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Ist Keron nur ein Spielstein der Götter? Der plötzliche Tod seines Lehrmeisters, die Angst, die Trauer und schließlich ein neuer Meister in Sir Nicolas, der ihm die Möglichkeit bietet, ein großer Krieger zu werden. Doch sein Schicksal scheint anderes für ihn vorgesehen zu haben. Schon bald würde sich sein Leben erneut auf den Kopf stellen … Blind für die Gefahr, die ihnen durch einen Attentäterorden droht, der längst zum Mythos geworden war, trainieren Keron und sein Freund Will für einen Kampf, der ihnen früher bevorsteht, als sie glauben. Ein Tauziehen um Macht, das die Grenze zwischen Freund und Feind zu verwischen droht und Keron dazu zwingt, eine Entscheidung zu treffen, die die Zukunft des Königreichs Ryloven maßgeblich beeinflussen könnte.
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Seitenzahl: 630
Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhalt
Impressum 2
Widmung 3
Unverhoffte Hilfe 4
Nächtliche Flucht 14
Ein unangenehmes Treffen 41
Training, Training, Training 56
Schimmerauge 82
Duell unter Freunden 119
Die Suche 134
Die Jagd beginnt 154
Grünes Licht 202
Getrennte Wege 223
Canae 234
Wahrheit oder Lüge 246
Der erste Tag 261
Ein brennendes Herz und ein kühler Kopf 283
Wie der Vater so der Sohn 313
Das Leben als Held 361
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-686-5
ISBN e-book: 978-3-99107-687-2
Lektorat: Lucas Drebenstedt
Umschlagfoto: Indigocrow, Markus Gann, Erin Cadigan, Rawf88, Andrei Shupilo | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Für meinen Vater, der mir als Kind
immer Geschichten vorgelesen hat
und meine Mutter, die nie aufgehört
hat an mich zu glauben.
Unverhoffte Hilfe
Drop, drop, drop. Immer wieder ertönte das Geräusch von fallenden Wassertropfen, die auf dem harten Steinboden in tausende und abertausende von viel kleineren Wasserperlen zersprangen. Keron saß zusammengesunken im Regen auf einem kleinen Vorsprung am Fuße einer Statue, die in der Mitte eines kleinen Platzes aufgestellt worden war. Beiläufig blickte er nach oben und fragte sich, wer diese Person wohl gewesen war, dass man ihr eine Statue in der Hauptstadt des Reiches errichtet hatte. Das kantige Gesicht und das Emblem auf der Rüstung des Mannes, der hier dargestellt wurde, kamen ihm bekannt vor, aber in Wirklichkeit war es ihm gleichgültig.
Keron blickte zurück auf den Boden vor ihm. Beiläufig wischte er sich seine kurzen braunen Haare, die nass an seiner Haut klebten, von der Stirn und versank wieder in seinen trüben Gedanken. Zum wiederholten Male fragte er sich, wie es sein konnte, dass sich das Leben von Menschen in wenigen Augenblicken so verändert?
Der erste dieser Momente ereignete sich in Kerons Fall bereits in seiner Kindheit. Er wuchs in einem kleinen Dorf auf, das hauptsächlich von Bauern bewohnt wurde. Seine wahren Eltern hatte er nie kennengelernt. Angeblich waren sie beide kurz nach seiner Geburt gestorben.
Stattdessen wurde er von seinen Stiefeltern aufgezogen. Sie besaßen kaum Dinge, die man als wertvoll erachtet hätte, aber Keron erinnerte sich, dass er damals noch glücklich gewesen war. Doch als er zehn Jahre alt wurde, starb seine Stiefmutter unerwartet an einer Krankheit. Sein Stiefvater verfiel daraufhin in große Trauer. Er konnte es nicht ertragen, in ihrem Zuhause zu bleiben. Also nahm er Arbeit in den Minen des Königreiches an und sie verließen ihr Dorf.
Sein Stiefvater machte sich alle Mühe, sie zu versorgen, doch obwohl er jeden Tag lange arbeitete, kamen sie gerade so über die Runden. Sie hatten noch weniger zum Leben als zuvor und Keron konnte seinem Stiefvater ansehen, dass es ihm nicht gut ging. Er wurde zunehmend stiller und jeden Tag, wenn er von der Arbeit aus den Minen zurückkam, wirkte er kraftloser. Mit der Zeit vergrößerten sich seine Augenringe und Keron schmerzte es, dass er nichts dagegen tun konnte. Er war doch nur ein Kind. Obwohl es schwierig für sie war, versuchte er seinem Vater wenigstens ein guter Sohn zu sein. Er tat sein Bestes, aber sein Leben sollte sich schon bald erneut wandeln.
Eines Tages kam sein Vater früher von der Arbeit in der Mine zurück und befahl Keron seine Sachen zu packen. Er verstand zwar nicht, was passiert war, aber er tat wie ihm geheißen. Sein Vater hatte diesen Tonfall in der Stimme, der bedeutete, dass man ihm nun lieber nicht widersprach. Zum ersten Mal seit langem schien sein Stiefvater wieder ein wenig wie früher zu sein. Er wirkte zufrieden.
Sein Vater führte ihn zu dem kleinen Hauptplatz des Minenarbeiterdorfes und stellte ihn dort einem etwas älteren Mann vor. Sein Name war Sir Francis. Er war ein Ritter des Reiches und sein Vater hatte ihn überzeugt, Keron als seinen Lehrling mitzunehmen. Als dieser jedoch erkannte, dass er sich von seinem Vater trennen sollte, protestierte er kräftig. Doch sein Vater kniete sich zu ihm herunter, nahm ihn mit beiden Händen an den Schultern und erklärte ihm, dass er gehen solle. Er wünsche sich ein besseres Leben für seinen Sohn, als er es gehabt hatte. Er solle diese Chance nützen und in die Zukunft gehen, ohne zurückzublicken. Tränen waren ihm damals über die Wangen geronnen, aber er respektierte die Entscheidung seines Stiefvaters und verließ zusammen mit seinem neuen Herrn das kleine Dorf der Minenarbeiter.
Von einem Tag auf den anderen hatte sich sein Leben vollkommen verändert und er hatte nichts dagegen tun können. Auch das Leben mit Sir Francis war nicht einfach. Sie zogen die meiste Zeit durch das Königreich Ryloven, wo Sir Francis seine Pflichten erledigte.
Allerdings wurden diese Jahre rückblickend zur schönsten Zeit in seinem Leben. Keron liebte es bald, mit seinem Meister durch die Welt zu reisen, immer neue Orte und Menschen kennenzulernen. Sir Francis verlangte ihm einiges ab, aber im Gegenzug sorgte er gut für Keron. Seit dem Tag als sein Vater, der, wie er später erfuhr, bei einem Arbeitsunfall verstorben war, ihn in die Obhut des älteren Ritters gegeben hatte, hatte Keron nie wieder hungern müssen.
Ein kleines Lächeln breitete sich auf seinem regennassen Gesicht aus. Er blickte sich auf dem kleinen Platz um, aber natürlich war niemand bei diesem Wetter auf den Straßen. Keron war alleine und das tat weh. Doch auf eine seltsame Art und Weise beruhigte ihn der kühle Regen, der unaufhörlich sanft auf ihn niederprasselte. Um sich von der Trauer abzulenken, tauchte er erneut in seine Gedankenwelt ein.
Bis zu jenem Tag, an dem sein Leben zum dritten Mal vollkommen auf den Kopf gestellt wurde, war Keron insgesamt acht Jahre bei Sir Francis gewesen und er hatte einiges bei ihm gelernt, wie zum Beispiel das Reiten, wie man in der Natur überlebte, das Fallenstellen, um zu jagen, und noch viele andere Fähigkeiten und Techniken. Allerdings hatten sie mit seinem Kampftraining, das Keron benötigte, um ein Ritter zu werden, noch nicht so richtig begonnen. Sir Francis hatte immer gemeint, dass er noch nicht bereit dazu wäre. Dies sah Keron natürlich ganz anders, aber wenn sich der alte Ritter einmal eine Meinung gebildet hatte, war er nur noch schwer davon abzubringen.
Keron war nun ein junger Mann von 18 Jahren mit kurzen braunen Haaren und einem von der Arbeit mit Sir Francis recht muskulösen Körper, was man ihm aber wegen seiner drahtigen Statur nicht gleich ansah. Dies konnte, wie Keron herausfand, sich allerdings manchmal auch als Vorteil herausstellen, weil ihn seine Gegner oftmals unterschätzten, was wiederum dazu führen konnte, dass er sie mit einem unerwartet kräftigen Schlag überraschte.
Keron hatte zwar die grundlegenden Fähigkeiten, um alleine überleben zu können, aber wenn es zu einem richtigen Kampf kommen würde, käme er mit seinen bescheidenen Schwertkünsten nicht sehr weit. Ein Anflug von Zorn breitete sich in ihm aus. Hätte Sir Francis ihn schon früher im Kampf unterrichtet, wäre vielleicht alles anders gelaufen. Vielleicht hätte er dann etwas tun, hätte irgendwie helfen können.
