Saat und Ernte, Band 3 - Aina Koregard - E-Book

Saat und Ernte, Band 3 E-Book

Aina Koregard

0,0

Beschreibung

Es geht ins Eingemachte. Drei mitreißende Zeitfenster stehen noch an. Nach einem nur kurzen Zeitraum höchsten kulturellen Lebens in einer bis ins kleinste Detail perfekt organisierten Gesellschaft der Inka bekommen sie im Jahre 1527 die bedrückende Zeit des nahen Untergangs schmerzlich zu spüren. Im Jahre 1600 hat ein Sioux-Mädchen die Erinnerung an die eigene Kultur verloren und durchwandert die zwölf für sie errichteten Stationen des Sonnenrades, um zurück auf den Pfad ihres Lebens zu finden. Eine heilsame Zeit für fast alle. 2011 suchen einige der Protagonisten als Maori auf Neuseeland auf dramatische, mühsame Weise wieder die rechtmäßige Akzeptanz ihrer Kultur. Ungeachtet aller Widrigkeiten haben sie sich ihre tiefe Spiritualität bewahren können, die ihnen Kraft und Gemeinschaftssinn zurückgibt. Auf ihre Weise flechten sie ein Seil zu einer erhofften besseren Zukunft. Spannend, faszinierend und bewegend. All ihre Erlebnisse, egal wie hart sie waren, haben unsere Zuschauer aus der Zukunft Leben für Leben, Saat für Saat, zu den Individuen wachsen lassen, die sie jetzt sind. Wird es eine erfolgreiche Ernte nach über 4.500 Jahren?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 1144

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



www.ainakoregard.de

Sei Du selbst die Veränderung,

die Du Dir wünschst für diese Welt.

Mahatma Gandhi

Infos über Zeit, Ort und die einzelnen Rollen

der zwölf Protagonisten finden Sie

im Anhang ab Seite 667.

Inhaltsverzeichnis

Zehntes Zeitfenster . Tausend weiße Meerschweinchen

Elftes Zeitfenster . Der Pfad

Zwölftes Zeitfenster . Kurz vor Zwölf

Die Seele des Seils

Nachwort - Epilog

Jordens Visdom – Weisheit der Erde

Infos . Zehntes Zeitfenster

Infos . Elftes Zeitfenster

Infos . zwölftes Zeitfenster

Infos . Die Seele des Seils

Quellen

Zehntes Zeitfenster . Tausend weiße Meerschweinchen

„Burgon kommt sicher gleich. Seit der letzten Rückreise hat er das Laufen wieder angefangen. Das hilft ihm, seinen inneren Frust wegen seiner Rolle in Tenochtitlán abzubauen. Jeden Morgen. Eigentlich zusammen mit Ushlaran und Kyr. Aber Kyr ist schon hier und sogar geduscht“, erklärte Aleyna leicht irritiert, als alle fragend auf die freien Plätze der fehlenden Männer starrten. Kaum, dass sie im Versammlungsraum waren, hatten sofort alle ihre Plätze eingenommen.

„Sie tönten noch groß, von wegen, wer wohl zuerst hier sei. Unpünktlichkeit ist sehr ungewöhnlich für Ushlaran“, meinte Gimra auch leicht irritiert. Alle sahen Kyr an.

„Sie wollten unbedingt durch den Wald. Ich hatte keine Lust und bin an den Feldern entlanggelaufen. Ich habe nur wenig gefrühstückt. Wir könnten unseren Inka-Snack doch auch schon vorher testen. Wenigstens ein Mal naschen“, meinte Kyr mit einem Blick zu den Stehtischen. Da war aber noch nichts zu erkennen. Er stand auf, um eventuell doch etwas zu erspähen:

„Ich hoffe sehr, es gibt wieder Maispfannenkuchen. Das sind doch alles Mais-Völker, die Maya, die Azteken und die Inka. Da steht ja noch gar nichts, noch nicht einmal Zahnstocher zum Aufpicken.“ Leichte Enttäuschung.

„Oh ja, mit diesem Agavensirup. Bester Snack. Irgendwas hat sie vorbereitet, aber keiner durfte in die Küche“, meinte Rosuran und Kyr nickte zufrieden, dass doch ein Snack in Aussicht stand.

In dem Moment erschienen Burgon und Ushlaran in der Tür. Völlig verschwitzt. Burgon stöhnte:

„Entschuldigt. Wir waren so in unser Gespräch vertieft und sind einfach immer weitergelaufen. Wir hatten nicht einmal auf unsere Memonavis geschaut. Plötzlich kamen wir im Nachbarort raus. Das ist mir ja noch nie passiert. Gibt es schon was zu essen, Hanaskea? Das roch zu Hause so lecker.“

„Ich bin untröstlich. Ich weiß gar nicht, wie das geschehen konnte. Ich habe eigentlich eine eingebaute innere Uhr in meinen Genen. Entschuldigt“, entschuldigte sich Ushlaran und tupfte Kopf und Rest sportlermäßig mit einem Handtuch trocken.

Gimra lachte:

„Ihr seid unmöglich. Wir haben auf euch gewartet und sind alle schon sehr gespannt. Wollt ihr euch noch kurz frischmachen? Wir tauchen schließlich in eine weitere Hochkultur ein. Nicht, dass eure Sportlerdüfte die Räucherungen überduften. Ich habe mich so an diese Räucherungen gewöhnt. Sie bewirkten bei mir zwar nicht wirklich etwas, aber sie haben so etwas Entrückendes, Tragendes.“ Sie schnüffelte an Ushlaran.

„Rein zufällig habe ich zwei frische T-Shirts mitgenommen. Ich dachte mir sowas schon“, grinste Aleyna.

„Ich wollte dir auch Bescheid sagen wegen der T-Shirts, dann hatte ich so das Gefühl, dass du sicher vorgesorgt hast,“ lachte Elieanor.

„Dann sind wir in Sachen Geruch und Wohlbefinden ja auf der sicheren Seite. Und wir könnten gleich anfangen“, meinte Jaskula mit einem leicht drängelnden Blick. Sie mochte Zeitverschiebungen überhaupt nicht. Lehrmeister eben.

„Und du hast wirklich keinen kleinen Snack vorweg“, kam nun Tano-bakt. „Tanobakt, der dritte, vierte und sechste kamen zufällig an eurem Haus vorbei und wir bekommen nun alle sieben den Duft nicht mehr aus unseren Nasen“, versuchte es Tanobakt, der Leibhaftige.

„Na guuut!“, lachte Hanaskea. „Ich hätte da eine Kleinigkeit, die ich eigentlich als Nachspeise…“

„Egal. Nachspeisen werden überbewertet. Ich helfe dir tragen“, sprang Kyr sofort auf und half tatsächlich. Alle grinsten innerlich.

Die beiden stellten Teller mit Gebäck auf die Beistelltische zwischen den Sesseln.

„Stopp! Erst muss Hanna uns erklären, was es ist“, ermahnte Kyr die langen Finger. Hanna, soso.

„Ich nenne diese Kreation Inkaschnitten. Sie sind mit Quinoa gebacken, das die Inka Muttergetreide nannten. Schon seit 6.000 Jahren zählt das Muttergetreide zu den Grundnahrungsmitteln der Inka, den heutigen Peruanern. Weitere Zutaten sind Hafer, Nüsse, Honig, Vanille, Zimt und eine Prise Muskat. Lasst es euch schmecken.“

Freudig bedienten sich alle und schwärmten.

„Die könnte ich den ganzen Tag essen. Inkaschnitten. Lecker“, schwärmte Kyr. Alle stimmten zu, nur Tanobakt meinte:

„Nun, bei etwas Salzigen, Würzigen mit ein wenig mehr Schärfe wäre ich später nicht abgeneigt.“ Er zwinkerte Hanaskea zu.

„Lasst euch überraschen. Nun kann die Reise aber endlich losgehen“, lächelte Hanaskea.

„Ich bin erstaunt, wie unglaublich motivierend leckeres Essen wirken kann. Hanaskea, du hast unser aller Nerv getroffen. Danke dir dafür. Wir müssen tatsächlich unser Angebot der Küche im HdW umstellen.

Ich hätte nichts dagegen, die Spezialisierung deiner Lehre um ein bis zwei Jahre vorzuziehen, Hanaskea. Dann kannst du dich voll und ganz in der HdW-Küche austoben und rundum motivierte Tiro mit deinen Kochkünsten verzaubern“, lachte Jaskula. Alle lachten.

„Ich hätte nichts dagegen. Könnte sofort losgehen“, meinte Hanaskea, mit Zustimmung von Rosuran, Kyr und Burgon, der ja auch Lehrmeister war. Man konnte den anderen Erwachsenen ansehen, dass sie gerade überlegten, auch wieder das Lehramt anzutreten.

„Ich meine es ernst. Mit 19 Jahren beginnt die Spezialisierung und du bist jetzt 16. Mit 18 sollte das kein Problem sein. Dein Grundlagenwissen ist breit gefächert. Dennoch fehlen noch einige Module, damit du dir mit dieser Basis auch alle anderen Richtungen von Lehrberufen offenhalten kannst. Auch wenn ich denke, dass du schon mit Freude und Gabe auf dem Weg deiner eigenen Berufung bist.

