Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Bergdorf Mund bei Brig nennt sich Safrandorf, obwohl seit Jahren der Safran kaum mehr gedeiht. Die Leute bangen um ihr touristisches Aushängeschild, bis die junge Munderin Julia die Bauern der Safranzunft zu einer Erkundungsreise in den Iran, dem Safranparadies, ermuntert. Sie kann dabei ihre heimliche, jung entflammte Liebe, nämlich Râmin wieder treffen, während die Bauern in diesem weltweit grössten Anbaugebiet neue fruchtbare Sorten entdecken. Diese pflanzen sie nicht nur auf bisherigen Äckern des Bergdorfes an: Rundum auf allen Feldern erblüht bald das begehrte rote Gold dank iranischer Entwicklungshilfe. Gleichzeitig zeigt sich das Dorf gegenüber den iranischen Arbeitskräften reserviert. Im Strudel des entfesselten Safranrausches geraten Râmin und Julia in zwielichtige Verwicklungen und Intrigen. Ein pensionierter Lokaljournalist will das soziale Leben mit seinen kollektiven Gütern vor gierigem Gewinnstsreben bewahren. Doch mutlos sehen die Bewohner zu, wie der korrupte Zunftmeister die Gemeinschaftsgüter der Safranzunft an eine Firma verhökert. Mit deren Gunst würde er beinahe seine Karriere als Walliser Staatsrat krönen, käme ihm nicht die mutige Jungmanagerin Behnâz in die Quere. Sie hinterfragt seine Machenschaften und zahlt dafür einen hohen Preis. Die Geschichte rund um den Safran gibt Einblicke in Politik, Tradition und Glauben des dörflichen Lebens. Kulturen treffen aufeinander mit gegenseitiger Vorsicht, Abwehr, Beeinflussung und Verbindung. Anspielungen und Parallelen zur beschriebenen Region sind auch anderswo möglich. "Ich habe den Roman mit viel Vergnügen gelesen. Er steckt voller wirklichkeitsnaher Elemente, was Land und Leute sowohl in Iran wie auch in der Schweiz, speziell im Wallis betrifft." Philippe Welti, ehemaliger Botschafter der Schweiz in Teheran.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ich danke Heidi, meiner Partnerin, für ihre Hilfe und die geduldige Nachsicht während meiner Reise im Kopf in meine alte Heimat und in den fernen Iran. Mit eigenen Bildern und Geschichten habe ich versucht, die Welt zu verstehen.
Danken will ich auch meinen Freunden und Bekannten für wohlwollende, mahnende, ergänzende, korrigierende Kritik, Anregungen und Hilfen: Annelore, Anton, Armin, Aurel, Bernard, Dora, Edgar, Fritz, Jürg, Morteza, Rahel, Urs, sowie F. Schulz.
Noosh-e-jan
Iranische Hoffnung
Aufbruchstimmung
Seidenstrasse zum Safran
Familienpläne
Liebe und Husten
Safran — gut für alles
Zaubertrunk mit drei Wünschen
Echte Fälschung
Negin - Pushal - Sargol
Iranische Entwicklungshilfe
Râmin begleitet Behnâz
Peut-être
Behnâz geht ihre Wege
Säg, weischus dü?
Fahnenverhängnis
Herrgottstag
Freundschaftliche Zusammenarbeit
Feuer und Flamme
Zünftig
Taufe
Tarof
Minestra
Backstage
Safran-Frühling
Safran-Bozu
Expansion
Iranità
Handel bringt Wandel
Zwischenhandel
Ewiges Feuer
Balinesische Gänse
Unten im Brigerhof
Blumenstrauss hin und zurück
Straussenreiten
Rollenwechsel
Matze gegen Verräter
Ameisen
Kongress
Heimatliebe
Roland insistiert
Julia verzweifelt
Tunnelbegehung
Yâwàr –– Yaweh
Beuteschema
15 Uhr 40
Behnâz auf dem Teufelstein
Verdächtigungen
Staatsanwalt Steiner
Tumult im Stockalperschloss
Erläuterungen
Die Schiebetüren des Aufzuges gleiten zur Seite. Zwei Augenpaare durchfluten sich. Metallisches Klicken mahnt zur Entscheidung. Er tritt seitwärts und sie setzt ihren Fuss über die Schwelle. Er deutet zur Taste «U», für Untergeschoss. Sie nickt, als hätte er sie zum Tanz gebeten. Einen tiefen Atemzug lang schweben sie in der Kabine, bis der Boden sanft gegen die Füsse drückt. Stille. Zögernd verlässt sie seinen warmen Blick, steigt aus. Er entschwindet hinter surrenden Schiebetüren.
Vor dem Spiegel über dem Waschtisch streicht sie eine braune Haarsträhne zurück, nimmt den Lippenstift, zieht die Hülle ab. Obwohl es schon tausendmal geschah, staunt sie, wie mit einem Dreh der Stift aus der Fassung hochsteigt. Zärtlich streift sie ihre halb geöffneten Lippen. Sie glättet das Rot mit leicht pressenden Bewegungen und murmelt zum Spiegelbild: «Der Aufzug würde feststecken, wir beide wären alleine in der Kabine — meine Hand bewegte sich zur blinkenden Alarmtaste, doch seine legte sich dazwischen. Er berührt meine Finger.» Sie prüft ihre glühenden Wangen im Spiegel, kühlt sie mit frischem Wasser und tritt in den einsamen Treppengang.