Keron schüttelte seinen Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen, und Wasser spritzte in alle Richtungen, wie bei einem Hund, der sich nach einem Bad schüttelte, um wieder trocken zu werden.
Vor wenigen Stunden hätte Keron niemals damit gerechnet, dass er sich nun so schlecht fühlen würde. Es war ein wunderschöner Tag gewesen. Sir Francis und er waren vor einem Tag in Reduna, der Hauptstadt des Reiches, angekommen. Die Sonne schien vom blauen Himmel auf Keron herab, der versuchte mit seinem Lehrmeister Schritt zu halten, als sie durch die engen Gassen der Innenstadt marschierten. Er hatte schon viele Orte des Reiches mit Sir Francis besucht, aber in Reduna waren sie nur sehr selten gewesen. Alles schien etwas größer und wundervoller als sonst irgendwo.
„Junge! Pass doch auf, wo du hinläufst!“, rief Sir Francis plötzlich. Keron richtete seinen Blick erschrocken wieder nach vorne, konnte aber nicht mehr verhindern, dass er in einen Händler hineinlief, der gerade die Waren an seinem Stand an der Seite der Gasse neu ordnete. Bei dem Versuch noch auszuweichen, riss er den Mann mit sich zu Boden, was dazu führte, dass einige der Waren auf dem Steinboden klirrend zum Liegen kamen.
„Du verdammter Bengel!“, schrie der Händler wütend. „Geh gefälligst von mir runter, damit ich dir die Ohren lang ziehen kann!“ Sir Francis schnappte seinen Schüler am Kragen und richtete ihn wieder auf. Während Keron Sir Francis entschuldigend ansah, erhob sich auch der Händler und wollte schon wieder anfangen zu schreien. Dann allerdings erblickte er Sir Francis in seiner polierten silbernen Rüstung und das Emblem des Königs auf seiner linken Brust.
Er verstummte und sah zu seinem Verkaufsstand hinüber, wo einige Waren kaputtgegangen waren. „Meine kostbaren Gegenstände!“, jammerte er und funkelte Sir Francis böse an.
Dieser seufzte, holte einen kleinen Lederbeutel hervor und reichte dem verärgerten Händler einige Münzen. Danach wandte er sich ohne ein weiteres Wort zum Weitergehen um und Keron folgte ihm, nachdem er dem Händler noch einen entschuldigenden Blick zugeworfen hatte.
„Du musst wirklich besser aufpassen, Junge“, sagte Sir Francis streng, als Keron ihn eingeholt hatte. „Ein Ritter muss immer wachsam bleiben. Man weiß nie, wann man seinen Feinden gegenübertreten muss.“
„Entschuldigung“, murmelte Keron.
Sir Francis wollte gerade fortfahren seinem Lehrling eine Predigt zu halten, als plötzlich ein lautes Krachen von splitterndem Holz ertönte und er sich nach dessen Ursache umsah. Ein Mann war einige Meter vor ihnen aus einem Lokal hinausgeworfen worden. Vier Männer folgten ihm und halfen ihm aufzustehen. Doch offenbar war die Sache damit nicht erledigt, denn noch mehr Menschen kamen aus dem Gebäude und nahmen gegenüber der ersten Gruppe Aufstellung. Es lag eine bedrohliche Anspannung in der Luft. Keron konnte aus dieser Entfernung nicht verstehen, was die Leute sagten, aber es waren bestimmt keine Nettigkeiten. Dieser Eindruck verstärkte sich weiter, als die beiden Gruppen von Menschen begannen aufeinander loszugehen und sich zu prügeln.
„Vielleicht sollten wir die Stadtwachen holen?“, schlug Keron vor, doch da war Sir Francis schon an ihm vorbeigestampft und ging auf die tobende Menschenmenge zu, die sich gebildet hatte. In seiner schimmernden Rüstung sah er in der Sonne recht eindrucksvoll aus und Keron konnte ihn mit lauter, gebieterischer Stimme rufen hören, während er versuchte die Situation unter Kontrolle zu bringen: „Ihr Narren, prügelt euch nicht wie irgendwelche Tiere! Hört sofort auf!“ Die tobenden Menschen wirbelten den trockenen Staub auf der Straße auf und Keron musste näher herangehen, um erkennen zu können, was dort passierte. Im Vergleich zu ihm selbst sahen die Männer und Frauen, die sich vor ihm prügelten, um einiges stärker aus und er zögerte seinem Mentor zu Hilfe zu kommen. Schnell drehte er sich um die eigene Achse und versuchte irgendwo eine Stadtwache zu finden, als plötzlich ein schriller Frauenschrei die Luft zerriss und Chaos in der Gasse ausbrach.
Die Menschenmassen, die den Kampf bis jetzt mit einiger Begeisterung beobachtet hatten, stoben plötzlich in alle Richtungen davon. Panik stieg in Keron auf und er versuchte gegen den Menschenstrom anzukommen, um zu Sir Francis zu gelangen. Als er endlich an den verängstigten Leuten vorbeigekommen war, gefror ihm das Blut in den Adern. Nur noch eine Person war von den Leuten, die sich geprügelt hatten, übrig geblieben und lag bewegungslos am Boden.
„Fraaancis!“, schrie Keron und lief zu seinem Meister. Er drehte ihn auf den Rücken und sah einen Dolch mit einem aufwendigen Muster am Griff aus dem Bauch direkt unterhalb des Brustpanzers seines Lehrmeisters ragen. Keron legte sich schützend über den Körper seines Meisters und schluchzte, während um ihn herum die Menschen in der Gasse aufgeregt hin und her liefen. Keron konnte es nicht glauben, er rüttelte an Sir Francis, um ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen, aber es half nicht und die Blutpfütze unter ihm wurde immer größer. So viel Blut, das war viel zu viel Blut. Plötzlich wurde Keron von einem Mann in der Uniform der Stadtwache von Sir Francis weggerissen. Ein Dutzend Soldaten waren mittlerweile eingetroffen und versuchten die Lage zu beruhigen. Keron wehrte sich gegen den Griff des Mannes, der ihn festhielt, doch er konnte sich nicht befreien und musste zusehen, wie ein anderer Mann seinen Lehrmeister untersuchte und dann den Kopf schüttelte. Keron gab es auf, sich zu wehren, und heiße Tränen rannen ihm über das Gesicht, als die Soldaten Sir Francis’ leblosen Körper auf eine Trage hievten und davontrugen. Keron erkannte, dass jemand versuchte mit ihm zu sprechen, aber er war wie versteinert, sodass er es nicht schaffte zu antworten. Der Soldat, der ihn immer noch an den Schultern festhielt, schien zu demselben Schluss gekommen zu sein, denn er festigte seinen Griff und bewegte Keron so in dieselbe Richtung, in die sein Meister getragen worden war. Als man ihn zu einem kleinen Amtsgebäude führte, begann es leicht zu regnen. Dort wurde er zu den Geschehnissen befragt und durfte Sir Francis noch einmal sehen, bevor man ihm befahl, vor dem Gebäude auf dem kleinen Platz zu warten. Die Soldaten hatten durchaus Mitgefühl für seine Lage und wollten, dass er im Trockenen blieb, bis ihn jemand abholte, allerdings wollte Keron für den Moment lieber alleine mit seinen Gedanken sein und setzte sich draußen in den Regen an den Sockel der Statue vor dem Amtsgebäude.
Da war er nun und wartete, zu Beginn der Nacht, alleine mit seinen Gedanken. Er konnte es immer noch nicht fassen. Er verfluchte den Schöpfer, weil er alle Personen in seiner Nähe immer zu sich nehmen musste. Was sollte er jetzt nur tun?
Nach einiger Zeit des Grübelns, was nun mit ihm geschehen würde, denn irgendwie musste es doch weitergehen, bemerkte er plötzlich eine Gestalt, die im Dunkeln den Platz vor dem Gebäude der Stadtwache überquerte. Sie sprach kurz mit der Wache, die vor der Tür stand und Keron im Auge behalten hatte, und kam dann direkt auf ihn zu. Es war ein Mann von stattlicher Größe. Er trug einen braunen Mantel um die Schultern und bewegte sich sehr geschmeidig und leise. Man konnte keinen Laut hören, wenn er einen Schritt auf den Steinen des Weges tat. Er kam direkt auf Keron zu und blieb vor ihm stehen. „Bist du der Schüler von Sir Francis?“, fragte er und nun wurde sein Gesicht von den Fackeln vor dem Eingang des Amtsgebäudes erhellt.
„Ja“, antwortete Keron nur und betrachtete den Mann genauer. Er hatte kurze braune Haare, die schon die eine oder andere graue Strähne aufwiesen, und ein recht markantes Gesicht sowie einen gut durchtrainierten Körper, soweit Keron dies durch seine Kleidung erkennen konnte.
