Russische Volksmärchen - Anton Dietrich - E-Book

Russische Volksmärchen E-Book

Anton Dietrich

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Beschreibung

Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie "Märchen der Welt". Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: "Märchen der Welt" bietet Ihnen stundenlange Abwechslung. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches: Geschichte des Märchens Vorwort. Vorwort des Herausgebers 1. Märchen von Ljubim Zarewitsch, von der schönen Prinzeß, seiner Gemahlin, und vom geflügelten Wolfe. 2. Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe. 3. Von den sieben Simeonen, den leiblichen Brüdern. 4. Märchen vom Ritter Iwan, dem Bauersohne. 5. Märchen vom goldenen Berge. 6. Geschichte von dem berühmten und tapfern Ritter Ilija, dem Muromer, und dem Räuber Nachtigall. 7. Das vollständige Märchen von dem berühmten und tapfern Helden Vowa Korolewitsch und der schönen Königstochter Druschnewna. 8. Der sanfte Mann und die zänkische Frau. 9. Märchen von der Ente mit goldnen Eiern. 10. Märchen von Bulat, dem braven Burschen. 11. Märchen von dem berühmten und ausgezeichneten Prinzen Malandrach Ibrahimowitsch und der schönen Prinzeß Salikalla. 12. Märchen von einem Schuster und seinem Diener Prituitschkin. 13. Märchen von Emeljan, dem Narren. 14. Das Urtheil des Schemjaka. 15. Geschichte des hochgebornen Fürsten Peter mit den goldenen Schlüsseln, und der hochgebornen Prinzeß Magilene. 16. Sila Zarewitsch und Iwaschka mit dem weißen Hemde. 17. Märchen von dem berühmten und starken Ritter Jeruslan Lasarewitsch, von seiner Tapferkeit, und der unvergleichlichen Schönheit der Prinzeß Anastasia Worcholomejewna. Anmerkungen.

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Russische Volksmärchen

Anton Dietrich

Inhalt:

Geschichte des Märchens

Russische Volksmärchen

Vorwort.

Vorwort des Herausgebers

1. Märchen von Ljubim Zarewitsch, von der schönen Prinzeß, seiner Gemahlin, und vom geflügelten Wolfe.

2. Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe.

3. Von den sieben Simeonen, den leiblichen Brüdern.

4. Märchen vom Ritter Iwan, dem Bauersohne.

5. Märchen vom goldenen Berge.

6. Geschichte von dem berühmten und tapfern Ritter Ilija, dem Muromer, und dem Räuber Nachtigall.

7. Das vollständige Märchen von dem berühmten und tapfern Helden Vowa Korolewitsch und der schönen Königstochter Druschnewna.

8. Der sanfte Mann und die zänkische Frau.

9. Märchen von der Ente mit goldnen Eiern.

10. Märchen von Bulat, dem braven Burschen.

11. Märchen von dem berühmten und ausgezeichneten Prinzen Malandrach Ibrahimowitsch und der schönen Prinzeß Salikalla.

12. Märchen von einem Schuster und seinem Diener Prituitschkin.

13. Märchen von Emeljan, dem Narren.

14. Das Urtheil des Schemjaka.

15. Geschichte des hochgebornen Fürsten Peter mit den goldenen Schlüsseln, und der hochgebornen Prinzeß Magilene.

16. Sila Zarewitsch und Iwaschka mit dem weißen Hemde.

17. Märchen von dem berühmten und starken Ritter Jeruslan Lasarewitsch, von seiner Tapferkeit, und der unvergleichlichen Schönheit der Prinzeß Anastasia Worcholomejewna.

Anmerkungen.

Russische Volksmärchen, Anton Dietrich

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849603472

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Vladislav Gansovsky - Fotolia.com