Aber nun, liebe Rückreisetruppe, wie ich euch schon angedeutet hatte, spielt unser Zeitfenster heute an einem Tag im Reich der Inka, das sie Tawantinsuyu, Land der vier Teile oder Reich der Vier Himmelsrichtungen nannten. Es ist das Jahr 1527 und Inka Kimra Wayna Qhapaq,…“, sie zwinkerte Gimra zu. „…der 11. König der Inka, ist an der Macht. Ah, seht, dort ist Alayna, ein begnadeter Goldkünstler, emsig bei der Arbeit und sein Sohn Wanasqia hilft ihm. Du siehst, Hanaskea, hier schlummern noch andere Talente. Das zehnte Zeitfenster ist hiermit geöffnet.“

Es war recht duster in der Hütte und die Arbeit beschwerlich.

„Dicker Rauch biss erbarmungslos in meinen Augen. Ich hustete, rang nach Atem. Dann wurde es schwarz um mich. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, bis ich wieder aufwachte, draußen, auf dem Boden, und meine Mutter tränen- und rußverschmiert über mich gebeugt neben mir saß.

‚Pachamama, der großen Mutter Erde sei Dank! Du bist am Leben!’ Sie hatte bitterlich geweint und mir unablässig das Gesicht gestreichelt. ‚Sie haben deinen Vater gefangen genommen! Wir müssen weg von hier. Wir werden umgesiedelt, in die Nähe des Inka, nach Qusqu. Der Große Inka hat es selbst so bestimmt. Der Sapay Inka, der einzige Inka, ist unser neuer Herr. Wir tun, was er sagt. Dann wird es uns bald wieder gut gehen…’“

Alayna hielt kurz inne mit seiner Erzählung, atmete tief ein und aus, den Kopf zur Seite gedreht, damit er die kleinen, vor ihm liegenden Kügelchen nicht verwehte, und hämmerte dann weiter, eines nach dem anderen mit dem kleinen Hammer zu hauchdünnen Plättchen. Sein Sohn Wanasqia nahm die fertigen kleinen Blättchen behutsam zu sich, stach in jedes ein winziges Loch und legte sie anschließend in eine hölzerne Schachtel, die mit einem dünnen Baumwolltuch ausgelegt war. Die Schachtel war fast voll.

Sein Vater sah müde aus. Seine Haare klebten an seiner nassen Stirn und das Licht der Lampe ließ den rötlichen Glanz in seinen Haaren heute nur schwach erscheinen.

„Große Statuen, ja das ist meine Arbeit, aber diese kleine fummelige Arbeit, das ist nichts mehr für meine Augen und auch nichts für meine Finger. Außerdem fehlt das Licht der Sonne. Wie soll man aus Gold etwas Vernünftiges gestalten, wenn Vater Son-ne nicht am Himmel steht und sein Gold zum Glänzen bringt? Bei Tag fällt alles gleich viel leichter. Diese fummelige Arbeit… Aber ablehnen darf man dem Großen Inka nichts. Erst recht nicht, wenn sich das Land in solch einer schwieriger Lage befindet“, redete er vor sich hin.

„Du bist der beste Goldkünstler der Stadt, Yaya, Vater, und der schnellste, wenn es sein muss. Der Sapay Inka würde dich sonst nicht solch belanglose Arbeit machen lassen, wenn es nicht von herausragender Wichtigkeit wäre. Es heißt, es sei für einen neuen Umhang, den er dringend bräuchte… Für irgendein wichtiges Ritual“, rechtfertigte Wanasqia den Großen Inka.

„Einen neuen Umhang, hm… Der Große Herr bekommt jeden Tag einen neuen Umhang von den fleißigen 500 Jungfrauen des Sonnengottes Inti persönlich.“ Alayna machte auf einmal ein wichtiges Gesicht, blickte zur Tür und sprach mit leiser Stimme weiter. Wanasqia reckte seinen Kopf zu ihm, um nichts zu verpassen.

„Ein mit solchen Plättchen aus Gold bestickter Umhang ist ein ganz besonderer Umhang – der Umhang eines Toten! Und bei dieser Stückzahl handelt es sich nicht um den Umhang des Großen Inka allein, sondern eher um zwei! Ein Umhang in der Größe eines erwachsenen hockenden Mannes und ein etwas kleinerer. Dass ein Herrscher in seinem Alter schon den Totenumhang fertig wissen will, ist nicht ungewöhnlich, aber gleich zwei! Und dann diese Eile! Ich hörte, dass sein Sohn die Fleckenkrankheit haben soll, der, der seine Nachfolge antreten soll. Das sieht nicht gut aus für unser Volk! Gar nicht gut. Kir Ninan Cuyochi ist ein gescheiter Junge. Er wäre ein wertiger Nachfolger des Großen Inka.

Aber diese Krankheit… Möge der Große Inka uns noch lange erhalten bleiben und seine Erbfolge gütig klären, wenn sein zuerst auserwählter Sohn es jetzt nicht schafft, die Krankheit zu besiegen. So, wie es aussieht, muss Inka Kimra Wayna Qhapaq sich entscheiden, entweder für seinen weiteren Lieblingssohn, der allerdings von einer seiner Nebenfrauen aus Quito, weit aus dem Norden, stammt, oder den rechtmäßigen Thronfolger hier aus Qusqu. Egal wie, die beiden sind wie Kampfhähne. Es wird nicht einfach für das Volk der Inka, wenn es soweit kommen sollte. Dieses Fle-ckenfieber, es rafft unser Volk dahin. Ich kenne nur zwei, die es bisher überlebt haben: Unseren Nachbarn und weiter vorn die Frau des Perlenma-chers. Jetzt haben sie überall Narben, aber es geht ihnen wieder gut. Es sind zu viele, die sterben, viel zu viele! Es schwächt unser Volk mehr und mehr!“

„Vater, wir haben es gleich geschafft. Die Sonne geht bald auf. Inti kommt zu uns zurück!“, redete sein Sohn ihm aufmunternd zu. Draußen vor der Tür schnarchte der wartende Bote.

„Erzähl mir von der Zeit, bevor ihr nach Qusqu umgesiedelt wurdet. Der Große Inka war so angetan vom handwerklichen Können der Chimú, deines Volkes. Deswegen hatte er die meisten verschont, obgleich sich alle sehr lange gegen ihn zur Wehr gesetzt hatten.

Ich habe gehört, dass es seine Strategie ist, die Gruppen umzusiedeln; die besonders begabten Handwerker einerseits und die Gruppen, die aufwieg-lerisch sind andererseits. Das ist strategisch sehr klug! Deswegen ist auch der Sapay Inka so erfolgreich.“

„Sprich nicht so laut! Auch wenn dieser Bote draußen schläft, du weißt nie, ob die Steine lauschen, naja oder die Lehmziegel.“ Alayna blickte mit großen Augen zur Wand, dann zur Tür.

„Der Große Inka würde uns nichts tun. Er ist der Intip Churin, der Sohn der Sonne, der Sohn von Inti. Unsere Türen stehen offen und jeder kann sehen, dass wir fleißig arbeiten. Zu jeder Zeit kann ein Aufseher des Inka hereinschauen. Er wird uns nie faul in der Ecke liegen sehen! So etwas Schlimmes würden wir niemals tun! Außerdem ist unsere Arbeit so gut, darauf würde er niemals verzichten wollen. Ich sage nur das, was jeder weiß.

Diese Umsiedelei ist eine sehr geschickte Idee und funktioniert, ehrlich gesagt, sehr gut. Der Inka versorgt alle mit Arbeit, Häusern, Nahrung und wenn man alles hat, was man zum Leben braucht, kommt man auch nicht mehr dazu, über Ungerechtigkeiten oder andere Bedürfnisse nachzudenken. Wenn man weit von seiner Heimat entfernt wohnt, kann man sich auch nicht mehr mit seinen Freunden austauschen. Warum sollte man auch? Es geht doch allen gut. Keiner sitzt nutzlos in der Ecke, was eigentlich fast das Schlimmste ist, das einem passieren kann. Aber da passt der Sapay Inka schon auf, dass ein jeder seine Aufgabe hat und dieser fleißig nachkommt.

Wiraqucha hätte uns nicht solch wunderbares Werkzeug wie unsere Hände gegeben, wenn wir sie nicht nutzen sollten und außerdem, das Wichtigste überhaupt, keiner braucht mehr zu hungern, auch wenn alle viel arbeiten müssen. Nichts zu essen zu haben, das wäre doch wahrhaft das Schlimmste. Selbst in Notzeiten wie vor zwei Jahren, als es einfach nicht regnen wollte und Quellen in den Bergen versiegten, die unsere Felder üblicherweise üppig versorgen, selbst dann halfen die Vorratslager über schwierige Zeiten hinweg. Es ist alles perfekt organisiert. Absolut perfekt!“

Alayna musste über die jugendlichen Gedanken seines Sohnes lachen und kam darüber in starkes Husten. Wanasqia eilte, um ihm Wasser zu holen. Trotz des Hustens schnickte sein Vater rasch mit einem kurz nach oben gerichteten Blick einen Tropfen Wasser in den Himmel, für Inti zum Dank, und trank, was ihm auch gleich Linderung verschaffte.

„Was war denn das?“, schimpfte Alayna zur Tür, als käme die Ursache von dort, und lachte auch gleich wieder. „Essen, du hast recht, das Essen haben wir die ganze Zeit über auch vergessen. Selbst du, mein Sohn, der du ohne einen guten Maisbrei oder ein schmackhaftes Kartoffelgericht gar nicht klar denken kannst, selbst du hast die ganze Nacht fleißig an meiner Seite durchgehalten. Ich bin stolz auf dich! Du darfst dich wahrlich mein Sohn nennen!“, freute sich Aleyna über Wanasqia, klopfte ihm auf die Schulter und drehte sich Richtung Feuerstelle.