„Ich bin Sir Nicolas Tirion. Ich habe von deiner Lage erfahren und biete an dir zu helfen. Wenn du willens bist, mit mir zu kommen, möchte ich dir die Chance geben, von mir zu lernen“, sagte der Mann mit seiner rauen Stimme.
Keron war vollkommen perplex ob dieses Angebotes und brachte nur ein „Wieso?“ heraus.
Sir Nicolas wirkte nicht überrascht und antwortete prompt: „Zum einen kannte ich Sir Francis sehr gut und bin äußerst betrübt über seinen Tod. Zum anderen starb auch mein Meister, als ich mich noch in der Ausbildung befand, und Sir Francis half mir, einen neuen Ausbildungsplatz zu finden. Deswegen weiß ich, wie es dir jetzt geht. Also, ja oder nein, Junge?“
Kurz trat Stille ein. Doch dann traf Keron eine Entscheidung. „Ja, mein Herr. Es wäre mir eine Ehre unter Euch zu lernen“, sagte er, als er seine Stimme wiedergefunden hatte.
Keron verbeugte sich kurz, woraufhin der Mann sich umdrehte und wieder, ohne ein Geräusch zu verursachen, fortging. „Dann komm. Wir holen auf dem Weg noch deine Sachen. Ich selbst wohne, für den Moment, nicht weit von hier in einem Gasthof.“ Keron grinste ein klein wenig. Zum ersten Mal seit Stunden verspürte er so etwas wie Hoffnung. Es würde also doch mit ihm weitergehen. Wenn er religiös gewesen wäre, hätte er geglaubt, dass eine höhere Macht eine schützende Hand über ihn gehalten hatte. Er kannte zwar diesen Mann nicht, aber wenn er wirklich ein Freund von Sir Francis gewesen war, konnte er ihm vielleicht helfen. Außerdem hätte er ohnehin nicht gewusst, was er sonst hätte tun sollen. Nun bot sich zumindest eine Möglichkeit, die er ergreifen konnte.
Es war mittlerweile schon tiefste Nacht, als Keron, seinen Reisebeutel geschultert, neben Sir Nicolas durch die Stadt wanderte. Sie gingen eine Zeit lang immer weiter nach Norden ins Innere von Reduna und dann gegen Osten. Während sie ihren Weg durch die verlassenen Straßen der Hauptstadt suchten, kamen sie an mehreren Gasthäusern vorbei, in denen noch einige Menschen ausgelassen feierten. Als sie gerade wieder einmal an einem dieser Häuser vorbeigingen, aus dem laute Musik drang, wurde plötzlich ein Mann aus der Tür geworfen, der genau vor ihren Füßen landete. Keron rutschte ein erschrockener Schrei heraus, aber Nicolas ließ sich nichts anmerken und half dem bedauernswerten Geschöpf auf die Füße, welcher betrunken etwas murmelte, das wie ein „danke, Sir“ klang, und dann wieder in den Gasthof zurück wankte.
Die beiden setzten ihren Weg durch die dunklen Gassen von Reduna fort, ohne dass Sir Nicolas auch nur ein einziges weiteres Wort mit Keron gewechselt hatte. Schließlich hielt Keron diese Stille zwischen ihnen einfach nicht mehr aus. Er hatte so viele Fragen.
„Haben Sie Sir Francis wirklich gekannt?“ Es war eigentlich eine dumme Frage, da er die Antwort ja schon erhalten hatte, doch es war ein Anfang. „Ja, das habe ich. Ich habe ihn kennengelernt, als ich so in deinem Alter war, vielleicht etwas älter, und mein Ausbilder gestorben war. Sir Francis hätte mich als seinen eigenen Schüler aufgenommen, allerdings hatte er damals schon einen Lehrling, der ihn begleitete, und half mir deshalb, als Schüler der Reichsschützen aufgenommen zu werden. Aber genug jetzt von der alten Zeit. Wir können uns morgen weiter unterhalten“, sagte er und beendete damit das Gespräch wieder. Keron wusste damals nicht viel über die Reichsschützen, nur dass sie die besten Bogenschützen des Landes waren, direkt dem König unterstanden und dass sich die einfachen Bürger viele Geschichten über sie erzählten, von denen eine unwahrscheinlicher war als die andere. Keron wollte unbedingt wissen, ob sein neuer Lehrmeister nach seiner Ausbildung bei den Reichsschützen auch in der Lage war, so gut mit dem Bogen umzugehen, wie es der Volksmund von den Reichsschützen erzählte. Doch Nicolas hatte ziemlich deutlich gemacht, dass das Gespräch für heute beendet war. Daher fragte Keron ihn nicht weiter aus, damit er ihn nicht jetzt schon gegen sich aufbrachte, indem er etwas Dummes tat.
Kurz darauf kamen sie offenbar an jenem Ort an, zu dem Nicolas sie führte. Sie standen Schulter an Schulter vor einem kleinen Gasthof, der „Der wilde Bär“ hieß und ein kleines rotes Schild über der Tür hatte, auf dem ein Bär mit einem Bierkrug dargestellt war. Aus der Eingangstür drang etwas Licht heraus und man konnte die Stimmen der Leute hören, die sich im Gastraum unterhielten. Keron folgte Sir Nicolas in den Schankraum, der voll mit Menschen war, die lachten, tranken und sich angeregt unterhielten. Sir Nicolas nickte dem Wirt kurz zu, der seinerseits zurücknickte, und durchquerte dann den Raum. Keron fand, dass der Wirt mit seinem langen struppigen Bart und dem außerordentlich großen und muskulösen Körper im Licht des Kamins und der Kerzen wirklich etwas von einem Bären hatte. Sie bahnten sich einen Weg durch die munteren Leute und gingen in den zweiten Stock hinauf. Nicolas zeigte Keron die Tür zu seinem Zimmer, flüsterte „gute Nacht“ und verschwand dann im Zimmer nebenan. Keron wunderte sich über die Wortkargheit seines neuen Lehrmeisters. Er konnte diesen Mann einfach noch nicht einschätzen.
Keron öffnete zaghaft die Tür, die mit einem leisen Quietschen aufschwang, und wartete ein bisschen, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann entdeckte er, dass es zwei Betten, zwei kleine Tische neben den Betten und einen runden Tisch mit zwei Sesseln in der Mitte des Raumes gab. Eines von den beiden Betten war leer, doch in dem anderen schlief schon jemand. Keron versuchte sich so langsam und leise wie möglich zum leeren Bett zu bewegen, aber leider war der Boden alt und knarrte unter Kerons Gewicht. Er setzte sich auf das freie Bett und bemerkte plötzlich, wie müde ihn die Ereignisse des Tages gemacht hatten. Er breitete sich auf der überraschend weichen Matratze aus und versuchte schnell einzuschlafen. Doch jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Sir Francis vor seinem geistigen Auge blutend in dieser Gasse liegen. Wieder einmal staunte er darüber, wie schnell sich das Leben eines Menschen ändern konnte. Allerdings hatte er nicht viele Alternativen. Er musste irgendwie weitermachen. Dies hatte ihm sein bisheriges Leben beigebracht. Es musste immer irgendwie weitergehen.
Da er einfach nicht einschlafen konnte, lag Keron einige Zeit nur da und lauschte den Geräuschen der Nacht. Von unten hörte er die gedämpften Stimmen der Leute, die noch tranken und lachten. Er vernahm auch die leisen regelmäßigen Atemzüge der Person, die neben ihm, auf der anderen Seite des Zimmers schlief. Doch aus dem Nebenzimmer, wo sich Nicolas aufhielt, hörte er keinen einzigen Laut. Es dauerte noch einige Zeit, bis es im Schankraum unter ihnen ruhig wurde und Keron endlich vor Übermüdung einschlief. Er fiel erschöpft in die Welt der Träume, die diese Nacht vom Tod Sir Francis’ und dem Blut handelten, das er an diesem Tag zu sehen bekommen hatte.
Nächtliche Flucht
Am nächsten Morgen wurde Keron vom Licht geweckt, das durch das Fenster genau auf sein Gesicht schien. Langsam richtete er sich im Bett auf und gähnte. Er fühlte sich nicht ausgeruht, denn er hatte nicht gut geschlafen. Immer wieder träumte er vom toten Körper seines früheren Lehrmeisters und auch jetzt noch konnte Keron den blutigen Leichnam vor seinem geistigen Auge sehen. Deshalb entschied er, nicht länger liegen zu bleiben, sondern aufzustehen und seine neue Umgebung bei Lichte zu entdecken. Keron stand auf, nahm sein Hemd, das er am Abend zuvor abgelegt hatte, und streifte es sich über. Erst dann realisierte er, dass letzte Nacht noch jemand in diesem Zimmer geschlafen hatte. Er versuchte sich so beiläufig wie möglich umzudrehen und als er das verwaiste Bett erblickte, atmete er erleichtert auf. Anscheinend war sein Zimmergenosse schon sehr früh am Morgen aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen, ohne dass Keron es bemerkt hatte.
