Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dienstag, 23. Mai 2017: Ein Mann erwacht und notiert - wie üblich - seine Träume. Darunter einen wehmütigen, den er zunächst nicht versteht. Doch bereits wenige Stunden später ahnt er dessen Hintergrund. In Manchester starben in der Nacht zuvor mehr als zwanzig Menschen bei einem Terroranschlag. Das jüngste Opfer: die 8-jährige Saffie. Das Mädchen wird in den Tagen und Wochen danach zur wichtigsten Person seines Lebens. Und es scheint so, als ob Saffie auch noch Jahre danach eine Rolle spielen würde. Nicht nur als Traumgestalt, sondern als Engel ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Saffie
Der Mann und das Mädchen–
und der Tod
( und das Leben ...)
Is it a kind of a shadow,
reaching into the night,
wandering over the hills unseen,
or is it a dream?
♪ „Bright Eyes“♫
Ist es eine Art von Schatten,
der da nachts, unbemerkt
über die Hügel streift –
oder ist es ein Traum?
1
Kann es sein, dass Menschen sichkennen– obwohl sie sich noch nie begegnet sind?
Kann ein Kind das Seelenleben einer erwachsenen Person bestimmen, gestalten?
Kann ein Mädchen‒im Grundschulalter‒das Leben eines Mannes verändern?
Kann der Erwachsene seinen „Verstand“ verlieren‒durch einen Traum, durch viele Träume?
2
Der Mann schämte sich seiner Tränen nicht.
Vielleicht auch deshalb, weil sie keiner sehen konnte.
Oder weil er sie notfalls auch als Heuschnupfentränen hätte deklarieren können?
Es war Frühling, Ende Mai des Jahres 2017. Der Grund für seine Trauer hatte sich in der Vorwoche, an einem späten Montagabend ereignet.
Er erinnerte sich noch ziemlich gut an den Tag, der sein Leben verändert hatte, verändern würde: an den Nachmittag und den Abend des 22. Mai.
Es war ein Montag, und am späten Nachmittag hatte er eine Stunde in einem Café verbracht – ein Stück Kuchen und eine Kugel Eis genossen. Wobei es kein wirklicher Genuss war – was aber weder an den Speisen noch am Wetter noch an dem Stuhl lag, auf dem er Platz genommen hatte.
Er wusste, nein, er spürte eigentlich nur, dass irgendetwas nicht stimmte – mit ihm. Vielleicht auch mit dem Rest der Welt?
Der Abend verlief nicht wirklich außergewöhnlich. Gegen 21:00 Uhr schaltete er Fernseher und Computer aus. Er wollte nichts Neues mehr sehen, seinen Kopf nicht mit aktuellen, mehr oder weniger wichtigen Nachrichten belasten.
Lediglich etwas Musik, ein paar ältere, eher beruhigende Lieder würde er sich später noch anhören.
Als der Mann gegen Mitternacht ins Bett ging, tat er das mit einem unguten Gefühl im Magen. Es schien ihm, als ob er kurz vor einer Grippe stehen würde. Aber er hoffte, dass diese unangenehme Befindlichkeit über Nacht verschwände.
Als er am nächsten Morgen aufstand, notierte er wie üblich zunächst ein paar Träume in sein Tagebuch.
Das Niederschreiben, das Festhalten der nächtlichen Traumbilder hatte in den ersten Minuten eines jeden Tages Priorität, und das bereits seit mehreren Jahren. Denn die Traumgebilde waren extrem lichtempfindlich. Nur wenige Sekunden oder Minuten nach dem Erwachen, nach dem Aufstehen waren sie in der Regel wieder verschwunden. Sie kamen in der Regel nicht wieder – oder nur ganz selten zurück ins Gedächtnis.
Viel Zeit kostete die Prozedur nicht. Eine Minute, selten auch mal zwei, dann waren ein paar Worte oder auch Sätze notiert. Hin und wieder zeichnete der Mann auch kleine Skizzen von irgendwelchen Gegenständen oder Landschaften oder Richtungen, die ihm zuvor im Schlaf erschienen waren.