Wanasqia war darüber etwas irritiert, denn sein Vater war gewöhnlich ein eher in sich gekehrter Mann. Dabei war er nie missmutig, sondern stets freundlich und immer ruhig und ausgeglichen. Normalerweise war er mit stiller Freude bei seiner Arbeit. Alles ging ihm dabei leicht von der Hand, egal wie groß der Auftrag war, den der Inka, und es waren ausschließlich Aufträge des Großen Inka, ihm übertrug. Es war fast so, als würde er mit dem Gold verschmelzen, wenn er es bearbeitete und in Form brachte. Es verband ihn eine tiefe Liebe zum Gold, zum Schweiß des Sonnengottes. Er konnte dabei alles um sich vergessen und schien um die Skulpturen zu schweben, wenn er ihnen zärtlich die Muster einprägte, die der Gott ihm zuflüsterte.

„Vater, Yaya, lass uns erst diese Plättchen zu Ende arbeiten, dann haben wir den ganzen Tag Zeit zu essen. Es ist nicht mehr viel. Der Bote wartet doch darauf“, wagte Wanasqia zu sagen und blickte zu Boden.

„Ja, mein Sohn, natürlich. Das hatte ich jetzt auch nicht so gemeint. Den Rest werden wir beide jetzt auch noch schaffen.“ Aleyna drehte sich wieder zu den kleinen goldenen Kügelchen, hustete wieder, fing sich aber gleich, hämmerte und erzählte dabei weiter:

„Von den Chimú will ich dir erzählen, von deinen Ahnen, deren erster König Tacaynamo einst mit einem Balsa-Floß übers Meer gekommen war und sein Wissen den noch unwissenden Menschen dort überbracht hatte. Er baute ChanChan, das war einst unsere große Hauptstadt. Es sollen immer noch viele Menschen dort leben, aber die Stadt hat durch Qusqu natürlich an Bedeutung verloren. Auch wir lebten dort, als sie noch glanzvoll und mächtig war, meine Eltern und ich. Meine jüngere Schwester wurde dann hier geboren. Mein Vater war Künstler und arbeitete viel, manchmal auch bis tief in die Nacht, um die Auftragszeiten einzuhalten, die er für die Herstellung des Gold- und Silberschmuckes bekam, auch für seine Skulpturen und Verzierungen für die Räume des Palastes oder die Grabbeigaben.

Ähnlich, wie wir es auch hier tun, nur, dass der zeitliche Druck nicht mehr so groß ist, denn der Inka weiß, dass wir fleißig sind und gute Arbeit leisten und dazu gehört die entsprechende Ruhe des Nachts, wie üblicherweise immer. Wir wissen ja, die Lage ist bei Weitem nicht normal, wie sie momentan ist. Wenn es darum geht, die Götter milde zu stimmen oder ihnen Ehre zu erweisen, dann tut man sowieso alles, was man kann und noch mehr. Wir alle. Das ganze Volk.“ Wanasqia räusperte sich künstlich.

„Sprich ruhig, wenn du eine Frage hast. Du weißt, wenn ich erzähle, dann verrutsche ich gern einmal im Faden, wie ungeübte Quipu-Leser“, lächelte Alayna seinen Sohn von der Seite an.

„Yaya, die Geschichte deiner Vorväter, den Chimú, klingt sehr ähnlich wie die des Volkes, das um Tùcume gelebt hatte, das dann von den Chimú erobert wurde. Das soll schon vor hundert Jahren und noch mehr gewesen sein, hat mir Großvater erzählt. Die Chimú wurden dann wiederum in das Reich des Großen Inka übernommen, mitsamt den unzähligen Pyramiden und den Opfergaben, die dort sein sollen, den Palästen, den Tempeln, den Feldern, den Menschen und Tieren.

Ich meinte die Geschichte mit dem Fremden, der übers Meer gekommen sein soll. Kann es sein, dass alles irgendwie zusammenhängt – dieses Volk, wir, die Inka, und vielleicht auch frühere Völker?

Sie tun immer alle so, als hätte es die anderen davor nie gegeben. Dabei übernimmt doch einer von dem anderen, von den eigenen Vorfahren oder von denen, die sie eroberten. Die Chimú haben von dem einstigen Volk aus der Nähe von Tùcume das Beste übernommen und die Inka haben nun das Beste von den Chimú übernommen. Uns zum Beispiel!“

Er lächelte seinen Vater aufmunternd zu, da er beobachtete, dass die letzten Kügelchen ihm sehr viel Mühe bereiteten.

„So oder ähnlich wird es wohl gewesen sein, doch so genau kann man das nicht sagen“, brummelte der Vater, was so viel bedeutete wie, ‚eigentlich wollte ich nur vom Glanz der Chimú erzählen und nicht von irgendwelchen Kulturen, von denen wir vielleicht einmal irgendein kleines Muster übernommen haben sollen. Vor denen lasse ich doch nicht unseren Glanz erblassen!’

„Ich weiß“, sagte daraufhin Wanasqia beschwichtigend. „Ich weiß, dass du nicht von irgendwelchen anderen Kulturen erzählen wolltest, sondern von den stolzen Chimú und deren größten Stadt ChanChan aus luftge-trockneten Lehmziegeln, die größte, die man je gesehen hat.“

Alayna lächelte wieder. Er war nie lange missmutig. Wenn überhaupt, wie gesagt, sehr selten und von der Dauer eines Atemzugs. Das war jetzt nur, da er wohl sehr müde und am Ende seiner Kräfte war.

„Ja, Recht hast du, mein Sohn. So will ich der Ordnung halber bei den Lambayeque beginnen. Die Lambayeque, so nennen sie manche, weil sie einst dieses ganze Flusstal besiedelt hatten – sie hätten dort weit über 200 Pyramiden gebaut, wo sie dann auch Tùcume errichtet hatten. Mitten in der Stadt lag die größte Tempelpyramide, umbaut von 26 Pyramiden. Sie war selbst von der unvorstellbaren Größe eines großen erhabenen Berges. Dort, fast den Göttern gleich, erhaben über ein weites Land und das Meer waren ihre Rituale von besonderer Kraft. Von weither soll diese Pyramide zu sehen gewesen sein, in ihrem vollen Glanz. Welch eine Macht!“

Er machte eine kurze Pause, um zu trinken.

„Bei diesen Mengen an Pyramiden haben sie unvorstellbare Mengen von Lehmziegeln trocknen müssen“, überlegte Wanasqia staunend.

„Ja, nicht nur trockenen, auch verbauen müssen. Gleich nach der Maisernte wurden die Pyramiden weitergebaut. Da kamen die Bauern von ihren Feldern und mussten helfen. Sie taten nichts anderes als Lehmziegel anzufertigen. Wahrscheinlich haben sie wegen wiederholter Überschwemmungen ihre ursprüngliche Stadt verlassen, mit Feuer gereinigt und begraben, und haben dann diesen neuen Ort zur Besiedelung auserkoren. Daher bauten sie die nächste Stadt weiter vom Meer entfernt, mit noch mächtigeren Pyramiden und Tempeln für die Götter.

Jedenfalls sollen die Lambayeque sehr begnadete Goldkünstler gewesen sein. Schon vor langer Zeit sollen sie aus ebenso dünnen Goldblechen, wie wir sie jetzt hämmern, wunderschöne Masken und Schmuckstücke gearbeitet haben. Die Becher hatten schon die Form wie die heutigen Kerus des Großen Inka. Du weißt, das sind diese Becher mit der besonderen Form, die der Sapay Inka nun einheitlich für alle anfertigen lässt, unten schmaler, oben breiter, sehr handlich. Auch die Muster wählt er aus, die dann in Serie aufgemalt werden.

Nun, göttliche Gefäße und Statuen aus Gold und Silber, verziert mit Edelsteinen und wertvollen Muschelmosaiken sollen die Lambayeque geschaffen haben. Überall ist der Große Herr, der sie alles einst gelehrt hatte, abgebildet, mit ungewöhnlichen Augen, wie kleine Schlitze.

Ich muss fast neidlos zugeben, ich habe tatsächlich einige Ideen von ihnen übernommen oder mich von ihnen inspirieren lassen und arbeite sie in die Aufträge für den Sapay Inka mit ein. Gerade das schätzt er sehr.

Ich habe wunderschön gearbeitete Tumis gesehen, in Gold mit Edelsteinen besetzt, auf denen meist er abgebildet war, der Große Herr…“

Er machte eine kurze Pause, denn er wartete auf eine Frage von der Seite, die natürlich prompt kam:

„Yaya, ein Tumi, was ist das?“ Zufrieden lächelte Alayna und erklärte weiter:

„Ein Tumi ist ein halbrundes Messer, dessen Mittelgriff meist mit einem Gott oder einer starken Persönlichkeit verziert wurde, zum Beispiel mit diesem Großen Herrn, diesem Wissensbringer der Lambayeque, um dem Messer dessen Kraft zu verleihen. Es dient als Opfermesser, als Ritual-messer, aber auch zum Operieren, beispielsweise am Kopf. Das ist eine Technik, in der die Inka-Heiler auch sehr geschickt sind. In Kupfer habe ich auch schon Tumis gesehen.

