich irgendwo schon das dunkelblaue Auto meines Vaters erkennen. Zweimal drehte ich mich um die eigene Achse, doch sah kein Auto, das dem Wagen meines Vaters ähnlich sah.

»Ich bin so froh, wenn ich dich bald los bin«, zischte Eva so laut in den Hörer, dass ich es noch aus einiger Entfernung deutlich verstand. Mir stellten sich die Nackenhaare auf und ohne, dass ich es kontrollieren konnte, sah ich wieder zur Bank hinüber. Wieder presste Eva die Lippen aufeinander und ich hielt erneut die Luft an.

»Du bist so ein Arschloch.« Eva warf das Smartphone energisch in ihre Handtasche. Ihre Brust hob und senkte sich schnell und sie schloss die Augen, vermutlich, um sich zu beruhigen.

Ich sah mich um, ob jemand ihren Wutausbruch mitbekommen hatte. Natürlich entgingen mir die Augenpaare nicht, die nicht nur Eva, sondern auch mich beobachteten. Unangenehmer konnte die Situation heute kaum noch werden. Großartig. So etwas passierte natürlich immer nur mir.

Eva blinzelte ein paar Mal und wischte sich mit der flachen Hand übers Gesicht. Ihre Atmung beruhigte sich und sie wandte den Kopf in meine Richtung.

»Tut mir leid.« Sie lächelte mich an. »Er bringt mich einfach jedes Mal auf die Palme.« Eva zuckte mit den Schultern und blickte mich entschuldigend an.

Ich schluckte, als ich mich an das dunkle Lachen am anderen Ende der Leitung erinnerte.

»Er scheint …«, ich suchte nach dem richtigen Wort, immerhin wollte ich niemanden verärgern, »… speziell.«

Eva nickte. »Du hast ja keine Ahnung.«

Eine Weile schien keine von uns zu wissen, wie wir das Thema wechseln könnten, dann bewegte sich Eva plötzlich.

»Hey.« Sie zeigte mit ihren pinken Fingernägeln nach vorne auf einen kleinen Parkplatz.

»Ist das nicht das Auto deines Vaters?«

Mit meinem Blick folgte ich Evas Fingerzeig und tatsächlich, wenige hundert Meter von dem Busbahnhof entfernt, stand der kleine blaue PKW meines Vaters.

»Ja, du hast recht.« Ohne zu zögern, griff ich nach meinem Rucksack und wippte von einem Fuß auf den anderen, unsicher, wie ich mich von Eva verabschieden sollte. Immerhin hatten wir uns ein Jahr lang nicht gesehen.

»Keine Sorge, ich begleite dich noch bis zum Auto.« Sie lächelte mich an. »Deinen Vater habe ich immerhin auch schon ein Jahr lang nicht mehr gesehen.«

Dankend nickte ich ihr zu und gemeinsam gingen wir auf das dunkelblaue Auto zu, in dem mein Vater hinterm Steuer saß. Er ließ das Fenster herunter, als er Eva und mich sah.

»Hallo, Herr Martin.« Eva winkte meinem Vater zu.

»Oh, hallo Eva. Schön, dich mal wieder zu sehen.«

Ich ging um das Auto herum und öffnete die Beifahrertür. »Musstest du lange auf mich warten?«, fragte ich meinen Vater und ließ mich auf den Beifahrersitz fallen.

»Ich bin ein paar Mal im Kreis gefahren, weil ich dich nicht gefunden habe.«

Oh Gott, ich hatte meinen Vater übersehen, als er mehrmals an mir vorbeigefahren war? Wie peinlich! Die Vorstellung war mir total unangenehm.

Als mein Vater bemerkte, dass ich ihm nicht antworten würde, schob er schnell noch ein »Aber wir haben uns ja doch noch gefunden« hinterher. Stumm nickte ich.

Er verabschiedete sich von Eva und auch ich winkte ihr zum Abschied zu. Als er den Motor startete, wanderte mein Blick auf meiner Seite aus dem Fenster.