Geschichte des Märchens

Ein Märchenist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der Bewußtseinsstufe des Kindes angepaßten Form erhalten haben. Wenn die primitiven Vorstellungen des Dämonenglaubens und des Naturmythus einer gereiftern Anschauung haben weichen müssen, kann sich doch das menschliche Gemüt noch nicht ganz von ihnen trennen; der alte Glaube ist erloschen, aber er übt doch noch eine starke ästhetische Gefühlswirkung aus. Sie wird ausgekostet von dem erwachsenen Erzähler, der sich mit Bewußtsein in das Dunkel phantastischer Vorstellungen zurückversetzt und sich, vielfach anknüpfend an altüberlieferte Mythen, an launenhafter Übertreibung des Wunderbaren ergötzt. So ist das Volksmärchen (und dieses ist das echte und eigentliche M.) das Produkt einer bestimmten Bewußtseinsstufe, das sich anlehnt an den Mythus und von Erwachsenen für das Kindergemüt mit übertreibender Betonung des Wunderbaren gepflegt und fortgebildet wird. Es ist dabei, wie in seinem Ursprung, so in seiner Weiterbildung durchaus ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und ist nicht auf einzelne Schöpfer zurückzuführen: das M. gehört dem großen Kreis einer Volksgemeinschaft an, pflanzt sich von Mund zu Munde fort, wandert auch von Volk zu Volk und erfährt dabei mannigfache Veränderungen; aber es entspringt niemals der individuellen Erfindungskraft eines Einzelnen. Dies ist dagegen der Fall bei dem Kunstmärchen, das sich aber auch zumeist eben wegen dieses Ursprungs sowohl in den konkreten Zügen der Darstellung als auch durch allerlei abstrakte Nebengedanken nicht vorteilhaft von dem Volksmärchen unterscheidet. Das Wort M. stammt von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint, ins Abendland sei das M. erst durch die Kreuzzüge gelangt; vielmehr treffen wir Spuren von ihm im Okzident in weit früherer Zeit. Das klassische Altertum besaß, was sich bei dem mythologischen Ursprung des Märchens von selbst versteht, Anklänge an das M. in Hülle und Fülle, aber noch nicht das M. selbst als Kunstgattung. Dagegen taucht in der Zeit des Neuplatonismus, der als ein Übergang des antiken Bewußtseins zur Romantik bezeichnet werden kann, eine Dichtung des Altertums auf, die technisch ein M. genannt werden kann, die reizvolle Episode von »Amor und Psyche« in Apulejus' »Goldenem Esel«. Gleicherweise hat sich auch an die deutsche Heldensage frühzeitig das M. angeschlossen. Gesammelt begegnen uns M. am frühesten in den »Tredeci piacevoli notti« des Straparola (Vened. 1550), im »Pentamerone« des Giambattista Basile (gest. um 1637 in Neapel), in den »Gesta Romanorum« (Mitte des 14. Jahrh.) etc. In Frankreich beginnen die eigentlichen Märchensammlungen erst zu Ende des 17. Jahrh.; Perrault eröffnete sie mit den als echte Volksmärchen zu betrachtenden »Contes de ma mère l'Oye«; 1704 folgte Gallands gute Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht« (s. d.), jener berühmten, in der Mitte des 16. Jahrh. im Orient zusammengestellten Sammlung arabischer M. Besondern Märchenreichtum haben England, Schottland und Irland aufzuweisen, vorzüglich die dortigen Nachkommen der keltischen Urbewohner. Die M. der skandinavischen Reiche zeigen nahe Verwandtschaft mit den deutschen. Reiche Fülle von M. findet sich bei den Slawen. In Deutschland treten Sammlungen von M. seit der Mitte des 18. Jahrh. auf. Die »Volksmärchen« von Musäus (1782) und Benedikte Naubert sind allerdings nur novellistisch und romantisch verarbeitete Volkssagen. Die erste wahrhaft bedeutende, in Darstellung und Fassung vollkommen echte Sammlung deutscher M. sind die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (zuerst 1812–13, 2 Bde.; ein 3. Band, 1822, enthält literarische Nachweise bezüglich der M.). Unter den sonstigen deutschen Sammlungen steht der Grimmschen am nächsten die von L. Bechstein (zuerst 1845); außerdem sind als die bessern zu nennen: die von E. M. Arndt (1818), Löhr (1818), J. W. Wolf (1845 u. 1851), Zingerle (1852–54), E. Meier (1852), H. Pröhle (1853) u. a. Mit M. des Auslandes machten uns durch Übertragungen bekannt: die Brüder Grimm (Irland, 1826), Graf Mailath (Ungarn, 1825), Vogl (Slawonien, 1837), Schott (Walachei, 1845), Asbjörnson (Norwegen), Bade (Bretagne, 1847), Iken (Persien, 1847), Gaal (Ungarn, 1858), Schleicher (Litauen, 1857), Waldau (Böhmen, 1860), Hahn (Griechenland u. Albanien, 1863), Schneller (Welschtirol, 1867), Kreutzwald (Esthland, 1869), Wenzig (Westslawen, 1869), Knortz (Indianermärchen, 1870, 1879, 1887), Gonzenbach (Sizilien, 1870), Österley (Orient, 1873), Carmen Sylva (Rumänien, 1882), Leskien und Brugman (Litauen, 1882), Goldschmidt (Rußland, 1882), Veckenstedt (Litauen, 1883), Krauß (Südslawen, 1883–84), Brauns (Japan, 1884), Poestion (Island, 1884; Lappland, 1885), Schreck (Finnland, 1887), Chalatanz (Armenien, 1887), Jannsen (Esthen, 1888), Mitsotakis (Griechenland, 1889), Kallas (Esthen, 1900) u. a. Unter den Kunstpoeten haben sich im M. mit dem meisten Glück versucht: Goethe, L. Tieck, Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Fouqué, Kl. Brentano, der Däne Andersen, R. Leander (Volkmann) u. a. Vgl. Maaß, Das deutsche M. (Hamb. 1887); Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Bd., 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901); Benfey, Kleinere Schriften zu Märchenforschung (Berl. 1890); Reinh. Köhler, Aufsätze über M. und Volkslieder (das. 1894) und Kleine Schriften, Bd. 1: Zur Märchenforschung (hrsg. von Bolte, das. 1898); R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen (das. 1900).

Russische Volksmärchen

Vorwort.

Echte, der lebendigen Ueberlieferung des Volks angehörige Kindermärchen haben in unserer Zeit aus einem doppelten Grund Beifall gefunden. Jener faden und nüchtern ersonnenen Erzählungen, welche dem einfältigen Kindersinn in leeren, keine Wurzel schlagenden Bildern nichts als einen verdünnten Absud dürftiger Moral anboten, endlich müde, freute man sich, die verarmte Jugend in ihr Eigenthum wieder einzusetzen und an dem noch unversiegten Quell der alten Phantasie zu laben. Zugleich aber wurde klar, daß die Poesie des Mittelalters, der man eben größere Aufmerksamkeit zuzuwenden begonnen hatte, selbst mit diesen Märchen zusammenhänge und die wechselseitige Aufklärung beider durch einander nicht vernachlässigt werden dürfte. Indem also die unerwartete Fortdauer einzelner Züge und Richtungen der alten Dichtung in den Kindermärchen nachgewiesen wurde, gewann die Betrachtung dieser letzteren, wie die des mündlich lebenden Volksliedes, einen wissenschaftlichen Reiz, und der Gesichtspunkt der Sammlungen mußte voll nun an erweitert werden. Es kam darauf an, sich nicht nur der vollständig erhaltenen und für den Gebrauch der Jugend ausreichenden Märchen zu versichern, sondern auch aller Bruchstücke und örtlichen Abweichungen, so viel man ihrer habhaft werden konnte, zu bemächtigen. Und wenn in dieser Hinsicht bis jetzt der Sammlung noch kein Genüge geschehen ist, sondern es lange fortgesetzter Mühe und Anstrengung bedürfen wird; so scheint es doch, daß die vielfach angeknüpften Untersuchungen bereits sattsamen Grund und Boden gewonnen haben, und auf die bleibende Theilnahme des Publikums rechnen dürfen.

Unter diesen Umständen ist es vorzüglich wünschenswerth, auch die Kindermärchen der übrigen Völker kennen zu lernen. Man weiß, daß bei Franzosen und Italienern fast die nämlichen im Gange gewesen sind, die bei uns Deutschen fortleben, weniger bekannt geworden ist, was die Spanier besitzen. Und doch hat keins dieser Völker in der Regel das seinige unmittelbar aus dem Eigenthum des andern entlehnt, meistentheils erscheint, neben der Einstimmung im Ganzen, ein eigenthümliches nationales Gepräge, das an den einzelnen Erzählungen grade gefällt, und über ihrer Verbreitung schwebt ein Dunkel, wie bei der Sprache und alten Dichtung insgemein. Sie dürfen eben darum auf ein sehr hohes Alter Anspruch machen, dessen Stufen sich nur durch die vielseitigste Vergleichung aller untereinander ermitteln lassen werden.

