SAAT und ERNTE, Band 1 - Aina Koregard - E-Book

SAAT und ERNTE, Band 1 E-Book

Aina Koregard

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Beschreibung

Historischer Gesellschaftsroman Es ist das Jahr 2162. Zwölf Zeitfenster. Zwölf Personen. Zwölf Rückreisen. Zwölf Kulturen. Dramatische Verflechtungen seit dem ersten Zusammentreffen vor 4.500 Jahren in Ur am Euphrat. Sie lebten in den unterschiedlichsten Ethnien, Geschlechtsidentitäten, Berufen und Ständen und immer neuen Beziehungen zueinander. Als Teile unterschiedlichster politischer und Glaubens-Systeme hinterlassen leidvolle, traumatische, mächtige, wie schöne Erfahrungen bei ihnen Spuren, von Leben zu Leben. In Band 1 öffnen sich weitere Zeitfenster in der 18. Dynastie des alten Ägyptens, in der Zeit von Nebukadnezar II. in Babylon, in Athen kurz nach Sokrates' Tod und etwa 300 v.u.Z. in die Kultur des alten Hawaii. Ihre Erkenntnisse zeigen die bedeutsamen Beiträge der alten Kulturen zur menschlichen Entwicklung und bieten Weisheit und Inspiration für kommende Generationen. Fesselnde Zeitreisen, die Vergangenheit und Zukunft auf einzigartige Weise verweben. Als Teile unterschiedlichster politischer und Glaubens-Systeme hinterlassen leidvolle, traumatische, mächtige, wie schöne Erfahrungen bei ihnen Spuren, von Leben zu Leben, und formen sie zu den Individuen, die sie jetzt sind. Tauchen Sie ein in eine packende Reise durch Zeit und Raum, die Vergangenheit und Zukunft auf einzigartige Weise verwebt. Jede Erfahrung prägt auf ihre Weise.

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Seitenzahl: 1160

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Aina Koregard ist geboren und aufgewachsen an der dänischen Grenze im Norden Deutschlands. In Hessen arbeitet sie als Lehrerin für Geschichte, Kunst und Philosophie. Alte Mythen, philosophisches Gedankengut, kulturelle Vielfalt, sowie technische, biotechnische und digitale Ausblicke in die Zukunft faszinieren sie.

Über allem steht das Staunen über die Mannigfaltigkeit und Schönheit, die das einzigartige Kunstwerk des Organismus Erde uns jeden Tag aufs Neue zeigt. Ein Geschenk. Das vermittelt sie uns mit jedem ihrer Werke.

Die Erzählweise setzt auf historische Einblicke und kulturellen Reichtum, integriert andererseits philosophische und spirituelle Dimensionen, die auf universelle menschliche Werte hinweisen. Zudem bringt die Zeitreise-Komponente eine fesselnde, visionäre Wendung ein.

SAAT und ERNTE war ihr erster Roman, den sie 2009 zu schreiben begann. 2012 ließ die Autorin alle Bände in einer Mini-Auflage drucken. Doch das umfassende Werk war noch nicht rund. Nach Fertigstellung von GAIA NOVA in 2023, einem weltbewegenden Gesellschaftsroman durch 300.000 Jahre der Menschheitsgeschichte, wurde SAAT und ERNTE in einer Überarbeitung abgeschlossen und 2025 veröffentlicht.

Für junge Leser entstand parallel seit 2013 die Contemporary-Fantasy-Serie FOLKS, in der die Magie der Natur lebendig wird und für Chaos sorgt. Die ersten drei Bände sind geschrieben, Band 1 und 2 veröffentlicht. Weitere folgen.

Sie verpackt Geschichte und Wissen so, dass die Leser die Zeiten selbst durchleben können. Zwischen den Zeilen entfaltet sich eine kraftvolle, heilsame Energie – wie ein Elixier, das die Seele mit Weisheiten und Wahrheiten nährt und inspiriert.

www.ainakoregard.de

Das Buch ist eine Hommage an die Erde, die uns erträgt, eine Hommage an den Geist der Liebe, der uns nie aufgibt und eine Hommage an die Menschheit, denn sie ist in ihrem Kern gut.

Für unsere Kinder.

Infos über Zeit, Ort und die einzelnen Rollen der zwölf Protagonisten finden Sie im Anhang ab Seite →.

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

100 Jahre Frieden

Erstes Zeitfenster . Das Geheimnis

Zweites Zeitfenster . Entspannter Götterhimmel

Drittes Zeitfenster . Jeden Atemzug ein Zeichen

Viertes Zeitfenster . Der Schein

Fünftes Zeitfenster . Die Bewahrer

Infos . 100 Jahre Frieden

PROLOG

SAAT und ERNTE ist ein dreiteiliger historischer Gesellschaftsroman über das Leben, Glauben und Macht, Verflechtungen und Liebe. Aina Koregard kombiniert ihr berufliches Wissen aus Geschichte, Philosophie und Kunst mit ihrer Begeisterung für alte Mythen und das sich seit der ersten industriellen Revolution immer schneller verändernde Leben bis ins heutige digitale Zeitalter. Im Mittelpunkt dieser Reihe stehen die Lebensumstände von Menschen verschiedenster Kulturen unter unterschiedlichsten Bedingungen – damals wie heute und in einer möglichen Zukunft.

Es ist das Jahr 2162. Drei Jugendliche erhalten in Begleitung von neun Erwachsenen eine außergewöhnliche Aufgabe: Sie sollen zwölf Rückreisen unternehmen und jeden Monat einen neuen Holo-Zeitfenster-Film studieren, in dem sie selbst die Hauptrollen spielen. Diese Filme zeigen Ausschnitte ihrer gemeinsamen Leben in zwölf unterschiedlichen Hoch-kulturen, an die sie sich in ihren nächsten Leben nicht mehr erinnern können.

Das Ziel? Menschliche Lebensweisen in ihrer Vielfalt und Entwicklung verstehen – und sich selbst darin erkennen.

Die Jugendlichen erleben Überraschung, Verwirrung, Schock, Wut, Scham und Freude darüber, was sie selbst alles erlebt und getan haben. Sie waren Mann, Frau, alt, jung, arm, reich, machthabend, untertan, dienend, ohnmächtig. Sie lebten in verschiedenen Geschlechtsidentitäten, Ethnien, Berufen und Gesellschaftsschichten, stets verbunden durch wechselnde Beziehungen zueinander.

Die Kulturen von Mesopotamien, Ägypten, Griechenland, Babylon, Hawaii, der Region um den heiligen Berg Kailash, der Maya, Inuit, Azteken, der indigenen Völker Nordamerikas, Inka und Maori haben durch ihre einzigartigen Errungenschaften in Architektur, Wissenschaft, Philosophie, Religion und Kunst sowie durch ihre tiefe spirituelle und kulturelle Verbundenheit mit der Natur und dem Kosmos bedeutende Beiträge zur menschlichen Zivilisation geleistet.

Dabei beobachten die Jugendlichen, wie sich Machtverhältnisse seit ihrem ersten Zusammentreffen im Jahre 2270 v.u.Z. in Ur am Euphrat verschoben haben – vom Glauben über den Besitz von Land, Gold, Geld – und nun sind es Daten, Algorithmen und neuronale Netze, die unsichtbaren Mechanismen hinter digitalen Systemen, künstlicher Intelligenz und globalen Datenströmen, die unsere Welt steuern. Gold, einst allein den Göttern vorbehalten, wurde zum Objekt menschlicher Begierde. Sein Besitz entwickelte sich zu einem Statussymbol, das durch ein System aus Kontrolle und Abhängigkeit aufrechterhalten wurde. Glauben, Gold und Geld hinterlassen im Laufe von 4.500 Jahren eine breite Spur aus Blut und Leid. Trotz alledem treiben es Machthabende aus Politik und Wirtschaft immer weiter auf die Spitze:

Die Ausbeutung der Erde stürzt die sogenannte Zivilisation beinahe in den Ruin. Unsere Protagonisten erleben es hautnah – von Götterkulten, Eroberungen, Missionierungen und Kriegen bis hin zu Umwelt- und Klimakatastrophen und Liebesgeschichten. Der Versuch, die Welt durch industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltungen zu ernähren, endet in mehr Hunger, Flucht, Ausbeutung, Abhängigkeit, Zerstörung von Umwelt und Existenzen, und einem drastischen Auseinanderdriften von Arm und Reich. Geld regiert.

Doch da erhebt sich ein neues, brandgefährliches Machtinstrument: Geld und Daten – das Duo infernale des 21. Jahrhunderts. Daten sind die unsichtbare, manipulative Kraft hinter digitalen Herrschaftsstrukturen, die Verhalten lenken, Informationen steuern und sogar gesellschaftliche Strukturen formen. Brutal und erbarmungslos wird über Leichen gegangen. Damals wie heute.

Die Uhr tickt.

Werden sie es schaffen, mit externer Hilfe, Weisheit und Ethik das drohende Desaster aufzuhalten und ein gutes Leben auf unserem Planeten wieder möglich zu machen?

Und was ist die Quintessenz?

Der Blick aus der Zukunft, dem Zuhause unserer Protagonisten, zeigt, was möglich ist. Durch ihre Rückreisen erkennen sie, was sie in ihren vielfältigen Leben erfahren haben, Freud wie Leid, um zu denen zu werden, die sie jetzt sind, und zu denen, die sie noch werden können… Evoluten.

100 Jahre Frieden

Von allen Seiten strömten Menschen zur Agora, der Versammlungshalle im Ortszentrum des Stadtstaates Cambolia. Es war ein besonderer Feiertag – 100 Jahre Frieden.

Frieden auf der Welt.

100 Jahre schon konnte der Idealzustand eines friedlichen Zusammenlebens zwischen allen Ländern der Erde gehalten werden. Das Rezept: tägliche Pflege.

Es war eine unglaubliche Meisterleistung der gesamten Erdbevölkerung und deren Regierungen.

Sternförmig führten die Straßen zum Zentrum. Eine Schar unterschiedlichster Fahrzeuge stand vor dem Parkhaus nebenan an.

„Wird deine Mutter die Rede halten?“, fragte Rosuran, ein 15-jähriger Teenager, schwarz-krause, etwas längere Haare, sportlich. Er trug karierte Bermudas mit einem T-Shirt, von dem er wohl die Ärmel abgeschnitten hatte. Das sah man, weil sie ungleich lang waren.

