Saftschubse - Annette Lies - E-Book

Saftschubse E-Book

Annette Lies

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8,99 €

Beschreibung

Der Teufel trägt Prada? Der Teufel trinkt Tomatensaft!

Tipp des Lektorats:
Was denken Stewardessen über Passagiere, die Tomatensaft bestellen? Sind alle Stewards schwul? Heiraten Flugbegleiterinnen automatisch Piloten? Das sind Fragen, die bestimmt nicht nur mich bei jedem Flug beschäftigten. Bis ich den unterhaltsamen Roman der Stewardess Annette Lies las, die uns mit ihrer chaotischen Heldin (und »Saftschubse«) Charlotte einen exklusiven und sehr humorvollen Blick ins Cockpit und in die Kabine werfen lässt. Ähnlichkeiten mit lebenden Piloten, Flugbegleiterinnen und realen Handlungen sind rein zufällig. In Wahrheit ist alles viel schlimmer ...
Anne Tente, Lektorat

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Seitenzahl: 325

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Das Buch

Charlotte Loos ist Saftschubse, genauer gesagt: ein Skyline-Engel. Doch statt glamorös exotische Ziele anzufliegen, lassen die Fluggäste sie ganz schön in die Luft gehen. Und auch die schnittigen Piloten finden ihr Glück heutzutage ganz woanders als mit ihr im 7. Himmel. Doch der wahre Alptraum sind die Klischees, die alle mit ihr verbinden. Trotzdem: »Ich bin Stewardess, und das ist auch gut so!«, möchte Charlotte laut durchsagen, wenn es wieder einmal heißt: »Bist du mit 30 nicht schon zu alt dafür?«

Saftschubse: Die wahren Abgründe über den Wolken.

Die Autorin

Annette Lies wurde 1979 geboren und fiel mit drei Monaten vom Wickeltisch. Damit war ihre Flugleidenschaft erweckt. Heute genießt sie den Aufenthalt mit Hamster Jetlag (der immer nachts wach ist) und Nymphensittich Kotflügel (der einzige Pilot, der bei ihr landen konnte) in München. Und wenn sie nicht gerade Tomatensaft ausschenkt, studiert sie Dramaturgie an der Hochschule für Fernsehen und Film.

Annette Lies

Saftschubse

Roman

Wilhelm Heyne VerlagMünchen

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Dieses Buch erhebt keinen Faktizitätsanspruch. Es basiert zwar zum Teil auf wahren Begebenheiten und behandelt typisierte Personen,die es so oder so ähnlich gegeben haben könnte. Diese Urbilder wurden jedoch durch künstlerische Gestaltung des Stoffs und dessen Ein- und Unterordnung in den Gesamtorganismus dieses Kunstwerks gegenüber den im Text beschriebenen Abbildern so stark verselbstständigt, dass das Inidividuelle, Persönlich-Intime zugunsten des Allgmeinen, Zeichenhaften der Figuren objektiviert ist. Für alle Leser erkennbar erschöpft sich der Text nicht in einer reportagehaften Schilderung von realen Personen und Ereignissen, sondern besitzt eine zweite Ebene hinter der realistischen Ebene. Es findet ein Siel der Autorin mit der Verschränkung von Wahrheit und Fiktion statt. Sie lässt bewusst Grenzen verschwimmen. Für alle Leser erkennbar erschöpft sich der Text nicht in einer reportagehaften Schilderung von realen Personen und Ereignissen, sondern ist fiktiv.

Originalausgabe 05/2011

Copyright © 2011 by Annette Lies

Copyright © 2011 dieser Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Eva Philippon

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-05713-8V002

www.heyne.de

Für die Menschen, die mir Auftrieb geben:

meine Mama (»Schätzecken, in der Uniform kannste auch auf Kreuzfahrt!«), meinen Papa (»Du musst Maschinenbau studieren – Ingenieure werden immer gesucht!«), meinen Bruder, der irgendwie immer in der Businessclass landet, und meine Schwester, die in Wahrheit weder Airbus verklagt noch Gebrauch von Frühbuchertarifen macht.

Für alle Menschen auf Mittelplätzen.

Und für die Frau, die mich mit Eiswürfeln bewarf – sie hat mich inspiriert, dieses Buch zu schreiben.

»Im ersten Jahr fliegst du als Stewardess, danach als Psychologin.«

(Purserette, FRA – MAD)

Prolog

»Möchten Sie Milch und Zucker zum Kaffee?«

»Kaffee!«

»Ja, aber möchten Sie Milch und Zucker dazu?«

»Schwarz.«

»Bitte schön, ein schwarzer Kaffee.«

»Mit Milch, bitte.«

»Reicht Ihnen eine oder möchten Sie zwei?«

»Zwei Zucker, danke.«

1.

»Musst du mit der Erkältung nicht am Check-in arbeiten?«

»Rufen Sie bitte meinen Anschlussflug an? Ich möchte noch in den Duty-free-Shop und werde mich verspäten.«

(ATH – MUC)

So habe ich mir mein neues Leben nicht vorgestellt. Ich wollte Glamour, Abenteuer, ab und zu eine Hummerschere und einen Piloten, der mir auf Capri einen Antrag macht. Stattdessen sehe ich in die Augen von Dr. Renner.