Am Dienstag, dem 23.05.2017 waren es aber keine Bilder, sondern nur Worte, die er kurz nach dem Erwachen hinkritzelte.
Und danach schaltete er‒entgegen seiner sonstigen Gewohnheit – zunächst weder Radio noch Smartphone an.
Stattdessen öffnete er ein Fenster und lauschte den Tönen aus dem Garten. Er war erleichtert, dass die befürchtete Grippe über Nacht verflogen war. Und er fühlte sich wieder fit. Auch der Geist war recht erholt, ziemlich ausgeschlafen, wenn auch nicht wirklich munter. Und schon gar nicht heiter.
Nachdem er eine Weile dem Vogelgezwitscher und dem Summen der Bienen gelauscht hatte, setzte er sich doch an seinen Schreibtisch, um den Computer hochzufahren. Allerdings nicht um neue Nachrichten oder E-Mails abzurufen, sondern lediglich um zunächst ein paar ältere Photos und Musikstücke anzusehen bzw. anzuhören.
Nach einer knappen Stunde am Computer suchte er die Küche auf, für Kaffee und Frühstück.
Und kurz darauf, nachdem er das Radio eingeschaltet hatte, meldeten die Nachrichten, dass es bei einem Selbstmordanschlag in Manchester zahlreiche Tote und Verletzte gegeben hätte.
„Oh nein, nicht schon wieder“,dachte er bei sich. Vielleicht sprach er diese Worte auch aus. Denn der Mann ertappte sich immer häufiger bei kurzen Selbstgesprächen.
Aber wirklich überrascht war er in diesem Augenblick nicht. Auch nicht entsetzt oder betrübt. Mehr als ein Dutzend Tote und hundert oder mehr Verletzte – das passte irgendwie in den Rahmen …
In den TV-Rahmen, und ebenfalls in den Zeitungs- und Smartphone-Rahmen. Es passte auch zu dem, was Radio und Internet regelmäßig vermeldeten.
Nachrichten über Terroranschläge hatte er in den vergangenen Jahren zuhauf vernommen. Von Todesopfern‒in teilweise noch höherer Zahl‒ebenfalls: in Madrid, London, Brüssel, Paris, Nizza, St. Petersburg, Stockholm oder Berlin.
Und er war seit mehr als einem Jahr, seit 2015 davon überzeugt, dass es vermutlich so‒oder so ähnlich‒weitergehen würde. Weil Tausende Terroristen in Europa, in West- und Mitteleuropa ihre erste, zweite oder dritte Heimat gefunden hatten.
Am späten Vormittag des 23. Mai 2017 wusste der Mann noch nicht, dass jener Terroranschlag vom Vorabend ihm so viel Kummer bereiten würde. Er ahnte nicht, dass er in den folgenden Tagen und Wochen mehr Tränen vergießen würde als in dem ganzen Jahrzehnt zuvor.
Auch wusste der Mann am Vormittag des 23.05. noch nicht, dass er sich verlieben würde, wie noch selten, wie noch nie zuvor?!
In eine Person, die er eigentlich gar nicht kannte, die sich auch nicht mehr auf Erden befand, und die am Vorabend mit ihrer Mutter und Schwester und mehr als 14 000 weiteren Personen ein Konzert in derManchester-Arenabesucht hatte.
Der Mann wusste am Vormittag des 23. Mai 2017 nicht, dass er sein Herz verlieren würde an ein Mädchen, das ein paar Stunden zuvor ihr Leben verlor, ihren Verletzungen erlag. So wie mehr als zwanzig weitere Menschen, am Abend des 22.05. bzw. in der Nacht zum dreiundzwanzigsten Mai.
Den Augenblick des Todes, ihre Todesstunde, kannte der Mann an jenem Dienstag auch noch nicht. Lediglich die exakte Uhrzeit der Explosion war bekannt. Und über die Todesursachen und den genauen Zeitpunkt würden sich Gerichtsmediziner und Angehörige der Opfer erst Tage bzw. Wochen später äußern.