Dort, so sagt man, sollen sie ihre Toten, ich meine natürlich die hohen Herren, auf sehr eigenartige Weise begraben haben: sehr tief in einer Erdgrube, mit angewinkelten Beinen. Die Hockstellung kennen wir, aber mit dem Kopf nach unten und das Gesicht wieder nach oben gedreht. Das Gesicht hätten sie dann mit einer Maske geschmückt. Und rate einmal, wie manche Umhänge gearbeitet waren?“

„So, wie diese hier werden sollen? Ich kann es kaum glauben!“, sagte Wanasqia mit roten Wangen, was bei ihm besonders auffiel, da seine Haut gegenüber den anderen sehr hell, fast weiß und sehr zart war. Auch seine schwarzen Haare waren feiner und glatter als die der anderen. Er trug schulterlange Haare wie die meisten ihres Standes und hatte sie zu einem Zopf gebunden. Die Bauern trugen ihre Haare meist noch länger, denn sie alle sollten sich doch klar von den Adeligen und besonders von der direkten Familie des Inka unterscheiden. Die Haare in der Kürze einer Fingerbreite zu tragen, das war nur den Adeligen vorbehalten. Dies, weil eben der große erste Vorfahre der Inka seine Haare kurz getragen haben soll. Obgleich sich die Haarvorschriften immer mal wieder ändern konnten.

Ebenso durfte nur der Inka selbst und die Adeligen, welche alle irgendwie familiär verbunden waren, goldene Scheiben in den Ohrläppchen tragen. In den Stand des Inka-Adels konnte man auch durch herausragende Leistungen erhoben werden. Bestimmte äußere Zeichen mussten allerdings zu erkennen geben, dass doch kleine Unterschiede zu den familiären Verbindungen zum Inka bestanden.

„Ja, so hat mein Vater es mir erzählt. Für einen einzigen derartigen Umhang hatte er einmal, wie wir jetzt und die Lambayeque damals, Goldplättchen gehämmert und ich meine, auch viele Silberplättchen waren dabei. Natürlich wurden deren Herren auch nach uns vertrauter Weise reich bestattet. Es soll jedoch noch üppiger gewesen sein, Perlenketten über Perlenketten und alle möglichen anderen Schmuckstücke, Gold, Silber, Kupfer, Bronze in unvorstellbaren Mengen und natürlich auch ein bis zwei Frauen und auch Kinder, die sie begleiteten. Danach hätten sie Pyramiden darüber errichtet und jedes Jahr seien die Bewohner gekommen, um dort mit ihren Ahnen zu feiern. Es traf sie allerdings schlecht, da Überschwemmungen und heftige Stürme das Volk immer wieder zum Umziehen gezwungen hatten. Das kenne ich auch von den Erzählungen der Chimú.

Natürlich verbrannten sie dann wieder ihre Tempel, rituell, denn die Götter schienen diesen Ort nicht zu wollen. Auch das kenne ich. Oder die Tempel wurden eingegraben und verlassen. Der Zorn der Götter ist manches Mal einfach unerklärlich, wie auch jetzt wieder. Auch damals sollen schon viele Vorfahren durch ihren Zorn vertrieben oder gar vernichtet worden sein. Ihr Zorn vernichtet all ihr Gut, spült es aber manches Mal auch wieder frei, sodass man plötzlich vor Mauern steht, die vor dem Sturm noch ein Berg oder Hügel zu sein schienen. Dadurch fanden viele von uns einiges, was Vorfahren gebaut und bearbeitet hatten. Die Gräber blieben natürlich unberührt. Wenn sie freigelegt wurden, wurden sie von uns wieder verschlossen. Aber raubende Halunken gab es immer. Der Zorn der Götter oder zumindest der Toten wird sie ganz sicher plötzlich treffen.

Die Chimú hatten zudem noch ganz andersartige Keramiken gefunden. Ich finde es erstaunlich, dass augenscheinlich sehr alte Kulturen all dieses Wissen hatten, Menschen, die vor König Tacaynamo und Naymlab gelebt hatten, vor Manqu Qhapaq[3] und Mama Uqllu, den Urahnen der Inka, und wunderschöne Arbeiten gefertigt hatten. Sie hatten ganz offensichtlich mehr Wissen gehabt, als man es glauben mag und als es dem Volk allgemein durch die alten Geschichten vermittelt wird. Um diese feinen Keramiken zu arbeiten, mussten sie große Kenntnis darüber besessen und dementsprechend auch in einer weit entwickelten Gemeinschaft und Gesellschaft gelebt haben.“

Wanasqia räusperte sich wieder.

„Ja, du hast recht, Yaya. Denn auch die Herkunftsgeschichte der Inka lautet so, dass über Wiraqucha, den Uralten Schöpfergott, der alles erschaffen hat, die Erde, Sonne, Mond, die Sterne, die Wolken, den Regenbogen, den Vorfahren der Inka indirekt das Wissen gebracht wurde. Also existierten auch unter ihnen bereits kluge Menschen, von deren Wissen wir heute noch lernen.

Da Wiraqucha unsichtbar ist, wirkte und wirkt er durch die anderen Götter. Inti, der Sonnengott, erkannte, dass die Menschen, die aus Stein geformt waren, noch nicht sehr viel wussten, und schickte daraufhin seine beiden Kinder Manqu Qhapaq und Mama Uqllu zur Erde, damit sie den Menschen das Wissen beibrachten. Manqu Qhapaq lehrte sie den Anbau von Pflanzen und das Züchten von Tieren und Mama Uqllu zeigte den Frauen die Kunst des Webens und des Haushaltens. Vater Sonne Inti trug den beiden auf, dass sie den Menschen Gesetz und Ordnung geben sollten, durch die sie in einer friedlichen Gemeinschaft und Miteinander leben könnten. Nicht durch Unterdrückung, sondern durch Freundlichkeit und Toleranz sollten sie regiert werden. Auch sie sollten stets daran arbeiten, durch Erkenntnisse ihr Wissen zu bereichern, um zu erleuchteten Wesen zu werden.“

„Eine wichtige Sache fehlt in der Geschichte noch“, gab Alayna seinem Sohn weiter zu denken.

„Manqu Qhapaq und Mama Uqllu erhielten von Vater Sonne Inti einen goldenen Stab. Er brachte die beiden auf der Sonneninsel im Titicacasee zur Erde hinab. Von dort aus sollten sie sich auf eine Reise begeben, um ein Land zu suchen, wo sie diesen Stab mühelos in die Erde stecken konnten. Sie zogen also gen Norden und fanden diesen Ort, an dem sie Qusqu gründeten, den Nabel der Welt!

Den einfachen Menschen, die zuvor schon hier gelebt haben, lehrten sie das, was ihr großer Vater ihnen aufgetragen hatte. An dieser Stelle steht jetzt der wunderschöne goldene Sonnentempel des Inti.“

„Ganz genau. Je weiter man in die Welt hinauskommt, desto mehr entdeckt man und desto mehr sieht man die wahren Zusammenhänge. So ist es manchmal nicht verwunderlich, wenn manche Stämme darauf beharren, dass ihre eigene Geschichte die wahre Geschichte ist und sie sich niemandem unterordnen wollen, auch wenn es ihnen dadurch vielleicht besser erginge, wie jetzt uns. Vielen geht es jetzt besser, viel besser. Man lebt in einem geregelten Leben, wo für alles zentral gesorgt wird. Man selbst geht eben der Arbeit nach, zu der man am fähigsten ist, und hilft bei anderen Arbeiten, wenn es dort dringlicher ist. Der einfache Mann hat nun einmal von Natur aus nicht den großen Überblick. Er arbeitet von Tag zu Tag.

Es gibt eben manche, die wollen eher die absolute Freiheit und das Risiko in Kauf nehmen, dass sie eben in Notzeiten nicht versorgt werden, und dass sie allein sind, wenn die Götter der Natur uns Streiche spielen.

Der Große Inka hat den großen Überblick und die weite Voraussicht und schafft es, so viele Menschen an einem Guten Leben teilhaben zu lassen. Er bewältigt eine sehr hohe organisatorische Aufgabe. Eine wahrhaft gute Leistung! Die strengen Gesetze müssen bisweilen sein, da sonst kein reibungsloser Ablauf stattfinden kann. Wenn einer etwas vom Gemeingut stiehlt und er dabei erwischt wird, dann kennt der Große Inka keine Gnade. Auch nicht für die ganze Familie des Unglückseligen. Wer einmal gesehen hat, wie dadurch eine ganze Familie ausgelöscht wurde, bleibt auf der rechtschaffenen Seite, denn wozu stehlen, wenn man satt ist, warm gekleidet und ein schützendes Haus hat?

Wenn er andere Völker erobert, dann versucht er immer, die Menschen am Leben zu erhalten. Jeder Mensch ist wichtig, denn er ist eine gute Arbeitskraft. Tote können zur gemeinschaftlichen Arbeit eben nichts beitragen. Deswegen sind wir am Leben geblieben. Auch wenn ich unser ChanChan schon gern einmal wiedersehen möchte, möchte ich dieses hier auf keinen Fall mehr missen und tauschen.

Bei welchem Thema waren wir noch – ja, bei den ungewöhnlich gut gearbeiteten Keramiken…“ Alayna rieb sich die Augen, nahm seinen Becher, schnippte wie immer einen Tropfen mit kurzem Blick nach oben vor sich in die Luft und trank. Ihm war heiß. Er war müde.

„Yaya, hast du solch ein Gefäß schon einmal selbst gesehen?“, wollte Wanasqia wissen und holte ihn aus seiner Müdigkeit heraus.