Wieder wählt sie den Aufzug, drückt die Taste, wartet. Es wären nur zwölf Stufen hinauf zum Erdgeschoss. Endlich!, doch leer! Oben angekommen blickt sie vergeblich umher und nähert sich wiederwillig dem Stimmengewirr aus dem Esssaal. Blumenarrangements in der Mitte der grossen runden Tische mit tief hängenden, weissen Tüchern und kunstvoll gefalteten Servietten betonen Festlichkeit. Zwischen den Tischen lenkt sie sich zu ihrer Freundin Elisabeth, die mit andern plaudert. Im Geraschel und Gemurmel gibt sich Julia ihren wohlig-wirren Gedanken hin, bis eine ferne Stimme erklingt:
«Liebe Gäste, im Namen des César Ritz College begrüsse ich Sie zum Abschlussdinner. Die diesjährige Diplomklasse ist mit 20 Teilnehmenden aus acht Nationen vertreten», eröffnet der Direktor seine Rede.
Die beiden Flügeltüren des Anrichteraumes schwingen auf, schwarz-weiss gekleidete, strahlende junge Menschen reihen sich auf und mit einer gemeinsamen Verneigung vor den Gästen erschallt ein Wortschwall. Schelmisch lächelnd erklärt der Direktor: «Falls Sie nicht alles verstanden haben, helfen Ihnen vielleicht einzelne Stimmen»: «Grüezi und en Guete», «bonjour et bon appétit», «guten Tag und guten Appetit», «buon appetito», «have a good meal» und zuletzt «noosh-e-jan». Julia ist elektrisiert beim klaren tiefen Klang dieser Stimme.
Der Direktor erläutert weiter: «Geniessen Sie die Gastronomiekunst unserer Studenten und Studentinnen: Sie verbinden globalen Stil und internationale Tradition mit lokaler Herkunft der Speisen. Glokal heisst unser Zauberwort. Als Hors d'oeuvre servieren wir Ihnen luftgetrocknetes Fleisch des Walliser Schwarznasenschafes. Anschliessend geniessen Sie als weitere heimische Spezialität eine Safransuppe. Bekanntlich wird seit dem 14. Jahrhundert hier im Dörflein Mund, oberhalb Brig, Safran geerntet. Diese Rarität ist im Handel nicht erhältlich. Nur ausgewählte Betriebe, wie glücklicherweise auch der unsrige, kommen in den Genuss dieses Gewürzes. Es wurde mir persönlich überreicht von dieser hier anwesenden jungen Dame.»
Elisabeth stupst Julia flüsternd an. «Hey, er zeigt auf dich!» Benommen rafft sich Julia zu einem freundlichen Lächeln auf und der Direktor beendet jovial seine Begrüssung: «Nun wünsche ich Ihnen en Güete!»
Die Studenten entschwinden wieder im Anrichteraum und bald schwärmen sie mit Serviertabletts aus zu den runden Tischen für je acht Personen. Warum sitze ich hier in der falschen Ecke des Saales? ER serviert in der anderen Saalhälfte. Während die Tischnachbarn das hauchdünn geschnittene Trockenfleisch und das köstliche Bouquet des Weissweines loben, denkt Julia an Schmetterlinge, die sich mithilfe ihrer Duft- oder Botenstoffe gegenseitig kilometerweit anlocken können.
Beim zweiten Gang bleibt ihr eigener Tisch unbedient. Julias Blick schweift durch den Saal. Kommt ER nicht mehr? Als kleines Mädchen zählte Julia jeweils, wie lange eine gelungene Seifenblase schwebt, bis sie platzt. So zählt sie auch jetzt langsam: Eins, zwei, drei,… Nach zwanzig bangen Sekunden nähert sich der ersehnte Unbekannte ihrem Tisch. Ob es da einen Servicewechsel gab?
Er stellt die Suppenschüssel auf den Serviertisch und erklärt der Tischgemeinschaft mit östlichem Akzent: «Safran-Suppe. Safran aus dieser Region, von dem famosen Safran-Dorf Mund. Ich bin stolz. Auch in meinem Land ist Safran ein wichtiges Gewürz. Ich bin Iraner.» Julia bewundert, wie elegant er die Suppe schöpft und die Teller den Tischnachbarn hinstellt. Soll ich ihm sagen, dass dieser Safran schon durch meine Hände gegangen ist, wenn er bei mir vorbei kommt? Jetzt wäre er in ihrer Nähe, doch sie bleibt gelähmt, stumm. Stattdessen erklärt Elisabeth ihm auf Englisch: «She brought this saffron». Lächelnd antwortet er: «So you get it back in a new form.» Julia ist zu aufgeregt, kein Wort bringt sie über ihre Lippen. Mit einer leichten Verbeugung wünscht er der Tafelrunde noosh-e-jan und erklärt es bedeute: Möge sich Deine Seele an dem laben, was Du isst! »
Nach Hauptmenü, Dessert und Abschlusskaffee präsentiert der Direktor auch noch die junge Kochgruppe. «Wir freuen uns, wenn Sie über die Leistungen unserer Studentinnen und Studenten einen guten Eindruck gewonnen haben. In den nächsten Tagen reisen sie als Botschafter der Schweizer Gastronomie in ihre Heimat zurück. Hoffentlich bleiben sie mit uns und unserer Region in Kontakt; wahrscheinlich werden sie auch untereinander kameradschaftlich vernetzt bleiben. Wer weiss, ob jemand dieser Hoffnungsträger ebenfalls Berühmtheit erlangen wird, so wie unser Walliser César Ritz, dessen Karriere hier in Brig begonnen hat.» Die Studentinnen und Studenten verbeugen sich wieder in einer strammen Reihe und einzelne Stimmen ertönen: «Auf Wiedersehen, arrivederci, au revoir, khoda hafez, hasta la vista, good bye.»