»Hatten Sie in letzter Zeit traumatische Erlebnisse?«

Mir ist, als könne die Untersuchung hier ein solches werden. Überhaupt habe ich gar kein gutes Gefühl mehr. Ich wollte eigentlich nur, dass er mal kurz einen kleinen Holzspatel aus kanadischer Nadeltanne nimmt, den Zustand meiner Mandeln abnickt und mir ein unverkäufliches Muster zusteckt, das in etwa so klingt wie Broncho Aero forte, damit ich die Druckluftkabine mit Tragflächen besteigen kann.

Aber anstatt Koffer zu packen für Bagdad, sitze ich jetzt hier in der Praxis. Schon wieder mit diesen nervtötenden Hitzewallungen einer Frau in den Wechseljahren und gleichzeitig zitternd wie ein Hund im Regen. Ich meine allen Ernstes, so etwas wie »Sonografie« gehört zu haben. Dabei bin ich unter dreißig. Kein Alter also, in dem man sich die Tage mit Krankheiten vertreibt. Vor allem nicht, wenn ein paar brennende Ölquellen und ein hübscher Pool auf einen warten.

»In den Irak?!«, fragte meine Schwester entsetzt, als ich ihr meinen neuen Dienstplan unter die Nase hielt. »Kannst du nicht nach Dubai?«

»Nicht immer«, antwortete ich betont lässig, spülte meine eigenen Bedenken mit einer Tasse »Tu dir gut«-Eukalyptus-Anis-Fenchel-Tee hinunter und beschloss, wie immer alles positiv zu sehen.

Ich bin Stewardess, und das ist auch gut so! Da muss man eben auch mal an Orte, an denen es keine All-inclusive-Clubs mit Wasserballtoren in den Schwimmbecken gibt. Wobei meine derzeitige körperliche Konstitution es sogar zuließe, dass ich selbst auf der Talabfahrt in Aspen nichts als meinen Bond-Girl-Bikini trage. (Okay, nach Colorado fliegen wir gar nicht, aber rein theoretisch …)

Nachdenklich blicke ich auf, um Dr. Renners Frage zu beantworten, und löse meinen Blick vom sehr schicken Fischgrätparkett seines Behandlungszimmers. Das letzte Mal, dass ich einem Arzt gegenübersaß, ist Ewigkeiten her und war beileibe kein gesellschaftliches Highlight: Der wohltemperierte Whirlpool des Crewhotels in Tokio bescherte nicht nur mir ein warmes Plätzchen, sondern auch jeder Menge gramnegativer Bakterien, von deren Exotik mein Gynäkologe unverhohlen begeistert war. Ich vermute, wenn man sonst nur Einzeller aus der Therme Erding zu Gesicht bekommt, fällt es wirklich nicht leicht, ein Mittel zu verschreiben, das die seltenen Lebewesen vernichtet.

Ich lasse meine Füße rücksichtsvoll wenige Zentimeter über dem Boden schweben und nehme in Dr. Renners Bauhausstuhl eine sehr verkrampfte Haltung ein. Aus meinem früheren Job weiß ich nämlich, dass nur Schreibtischstuhlrollen resistentes Würfelparkett und Hundepfoten abweisender rustikaler Walnussschiffboden Pfennigabsätze und heruntergefallene Oil of Olaz-Tiegel vollkommen verzeihen. Dummerweise wird mir von dieser Akrobatik nur noch heißer, meine Wangen glühen.

Dabei ist es in der Praxis eigentlich angenehm kühl. Sie befindet sich im Erdgeschoss, in schönen hohen Altbauräumen mit weißen Wänden und Stuck an der Decke. Vor dem Fenster ist alles grün, und eine große Birke weht sanft im Wind. Ein wohltuender Kontrast zu meinem Arbeitsplatz. Alleine die Luftfeuchtigkeit hier ist bestechend.

Ob ich Dr. Renner einfach mal frage, wie es um den Christian Louboutin-Pumps-Härtegrad seines Bodens bestellt ist? Aber vermutlich wäre eine Gegenfrage eher unhöflich, solange ich nicht einmal seine beantwortet habe.

Ich versuche, meine Beine elegant anders übereinanderzuschlagen, und rutsche wenig galant ab, womit zumindest die Frage der Trittschalldämpfung geklärt ist. Mein neu gewählter Arzt zuckt merklich zusammen. Dann kritzelt er eifrig in eine frische weiße Krankenakte, die er immer weiter nach unten aufklappt. Nun ja, ich vermute, Worte wie Fortgeschrittene Hyperthermie sind eben einfach ein bisschen raumfordernder als Patientin schwitzt.

Noch bevor ich erwähnen kann, dass ich auch kaum noch schlafe und ständig Hunger habe (trotz intensiver und konstanter Kalorienzufuhr durch marzipanhaltige Pudding-Desserts, Bio-Barbarie-Enten und ganze Säcke vorwiegend festkochender Speisekartoffeln der Sorte Saskia), verlegt er sich auf den Computer. Von meinem Anmeldeformular übernimmt er, wie ich sehen kann, die unerfreulichen körperlichen Fakten, die ich sonst nur den Verkäuferinnen bei Victoria’s Secret anvertraue.