3
„Der Tod ist eine heikle Sache. Oft unerfreulich. Oft traurig. Teilweise schmerzhaft. Und was für den Gedanken für das eigene Ableben gilt, oder das Lebensende von Verwandten und Freunden, …
Ob der Tod auch eine „heitere“, eine schöne Seite besitzt – könnte man sicherlich auch diskutieren.
Insbesondere in Verbindung mit Krieg und Terror.
Weil es offensichtlich Menschen gibt, die Freude daran haben, andere Erdenbürger oder Tiere zu töten: abzuknallen, zu überfahren, zu vergiften, zu vergasen, zu ertränken …
All diese Methoden kennt der Leser von Kriminalromanen. Oder der Kenner der Geschichte. Denn die Menschheitsgeschichte war vermutlich nicht nur eine Geschichte des Blumenpflückens, des Fastens und des Betens. Auch das Singen von Liedern oder das Spielen von Karten – so alt sie auch sein mögen – beschreiben die menschliche Existenz auf Erden nicht in ihrer ganzen Dimension.“
So hatte es der Mann wenige Wochen zuvor in seinen Computer getippt. Und eine Kopie zuletzt am 15. Mai 2017 um 16:50 Uhr auf „E“ gespeichert. Wobei „E“ ein externer USB-Stick war.
Den Verlauf konnte er auf seinem Computer nachvollziehen. Und Ende Mai erinnerte sich der Mann auch, dass nach dem 15. Mai nur wenige neue Worte dazukamen. Obwohl er sich um Ostern 2017 herum vorgenommen hatte, einige, möglichst viele „schlaue“ und mehr oder weniger österliche Gedanken über den Tod niederzuschreiben.
Genau genommen wollte er die „Notwendigkeit“ des Todes erforschen – aus der Perspektive der Natur, derGötter.
Denn aus menschlicher Sicht war der Tod eigentlich keine gute Sache – eher eine schlechte Erfindung.
Zudem wollte der Mann im April 2017 die Sintflut näher betrachten. Nicht so sehr die biblische – von der er nur die überlieferten Worte kannte, sondern jene, die sich 2004, am zweiten Weihnachtstag an den Gestaden des Indischen Ozeans abspielte, und einigen Zehntausend, vermutlich beinahe einer Viertelmillion Menschen das Leben kostete. In Thailand, Indonesien, Indien oder Sri Lanka. Jawohl, die Tsunamiwellen schwappten sogar bis nach Somalia, bis nach Ostafrika.
Der Mann wollte diese „neue“ und „kleine“ Sintflut jedenfalls in eine sinnvolle Verbindung bringen, mit Kali. Mit der hinduistischen, der bengalischen, der indischen Göttin – des Todes.
Beziehungsweise mit dem Bild, welches sich Menschen machen oder machten – von Gott.
Von den Göttern.
Von der Natur.
Vom Himmel.
Vom Leben.
Vom Tod.
In den 90er-Jahren hatte sich der Mann erstmals ausgiebig mit der Theodizee-Frage auseinandergesetzt.
Warum lässt Gott das Böse zu?
Weshalb verhindert Gott nicht, dass unschuldige Menschen sterben?
Durch Kriege oder Naturkatastrophen auf teilweise grausame Weise ihr Leben verlieren.
Für denAllmächtigen,der angeblich gütig war, müsste es doch möglich sein, das Leiden zu stoppen …?
Die Antworten der Theologen und Philosophen fand der Mann nicht immer klug oder überzeugend.
Ja, allein schon die „Theodizee-Frage“ schien ihm eine Spur zu beschränkt, zu engstirnig zu sein. Denn schon damals hatte der Mann den Verdacht, dass die Natur nicht zufällig, sondern absichtlich tötet.
Und seine Vorstellung von Natur war damals eine, die jenerGott-Naturvon Goethe recht nahekam.
Hin und wieder hörte er auch damals noch – oder schon wieder – dass Gott Liebe wäre. Und Gnade. Und Erbarmen.
Aber mit dieser Anschauung, dieser halbwegs biblischen, eher als neutestamentlich-christlich zu bezeichnenden Theologie konnte und wollte sich sein Geist schon damals nicht mehr anfreunden.