„Logisch. Du kennst sie doch. Das lässt sie sich nicht nehmen“, meinte sein Freund Kyr, ein Jahr älter, mittelgroß, blonde, zottelige schulterlange Haare mit seinem einnehmenden Lachen. Er ging in die gleiche Lehreinheit wie Rosurans Schwester Hanaskea.

„Ist deine Schwester noch nicht da?“, fragte Kyr gespielt lässig und blickte sich um.

„Ha, du stehst auf meine Schwester“, piesackte ihn Rosuran.

„Quatsch. Ich dachte nur, weil ihr sonst meist zusammen eintrudelt. Mir doch egal. Nun geh weiter. Wir sind gleich dran“, lenkte Kyr vom Thema ab und stolperte beinahe über seinen eigenen Fuß.

Sie standen in einer der fünf Reihen vor den fünf Eingängen zum Parkhaus. Ihre Reihe war für Kleinfahrzeuge. Beide hatten Roller. Retro. Nun, sie sahen optisch so aus, wie die Roller damals, hatten nur keine Räder, weil sie flogen. Sie waren leichter und etwas stylischer.

Sämtliche Fahrzeuge waren dank minimalsten, effektivsten Materialeinsatzes ultraleicht, hatten keine Räder und flogen alle, bis auf traditionelle Fahrräder, die sich wie eine Konstante die ganze Zeit behauptet hatten. Die waren auch in Leichtbauweise konstruiert, mit unkaputtbaren Reifen, die keine Reifen waren. Es gab auch keine Speichen, sondern die Räder bestanden aus aerodynamischen Scheiben. Sobald sie standen, begannen sie, die eventuelle Abnutzung am Rand zu erneuern. Reparierten sich quasi von allein. Das taten sämtliche Fahrzeuge.

Das Fliegen über der Erde wurde als Fahren bezeichnet, Fliegen, wenn sich das Gefährt abhob und höhere Flugbahnen zog bis hin in die Weiten des Weltalls. Hover wurden die schwebenden, gleitenden Fortbewegungsmittel allgemein bezeichnet.

Schon bremste eine Teenagerin rasant direkt neben ihnen, indem sie beim Heranfahren kurz ihr linkes Bein absetzte, das Rad schräg zur Seite drehte und mit wehenden, schwarzen langen Zöpfen neben den beiden Jungs schwungvoll zum Stehen kam.

„Manno, musst du uns so erschrecken, Hanaskea?“, meckerte ihr Bruder Rosuran und gab ihr einen Puff. „Außerdem musst du dich hintenanstellen.“

„Danke, dass du mir einen Platz freigehalten hast, Brüderchen. Weitergehen, wir sind gleich dran. Das habe ich doch perfekt getimt. Halt mal eben“, sagte sie laut, dass alle es mitbekamen, und drückte Kyr den Fahrradgriff in die Hand.

„Ich muss noch unsere Snacks auspacken.“ Schon kramte sie in ihrer ebenso aerodynamischen Fahrradtasche, wasserdicht. Ihrem Bruder drückte sie eine große Tüte in die Hand und mit ihrem Finger zwei Mal auf eine Stelle am Rand der Öffnung der Fahrradtasche, die sich darauf von selbst verschloss. Lautlos. Kyr steckte seine Nase in die Tüte und lachte:

„Beste Schwester, die du hast, Rosuran. Ein Wunder, dass du nicht kugelrund bist.“

„Leckeres Essen muss nicht immer dick machen. Außerdem sorgen sie im HdW schon für genug Bewegung. Kannst loslassen, Kyr. Ich wollte nur mal deine Reaktion testen“, neckte sie Kyr, dessen rote Gesichtsfarbe mit seinen Sommersprossen verschmolz.

Es war nämlich vollkommen unnötig, ein Fahrzeug, nicht einmal ein Fahrrad, festzuhalten, da alle, durch einen mit dem Finger gemalten Luft-Strich an der Seite des Lenkers oder einer sprachlichen Ansage wie: „Fahrrad begleite mich links“, in kurzem Abstand neben dem Fahrer herfuhren, wenn dieser ging, oder es blieb stehen, wenn der Fahrer stand.

HdW war die Kurzform für Haus des Wissens.

„Frechheit. Du hast mich voll überrumpelt“, lächelte Kyr etwas gequält, für eine Sekunde. Er war der fröhlichste und ausgeglichenste Teenager von ganz Cambolia, immer zu einem Späßchen bereit. Nie nachtragend. Wenn es um das weibliche Geschlecht gleichen Alters ging, da setzte es allerdings bei ihm immer mal aus. Vor allem, wenn er jene Person mochte oder er überrascht wurde. Beides, wie es jetzt der Fall war, war doppelt problematisch. Schon stolperte er über seinen Fuß und landete der Länge nach auf dem Boden. Sein Roller hatte sich blitzschnell zur Seite gedreht, so dass Platz war für den freien Fall.

Rosuran half seinem Freund rasch auf.

„Bist eine Sportskanone. Genial gefallen und abgefangen. Ist nix passiert“, lobte er ihn kameradschaftlich auf die Schulter klopfend.

„Dass es immer noch keine intelligenten Auffangmechanismen gibt. So etwas kommt doch ständig vor. Oder es fällt einem etwas herunter. Intelligente Auffangmechanismen würden jedes Material schonen“, meinte Hanaskea. Er tat ihr schon etwas leid.

„Klasse Idee, Schwesterchen. Wenn nicht Holo meine Berufung wäre, würde ich diese grandiose Idee voranbringen. Bringe deine Idee doch mal bei den Stadtplanern vor. Sie sollen einen Fallschutz für Wege programmieren. Dein Vater hat doch gute Kontakte als Architekt, Kyr.“

„Apropos gute Kontakte. Ist es eigentlich sicher, dass Maistir Choi heute während der Feier den großen Wandel des Lebens vollziehen möchte? Sein Lebensfest? Oder hat der Flurfunk das Gerücht gesät?“, fragte Rosuran mit leicht gedämpfter Stimme an Kyr gewandt.

„Ja, das stimmt tatsächlich. So spricht das ganze HdW schon seit zwei Tagen, seit er es Druide Tanobakt gesagt hat. Meine Mutter hatte sich gestern mit Druide Tanobakt bei Maistir Choi getroffen und alles besprochen, wie Maistir sich den Übergang wünscht. Ist das nicht enorm, entscheidet einfach so: ‚Ach, übermorgen ist ein guter Tag zu gehen. Am besten bei der Feier, wo alle zusammen sind‘?“

„Er will tatsächlich mitten unter all den Menschen…?“, fragte Hanaskea flüsternd nach.

„Ja. Genau das wünscht er sich. Und, so sagt meine Mutter, er wird nicht auf der Erde wiedergeboren werden, auch nicht auf einem anderen Planeten, sondern als geistiger Berater für uns und unsere Galaxie zur Verfügung stehen.“

„Großartig! So, wie Maistir Salana. Ist das nicht wunderbar, das Lebensfest in hohem Alter in einer Zeit des Friedens zu erreichen? Er kann ganz ohne Sorgen gehen, wann und wie er es möchte. Er war all die Jahre schon so voller Liebe und wusste immer einen weisen Rat. Das möchte ich auch einmal erreichen“, freute sich Hanaskea.

„Ja, stellt euch das nur früher vor, in diesen chaotischen Zeiten von Kriegen, Zerstörung, diesem Raubbau an der Erde, diesen verdrehten Gedankenkonstrukten und Glaubensmustern, diesen dunklen Machenschaften von Politik, Wirtschaft und Kirche, dieses Ausbeuten von Mensch und Natur, dieses ungerechte…“

„Hey, wir sind gleich dran. Du hast recht. Gut, dass sie damals nicht aufgegeben hatten, sonst gäbe es uns jetzt nicht und es ginge uns nicht so gut,“ meinte Hanaskea und schupste ihren Bruder.

Rosuran drehte seinen Roller quer nach vorn. Ein Transportarm klebte ihn an seine Saugnoppen. Das System hieß Krake. Wie mit dem Arm eines Kraken hievte es den Roller ruhig in eine Art Kraken-Paternoster. Er wurde nach oben gefahren und von einem weiteren Kraken irgendwo eingeparkt. Als nächstes Kyrs Roller, dann Hanaskeas Fahrrad. Ein intelligentes Parksystem, das die Fahrzeuge über fünf Paternoster selbstständig so ablegte, dass sie jederzeit wieder eingehakt und nach unten zum Abholer befördert werden konnten. Es gab eine kleine Markierung auf das Handgelenks-Holo. Fertig. Die neuste Generation Parkhaus konnte sich die jeweiligen Besitzer merken und entsprechend das Gefährt herauspicken und aushändigen. Das Handgelenks-Holo, allgemein Memo genannt, brauchte man nur, wenn eine andere Person zum Abholen kam. Manche trugen das Memo in einem Ring statt als Armband oder Uhrenattrappe, wie es momentan Mode war. Retro. Ein winziger Kristall übernahm alles: Speicher, Sender, Empfänger, Lautsprecher, Mikro, Kontakt zu anderen Memos, von anderen Leuten bis hin zu den größeren Memos, auf denen das Wissen der Welt in Bibliotheken, retro, gespeichert war. Gesteuert durch Sprache oder Fingerbewegungen. Wissensspeicher, Zyklo genannt, von Enzyklopädie, die als Ratgeber genutzt wurden, waren eine Art künstliche Intelligenz auf der Basis von neuronalen Netzen. Sie konnten logisch verknüpfen und durch eine Art Energiescan sogar in den entsprechenden Worten antworten, die der Nutzer auch verstand, also benutzerspezifisch.

Autos oder Flugobjekte in der Größe eines Autos wurden nebenan mit einem Doppel-Kraken-System über einen größeren Paternoster im Parkhaus abgelegt.