Langsam ist mir die Stille zwischen uns doch ein wenig unangenehm. Außerdem höre ich mein Herz dadurch umso lauter schlagen. Für gewöhnlich übertönen das die Triebwerke ganz gut, weswegen ich auch erst mal einige Monate mit meinen Problemen herumgelaufen bin, bevor ich sie selbst bemerkte.

Schön, solange Dr. Renner seinen Job macht, tue ich halt auch etwas, das ich gut kann: Ruhe ausstrahlen, Gelassenheit, spürbare Sicherheit und auch ein bisschen Sitzkomfort, jetzt, da meine Schuhe ihre Parkposition erreicht haben. Dinge, auf die ich mich als Stewardess wirklich gut verstehe: fröhlich sein, wenn’s ruppig wird, entspannt aussehen, wenn der Blitz ins Flugzeug einschlägt. (Übrigens ein Ereignis, das den Passagieren weit mehr ausmacht als dem Flieger. Der muss danach lediglich einmal in die Wartung, während nicht wenige Gäste noch im darauffolgenden Schaltjahr beim Psychologen sitzen.)

Dr. Renner sieht noch immer so beschäftigt aus, dass ich ihn nicht stören will. Und Zeit zum Nachdenken kann ich gut gebrauchen, normalerweise befragt man mich nämlich zu Umsteigeverbindungen, Auswahlessen, der Benutzung ferngesteuerter Autos an Bord oder den Öffnungszeiten des Schwarzwalds. Da ist mir die Frage zur Höhe meines Cortisolspiegels direkt willkommen.

»Traumatische Erlebnisse«, das scheint mir spontan etwas hoch gegriffen – obwohl ich einen ausgeprägten Hang zur Melodramatik besitze, besonders zu Filmen in dieser Richtung. Neben meiner Geisha mit aufklappbarem Sonnenschirm aus Osaka und meinen in Delhi erworbenen Antikörpern gegen Amöbenruhr, erfüllt mich meine Blu-ray-Sammlung durchaus mit Besitzerstolz. Ein gutes Entertainment-System ist einfach ungeheuer wichtig, sowohl in einem Großraumflugzeug, als auch in den eigenen vier Wänden. Zum Beispiel, wenn man krank ist.

Meine letzte Nasennebenhöhlenentzündung ist irgendwo zwischen Staffel zwei und fünf von Sex & the City ausgeheilt, ohne dass ich mich in zwölf Tagen Krankschreibung auch nur einmal gelangweilt hätte hinter meinem Bachblüten-Inhalator. Und Fluggäste kann man damit genauso über Stunden ruhigstellen. Im Grunde ähneln sich Flüge und Krankheiten ja auch: Man wartet, bis es vorbei ist. (Obwohl sich eine Langstrecke in meiner Obhut natürlich nicht wirklich mit einer fortschreitenden Influenza vergleichen lässt.)

Entsprechend ist es ein größeres Problem, wenn das ganze System ausfällt, was im Übrigen keine Rückschlüsse auf den sonstigen technischen Zustand der Maschine zulässt, worauf ich auch erst lernen musste zu vertrauen. In solchen Situationen vertreiben sich Geschädigte die verbleibenden Flugstunden gerne mit Segnungen wie dem iSeismometer, mit dem man bei Turbulenzen wunderbar den Grad der Erschütterungen messen kann, um sich dann über mögliche Verletzungen zu beschweren, die man sich jetzt eventuell hätte zuziehen können. Vermutlich gibt es sogar eine App dazu, die bereits im Landeanflug auf Reha-Kliniken und Präzedenzfälle im Großraum Boston, Massachusetts, verweist. Was eben alles nicht passiert, wenn man auf 58D sitzt und gebannt verfolgt, wie der nackte Daniel Craig gefoltert wird oder Harry Potter Quidditsch spielt.

Und auch ich hätte es ohne Filme nie geschafft, ein Skyline-Engel zu werden. Die meisten meiner Leinwandepen allerdings drehen sich nicht um Jagdbomber oder Katastrophenflüge, sondern um Liebesbeziehungen, die über Jahrzehnte hinweg spielen, vor dem Hintergrund politischer Wirrungen und gerne auch der Pest, wo die Leute dann erst mit neunzig feststellen, dass sie im selben Konzentrationslager waren oder in Wahrheit Geschwister sind. Auch den bislang einzigen Weinkrampf meines Lebens hatte ich am Ende einer Geschichte, in der ein Paar vor orangerotem Hintergrund im Bug eines mehrstöckigen Schiffes mit Vollpension steht und die Spannkraft seines Bizeps testet. (Noch Wochen später wagte ich mich nur mit einer Trillerpfeife in den Schaum meines Frei-Öl-Hautpflegebads.)

Aber unter Trauma verstehe selbst ich eher so etwas wie Hungersnöte, Flutkatastrophen, Amokläufe, Waldbrände, über Tage hinweg keinen Internetzugang zu haben oder mit Naturlocken in feuchtwarme Gebiete zu reisen und dann in Hongkong festzustellen, dass das Glätteeisen nicht im Koffer ist. Was will der Arzt also hier wissen?