Vielleicht erwacht auch unter den slavischen Stämmen die Lust zu sammeln und aufzuzeichnen, was im Munde ihres Volks umgeht. Serben, Böhmen, Polen und Russen sind reich an Kindermärchen, deren treue und einfache Auffassung die Geschichte der europäischen Volksdichtung auf das erwünschteste fördern würde. Von den serbischen sind einige Proben, die nach weiterer Mittheilung begierig machen, durch den trefflichen Sammler der Volkslieder bekannt geworden. Der Herausgeber des vorliegenden Buchs lernte in Moskau gedruckte Volksblätter kennen, welche russische Kindermärchen enthalten, worüber er in seiner eignen Vorrede das nähere melden wird. Die Erzählung ist einfach und schmucklos, wenn schon nicht lebendig und frisch, wie sie sonst aus mündlichem Ueberliefern hervorzugehen pflegt; es scheint, daß die Bestimmung für den Druck unter der Hand ungeübter Aufzeichner ihnen geschadet habe. Doch fehlt es nicht an wiederkehrenden Formeln, die sich gewiß auf treue Beibehaltung gründen und dem Ganzen eigenthümliche Färbung verleihen, zum Beispiel das Reiten durch sieben und zwanzig Länder in das dreißigste (S. 21. 22. 34.), das Wachsen nicht nach Tagen, sondern nach Stunden (S. 1. 70. 144.), die Beschreibung, wie das gefeite Roß zwischen Himmel und Erde zieht (S. 18. 20. 43.), der Zuruf an die Hütte: wende dich hinten zum Wald und vornen zu mir! (S. 21.). Ja zuweilen geht, wie in deutschen Märchen, die Formel in ständige Reime über (S. 47. 125.), deren Anführung mit den Worten des Originals in einer Anmerkung willkommen wäre, da sich in solchen Fällen die Uebersetzung schwer zu helfen weiß. Auch besondere Vergleichungen, wie des Wachsens gleich dem aufschwellenden Teig (S. 144), des zu Boden fallens gleich der Habergarbe (S. 228.) und andere mehr gehören dem echtrussischen Märchenstil an. In einigen Erzählungen möchte man, nach ihrem ganzen Gang zu schließen, die Grundlage eines epischen Volksliedes, im Stil und Metrum der serbischen, vermuthen, namentlich in Nr. 17. von Jeruslan und in Nr. 6 von Ilija und dem auf Eichen hausenden, seine Feinde todtpfeifenden Räuber Nachtigall, welches zu den vorzüglichsten Stücken der Sammlung gezählt werden kann und auch wirklich seinem Inhalt nach in den altrussischen Heldenliedern, welche Hofrath von Busse verdeutscht hat (Leipzig bei Brockhaus 1819.), angetroffen wird.

Echtslavische Züge, die wenigstens in deutschen Märchen nicht begegnen, scheinen das Graben des Rosses aus dem Erdboden (S. 43. 133.); die drei grünen Eichen (S. 25. 133); das Kriechen durch das Ohr des Rosses (S. 47. 135); das Halten auf den verbotnen königlichen Wiesen (S. 11. 74. 78. 85); die Personification des Kummers (S. 125). Auch der slavischen Sitte des Verbrüderns geschieht Erwähnung (S. 106. 219).

Die einzelnen Märchen selbst sind ungleichen Gehalts. Nr. 9. von der Ente mit dem Goldei, Nr. 1. von dem Wolf, Nr. 3. von den sieben Simeonen, erinnern ganz an deutsche Kindermärchen und gehören zu den bessern der Sammlung. Ebenso Nr. 13. von dem Narren Emeljan, der geradezu Pervonto im neapolitanischen Pentamerone, aber daher unentlehnt und sehr eigenthümlich gefaßt ist. Merkwürdig scheinen die Mutter der vier Winde in Nr. 8. und der Geist Prituitschkin in Nr. 12. Unbedeutend ist Nr. 16., und Nr. 15. hätte, als unmittelbar, aber sehr mager, aus dem bekannten Volksbuch von der schönen Magellona hervorgegangen, füglich wegbleiben können. Nr. 7. von Bowa, und Nr. 17. von Jeruslan, die ausgedehntesten und nicht eben die unterhaltendsten Erzählungen des Buchs, scheinen gleichwohl der Aufnahme werth, da sich Jeruslan, wie vorhin schon gesagt ist, aus einem Gedicht aufgelöst haben mag, und Bowa ohne Zweifel einer romanischen Quelle seinen Ursprung verdankt.

Nämlich Bowa ist nichts als der in dem Sagenweise von Carl dem Großen bekannte Roman Buovo d'Antona (französisch Beuves de Hantone), der in mehrern Sprachen handschriftlich und gedruckt gefunden wird, und auch im vierten Buch der Reali di Francia gelesen werden kann. Wie und wann diese Fabel in die Hände eines russischen Märchenschreibers gerathen ist, der sie noch durch wunderbare Zusätze veränderte, wird sich schwer ermitteln lassen, aber die Umarbeitung hat ihr besonderes Interesse. Bowa ist Buovo, Druschnewna Drusiana, Simbalda Sinibaldo, Polkan Pulicano, die Stadt Anton Antona der ursprünglichen Sage.

Aus dem gesagten geht hervor, daß der Herausgeber durch Uebersetzung dieser russischen Märchen sich ein Verdienst um die Geschichte der deutschen Kindermärchen und der romantischen Poesie überhaupt erworben hat. Es ist von ihm vielleicht nicht das beste von dem, was er uns zu geben hatte, mitgetheilt worden; er beabsichtigt, andere Märchen an andern Orten oder in einer Fortsetzung der Sammlung nachzubringen; wir hätten gern gesehen, daß hier alles auf einmal bekannt gemacht worden wäre. Die Uebertragung schließt sich einfach an das Original, wie es sich gebührte, ohne durch Zusätze oder Auslassungen zu verschönern. Der deutschen Schreibart hätte hin und wieder nachgeholfen werden sollen, denn es ist z. B. fehlerhaft, wenn der Uebersetzer in den Imperativen schreibt: lasse, trage, gehe, komme, bleibe u. s. w., statt laß, trag, geh, komm, bleib.

Jacob Grimm.