Am Abend liegt Julia zu Hause auf ihrem Bett und versucht mit verschlossenen Augen den Iraner herbei zu träumen. Wie ein Ohrwurm hallt ihr die Melodie des Satzes nach: «Ich bin stolz. Auch in meinem Land ist Safran ein wichtiges Gewürz. Ich bin Iraner. Noosh-e-jan».
Das will ich genauer wissen! Julia klappt ihren Laptop auf und liest im Internet: 200 Tonnen Safran produziert der Iran jährlich, gut 90% der Weltproduktion. Sie betrachtet Fotos junger Iraner und erfährt aus Videos wie die iranische Jugend trotz strengem Sittenregime festet, feiert, lebt und rebelliert. Eigentlich sucht sie bis tief in die Nacht ihren Iraner, dessen Aussehen, Stimme oder Ausstrahlung sie immer wieder zu erkennen meint und mit müden Lidern in ihre Traumwelt aufnimmt.
Ermattet vom Schlafmangel und gleichzeitig hell aufgedreht arbeitet sie am Morgen im Dorfladen, wo sie zur Zeit als Verkäuferin aushilft:
Ciao, geht es?
Ja, danke, und selber?
Ja gut.
Piep piep piep tönt es. 12 Franken 40.
Jawohl.
Danke.
Ciao.
Mittags, kurz vor Ladenschluss trudelt ein Tourist herein.
«Grüezi.» Mit Wanderschuhen und Rucksack schlendert der rüstige Rentner den Warenständen entlang, legt etwas Obst, Schokolade, Safrankäse und ein Safranbrot für sein Picknick in den Warenkorb. Zudem nimmt er noch eine Geschenkpackung Safran-Nudeln, verziert mit violetten Blüten. Nach vergeblichem Suchen tritt er zu Julia an die Kasse und bittet um reinen Munder-Safran.
«Reinen, einheimischen Safran können wir leider nicht verkaufen.» Gleichzeitig erblickt Julia durch das Schaufenster ihren Iraner. Scheinbar ratlos steigt er das Strässchen hoch. Ist er es wirklich? Weiss er, wo ich bin? Sucht er mich? Wartet er? Sie zögert: Soll ich zu ihm hinausgehen, ihn begrüssen?
«Ja, werte Frau, das können Sie doch nicht bieten. Sind wir im Safran-Dorf oder nicht? Bin extra hierher gefahren!»
«Ich weiss nicht», antwortet sie halblaut mit Blick zum Schaufenster.
Er nähert sich.
«Ja, was meinen Sie mit‚ ich weiss nicht?», ertönt der Rentner entrüstet.
«Was meinen Sie, werter Herr?»
«Haben Sie oder haben Sie nicht?»
«Ja, da ist er».
Der Iraner blickt durch das Schaufenster. Ihre Blicke kreuzen sich, ruhen kurz ineinander, dann schreckt die genervte Stimme des Rentners sie auf:
«Na dann, bekomme ich endlich meinen Safran?»
«Nein, Entschuldigung, ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir Safran nicht direkt verkaufen können.»
Mürrisch zahlend und böse murmelnd verlässt er den Laden.
Wieder treffen sich ihre Blicke. Beidseitig abwartendes Lächeln.
Unbemerkt betritt Roland den Laden, der wie immer am Freitag Julia zum Mittagessen im Restaurant seiner Eltern abholt. Er nähert sich der Hinausspähenden, legt von hinten seine Hand auf ihre Schulter. Erschrocken wendet sie sich zurück, und schon presst er ihr routinemässig seinen Begrüssungskuss auf die Wange. Julia erstarrt.
«Worauf warten wir?»
Stumm zieht sie den Kontaktschlüssel der Kasse. Zwölf Glockenschläge dröhnen vom gegenüberliegenden Kirchturm. Während sie hinaustreten verweist Roland auf den beim Dorfplatz um die Ecke verschwindenden Mann: «Es hat einen exotischen Fremden im Dorf. Was will der wohl bei uns?»
«Woher soll ich das wissen?» Sie blickt zurück zur leeren Ecke. und folgt mit bleischweren Füssen Roland den Hang hoch, zum Eingang des Restaurant Safran, ein Stockwerk über dem Dorfladen. Wie immer am Freitag setzen sie sich in der halboffenen Nische gegenüber dem Ausschank an den Familientisch. Dort sitzt schon Rolands Vater und blättert in der Lokalzeitung. Roland schielt auf einige Schlagzeilen, während Julia irrend durch den Raum blickt:. Lustige Vereins- und Jahrgänger-Fotos hängen in aus Holz geschnitzten Fotorahmen an der Wand. Sie kennt all ihre Geschichten. In Wandvitrinen prangen geschnitzte Ehrenteller, Zinnkrüge mit Inschriften, kristallgeschmückte Trophäen sportlicher oder musikalischer Siege, sowie Urkunden über prämierte landwirtschaftliche Produkte mit Rangangabe.
In das Geplauder des laufenden Lokalradios schlägt die Kirchturmglocke warnend Viertel nach Zwölf. In fünf Minuten verlässt der Postbus unten beim grossen Parkplatz vor dem Dorf planmässig Mund, — dann ist er wieder weg! Soll ich hinab rennen, ihn umarmen?