»Willst du darüber sprechen, warum du den Bus –«, begann mein Vater, doch ich schüttelte den Kopf. Mit einem Mal fühlte ich mich so müde, unfähig zu sprechen. Die ganze Anspannung fiel von mir ab und ich war unglaublich froh, hier bei meinem Vater zu sein, der nun aus dem Busbahnhof hinausfuhr.

Die Welt zog in Form dunkler, bunter Streifen an mir vorbei und ich schloss die Augen, lehnte meinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe.

Das war mal ein richtiger Reinfall gewesen heute. Ab jetzt konnte es nur noch besser werden. Zuhause wartete bestimmt schon meine Mutter, die sich wahrscheinlich Sorgen gemacht hatte. Ich rieb mir über das Gesicht. Das letzte Mal, als ich den Bus verpasst hatte und mein Vater mich hatte abholen müssen, war sie sehr enttäuscht von mir gewesen. Sie hatte mir eine Standpauke gehalten, dass es so nicht weitergehen könnte und ich lernen müsste, mit meinen Ängsten umzugehen. Das war vor mehreren Monaten gewesen. Seitdem hatte es keinen Zwischenfall mehr gegeben, was vor allem daran gelegen hatte, dass sich seitdem der Großteil meines Lebens in meinem Zimmer abspielte. Doch ich wusste nicht, wie meine Mutter den heutigen Vorfall auffassen würde. Sie könnte Verständnis haben, oder eben nicht.

Ich versuchte, den Gedanken an einen Streit mit ihr zu verdrängen und in den Tiefen meines Gedächtnisses einzusperren. Mit meinen Fingern stellte ich das Autoradio an. Die Musik würde die kritische Stimme in meinem Kopf übertönen. Wenigstens für eine kleine Weile.

Meine Beine zitterten noch immer, als mein Vater seinen Wagen in unsere Einfahrt lenkte und den Motor abstellte. Beim Aussteigen knirschte der Kies unter meinen Schuhsohlen und gab mir ein Stückchen Sicherheit zurück. Ich war zu Hause. Endlich hatte ich es geschafft! Lächelnd wandte ich mich Richtung Haustür und sah schon das Licht, das durch die Glasscheiben neben der Tür auf unseren Hof fiel.

Früher hatte ich immer im Flur auf der Treppe gesessen und aufgeregt durch das Glas geschaut, um die fahrenden Autos zu beobachten, oder gespannt auf Besuch zu warten. Jetzt zeigte mir das Licht, dass meine Mutter bereits zu Hause war. Für einen kurzen Augenblick kam die Sorge wieder hoch. Wie würde meine Mutter reagieren? Doch ich war zu Hause, nur das zählte. Alles andere würde ich schon irgendwie erklären können.

Vor der massiven Eingangstür aus dunklem Holz blieb ich stehen und kramte in meinem Rucksack nach dem Haustürschlüssel. Mit einem leisen Klicken sprang sie auf und ich warf lächelnd einen Blick über die Schulter. Doch mein Vater war gar nicht, so wie ich es erwartet hatte, direkt hinter mir.

Stattdessen stand er immer noch am Auto. Zwar hatte er die Fahrertür geschlossen, dafür aber eine der hinteren Türen geöffnet. Ich sah nur seine Beine im gelblichen Licht, das die Lampe am Hauseingang auf unseren Hof warf. Mit dem Oberkörper war er im Fahrzeug verschwunden, hatte sich beinahe komplett vornübergebeugt. Er fluchte vor sich hin und schien vermutlich nach Etwas zu greifen, scharrte einmal mit den Schuhen über den Kies, als ein dumpfer Aufprall erklang.

»Soll ich dir helfen?« Ich ging einen Schritt von der Haustür auf meinen Vater und das Auto zu.

»Nein, alles gut. Ich hab’s schon.« Er balancierte drei schwarze Akten und einen braunen Umschlag auf seinem rechten Arm, weswegen ich nicht weiter auf ihn zuging und nur beobachtete, wie er einen großen Schritt zurückging und mit der Hüfte die Autotür zustieß. Mit dem Autoschlüssel in seiner linken Hand betätigte er die Zentralverriegelung, bevor er mit langen Schritten auf mich zu stapfte.