Vorwort des Herausgebers

Die Märchen, welche gegenwärtige Sammlung enthält, sind zum größten Theile in Rußland allgemein verbreitet, und die Erzählung derselben dient den untern Ständen daselbst, besonders in den müßigen Stunden der langen Winterabende, zur ergötzlichen Unterhaltung. Die Volksbücher, aus denen sie übersetzt sind, habe ich einzeln in Moskwa gesammelt, wo sie in den Bilderbuden für das gemeine Volk nach Art der deutschen Volkssagen vom hörnernen Siegfried, von der schönen Melusine, vom Eulenspiegel u. s. w. verkauft werden. Sie zerfallen der äußeren Form nach in drei verschiedene Gattungen. Eine Gattung derselben ist mit Kupferplatten auf schlechtem blaugrauem Papier theils in Oktav, größtentheils aber in Quartformat und zwar in der Weise gedruckt, daß die obere Hälfte der Seite ein Bild einnimmt, das eine oder auch einige der Hauptbegebenheiten der Erzählung darstellt, welche die untere Hälfte derselben Seite füllt. Die einzelnen, bisweilen aus zwei zusammengeklebten Papierstücken bestehenden Blätter, welche die bildlichen Darstellungen mit der Erzählung enthalten, sind durch einige leichte Querstiche zusammengeheftet und immer nur auf einer Seite bedruckt. Die Buchstaben sind unregelmäßig und sehr undeutlich und nähern sich den slavonischen Schriftzügen; die Schreibung ist fehlerhaft. Nicht selten werden zwei Worte in eins zusammengezogen, oder zusammengehörige Buchstaben mitten in der Silbe von einander gerissen und mit den nächststehenden Worten verbunden. Die Interpunktion fehlt ganz. Durch diese Uebelstände wird das Lesen dieser Schriften ungemein erschwert und verlangt zu leichterem Verständniß viel Uebung und Bekanntschaft mit der Sprache. Die zweite Gattung unterscheidet sich von dieser nur dadurch, daß Bilder und Text nicht auf einzelne Blätter, sondern auf einen ganzen Bogen in gleichmäßig vertheilte, umränderte Felder gedruckt sind. In dieser Form erscheinen indessen nur sehr wenige Märchen, welche mit den Zeichnungen den Umfang eines Druckbogens von gewöhnlicher Größe nicht überschreiten. Beide Arten, als die ursprünglichen und ältesten, werden in Rußland erneuert und vervielfältigt, ohne daß es dazu einer besondern Erlaubniß der Censurbehörde bedürfte, da man sie als unantastbares Eigenthum des Volkes betrachtet. Darum findet man auch bei keinem dieser Blätter den Druckort und äußerst selten das Druckjahr angegeben. Die Bilder sind ohne Sorgfalt gearbeitet, fast nie ausgemalt und unterscheiden sich von den Holzschnitten, welche manche deutsche Volksbücher zieren, nur durch einen feineren Strich, wie ihn die Kupferplatte selbst dem flüchtigen Arbeiter möglich macht. Unverkennbar ist darin das Streben, die Kleidertrachten und Sitten einer älteren Zeit auch in den äußeren Formen wiederzugeben. Außer diesen beiden stereographischen Gattungen gibt es nun noch eine dritte typographische, welche sich von den gewöhnlichen russischen Drucken nicht unterscheidet und mit einem besonderen Titelblatte ohne Bilderverzierungen in Oktavheften ausgegeben wird. Man findet darauf den Druckort, die Jahreszahl und den Namen des Druckers, der bei gewöhnlichen Schriften, da es in Rußland keine eigentlichen Verlagshandlungen gibt, immer genannt werden muß, willkürlich angegeben oder weggelassen. Sowohl die stereographischen als die typographischen Drucke sind durchgängig neu und scheinen, wenigstens bei den Ausgaben, die mir unter die Hände gekommen sind, nicht über einige Jahrzehende zurückzugehen.

So sehr ich mir auch in Moskwa Mühe gegeben habe, über den Ursprung und das Alter dieser Märchen bestimmte Nachrichten einzuziehen, so konnte ich doch nirgends genügende Auskunft erhalten; Niemand wußte zu sagen, wie und woher sie unter das Volk gekommen seien. Es leidet indessen keinen Zweifel, daß ein großer Theil dieser Volkssagen einer sehr frühen Zeit angehört. Die ältesten Personen gedenken ihrer als alter Ueberlieferungen, und ihre allgemeine Verbreitung unter den höheren wie unter den niedern Ständen war wohl auch nur in einem langen Zeitraume möglich. Der Stil in ihnen ist zwar durchgängig neu; das kann aber bei prosaischen Erzählungen, welche eine lange Reihe von Jahren blos durch mündliche Ueberlieferung fortgepflanzt und erst in neuerer Zeit niedergeschrieben wurden, nicht befremden. Sie verlieren allmälig ihre ursprüngliche Form; Jeder erlaubt sich nach seiner Eigenthümlichkeit, daran zu ändern, wegzulassen oder hinzuzufügen nach Gutdünken, um die Zuhörer so angenehm als möglich zu unterhalten, ihre Theilnahme zu erwecken und ihre Aufmerksamkeit zu spannen. Bei der Einfachheit, welche das gemeine russische Volk in seinen Sitten bis auf die Gegenwart bewahrt hat, und bei dem geringen Einfluß, welchen das Ausland auf dieselben ausübte, konnte die Volksthümlichkeit dieser Märchen darunter durchaus nicht leiden, und die einzige Folge davon war nur, daß sich von manchen derselben doppelte und mehrfache ziemlich verschiedene Bearbeitungen vorfinden. Demnach haben sich in vielen von ihnen und zwar besonders in denen, welche dem romantischen Ritterthume angehören, einige stehende Redensarten erhalten, die sich aus jener Fabelzeit herschreiben und deren ursprüngliche geschichtliche Bedeutung Niemand mehr zu erklären weiß; ja einige der gangbarsten Volkssagen werden so oft wiederholt, daß sie ein Erzähler den andern beinahe mit denselben Worten und Ausdrücken nacherzählt. Zwar begegnet man diesen Redensarten auch mitunter in unbestreitbar neueren Märchen; denn man hat selbst Anekdoten vom Auslande entlehnt, ihnen das Gewand der Märchen umgehängt und eine ältere Form zu geben versucht; allein sie lassen sich meistens leicht von den älteren unterscheiden, und bei vielen kann man ohne Schwierigkeit den Ursprung nachweisen. Herr Iwan Michailowitsch Snegiroff, Professor an der Universität zu Moskwa, welcher sich ein besonderes Geschäft daraus macht, alle geistigen Erzeugnisse des Volkslebens, als Lieder, Märchen, Sprichwörter u. s. w., zu sammeln, wissenschaftlich zu ordnen und kritischer Untersuchung zu unterwerfen, wurde mir als der Einzige genannt, bei dem ich, wenn irgendwo, die gesuchten Aufklärungen über den Ursprung und das muthmaßliche Alter dieser Sagen erhalten könnte. Trotz der humanen Zuvorkommenheit, mit welcher er sich zu jeder ihm möglichen Mittheilung gegen mich bereitwillig erklärte, sah er sich zu dem Geständnisse genöthigt, daß er bis jetzt in seinen Forschungen nicht glücklich gewesen sei, und daß er es bei der Umwandlung, welche diese Volksdichtungen ohne Zweifel im Laufe der Zeiten erfahren, für unmöglich halte, über deren Entstehung und Abstammung zu einem bestimmten Ergebnisse zu gelangen.