Die drei Teens gingen durch einen Säulengang, der mit blühenden Pflanzen umrankt war und den kompletten großen Agora-Vorplatz umrahmte, rüber zur großen Versammlungshalle. Dort fanden auch sportliche Veranstaltungen, Konzerte und Theateraufführungen statt. Über der riesigen Kuppel leuchtete heute 100 Jahre Frieden in großen blauen Lettern anlässlich des Festaktes und war bis weithin sichtbar. Auf ihrer Spitze standen die beiden jetzt gelb leuchtenden Stäbe der Farbuhr eines Kunstprojektes des HdW, Haus des Wissens. Farben zeigten statt Zahlen die Zeit an. Das Haus des Wissens bestand aus mehreren Häusern unterschiedlicher Spezifikationen. Es war Schule, Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Vertiefungsort, ähnlich einer Universität. Alles in einem groß angelegten Komplex samt Tempel für die geistige Arbeit der Schüler, der Tiro. Es war wie ein kleines Dorf im Ort. Die ganze Anlage war für jeden zugänglich, ob Tempel, Bibliothek, Sportanlagen oder Stätten für Kunst und Musik.

An der Farbe der zwei großen Leuchtstäbe auf der Spitze der Agora konnte jeder erkennen, egal von wo man schaute, in welcher Tages- oder Nachtzeit man sich gerade befand.

Die Farben der Leuchtröhren veränderten sich gemäß der Zeit. Da Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht jeden Tag zur gleichen Zeit stattfanden, hatten die jungen Erfinder einen Mittelwert errechnet, nach welchem die Uhr programmiert worden war. Entsprechend der sechs Grundfarben des Farbspektrums, rot, orange, gelb, grün, blau und lila, war ein Tag in sechs gleiche Teile eingeteilt. Die zwei Leuchtstäbe leuchteten in der zeitaktuellen Farbe, wobei ein Stab für eine gerade und der zweite für eine ungerade Stunde leuchtete. Somit hatte ein Tag zwölf Stunden. Nachts das gleiche Spiel.

Ein Tag begann mit rot, sechs Uhr morgens. Das erste Viertel im ersten Leuchtstab, denn die Stunden wurden hier zusätzlich in vier Teile geteilt, leuchtete dann rot. Zur halben Stunde leuchtete der erste Stab bis zur Hälfte rot, dann drei Viertel, dann voll – zur ersten Stunde, sieben Uhr.

Zur zweiten Stunde, einer geraden Stunde, leuchtete zusätzlich der zweite Stab zu einem Viertel, Halb, drei Viertel. Zur vollen zweiten Stunde leuchteten beide Leuchtstäbe rot, acht Uhr. Zur dritten Stunde verschwand das Rot und sie begann im ersten Viertel des ersten Leuchtstabes mit orange; so ging es weiter. Zur Tagesmitte, zwölf Uhr, leuchteten beide Stäbe in Gelb, wie jetzt zu erkennen war, und zum vollen Abend beide Stäbe in lila, sechs Uhr abends. Zu den Nachtstunden das gleiche Spiel.

Sie strömten in die festlich geschmückte Agora. Natürlich waren es Schmuck-Holos, die jederzeit ausgetauscht und dem Anlass entsprechend umprogrammiert werden konnten. Da dies keinen Müll verursachte, keine Ressourcen verbraucht wurden, konnte hier nach Gusto dekoriert und aus dem Vollen geschmückt werden. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt und es war ein Freudenfest von Farben und Lichtern, Musik und Effekten. Die Programmierer zählten zu den besten Künstlern und Designern des Landes.

„Wir sind hier drüben“, erschien soeben kurz über Hanaskeas Memo das Holo ihrer Mutter Aleyna, heftig winkend.

„Mama, ich kann nicht erkennen, wo du bist, wenn du die Augen-Sensoren nur auf dich und deine Fransen eingestellt hast. Aber ich spüre dich schon auf. Erhalte die Verbindung noch kurz aufrecht“, meinte Hanaskea und scannte kurz mit dem Memo die Halle ab.

„Da vorn sind sie. In der ersten Reihe. Genial“, meinte Kyr.

„Haben euch gefunden. Bis gleich“, meinte Hanaskea. Ihre Mutter verschwand.

„Genial, beste Plätze. Da hatte bestimmt deine Mutter die Finger im Spiel“, meinte Rosuran zu Kyr.

„Nein, bestimmt nicht. Sie kann global denken, aber für Familie und Freunde die erste Reihe besetzen, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Seht da, wer uns zuwinkt. Nun wissen wir, wer dafür gesorgt hat. Jaskula, unsere geschätzte Frau Lehrmeister. Eure Mutter und sie sind ja auch beste Freundinnen“, lachte Kyr und winkte zur Tribüne hinauf.

Die Tribüne hatten sie etwas kleiner und runder als sonst konstruiert, und so weit vorgelagert, dass 203 Personen hinter ihr Platz fanden, auf wabenartigen Balkons, neben- und übereinander. Die Bühne selbst schwebte heute vor diesen im Raum. Jaskula war Lehrmeister ab der 2. Lehrphase am HdW, war im Rat von Cambolia und Hüter des Baumes der goldenen Früchte, weniger poetisch Baum der Erkenntnis, hinter dem Tempel. Sie war eine der Lehrmeister von allen drei Teens.

„Wie macht sie das nur? Man kann sogar von hier aus sehen, dass sie wohl kurz vorher im Garten gewesen ist. Hat sie euch auch erzählt, dass sie ein neues Projekt am Stadtrand plant?“, meinte Hanaskea und grinste.

„Klar, schon drei Mal. Ich glaube, sie wartet auf freiwillige Helfer. Mein Vater hat mir das schon eindringlichst unter die Nase gerieben. Eure Mutter ist jedenfalls schon im Boot“, erzählte Kyr.

„Ich bin sofort dabei. Klar. Ich liebe Projekte! Vielleicht kann ich einen Teil als Nutzgarten abzwacken. Ich meine, integrieren, wäre doch für alle gut. Das läge näher zu unserem Haus als unser Gartenfeld am Ortsrand.“ Hanaskea war immer schnell zu begeistern, wenn es sich mindestens entfernt um ihr Leib- und Seele-Thema Essen handelte. Mit ihren sechzehn Jahren konnte sie schon Festgesellschaften bis zu fünfzig Leuten versorgen, und zwar allerleckerst. Natürlich mit Schnibbelhilfen wie den Küchenkraken. Kraken waren extrem modifizierbar und anpassungsfähig und aus der neusten Reihe der intelligenten biotechnischen Hilfsdienste.

„Da ist sie auch schon“, meinte Hanaskea euphorisch, hielt ihr Memo in die Mitte und Holo-Jaskula erschien schwebend über dem Memo.

„Hallo ihr drei. Morgen früh statt Lehreinheiten Treff bei meinem Gartenprojekt am Stadtrand? Ist nicht weit von eurem Haus entfernt, Hanaskea und Rosuran. Könnt gleich mit eurer Mutter rüberkommen. Was ist mit dir Kyr? Ihr seid doch dabei? Dein Vater kommt auch vorbei. Eigentlich sind Pflanzen auch Gimras Ding, aber sie hat bereits hundert Projekte am Laufen.“

Kyr murmelte unverständliche Laute vor sich hin und Rosuran hatte so gar keine Lust auf Gartenarbeit, wusste aber nicht, wie er das Jaskula abschlagen konnte. Er hatte ihr noch nie etwas abschlagen können. Jaskula lachte herzerfrischend, dass der Erdkrümel von ihrer Wange runterfiel. Das beruhigte alle, denn sie stand immerhin vor aller Augen dort oben.

„Na gut, dann ziehe ich jetzt meine Joker. Rosuran, du darfst uns einen Garten-Zwilling erstellen, einen Holo-Zwilling. Naveen soll dir helfen. Und wer hat sich höchstpersönlich angekündigt?“

Sie sahen sich an und zuckten mit ihren Schultern.

„Wenn alles so sein wird, wie er es geplant hat…“

Keine Ahnung. Sie machte es spannend:

„Mit großer Chance… Maistir Choi.“

Sie standen alle drei sprachlos da und die Augen wurden immer größer.

Die Gedanken überschlugen sich wie die Worte, die herausplatzten:

„Was? Maistir Choi? Höchstpersönlich? Kein Holo von ihm? Wie geht das? Wie Maistir Salana? So schnell? Heute noch da und morgen so? Spricht er durch einen von uns oder redet er zu einem von uns? Zu dir, Jaskula? Oder Alena? Oder Ushlaran? Das ist unglaublich. Schön, schräg und verwirrend. Immerhin lebt er jetzt noch…“

„Ich komme, egal wie oder was oder überhaupt. Das wäre so wunder-, wunder-, wundervoll“, meinte Kyr sofort und faltete seine Hände entzückt vor seiner Brust. Rosuran nickte nur eifrig, weil er natürlich bei dem Köderwort Holo-Zwilling sofort dabei war, egal um was es sich handelte, denn er wollte Holo-Programmierer werden wie sein großes Vorbild Druide Tanobakt. Auch seinem Vater Ushlaran, der Architekt war, schaute er jetzt mehr über die Schulter. Maistir Choi so schnell wieder zu begegnen, freute und ehrte ihn natürlich sehr, auch, wenn er das noch nicht so recht glauben mochte. Schließlich lebte er in diesem Moment noch unter ihnen.

Dass er aber mit Naveen zusammenarbeiten sollte, ließ ihn frieren und schwitzen zugleich. Er mochte sie. Sie war Jaskula in jung. Eins zu eins. Die Statur, die selten hellblonden glatten, polangen Haare und die Vorliebe für Pflanzen. Jaskula wusste das natürlich und freute sich, dass sie in Naveen eine passendere Alternative für Rosuran gefunden hatte, die von ihr ablenken sollte.

Schon tauchte Naveens Holo neben Jaskulas auf. Als sie von ihrer Nominierung zum Gartenprojekt erfuhr, freute sie sich sofort. Als Jaskula noch mitteilte, dass sie mit Rosuran gemeinsam an der Partneraufgabe Garten-Zwillings-Holo arbeiten sollte, schoss ihr sofort die Röte ins Gesicht. Bei den hellblonden Haaren fiel es sofort auf, auch wenn sie nur 10 cm groß war.

Kyr preschte sofort in die Kerbe, natürlich, um von sich und Hanaskea abzulenken, denn Rosurans Bemerkung geisterte immer noch in seinem Kopf herum, und meinte:

„Ich sag nur halb 7, wenn ich euch beide so ansehe…“ Rosuran und Naveen sahen Kyr irritiert an.