Schlaftrunken wankte er zum Fenster und warf einen Blick hinaus auf die Straße. Es war ein sehr schöner Frühlingstag und die Händler fuhren mit Karren, auf denen sie ihre Waren geladen hatten, unter seinem Fenster in Richtung des großen Marktes von Reduna. Da Reduna die Hauptstadt des Reiches Ryloven war, kamen Händler aus allen Ecken des Landes, um ihre Waren am berühmtesten Markt des Reiches feilzubieten. Keron hatte bis jetzt noch keine Zeit gehabt, sich das Treiben und Feilschen der Leute auf diesem Markt anzusehen, aber er nahm sich fest vor die Stadt in den nächsten Tagen, wenn möglich, zu erkunden. Mit Mühe wendete sich Keron vom Fenster und dem Treiben unter ihm ab und ging auf die Tür zu, um sich etwas umzusehen. Als er an dem kleinen runden Eichentisch vorbeiging, der in der Mitte des Zimmers stand, bemerkte er etwas, das gestern noch nicht da gewesen war. Auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem etwas geschrieben stand. Überrascht stellte er fest, dass der Zettel an ihn adressiert war:
Nicolas hat mir gesagt, dass wir einen Neuzugang haben und ich mich um dich kümmern soll, während er in der Stadt etwas zu erledigen hat. Wenn du bereit bist, findest du mich in den Stallungen des Gasthofs.
Will.
Keron las die Nachricht erneut und steckte sie dann in die Innentasche seines Hemdes. Von Neugierde getrieben, weil er erfahren wollte, wer dieser Will war, öffnete er die Tür und betrat den Flur. Er ging gerade die Treppe hinunter, als er fast mit einem Mädchen zusammenstieß. Nachdem er sich höflich entschuldigt hatte, grüßte er sie und sie stellten sich einander vor. Ihr Name war Clara. Die Tochter des Wirtes war ungefähr in seinem Alter, hatte langes, welliges braunes Haar und einige ihrer Haarsträhnen waren zu Zöpfen geflochten. Aber was Keron besonders an ihrem Aussehen fesselte, waren ihre strahlend blauen Augen, die ihn in ihren Bann zogen. Als er bemerkte, dass er sie schon einige Zeit lang anstarrte, wurde er etwas rot und verabschiedete sich schnell. Die Treppe weiter hinuntergehend stellte er fest, dass er zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte. Im Schankraum angekommen, saßen viel weniger Menschen an den Tischen als am vergangenen Abend. Viel weniger war eigentlich noch untertrieben, denn es saß nur ein einziger Mann in einer dunkleren Ecke des Raumes, dessen Gesicht Keron nicht erkennen konnte, weil es von der Kapuze seines Umhanges fast vollkommen verdeckt wurde. Keron kümmerte sich nicht weiter um diesen Mann und ging auf die andere Seite des Raumes, an der der Wirt gerade Krüge hinter der Theke säuberte.
„Guten Morgen“, brummte der Wirt mit seiner tiefen rauen Stimme, die seine Ähnlichkeit mit einem Bären nur noch deutlicher machte.
„Guten Morgen“, gab Keron als Begrüßung zurück. „Entschuldigen Sie Sir, könnten Sie mir bitte sagen, wie ich zu den Ställen komme?“ Plötzlich brach der Wirt in lautes Gelächter aus und hätte fast den Krug fallen gelassen, den er gerade zu reinigen versuchte.
„Oh Junge, so höflich war schon lang keiner mehr zu mir. Bitte nenne mich einfach Bert, denn es kommt mir merkwürdig vor, wenn mich jemand mit Herr oder Sir anredet. Bist du nicht der Junge, der gestern mit Nicolas angekommen ist?“
„Ja, das bin ich wohl, aber sage mir bitte, wo der Stall ist.“
„Kannst es wohl kaum abwarten zu arbeiten, was? Den Stall findest du, wenn du durch die Tür dort hinten gehst, doch vorher wird meine Frau dir ein richtiges Frühstück machen.“
Keron wandte den Blick verlegen ab. „Das ist sehr nett, aber ich habe kein Geld, um es zu bezahlen“, sagte er mit einem entschuldigenden Schulterzucken.
„Das ist kein Problem. Da du zu Nicolas gehörst, geht diese Mahlzeit, aber nur diese Mahlzeit, auf mich Kleiner, denn irgendwie muss ich auch mein Geld verdienen“, brummte er und gab Keron einen Klaps auf die Schulter, der so stark war, dass er fast wieder von dem Hocker rutschte, auf dem er sich gerade niedergelassen hatte. Der Wirt rief ins Zimmer hinter der Theke, damit Keron etwas zu essen bekam.
Kurz darauf brachte ihm Clara einen großen Teller mit Brot und gekochten Eiern. Als Keron ihr wieder in ihre blauen Augen schaute, hatte er wie schon auf der Treppe zuvor so ein komisches Gefühl. „Danke“, sagte Keron, als sie ihm den Teller hinstellte.
Dieses Mal erwiderte sie nichts, sondern kehrte gleich wieder ins Hinterzimmer zurück. Derweil er den ersten Bissen des Brots genoss, merkte er, dass er schon seit gestern Nachmittag nichts mehr zu essen gehabt hatte. Während Keron aß, unterhielt er sich noch ein bisschen mit Bert über die Stadt und der Wirt erzählte ihm, dass gestern ein bedeutender Mann des Reiches auf offener Straße ermordet worden war. Keron verkrampfte sich der Magen bei der schmerzhaften Erinnerung an Sir Francis, er verblieb allerdings stumm und erzählte dem Wirt nicht, dass er der Schüler dieses Mannes gewesen war. Aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht ganz verstand, wollte er von diesem großen Bären kein Mitleid. Schließlich bedankte Keron sich für das Mahl und ging auf die Tür zu, die zum Stall führte, um Will zu treffen.
Als er den Stall betrat, stieg ihm gleich der übliche, beißende Stallgeruch in die Nase, doch da er nicht zum erster Mal an so einem Ort war, gewöhnte er sich schnell an den Geruch von nassem Stroh und Pferdekot. Er schaute sich etwas um, konnte aber niemanden außer den fünf Pferden entdecken. Keron vermutete, dass die Pferde auf der rechten Seite des Durchgangs dem Wirt gehörten und das graue Pferd etwas weiter dahinter dem Mann im Schankraum, der die Kapuze seines Mantels übers Gesicht gezogen hatte. Jedoch konnte er sich nicht sicher sein, denn er wusste ja nicht, wie viele Leute sich noch in den Gästezimmern des Gasthofes befanden. Ganz hinten im Stall entdeckte er noch drei weitere Pferde, die nahe dem Ausgang standen. Das mittlere der drei war sehr groß und entsprach der Statur eines Schlachtrosses, weshalb er vermutete, dass es Sir Nicolas’ Pferd war. Weiters dachte er, könnte das rechte Pferd Will gehören, weil es etwas kleiner war als das mittlere Ross. Doch am meisten verwunderte ihn das fünfte und damit letzte Pferd im Stall. Er musste zweimal hinschauen, um ganz sicher zu gehen. Es war braun, ungefähr so groß wie das von Will, aber es hatte einen weißen Fleck um das rechte Auge. Es war sein eigenes Pferd, das er, wegen der Wirrnisse des vergangenen Tages ganz vergessen, bei der Herberge seines früheren Meisters gelassen hatte. Schnell lief Keron zu dem Tier, um es zu begrüßen.
„Hallo, Weher! Wie geht es dir, mein alter Freund?“ Weher wieherte kurz, was die vertraute Antwort war, wenn Keron sein Pferd begrüßte. Vor lauter Freude, dass er sein Pferd wiederbekommen hatte, war ihm zunächst gar nicht aufgefallen, dass neben seinem Pferd in einem Haufen trockenen Strohs jemand lag und schlief. Leise schritt er um sein Pferd herum, um sich den Schläfer genauer anzusehen. Keron schätzte ihn ungefähr auf sein Alter, doch weil der Fremde nicht ganz ausgestreckt dalag, konnte Keron seine Größe nicht genau bestimmen. Er war grob geschätzt einen Kopf größer als er selbst. Keron beugte sich hinunter, um zu erfahren, ob der junge Mann vor ihm wirklich nur schlief. Doch sein Atem war laut und deutlich zu hören.
„Will?“, versuchte Keron den Schlafenden zu wecken, doch dieser reagierte gar nicht auf diesen Versuch. „Bist du Will?“, fragte Keron nun etwas lauter als zuvor, doch wieder war keine Reaktion auszumachen. Weher verfolgte die Versuche seines Freundes, Will so diskret wie möglich zu wecken, geduldig, doch dann begann er plötzlich ganz laut zu wiehern. Will schreckte aus seinem Schlaf hoch und hielt sich die Ohren zu.
„Achhh, sei doch still du dummer Gaul, warum musst du mich auch aus dem Schlaf reißen?“, fragte Will das Pferd mit einem beleidigten Unterton in seiner Stimme.