Dr. Renner scheint zum Ende seiner Aufzeichnungen zu kommen. Ich wette, die einzigen Filme, die er schaut, laufen auf Monitoren im OP. Was natürlich auch nicht einer gewissen Dramatik entbehrt …

Im Raum ist es weiterhin still, nur leises Knacken aus dem Eingangsbereich ist zu hören, unter den Füßen der gummibesohlten Arzthelferinnen. Sie dürfen auf der Arbeit orthopädisch wertvolle Sandalen mit Fußbett und Korkanteil tragen, während bei mir High Heels quasi zur Grundausstattung gehören.

Dr. Renner wendet sich mir zu, nimmt die Hände von der Tastatur und legt sie andächtig ineinander wie ein Tagesschausprecher. »Meine Damen und Herren«, könnte er sagen, »Charlotte Loos ist erkrankt. Die Achtundzwanzigjährige, die einen (Un-)Ruhepuls von einhundertfünfzig hat, arbeitet seit vier Jahren bei Skyline, einer der renommiertesten Linienfluggesellschaften Deutschlands. Loos war auf zahlreichen nationalen und internationalen Flügen tätig und wurde bekannt durch ihr Engagement in der Economy-, Business- und First Class.«

Jetzt, da er bereit für eine Antwort scheint, versuche ich krampfhaft, erwähnenswerte Stressfaktoren auszumachen, wegen derer ich auf dem Stopp in Montreal dem Eishockey-Match der Pittsburgh Penguins in Flip-Flops beigewohnt habe. (Kam mir klimatisch vor wie die Emirate im August. Aber welche Frau geht bitte gleich zum Arzt, nur weil sie die Einzige auf der Welt ist, die grundsätzlich nicht mehr friert? Das ist, als würde man die Weltherrschaft ablehnen.)

Spontan fällt mir da die Schneider-Schnepfe ein, der ich die aufdringliche Betonung meines gebärfreudigen Beckens durch eine mehr als gut sitzende Uniform in Size Zero verdanke. Und der »Baby-Mann«, der mir in Barcelona auf die Schulter getippt und angemerkt hat, ich würde nur dumm rumstehen statt zu arbeiten. Und meine spektakuläre Flucht von der Yacht von Joseph Mizrachi, dem First Class-Passagier … – nun ja, vielleicht war das ja ein kleines Trauma.

Sicherlich war es meiner inneren Balance auch nicht zuträglich, dass ich meine Calvin-Klein-Pumps neben diesem entwürdigenden Fußabtreter-Igel in Moosburg abstellen musste. Und die Leute, die im Flieger ihre Tabletts stapeln, stressen mich natürlich regelmäßig. Die passen dann nämlich nicht mehr untereinander in den Trolley, es sei denn, man nimmt die mit Schokopudding und Salatdressing beschmierten Schälchen wieder auseinander und verteilt sie erneut flach auf die einzelnen Tabletts, tunlichst ohne dass der Gast es sieht und sich bloßgestellt fühlen könnte. Reicht das für ein Trauma?

»Hatten Sie denn besonders viel Stress in letzter Zeit?«, versucht Dr. Renner jetzt, mir endlich eine Antwort zu entlocken.

Also, beim Stichwort Stress, da sieht die Sache schon anders aus! Ich entscheide auf der Stelle, dass es durchaus als Stress durchgeht, wenn mir ein Japaner am helllichten Tag im öffentlichen Personennahverkehr meine private Zeitschrift entwendet hat. Weil er meinte, dieser Service gehöre schon zum Flug. (Noch dazu nicht irgendeine, sondern ein renommiertes Promi-Magazin mit Vierfarbdruck, Pröbchen des neuesten orientalisch-floralen Duftes, extra mattierendem Jetlag-Make-up und exklusiven Fotos des neuesten Brangelina-Babys!) Allein bei der Erinnerung daran bin ich noch wie gelähmt.

Und dann die unerfreuliche Sache mit Malte auf dem Kilimandscharo, als ich lediglich versucht habe, ein Mindestmaß an Zivilisation zu erzeugen, indem ich mit dem Campingkocher einen Latte macchiato zubereiten wollte. Und diese beschissene kleine Plastikkarte, wegen der ich am Times Square mein Hotel nicht wiedergefunden habe …

Jetzt weiß ich überhaupt nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen. Ich entscheide mich Dr. Renner gegenüber für eine kompakte anamnesefreundliche Zusammenfassung des Erlebten, die in die letzte freie Ecke meiner Krankenakte passt:

»Ja, ich hatte Stress!«

Deutlich und voller Inbrunst hallt dieses Bekenntnis durch das angenehm leere Behandlungszimmer. Plötzlich fühle ich mich schuldig, weil bestimmt jede Menge andere Leute im Wartezimmer sitzen, mit nichts als dem Lesezirkel.

Dr. Renner aber scheint zufrieden und wendet sich wieder der Tastatur zu. Neben seinem Karohemd und einer Informatiker-Brille, die sicher nicht aus modischen Gründen schwarz umrandet ist, besitzt er zusätzlich einen Doktortitel in Chemie, das habe ich zuvor recherchiert, und irgendwie beruhigt es mich.