„Na, euer erstes Kind…“ Bevor die beiden protestieren konnten, wurde er von einem Mitschüler, der neugierig zugesehen hatte, hinter ihnen korrigiert:

„Du meinst wohl gegen 5 Uhr – du weißt doch, dass sich eher die dunklen Gene durchsetzen.“

„Ihr seid unmöglich – ich weiß überhaupt nicht, von was ihr sprecht!“, empörte sich Naveen und fuchtelte mit ihren Händen.

„Absurd!“, wehrte Rosuran mit einer flapsigen Handbewegung ab und federte dabei leicht aufgeregt auf und ab. Das war eine seiner unverwechselbaren Eigenarten. Von weitem hob er sich allein durch seinen federnden Gang von den anderen ab.

Das Schöne an den Menschen war, dass sich derartige Neckereien durch alle Kulturen und durch alle Zeitalter erhalten hatten. Für die Bezeichnung der Hautfarbe war unter den Teens die Einteilung von 0 bis 12 Uhr üblich. 0 Uhr war eine nahezu schwarze Hautfarbe, und 12 Uhr bedeutete eine ganz weiße Hautfarbe. Beides kam nur sehr selten vor, dafür die unterschiedlichsten feinen Nuancen von Brauntönen zwischen Edelbitterschokolade, Halbbitter, Zartbitter, Milchschokolade über Nougat, Espresso, Cappuccino, Latte Macchiato, Mokka, Milchkaffee und weißer Schokolade.

„Deine jetzige Hautfarbe passt nicht ganz in unser Uhrenschema… Nun, wir ergänzen einfach auf…“ Der Junge peilte Naveen spitzbübisch lächelnd an. „Ja, ich schätze mal auf 6-7 Uhr auf der Rot-Skala.“

Rosuran freute sich insgeheim, dass man dank seiner dunklen Hautfarbe sein heißes Gesicht nicht erkennen konnte und stieg voll drauf ein: „Mit der Tendenz steigend!“

Jaskula half der jungen Frau, die schon gar nicht mehr wusste, was sie sagen sollte, auch wenn sie sonst recht selbstbewusst war, natürlich mit einem leichten Touch von Bescheidenheit nach Jordens Visdom-Art. Alle Kinder wurden so erzogen, was in der Teeniezeit hin und wieder entglitt. Die Uhrzeiten für eine Farbeinteilung der unterschiedlichen Brauntöne der Hautfarben war gerade Mode und wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit angewandt.

„Nun wollen wir wieder unsere volle Aufmerksamkeit auf die Rede lenken. Setzt euch rasch. Das große Fest beginnt in wenigen Minuten. Ich bin sehr aufgeregt. Ihr sitzt genau vor Maistir Choi.“ Flupp, war sie verschwunden. Flupp, Naveen ebenso. Rosuran kühlte ab und entspannte sich.

Auf der Bühne regte sich etwas. Gimra, Kyrs Mutter, war eine Frau von Anfang 50 mit mittelgrauen, mittellangen gewellten Haaren, die praktisch zu einem Zopf gebunden waren. Sie begab sich auf das Podium. Hinter ihr saßen insgesamt 203 Vertreter aller Länder der Erde, die sich im Globalen Rat zusammengeschlossen hatten. Über jedem schwebte die entsprechende Staatsflagge; über Gimra die 204. Staatsflagge, Cambolia, das sie als Abgesandte im Globalen Rat vertrat. Sie selbst war designmäßig nüchtern grau gekleidet. Durch ihre Kleidung wollte sie indirekt anzeigen, dass sie das Äußere als unwichtig empfand, indem sie sich farblich und stilmäßig zurücknahm. Allerdings wirkte sie dadurch so anders als die anderen in ihrem Umfeld, die eher bunt gekleidet waren, dass sie doch Aufmerksamkeit erregte. Nichtsdestotrotz, eine auffällige Farbe trug sie feierlich vor sich auf ihren Händen – ein zusammengefaltetes azurblaues Tuch. Sie legte es auf dem Rednerpult ab. Das azurblaue Tuch, das alle der 203 Delegierten auf ihrem Schoß liegen hatten, das sie nur zu besonderen Zeremonien trugen. Es gab ansonsten keine Kleideretikette, keine Vorschriften. Das azurblaue Tuch etablierte sich als Symbol für einen feierlichen Akt als Anerkennung, Verbundenheit und Liebe. Heute sprach sie im Auftrag des Globalen Rates.

„Ich wusste gar nicht, dass Grau noch als Farbe gedruckt werden kann. Die Druckdüsen waren bestimmt verwirrt. Gimra wirkt so unglaublich streng. Wenn wir deine Mutter nicht anders kennen würden…“, bemerkte Hanaskea.

Dann standen sie vor ihren Plätzen und blickten voller Ehrfurcht in Maistir Chois warmen braunen Augen, die sie voller Liebe und vollkommenem Glück anstrahlten.

„Hallo Kinder. Wollt ihr mich nicht freudig begrüßen an solch einem perfekten Tag?“, lachte er und strahlte aus mindestens 122 Falten, für jedes Jahr.

Hanaskea beugte sich über den Stuhl zu ihm und reichte ihm die Hand. Maistir Choi hielt sie mit beiden Händen umschlossen fest, schloss seine Augen für einen Moment, öffnete sie und sah sie direkt an. Voller Liebe und tiefem Vertrauen. Hanaskea schluckte, lächelte und nickte ihm zu. Dann löste er seine Hände und hielt sie Richtung Rosuran.

Rosurans Hand umschloss er ebenfalls mit seinen beiden Händen, schloss wieder die Augen für einen Moment, öffnete sie und sah ihn direkt an. Voller Liebe und tiefem Vertrauen. Rosuran wagte nicht zu atmen, lächelte und nickte ihm zu.

Kyr stand wie versteinert und reichte dem Goldenen Alten reflexartig seine Hand. Maistir Choi nickte ihm zu, umschoss Kyrs Hand mit seinen beiden Händen und schloss seine Augen für einen Moment. Noch einen Moment. Dann drückte einmal kurz seine Hand, nickte sich selbst zu und öffnete seine Augen. Er sah Kyr direkt an. Voller Liebe und tiefem Vertrauen. Er löste Kyrs Hand und sprach an alle drei gewandt:

„Ihr habt euer Herz am rechten Fleck. Ihr seid die Zukunft. Ihr seid nun bereit, mit euren Rückreisen zu beginnen. Jeden Monat eine. Zwölf Zeitfenster werden sich für euch öffnen. Zwölf Leben. Zwölf Kulturen, in denen wir uns immer wieder begegnen. Ihr werdet sehen, dass uns eine tiefe Verbundenheit über ein paar tausend Jahre immer wieder zusammengeführt hat. Das wird immer so sein, egal auf welcher Ebene. Ich freue mich und bin dankbar, dass ihr heute bei mir seid.“

Maistir Choi blickte nach links zu Tanobakt, nach rechts zu Elieanor, zu Aleyna, Burgon und Ushlaran, die sich eben zu ihm umgedreht hatten, dann zur Tribüne hinauf zu Gimra und Jaskula und sprach voller Vorfreude:

„Maistir Salana wartet auf mich. Alle sind hier, die mir am Herzen liegen. Jetzt kann das Fest beginnen.“

Er gab mit seinem Stock ein Zeichen, dass Gimra nickte.

Wie ferngesteuert nahmen alle aus der ersten Reihe Platz. Die drei Teens waren wie paralysiert, unterdrückten nur schwer Tränen der Rührung, der Freude und des Abschieds von diesem weisen Mann.

Sie saßen neben Hanaskeas und Rosurans Eltern, Aleyna und Burgon, welcher neben Kyrs Vater Ushlaran saß.

„Alles wird gut, Kinder“, hörten sie hinter sich den Druiden Tanobakt, Kyrs Großvater.

„Alles wird gut“, hörten sie Eleanor, die Großmutter von Rosuran und Hanaskea.

Gimra begann ihre Rede:

„Verehrte Bewohnerinnen und Bewohner unserer Erde, Gäa. Im Namen des Globalen Rates begrüße ich heute alle zu unserem gemeinsamen Festtag anlässlich des 100-jährigen Friedens auf unserer geliebten Erde. In jedem Land herrscht Frieden.“

Während sie sprach, erschienen parallel zur Veranschaulichung Holos der beschriebenen Szenen.

„Vieles ist geschehen seit der Zeit der ersten großen Veränderung des menschlichen Lebens. Die Industrialisierung begann vor etwa 400 Jahren, Mitte des 18. Jahrhunderts, und mit ihr einher ging die Beschleunigung der Entwicklung von Technik und Wissenschaft, verbunden mit einer wirtschaftlich erfolgreichen Produktion. Das war der Beginn der Industriellen Revolutionen Mitte des 19. Jahrhunderts. Ich nenne nur kurze Stichpunkte, um uns die gewaltigen Veränderungen aufzuzeigen, mit denen sich unsere Vorfahren in relativ kurzer Zeit hatten auseinandersetzen müssen:

Tausende von Jahren Handarbeit wird zu Maschinenarbeit mit der ersten Spinnmaschine, dann die erste Glühbirne, im großen Stile Energieerzeugung und -umwandlung mittels Dampf, Wasser und Wind. Wir erinnern uns an Dampfmaschinen in der Landwirtschaft, Dampfschiffe, die erste Dampflokomotive, Dampfturbinen. Das erste Flugzeug startete. Massenproduktion am Fließ-band. Kohle und Eisen kamen in Massen zum Einsatz, nicht nur zum Guten. Die Rüstungsindustrie boomte und es kam zu zwei verheerenden Kriegen. Atombomben wurden eigesetzt, Ursache für unvorstellbares Leid. Trotzdem boomte die Rüstungsindustrie immer weiter. Atomwaffen wurden abgerüstet, heimlich aufgerüstet. Gewinner waren nur die Waffenkönige und die Banken.