Bevor sie sich entscheidet, trägt Rolands Mutter mit Topflappen eine grosse, heisse Platte aus der Küche. «Hier haben wir noch einen schönen Rest-Braten mit Kartoffelstock von der gestrigen Wandergruppe.» Mit zückendem Kinn weist sie auf den belegten Tisch und sofort faltet der Vater die Zeitung zusammen. Roland zieht das Gewürzgestell mit Salz,Pfeffer, Aromat und Maggi auf der Tischmitte zu sich. Früher scherzte seine Mutter, er werde mal ein guter Koch, da er schon als Knabe alles mit Aromat und Maggi-Fläschchen nachwürzte. Auch die Serviertochter kommt hinzu. Stumm verzehren sie die Mahlzeit.
Beim abschliessenden Kaffee gibt die Mutter Roland eine Liste mit Bestellungen, die er nach seiner Arbeit in der Autowerkstatt unten in Brig bei Lieferanten abholen soll. An Julia gewendet stöhnt sie: «Sag doch du ihm, er solle nicht mit ölverschmierten Fingernägeln rumlaufen!»
«Mich stört es nicht», zuckt sie mit den Schultern.
Ich muss seinen Namen kennen, entscheidet sich Julia. Nach einigen Tagen traut sie sich einer ihr bekannten Sekretärin des César Ritz College an. Diese verrät ihr Wohn- und E-mail-Adresse und bestätigt, Râmin sei zwei Tage nach dem Abschlussdiner im César Ritz College verreist. Julia will wissen, wer dieser Râmin ist und mailt:
Lieber Râmin,
wahrscheinlich bist du überrascht, dass ich dich beim Namen nenne und dir schreibe. Ich heisse Julia und ich war beim Abschiedsessen an eurer Schule. Vielleicht erinnerst du dich, dass wir dabei über Safran gesprochen haben. Kurz vorher bin ich zu dir in den Aufzug eingestiegen.
Bist du in Teheran gut angekommen, hast du dich in deiner Heimat wieder eingelebt? Ich selber habe vor einigen Wochen eine Ausbildung in Marketing beendet. Zurzeit arbeite ich in unserem Dorfladen, wo wir auch Safranprodukte verkaufen. Die Vertrautheit mit den Menschen in einem kleinen Dorf ist schön, vielleicht auch zu bequem. Ich bin noch am Abklären, wie es mit mir beruflich weiter gehen soll. Irgendwie möchte ich noch mehr Erfahrungen in der grossen fremden Welt mit neuen Menschen sammeln.
Du hast einen grossen Schritt in die Fremde schon gemacht. Hat das deine Lebensart neu geprägt? Es würde mich freuen zu wissen, wie es dir geht. Ich grüsse dich mit der schönen Erinnerung, dich noch vor einer Woche hier gesehen zu haben. Herzlich Julia
Liebe Julia,
Danke für deine schöne Mail. Ich erinnere mich sehr an Dich. Ich wollte vor abreisen bei Dir vorbei schauen, weil Ich habe Dich gefunden schön. Aber ich konnte nicht. Weil ich hatte keine Zeit. Ich bin mit Bus gefahren nach Brig zurück. Für Abflug nächste Tag, so musste ich noch alles packen. Jetzt September ist es hier in Teheran noch so warm, wie bei euch in Sommer. Ich treffe Freunde. Die ich
habe lange nicht gesehen und gewöhne mich wieder an unser Leben hier. Iran ist ein schönes Land, aber eher für Besuche für Tourist als für die Arbeit.
Ich grüsse dich und lasse auch Deine Eltern grüssen
Râmin
Zuneigende Worte, Fotos, kurze Filme wechselten bald täglich per E-mail hin und her. Julia beschrieb Râmin den aktuellen Hochbetrieb der Safranernte: So wie viele Munder Familien unterhalten auch meine Eltern einen Acker. Mein Vater pflückt ab Mitte Oktober während vier Wochen täglich die spriessenden Blüten. Am Abend helfe ich meinen Eltern am Familientisch die roten Fäden aus den Blüten zu zupfen. Manchmal helfen Verwandte oder Freunde und dabei entstehen gemütliche Abendrunden. Die Ernte bleibt in der Familie und im Freundeskreis. Einen Rest liefern wir an die Safranzunft und diese verkauft nur noch an wenige regionale Spezialisten, wie eben die Tourismus-Fachschule.
«…ich sende dir dieses mal anstatt eines Mails einen Brief mit speziellem Inhalt. Meine Fingerspitzen sind noch rötlich, denn ich habe für dich drei zarte Safranfäden zu einem Zöpfchen geflochten, verbunden mit innigen Wünschen. Wirst Du dieses Zöpfchen bei dir zuhause aufhängen, oder wirst du es in ein Buch pressen? Oder wirst du mit dem Zöpfchen eine gute Mahlzeit würzen und an mich denken? Oder werden wir diesen Safran einmal gemeinsam geniessen?
Liebe Grüsse Julia
Wie jedes Jahr ist auch an diesem zweiten Novembersonntag, unmittelbar nach der Safranernte, der Saal des Restaurant Safran überfüllt.
Hauptthema ist einmal mehr der rückläufige Ernteertrag von nur drei Kilo. Fast wirkt es peinlich, wenn wieder Journalisten auftauchen, um den Munder Safran als schweizerische Einzigartigkeit in Presse, Radio und Fernsehen zu bewundern. Stattdessen müssen sie wohl wieder über die Ratlosigkeit der Bauern berichten, die wehmütig auf bessere Zeiten zurückblicken, als noch fast jede Familie mit Stolz einen Safranacker pflegte. Der tourismusfördernde Ruf als Safrandorf steht auf dem Spiel.