In Notsituationen wie dieser sind Streber unabdingbar; das habe ich auch schon in der 4b zu Ruben Willimzyck gesagt: »Kopf hoch, eines Tages gewinnst du die Schachweltmeisterschaft oder den Nobelpreis durch die Erfindung einer chemischen Formel, mit der sich jede Naturkrause in einen Bob verwandeln lässt!«

Allerdings gebe ich zu, dass ich mir für mich, meine Talkshow-taugliche Erkrankung und anschließende Wunderheilung in Lourdes mit eigenem ARD-Brennpunkt, auch durchaus jemanden hätte vorstellen können wie den Landarzt oder Dr. Hofrat aus Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin,der sie auf Madeira leidenschaftlich über ihre Genesung bzw. im Grunde über die von ganz Österreich-Ungarn informiert.

Aber meine Krankenversichertenkarte und ich konnten froh sein, in München überhaupt jemanden mit Kassenzulassung gefunden zu haben, der die nötige Motivation besitzt, mich noch Freitagnachmittags vor einem drohenden Mitralklappenkollaps zu retten. Charlotte Loos –Schicksalsjahre einer Stewardess.

Inzwischen hat mir Dr. Renner eine Blutdruckmanschette angelegt, die sich unangenehm prall aufpumpt.

»Einhundertvierzig zu neunzig«, brummt er emotionslos, lässt zügig die Luft ab und nimmt sein Stethoskop aus meiner Armbeuge. »Hatten Sie schon mal Bluthochdruck?«

Also, bitte! Wie jede normal menstruierende Frau leide ich seit dem vierzehnten Lebensjahr unter chronischem Eisenmangel. Ohne die reguläre Tagesdosis Koffein bin ich zu lethargisch, um abends von X-Faktor auf Popstars umzuschalten, wenn die Fernbedienung nicht in unmittelbarer Nähe liegt.

»Nein, nicht, dass ich wüsste«, fasse ich den komplexen Sachverhalt wieder für ihn zusammen.

Mist, ich scheine wirklich krank zu sein. Dabei will ich doch in den Irak und Mittwoch weiter nach Seoul; diesmal will ich auch wirklich versuchen, dort tagsüber wach zu sein und ein paar Tempel anzugucken und Bibimbab zu essen, das koreanische Nationalgericht, das ich richtiggehend liebe.

»Frau Naumann!« Dr. Renner hat die Tür des Behandlungszimmers geöffnet und ruft in den Empfangsbereich. »Melden Sie bitte Frau … ähm …« Er dreht sich hilfesuchend nach mir um.

»Abigail!«, reagiere ich prompt, und zum ersten Mal sieht er besorgt aus.

»Melden Sie bitte FrauLoos zur Szintigraphie an?«

Hoppla, Abigail ist ja mein Starbucks-Name. In meinem Körper sind ernsthaft ein paar Doshas durcheinander.

»Äh, was ist denn nun mit Fliegen?«, versuche ich hektisch die peinliche Situation aufzulockern.

Gerade noch rechtzeitig bevor Dr. Renner, der mir jetzt die Hand zum Abschied gibt und irgendetwas murmelt von wegen, dass es schon mal zu psychotischen Schüben kommen kann im Rahmen der Erkrankung, den Raum verlässt.

Seine Antwort fasst den Sachverhalt kompakt für mich zusammen: »Das tut mir leid. Fliegen können Sie nicht mehr.«

Skyline – Meet the Angels

Rundschreiben

Sehr geehrte Kolleginnen des Kabinenpersonals,

zum Sommer hin möchten wir Sie noch einmal an die Uniform-Trageordnung erinnern:

Zulässig sind ausschließlich Schuhe in Dunkelblau, dies umschließt alle Nuancen von taubenblau bis nachtblau. Zu Hosenrock, Wickelrock und Kleid müssen die Absätze Ihres Schuhwerks mindestens drei Zentimeter hoch sein, sollten jedoch im Absatz fünf Zentimeter nicht überschreiten.

Trotz der »imposanten Optik«, die wir Ihnen gerne bestätigen, bat uns auch der Medizinische Dienst, Sie hieran zu erinnern – zur Vermeidung orthopädischer Erkrankungen in Ihrem eigenen Interesse. Zur Hose dürfen auch Damen flache Schuhe tragen!

Aufgrund der wiederkehrenden Thematik haben wir die Lockerung dieser Regeln mit dem Designer Ihrer Arbeitsuniformen, dem Hause »Rio by Janeiro« diskutiert.

Leider sind wir trotz des von Ihnen vielfach zitierten Renommees zu dem Schluss gekommen, dass sich Pumps der Firma »Louboutin« mit roter Sohle nicht mit unserer Hausfarbe »Stratosphäre-Hellblau« vereinbaren lassen.

Als Linienfluggesellschaft bemühen wir uns um einen klassisch-konservativen Look, der bedauerlicherweise nicht immer mit den »wohl unumstritten wegweisenden Laufstegtrends der New Yorker Fashion Week« einhergehen kann.