„Hey, wen nennst du hier dummen Gaul!“ fuhr ihn Keron an, den Will bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bemerkt hatte. Will zuckte zusammen und drehte sich schnell zu Keron um. Sein erstauntes Gesicht über den unerwarteten Zwischenruf wich schnell einem breiten Grinsen und einem herzhaften Lachen. „Hahaha! War doch nicht so gemeint, aber dieses Pferd hat mich nun mal geweckt und das mag ich gar nicht. Tut mir leid, Brauner“, fügte er an Weher gewandt hinzu, ohne sein Grinsen zu verlieren.
„Du musst wohl Keron sein oder liege ich da etwa falsch? Nicolas sagte mir, dass wir einen Neuzugang haben.“
„Ja, der bin ich und ich vermute mal, dass du Will bist“, antwortete Keron dem immer noch grinsenden Will.
„Der einzig Wahre, möchte ich hinzufügen“, sagte dieser und machte einen hochmütigen Adeligen nach, bevor er wieder zu lachen begann. „Komm, gehen wir in den Schankraum und unterhalten uns dort weiter. Vielleicht gibt uns der alte Bert einen Trunk aus.“ Während sie den Stall durchquerten und Will fröhlich vor sich hin summte, konnte Keron sich schließlich nicht mehr zurückhalten.
„Du bist aber ein sehr fröhlicher Zeitgenosse, oder?“
„Bin ich das?“, gab Will erstaunt über die Frage seines Kameraden zurück. Zum ersten Mal verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht und er wurde nachdenklich. Keron war schon dabei, im Geiste seine Entschuldigung zu formulieren, weil er Will auf keinen Fall zu nahe treten wollte. Doch bevor er etwas sagen konnte, fing Will, der die schuldbewusste Mimik seines neuen Reisegefährten zum Schreien komisch fand, wieder an zu lachen. „Ja das bin ich wohl, Key“, brachte er zwischen seinem Lachen heraus. Und dieses Mal schloss sich Keron ihm an, der begriff, dass sein neuer Freund ihn gerade hereingelegt hatte. Guter Laune betraten sie den Schankraum und setzten sich auf die abgenutzten Holzstühle an einen Tisch nahe der Treppe, die in den ersten Stock führte.
„Also Key, erzähl mal. Was ist deine Geschichte?“, fragte Will während er aus dem Fenster auf die Straße schaute.
„Geschichte?“, gab Keron verwundet zurück.
„Na ja, du musst doch eine Geschichte haben, jeder hat doch eine. Zum Beispiel würde mich interessieren, wie es dazu kam, dass du jetzt hier bei mir sitzt“, versuchte Will nachzubohren, damit Keron ihm etwas erzählte. Also begann Keron ihm von seinen Reisen mit Sir Francis zu berichten. Doch schon bald unterbrach Will ihn.
„Ist das nicht der Mann, der gestern auf offener Straße erstochen wurde?“ Schweigen breitete sich über die zwei aus, denn Keron wollte nicht über die Geschehnisse des gestrigen Tages reden und Will erkannte, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte, woraufhin er lieber nicht weiter nachfragte.
„Aha, ist ja auch nicht so wichtig“, sagte Will und wechselte das Thema. „Nicolas hat mir gesagt, dass er erst gegen Abend wiederkommen wird, deshalb schlage ich vor, dass wir uns die Stadt etwas genauer anschauen gehen“, versuchte Will etwas unbeholfen das Gespräch zu beenden. Keron nickte zustimmend und so machten sich die beiden auf in die Stadt. Keron konnte es nicht genau erklären, aber seit dem ersten Moment konnte er Will gut leiden und er hatte so ein Gefühl, dass sie schon bald gute Freunde werden würden.
Als Keron den Gasthof verließ und auf die Straße hinaustrat, musste er zuerst einige Male blinzeln, weil sich seine Augen an das trübere Licht im Gasthof gewöhnt hatten. Mittlerweile herrschte bereits geschäftiges Treiben auf den Straßen der Stadt. Sie beschlossen die Richtung zum Markt- und Handelsviertel der Stadt einzuschlagen. In dieser Gegend von Reduna, die sie gerade durchquerten, lagen hauptsächlich Wohnhäuser von einfachen Bürgern, wenn man von den einzelnen Schenken und Gasthöfen einmal absah. Links und rechts an den Seiten standen Steinhäuser, die nicht mehr als zwei Stockwerke besaßen. Es war ein sehr einfacher architektonischer Stil ohne unnötige Verzierungen, abgesehen von wenigen einfachen Mustern an den Eingängen. Vor jedem Fenster gab es braune oder grüne Fensterläden und vor manchen waren Schnüre gespannt, um dort Wäsche zum Trocknen aufhängen zu können.
Erst jetzt bemerkte Keron, wie groß Will wirklich war. Seine erste Schätzung hatte sich als richtig erwiesen, denn Will war ungefähr einen Kopf größer als er und seine Arme und Beine waren auch dementsprechend lang. Sein Gang hatte etwas Federndes an sich und er strahlte eine gewisse Kameradschaft aus, die Keron noch nie verspürt hatte und die er sich nicht wirklich erklären konnte. Plötzlich blieb Will vor Keron stehen.
„Hörst du das?“, fragte er ihn. Und wirklich. Wenn Keron ganz genau hinhörte, konnte er viele Stimmen von Menschen ausmachen, die miteinander redeten.
„Wir müssen schon nah am Marktplatz von Reduna sein“, stellte Keron fest. Will nickte nur und wies seinem Freund, ihm in eine Seitengasse zu folgen. Dort kletterte er auf drei übereinandergestapelte Kisten und sprang hoch, um sich mit den Händen an der Kante des niedrigen Daches festzuhalten und hinaufzuziehen. Will machte dies mit so einer Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit, dass Keron nur über seinen neuen Freund staunen konnte und er schwor sich, Will bei der nächsten Gelegenheit zu fragen, wo er so etwas gelernt hatte. Kurz darauf konnte Keron ihn nicht mehr sehen, doch dann tauchte sein Kopf wieder auf und er rief zu Keron herab.
„Komm endlich rauf. Du musst das sehen.“ Keron stieg auf die drei großen Kisten, die unter seinem Gewicht etwas nachgaben, aber zum Glück nicht zusammenbrachen. Nach einem kurzen Moment des Zweifels wagte er den Sprung zur oberen Kante des Hauses und versuchte sich hochzuziehen, allerdings hatte er nicht genug Kraft in den Armen. Doch mit der Hilfe von Will schaffte er es schließlich hinauf. Oben auf dem kleinen Dach angekommen, kletterten sie weiter auf das Dach des Hauses nebenan. Dort zeigte Will ihm eine Leiter, die sie benutzten, um auf nächsthöhere Gebäude zu gelangen. Und wieder erkletterte Will die Leiter, ohne Probleme dabei zu haben. Doch als Keron hinaufklettern wollte, schaffte er es nicht die Leiter so schnell und flink zu erklimmen wie sein Freund. Er beneidete Will um dessen Geschicklichkeit.
Will hatte wirklich recht damit gehabt, dass es sich lohnen würde, auf das Dach zu klettern, denn von dort oben hatten sie eine wunderbare Aussicht auf den unter ihnen liegenden Marktplatz und die verschiedenen Leute, die dort Handel trieben. Es war einfach großartig. Keron erkannte Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen des Reiches und vor allem die Menschen der östlichen Region von Ryloven fielen ihm wegen ihrer besonders bunten Kleider gleich auf. Nachdem sie einige Zeit an der Kante des Daches gestanden und dem Treiben unter ihnen schweigend zugesehen hatten, wurde Kerons Neugierde einfach zu groß. „Will?“
„Hmmm“, kam es nur als Antwort zurück.
„Du hast mich doch vorher nach meiner Geschichte gefragt, aber du hast noch gar nichts von dir erzählt. Ich würde gerne wissen, woher du so gut auf Dächer klettern kannst?“
„Soso, das wüsstest du gerne, was?“, sagte er und grinste dabei, ohne den Blick von den Leuten zu nehmen. „Du musst dazu erst einmal wissen, dass ich in einer ähnlich großen Stadt wie Reduna als Waise aufgewachsen bin. Die meiste Zeit des Tages habe ich damit verbracht, auf der Straße zu sein, auf Häuser zu klettern, mir geheime Schlupfwinkel zu suchen und am Leben zu bleiben“, fügte er mit einem Schmunzeln hinzu. „Die beste Zeit des Jahres war die, wenn die Gaukler ihr Können auf den Plätzen öffentlich zeigten. Ich bin dann einige Tage nicht ins Waisenhaus zurückgekehrt, sondern habe mit den Gauklern gelebt und einiges von ihnen gelernt. Zum Beispiel habe ich von einem Mann namens Haster das Messerwerfen gelernt und ein paar andere Leute haben mich im Bestehlen von Menschen unterrichtet. Im Nachhinein kann ich es nicht gut heißen, was ich damals getan habe, aber zu meiner Entschuldigung muss man hinzufügen, dass ich es nicht besser wusste und das Gauklerleben wirkte so aufregend. Allerdings bedauere ich die Erfahrungen nicht, die ich gemacht habe, denn ohne sie hätte ich Nicolas nie getroffen.“ Keron unterbrach ihn nicht, um eine Zwischenfrage zu stellen, da er die Geschichte unbedingt hören wollte. Er ließ Will also einfach weiterreden und hörte gespannt zu.
