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Jakob, ein 55jähriger Frühpensionist, schläft schlecht in der Nacht zum Karfreitag. Zwischen Traum und Wachen zieht sein Leben an ihm vorbei: die Jahre in der "Burg", wie die Zöglinge das Konvikt nannten, sein Theologiestudium, der frühe Drogentod seines Freundes Michl, die verschwommenen Missbrauchsgeschichten, seine Unfähigkeit mit Frauen umzugehen. War auch er ein Opfer oder phantasierte er bloß? Am Vormittag des Karfreitags macht sich Jakob auf den Weg, um noch einmal die "Burg" zu besuchen. Als er mit dem alten Prior durch das Haus geht, steht ihm der fast vergessene und verdrängte Missbrauch mit scharfer Klarheit vor Augen. Am Nachmittag, während des Karfreitags-Gottesdienstes, bricht es aus Jakob heraus: Laut klagt er, vor der versammelten Gemeinde, den alten Prior des Missbrauchs an.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2015
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WEIßENBÖCK • SACRIFICIUM
FRANZ JOSEF WEIßENBÖCK
Eine Parabel
Die Herausgabe dieses Buches erfolgtemit freundlicher Unterstützung der Stadt Wienund des Landes Niederösterreich.
A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12
Tel. + 43(0)463 370 36, Fax + 43(0)463 376 35
www.wieser-verlag.com
Copyright © dieser Ausgabe 2015 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Für die Gestaltung des Umschlags wurde ein Werk
von Prof. Florian Jakowitsch verwendet
Lektorat: Johanna Battisti
ISBN 978-3-99047-028-2
Die Zeit vergeht auf dem Land langsamer als in der Stadt, und noch einmal langsamer vergeht sie in den Bergen. Jakob war mehrmals aus einer Geschwindigkeit in eine andere gewechselt, und immer hatte er darunter gelitten. Manchmal befiel ihn sogar das Gefühl, die Zeit kehrte sich um und liefe zurück. Er wusste, dass das eine physikalische Unmöglichkeit war; aber wenn die Zeit sehr, sehr langsam verging, sodass sie beinah stillzustehen schien, dann war es ihm, als säße er in einem Zug, der rückwärts zu fahren scheint, wenn zugleich ein Zug auf dem Nachbargleis losfährt.
Schon als Kind neigte Jakob zum Grübeln, er war still und in sich gekehrt, und aus diesem Grübeln kam manchmal eine Frage, die von den Erwachsenen mit Verwirrung wahrgenommen, aber selten beantwortet wurde. Was meinen die Menschen, wenn sie sagen, die Zeit vergeht? War die Zeit dem Vergehen überhaupt zugänglich? Die Dinge können vergehen, vom kleinen Käfer bis zu den Gebirgen und zu den Sternen, die als Sternschnuppen verglühen – aber die Zeit? Die Zeit – das war nur ein anderes Wort für Vergänglichkeit, Verfall, Absterben. Alles, was ist, ist in der Zeit, und es ist auf dem Weg zu seinem Ende. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu diesen Fragen zurück, und immer blieben sie ohne Antwort. Die Zeit ist etwas anderes für die Frau, die ihren Geliebten erwartet, als für den Mann in der Todeszelle.
Den ersten Wechsel in eine andere Geschwindigkeit, in einen beschleunigten Zeitfluss, erlebte Jakob gleich nach seiner Reifeprüfung. In der »Burg«, wie das Stift samt angeschlossenem Gymnasium von den Zöglingen seinerzeit genannt wurde, war die Zeit ihren gemächlichen, gleichförmigen Weg gegangen. Ein Tag glich dem anderen, von den kirchlichen Hochfesten abgesehen, und das Leben verlief nach dem immer gleichen Rhythmus und den immer gleichen Regeln. In der Stadt, in der Jakob zu studieren begann, herrschte ein höheres und unregelmäßiges, synkopierendes Tempo. Oft genug hatte der junge Mann das Gefühl, nicht mithalten zu können und den Anschluss zu verlieren.
Den letzten Rhythmuswechsel erlebte er mit wachsender Bestürzung. Nach einem in mancher Hinsicht unsteten Leben als Frühpensionist mit 55 Jahren nach St. Paul im Walde und in das Haus seiner Eltern zurückgekehrt, konnte er sich nicht mehr in das gemächlichere Tempo seiner Jugend einfügen. In der Stadt war er ein Fremder geblieben, weil er sich ihrem Tempo nicht hatte anpassen können, für seine Heimat in den Bergen aber war er nach den vielen Jahren in der Stadt zu schnell. Er war ungeduldig, oft aufbrausend, ebenso schnell wie hart im Urteil und verstörend für die Dorfgemeinschaft, der er in den Jahrzehnten vor seiner Rückkehr entwachsen und fremd geworden war. Nicht, dass Jakob sich nicht um Angleichung bemüht hätte. Er lebte das Leben im Dorf mit, äußerlich passte er sich dem Rhythmus des Dorfes an, der von den Jahreszeiten und vom Kirchenjahr geprägt wurde. Er fügte sich ein, so gut es ihm möglich war; er tat es, weil er auf diese Weise zu verstehen hoffte, welchen Weg er genommen hatte. Manchmal glaubte er, er könnte so Vergebung für eine Schuld finden, die er nicht kannte und die ihn dennoch belastete.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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