Zu einer kurzen Entwickelung des innern Wesens und der dichterischen Bedeutung dieser Märchen, wenn sie erst in vollständigerer Sammlung mehr Uebersicht gewähren, hat ein Freund Hoffnung gegeben, dessen wissenschaftlicher Thätigkeit Untersuchungen dieser Art näher liegen, als der meinigen. Eigenthümlich ist es, daß in diesen Sagen die Zahl drei fast überall vorherrscht. Die Väter haben gewöhnlich drei Söhne, die Helden oder fahrenden Ritter ziehen durch drei Mal neun Länder in das dreißigste Königreich (erst drei Mal drei, dann drei Mal neun, zuletzt drei Mal zehn); einige der tapfersten und berühmtesten Ritter sind drei und dreißig Jahr alt, wenn sie die Laufbahn des Ruhmes betreten, und gelangen in ihren Unternehmungen erst beim dritten Versuche zum Ziele u. s. w. Die Söhne, welche von bejahrten Aeltern nach einer bis in's angehende Alter unfruchtbar gebliebenen Ehe geboren werden, erscheinen immer als eine besondere Gabe der Gottheit, welche endlich das Flehen der Eheleute erhört und gleichsam, um sie für die lange Entbehrung der älterlichen Freuden zu entschädigen oder sie als ein besonderes Gnadengeschenk zu bezeichnen, ihnen Söhne gibt, welche nicht nach Tagen, sondern nach Stunden wachsen und sich durch Heldensinn und Riesenstärke hervorthun. Andre sind bis in's drei und dreißigste Jahr gelähmt; dann entwickelt sich plözlich ihre Kraft und ruft sie in das Feld der Ehre. Reiter und Roß bilden, wie bei allen ungebildeten berittenen Völkern, gleichsam eine Person. So lange der Ritter kein seiner Kraft angemessenes Roß gefunden hat, wagt er nicht zum Streit auszuziehen; ebenso duldet das Roß keinen Reiter auf sich, der ihm nicht gewachsen ist. Sobald sich der Held dem fest hinter Schlössern und Riegeln verwahrten Rosse nahet, erkennt es ihn am Geruche, geräth in die höchste Unruhe, tobt und lärmt und stürzt sich ihm entgegen. Er beweist ihm dann seine Kraft, indem er ihm seine Hand auf den Rücken legt und es drückt, daß es auf die Knie fällt. Von nun an sind Roß und Reiter Eine Person. Es streitet mit seinem Herrn und wirft mehr Feinde zu Boden, als er selbst; es versteht seine Worte, ja es redet wohl auch selbst mit Menschenstimme.

Nun nur noch wenige Worte zum Verständniß einiger oft wiederkehrenden Einzelheiten. Die Redensart: durch drei Mal neun Länder in das dreißigste Reich, soll nur eine weite Entfernung bezeichnen. Die geschichtliche und geographische Bedeutung, die ihr wol zum Grunde liegen mag, konnte ich nicht ermitteln. Die sprüchwörtliche Redensart: er ging lange oder kurze Zeit, nahe oder fern, soll blos die Ausdehnung des Raumes und die Länge der Zeit, in der sie durchmessen wurde, ungewiß lassen. Königliche verbotene Wiesen wurden die Wiesen genannt, die dem Landesherrn angehörten und deren Gebrauch den Unterthanen streng verboten war. Wenn Fremde in das Land kamen, pflegten sie zuerst von diesen Wiesen Besitz zu nehmen und ihre Zelte auf ihnen zu errichten, was als Kriegserklärung und Anfang der Feindseligkeiten galt. Unter dem sadonischen Reiche verstand man die jenseit des Don von der Mitte des eigentlichen Rußlands aus gelegenen Länder. Der Ausdruck: hinter den stillen Wässern und warmen Meeren, bezeichnet die südlichen Gegenden Europa's, Italien, Sicilien und die benachbarten Länder, die man für das Paradies der Erde hielt, und deren Meere man sich beständig warm und von Stürmen frei dachte. Schemachanische Seide ist persische Seide (von Schemachan ), die wegen ihrer Güte jeder andern vorgezogen wird. Wenn der fahrende oder auf Abenteuer ausziehende Ritter von seinen Aeltern den Segen erhalten hat, entlassen sie ihn nach allen vier Seiten, d. h. sie lassen ihn ziehen, wohin oder nach welcher Seite er will. Der siegende Ritter macht bisweilen Brüderschaft mit dem besiegten, d. h. er schließt mit ihm ein gegenseitiges Schutz- und Trutzbündniß; der Sieger wird dann der ältere Bruder, d. h. er steht dem Ansehen nach höher, als der jüngere oder besiegte. Die meisten Personen in diesen Märchen haben, wie es unter den gemeinen Leuten in Rußland noch der Fall ist, keine Familiennamen, sondern werden bei ihren Vor- und Vaternamen genannt. Die patronymische Endung ewitsch und owitsch bedeutet Sohn, ewna und owna Tochter. So heißt der jetzige Kaiser von Rußland Nikolai Paulowitsch, als Sohn des Kaisers Paul, seine Schwester Maria Paulowna, als Tochter desselben. Noch jetzt ist es in Rußland unter allen Ständen gebräuchlich, sich mit Uebergehung aller Titulaturen schlechthin bei den Vor- und Vaternamen anzureden. Ebenso ist Zarewitsch der Sohn, Zarewna die Tochter eines Zaren, Korolewitsch der Sohn, Korolewna die Tochter eines Königs. Ich habe es für zweckmäßig gehalten, die Eigennamen überall in ihrer eigenthümlichen russischen Form wiederzugeben. Iwanuschka, Wanuschka und Iwaschka sind Verkleinerungsformen von Iwan (Johann) und Ilijuschka von Ilija (Elias).

Was nun die Uebersetzung anlangt, so bin ich wie das bereits in dem beurtheilenden Vorwort erwähnt worden, so genau als möglich, den Urschriften gefolgt und habe, um die eigenthümliche Färbung derselben nicht zu verwischen, selbst kein Bedenken getragen, Wendungen und Formen beizubehalten, die dem Geiste unserer Sprache einigermaßen fremd sind, wenn sie demselben nur nicht geradezu widerstanden. Die Aufnahme des sehr kurzen ursprünglich deutschen Märchens Nr. 15. entschuldige die in der hier wiedergegebenen Form ziemlich allgemeine Verbreitung desselben in Rußland. Einige allgemeine Anmerkungen über manche Einzelheiten findet man im kurzen Anhange; da wo dieselben besonders nothwendig waren, ist auf sie verwiesen worden.

Die Fortsetzung dieser Sammlung wird ganz von der Theilnahme des Publikums abhängen. Ich habe unter den Urschriften keine besondere Auswahl getroffen, sondern theile hier den eben übersetzten Vorrath mit, von dem ich nur das Unbrauchbare ausschloß. Das später zu Gebende wird daher das Vorliegende an innerm Gehalte nicht übertreffen, ihm aber auch nicht nachstehen, wie das in Friedrich Kind's Taschenb. z. gesell. Vergnügen für d. J. 1832. S. 285. abgedruckte Märchen beweisen kann.