Natürlich danken wir Ihnen allen für das große Engagement, mit dem Sie »lediglich die modische Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns sicherstellen« möchten.

Wir wissen diese Geste zu schätzen.

Sollten Sie bei der Wahl Ihrer Uniformschuhe weiterhin unsicher sein, so steht Ihnen hierzu Ihr persönliches Exemplar des Regelwerks SkyStyle zur Verfügung, das Sie in Ihrem Grundlehrgang erhalten haben (S. 27–30, Abs. 2 »Geeignetes Schuhwerk im Dienst«).

Gerne berate ich Sie auch persönlich.

Florinda von Metzingen

Skyline/Kleiderkammer FRA

Was bisher geschah …

Bitte schnallen Sie sich an, bevor Sie meine Vorgeschichte lesen. Sollten Sie dies nachts tun, schließen Sie bitte Ihren Gurtsichtbar über der Decke, damit wir Sie bei Turbulenzen nicht unnötig zu stören brauchen.

2.

»Hast du auch was Richtiges gelernt?«

»Excuse me, is the Black Forrest National Parc open on Sundays?«

(LAX – MUC)

Berufswahl ist keine leichte Sache. Mein erster Anlauf jedenfalls ging gründlich daneben. Wer konnte ahnen, dass Werbung doch nichts für mich ist? Okay, ganz ruhig. Es ist noch nicht zu spät! Einmal ist keinmal, und ich bin erst 23. Einsicht ist ja in jedem Fall der erste Schritt zur Besserung. Viele Wege führen nach Rom oder, in meinem Fall, hoffentlich auf die Komoren. Gerne auch auf andere Inseln im Indischen Ozean.

Wie soll der junge Mensch von heute auch gleich nach dem Abitur wissen, was er werden will? Aufgrund wiederholter Teilnahme an den Bundesjugendspielen, regelmäßiger Doppelstunden Bio-LK und sonstiger trostloser Kurse, die ein Grundverständnis für Ionen erfordern? Ich könnte nach wie vor nicht mit Sicherheit sagen, ob die nächste Generation Kühe dominant schwarz-weiß oder rezessiv braun-weiß geboren wird.

Und das, obwohl ich in der Oberstufe am Inge-Meysel-Gymnasium gezwungen war, mindestens eine Prüfung im naturwissenschaftlichen Zweig abzulegen, was ich bis heute für eine vielfach tabuisierte Menschenrechtsverletzung halte. Möglicherweise hätte mir auch nur ein Fach wie Malaiische Stammesgesänge oder ein LK mit dem Titel Die Bedeutung des Minirocks im emanzipatorischen Kontext der Sechzigerjahre wirklich zugesagt.

Stattdessen stehst du dann da mit deiner Drei minus in Stochastik, kannst jederzeit vor Publikum eine Parallelverschiebung durchführen und sollst nun sagen, welche Karriere du bis zur Pensionierung verfolgen willst. Ich tue mich ja bis heute noch schwer damit zu entscheiden, ob ich für Mani- und Pediküre dieselbe Farbnuance wählen soll oder doch lieber Flieder für die Hände und Purpur für die Füße.

Wenn du dann nicht zu den Menschen gehörst, bei denen bereits mit fünf Jahren klar war, dass sie eine Schwäche für das Erfassen von Primzahlen in einer von Thomas Gottschalk moderierten Samstagabendsendung haben, zu Sinfonien in e-Moll neigen oder die elterliche Gemeinschaftspraxis mit Schwerpunkt Gräserpollen-Allergologie übernehmen, hast du erst mal Pech. Und eine Vielzahl von Optionen: Auf dich warten circa dreihundert duale Studiengänge und vielversprechende Bachelors, wie der in Advanced Nursing Practise.

Überhaupt erst in die Schule zu kommen, war bei mir gar nicht so einfach. Man hielt mich für zurückgeblieben, nur weil ich es im Einschulungstest nicht für nötig befand, zwischen den mir vorgelegten Kreidestücken das forstgrüne vom lindgrünen zu unterscheiden. (Als modebewusste Frau tue ich das heute natürlich!) So stapelten sich nach dem Abi bei mir erst einmal Unmengen Bücher mit Tipps und Tests, die dazu dienten, mich und meine Fähigkeiten besser kennenzulernen.

Zugleich warteten meine Eltern darauf, nach meinem Auszug endlich die Wände einreißen zu können, zugunsten eines Wintergartens, der einer Doppelseite in einer Wohnzeitschrift würdig wäre. Meinen Vater sah ich nur noch mit Maßband, und meine Mutter kochte nicht mehr, sondern bedeckte die gesamte Küche mit Stoffmustern in Pastelltönen.

Unterdessen gewann ich durch intensive Selbstfindung die deprimierende Erkenntnis, dass ich keinerlei räumliches Vorstellungsvermögen besitze, aber nahezu ideal geeignet bin für eine Unteroffizierslaufbahn des Heeres. Oder für was Kreatives. Abhängig davon, welchem »Jobfinder« man glaubte. Letzten Endes entschied ich mich gegen die Broschüre des Kreiswehrersatzamtes und dafür, mein Vertrauen in den pinkfarbenen »Berufskompass kompakt« zu setzen. Der nämlich lobte seitenlang mit blumigen Beschreibungen eine kaufmännische Lehre im Bereich Medien aus.