Und spätestens am zweiten Weihnachtstag 2004, mit der Sintflut vom 26. Dezember war ihm klar, dassGott-Naturtatsächlich tötet. Dass der Tod von Menschen mit voller Absicht erfolgte.
Und dass die Theologie mancher Leute – auch vieler Christen – wohl einen „psychologischen Knacks“ besitzt.
Unabhängig von den Bruchzonen im Erdmantel besitzen Menschen mehr oder weniger gesunde bzw. kranke Vorstellungen von der Welt.
Eigentlich hatten alle Menschen einen kleinen Knacks – glaubte der Mann bereits im Alter von rund zwanzig Jahren herausgefunden zu haben.
Oder, wie es vielleicht ein Mediziner halb ironisch, halb originell formulieren würde: Es gibt überhaupt keine gesunden Menschen. Es gibt nur Personen, die noch nicht gründlich genug untersucht worden waren.
Wobei sich ein „gesunder“ Kopf auch damit nicht abfände, sondern die Frage stellen würde „Warumist der Mensch krank?“
Und dann nicht nur nach der Ernährung oder dem Arbeitsumfeld sowie den familiären Verhältnissen des „Patienten“ fragen würde, sondern nach dem Anfang der ganzen Geschichte.
Wie kam der Mensch auf die Erde?
Wer hat ihn auf der Erdkugel platziert?
Waren Eizellen und Spermien und Gene schuld an der Misere?
War also die Biologie das Problem und weniger die Götter?
Oder war die Vertreibung aus dem Paradies doch irgendwieder Sündenfallschlechthin?
4
Der Mann hatte Anfang Mai des Jahres 2017 – erstmals nach vielen Jahren – wieder die Geschichte von der Arche Noah gelesen. Da er keineHeilige Schriftzur Hand hatte, suchte er im Internet – und fand dort den gleichen Wortlaut aus dem Alten Testament: Genesis, erstes Buch Mose.
Er erinnerte sich auch, dass er in der Grundschule, mit etwa 7 oder 8 Jahren, diese und andere Geschichten vermutlich erstmals bewusst vernahm.
Und dass er im Religionsunterricht teilweise Bilder zu jenen Geschichten malen sollte. Was er nicht so gerne tat, obwohl er gegen Filz- oder Wachsstifte eigentlich nichts einzuwenden hatte. Wirklich nicht.
Aber Kopfrechnen, Zahlen addieren oder subtrahieren waren ihm als Grundschüler doch viel lieber. Ballspiele oder Trampolinspringen oder Fangen im Turnunterricht oder auf dem Pausenhof gefielen ihm ebenfalls.
Buchstaben, Worte oder gar ganze Sätze ins Heft zu schreiben, oder an die Tafel – das ging auch noch, musste wohl sein, gehörte zum Unterricht, zur Schule, zu seinen Pflichten, und zu seinem Lebensalter …
Vermutlich reflektierte oder hinterfragte er damals den Unterricht nicht so sehr, auch nicht die Fächer, die Inhalte, die Lehrer oder den Stundenplan. Manche Dinge, oder Personen, waren einfach gut, nett, freundlich. Andere eher langweilig, oder doof. Manche Leute waren möglicherweise sogar böse. Aber die wohnten damals zum Glück nicht gleich im Nebenhaus, sondern doch einige Straßen weiter, und er hatte wenig oder nichts mit ihnen zu tun. Und wenn er den bösen Buben nachmittags beim Spielen mit anderen Kindern am Rande des Dorfes doch zufällig begegnete, dann rannten sie einfach davon. Und erzählten es eventuell später den Eltern.
5
Am frühen Nachmittag des 23. Mai 2017, einem Dienstag, sah der Mann die ersten Bilder aus Manchester.