„Es war eines Tages ziemlich genau um die Mittagsstunde, als ich versuchte einen Apfel von einem der Händler zu stehlen. Doch noch bevor ich den Apfel auch nur berührt hatte, wurde mein Arm plötzlich von einer Hand gepackt und aufgehalten. Ich dachte schon eine der Stadtwachen hätte mich erwischt und es wäre aus mit mir. Aber als ich hochschaute, erblickte ich das erste Mal Nicolas Tirion, der mir direkt in die Augen sah und langsam den Kopf schüttelte. Er nahm mich etwas zur Seite und als sich sein Griff lockerte, riss ich mich los und rannte so schnell ich konnte durch die Menge auf die andere Seite des Platzes. Ich versteckte mich in einem meiner geheimen Schlupfwinkel, der ganz in der Nähe war und ruhte mich aus. Mein Herz klopfte wie wild und ich war froh, dass ich gerade noch so entkommen war. Allerdings wie heißt es so schön, man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Will lachte über seine eigene Geschichte, doch Keron war zu gefesselt, um sich ihm anzuschließen. Nachdem Will sich wieder gefangen hatte, bat Keron ihn, er solle doch bitte weiter erzählen und dies tat Will dann auch.
„Am nächsten Tag kam Nicolas im Waisenhaus vorbei und schlug der Frau, die das Waisenhaus leitete vor mich mitzunehmen und mich zu unterweisen. Zuerst habe ich mich gegen diese Vorstellung gewehrt und ich konnte mir auch nicht erklären, wie mich dieser Mann wiedergefunden hatte. Aber da er wohl irgendetwas in mir gesehen hatte und ich das Leben im Waisenhaus und auf der Straße schon ziemlich satthatte, entschied ich mich mit diesem Mann mitzugehen. Was ich bis heute nie bereut habe.“ Für einen kurzen Moment hatte Keron den Eindruck, dass sich Wills Miene verdunkelte. Doch dann war der Moment auch schon wieder vorbei.
„So, nun kennst du meine Geschichte und ich möchte betonen, dass ich um einiges mehr erzählt habe als du. Aber lassen wir es derweilen gut sein. Los, lass uns wieder nach unten steigen und schauen, was die Händler so zu verkaufen haben.“
Und bevor Keron etwas einwenden konnte, hatte Will sich umgedreht und war bereits halb die Leiter hinuntergeklettert. Schnell folgte ihm Keron und schon bald befanden sie sich mitten im Getümmel des Marktes. Mit großen Augen bestaunten sie die wunderlichsten Dinge, die es an den einzelnen Ständen zu kaufen gab. Es gab dort fast jede erdenkliche Ware, die Keron sich vorstellen konnte. An einem Stand begutachtete er wunderschöne gewebte Teppiche, an anderen Ständen wurden Waffen, Helme und Brustpanzer verkauft, die alle schön poliert waren und in der Sonne glänzten. Neben Haushaltsgegenständen und kleinen Möbelstücken wurden ebenso Blumen, Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse angeboten. Während sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnten, musste Keron sich immer wieder bei Leuten entschuldigen, weil er sie in diesem Gedränge unabsichtlich angestoßen hatte. Will hingegen hatte keine Probleme, sich ohne Zusammenstöße durch die Menschenmasse zu bewegen und bekam dafür gelegentlich einen bösen Blick von Keron, der einfach nicht verstehen konnte, wie sich sein Freund so mühelos von einem Stand zum nächsten bewegte. Keron war ganz fasziniert von dem Schauspiel, das sich ihm bot. Er hörte Käufer beim Feilschen mit Händlern zu, er hörte das wütende Schreien eines Verkäufers, wenn seine Kundschaft ihm weniger Geld geben wollte, als er es sich vorstellte. Doch man hörte auch oft Ausrufe der Freude und sah energisches Händeschütteln, wenn ein Händler ein gutes Geschäft gemacht hatte. Keron sah viele Gegenstände, die ihm sehr gefielen, wie ein Schwert, das mit Rubinen am Griff besetzt war, die in der Mittagssonne rot leuchteten. Aber weil Keron kein Geld hatte, um sich so ein wertvolles Stück leisten zu können, folgte er Will einfach, der ab und zu bei einem Stand stehen blieb, den Händler fragte, wie viel er für dieses oder jenes Stück verlangte und dann wieder weiterging. Nur einmal blieb Will länger bei einem Stand stehen und Keron konnte sehen, wie seine Augen glänzten, als er ein Set von fünf Dolchen begutachtete. Will versuchte sogar mit dem Händler zu feilschen, um sich diese Dolche zu kaufen, aber der Mann war sehr stur, was den Preis anbelangte und ließ nicht mit sich verhandeln. Verärgert über die Dickköpfigkeit des Händlers gab Will seine Versuche, die Dolche zu erwerben, auf und drehte sich zu Keron um.
„Komm, lass uns etwas zu essen kaufen und dann setzen wir uns an einen ruhigeren Ort. Ich bekomme auf diesen Märkten immer Hunger“, bemerkte er mit einem grimmigen Gesicht. Keron stimmte seinem Freund zu. Deshalb gingen sie zum nächsten Bauernstand und kauften dort einen kleinen Laib Brot und etwas Obst. Danach verließen sie den Platz durch eine kleine Seitengasse und kamen an einem weiteren Platz heraus. Er war nicht so groß wie jener, auf dem die Händler ihre Waren feilboten, allerdings war es auch nicht so laut. In der Mitte des Platzes befand sich eine Statue auf einem etwas erhöhten Plateau, zu deren Füßen sie sich hinsetzten und aßen. Nach dem sie beide etwas im Magen hatten, besserte sich Wills Laune wieder und er vergaß die unerreichbaren Dolche. Diesen Umstand nützte Keron gleich aus, um Will eine weitere Frage zu stellen.
„Will, wie ist Sir Nicolas eigentlich so?“
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Nicolas ist ein guter Lehrer und ich habe gehört, dass er nicht jeden als Schüler akzeptiert, deshalb können wir uns glücklich schätzen, denke ich.“
„Das ist ja alles schön und gut, aber kannst du mir nicht bitte mehr über ihn erzählen“, ließ Keron nicht locker, der vermutete, dass Will noch mehr wusste. Immerhin reiste er schon längere Zeit mit Sir Nicolas durch Ryloven.
„Na gut. Ehrlich gesagt, redet er kaum über sich selbst, aber das ist vermutlich so, wenn man ein Mitglied der Reichsschützen ist, denn die sind ein eher verschwiegener Orden.“ Bei diesem Wort wurde Keron neugierig. Er hatte Geschichten gehört, allerdings nie erfahren, ob sie auch wahr waren.
„Stimmt es, dass sie die besten Bogenschützen des Reiches sind?“, fuhr ihm Keron dazwischen.
Will nickte. „Ja, ihre Schussgenauigkeit auf weite Distanzen ist sehr gefürchtet und die Tatsache, dass sie äußerst schnell zwischen verschiedenen Zielen wechseln können, macht sie zu sehr gefährlichen Gegnern. Allerdings habe ich Nicolas noch nie schießen sehen. Er trägt den Bogen und den Köcher zwar meistens bei sich, doch ich konnte ihn noch nie in Aktion sehen.“
„Wenn das stimmt, dann würde ich es sehr gerne von ihm lernen. Aber erzähl mir noch mehr über ihn“, drängte Keron auf weitere Informationen.
„Tja, ich bin selbst noch nicht einmal ein Jahr bei ihm und bis jetzt hatten wir, abgesehen von ein paar Grundstellungen im Schwertkampf, nicht viel Zeit uns mit meiner Ausbildung zu beschäftigen, weil wir eigentlich ständig auf Reisen waren. Viele Menschen treten Sir Nicolas mit großer Ehrfurcht gegenüber, da er im letzten großen Krieg gegen die Teatoken, deren Land an das Gebirge im Nordwesten angrenzt, eine wichtige Rolle gespielt hatte. Doch was er wirklich getan hatte, weiß ich selber nicht so genau.“ Will unterbrach seine Erläuterungen kurz und schien zu überlegen. Doch schließlich erschien erneut sein vertrautes Grinsen auf seinem Gesicht: „Genau, bevor ich es vergesse, sollte ich dir sagen, dass du ihm lieber nicht zu viele Fragen stellst. Denn das kann er nicht so gut leiden. Außerdem verlangt er beim Training und bei jeder anderen Arbeit, die er dir aufträgt, vollste Konzentration und Aufmerksamkeit. Ich glaube, das ist das Wichtigste, das du über ihn wissen musst. Alles andere wird er dir schon selber erzählen, wenn er es für notwendig empfindet.“
Während Keron noch über die Worte seines Freundes nachdachte, stand dieser schon auf, um die Stadt etwas weiter zu erkunden. Will wollte noch unbedingt zur großen Burg des Königs gehen. Er ersuchte Keron hier kurz auf ihn zu warten, während er in die Schenke auf der anderen Seite des Platzes ging, um den schnellsten Weg zu erfragen. Nachdem Keron einige Zeit den vorbeigehenden Leuten zugesehen hatte, kam Will wieder und die beiden machten sich auf den Weg. Sie waren noch nicht weit gegangen, da konnten sie schon die Turmspitzen über den Dächern der Häuser aufragen sehen. Umso näher sie der Burg kamen, umso mehr veränderte sich auch der Stil der Häuser.