Ich seufzte, als ich den Berg an Akten sah, den er mit dem Kinn festklemmen musste, damit sie nicht zu Boden fielen. Wie oft hatte er meiner Mutter versprochen, dass er keine Arbeit mit nach Hause nehmen würde? Ich hatte irgendwann aufgehört zu zählen. Und jetzt waren es nicht mehr nur Akten, sondern auch noch ungeöffnete Briefe, die anscheinend liegengeblieben waren.

Ich trat einen Schritt zur Seite, um meinem Vater Platz zu machen, der leicht schwankend unser Haus betrat. Vielleicht war das meine Chance, von meinem Malheur abzulenken, falls meine Mutter reagieren würde, wie beim letzten Mal. Ihre Wut könnte sich eher gegen meinen Vater als gegen mich richten, da er schon wieder so spät nach Hause kam und dann auch noch Akten und Post mitbrachte.

Innerhalb weniger Sekunden hatte ich nämlich die Sätze vergessen, die ich mir während der Fahrt mühselig zurechtgelegt hatte und meiner Mutter sagen wollte, falls sie mich fragte, was los gewesen war. Mein Kopf war vollkommen leer.

Vielleicht könnte ich mich einfach die Treppe hoch in mein Zimmer schleichen. Das schien mir ein guter Plan und um mir selbst noch einmal Mut zuzusprechen und mich zu bestätigen, nickte ich meiner Spiegelung in der Glasscheibe zu. Ich würde mich morgen mit meinen Problemen und meiner Mutter beschäftigen. Heute wollte ich einfach nur noch schlafen.

Laut polternd ließ mein Vater die Akten auf der Treppe nieder, als ich vorsichtig und leise versuchte, aus meinen dunkelblauen Lieblingsschuhen zu schlüpfen. Wie soll man sich hier denn unauffällig aus dem Staub machen, wenn der eigene Vater so einen Krach macht?

Ich stellte meine Schuhe ordentlich an den dafür vorgesehenen Platz im Schuhschrank und drehte mich um die eigene Achse, nahm auf Socken die ersten zwei Stufen der Treppe, als mich die helle, beinahe schrille Stimme meiner Mutter mitten in der Bewegung innehalten ließ.

»Thalia Noreen Martin.«

Für einen kurzen Moment kniff ich Augenlider und Lippen zusammen, dann öffnete ich zumindest meine Augen wieder. Nur noch wenige Meter trennten mich von der rettenden Zimmertür. Gefühlt lag ich schon im Bett, die kuschelige Bettdecke über mir, das weiche Kissen unter mir, leise Musik auf den Ohren. Doch anstatt diesem so sehr ersehnten Zustand entgegenzugehen, drehte ich mich auf der Treppenstufe um, atmete tief durch, straffte die Schultern und trat wieder in den Flur, meiner Mutter entgegen.

Sie stand mit verschränkten Armen und einem selbstsicheren Gesichtsausdruck in der Küchentür. Ein schmales Lächeln zierte ihr Gesicht und ihre Augen musterten mich kurz. Ich wusste nicht, wie ich ihren Blick deuten sollte. Auf der einen Seite schien sie kühl und auf der anderen musterte sie mich besorgt. Meine Mutter war in ihrem Verhalten für mich ein Buch mit sieben Siegeln, während mich die meisten Menschen lesen konnten wie ein offenes Buch. Ich entschied mich dafür, starr nach vorne zu sehen. Zu der Frau, von der ich mich am meisten unterschied. Sie stand da und sah einfach nur perfekt aus.

Wir ähnelten uns weder innerlich noch äußerlich. Sie hatte schulterlange, lockige blonde Haare. Meine Haare waren pechschwarz, glatt und reichten mir fast bis zum Hintern. Meine Mutter war groß, schlank und hätte theoretisch, trotz ihres Alters, als Model durchgehen können. Vor allem mit dem roten Kleid, das sie gerade trug. Ich war nicht dick, aber auch nicht so dünn wie meine Mutter und mit meinen 1,70 ganze zehn Zentimeter kleiner als sie. Außerdem stand ich eher auf Jeans und T-Shirt. Manchmal fragte ich mich, warum meine Mutter bei ihrer Größe noch hochhackige Schuhe trug, so wie jetzt. Sie überragte ohnehin alles und jeden, sogar meinen Vater, der neben ihr so viel kleiner wirkte. Wenn ich mich selbst beschreiben müsste, passte vor allem ein Wort: durchschnittlich.