„Ja, mein Sohn, das habe ich. Aber ich habe kaum verstanden, was auf den sehr runden, bauchigen Gefäßen gemalt war. Oftmals waren es eine Art Pumas mit sehr angsteinflößenden Gesichtern. Sehr ausdrucksstark.“

„Es waren wohl Dämonen, die auch Angst einflößen sollten, damit sie nicht gestohlen werden.“

Alayna lächelte wieder über die Gedanken seines Sohnes.

„Ja, das ist gut möglich. Es ist auch schwierig, diese Bildsprache zu verstehen, da man nicht einmal weiß, wo der Anfang des Bildes ist. Wenn man sie genau betrachtet, erkennt man, dass es meistens mit Göttern zu tun haben muss, auch Priestern, Opferungen, Opfergaben, Eroberungen mit Gefangenen, fliegenden Schamanen, Mischwesen aus Tier und Mensch, die wohl Schamanen oder Priester sind, die in die Welt der Geister reisen, Tiere, Pflanzen. Wir wissen, dass jedes gemalte Teil eine Bedeutung hat, so, wie auch wir Bedeutungen für unsere einzelnen Bilder und Muster haben. Nur ist es schwierig, das Kunstwerk zu verstehen, wenn man die Bedeutung der einzelnen Elemente nicht kennt. Da kann es schnell zu Fehldeutungen kommen.

Schön sind sie, interessant in der Art der Farbzeichnungen und der Formsprache.

Nicht weit entfernt von Túcume soll der Tempel des Naymlab stehen. Du meinst mit deinen Andeutungen vorhin sicher die Geschichte von Naymlab, dem hohen Herrn, die der unseren, ich meine der Geschichte der Chimú gleicht, mein Sohn?“ Sie nickten sich zu.

„Kennst du die Geschichte des Naymlab? Magst du sie mir erzählen, Yaya?“ Wanasqia ließ nicht locker. Er merkte, dass sein Vater jetzt offener geworden war und freute sich darüber. Es kam selten vor, dass er so redselig war.

„So soll Naymlab, ein großer Herr mit seiner Frau und vielen Nebenfrauen, alle prächtig gekleidet in großen bunt schillernden Federumhängen, mit einem großen Gefolge auf Booten aus Schilf von Norden über das Meer gekommen sein. Der Moment, an dem Naymlab an Land gegangen war, musste sehr erhaben gewesen sein, denn Muschelhörner sollten weit über das Land zu hören gewesen sein und Muschelstaub der Meeresmuscheln waren auf den Weg gestreut worden, den er betreten hatte, denn er war der Wegbereiter.

Diesen Ritus hatten sie bei all seinen Auftritten beibehalten. Nicht weit von dieser Stelle entfernt hatte einer seiner Nachfahren alsbald einen Tempel bauen lassen, den Palast Chot, den Heiligtum-Palast. Sie hatten eine große Statue aus grünem Stein darin errichtet, und zwar ihrem König Nym-lab zu Ehren. Ein großes starkes Wak’a. Dieser Tempel, ich habe ihn nie gesehen, doch er steht noch immer dort. Ich weiß es, weil die Chimú ihr Reich bis dort und weiter bis in die Nähe von Túcume nach Norden hin erweitert hatten und eben diesen Tempel nutzten, so, wie es jetzt die Inka tun.

Naymlab hatte die Menschen, die zuvor sehr einfach gelebt haben, gelehrt, wie sie den Boden ertragreich nutzen konnten, indem er sie hat Bewässerungsanlagen bauen lassen. Es sollte nicht lange gedauert haben, bis das Land fruchtbar wurde und es allen sehr gut ergangen war. Dazu hatte er ihnen gezeigt, wie sie Gold und Silber bearbeiten konnten, hatte ihnen die Zubereitung der schönsten Farben gelehrt, um Gesicht und Masken zu bemalen. Er wies ihnen, wie sie Gefäße aus Ton herstellen konnten. Überall hatte man seine Abbildungen sehen können, selbst auf den Tumi, den Ritualmessern für Opferungen und Operationen, wie ich dir schon sagte. Sie hatten eine prächtige Kunst erschaffen, von der auch wir gelernt haben und über uns dann wiederum die Inka. Denn nun sind wir hier, viele begabte Chimú, und dürfen jetzt mit unserem Wissen und Können für den Großen Inka arbeiten.

Der Inka hat so manche Stätte untersuchen lassen. Vor allem Keramiken hat er mitgenommen und seltsam beschriftete Bohnen, die niemand von uns zuvor gesehen hatte und die sehr alt sein sollen, älter als die Chimú, und vielleicht sogar älter als die Lambayeque, so heißt es.

Ja, auch in ChanChan lebte einst eine andere Kultur, lange bevor wir dort wohnten, lange bevor die großen Palast- und Tempelanlagen gebaut waren. Dessen bin ich mir sicher. Darüber schwiegen alle offiziell, nur hinter den Hausmauern wurde manchmal getuschelt, wenn jemand etwas gefunden hat oder Geister erschienen sein sollen.

Du bist mein Sohn und ich kann dir nicht zürnen. Doch eines muss ich dir sagen: Sei bei solchen Themen vorsichtig, wenn du dich mit anderen unterhältst. Ein Volk mag es nicht, wenn es hört, dass es nicht die eigenen Leistungen sind, die ihr Wissen ausmachen, sondern auf den Leistungen anderer Kulturen aufbauen oder sie gar ganz übernommen haben und sie nicht selbst die großen Erfinder waren. Sie mögen es gar nicht, wenn ihre Geschichte in Zweifel gestellt wird. Die Ursprungsgeschichten rechtfertigen meist das System, mit dem die Könige herrschen.

Jeder König schmückt sich gern mit eigenen großen Werken, Künsten, Bauwerken, Riten, Entdeckungen, Erfolgen, Land, Menschen, Wissen und deutet es als Wohlwollen des Gottes oder der Götter, das nur ihm und seinem Volk vergönnt wäre. Jeder König ist bemüht, größeres Ansehen als sein Vorgänger zu erlangen.

Doch es ist nun mal so, dass auch ein Großer Inka niemals in so kurzer Zeit solch ein großes blühendes Reich hätte führen können, wenn die vergangenen Kulturen ihm nicht mit viel Wissen und Vorarbeit den Weg geebnet hätten, beziehungsweise, wenn er und seine Vorväter sich von anderen nicht so viel angeeignet hätten. Das Kluge an einem Herrscher erkennt man daran, was er aus dem vorhandenen Wissen macht, wie er es in seine eigene Ordnung einbezieht. Die wahre Herkunft, mag sie in Wahrheit von der einen aus der anderen entstanden sein, durch Zornes-ausbrüche der Götter, durch Vertreibungen, lange Wanderungen auf der Suche nach einem neuen Ort zum Leben, kann man vielerorts gar nicht mehr genau herleiten.

Große Völker haben alle ihre höhere Herkunft, die ihre Größe und Macht unterstreicht und rechtfertigt. Das brauchen sie, denn dann ist auch das Volk zu großartigen Leistungen fähig. Solange es Tawantinsuysu, dem Reich der Vier Himmelsrichtungen, dem Reich der Inka, gut geht, bleiben die Riten um Herkunft und Götter beibehalten und zeigen allen, dass dieser Weg der richtige ist. Geht es dem Volk schlecht, dann haben diese Riten versagt, die Herrschenden versagt und die Götter sich abgewendet. Was bleibt, ist, dass sich das Volk eine neue Bleibe samt Göttern, Riten und Herrschenden suchen muss. Unser Land ist reich an göttlichen Wesen. Darum werden wir an keinem Ort wirklich verlassen sein, das glaube ich. Die Götter sind doch überall, es ist allein der Mensch, der sich von der Ordnung der Götter abwendet, durch was auch immer, auch wenn es nur aus Versehen oder Unwissenheit geschieht.

Unser Großer Sapay Inka hat seine Herkunftsgeschichte von dem großen Gott der Sonne Inti und er ist größer und mächtiger als jeder König zuvor. Er steht über allen. Solange es allen gut geht, zweifelt keiner nur im Geringsten daran. Jetzt aber…“

Alayna wurde wieder ganz leise.

„…Jetzt aber, wo das Volk an dieser furchtbaren Krankheit stirbt, jetzt kommen auch hier bei manchen Zweifel auf. Trotzdem hoffe ich, dass die Götter helfen werden. Sie blasen die Muscheln jeden Tag laut die Berge hinauf, um die Apu, die Berggötter, auf unser Leid aufmerksam zu machen und um Unterstützung zu bitten. Der Große Sapay Inka, er liebt Tawan-tinsuyu, sein Reich, er wird es nicht im Stich lassen. Und du, mein Sohn, wirst über solche Dinge, von wem die Inka was übernommen haben könnten und Ähnliches, mit niemandem reden, keinen Zweifel äußern, keinen Unmut säen! Die Inka haben ihre Geschichte über ihre göttliche Herkunft. Dabei soll es bleiben. Ich denke, du verstehst mich.“

Er blickte seinen Sohn streng, aber freundlich direkt in die Augen. Wanasqia erwiderte den Blick in die grünlichen Augen seines Vaters und nickte ebenso ernst.

„Glaube daran, dass unser Sapay Inka wahrhaft sapay ist, der einzig wahre Inka und ein echter Inka, der Strahlende, der die Lebensenergie von allem aufnehmen kann und an die verteilen kann, die sie benötigen. Er hat die höchste Stufe eines Priesters erreicht, das ist der Sapay Inka. Er leuchtet in einem heiligen Licht, das er von seinem Vater Sonne Inti erhalten hat. Er ist ein perfekter Führer in allen Bereichen von Kult, Reich und Menschen. Es gibt noch eine letzte Stufe, die 7. Stufe. Dann könnte er seinen toten Körper wieder auferstehen lassen. Das können wir also jetzt noch nicht wissen. Wir werden sehen. Aber wie gesagt, keine Zweifel!