„Ohne Zweifel befinden wir uns jetzt in den Adelsvierteln“, dachte Keron. Und sein Eindruck betrog ihn nicht, denn die Häuser waren nun um einiges größer und prunkvoller gebaut als in den Straßen zuvor. Sie hatten alle große Eingangsportale und zu einigen führte eine Marmortreppe hinauf. Keron entdeckte sogar Statuen auf kleinen von den Dächern abstehenden Sockeln. Doch keines dieser Gebäude war wie die Burg selbst. Es war das beeindruckendste Gebäude, das Keron je gesehen hatte. Sie war von einem breiten Burggraben umgeben, der mit dem Fluss verbunden war, der durch die Stadt ins Meer und damit direkt zum Hafen von Reduna führte. Hinter dem Burggraben stand eine sehr hohe Mauer, die das ganze Gebäude umgab, und in jeder der fünf Ecken der Mauer befand sich ein Wachturm. In das Innere der Festung konnten die beiden nicht genau hineinsehen, aber sie erkannten ein riesiges Gebäude aus weißem Stein im hinteren Teil der Anlage, das das Herzstück der Burg bildete. In diesem Palast würden sich vermutlich die königliche Familie, alle Adeligen und die Diener aufhalten. Außerdem vermutete Keron den großen Prunk- und Ballsaal in diesem Gebäude, von dem er schon manche Leute in Gasthöfen schwärmen gehört hatte.
Nachdem Keron und Will sich einige Zeit diesem Anblick hingegeben hatten, beschlossen sie langsam wieder zurückzugehen. Sie nahmen nicht den direkten Weg zurück zum Gasthof, sondern streiften noch länger durch das Adelsviertel, in dem es mehrere Geschäfte gab, in denen man zum Beispiel prachtvolle Ballkleider kaufen konnte. Ohne ein besonderes Ziel gingen sie durch die Gassen, bis sie wieder am Marktplatz ankamen, auf dem nun nicht mehr so viele Leute waren wie vor einigen Stunden. Viele der Händler fingen sogar bereits an ihre Stände abzubauen und ihre überzähligen Waren wieder auf die Karren zu laden. Mit leichten, schnellen Bewegungen überquerte Will den Platz und Keron folgte ihm mit geringem Abstand, weil er noch einige Gegenstände der Händler betrachtete, die er bei ihrem ersten Besuch aufgrund der vielen anderen Personen nicht gesehen hatte. Am Anfang der Straße auf der anderen Seite des Platzes wartete Will auf seinen neuen Freund, damit Keron ihn einholen konnte. Langsam wurde der Himmel immer dunkler und erstrahlte bereits in einem hellen roten Licht, als Keron das Schild des Gasthofes vor ihnen entdeckte. Er ging voraus durch die Tür und die beiden bahnten sich einen Weg durch die lachenden und trinkenden Arbeiter, die nach ihrem Tagewerk in den Gasthof gekommen waren, um sich etwas zu vergnügen. Will setzte sich auf einen freien Hocker an der Bar und bestellte bei Bert etwas zu essen, während Keron sich neben ihn setzte. Als Bert ihnen zwei Teller vor die Nase stellte, sah Will das breite Grinsen unter seinem buschigen Bart.
„Warum denn so fröhlich heute?“, fragte Will und musste ebenfalls grinsen.
„Es ist nichts Besonderes, aber es kommt eben nicht so oft vor, dass ich schon so früh so viele Kunden habe und da sich, während ihr weg wart, ein umherreisender Barde ankündigte, werden die Leute bis spät in die Nacht bleiben und sich viel zu trinken bestellen“, antwortete der Wirt mit seiner tiefen Stimme. Kurz bevor die beiden ihr Mahl aufgegessen hatten, kam wirklich ein Mann mit einem recht bunten Mantel und einem Zupfinstrument in den Schankraum und fing an zu spielen. Begeistert lauschten die beiden dem Gesang und der Musik des Mannes und aßen weiter.
Es dämmerte bereits, als Sir Nicolas über die hölzerne Zugbrücke ging, um endlich die Burg zu verlassen. Aber es war nicht seine Art sich zu beschweren, denn immerhin hatte er, als einer der angesehensten Leute am Hofe des Königs und als wichtiges Mitglied der Reichsschützen, eine gewisse Verantwortung zu tragen. Das ganze letzte Jahr hatte er verschiedenste Nachforschungen angestellt, deren Ergebnisse er nun dem Obersten der Reichsschützen mitgeteilt hatte. Sir Nicolas ging nicht über die Hauptstraßen zurück zum Gasthof, denn obwohl es ihm sonst nicht viel ausmachte, dass die Menschen oft etwas seltsam reagierten, wenn sie einem Mann in Reichsschützengewändern begegneten, wollte er heute nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er verstand sehr gut, warum die Leute misstrauisch auf Mitglieder seines Ordens reagierten. In den letzten Jahren hatten sich Gerüchte entwickelt, dass ihre Schnelligkeit und ihr Können im Bogenschießen einen unheilvollen Grund hatten, was natürlich vollkommener Unsinn war. Doch andererseits hatte dieser Aberglaube einige Vorteile, denn zum einen wurde den Reichsschützen ein gewisser Respekt entgegengebracht und zum anderen konnten Streitigkeiten oft schon durch die Anwesenheit eines Reichsschützen beendet werden, weil sich die meisten nicht mit einem Reichsschützen messen wollten, was auch daher rührte, dass dieser Bund direkt dem König unterstand und nicht den Fürsten der einzelnen Gebiete von Ryloven.
In dem Bestreben nicht aufzufallen, versuchte Sir Nicolas deshalb nur Seitengassen zu benutzen. Als er den Marktplatz durch mehrere Seitenstraßen umrundete, war es bereits dunkel geworden. Er hatte den großen Platz gerade hinter sich gelassen, als er in der Gasse hinter sich ein Geräusch hörte. Mit einer schnellen Bewegung drehte er sich um und starrte in die Finsternis, doch er konnte niemanden erkennen. Wachsam ging er weiter und änderte manchmal seine Schrittfolge, um zu hören, ob ihn jemand verfolgte. Das Geräusch war kaum wahrnehmbar, aber als er plötzlich ohne Vorwarnung ganz kurz stehen blieb, hörte er jemanden, der in sicherer Entfernung noch einen Schritt machte und dann innehielt. „Das ist kein normaler Straßenräuber“, dachte er. „Denn niemandem ohne eine spezielle Ausbildung ist es möglich, sich so präzise zu bewegen, dass er genau in demselben Takt geht wie ich und sich den veränderten Schrittfolgen so schnell anpasst.“
Ohne sich anmerken zu lassen, dass er von seinem Verfolger wusste, ging er weiter die Gasse entlang, änderte allerdings seine Richtung, weil er seinen Verfolger nicht zum Gasthof führen wollte. Nach einigen Minuten, in denen er vergeblich versuchte die Position seines Schattens zu bestimmen, bog er um die Ecke in eine leicht erhellte Straße und hielt abrupt an. In der Mitte stand eine einzelne, von einem Mantel umhüllte Figur, die auf ihn zu warten schien. Misstrauisch blieb Nicolas mit genügend Abstand zwischen ihm und dem Fremden stehen. Ohne eine Vorwarnung zog die dunkle Gestalt ihr Schwert und machte einen Satz nach vorne. Nicolas hatte gerade noch genügend Zeit sein eigenes Schwert zu ziehen, es hochzureißen und den Schwertstreich seines Gegenübers zu parieren. Immer wieder führte sein Gegner heftige Schläge aus und Sir Nicolas musste erstaunt feststellen, dass die Schwerthiebe schneller auf ihn niederprasselten, als es einem durchschnittlichen Kämpfer möglich sein dürfte. Er parierte einen Seitenhieb, aber der nächste Schwertstreich, der ihm den Kopf von den Schultern getrennt hätte, wenn er sich nicht schnell genug weggeduckt hätte, ließ nicht lange auf sich warten.