Mit langen Schritten kam sie auf mich zu und ich senkte nun doch kurz den Blick. Ich musste hier weg, wollte am liebsten im Boden versinken. Die Situation jetzt war genauso wie beim letzten Mal. Damals hatten wir einen schlimmen Streit.

Ich sollte etwas sagen, mich erklären, was passiert war, doch alles, was ich herausbrachte, als sie vor mir stand, war ein geflüstertes »Es tut mir leid.«

Als ich wieder zu ihr hinaufblickte, waren ihre Gesichtszüge weicher geworden. Ein weiteres Mal an diesem Abend wurde ich in eine Umarmung gezogen. Die dünnen Arme meiner Mutter schlangen sich um meinen Körper und drückten mich an ihre Brust. Meine Schultern verkrampften sich, weil meine Mutter mich so überrumpelt hatte, und ich legte die Hände nach vorne, um meine Mutter von mir wegzuschieben.

»Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.« Ihre Worte schienen sich in ihren Augen zu spiegeln, als sie sich von mir löste.

»Hast du schon wieder den Bus verpasst?«

Viel zu überrascht von dem Verhalten meiner Mutter, wusste ich nicht, wie ich diese Frage beantworten sollte. Ich war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie mich, sobald sie mich sehen würde, anschreien und mir die schlimmsten Wörter an den Kopf werfen würde, so wie beim letzten Mal. Und nun? Nichts. Zu meiner großen Erleichterung: Sie war das genaue Gegenteil meiner Vorstellungen.

Mein Hals war staubtrocken, als ich ihr antworten wollte. Ich räusperte mich.

»J-Ja«, brachte ich mit zitternder Stimme hervor. Ein Bild tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich, wie ich zitternd im Eingang des Busses stand, hektisch atmend, schwitzend und schwankend.

Zu meiner großen Überraschung schien sich meine Mutter mit meiner leisen, zaghaften Antwort zufriedenzugeben, denn sie erwiderte nichts mehr und lächelte mich stattdessen liebevoll an. Trotzdem sah ich diesen kleinen Funken Enttäuschung in ihrem Gesicht, in ihren Augen.

Augenblicklich sammelten sich Tränen in meinen und wieder senkte ich den Kopf. Ich blinzelte ein paar Mal und fokussierte ein weiteres Mal die hohen Schuhe meiner Mutter. Oh Gott, nicht nur, dass sie sich Sorgen gemacht hatte und von mir enttäuscht war, anscheinend wollte sie für den Abend noch weg. Hatte ich sie aufgehalten?

»Es … es tut mir leid«, setzte ich an und konnte das Zittern meiner Stimme nicht verbergen. »Jetzt habe ich dir auch noch den Abend kaputt gemacht.«

Bei diesem Satz konnte ich es nicht verhindern, dass mir eine einzelne Träne die Wange hinunterlief. Ich sah zur Seite und erkannte verschwommen, wie mein Vater durch die Haustür nach draußen ging. Sofort wischte ich mit dem Handrücken die Tränen weg und fand mich wenige Sekunden später in einer erneuten Umarmung meiner Mutter wieder. Dieses Mal ließ ich es zu, weil ich spürte, wie mein Inneres den Halt meiner Mutter brauchte.

»Ach, Thalia, gib doch nicht immer dir die Schuld an allem.«

Ich spürte die Hand meiner Mutter auf meinem Rücken und war froh, dass sie da war, um mir mit ihrer Geste den Halt zu geben, den ich gerade so sehr brauchte.

Auch wenn meine Eltern ebenso überfordert mit der Situation sein mussten, wie ich, bemühten sie sich immer, mir ein Gefühl der Sicherheit zu geben und mir keine Vorwürfe zu machen. Das hier, mein Zuhause mit meinen Eltern, war der Ort, an den ich immer kommen konnte und an dem mir geholfen wurde. Mein sicherer Hafen.