Als ich begann, Bewerbungen zu schreiben, legten meine Eltern den Glaser für den Wintergarten auf die Kurzwahltaste und ich meine Hoffnungen in einen kleinen Familienbetrieb im Ballungsraum Rhein-Ruhr, der mich tatsächlich als Azubi nahm. Meine Lehre zur Werbekauffrau schloss ich zwei Jahre später in der von der IHK Dortmund vorgesehenen Regelzeit ab.

Eine Zeit, in der andere aufregendere Dinge taten, wie zum Beispiel ein Au-Pair-Jahr einzulegen. Natürlich kann ein Jahr als Kindermädchen nicht schaden, wenn man wie meine Freundin Melanie in der Villa eines Produzenten in Malibu landet. Anders sieht es aus, wenn man wie Laura nach nur einem Monat ohne fließend Wasser bei den Amish versucht, sich in der Abgeschiedenheit Montanas zum nächsten Flughafen durchzuschlagen. Ich für meinen Teil hatte mich bemüht, nach dem unerfreulichen Stau am Buffet der Abifeier lieber voranzukommen.

Meine erste Festanstellung ergatterte ich dann nahtlos in einer trendigen Großagentur in Hamburg. Ein spartanisches Loft, in dem man sein Mountainbike genauso abstellen durfte wie seinen Jack-Russell-Terrier, während der Arbeitszeit kickern und auf Firmenkosten reichlich Espresso trinken konnte. Außerdem liefen ein paar hübsche Grafiker herum, die mit Skateboards zur Arbeit kamen und Hosen trugen, die ihnen bis unter die Pobacken hingen. Paradiesische Zustände – auf den ersten Blick.

Übrigens finde ich es rückblickend völlig in Ordnung zuzugeben, dass man eine Phase im Leben hatte, in der man absichtlich entblößte hellblau karierte Boxershorts als unwiderstehlich empfand und den potenziellen Vater gemeinsamer Kinder gemäß dessen Playlist wählte. Natürlich sind meine Kriterien heute weitaus differenzierter. (Groß, dunkelhaarig, Dreitagebart.)

Anfangs ließ ich mich hinreißen zu glauben, dies sei meine Zukunft, woran natürlich das Fernsehen schuld war. Seinerzeit waren DVDs noch wenig populär, und man musste alle Werbeblöcke mitgucken, wenn man minuziös wissen wollte, wie es mit Brandon, Brenda und Kelly aus Beverly Hills 90210 weitergeht. So identifizierte ich mich begeistert mit Stereotypen, die in den Spots zwischen Serien und weihnachtlichen Dreiteilern herumliefen und ihre Surfkarriere einem Nuss-Nougat-Aufstrich im Fünfhundert-Gramm-Glas zuschrieben.

Ich war überzeugt, mein Leben würde in Kürze genauso aussehen: Morgens würde ich dem Mann meiner Träume (ein Tierarzt gefangen im Körper eines Profifußballers) lachend das Marmeladenbrot ohne Zuckerzusatz entreißen, später mit einer Freundin und einem Erdbeerriegel im aeroben Bereich durch Naturschutzgebiete joggen, die eigene Schmucklinie absegnen und abends auf der indirekt beleuchteten Dachterrasse enden, um mit ein paar Investment-Freunden die Huxelrebe Spätbeerenauslese zu verkosten.

Dummerweise geschah nichts von alledem.

Beim Yoga bekam ich nicht einmal den Sonnengruß hin, blieb mit dem Vorderreifen meines Rennrads abrupt in einem Gulli stecken und entwickelte eine unansehnliche Allergie gegen nickelhaltige Legierungen, weswegen ich gezwungen war, mich nicht nur von meinen Illusionen, sondern auch von mehreren Paar Ohrringen in Tropfenform zu trennen.

Und das Schlimmste: Bis heute gibt es niemanden in meinem Leben, der mit italienischem Akzent und nicht zu verachtender Erotik zu mir sagt, er habe gar kein Auto. Ergo ist es Zeit, meine Lebenssituation zu überdenken.

Wem bitte schön ist das noch nicht so gegangen, als er mit vollen Tüten von H & Mzu Hause ankam? Auf einmal brauchst du das Paillettentop doch nicht mehr und das, obwohl du den ganzen Samstagvormittag angestanden hast, um es in einer engen Umkleide anprobieren zu können, und dich an der Kasse zwischen Haarreifen, Socken und Fusselrollen hast komisch angucken lassen müssen, weil du mit EC-Karte gezahlt hast und sich hinter dir die Massen drängten.

Jetzt erst bemerke ich, dass die Pailletten runterrieseln, das Meerjungfrauenfrühlingsgrün abfärbt und die Durchschnittsfaser aus Bangladesch nur Handwäsche verträgt. »Fehlkauf« ist zwar ein hässliches Wort, aber meine erste Berufswahl könnte man so bezeichnen. Die Agentur kommt mir langsam auch vor wie eine kleine düstere Umkleide mit Schweißgeruch, verursacht durch billigen Nylon. (Könnte auch der Hund sein, aber dazu später.) Und mein Hauptproblem ist nach wie vor mein Abenteuer-Defizit.