Grosse Hoffnungen setzen sie auf den wissenschaftlichen Vortrag eines Agronomen über Fragen, ob der Boden bei der bisherigen Mischkultur von Roggen und Safran ausgelaugt sei, ob die Klimaerwärmung mitwirke. Die dringendste Frage ist jedoch, welche Safranknollen sich am besten eignen. Der Wissenschaftler erklärt, im Rahmen aufwändiger Experimente habe man Safran aus verschiedenen Regionen geprüft: Aus Frankreich, Spanien, Italien, Marokko, aus Pakistan und Kaschmir.
Jetzt ist Julia hellwach. Sie schnellt vom Stuhl hoch. Aus der hintersten Reihe ruft sie vorwurfsvoll in den Saal, als hätte man sie persönlich beleidigt: «Und Knollen aus Iran, habt ihr die nicht geprüft? Dort wird immerhin 90 Prozent des weltweiten Safrans produziert!»
Verdattert gesteht der Forscher ein, der Iran sei das bedeutendste Safranland. Doch wegen des internationalen US-Handelsembargos1 seien Kontakte mit iranischen Produzenten unmöglich. Für die gegenwärtige Untersuchung sei das Forschungsgeld aufgebraucht, man müsse sich nun halt mit den vorliegenden Resultaten begnügen.
Da verkündet Julia laut, mit trotzigem Unterton: «Ich hätte gute Kontakte zu Iran!». Das schlägt ein wie eine Bombe. Die Munder wären nicht Munder, liessen sie sich in Sachen Safran mit unvollständigen Resultaten abspeisen. Mit Mühe bändigt der Zunftmeister das wilde Durcheinanderrufen. Erst sein Versprechen, in drei Wochen eine ausserordentliche Versammlung einzuberufen mit der Frage: «Wollen wir iranische Knollen?» besänftigt die Gemüter.
Venetz, der frisch pensionierte Oberwalliser Lokalreporter des Schweizer Radios, erklärt sich bereit, die ausserordentliche Versammlung zu organisieren und zu leiten. Er habe jetzt genügend Zeit und er würde gerne zusammen mit Julia vorbereitend iranische Möglichkeiten und Kontakte erörtern.
Nach 40-jähriger Tätigkeit als Lokalreporter sehnt er sich nach dem Duft der weiten Welt. Eine Kreuzschifffahrt würde den Rastlosen jedoch langweilen. Im Touristenstrom kommerzialisierte Sehenswürdigkeiten zu bewundern widerstrebt ihm. Mit Julias Versprechen, sie hätte gute Kontakte zu Iran, wittert er eine Chance, anhand einer konkreten Aufgabe Bewohnern eines fremden Landes zu begegnen.
Während des anschliessenden traditionellen Zunftmahls mit Safran-Risotto bestürmen alle Julia, welcher Art denn ihre iranischen Kontakte seien. Sie hält sich bedeckt. Anstatt zu antworten prostet sie mit ihrem zinnernen Zunftbecher den Fragenden zu und stellt den Aufdringlichsten ihre Gegenfrage: «Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?» «Ja». Dann bestätigt sie bedeutungsvoll: «Ich auch». Manche versuchen Näheres von Roland zu erfahren. Dieser muss aber gestehen, dass er Julias iranische Kontakte nicht kennt.
Venetz begrüsst im übervollen Saal des Restaurant Safran die erwartungsvollen Zünfter zur ausserordentlichen Versammlung: «Unsere rund 600 Jahre alte Safran-Tradition war schon vor vierzig Jahren in Gefahr. 1979 haben aber einige Bauern, Engagierte und Gönner die Safranzunft gegründet. Ihr wart euch einig: Safran ist eine Perle der Region, die gepflegt, gehegt und poliert werden muss, denn Safran ist unser touristisches Aushängeschild. Unser Kulturverein Pro Safrandorf hat mit Hilfe des Tourismusvereins das Safranmuseum gegründet. Als solidarische Genossenschaft haben wir mit dem Restaurant Safran und dem Dorfladen unser soziales Dorfleben gesichert. Heute sind wir eine bekannte Tourismusattraktion. Unsere Hochsaison ist die Erntezeit, im Oktober. Safran retten, heisst Tourismus fördern. Tourismus fördern, heisst als Bergdorf überleben! Heute stehen wir wieder vor einem Wendepunkt.» Bestätigendes Murmeln erfüllt den Saal.
«In der letzten Versammlung vor zwei Wochen hat unsere Julia angeregt, dass Iran als Hauptproduzent möglicherweise für uns günstige Sorten anbieten könnte. Dank intensiver Vorbereitungen mit Julia und meiner persönlichen Recherchen der letzten Tage sehe ich begründete Hoffnungen für einen erfolgreicheren Safrananbau. Allenfalls wäre ich sogar bereit, für Erkundungen selber in den Iran zu reisen. Liebe Julia, bitte informiere uns nun über Iran!»
Julia lässt einen Beamer mit einer Karte der global verteilten Anbauflächen aufleuchten. Sie zeigt riesige, blühende Safranfelder und lobt die hohe iranische Qualität als Resultat jahrtausendalter Tradition und moderner Technik.
Bei der anschliessenden Fragerunde bestätigt Julia ihre in der letzten Versammlung erwähnten iranischen Kontakte und bekräftigt, sie würde gerne ihre Verbindungen für eine Besuchsdelegation anbieten. Begeistert applaudieren die Versammelten für diese Bereitschaft und die effektvolle Präsentation des iranischen Safrans.