Außerdem können wir tatsächlich nicht von der Hand streichen, dass unser Sapay Inka selbst ein ungeheuer großes organisatorisches Geschick besitzt, das ihm wohl im Blut liegt und das - dann auch mit Recht - durch die eigene Blutlinie bewahrt werden soll.“ Alayna trank einen Schluck Wasser aus dem ausgehöhlten Kürbisbecher.

„Yaya, wie meinst du das mit der eigenen Blutlinie?“, fragte ihn sein Sohn, froh über die kurze Trinkpause, da es eigentlich unhöflich war, seinen Vater ständig beim Erzählen zu unterbrechen. Eigentlich könnte er nach jedem Gedanken eine Frage stellen.

„Damit meine ich, dass ein Inka seine direkte Schwester zur Ehefrau nehmen muss. Das ist unsereins unter hoher Strafe verboten. Weder die Heirat unter Geschwistern noch ein Mann mit mehreren Frauen ist erlaubt. Das ist streng geregelt. Bei den Adeligen gibt es Ausnahmen, einige haben das Recht und die Pflicht, sich mehrere Frauen zu nehmen. Unser Inka, Inka Kimra Wayna Qhapaq, nur er allein darf seine eigene direkte Schwester zur Frau nehmen. Er muss sie sogar als erste Frau des Reiches heiraten und sich zusätzlich viele Nebenfrauen nehmen. Sein Großvater, Inka Pachakutiq Yupanki, der sich Pachakuti, die Zeitenwende, genannt hat, weil er für viele Änderungen gesorgt hat. Er hat Qusqu umgebaut, die gemeinsame Sprache Qhichwa festgelegt, hat unter anderem auch diesen Brauch eingeführt, dass alle kommenden Inka ihre Vollschwestern heiraten sollen, um Nachfahren zu zeugen, die reinen Inka-Blutes sind.

Damit ist gewährleistet, dass das Blut der Sonne auch weiterhin durch alle Generationen fließt und es nicht verweichlicht. Sie entsprechen also voll dem Bild ihrer ersten Inka-Eltern Manqu Qhapaq und Mama Uqllu, die als Tochter und Sohn des Sonnengottes, als Bruder und Schwester zu Mann und Frau wurden. Somit ist sichergestellt, dass der große Gott der Sonne, Vater Sonne Inti, durch das Inka-Paar dem ganzen Volk der Inka stets wohlgesinnt ist.“

Alayna sah seinen Sohn an, um zu sehen, ob er ihm folgen konnte. Dieser nickte zufrieden:

„Ja, nun verstehe ich die Verbindung des Inka zur Sonne deutlich besser. Es ist nur verständlich, dass die direkte Abstammung von Vater Sonne gewahrt werden muss, und zwar durch diese strenge Erbfolge. Die Erfolge des Inka-Geschlechts beweisen, dass sie richtig daran tun. Sie sind ihrem Volk gegenüber zwar sehr streng, aber auch gerecht. Sie nehmen und geben dafür. Wir geben und bekommen dafür. Was will man mehr als Arbeit, ein Haus und zu essen, wie du schon sagst. Gold und Schmuck ist für den Inka und seine Familie, denn durch das Gold zeigt sich Vater Sonne hier auf der Erde. Da ist es nur recht, dass sein Sohn, der Sapay Inka, und alle Blutsverwandten sich mit Gold umgeben, vor allem aber seine Tempel. Der Große Inka behält es nicht für sich, er gibt es Inti, Vater Sonne. Er opfert es ihm, um ihm zu gefallen.“

„Mein Sohn, auch für mich ist es jedes Mal etwas Erhabenes, mit diesem Material zu arbeiten. Es verbindet tatsächlich mit der Kraft der Sonne, so, wie das Silber mit der Kraft des Mondes verbindet. Wir haben eine wundervolle Arbeit, die wir tun. Kannst du dies jetzt mehr verstehen? Auch wir haben dadurch eine enge Beziehung zu den Göttern, auch wenn wir keine Riten durchführen.

Für mich selbst ist das Schaffen eines Kunstwerks und das Arbeiten mit diesen edlen Metallen und edlen Steinen eine Art kultische Handlung, und wenn es manchmal nur das monotone Austreiben dieser kleinen Goldkügelchen zu Plättchen ist.

Die Priester und der höchste Priester, der Inka selbst, sie führen aus. Aber wir, wir erschaffen! Wir dienen den Göttern, wenn wir unsere Arbeit voller Aufrichtigkeit tun. Wir dürfen den Stoffen der Götter ihren Ausdruck verleihen, horchen, was sie uns flüstern und arbeiten es in das Kunstwerk ein. Das ist etwas ganz Besonderes, merke dir das und sei stets dankbar dafür!

Die Bauern oder die Straßenarbeiter, die Arbeiter in den Minen oder die Tempel-, Pyramiden- und Häuserbauer haben eine wesentlich schwerere Arbeit zu leisten. Auch ihnen sei Dank, denn durch sie sind die Vorratsspeicher des großen Reiches Tawantinsuyu voll und jeder Ort ist gut zu erreichen.

Nun bin ich wieder in ein anderes Band des Quipu gerutscht. Ich kann die Zeichen der Knotenschnüre nicht lesen und bewundere die Quipu-bewahrer, die aus diesen vielen Knoten, Knotenarten, Verbindungen, Schnüren in allen Längen und Farben, etwas entziffern können. Ein Quipu steckt für mich voller Geheimnisse. Ich kenne nur unsere Zeichen, die wir in unsere Kunst mit hineinarbeiten, damit die Götter die Botschaft des Inka an sie verstehen.

Ich liebe dieses Material, dieses Gold, wie es sich anfasst, diese Farbe, dieser Glanz! Es ist voller Liebe und Schönheit!

Nun, auch das Silber hat seine besondere Ausstrahlung und das Kupfer zudem noch besonders heilende Kräfte. Dennoch verbindet mich selbst mehr mit dem Gold, denn ich höre Inti, den Gott der Sonne, dadurch zu mir sprechen.

Dem Künstler bleibt bei allen Vorschriften, was, wo und wofür er stehen soll, doch noch eine gewisse Freiheit.

Inti wird bald den Himmel erhellen, dann wird auch meine Kraft zurückkehren. Nur noch diese Handvoll Plättchen, dann kehrt Ruhe ein.“

Er trank wieder einen Schluck und unterdrückte damit einen Hustenreiz.

„Ich wollte dir schon lange von deinen Vorfahren aus meiner Linie erzählen. Deine Mutter, das weißt du, wurde hier in Qusqu geboren. Sie wurde mir zur Frau gegeben, denn ein Ziel des Inka ist, die Menschen durch Heirat zu verbinden, damit Frieden ist im Land. Es ist zudem gut, dass viele mittlerweile eine ähnliche Sprache sprechen. Das Qhichwa[4] hatte, wie ich eben schon sagte, der Inka Pachakutiq Yupanki, der große Weltenveränderer, einst selbst übernommen, da diese Sprache hier in Qusqu als dem Nabel der Welt gesprochen wurde und viele andernorts ähnlich sprachen. Tawantinsuyu ist so groß, welch großer Aufwand wäre es, wenn man zu jeder Stadt einen neuen Übersetzer bei sich bräuchte. Die Zeichen der Quipus konnten nur schwer entziffert werden. Seit nun alle Qhichwa sprechen, können sich die meisten einigermaßen untereinander verständigen. Es kommt nicht mehr zu so vielen Missverständnissen wie zuvor.

Nun, und ich komme also aus ChanChan.

Qusqu ist eine wunderschöne und prächtige Stadt, ein immerwährendes Fest für die Augen des Sonnengottes, darin besteht nicht der geringste Zweifel. Aber ChanChan war unübertroffen die größte Stadt, die ich je gesehen habe, auch wenn ich noch ein Junge war, als wir von dort weg-mussten.

Sie war der reinste Irrgarten, so verschachtelt waren die Straßen und Häuser im Innern des Palastbezirkes angelegt. Ein Fremder musste sich einfach darin verlaufen, wenn er keinen Führer an seiner Seite hatte. Genauso war es auch gedacht. Dieser Plan schützte vor unwillkommenen Besuchern.

Ganz anders als zum Beispiel Tucúme, das man von weit her sehen konnte und auch sollte, waren ChanChan und seine Heiligtümer geplant. Es war nicht groß an Höhe, sondern an Fläche! Niemand konnte von außen die Heiligtümer sehen. Nur die wenigsten hatten Zugang ins Innere des Palastes und der Tempelanlage. Hohe Mauern versperrten von außen die Sicht. Hinter der hohen Mauer war zunächst der große Eingangsbereich, wo Gesandte anderer Städte erwartet wurden. Dahinter…“ Alayna sah kurz zu seinem Sohn, der wieder einmal künstlich hüstelte. „Ja, du möchtest etwas fragen?“

„Yaya, woher kannst du so genau sagen, wie es hinter der hohen Mauer ausgesehen hat, wo man doch von außen gar nicht darüber schauen konnte und durfte, so, wie du selbst gesagt hast?“, fragte Wanasqia erleichtert darüber, dass er seine Frage loswerden konnte.