Pirna, d. 30. Oktober 1831. Anton Dietrich.

1. Märchen von Ljubim Zarewitsch, von der schönen Prinzeß, seiner Gemahlin, und vom geflügelten Wolfe.

In einem Reiche, in einer Herrschaft lebte ein Zar, namens Elidar Elidarowitsch, mit seiner Gemahlin Militissa Ibrahimowna; die hatten drei Söhne: der älteste Sohn hieß Aksof Zarewitsch, der mittelste Hut Zarewitsch und der jüngste Ljubim Zarewitsch. Und sie wuchsen nicht nach Tagen, sondern nach Stunden; und als der älteste Sohn zwanzig Jahr alt war, fing er an, seine Aeltern um Erlaubnis zu bitten, in andere Königreiche zu reisen und eine schöne Prinzeß für sich zur Gemahlin zu suchen. Die Aeltern willigten darein, gaben ihm ihren Segen und entließen ihn nach allen vier Seiten. Nicht lange nach der Abreise Aksof's bat auch Hut Zarewitsch seine Aeltern, ihn zu entlassen, und Zar Elidar und die Zarin Militissa entließen auch Hut Zarewitsch mit größtem Vergnügen. Und so reiste auch Hut Zarewitsch ab, und sie wanderten lange Zeit, daß endlich nichts mehr von ihnen zu sehen und zu hören war und sie für verloren gehalten wurden.

Als Zar Elidar mit der Zarin Militissa sich sehr über sie betrübte und weinte, bat auch ihr jüngster Sohn Ljubim Zarewitsch, sie möchten ihn entlassen, damit er seine Brüder aufsuche. Darauf sagte Zar Elidar und seine Zarin Militissa zu ihm: "Du bist noch jung und kannst eine so weite Reise nicht aushalten. Wie sollten wir dich übrigens auch entlassen, da du als der einzige Sohn uns übrig geblieben bist? Wir sind schon bei Jahren; wem sollten wir unsere Krone aufsetzen?" – Dennoch ließ sich ihr Sohn Ljubim Zarewitsch nicht abweisen, sondern blieb standhaft bei seinen Worten und sprach: "Es ist mir nöthig, Menschen zu sehen und mich ihnen zu zeigen, und wenn es geschieht, daß ich den Thron besteige, darf ich daran schon nicht mehr denken, sondern nur, wie ich das Volk anständig beherrschen soll."

Als Zar Elidar und Zarin Militissa so gute Worte hörten von ihrem Sohne Ljubim, waren sie überaus erfreut, und erlaubten ihm zu reisen, doch nicht auf lange Zeit und nur unter der Bedingung, daß er sich mit Niemandem einlasse und sich in keine großen Gefahren begäbe. Und so sann er, als er entlassen war, wo er ein Ritterroß für sich finden und eine Ritterrüstung sich verschaffen sollte, und darüber nachsinnend ging er in die Stadt. Dort begegnete ihm eine alte Frau und sagte zu ihm: "Warum gehst du so traurig, mein lieber Ljubim Zarewitsch?" – Er mochte darauf keine Antwort geben und ging bei der alten Frau vorbei, ohne ein Wort zu sagen; aber dann bedachte er, daß alte Leute ja mehr wissen müssen, kehrte um, ging fort und holte die alte Frau ein, die ihm begegnet war. Und Ljubim Zarewitsch sprach zu ihr: "Ich habe es bei dem ersten Begegnen verschmäht, dir zu sagen, worüber ich bekümmert bin; aber im Weitergehen fiel mir ein, daß alte Leute mehr wissen müssen." – "Das ist's eben, Ljubim Zarewitsch," sprach zu ihm die Alte, "freilich soll man nicht vor alten Leuten fliehen. Sage, worüber grämst du dich denn? Sag' es mir, dem alten Mütterchen."

Und nun sagte Ljubim Zarewitsch zu ihr: "Ich habe kein gutes Roß und keine Ritterrüstung, aber ich muß weit reisen und meine Brüder aufsuchen." – Die Alte gab ihm darauf zur Antwort: "Was soll man denken? Es ist ein Roß und eine Ritterrüstung auf eurer verbotnen Wiese hinter zwölf Thüren, und dieses Roß liegt an zwölf Ketten. Dort auf der Wiese ist auch ein Schlachtschwert und eine ganze Ritterrüstung." –

Als Ljubim Zarewitsch dieses gehört und der Alten Dank gesagt hatte, ging er äußerst erfreut gerade auf die verbotene Wiese. Als er an den Ort kam, wo das Roß stand, war er unschlüssig: Wie soll ich diese Thüre zerbrechen? Allein er versuchte es und zertrümmerte eine Thüre, und das Roß erkannte durch den Geruch einen tüchtigen Jüngling und fing an seine Ketten zu zerreißen, und es zerriß sie alle, und so zerschlug Ljubim Zarewitsch drei Thüren, und das Roß zertrümmerte die letzten. Darauf erblickte Ljubim Zarewitsch das Roß und die Ritterrüstung, legte die Ritterrüstung an und ließ das Roß auf die Wiese. Er selbst aber ging zu seinem Vater, dem Zaren Elidar, und zu seiner Mutter, der Zarin Militissa, und sprach folgende Worte: "Nach der Entlassung von euch war ich sehr traurig wegen eines Rosses und einer Ritterrüstung, da ich nicht wußte, wo ich sie hernehmen sollte. Aber eine alte Frau sagte und zeigte mir, wo ich dies Alles finden könnte, und so habe ich es gefunden. Jetzt aber bitte ich euch um euren Segen zur Reise." Darauf gaben ihm die Aeltern den Segen und er reiste ab auf seinem guten Rosse.