Nach der Pause mit traditionsgemässem Ständchen des Jodlerklubs werden sie sich rasch einig: Eine Delegation muss in den Iran! Obwohl Kosten, Nutzen und Zeitpunkt noch unklar sind, entsteht ein Gerangel, wer der Delegation angehören sollte. Mitglieder des Jodlerklub Safran, empfehlen sich als ideale Besetzung, weil sie dann auch gerne im Gastland zum Dank auftreten würden. Die Sänger des Kirchenchors weist man zurück, weil es kontraproduktiv wirken könnte, den Muslimen christliche Lieder vorzusingen. Die Dorfmusikanten sehen selber ein, dass der Transport der Blechinstrumente zu umständlich wäre. Der Tambouren- und Pfeiferverein bietet kompromissbereit an, die Pfeifer nur mit einer einzigen Trommel zu begleiten. Auf bunte Vereinsfahnen würde man verzichten. Da jeder Munder mindestens in zweien der zahlreichen Dorfvereine aktiv teilnimmt, finden sich leicht zwölf vereinsaktive Reisewillige, die zugleich aus Tradition irgendwo einen kleinen Acker pflegen. Als Gastgeschenk erwägen sie, ein typisches Walliser Schwarznasenschaf oder eine Schwarzhalsziege mitzunehmen. Doch wegen veterinäramtlichen Bedenken beschränkt man sich auf Käse, luftgetrocknetes Schaffleisch und dazu passendes Roggenbrot, alles dorfeigene Produkte. Hauseigenen Schnaps und Wein will man den Gläubigen nicht aufdrängen und Safran in das Safranland zu bringen macht keinen Sinn.
Als gewiefter Organisator mit seinen vielen Kontakten zu Kultur, Wirtschaft und Politik verspricht Venetz, beim Landwirtschaftsverband, dem Tourismusverband, der kantonalen Wirtschaftsförderung und anderen Institutionen um Unterstützungsgelder anzufragen. Auch die edlen Herren der Safranzünfte Bern, Basel und Zürich, die bei ihren Jahresausflügen immer wieder in Mund auftauchen und sich währschafte Safran-Mahlzeiten einverleiben, sollen jetzt mit Spenden beweisen, wie viel ihnen unser Gewürz wert ist!
Dem alten Pfarrer Jeitziner gebührt das Schlusswort: Er gratuliert zu diesem Rettungsversuch aus der Region des Alten Testamentes. «Ich bin überzeugt, dass Noah bei der grossen Sintflut neben all seinen Tieren auch den Safran in seine Arche aufgenommen hat, damit wir ihn demnächst aus dieser Region empfangen können. Beten wir für ein gutes Gelingen gemeinsam ein Vaterunser! Gott möge uns nicht nur unser tägliches Brot, sondern auch den besten Safran geben!»
Noch am selben Abend schreibt Julia eine Mail:
Lieber Râmin,
du lebst in Iran, im Safranparadies, während hier in Mund die Safranproduktion harzig läuft. Kannst du dir vorstellen, dass ich mit einigen Leuten aus unserem Dorf euch besuchen würde? Wir könnten eure Produktionsstätten besichtigen und dabei hoffentlich etwas von euch lernen. Übrigens habe ich kürzlich in einem Bericht über aussterbende Sprachen folgendes erfahren: In Feuerland lebt eine Frau, die als letzte ihre Sprache Yamana spricht. Es gibt darin ein Wort, für das wir einen Satz brauchen, bei dem es uns den Atem verschlägt: MAMIHLAPINATAPAI. Dies bedeutet der Blick zwischen zwei Menschen, die wollen, dass der andere etwas in Gang setzt, was beide begehren, aber ohne den ersten Schritt zu wagen.
Ich sende dir mamihlapinatapaische Grüsse Julia
Liebe Julia,
das feuerländische Mamihlapinatapai, ist ein tolles Wort. Einige kleine Schritte haben wir schon gemacht. Zwischen uns liegen aber viertausend Kilometer. Mit meiner Seele fühle ich mich nahe bei Dir. Du weisst, wir Iraner pflegen die Gastfreundschaft. Teheran ist aber weit weg vom Safranparadies. Es ist im Osten unseres Landes. Gerne vermittle ich dir oder eurer Gruppe Kontakte zu diesen Plantagen. Ich habe einige Leute angesprochen. Wir schätzen Kontakte mit westlichen Ländern. Schreibe mir genau, wann ihr kommen wollt.
Ich weiss nicht, wie ich meine Freude beschreibe. Ich vorstelle mir, dass du in mein Land kommst. Ich weiss auch nicht, wie ich dir begegnen kann? Kommst du als Reiseleiterin, Safranspezialistin oder als Julia? Ich will dich am liebsten als Julia sehen.
Ich grüsse dich und lass auch deine Eltern grüssen.
Râmin
Mit wohlwollendem Interesse hat Dr. Gallant-Beauvais vom Munder Projekt gehört. Er kennt die Munder seit Jahren. Immer wieder zeigt er seinen städtischen Freunden und Geschäftspartnern die urchige Safranwelt und lädt sie ein, sich in Mund verwöhnen zu lassen. Beruflich waltet Dr. Gallant-Beauvais als Abteilungsdirektor eines Lebensmittelkonzerns, welcher auch in Teheran mit einer Zweigniederlassung vertreten ist. Zudem ist er Mitglied der Geschäftskammer Schweiz-Iran, welche Wirtschaftsvertretern und Behörden persönliche Kontakte zum Iran ermöglicht. Er bietet Venetz grosszügige finanzielle Hilfe an und wünscht sogar, diese Reise persönlich zu begleiten. Auch ein Zürcher Finanzexperte und ein Delegierter der Maschinenindustrie sowie ein ranghoher Militärangehöriger zeigen Interesse an dieser folkloristisch anmutenden Safran-Expedition.