Die Menschen waren heiß auf die Erleichterungen, die die Technik versprach, und trieben sie voran. Das Telefon mit Kabel und Wählscheibe erleichterte Ende des 19. Jahrhunderts die Kommunikation bahnbrechend. Ein Gesellschaftswandel, den vor allem auch die Großindustrie bewirkte. Viele, wohlbemerkt in den Industrienationen, kamen zu relativem Wohlstand, den sie sich hart hatten erkämpfen müssen. Andere Länder und Menschen hingegen wurden weiter ausgebeutet.

Wirtschafts-, Produktions- und Arbeitsformen befanden sich in stetigem Umbruch.

Durch Elektrizität und den Einsatz fossiler Energien und Massenfertigungen wurde die Mechanisierung intensiviert. Schließlich kam es im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mit der Computerisierung zur mikroelektronischen Revolution, der digitalen Transformation.“

Über ihr ein Serverraum mit riesigen Computern.

„Diese zählt zur zweitgrößten Veränderung der menschlichen Lebensweise. Mechanische und analoge Technologien kennen wir aus unseren Museen oder Retronachbauten. Digitale Elektronik diente fortan zur Speicherung, Nutzung und Übertragung von Informationen. Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle wurden komplett umgestellt. Im wirtschaftlichen wie auch im privaten Bereich. Mobile Telefone waren nicht mehr wegzudenken und als das erste SmartPhone mit Touch Display 1992 auf den Markt kam, dauerte es nicht lang, bis nahezu jeder damit ausgestattet war, denn seit 1993 gab es das World Wide Web, die Geburtsstunde des Internets. Die Menschen waren fortan mit dem Rest der Welt verbunden, jederzeit, kostengünstig. Eine Sensation, bis dahin undenkbar.

Wissenschaft und Technik wurden nach und nach auch auf lebende Organismen angewandt. Bereits 1953 wurde die Doppelhelix-Struktur der DNS entdeckt, Grundstein für die Entwicklung der modernen Genetik. In den 1970ern kam es zu einer bahn-brechenden Entwicklung: DNS konnte im Reagenzglas verändert werden. Monoklonale Antikörper, wichtige Hilfsmittel in der medizinischen und biologischen Diagnostik, wurden erstmals hergestellt. Herbizide wurden entwickelt, um Nutzpflanzen zu schonen und die Produktivität zu steigern. Biotechnik wurde zunächst zur Herstellung von Medikamenten oder zur Strafverfolgung eingesetzt. Zellen, Organismen oder Biomoleküle wurden erforscht und nutzbar gemacht.

Wohlbemerkt, Biotechnik kannten die Menschen bereits seit 10.000 Jahren als sie Lebensmittel wie Brot, Käse, Wein oder Bier herstellten. Sie wussten nur nicht, dass es sich bei der Nutzung von Hefe um lebendige Mikroorganismen handelte. Sie hatten es einfach entdeckt, meist wohl per Zufall.

Überlegt einmal, welch gravierende Veränderung die Menschheit innerhalb der letzten 300-400 Jahre durchgemacht hat. Jahrhunderte, Jahrtausende gab es ausschließlich harte körperliche Arbeit, Handarbeit und Pflüge unter Einsatz von Zugtieren. Briefe wurden geschrieben und per Boten versendet. Innerhalb einer, menschheitsgeschichtlich gesehen, sehr kurzen Zeitspanne, wurde alles immer wieder umgekrempelt.

Der Mensch musste sich ständig neu erfinden.

Es war zu verstehen, dass nicht alle diesem Tempo folgen konnten. Dass Angst, vor allem Existenzängste oder Misstrauen vor Veränderungen, das Gefühl von Mangel oder übergangen zu werden, die Gedankenfelder massiv beherrschten, bei mehr als acht Milliarden Menschen auf der Erde.

Sie hatten aber keine andere Wahl mehr, es war schon nach 12 Uhr. Es musste weitergehen, denn es waren nur Zwischenschritte, die sie erreicht hatten. Verbrennermotoren, Pestizide und Atomkraftwerke waren kein Ziel, auf dem man sich ausruhen konnte. Nicht nur Artensterben, vergiftete Erde durch extensiven Anbau und Tierzucht, Plastik-Meere und Erderwärmung, sondern auch die zunehmenden Extremwetter-Phänomene weltweit, zwang jeden Einzelnen zu der Erkenntnis, dass ein Weiter so nicht funktionieren würde. Es musste etwas geschehen, damit sie die Zukunft der Menschen auf der Erde nicht in einer düsteren Science-Fiction enden lassen würden, verursacht durch eine Generation von Politikern, die die Prozesse blockierten, die an den Zitzen von Wirtschaftslobbisten saugten und ihr Volk für dumm verkauften oder es subtil gegeneinander aufspielte.

Über einen langen Zeitraum zog sich der Beginn der biotechnologischen Revolution. Biotechnologische Quantensprünge mithilfe von KI veränderten die menschliche Gesellschaft einmal wieder von Grund auf. So konnten wir zu denen werden, die wir heute sind.

Leider nicht ohne schweres Leid in der Zeit des Wandels.

Als künstliche Intelligenz zum Einsatz kam, geschah dies zu jener ungünstigen Zeit von dramatischen Zuständen von Gesellschaften und unserer Erde: wie gravierende Umweltverschmutzungen im großen Stil, zunehmende Extremwetterereignisse, ein Wandel der Erdsysteme durch massive Klima-veränderungen und die daraus resultierenden unfreiwilligen Migrationen. Wie der Verlust der Artenvielfalt, der Zusammenbruch von Ökosystemen, die Knappheit natürlicher Ressourcen durch jahrelanges Machtstreben von Politik und Wirtschaft, das auf Ausbeutung beruhte und zerstörte. Nicht zu vergessen die zahlreichen Kriegsherde.

Die einen waren neugierig und unterstützten die KI-Forschung mit gigantischen Summen. Die anderen sahen Unheil kommen, denn sie trauten dem Menschen an sich nicht, wie man bei der Nutzung von Uran für atomare Massenvernichtungswaffen bitter erfahren hatte. Die mit Angst gefüllten Gedankenfelder wurden immer massiver, spalteten Gesellschaften. Große Tech-Giganten beteuerten einen verantwortungsvollen Umgang mit KI und ließen jedes Produkt vor der Freigabe durch Risikoprüfungen bewerten. Dennoch kam es zu negativen Auswirkungen der KI-Technologien, wie wir es am Beispiel von kriegerischem Drohnen-Einsatz und unzähligen Cyber-Angriffen auf kritische Infrastrukturen aus jener Zeit erfahren konnten. Falschinformationen, die über die Welt verstreut wurden, richteten einen immensen Schaden an. Die meisten Konsumenten des Internets nahmen jedes Wort ungefiltert als wahr, statt es zu hinterfragen, insbesondere die Teens, die rund um die Uhr in sozialen Netzen unterwegs waren und oftmals Fakten und Meinungen nicht unterscheiden konnten. Keinem Video, Bild, Text konnte man mehr Glauben schenken, denn es konnte manipuliert, gefälscht worden sein. Die Algorithmen heizten Meinungen und Stimmungen an und schürten gesellschaftliche Polarisierungen. Auf diese Weise wurde Hass massiv angeheizt, was in jenen Kriegen, Blut und Zerstörung seine grausame Entladung fand.

Eine sehr böse Zeit.

Statt sich um die Umwelt zu kümmern, kam es durch Gier nach mehr Profit für wenige und zum Schein für die Masse als endlos verschlingender Konsument zu tödlichen Machtspielereien einzelner Egomanen. Statt sich um das eigene Volk zu kümmern, projizierten sie den Missstand im eigenen Land auf eine fiktive Bedrohung von außen, geschürt von jenen heillosen Cyberattacken, manipuliert durch Falschinformationen und Propaganda über das Internet, eben durch arglistigen Einsatz von KI. Das passierte, als KI in falsche Hände gelangte.

Wir alle wissen, warum das Tabu als letztes Mittel zum Einsatz kam. Der Mensch musste vor sich selbst geschützt werden. Wir halten uns noch heute daran und wissen, wie wichtig das Tabu für unser aller Leben ist, wenn wir diese schockierenden Bilder aus der Vergangenheit sehen.

Schlimm, dass es auch im 21. Jahrhundert weiter zu brutalen Terrorakten allein des unterschiedlichen Glaubens wegen gekommen war. Gier nach Geld, extremer Glaube, schräge Weltbilder, digitale Manipulationen, Machtallüren. Eine sehr dunkle Zeit.

Andere kämpften verzweifelt für eine Veränderung des Bewusstseins im Umgang mit der Erde, mit ihren endlichen Ressourcen. Alles war verdreckt und zugemüllt, Erde, Wasser und Luft. Wir kennen die Holos aus dieser Zeit.“

Sie deutete über sich zu den Müll-Szenarien.

„Als wäre das nicht genug, gab es ein Bollwerk von Ignoranten, die Angst hatten, dass sie ihr bequemes Umfeld, den Flitzer in der Garage und das Stück Fleisch jeden Tag aufgeben sollten. Wenn sie gewusst hätten, welche genialen Fortbewegungsmittel wir jetzt haben, nämlich galaktische Flitzer, die sicher und ressourcenschonend sind, hätten sie schneller in Veränderungen eingewilligt. Auch in der Politik lähmten Ignoranten aus Trägheit und Eigeninteresse die Entscheidungen, dringende Prozesse umzusetzen, die in vielen Startups bereits in den Startlöchern standen.

Sie hatten zwischen Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts sehr viel Zeit verloren. Kostbare Zeit im wahrsten Sinne des Wortes, denn es sollte sie viel kosten, die Erde in einen gesunden Planeten zurückzuverwandeln. Das schafften die Verursachergenerationen nicht. Das durften ihre Kinder und Enkel ausbaden. Wenn wir die Wetterphänomene sehen, denke ich bei jedem Wirbelsturm in unserem Land an jene Vorfahren. Denn Wirbelstürme gibt es erst seit gut hundert Jahren in unserer Region, niemals zuvor, um nur ein Relikt aus dieser Zeit zu nennen. Andernorts herrschen nie dagewesene Dürre, Regen, kältere oder heißere Zonen, viel Schnee oder gar keiner mehr, oder Extremregen. Wetter, die an einem Ort stehen zu bleiben scheinen und anderenorts Stürme ohne Ende. Dazu verschobene Jahreszeiten. Immerhin hat sich das Wetter durch viele nachhaltige Maßnahmen etwas stabilisieren können. Seit sechzig Jahren schmelzen die verbliebenen Gletscher nicht mehr und das verbliebene Eis der Polkappen konnte bis heute gehalten werden. Eisberge scheinen langsam wieder zu wachsen. Die Meeresströme haben sich verändert, mit ihnen ihre Tier- und Pflanzenwelt.