Er begab sich auf den Weg und kam an einen Ort, wo drei Wege zusammentrafen; in der Mitte aber stand eine Säule und auf ihr befanden sich drei Inschriften, welche lauteten, wie folgt: "Wer auf die rechte Seite geht, der wird satt sein, aber sein Roß wird hungern; wer aber gerade aus geht, der wird selbst Hunger leiden und sein Roß wird satt sein, und wer auf die linke Seite geht, der wird von dem geflügelten Wolfe getödtet werden." – Ljubim Zarewitsch überlegte und ging zu Rathe, und er wurde mit sich einig, auf keine andere Seite zu gehen, als auf die linke, um entweder getödtet zu werden oder den geflügelten Wolf zu tödten und denen, welche diese Straße zogen, Freiheit zu geben. Und so ging er auf die linke Seite und reiste weiter auf der Straße. So gelangte er in das freie Feld, schlug sich ein Zelt auf und machte Halt, um auszuruhen, als er plözlich im Westen den geflügelten Wolf fliegen sah. Ljubim Zarewitsch stand sogleich auf, legte seine Ritterrüstung an und setzte sich auf das Roß. Und Ljubim Zarewitsch traf zusammen mit dem geflügelten Wolfe, und der Wolf schlug Ljubim Zarewitsch mit seinen Flügeln so schmerzlich, daß Ljubim Zarewitsch nachdenkend wurde, aber er ließ sich nicht aus dem Sattel werfen. Da ergrimmte Ljubim Zarewitsch und ward hitzig und schlug den geflügelten Wolf mit seinem Schlachtschwerte, daß er halb todt auf die Erde fiel und fühlte, sein rechter Flügel sei verletzt und er könne nicht mehr fliegen. Nachdem er sich aber wieder etwas erholt hatte, sagte er mit Menschenstimme zu Ljubim Zarewitsch: "Bringe mich nicht um, ich werde dir nützlich sein und dir dienen als dein getreuer Knecht." Und Ljubim Zarewitsch sprach zu ihm: "Weißt du nicht, wo meine Brüder sind?" Darauf antwortete ihm der Wolf, sie seien längst ermordet; aber dann fügte er hinzu: "Wir werden sie wieder erwecken, wenn wir die schöne Prinzeß gewonnen haben." – Und Ljubim Zarewitsch fragte: "Wie sollen wir die schöne Prinzeß gewinnen?" – "Nun sieh," sagte der Wolf zu ihm, "wir erhalten sie so: du lässest dein Roß hier" – "Wie soll ich ohne Roß sein?" fragte ihn Ljubim Zarewitsch. "Nun sieh, hör' mich nur aus," sprach der Wolf: "ich werde zum Rosse und trage dich; aber dieses dein Roß taugt nicht zum Dienste, weil bei dieser schönen Prinzeß von den Stadtmauern Saiten nach allen Glocken in der Stadt gezogen sind, und deßhalb ist es auch nöthig, daß wir sie überspringen, damit keine, auch nicht die kleinste Saite berührt wird, sonst werden wir gefangen." – Ljubim Zarewitsch sah ein, daß der Wolf recht sprach, gab seine Einwilligung und sagte: "Wolan!"

Und so gelangten sie an die weißsteinerne Mauer und Ljubim Zarewitsch erschrak, als er sie erblickte. "Wie ist's möglich, diese hohe weißsteinerne Mauer zu überspringen?" sprach er zum Wolfe. Darauf sagte der Wolf folgende Worte: "jetzt fällt es mir noch nicht schwer, sie zu überspringen, aber von dort aus wird es Mühe machen, denn du wirst dich mit Liebesangelegenheiten beschäftigen und dadurch schwer werden; aber es ist dir nöthig, dich in lebendigem Wasser zu baden und auch für deine Brüder etwas davon mit dir zu nehmen, und ebenfalls todtes."

Darauf übersprangen sie glücklich die Stadtmauer, ohne sie zu berühren. Ljubim Zarewitsch machte im Schlosse Halt und ging zur schönen Prinzeß an den Hof. Und als er in das erste Gemach kam, fand er eine Menge schlafende Kammermädchen und dachte, ob die Prinzeß nicht dort sei; allein er fand sie nicht. Deßhalb ging er in's zweite Zimmer, dort schliefen ihre überaus schönen Gesellschafterinnen; auch da war die Prinzeß nicht. Darum ging Ljubim Zarewitsch in's dritte, und dort sah er die Prinzeß schlafen, und sein ganzes Herz wurde von ihrer Schönheit entflammt; er verliebte sich heftig in die schöne Prinzeß und fing an, sie zu küssen und wollte sich nicht trennen von ihr; allein er bedachte, daß man ihn fangen würde, wenn er verweilte, und ging in den Garten, um todtes und lebendiges Wasser zu holen. Er badete sich in dem lebendigen Wasser und nahm in einer Blase lebendiges und todtes Wasser mit sich und ging zu seinem Wolfe. Als er auf dem Wolfrosse saß, sagte der Wolf zu ihm: "Du bist sehr schwer geworden. Wir können nicht, wie das vorige Mal über die Mauer springen, wir stoßen an und wecken alle auf. Sie werden uns verfolgen, aber du wirst sie erschlagen, und wenn du sie erschlagen hast, so gib dir Mühe, ein weißes Roß zu fangen: ich helfe dir dann kämpfen, und sobald wir an unser Zelt kommen, so nimm dein Roß, ich aber reite auf diesem weißen Rosse, und wenn wir alle ihre Krieger getötet haben, so wird sie selbst zu dir kommen und sagen, du möchtest sie zur Frau nehmen, denn sie wird von heftiger herzlicher Liebe zu dir entbrennen und von dir gefesselt werden."

Als sie über die hohe Mauer setzen wollten, berührten sie die Saiten und plözlich erhob sich Glockenklang in der Stadt und Trommelschlag, und alle Menschen erhoben sich und jeder lief auf den Hof mit seinen Waffen; andere öffneten den Thorweg, damit der schönen Prinzeß kein Unglück widerfahre. Die Prinzeß selbst erwachte und sah, daß ein Jüngling bei ihr zu Besuch gewesen, und sie befahl, sogleich Lärm zu machen, damit sich Alles bei ihr im Pallaste versammelte. Da kamen berühmte und starke Ritter zusammen, und sie sprach zu ihnen: "Ach! ihr starken Ritter, gehet und holet diesen Jüngling ein und bringt mir seinen Kopf, damit seine Verwegenheit bestraft werde."

Darauf antworteten ihr die starken Ritter: "Wir werden nicht ruhen, bis wir ihn zerhauen und dir seinen Kopf gebracht haben, wenn er auch ein Heer bei sich hätte." Darauf entließ sie die Prinzeß und ging hinauf in's Erkerzimmer und sah nach ihrem Heere und nach jenem Ritter, welcher gewagt hatte, im Geheimen an ihren Hof zu gehen und sie im Schlafe zu liebkosen.

Als Lärm gemacht wurde, war Ljubim Zarewitsch auf seinem Wolfrosse schon so weit fortgeritten, daß er bereits die Hälfte von der Stadt bis zu seinem Zelte zurückgelegt hatte, ehe sie ihn einholten. Als er sah, daß sie ihn erreichten, drehte er sich um gegen sie auf seinem Wolfrosse und wurde ergrimmt, da er auf dem Felde eine solche Menge Ritter erblickte. Und sie fingen an sich zu schlagen und Ljubim Zarewitsch erlegte nicht so viele mit seinem Schwerte, als sein Roß niedertrat, und er erschlug beinah alle kleine Ritterlein. Und Ljubim Zarewitsch erblickte einen einzelnen Ritter, der gegen ihn auf einem weißen Rosse ansprengte, und Ljubim Zarewitsch erschlug auch ihn, dessen Kopf war wie ein Bierkessel, und nachdem Ljubim Zarewitsch alle erschlagen hatte, nahm er das weiße Roß und setzte sich darauf, den Wolf aber ließ er ausruhen. Nachdem sie ausgeruht hatten, begaben sie sich zu ihrem Zelte.