Meine Mutter hielt die Umarmung so lange, bis ich bereit war, sie zu lösen, dann seufzte sie und blickte mich immer noch beruhigend lächelnd an.

»Es ist wirklich nicht deine Schuld.« Meine Mutter strich sich mit der Hand über die Wange und ihre Gesichtszüge wurden wieder ernster. Schlagartig kehrte meine Anspannung zurück. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. Wenn meine Mutter sich mit der Hand über die Wange strich, wie in diesem Moment, seufzte, und die Augen dabei rollte, war sie bis aufs Äußerste angespannt und genervt.

»Sondern die deines Vaters«, schnitt ihre Stimme plötzlich eine Oktave höher durch die Stille. Meine Mutter blickte über meine Schulter, als sich wie aufs Stichwort die Haustür hinter mir öffnete und mein Vater in den Flur trat. In seiner Hand trug er zwei weitere schwarze Akten.

»Tut mir leid, die hatte ich noch im Auto vergessen. Das sind jetzt aber wirklich die Letzten.« Mit seinem Ellenbogen gab er der Haustür einen Schubs und sie fiel knallend ins Schloss.

Ich hatte mich zu meinem Vater umgedreht, um ihn zu beobachten. Jetzt fiel mir allerdings meine eigene Position viel unangenehmer auf, denn ich stand genau zwischen den Fronten.

»Du hast doch eben schon drei Akten –«, begann ich, konnte meinen Satz jedoch nicht beenden.

»Von mir aus hättest du die auch in der Firma vergessen können.«

Mir gefror das Blut in den Adern, als ich die eiskalte Stimme meiner Mutter hinter mir wahrnahm. Diesen Tonfall hätte ich eigentlich vor wenigen Minuten bei mir erwartet, doch anscheinend war meine Mutter viel wütender auf meinen Vater als auf mich.

»Wir wollten heute ausgehen, hast du das vergessen?«

Ich drehte mich wieder zu meiner Mutter, die den Rücken durchgestreckt hatte und mit einem herablassenden Gesichtsausdruck, wie eine Königin auf ihre Bediensteten, auf mich und meinen Vater herabsah. Sie ließ ihm keine Zeit zum Antworten und beantwortete sich ihre Frage mit schnippischer Stimme selbst.

»Anscheinend schon.« Als würden Funken aus den Augen meiner Mutter sprühen, glitzerten sie und obwohl ihre Wut nicht mir galt, fühlte ich mich schuldig. Immerhin hatte ich einen kleinen Anteil daran, dass mein Vater später zu Hause war.

Mein Vater seufzte, als er die restlichen Akten auf den bestehenden Stapel legte. Dann wandte er sich wieder uns zu, während er sich die Nasenwurzel massierte.

»Ich hatte einen wichtigen Termin«, versuchte er eine Erklärung.

»Und der hätte nicht bis morgen warten können?«

Natürlich gab sich meine Mutter nicht mit einer solchen Antwort zufrieden. Mein Vater schüttelte den Kopf.

»Dieser nicht.«

»Du bist nicht der Chef dieser Firma und darfst dich nicht immer für alles verantwortlich fühlen.«

Sie wollte gerade weitersprechen, da unterbrach sie dieses Mal mein Vater.

»Ich bin IT-ler und besonders, was die Datenverarbeitung angeht, sehr wichtig.« Mein Vater arbeitete in der Lebensmittelbranche bei einem großen Unternehmen und war dort für die Sicherung der Daten, aber auch für die Planung und Konzeption einzelner Bereiche, zuständig, zumindest sagte er das immer so, wenn er über seine Arbeit sprach. Was genau er damit meinte, hatte ich nie verstanden. Aber meine Mutter wusste genauso gut wie ich, dass diese Arbeit alles andere als unwichtig war.

»Wie auch immer.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

Mein Vater fing die Hand ab und drückte ihr nur Sekunden später einen Kuss auf den Handrücken.