Dann endlich erkannten auch die Machthabenden die negativen Konsequenzen aus ihrem ignoranten Verhalten. Sie haben ihre Lebensweisen anpassen müssen, kamen herunter von ihrem hohen Ross.

Wir leben mit dem veränderten Klima, wir sind damit aufgewachsen und wissen damit umzugehen. Es gibt keine Siedlungen mehr in Überschwemmungsgebieten und direkt an den Küsten der Meere, um nur eine Veränderung zu nennen.

Die Menschheit hat viele Zeiten und Prozesse durchgemacht. Großartige alte Kulturen konnten sich aufgrund von Ego nicht halten, zerstörten sich selbst oder wurden von neuen Mächten unterworfen.

In der Zeit des Wandels hörten sie immer noch nicht auf, andere Kulturen samt Kulturgütern unwiederbringlich zu zerstören. Viele dachten, die Menschen hätten ein Vorrecht, die Erde auszubeuten, aufgrund ihrer alle anderen Spezies überragenden Intelligenz.

Ein Hybris-Fehler, der beinahe zu ihrer eigenen Zerstörung geführt hätte, wie wir heute wissen.

Der intelligenteste Organismus ist die Erde mit ihrer Natur, in der alles aufeinander abgestimmt ist. Die Erde kann auf einen Zeitraum von 3,5 Milliarden Jahre Lebenserfahrung zurückblicken. Wir Menschen haben die große Chance, mit unserem Leben die Schönheit der Erde erfassen, lieben, wertschätzen und durch sie lernen zu dürfen.

Sie hatten damals nach all dem Leid durch Kriege, einseitige Wirtschaftspolitik und den nicht mehr zu leugnenden klimatischen Veränderungen weltweit erkannt, dass sie auf dem besten Weg waren, die komplette Menschheit mit diesem Gebaren in den Ruin zu stürzen. Spät erst hatten sie erkannt, dass eine ökologische Transformation keine Bedrohung darstellt.

Mutigen Menschen, Visionären, gelang es mit Hilfe der KI, nachhaltige Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle in die Zukunft gerichtet zu generieren. Viele kluge Ideen kamen zum Einsatz.

Der Mensch glaubte dem Menschen nicht, doch als eine Maschine ihnen vorrechnete und ganz sachlich darlegte, dass, wenn sie so weiterleben würden wie bisher, sie global die nahe Zukunft nur unter großen Entbehrungen und Leid oder sogar gar nicht mehr erleben würden, waren sie geschockt.

KI rechnete ihnen die Zukunftsvision eines jeden Projektes durch.

Jetzt war der Leidensdruck so groß, dass sich nach und nach alle an einen runden Tisch setzten und einen Zukunftsrat gründeten, als beratende Instanz der Vereinten Nationen in Sachen Erde, Ökologie und nachhaltiger zukunftsweisender Projekte inklusive ethischer Fragen und übergeordneter Reglementierungen. Durch den Zukunftsrat bekam die UN einen neuen lebensnotwendigen Schwerpunkt. Schließlich wurde die UN samt Zukunftsrat zum Globalen Rat, dem heute alle 204 Nationen der Erde angehören.“

Sie drehte sich um und applaudierte in Richtung aller Vertreter der Erdnationen. Das Publikum stimmte ein.

„Der biotechnologische Wandel stellte den Menschen wieder vor neue unbekannte Herausforderungen. Durch eine ethische Reflexion gelang es, Werte und Normen unterschiedlicher Traditionen unter einen globalen Hut zu bekommen. Es ging um Fragen des ethischen und nachhaltigen Umgangsmit Technik und Biotechnik, die zahlreiche Aspekte der menschlichen Lebensform und unserer Umwelt betraf. Das Tabu, unser ethisches Regelwerk, das der Zukunftsrat entwickelt hatte, schützt, wie gesagt, uns Menschen vor uns Menschen.

Durch das globale Tabu konnte das Trauma von Angst und Misstrauen abgebaut und Vertrauen langsam wieder aufgebaut werden. Welch eine Erlösung!

Damit war es dem Menschen gelungen, eine zuvor nie dagewesene bahnbrechende gesellschaftliche Verantwortung zu über-nehmen, die die Zukunft, in der wir jetzt leben, erst ermöglichen konnte.

Dank unserer begnadeten Wissenschaftler und Techniker, Programmierer, Werkstofftechniker, Bioniker, Chemiker, Physiker, Biotechnologen, Bioingenieure, Mathematiker, Psychologen, Künstler, Designer, Handwerker und vielen mehr, konnten und können wir vieles wieder aufbauen, was damals zerstört worden war.

Wir sind unglaublich dankbar, heute leben zu dürfen, und dass wir durch die Zeitfenster mittels Holos Einblicke zum Lernen nutzen können, damit wir nicht wieder von vorn anfangen müssen. Danke an alle Visionäre.“

Sie hob ihre Arme gen Publikum. Alle lachten. Sie lächelte und blickte in die zweite Reihe. Sie hielt kurz inne und nickte.

„Nachbauten sind keine Originale. Es ist unfassbar, wie viele Kulturgüter durch Kriegstreiben zerstört wurden. Nach einer dramatischen Zeit mit unzähligen unermüdlichen Versuchen, Frieden über die Erde zu bringen, hatten unsere Vorfahren, zu denen wir die Eltern unseres jetzt noch lebenden 122-Jährigen Goldenen Alten zählen dürfen… Maistir Choi…“

Sie winkte dem Goldenen Alten zu und sein Holo schwebte über Gimra. Er hatte sich mit der Unterstützung seiner Nachbarn aufgerichtet. Sein linker Nachbar war Druide Tanobakt, sein langjähriger Schüler, Vater von Gimra und Nane, Opa, von Kyr. Der hatte es wohl selbst momentan mit dem Kreuz und wurde wiederum von dessen Nachbarn gestützt. An seiner rechten Seite stützte ihn Elieanor, Rosurans Nana. Eine lustige Reihe. Maistir Choi lachte herzerfrischend und wäre die Auflösung nicht so gut, würde man denken, er sei ein junger Mann. Seine weißen Haare standen in alle Richtungen, eine Frisur, die so einige Teens oder Twens gern trugen, samt Farbe. Retro. Maistir Choi wedelte seinen Stock galant in der Luft zum Gruße. Er war von langer, schlaksiger Statur, was durch seinen XXL-Pulli noch verstärkt wurde. Seine Ausstrahlung war sehr würdevoll. Ein echter Goldener Alter, ein echter Maistir. Bis zu seinem 100. Geburtstag wären solch öffentlichen Auftritte für ihn noch undenkbar gewesen und wenn, dann mit irgendeiner Katastrophe verbunden. Seitdem war seine Schüchternheit nahezu verflogen. Eigenartigerweise war diese Eigenart für eine Zeit auf Tanobakt, seinen Schüler, übergesprungen und von dem Druiden nun seit sechs Jahren auf Kyr, dem das mehr als lästig war. Er wollte nicht erst 100 Jahre alt werden, um seine Schüchternheit loszuwerden.

„Maistir Chois Eltern waren gemeinsam mit Maistir Salanas Eltern maßgeblich an der Gründung des Globalen Rates beteiligt gewesen. Wie die meisten wissen, hatte Maistir Salana vor drei Jahren das Samsara-Lebensfest gefeiert und unterstützt seither einige von uns als geistige Beraterin. Beide, Maistir Salana und Maistir Choi, traten in die Fußstapfen ihrer Eltern und waren lange als Ratsmitglieder für den Globalen Rat tätig gewesen; Maistir Choi ganze erfolgreiche 65 Jahre bis zu seinem 100. Geburtstag. Seitdem ist er bis zum heutigen Tag Ehrenrat. Wir alle zehren heute von seinem entschlossenen Einsatz für den Weltfrieden. Die Saat des Friedens wurde damals gesät. Ihr habt die zarten Pflänzchen gehütet und gepflegt. Jahr für Jahr dürfen wir nun die Früchte ernten, die Früchte des Baumes der Erkenntnis, allein durch euer starkes und unermüdliches Vertrauen, dass dieses Projekt von Generation zu Generation weiter in die Zukunft getragen wird. Ihr beide habt eure Vision, dass unser Leben nachhaltig frei von Krieg und Zerstörung sein würde, bis heute in die Realität übertragen können. Durch die Kraft eurer Liebe für unseren wunderschönen Planeten. Wir sind auf ewig dankbar.“

Tosender stehender Beifall.

Das Publikum setzte sich wieder.

Gimra fuhr fort, an Maistir Choi gewandt:

„Im Jahre 2062 hatten endlich, nach einer Zeit zäher Verhandlungen, alle 204 Länder unserer geliebten Erde den globalen Friedensvertrag unterschrieben. Dieser historische Tag für alle Bewohnerinnen und Bewohner unserer Erde wurde seitdem mit dem Tag des Friedens gefeiert. Gemeinsam feiern wir heute 100 Jahre friedliche Nachbarschaft zwischen allen Staaten!“

Tosender Beifall.

„Maistir Choi. Seit 2075 gehörtest du als Abgesandter unseres Landes zu den Ratsmitgliedern des Globalen Rates. Frieden ist nicht selbstverständlich. Frieden ist Arbeit. Frieden muss bei Bedarf immer wieder neu gesät werden. Frieden ist oft eine sensible Pflanze, selbst wenn es sich zwischen manchen Staaten um einen starken Baum handelt. Dank deines herausragenden diplomatischen Geschicks konnten viele Auseinandersetzungen geschlichtet und Gerechtigkeit gelebt werden. Viele nachhaltige Ideen konnten weltweit umgesetzt werden. Nur weil du, hochgeschätzter Maistir Choi, alle immer wieder unbeirrt mit starken Worten beschworen hast, so, wie wir es jeden Tag von Neuem kundtun: Gebt Frieden eine Chance…“

Als wäre es ein Stichwort, dem wohl auch so war, verschwand in diesem Moment Maistir Chois Holo über Gimra. Stattdessen schwebte an dessen Stelle ein Holo mit einem privaten Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1969 von der Plastic Ono Band mit John Lennon und Yoko Ono. Die Aufnahme war aus einem völlig überfüllten Hotelzimmer in Montreal. Die beiden saßen auf dem Bett, John mit Gitarre, andere saßen und standen drumherum und sangen: „Give peace a chance“. Das Lied schallte laut und schräg durch die Agora.