„Das kann ich dir deshalb erzählen, weil ich selbst schon dort gewesen bin. Nicht oft, aber jedes Mal, wenn ich einen Auftrag fertig hatte, dann brachte ich, manches Mal auch mit Trägern, die dann aber auf dem ersten Platz gleich hinter dem Tor von palasteigenen Trägern abgewechselt wurden, das Kunstwerk nach drinnen. Einmal sogar hatte unser König selbst sofort einen Blick darauf werfen wollen. Ich hatte die große und seltene Ehre, ihm meine Gedanken dazu zu erklären.“ Alayna sah mit einem sehr wichtigen Gesichtsausdruck zu seinem Sohn. Er freute sich über dessen staunende Augen und respektvolles Nicken.

„Auch Riten und Festivitäten fanden bisweilen auf diesem großen Platz statt. Allein durfte ich dort natürlich nie hineingehen. Und darüber war ich auch froh, denn ich hätte mich wohl immer verlaufen. Selbst nach dem hundertsten Male.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie verwirrend diese Straßen verliefen. Manchmal endeten sie einfach vor einer Mauer oder sie wurden so eng, dass keine zwei Personen aneinander vorbeigehen konnten. Da wusste man, dass man den falschen Weg genommen hatte.

Manchmal musste ich aber auch solch einen schmalen Gang gehen. Die Träger verschwanden dann im Haus daneben und tauchten auf der anderen Seite wieder auf. Dann wiederum öffneten sich die Straßen zu schönen Höfen mit Brunnen und blühenden Gärten mit Bäumen. Wir gingen vorbei an Vorratslagern, Küchen und vielen Räumen, dann wieder nur Mauern bis zu den nächsten lebendigen Innenhöfen.

Lange ging man und zum Schluss wusste man nicht, ob man nicht das eine oder andere schon einmal gesehen hatte. Dennoch war es nicht beengend, denn alle Mauern waren fein gearbeitet, besonders in Form gebracht, mit Lochmustern und Reliefs, mit Malereien von allerlei Tieren aus dem Meer, Pflanzen und Vögeln. Dies war die Palastanlage des lebenden Königs, der, wie seine Vorgänger in den ihrigen, auch in dieser Anlage seinem Stand entsprechend würdevoll und reich an Beigaben und Begleitungen ausgestattet, bestattet wurde. Der nächste König musste sich stets von Grund auf einen neuen Palastbereich bauen. Der verstorbene König behielt all seinen Besitz und wurde auch weiter geehrt. Die Verwaltungsbauten wurden natürlich weiter benutzt.

Ein neuer König musste seinen Anspruch auf den Thron natürlich erst einmal unter Beweis stellen. Er musste Riten und Opferungen abhalten, musste seinen Palast samt Tempel bauen, zudem brauchte er Land und Kunstgegenstände. So war sein Geschick gefragt und seine Verbindung zu den Göttern. Dieses Prinzip ist hier bei den Inka sehr ähnlich.

Vielleicht hatten sie es ja von uns übernommen, nur dass der Kult um die toten Inka noch wesentlich stärker ist, denn ihre Kraft wird immer noch mit in bestimmte Handlungen, bei Festen, festlichen Umzügen oder Kämpfen mit einbezogen. Hast du die Inka-Ahnen schon einmal gesehen?“

„Ja, beim großen Inti Raymi, beim Sonnenwendfest, das wir alle feiern, damit auch das nächste Jahr ein fruchtbares Jahr werden wird. Ich habe sie gesehen, die Prozession durch die Stadt, wie die Ahnen, die alten Inka und ihre Frauen, hockend und prächtig angekleidet mit schönen Masken, auf den goldenen Sänften durch die Straßen getragen wurden und allen ihren Segen gaben. Sie nahmen auch Teil beim Festmahl. Das konnte ich aber nicht sehen.“

Jetzt hatte Wanasqia einen wirklich wichtigen Gesichtsausdruck, der Alayna erfreute.

„Genau, das ist ein gutes Beispiel. Es ist ein sehr kraftvoller Ritus, die hockenden Mumien dieser großen Herrscher so würdevoll gekleidet und geschmückt mitzunehmen, ob Fest oder Krieg. Sie haben alle zu dem Erfolg der Inka beigetragen und ihre Kraft hilft den Inka auch weiterhin. Ihre Seelen bleiben auf diese Weise bestimmt in der Nähe ihres Körpers. Deswegen werden sie mumifiziert, denn ohne, dass der Körper wenigstens zum Teil erhalten ist, hat die Seele es schwer, in Erdnähe und bei der Wiederkehr in der Nähe der Familie zu bleiben. Allerdings erhält unser trockenes Klima in der Wüste und auf den Bergen die Toten auch sehr gut. Ich finde es schön, dass die alten Inka und deren Quyas so am Leben weiter teilhaben und ihnen die Ehre erteilt wird, die ihnen gebührt. Sie sind wahre Wak’as. Du weißt doch, was Wak’as sind, oder?“

Alayna hielt mit dem Hämmern inne und sah seinen Sohn an, der kurz mit dem Lochen der Plättchen aufgehört hatte und nun etwas zögerlich sagte:

„Nicht ganz genau. Ich weiß nicht, ob ich es richtig verstehe. Ich weiß nur, dass ein Tempel ein Wak’a ist.“

„Du darfst gern meinen Redefluss unterbrechen, wenn du etwas nicht verstehst. Nur den hohen Jungen der Adeligen ist es vergönnt, ihr Wissen im Haus des Wissens zu erweitern. Allen anderen bleibt die Ausbildung im elterlichen Haus oder in der Familie. Ich möchte dir weitergeben, was ich weiß, daher frage, mein Sohn, frage.

Wak’a, das bedeutet so viel wie heilig. Aber es ist noch mehr. Es ist die heilige Energie und das heilige Wesen, das etwas Heiliges umgibt, und ist es mit ihm zusammen. Heilig kann vieles sein – die Tempel, das ist richtig, aber auch die geweihten Statuen der Götter, Orte und Gegenstände können heilig sein. Heilig ist etwas, wenn es eine tiefe Verbindung zu einer Gottheit hat und zu einem für uns sehr hohen geistigen Wesen. Unser Großer Sapay Inka, Inka Kimra Wayna Qhapaq, und seine Frau und Quya[5] Mama Tanupaq Rawa Uqllu sind lebende Wak’as. Du weißt, wenn sie vorüberziehen, getragen in ihren goldenen Sänften, hält das Volk respektvoll Abstand. Sie umgibt eine heilige Energie, der man sich nur auf Anfrage nähern darf. Und stets mit gesenktem Blick, nie direkt in die Augen sollte man schauen und auch immer eine Art Last mit sich tragen und…“

„…Und ein kleines Opfer für sie geben. Blumen oder eine Wimper, wenn man gar nichts hat, das genügt. Ich verstehe jetzt, wie es gemeint ist. Ich war mir nur nicht ganz sicher. Dann sind es auch die Berge, die Berge sind Wak’as!“, meinte Wanasqia, der zeigen wollte, dass er sich erinnerte und es verstanden hatte.

„Und warum?“, fragte Alayna nach.

„Weil die Kraft von Mutter Erde, von Pachamama, dort besonders zu spüren und immer gegenwärtig ist. Sie sind die Brüste von Mutter Erde. Und das Wasser der Quellen aus den Bergen ist die Milch, mit der sie die Erde nährt. Aber ich habe noch nie eine Statue von ihr gesehen, ich weiß gar nicht genau, wie sie aussieht“, überlegte Wanasqia weiter.

„Denke dies einfach weiter. Warum bilden wir sie nicht direkt ab?“

„Vielleicht, weil sie zu groß ist und das Gold für ihre Statue nicht ausreichen würde“, sagte Wanasqia, aber er merkte, dass das nicht die rechte Antwort war.

„Denke nur weiter, mein Sohn. Es liegt nicht an der Menge des Goldes. Wo siehst du Pachamama? Denke einfach laut, du wirst es gleich finden“, versuchte Alayna, ihn auf die Spur zu bringen. Wanasqia überlegte weiter:

„Sie ist in der Erde, in den Bergen, im Wasser, in der Luft, in den Pflanzen, in den Tieren… Sie ist überall um uns herum und wir leben mitten in ihr, so groß ist sie.“ Wanasqia zuckte mit den Schultern.

Nun lüftete Alayna doch des Rätsels Lösung:

„Das ist alles sehr richtig. Eben weil sie überall zu sehen ist, ist ihre Skulptur überall gegenwärtig. Du brauchst keine Skulptur für sie, denn sie ist der Stein oder das Meerschweinchen oder das Llama, der Vogel, dieses Blatt dort! Sie ist überall und kann an jedem Ort geehrt werden! Dann gibt es natürlich die speziellen Götter, aber Pachamama verbindet alles, was auf der Erde ist. Die Kraft von Pachamama ist überall gegenwärtig und an manchen Orten ist sie besonders stark zu spüren. Diese Orte kennen unsere Schamanen, daher wählen wir solche Orte aus, um zu opfern. Auf dem Land wird Pachamama noch mehr verehrt und ihr Rauch- und Trank-opfer dargebracht. Hier in Qusqu ist es Inti, der Sonnengott, der mit jeder Handlung verehrt wird, weil er den Inka seine Kraft übertragen hat, um dieses große Land zu führen und Tawantinsuyu für den Sonnengott noch zu erweitern.

Es ist schlau, dass der Inka dem Volk erlaubt, seine eigenen Kulte weiter zu pflegen und ihren Göttern zu huldigen. Diese Kulte geben dem Volk ja auch die Kraft, die sie brauchen, denn ihre Tätigkeiten sind andere als die der adeligen Inka. Daher sind es andere Götter, die sie unterstützen, vor allem Pachamama und auch die Apus, die Herren Berge.