Nicolas wich zurück, um etwas Distanz zwischen ihm und seinem Angreifer zu bekommen, doch dieser ließ ihm keine Pause und griff unermüdlich an. Erneut wehrte Nicolas mehrere schnell geführte Hiebe ab, aber er konnte sich in keine bessere Position bringen. „Ich muss irgendetwas unternehmen, sonst könnte dieser Kampf schlecht ausgehen“, dachte Sir Nicolas, duckte sich erneut geschickt unter einem Schwertstreich hinweg und versuchte seinen Gegner an der Seite zu treffen. Nicolas grinste, denn er war sich sicher, dass er es nun endlich geschafft hatte, die Verteidigung seines Angreifers zu durchbrechen. Doch mit einer schon fast übermenschlichen Geschwindigkeit drehte sich der Kämpfer herum und blockte seinen Hieb mit Leichtigkeit ab. Überrascht taumelte Nicolas einen Schritt zurück. Als er glaubte eine weitere Schwäche in der Verteidigung seines Gegners entdeckt zu haben, griff er ihn frontal an, doch zu spät erkannte er, dass diese einladende Bewegung eine Falle gewesen war. Schnell zog der verhüllte Krieger mit seiner freien Hand einen Dolch unter seinem Gewand hervor und versuchte Nicolas’ Schwertarm zu treffen. Der konnte diesem präzise geführten Streich nicht schnell genug ausweichen und so durchschnitt der Dolch sein Gewand und brachte ihm eine Schnittwunde an der Schulter bei. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen rechten Arm und er musste schnell die Schwerthand wechseln, um den nächsten hart geführten Schlag abwehren zu können. Sir Nicolas konnte das Gesicht seines Gegners nicht genau sehen, aber trotzdem glaubte er kurz ein Lächeln erkannt zu haben. Es wurde immer schwieriger für ihn seinem Gegner Widerstand zu leisten. Sein Arm pochte vor Schmerzen und durch die immer wiederkehrenden harten Schläge wurde sein Handgelenk langsam taub. Wieder versuchte sein Gegenüber ihn mit dem Dolch in der Seite zu treffen, doch dieses Mal erkannte Sir Nicolas die Finte und konnte noch rechtzeitig ausweichen. Bei dieser Gelegenheit erhellte der Schein eines nahen erleuchteten Fensters die Klinge des Dolches, den sein Gegner führte. Sie war tiefrot und dies lag nicht an dem Blut, das sich darauf befand. Während seiner Nachforschungen hatte Sir Nicolas Gerüchte über Attentäter gehört, deren Markenzeichen angeblich Dolche mit roten Klingen waren. Allerdings gelang es den Reichsschützen nie, diese Gerüchte zu bestätigen, weil es nie einen Augenzeugen gegeben hatte, den sie befragen hätten können. Angeblich war jeder, der einen dieser Männer gesehen hatte, am Ende tot. Sir Nicolas hatte keinen Zweifel daran, dass er vor genau solch einem Mann, einem Nah’ranen, stand, was seine Chancen auf einen Sieg nicht gerade verbesserte.
Plötzlich hörte Sir Nicolas hinter sich schnelle Schritte, die, wie er vermutete, zu den Nachtwachen gehörten, die in der Stadt patrouillierten. Und da der Nah’rane nun noch schneller angriff, hatte sein Gegner vermutlich denselben Gedanken. Doch so einfach wollte es Nicolas ihm nicht machen und hielt weiter stand. Umso näher die Wachen kamen, umso schneller und stärker wurden die Schwerthiebe seines Gegners, aber je stärker diese wurden, desto unvorsichtiger wurden diese auch. Gerade als die Wachen in ihre Gasse bogen, schaffte es Sir Nicolas, seinem Gegenüber den Dolch aus der Hand zu schlagen, was ihm allerdings eine weitere Schnittwunde einbrachte. Sir Nicolas hoffte, dass der Nah’rane nun die Flucht ergreifen würde, doch zu seiner Überraschung rannte er an ihm vorbei und direkt auf die Patrouille zu. Die vollkommen unvorbereiteten Wachen sahen sich plötzlich einem tödlichen Gegner gegenüber und noch bevor sie ihre Waffen gezogen hatten, waren schon zwei von ihnen der Klinge des Attentäters zum Opfer gefallen. Die restlichen vier Wachen versuchten ihn aufzuhalten, aber nachdem noch ein Soldat tot zu Boden sank, hatte sich der Attentäter schon einen Weg durch die Wachen gebahnt und lief vom Kampfgeschehen weg. Sir Nicolas eilte zu den Wachen und nahm sich einen Bogen, der einem der toten Wachen gehört hatte. Schnell spannte er einen Pfeil ein und schoss auf den flüchtenden Feind. Der Pfeil sirrte durch die Luft und drang in die rechte Schulter des Nah’ranen ein, der jedoch einfach weiter lief, als wäre nichts gewesen, und im nächtlichen Nebel verschwand.
„Kümmert euch um die Toten!“, befahl er den Wachen noch bevor er den zurückgelassenen Dolch in ein Tuch wickelte und sich auf den Weg zum Gasthof machte. Nicolas machte sich Sorgen. Er konnte sich nicht vorstellen, worauf dieser Mann es abgesehen hatte und er handelte möglicherweise nicht alleine. Er musste nachsehen, ob es Will und Keron gut ging. Aber selbst wenn dieses Monster es nur auf ihn abgesehen hatte, sollten sie so schnell wie möglich Reduna verlassen, um herausfinden zu können, wer dieser Nah’rane war und warum er überhaupt angegriffen worden war.
„Da ist etwas in der Dunkelheit. Es ist nahe. Ich kann es in der Stille atmen hören.“ Keron wagte nicht seine Augen zu öffnen. Er blieb reglos liegen und lauschte auf weitere Geräusche. Plötzlich nahm er eine Bewegung neben sich war. Keron schoss hoch, aber eine Hand über seinem Mund hielt ihn davon ab, sich ganz aufzurichten. Sein Herz raste, aber als er sah, wer ihm den Mund zuhielt, entspannte er sich wieder. Es war nur Will, der neben seinem Bett stand. „Wen hatte ich auch erwartet?“ Doch irgendetwas stimmte nicht, denn Wills Hand ließ ihn nicht los und die andere ruhte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf seinen eigenen Lippen.
„Da draußen ist jemand“, flüsterte er und ließ Keron los.
Keron blickte zur Tür, und wirklich, langsam bewegte sich die Türklinke nach unten. So ernst hatte er Will bis jetzt noch nicht gesehen. Es gab nicht einmal ein Anzeichen eines Lächelns auf seinem Gesicht. Die Tür immer fest im Blick bewegte Will sich, ohne dass der Boden knarrte, auf die andere Seite des Zimmers und ließ etwas Glänzendes unter seinem Hemd erscheinen. Die Tür zu ihrem Zimmer schwang mit einem leisen Quietschen auf, aber Keron konnte nur die Umrisse einer großen Gestalt erkennen.
„Steck das Messer weg, Junge“, befahl der Mann leise, doch laut genug, um seinem Befehl Nachdruck zu verleihen. Wills Körper entspannte sich sofort und so schnell, dass Keron es gar nicht sehen konnte, verschwand der Gegenstand in Wills Hand auch schon wieder. Nun kam die Gestalt weiter ins Zimmer hinein und Keron erkannte, wer ihr Besucher war: Sir Nicolas.
„Packt eure Sachen zusammen! Wir müssen Reduna so schnell wie möglich verlassen.“
„Was??? Aber …“
„Keine Diskussion, es ist hier nicht mehr sicher. Beeilt euch, wir treffen uns im Stall“, schnitt Sir Nicolas Will das Wort ab und verließ das Zimmer mit einem leichten Hinken.
Keron zog sich fertig an und packte alle seine Habseligkeiten in einen kleinen ledernen Reisebeutel. Und auch Will machte sich schnell daran, seine Sachen zusammenzusuchen und kurz darauf waren die beiden aufbruchsbereit. Keron öffnete die Tür einen Spalt breit und spähte in den dahinter liegenden dunklen Flur. Niemand war zu sehen. Unsicher betraten die beiden den Flur und stiegen leise die Treppe hinunter. „Da noch alles dunkel ist, muss es noch tief in der Nacht sein“, folgerte Keron in Gedanken. Doch trotz der Finsternis schafften sie es, ohne dabei zu stürzen, in den Schankraum. Schnell und vorsichtig gingen Will und Keron auf die Tür zum Stall zu. Doch noch bevor Will seine Hand auf den Türknauf legen konnte, wurde die Tür von der anderen Seite geöffnet. Kerons Muskeln entspannten sich wieder, als er den großen Wirt in der Tür stehen sah.
„Kommt schnell“, brummte er und hielt die Tür für sie offen. Mit schnellen Schritten durchquerten sie den Stall, bis sie die Pferde erreichten, die Nicolas gerade sattelte. Nachdem die drei ihr Gepäck auf den Sätteln festgebunden hatten, führten sie die Pferde nach draußen.
„Pass auf dich auf, Kleiner“, verabschiedete sich Bert von Will, als dieser gerade auf sein Pferd stieg.