Gimra schaute verdutzt in die zweite Reihe zu Maistir Choi. Schon sah man sein Holo neben dem Hotelzimmerkonzert. Er sah aus, als wäre er einer der Fans um die beiden herum. Als wäre er ein Twen und keine 122 Jahre, wippte er im Takt der Musik, schwenkte dabei seinen Stock hin und her und sang aus Leibeskräften mit. Außer Tanobakt und Elieanor war das Lied noch unter einer eingeschworenen Retro-Musik aus den 60er und 70er-Gemeinde bekannt, die alle enthusiastisch mitsangen. Schon reagierte die Deko. Ein riesiges, in Regenbogenfarben leuchtendes Peace-Zeichen erstrahlte unter der Kuppel. Hunderte von Feuerzeugen wurden entzündet und schwebten über dem Publikum, den Abgesandten aller Länder und über Gimra und Jaskula. Ein Textband lief um die Halle zum Mitsingen nach Karaoke-Art. Jaskula stand nun neben Gimra und wusste nicht so recht, was sie tun sollte. Maistir Choi lachte ihnen glückselig zu. Die Stimmung war bombastisch. Alle standen, sangen und schwenkten nun Holo-Feuerzeugflammen in bunten Farben aus ihren Memos. Ein Lichtermeer der Freude für den Frieden und für Maistir Choi.

Trotzdem gab es einen kurzen strengen Blick Richtung Rosuran und Kyr.

In dem Moment klatschte Maistir Choi mit den beiden ab. Die steckten doch alle unter einer Schalk-Decke. Abklatschen war wieder solch eine Retro-Nummer. Manche Moden hielten sich wohl hartnäckig. Na gut, Jaskula und Gimra sangen mit, denn alle sahen sie mit glücklichen Gesichtern an, als wären sie die Planerinnen dieser gelungenen Herzensüberraschung. Nein, waren sie nicht. Herz ja, Überraschung nein. Aber na gut. Unfassbar, diese Jugend. Auch das änderte sich wohl nie.

Die Aufnahme kam zum Ende, sämtliche Feuerzeugflammen erloschen und Maistir Choi nahm wieder den Mittelplatz im Holo über der RednerInsel ein.

Nachdem alle sich beruhigt hatten, fuhr Gimra fort:

„Maistir Choi. Seit 122 Jahren…“

Sie wurde durch einen Stockschwenker von Maistir Choi unterbrochen. Sie blickte ihn an, nickte ihm lächelnd zu, atmete tief ein und aus und sagte sichtlich bewegt:

„Ich übergebe nun feierlich das Wort an unseren weisen Goldenen Alten Maistir Choi. Es ist mir und uns allen eine große Ehre, dass du heute mitten unter uns…“

Alle applaudierten euphorisch im Takt. Alle wussten, was bald kommen würde. Hanaskea, Kyr, Rosuran, Aleyna, Burgon und Ushlaran drehten sich zu ihm um. Maistir Choi lachte in seiner unverwechselbaren bescheidenen Art und gab ein Zeichen zur Ruhe:

„Danke dir, liebe Gimra, für diese gelungene Überleitung. Welch grandiose Überraschung mit diesem besonderen Lied für Frieden ist euch da gelungen. Dieses Lied ist nun schon nahezu 200 Jahre alt. Damals wurde es aus tiefer Sehnsucht nach Frieden gesungen und heute aus tiefer Dankbarkeit für den Frieden, den wir genießen dürfen.

Ja, es ist mir eine große Ehre mitten unter euch, geliebtes Volk von Cambolia und umrahmt von meinen engen Freunden, das Fest der Feste an diesem besonderen Festtag feiern zu dürfen. Vor 122 Jahren hätte ich niemals für möglich gehalten, dass ich mein körperliches Ende selbst und in Freude und Dankbarkeit entscheiden dürfte.

Meine Eltern waren die ersten der Generation Alpha, die nach der Generation Z folgte.

Z wurden die damals um die Jahrtausendwende Geborenen bezeichnet, die mit einem Smartphone im Jugendalter aufgewachsen waren. Z als letzter Buchstabe im Alphabet, implizierte, dass es sich um die letzte Generation auf der Erde handeln würde. Die Endzeitszenarien waren aus Science-Fiction-Filmen bekannt und kamen langsam, dank der Geringschätzung von Natur und Umwelt, in ihrer Realität an. Dieses Bewusstsein, mit allen Schieflagen auf der Erde, veranlasste eine Letzte Generation zu verzweifelten Aktionen, um die Menschheit aufzurütteln.

Dann kam Generation Alpha ins Spiel, die Hoffnung auf einen Neuanfang. Das haben meine Eltern mit in die Wiege gelegt bekommen. Nachhaltigkeit war selbstverständlich, denn sie wuchsen bereits mit der zunehmenden Bedrohung durch Klimakrisen auf.

Gamification wurde ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens, Punktesystem, Statuserwerb, Teambuilding, Ranglisten, Wettbewerb, Herausforderung, Missionen und noch weitere Motivationen spornten an, um schwierige, unangenehme oder langweilige Aufgaben zu lösen, von der Ausbildung, im Beruf bis hin zu Hobbys. Sie liebten es, egal wo, und verbrachten zudem viel Zeit in der Gaming Szene. Eine witzige Anekdote war, dass es ihnen in der virtuellen Welt sehr wichtig war, sich besonders einzukleiden, nicht in der reellen. Auch eine Form von Nachhaltigkeit, denn in der reellen Welt waren sie unbeeindruckt von Modetrends. Bequem war in. Sie fanden allerdings heraus, dass Modefirmen viel Geld für die Werbung ihrer Kollektionen zahlten, die sie in der virtuellen Welt probehalber einsetzten. Das war bestens investiertes Geld, denn wer die Level nicht immer erspielen wollte, um sich mit Status aufzumotzen, zahlte für die virtuellen Klamotten und Extras. Das einzig Gute an dieser subtilen Testreihe war, dass nur die Modelinien produziert wurden, die auch in der virtuellen Welt erfolgreich auf dem Markt waren. Also wurde weniger vernichtet, was sich nicht reell verkaufen ließ. Meine Eltern stiegen aus diesem Marketingtrick aus und kümmerten sich fortan um den Fortbestand der reellen Welt. Mithilfe von KI.

Die virtuellen Märkte waren nicht ohne. Es war erschreckend, was sich parallel zur reellen Welt abspielte. Welch Abhängigkeiten und Machtverschiebungen da entstanden waren. Auch hier herrschten Geld und Zugänge. Cyber-Spionage konnte hinter jedem Mausklick stecken. Hacker wurden zu Soldaten, die den Gegner unterwandern sollten. Gleichzeitig wurden die Schutzmechanismen auch immer erfolgreicher, dank KI. Im letzten Moment gestanden sich Industrienationen und Autokratien ein, dass ein Krieg, KI gegen KI, von keinem der Parteien zu gewinnen war und unterzeichneten einen Vertrag, der die militärische Nutzung von KI weltweit verbot. Ein erster Schritt war getan Richtung globalem Frieden.

Das war 2040. Ich wurde in genau diese Welt geboren und von meinen Eltern von 0 an zu gewaltfreier Kommunikation und zur Nachhaltigkeit auf allen Ebenen erzogen. Ich hatte mit vier Jahren meinen ersten Avatar.

Die technisch komplexeren Entwicklungen wuchsen exponentiell. Digitalisierung hatte jeden Lebensbereich erfasst. Ab Generation Beta waren die permanenten Weiterentwicklungen normal. Die reelle Welt wurde immer unreeller, da der Lebensmittelpunkt in der digitalen Welt mit KI stattfand. Vierzig Jahre früher hätte es die Kiddies noch zu sehr verwirrt, doch von jetzt an war es normal. Parallele Welten waren Teil unseres Lebens.

Um die Zeit des biotechnologischen Wandels etablierte sich sicheres autonomes Fahren, definitiv sicherer für alle Beteiligten. Meine Eltern bemühten sich, uns Kindern ein gutes und respektvolles Bewusstsein zur Natur und die Liebe zur Schönheit unserer Erde zu vermitteln. Mit jeder digitalen Neuerung und auch Forschungsdurchbrüchen in der Biotechnologie kämpften sie um zeitnahe Aktualisierungen des ethischen Regelwerks.

Auf welche Personen habe ich wohl als Baby als erstes meine Blicke scharf stellen können?“

Alle grinsten, doch niemand wusste eine Antwort. Enorm, wie er dastand und seine Rede hielt mit seinen 122 Jahren. Druide Tanobakt hielt Maistir Chois Stock, damit dieser seine Hände frei hatte, um seine Worte mit Gesten zu unterstreichen.

„Nun, es waren die Ratsmitglieder des Zukunftsrates. Als ich geboren wurde, gehörten meine Eltern zu den Gründern des Zukunftsrates. Ich glaube, ich bin dort auch zur Welt gekommen.“

Alle lachten. Das erklärte doch so einiges in seinem Werdegang.

„Ja, genau, ihr denkt richtig. Mein Weg war vorgezeichnet. Der Zukunftsrat beriet anfangs die Vereinten Nationen. Als ich 10 wurde, wurde aus den Vereinten Nationen der Globale Rat und der Zukunftsrat wurde integriert.

Niemals werde ich vergessen, wie damals vor 100 Jahren im Jahr 2062 gefeiert wurde. Die komplette Welt feierte eine ganze Woche lang den Weltfrieden. Wie aus dem Häuschen. 2062 hatten endlich die letzten beiden Staaten den globalen Friedensvertrag unter Aufsicht des Globalen Rates unterzeichnet. Umweltkatastrophen und das sich verändernde Wetter waren zunächst ungewollte Kriegstreiber, dann kehrte sich das Blatt und das Wetter wurde zum Friedenstreiber. Der Leidensdruck war im letzten Winkel der Erde angekommen, denn die Menschen brauchten all ihre Ressourcen und Gelder, um ihr Leben auf ein anderes Klima umzustellen. Weltweit. Schlau waren die, die schon gut dreißig Jahre früher angefangen hatten, auf Wetterveränderungen zu reagieren.