Nachdem er im Radio von dem Selbstmordanschlag gehört hatte, wollte er noch mehr wissen, mehr sehen. Und so schaltete er den Fernseher ein. Dort wurde auf verschiedenen Sendern immer das gleiche Video gezeigt: Aufnahmen von vielen Menschen in einer großen Halle, die sich langsam und in einem geordneten Rahmen zu leeren schien. Und Sekunden später dann ein Knall, ein paar Schreie, und Bilder von Konzertbesuchern, die plötzlich aufschreckten, in alle Richtungen panikartig davonrannten.
Doch auch dieses Video konnte den Mann noch nicht wirklich berühren. Vermutlich, weil es weder Verletzte noch Tote noch schmerzverzerrte Gesichter zeigte. Weil es „nur“ den Moment festhielt, als im Ausgangsbereich, im Foyer eine Explosion stattfand, deren Knall bis in die Arena drang, und die Leute in Bewegung, teilweise in Panik gerieten.
Erst eine weitere Stunde später sah er im Internet Bilder von Menschen, die vermisst wurden. Die möglicherweise verletzt im Krankenhaus lagen – oder gar getötet wurden. Das jüngste Opfer soll erst acht Jahre alt gewesen sein, vermeldeten englische Zeitungen und amerikanische TV-Sender.
Desperate search for schoolgirl, 8, still missing after Manchester terror attack.
Und darunter ein Photo, das Gesicht eines Mädchens, das in der Tat wohl eine achtjährige Grundschülerin sein konnte – und die auf dem Bild ganz nett, ziemlich freundlich und recht unschuldig in die Welt blickte.
"Saffie Rose is believed to have been at the pop-concert with her mum and older sister“,hieß es weiter.
Und später erfuhr man auch, dass die Mutter und Schwester der vermissten Achtjährigen in verschiedene Krankenhäuser eingeliefert wurden.
Und weitere acht oder zehn Stunden später, am Dienstagabend, dem 23.05.2017 erfuhr der Mann, dass das Mädchen gestorben war.
Der Vermissten-Text vom Vormittag war immer noch im Internet – darunter aber die Zeilen:„We are sorry to report that Saffie-Rose died in last night’s attack.“
So stand es auch später noch im Internet im „aktualisierten“ Online-Zeitungsbericht.
Dann waren auch bald etwa zwanzig weitere Gesichter zu sehen, die ebenfalls am späten Abend des 22. Mai von den Bombensplittern des Selbstmordattentäters tödlich getroffen oder vermisst wurden.
Des Weiteren gab es noch viele weitere Konzertbesucher, die nur leicht, zumindest nicht lebensgefährlich verletzt wurden.
Jene bekamen teilweise Besuch von wichtigen Personen – beispielsweise von der englischen Königin. Jedenfalls war die Queen auch in deutschen TV-Nachrichten zu sehen, wie sie bei Kindern und Jugendlichen in einem Hospital am Krankenbett stand.
6
Wann genau die große Traurigkeit einsetzte, wusste der Mann rückblickend nicht mehr so genau.
Aber die ersten „dunklen“ Gedanken und Gefühle dürften ihn wohl schon im Schlaf heimgesucht haben – nur wenige Stunden nach dem Attentat, in der Nacht von Montag auf Dienstag, vom 22. auf den 23. Mai.
Jedenfalls hatte er am Dienstagvormittag, gleich nach dem Aufstehen, auch das Wortwehmütigin sein Tagebuch geschrieben, kurz hinter „kids“ und „girls“.
Irgendwelchen Personen, darunter einigen Kindern, blickte er in jenem Traum hinterher. Diekidsschienen einen anderen Weg zu nehmen als er: sich zu entfernen, fortzugehen, immer weiter weg …
Und das stimmte den Mann – im Traum – traurig, wehmütig.
Es war lediglich der zweite von vier Träumen, die der Mann am Vormittag des 23. Mai 2017 notierte.
Und er hatte zu jenem Zeitpunkt, am Dienstagvormittag, noch keine Ahnung, wer die „kids“, die Kinder, die Mädchen und Jungs waren‒und weshalb ihr Weggehen ihn Stunden zuvor melancholisch gestimmt hatte.
Denn er erinnerte sich beim Notieren des Traumes nicht an irgendwelche ihm bekannten Namen oder Gesichter.