Pfammatter, ein Chefbeamter aus dem Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco, in Bern liest im Walliser Boten den Titel Junge Munderin führt ihr Dorf in den Iran. Im Artikel lobt Venetz Julias engagierte Überzeugung, dass im Iran zukunftsträchtige Hoffnungen liegen. Als hoher Verantwortlicher für Wirtschaftsförderung und Entwicklungshilfe sieht Pfammatter in der kühnen Aufbruchstimmung eine Chance, durch persönliche Kontakte politisch bedingte Verzögerungen eines Wasserprojektes wieder in Gang zu bringen.
Gerne wäre auch noch Herr Zeiter, Präsident des Walliser Tourismusverbandes, mitgereist, um den 80 Millionen Iranern unterbelegte Skianlagen, schwach belegte Hotels und leerstehende Ferienwohnungen beliebt zu machen. Venetz als Organisator musste aber eine Grenze setzen. Zeiter war zu spät.
Die Finanzierung der Reise ist zufolge der mitreisenden Begleiter ausreichend gesichert. Wohlweislich verzichtet Venetz darauf, die Motive dieser Herren, das delikate Zusammenspiel verschiedener Wirtschaftsinteressen rund um das US-Embargo zu erforschen. Stattdessen kümmert er sich um eine perfekte Organisation der Reise.
Julia erschrickt. Eigentlich will sie nur Râmin im Iran besuchen. Jetzt hat sie eine ganze Horde auf dem Buckel. Wie kann sie dabei Râmin ungestört treffen?
Lieber Râmin,
in meinem Zimmer hängt über dem Bett ein Mobile mit zarten Fischchen, welche im Luftzug, wenn ich meine Zimmertüre öffne, lieblich tanzen. Dabei bewegt sich zuerst die unterste Figur und ich beobachte, wie die Schwingungen bald die oberen Figuren erfassen. Seit ich dich getroffen habe, flattert und verknotet sich meine Welt. Mein Wunsch, dich zu sehen, wird sprichwörtlich zu einer Staatsaffäre. Nicht nur Safranbauern, auch hohe Herren der Wirtschaft und Politik reisen mit. Hilfe, was soll ich tun? …
Liebe Julia,
ich habe Behnâz, einer guten Bekannten, von eurem Projekt berichtet. Sie kennt die Region in den Schweizer Alpen wegen eines Tourismusprojekts. Während ihres Studiums Marketing und Ökonomie an der Universität in Teheran hat sie von einem ägyptischen Pionier gehört und ist von diesem begeistert. So hat sie gerne Kontakt zur Schweiz. Euer Besuch bei uns ist eine Ehre und sie will sehr gerne die Planung machen und organisieren. Ich lege es in ihre Hände.
Auch Julia überlässt die Reiseplanung dem eifrigen Venetz, der innert weniger Wochen mit Râmins Kontaktperson Behnâz alles Weitere ausheckt.
Venetz ist stolz, als Reiseleiter der Gesellschaft im Jet Turboprop DHC6 Twin Otter, in welchem früher Bundesräte und höchste Beamte flogen, vorne Platz nehmen zu dürfen. Lächelnd winkt er aus dem Fenster dem fotografierenden Journalisten des Walliser Bote zu, der ein Dutzend Munder und fünf Vertreter aus Wirtschaft und Politik trotz Eiseskälte der letzten Januartage bis zum Flughafen Bern-Belp begleitet. Noch so gerne wäre auch er mit geflogen, anstatt in der Redaktion nur einen Stimmungsbericht darüber zu verfassen.
Als gewiefter ehemaliger Radiojournalist verkürzt Venetz die lange Flugzeit mit Berichten über Land und Leute des Iran: Die iranische Sprache gehöre im Gegensatz zum Arabischen zur indoeuropäischen Sprachfamilie. Er lässt die Reisenden sprachliche Gemeinsamkeiten erraten: Madar spricht er ins Mikrophon- und bald rufen einige von ihren Sitzreihen aus nach vorne: Mutter! Weiter fragt er Dokhtar? und er belehrt sie, dass dies nicht der Doktor, sondern die Tochter sei. Er hat eine Liste vorbereitet: Pedar - Vater, Barader - Bruder, moush - Maus, robudan - rauben, setare - Stern, tondar - Donner.
Zudem erinnert er an deutsche Wörter persischen Ursprungs: Basar, Scheck, Paradies, Kaviar, Schach, Schal, Magier und Karawane. Dieser letzte Begriff Karawane dient ihm als Stichwort für die Seidenstrasse von China bis nach Europa. Teheran und die zweitgrösste iranische Stadt Mashad seien wichtige Stationen beim Handel von Seide, Gewürzen, Juwelen und Purpur gewesen.
Zur iranischen Kultur gehöre auch der Religionsstifter Zoroaster oder Zarathustra, dessen Namen viele Menschen dank Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra kennen. Der Zoroastrismus sei ca. tausend Jahre vor Christus entstanden und gelte als die älteste monotheistische Religion. Obwohl im islamisierten Iran heute offiziell nur noch schätzungsweise 20!000 Zoroastrier leben, erachten viele Iraner den Zoroastrismus als ihre ursprüngliche Religion. Manche bezeugen dies mit dem Symbol Faravahar als Halsschmuck. Es stellt eine vogelähnliche Figur eines bärtigen Mannes dar.