Hätte die Menschheit schon viel früher reagiert, ich denke da an die 1970er, und es erst gar nicht so weit kommen lassen, hätten die Menschen viel mehr Zeit gehabt, sich auf die natürlichen Klimaveränderungen einzustellen… Hätte, hätte, Fahrradkette…“

Zustimmendes Murmeln.

„Es ist paradox, aber durch Digitalisierung und Gamification brauchten viele gar nicht mehr hinaus in Sturm oder Hitze. Also brauchten sie kein zwingend gut kalkulierbares Wetter wie früher.“

Bedauerndes Lachen.

„Jetzt, meine lieben Freunde, möchte ich diese traurige Zeit nicht weiter vertiefen. Ich wollte sie nur einmal in Erinnerung rufen, so, wie du, liebe Rätin Gimra. Das Schlimmste daran ist, so sehe ich es im Nachhinein, dass die Verursacher der düsteren Zustände weltweit weniger die Leidtragenden waren als die Milliarden Nicht-Verursacher und die folgenden Generationen. Immerhin war es ihnen gerade noch gelungen, die Wege in eine Welt mit gesunden Einstellungen zu allem Leben auf der Erde zu leiten. Ansonsten säßen wir jetzt nicht alle hier zusammen. Und uns geht es jetzt gut. Sehr gut.

Zögert nicht, euch immer mal wieder einen Holo aus dieser Zeit zu Gemüte zu führen. Wir können uns heute diese Zeitfester gemütlich aus unseren wohlklimatisieren Häusern ansehen, dabei Popcorn naschen und Nachos dippen, und uns immer wieder sagen: Uns geht es jetzt gut. Sehr gut.

Dies zu erhalten, ist die Aufgabe der jetzigen Generationen Pi. Es gibt doch nichts Schöneres als diese irrationale Zahl. Ich liebe sie. Wie gut, dass sie meinen ganz persönlichen Antrag angenommen hatten, als es um die Nachfolge von Generation Iota ging. Nichts gegen Kappa, aber Pi…“

Alle lachten. Was dieser alte Weise schon alles bewirkt hatte.

„Alter schützt vor Torheit nicht. Das gilt immer. Jetzt wechsele ich das Thema zu meiner großen Liebe Salana.

Maistir Salana hatte ich während der Studienzeiten in der Mensa kennengelernt. Sie hatte damals schon diese liebevolle, aber direkte motivierende Art. Sie überzeugte die Leiterin der Mensaküche, auch Bio- und regionale Kost anzubieten. Sie sammelte Kontaktdaten von entsprechenden Betrieben und bereits ein Semester später kam es zu einer Umstellung des Essensplans. Klar, dass Studenten das gern annahmen. Salana sorgte sogar an unserer Uni für einen Küchen-Sponsor, denn die meisten Studis begrüßten die Umstellung sofort, konnten es sich aber nicht leisten. Nachdem endlich auch die Politik reagiert hatte und Subventionen von Massenbetrieben auf Öko-Betriebe umstellten, gelang es endlich, dass sich die Studenten gutes Essen auch ohne die Mensa-Unterstützung leisten konnten und mit ihnen alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Fünfzig Jahre zuvor war es normal, gesundes Essen auf dem Tisch zu haben. Nur ein bis zwei Mal in der Woche gab es Fleisch. Öko war keine Besonderheit, sondern völlig normal. Dann kamen die Spritzereien in Mode, um den Ertrag zu steigern, dazu die industrielle Landwirtschaft, angeblich, um den Hunger der Welt zu beenden. Welch eine Augenwischerei! Der Hunger im Rest der Welt außerhalb der Industrienationen wurde durch eine Politik der Abhängigkeiten mehr statt weniger. Und die Leute wurden kränker von all der Chemie in Fleisch, Gemüse, Obst, im ganzen Essen. Vom Turbo-Essen, welches sie in Turbo-Geschwindigkeit gleichgültig in sich reinstopften.

Eigentümlicherweise empfanden viele Öko-Essen als abgehoben und unsinnig. Als Öko-Diktatur t beschimpft. Wie g gesagt, e

w wurde das Bemühen um ein gesundes Essen es ging um genau das Essen aus dem Garten, vom Acker und von der Weide, das i ihre Großeltern als ganz selbstverständlich und dankbar bverzehrten und mit ihnen alle Menschen Tausende von Jahren zuvor. Unfassbar.“

Viele schüttelten ihre Köpfe.

„Ganz einfach. Ein weiter so, wäre unverantwortlich gewesen. Sie nahmen die Beschimpfungen mhin und kämpften weiter für gesundes Essen für alle. Ein entscheidender Knackpunkt war schließlich die Kommunikation. Allgemein verständlichere Informationen, die die Menschen mit ins Boot nahmen.

Die meisten Menschen verloren die Angst, man würde ihnen das Essen vom Teller klauen. Auch die Zweifler lernten es zu schätzen, denn sie konnten ja nach wie vor ihren Burger essen, ihr kennt das Retro-Essen, nur eben nicht mehr jeden Tag für lau auf die Kralle…“

Er kicherte über sich selbst. Alle kicherten mit, allerdings wussten nur die Wenigsten, was es bedeutete.

„Für die, die damals noch nicht gelebt hatten…“

Er kicherte wieder. Das steckte an.

„Das bedeutete in etwa, für wenig Geld direkt auf die Hand. Die Krankenkassen begrüßten die nachhaltigen guten Änderungen der Ernährung in Kombination mit Bewegungsprogrammen, denn auch Übergewicht war bei der Hälfte der Bevölkerung ein Problem und bei 20 Prozent sogar krankhaft. Durch die Einsparungen dank weniger Folgeerkrankungen durch ungesundes Essen und Dauer-Internet konnten sie medizinische Unterstützungen wieder deutlich erweitern und erhöhen, die Beiträge gesenkt werden. Alles hängt zusammen, wir wissen es.

Wie kam ich nur zum Thema Essen? Ach ja. Über Salana natürlich. Wir waren in all unseren Leben immer irgendwie verbandelt gewesen und ich hatte sie immer irgendwie geliebt, seit wir uns im ersten Leben auf der Erde begegnet waren. Ich erinnere mich, als ich ihr das erste Mal begegnete, ihr die Hand reichen wollte und glatt über irgendwas gestolpert bin. Da lag ich nun, direkt vor ihr auf der Nase, die ich mir auch noch aufgeschlagen hatte. Sie hatte mir hochgeholfen, sich einen Ärmel abgerissen, und ihn vor meine blutige Nase gehalten. Dabei hatte sie mich angelächelt und ihren Kopf hin und hergewiegt. Allein daran hatte ich sie in jedem Leben wiedererkannt, ohne dass ich es wusste. Und an ihrer unglaublich angenehmen Stimme. Ihr kennt sie alle. Maistir Salana, wie gern habe ich dieser weisen Frau zugehört. Sie weiß schon, dass ich bald komme.“

Er lächelte verliebt und glückselig.

„So, wie ich ihr in all meinen Leben auf der Erde begegnet bin, bin ich einigen von euch begegnet. Aleyna und Burgon, Hanaskea und Kyr, Rosuran und Jaskula, Tanobakt und Elieanor, Ushlaran und auch dir, liebe Rätin Gimra.

Ich danke euch, für die Konstante in meinem Leben. Wir haben auf magische Weise voneinander lernen können. Nicht immer waren die Erfahrungen schön, aber im Nachhinein aus den Augen eines weisen Mannes…“

Er kicherte wieder und blickte in die Runde. Wie ein kleiner, spitzbübischer Junge. Alle waren verzückt.

„… gehörten sie zu all den Erfahrungen, die mich zu dem gemacht haben, der ich in diesem Leben sein durfte. Dank Maistir Salana habe ich meine Studienschwerpunkte geändert und konnte mich in meinem Leben in die Astronomie und das Heilwesen vertiefen. Ich studierte jede Pflanze, die bei uns wuchs, bis in die kleinsten Universen ihrer wunderschönen Zellen. Es ist unglaublich, dass sie es geschafft haben, dank der Protein-Designer, unsere Häuser zum Wachsen zu bringen. Undenkbar damals. Jetzt regelt das Tabu jegliche Bedenken. Das Tabu, das uns jedmögliche Entwicklungs-Szenarien aufzeigen kann, je nachdem, was erfunden wird. Es schützt das Leben vor Missbrauch. Schade, hätten sie es nur früher erfunden, so viel Leid wäre ihnen und uns erspart geblieben.

Hätte, hätte, Fahrradkette…“

Alle lachten. Eine heitere und ausgelassene Stimmung breitete sich aus.

„Und hätte, hätte, Fahrradkette, ich noch ein Leben auf der Erde, dann würde ich ein Comedian werden. Zu dumm, da musste ich erst 100 Jahre alt werden, um meine Schüchternheit zu verlieren und vor Leuten reden zu können. Man lernt nie aus, das ist das Wunderbare am Leben und am Alter.

Wo war ich eben. Ja. Das Tabu. Nun, ich weiß, es fehlte an frei verfügbarer Energie für Datenmengen, Rechenleistung und Speicher. Aber auch dieses Problem wurde mit der Zeit gelöst.

Wie du beschrieben hast, liebe Rätin Gimra, das Tabu ist unser sicherster Schutz vor uns selbst.

Aggressionen werden von Generation zu Generation abgebaut, auf ganz natürliche Art und Weise, ohne Eingriff seitens KI-gesteuerter Medizin. Natürliche Evolution durch Frieden und Wohlstand über mehrere Generationen. Aggression ist heute zum Leben und Überleben nicht mehr notwendig.

Wasser, Energie, Essen und Bildung ist für alle da. Kämpfe werden nur noch auf dem Sportplatz, reell oder virtuell ausgetragen.

Wir leben auf dem Paradies Erde und leben die Schönheit der Natur, wie sie es in ihren Zellen dank ihrer Jahrmillionen Erfahrungen jeden Tag gespeichert hat.