Zusätzlich schenkt der Große Sapay Inka dem Volk auf dem Land und in den entfernten eroberten Städten und Gebieten die wunderschönen Tempel des Sonnengottes Inti. Damit ist klar, dass er die höchste Stellung im Reich hat und auch ihm geopfert werden soll. Er hält schließlich alles zusammen und gibt allem und allen seine Ordnung. Wenn die Menschen ihren gewohnten Riten nachgehen können und es ihnen gut geht, dann sind sie sehr schnell auch einem neuen Herrscher gewogen und seinem Gott. Die, die es nach wie vor nicht sind, werden, wie wir ja schon gesagt haben, einfach weit entfernt umgesiedelt, um an einem neuen Ort neu anzufangen, den es aus strategischen Gründen zu bewirtschaften gilt.

Auch Bäume können Wak’as sein, besonders die alten. Sie liebe ich besonders. Und Höhlen, Quellen. Schon so manch eines meiner Kunstwerke wurde zu einem Wak’a, da sie der Sapay Inka persönlich huldigt. Flüsse können Wak’as sein – und – die Ahnen! Wir ehren sie, damit sie weiter bei unserer Familie bleiben und sie unterstützen, um vielleicht irgendwann einmal wieder zu ihr zurückzukommen. Wir feiern mit ihnen und lassen sie an unserem Leben teilhaben. Deswegen werden ihre Mumien im Haus des Friedens aufbewahrt, welches zu unserer Ayllu, also unserer Gemeinschaft aus zehn Familien, gehört.

Der hohe Sapay Inka nimmt sogar die männlichen Ahnen, meist seinen Vater und Großvater, mit auf Eroberungszüge. Nur mit ihrem Segen starten sie Angriffe. Die, die mit den Wak‘as sprechen können, werden besonders geschätzt. Meist sind es unsere Schamanen, aber auch andere einzelne Leute können so manches Wak’a verstehen.“

Er machte eine kurze Pause, trank etwas und blickte seinen Sohn über den Kürbisbecher an.

„Yaya, kannst du ein Wak’a verstehen?“ Alayna freute sich über diese Frage, denn er hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen und wollte es doch gern einmal loswerden.

„Ja, ich glaube, ein wenig. Hin und wieder passiert es, dass, wenn ich eine Skulptur zu einer Gottheit anfertige, dass ich ihr Wesen plötzlich verstehe. Der Inka hat einen goldenen Garten mit goldenen Bäumen und Pflanzen und mit goldenen Tieren. Auch mit silbernen. Doch ich arbeite meist nur mit Gold, weil dies der Schweiß des Sonnengottes Inti ist und der Inka dies besonders schätzt. Ich glaube allerdings auch, dass es daran liegt, dass die Silbervorkommen nicht so reich sind wie die Goldvorkommen. Und, der große Inti soll sich schließlich in jedem dieser Kunstwerke wiederfinden. So arbeitete ich bei meinem letzten Auftrag für den goldenen Garten des Inti, an einem fast lebensgroßen Usu, also diesem göttlichen Bären mit der dunklen Zeichnung um die Augen, die aussieht als würde er eine Maske tragen. Ich habe noch nie einen gesehen, also ging ich mit deinem Onkel, der vor einiger Zeit eine trächtige Bärin gesehen hatte, zu jener Stelle. Ihre Höhle konnte demzufolge nicht weit von diesem Ort entfernt sein. Wir fanden sie auch. Es war sehr gefährlich. Wir hatten eine Ledertasche voller Honig mitgebracht und auf dem Weg noch ein großes Stück Puja abgebrochen, das Bären so sehr lieben!“

Er warf einen Blick zu seinem Sohn, der ihn fragend ansah.

„Eine Puja hast du doch schon gesehen, mein Sohn! Das sind die Pflanzen, die noch weiter oben in den Bergen wachsen. Sie sind sehr schlank und hoch, wenn sie blühen. Sie können bis zu 100 Jahre alt werden. Sie blühen nur einmal und sterben danach. Ohne Blüte sind sie schon riesig, fast zweimal so hoch wie ich und ihre Blätter sind sehr spitz. Mit der Blüte können sie siebenmal so hoch werden wie ich. Sie sind wunderschön und sehr erhaben. Die Kolibris lieben ihren süßen Nektar, genauso wie eben diese Augenmaskenbären, die Usus.

Wir fanden die Höhle und warteten.

Schließlich kam sie heraus. Die Jungen waren anscheinend drinnen, denn sie schien sich nur kurz die Füße zu vertreten, schnupperte in alle Richtungen und schlüpfte alsbald wieder hinein. Ich hatte genug gesehen. Sie war einfach bezaubernd. Zum Dank, dass sie sich mir von allen Seiten gezeigt hatte, legte ich ihr von dem Honig auf einen Stein nahe bei ihrer Höhle und ich traute mich, jetzt würde ich das nie wieder tun, das Stück Puja direkt vor ihre Höhle zu legen, damit sie den Duft der süßen Blüten nach drinnen riechen und diesen Leckerbissen gleich holen kann. Das würde ihr Kraft geben. Die Bärenmütter gehen nämlich sonst nicht auf Futtersuche, wenn sie sich um ihre Jungen kümmern.

Zu Hause fing ich an, an der Form zu arbeiten. Goss Gold und formte, bog, hämmerte bis eine grobe Form entstanden war. Doch auf einmal konnte ich mich an die kleinen Details nicht mehr erinnern. So stand ich ideenlos vor der fast lebensgroßen Bärin, da hörte ich eine Stimme, die da sagte, dass sie Hunger hätte. ‚Natürlich!’, dachte ich, denn sie würde eine Wak’a werden und Wak’as werden gefüttert, beziehungsweise es wird ihnen Essen dargeboten. Also besorgte ich Honig und stellte eine kleine Schale vor sie auf den Boden. Was glaubst du, was sie dazu sagte?“

Irritiert antwortete Wanasqia:

„Ich weiß es nicht. Ich habe noch nie ein Wak’a sprechen hören“, und zuckte ratlos seine Schultern.

„Sie sagte: ‚Leg den Honig bitte auf einen Stein, so, wie du es oben getan hast.’ Ich verstand. Ich holte keinen Stein, sondern ich goss und formte einen Stein aus Gold. Darauf stellte ich den echten Honig.

‚Und nun arbeite mein Gesicht. Fang einfach an, ich führe deine Hände. Und so geschah es. Ich weiß bis heute nicht, wie ich sie fertigbekommen habe, so lebensecht, nur in Gold. Ich hatte ihr Wesen erkannt, ihre Liebe und ihre Aufgabe, weil ich aufrichtig und ehrlich war. Deswegen konnte ich sie hören. Leider habe ich keinen Zutritt zu dem Garten, um sie öfters zu besuchen und ihr Honig zu bringen, aber selbst jetzt, wo ich dir davon erzähle, scheint sie hier bei uns zu stehen. Ich weiß, dass sie jetzt nicht mehr in der Höhle ist, dass ihre drei Jungen wohlauf sind und ihre eigenen Wege gehen. Sie sagte mir, ich könne sie rufen, wenn ich in Not sei. Sie ist wie mein Schutztier. Die Schamanen haben Schutztiere. Aber ich… Du siehst, ein Künstler, der sich tief mit seiner Arbeit verbindet, kann bisweilen auch das Wesen erkennen.

Eigenartig ist das, aber sehr, sehr bewegend und sehr, sehr schön.

Die Usus, sie sind Göttertiere. Sie tragen Botschaften zu den Apus, den Berggöttern und gelten als Vermittler zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod. Ich hätte sie gern als kleine Skulptur bei mir, aber ich weiß, in dem Moment würde sie von mir verschwinden.

So bewahre ich sie tief in meinem Herzen.

Der Inka selbst kann natürlich als Priester des 6. Ranges, als Sapay Inka, mit den Wak’as reden. Das ist wichtig, da er für das Volk spricht, bittet und dankt. Dennoch ruft er bei all seinen Entscheidungen einen Schamanen um Rat oder seinen Bruder, den Hohepriester. Die Schamanen reisen vor allem in die Welt der Ahnen und die Welt der Seelen und können dort mit ihnen sprechen und sie um ihre Mithilfe oder um ihren sehr geschätzten Rat bitten, oder eben die Wak’as um Rat und Hilfe bitten.

Tiere können Wak’as sein, wie du eben gehört hast. Schlange, Puma und Kondor – du weißt, was sie darstellen?“, fragte Alayna. Sein Hämmern wurde immer langsamer, doch das Reden lenkte ihn etwas von seiner Erschöpfung ab und hielt ihn wach.

„Der Kondor steht für Hanan Pacha, die obere Welt, die Welt der Sterne und Götter, eben den Himmel.

Der Puma steht für die Welt, in der wir leben, Kay Pacha, die mittlere Welt, die Welt der Lebenden.

Also zählen die Orte, die diese heiligen Tiere symbolisieren, auch zu den Wak’as.

Die Schlange steht für die untere oder das Innere der Welt, Ukhu Pacha.

Wir sind von Hanan Pacha und Ukhu Pacha umschlossen. Die Schama-nen können die anderen Welten bereisen, wir nicht.

Wenn wir es aus der Sicht der Zeit sehen, dann bezeichnet die Schlange die Vergangenheit, das, was vor uns liegt, das was wir schon gesehen haben.“ Wanasqia machte eine Handbewegung nach vorn.