Die schöne Prinzeß, welche sah, daß er allein eine solche Menge bezwungen hatte, ließ ein noch größeres Heer sammeln und schickte es ab. Sie selbst begab sich wieder ins Erkerzimmer.

Aber Ljubim Zarewitsch kam an sein Zelt; da verwandelte sich der Wolf in Menschengestalt und wurde ein tüchtiger Ritter, als man es sich nicht denken, nicht vorstellen, nur im Märchen erzählen kann. Als das Heer der schönen Zarewna anzurücken begann, setzte sich Ljubim Zarewitsch mit seinem Gefährten, dem Wolfritter, zu Rosse und erwartete ihre Ankunft. Da aber das Heer der schönen Zarewna zahllos war, so befahl Ljubim Zarewitsch dem Wolfe, auf dem linken Flügel zu sein, er selbst begab sich auf den rechten, und sie machten sich fertig: dann stürzten sie sich auf die Krieger der Zarewna und begannen sie zu erschlagen, wie man Heu mäht, und so schlugen sie alle nieder, daß auf dieser Stelle nur zwei übrig blieben: der Wolf und Ljubim Zarewitsch. Nach diesem so gewaltigen Siege sprach der tapfere Wolf zu Ljubim Zarewitsch: "Sieh, da kommt jetzt die schöne Zarewna selbst und wird dich bitten, sie zur Frau zu nehmen: nun ist nichts mehr von ihr zu fürchten. Ich habe mein Vergehen durch meine Tapferkeit und meinen Beistand gesühnt, und so entlaß mich nun in mein Reich." – Ljubim Zarewitsch dankte ihm für seine Dienste und Rathschläge, entließ ihn und nahm Abschied.

Als sie Abschied genommen hatten, verschwand der Wolf. Ljubim Zarewitsch sah, daß die schöne Prinzeß zu ihm kam, und Ljubim Zarewitsch freute sich und ging ihr entgegen, nahm sie bei den weißen Händen, küßte sie auf den Zuckermund, drückte sie an das stürmische Herz und sprach zu ihr die holden Worte: "Wenn ich dich nicht liebte, meine schöne und theuere Zarewna, so wäre ich jezt nicht mehr hier und hätte abreisen können; aber ich wußte, daß deine Macht nichts vermöge, und an deinem Heere habe ich es dir bewiesen." Da begann die schöne Zarewna folgende Rede. "Ach du berühmter Ritter: Du hast meine ganze Macht überwunden und berühmte starke Degen, auf welchen meine ganze Hoffnung stand, und bei mir in der Stadt ist es öde. Deßhalb will ich zu dir gehen, damit du mir ein Schützer seist und mein Reich nicht untergehe."

Darauf entgegnete ihr Ljubim Zarewitsch: "Mit Freuden nehme ich dich zur Gemahlin, und ich werde dir ein Schützer sein und dein Reich und deine Stadt nicht zu Grunde gehen lassen."

So mit einander sprechend gingen sie in das Zelt und fingen dort an zu schmausen und sich zu liebkosen. Den folgenden Tag standen sie frühe auf, setzten sich zu Rosse und reisten ab nach dem Reiche Elidar's. Auf dem Wege sprach Ljubim Zarewitsch: "Ach du schöne Zarewna, ich hatte zwei ältere Brüder, und nun muß ich ihren Staub aufsuchen, denn sie zogen vor mir aus und wollten dich gewinnen; aber hier auf der unwegsamen Straße sind sie getödtet worden, und wo sie liegen, weiß ich nicht; doch da ich von dir lebendiges und todtes Wasser genommen habe, so will ich sie wieder herstellen; sie können in keiner großen Entfernung vom Wege sein, und so reise du gerade zur Säule mit den Inschriften; dort mache Halt und erwarte uns. Wir werden nicht zögern, zu dir zu kommen."

Als dies Ljubim Zarewitsch gesagt hatte, trennte er sich von seiner schönen Zarewna, um den Staub seiner Brüder zu suchen, und er fand sie hinter Gesträuchen und besprengte sie mit todtem Wasser; da wuchsen sie zusammen; dann besprengte er sie mit lebendigem Wasser, und sie wurden lebendig und standen auf den Füßen, und Aksof und Hut Zarewitsch sprachen: "Ach! wie wir lange geschlafen haben."

Darauf gab ihnen Ljubim Zarewitsch zur Antwort: "Ihr würdet noch lange schlafen, wenn ich nicht wäre!" Er erzählte ihnen nun alle seine Abenteuer, wie er den Wolf besiegte, wie er die schöne Zarewna gewann und lebendiges und todtes Wasser für sie mitgebracht. Darauf begaben sie sich alle nach jenem Zelte, wo sie die schöne Zarewna erwartete. Und als sie kamen und sich versammelten, waren alle überaus froh und fingen an zu schmausen.

Als Ljubim Zarewitsch mit der schönen Prinzeß in die Schlafkammer gegangen war, sprach Aksof Zarewitsch zu Hut Zarewitsch arglistig: "Warum gehen wir zu unserm Vater Elidar und zu unserer Mutter Militissa? und was sagen wir zu ihnen? Unser jüngster Bruder wird sich brüsten, daß er die schöne Prinzeß gewann und seine Brüder vom Tode erweckte; wird es nicht schimpflich für uns sein, mit ihnen zu leben? Ist es nicht besser, ihn bei Zeiten zu ermorden?" – Darauf sagte Hut Zarewitsch ebenfalls: "Es wird schimpflich für uns sein, mit ihnen zu leben, und besser ist es, wir tödten ihn jetzt." – Als sie so zusammen gesprochen hatten, nahmen sie das Schlachtschwert und zerhauten Ljubim Zarewitsch in kleine Stücke und zerstreuten sie im Winde. Zur schönen Zarewna aber sprachen sie drohend, wenn sie Jemandem dieses Geheimnis verriethe, so würde ihr dasselbe widerfahren. Bei der Theilung fiel dem Hut das lebendige und todte Wasser, und dem Aksof Zarewitsch die schöne Zarewna zu.

So reisten sie zu ihrem Vater Elidar, und als sie auf die verbotenen zarischen Wiesen gekommen waren und ihre Zelte aufgeschlagen hatten, schickte der Zar Elidar seinen Boten ab, zu erfragen, wer auf seinen verbotenen Wiesen Zelte