Unter Venetz’ unterhaltsamer Begleitung gehen die neun Stunden im Fluge vorbei. Die Munder staunen bei der Ankündigung der Landung über einen grossen Gebirgszug mit schneebedeckten Gipfeln. «Sind wir schon wieder zurück in den Alpen?», witzelt einer. Venetz schwenkt eine grüne zehntausend Rial Banknote: «Auf diesem Geldschein seht ihr den höchsten Berg Irans, den Damavand im Elbursgebirge. Welcher Gipfel ist höher, der Mont Blanc oder dieser Damavand?» Jemand ruft: «Unser Matterhorn.» Gelächter. «Nein, leider muss ich euch enttäuschen. Unserem Matterhorn fehlen gegenüber dem Damavand mehr als tausend Höhenmeter! Persische Dichter beschreiben ihn als zentralen Berg der zoroastrischen Welt. Ein böser, dreiköpfiger Drache müsse in diesem grössten Vulkan Asiens bis zum Weltende angekettet bleiben.»
«Zeigen wir diesem Drachen, dass wir keine Angst haben!», schlägt ein Munder vor. «Singen wir ihm doch unser Safranlied!» und schon heben sie zweistimmig an, besonders kräftig beim Refrain: Safran, Safran, Safran, Gewürz mit Kraft. Safran, Munder Safran, der gesund ist und Wonne schafft. …2
Anders als beim kleinen Flughafen der Schweizer Bundeshauptstadt, erwartet sie in Teheran eine riesige Flughafenhalle mit hohen Säulen und glänzenden Leuchtern. Bei der Gepäckentgegennahme erschrickt Julia. Zwei Uniformierte stellen sich ihr drohend entgegen. Grimmig deuten sie auf ihr unbedecktes Haupt: «Hidschab, Hidschab», wiederholen sie aufgeregt und sofort merkt Julia, mit Khomeinis Sittenpolizei lässt sich nicht spassen. Sie hat vergessen, schon bei der Landung ihr Kopftuch aufzusetzen, welches sie zwar vorsorglich in ihrer Handtasche verstaut hatte. Eingeschüchtert deckt sie eiligst ihr Haar und gleichzeitig empört sie sich über diesen drängenden Befehl, wie sie sich kleiden solle. Ich bin doch kein Kind!, möchte sie schreien. Sie hatte sich den Empfang anders vorgestellt. Es sind halt Vorschriften, beruhigt sie sich, ich mach es ihm zuliebe.
So aufmerksam und begeistert haben die in Mund Zurückgebliebenen schon lange nicht mehr die Nachrichten des Schweizer Fernsehens verfolgt: Die Moderatorin verkündet: «Wirtschaftsvertreter und Safranbauern des Bergdorfes Mund bei Brig im Wallis wurden heute am Flughafen von Teheran empfangen. Die Bergbauern, die Safran anpflanzen, möchten im Iran, der Wiege des Safrans, mehr über dieses einmalige Gewürz erfahren.» Das Bild zeigt, wie die Munder und die Begleitpersonen von Iranern in der Flughafenhalle begrüsst werden und darauf in Autos steigen.
Triumphierend schwelgen die Munder zuhause vor dem Weltfenster Fernsehen. Aufgeregt rufen sie Namen, wenn sie Bekannte, Freunde und Verwandte erkennen. Es schwingt aber auch Enttäuschung mit, da die Bilder und wenigen Sätze wie kurz aufleuchtende Sternschnuppen verrauschen.
Die Ansagerin informiert weiter: «Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft geniesst die Schweiz im Iran einen guten Ruf. Nicht zuletzt auch dank ihrer Schutzmachtfunktion für die USA, seitdem nach Ausbruch der islamischen Revolution und der Geiselnahme amerikanischer Botschaftsangehöriger die US-Botschaft 1981 aufgelöst wurde. Ein Sprecher des Industrieverbandes Swissmem erklärt, es gäbe im Iran grossen Nachholbedarf, namentlich beim Schienenverkehr, spezialisiertem Werkzeug und Maschinenbau. Zudem seien die 80 Millionen Menschen ein interessanter Markt für die Nahrungs- und Pharmaindustrie.
In der Empfangshalle erblickt Julia Râmin. Strahlend winkt sie ihm von fern, doch er antwortet nur mit einem kühlen Handzeichen. Wie ertappt nimmt sie sich gleich wieder zurück. Zur Begrüssung bietet er ihr einen enttäuschend nüchternen Handschlag an. Natürlich darf Râmin mich nicht vor aller Augen umarmen, versucht sich Julia zu trösten, doch ihr Gesicht erbleicht.
Venetz nebenan legt väterlich seinen Arm über ihre hängenden Schultern. Bestätigend, dass sie jetzt Hilfe braucht, neigt sie sich fast unmerklich mit stockenden Atemzügen Venetz zu. Schon seit Beginn der gemeinsamen Reisevorbereitungen beobachtet er, ja weidet er sich, an ihrem glühenden Eifer, ihrer sanft klingenden Stimme, wenn der Name Râmin fällt. Er hütete sich jedoch, ihre heimliche Liebe anzusprechen.
Warum bin ich so weit gereist? Ich will wieder heim!, schreit es in ihr, während sie die allgemeinen Begrüssungsrituale über sich ergehen lässt.
«I am Behnâz», stellt sich eine junge Frau vor. Sie überragt Julia um einen halben Kopf. Julia fühlt sich als unscheinbares Landmädchen neben dieser Frau mit schwarzen Mandelaugen, hohen Backenknochen, weiblichen Rundungen und sinnlichen Lippen. Elegant lächelnd stellt sie fest:
«As I heard from Râmin, you initiated originally this binational meeting. Râmin showed me fotos from your charming region and I visited the website of your nice village. It is near to the big Egyptian tourisme project in the middle of the Alps.»
Julia entgegnet: «You mean Andermatt. It is not directly so near. It is seventy kilometers away from us.»