Nicht gerade eine aufregende Bilanz, drei Jahre nachdem meine Eltern den Wintergarten mit ein paar kalten Platten und einer Gulaschkanone eingeweiht haben und darin glücklicher sind als ich es in meinem Refugium bin. Die rechte Hälfte meines Schreibtisches wird permanent vom Dobermann meines Art-Direktors Julian in Beschlag genommen, den er mir auch heute Nacht »zur moralischen Unterstützung« dagelassen hat. Und weil um diese Zeit gerne ein paar Nachbarn mit Migrationshintergrund in der Agentur vorbeikommen und die Laptops aus den Büros räumen. Leihweise, versteht sich. Julian selbst geht gerne um 18:00 Uhr nach Hause, um mich nicht in meinem »kreativen Fluss zu behindern«.

Höchste Zeit für eine Veränderung! Keine kleine wie Karamellsirup in ein Heißgetränk zu gießen, aber auch keine so große wie eine Nasenscheidewandkorrektur. Mehr so etwas wie eine elegante Wende beim Segeln. So sehe ich das jedenfalls.

Vom Stöbern durch online bestellbare Reiseliteratur wird meine Sehnsucht nach einem intensiveren Leben auch nicht besser, sondern eher noch größer. Ich sitze in der nächtlichen fast leeren Agentur und klicke mich durch Fotos von Rom, Paris, der Mecklenburgischen Seenplatte und Französisch-Polynesien. Am liebsten sind mir Orte, für die es einen Lonely Planet gibt, wie zum Beispiel Galapagos oder eben die Komoren.

Beim Anblick von Reisfeldern, frei stehenden chinesischen Bambushütten und Lachs fischenden Grizzleys in British Columbia bin ich mir endgültig sicher: Wenn ich nicht jetzt sofort im Juli etwas sehr Internationales oder zumindest Spannendes tue, wie etwa Kugelfisch zu essen, wird mein Lebenslauf für immer eine belanglose Dokumentation einer typischen Ruhrgebietskindheit mit Schüben akuter Bronchitis und Riester-Raten sein.

Ich hole die fast fertige Kampagne für Industrieparkett aus dem Drucker, von der unser Kreativdirektor wollte, dass sie den Kunden noch stärker »emotional abholt«. Man munkelt, dass es der alternde Sonnenbankmann war, der unter seinen Baggy Pants inzwischen standesgemäß Bugatti-Feinripp trägt, der in besseren Tagen das schwimmende Milky Way erfunden hat. Ich lege alles auf Julians Schreibtisch.

Während der Dobermann längst fest schläft, werde ich heute Nacht die Weichen für meine glorreiche Zukunft stellen. Ich weiß noch nicht, wohin, aber ich weiß, dass ich hier raus muss! Ich werde nicht länger in die Kaffeeküche gehen, sondern dahin, wo die Bohnen für Kaffeevollautomaten herkommen, jawohl! Elfenbeinküste muss es mindestens sein.

Der Cursor blinkt hochmotiviert. Zu dumm, dass Suchmaschinen einem immer noch vorsintflutlich abverlangen, einen Suchbegriff einzugeben, bevor die Maschine hilfreiche Websites ausspuckt. Mal sehen, was bei den Stichworten »Spaß« herauskommt.

Kurzfristig wäre eine klassische Midlife-Crisis-Aktivität wie Bungeespringen von einer Brücke der transsibirischen Eisenbahnstrecke sicherlich eine Ablenkung, langfristig allerdings wird es einer Tätigkeit bedürfen, die meinen Serotoninspiegel hebt, ohne dass ich dabei kopfüber hänge. Allerdings verspüre ich auch keine große Lust, wieder bei null anzufangen und als Praktikantin Konferenzräume einzudecken und neuen Toner zu besorgen. Geschweige denn, dass ich genug Geld besitze, um eine erneute Ausbildung zu finanzieren.

Und wenn ich mich schon von allem Erreichtem lossage, dann nur für etwas, das noch cooler ist als in einer Branche zu arbeiten, in der man sich glaubhaft mit Visitenkarten als »Vicepresident Creative Needs Worldwide«, ausweisen kann, obwohl man vom Hals abwärts tätowiert ist. Wenn ich auch diesmal etwas Aufregendes mache, werde ich mir nervenaufreibende Diskussionen mit meinen Eltern ersparen, die gerne betonen, dass ich in einer Topkreativagentur arbeite, die mal Titelstory im Spiegel war.

Hinderlich ist nach wie vor nur, dass mir kein Suchbegriff einfällt, der alle diese Überlegungen in einem Wort zusammenfasst. Ich schließe die Seite des Fun-Sport-Anbieters. Ohnehin gibt es einen Unterschied zwischen »aktiv bis ins hohe Alter« und »suizidgefährdet«. Mit dem Studiosus-Rucksack durch Tibet? Ja. Als Proband in einer Studie für unerforschte Impfstoffe? Nein. Ich will leben, nicht gleich sterben. Ein Geistesblitz durchzuckt mich. Ich versuche es mit einem ebenso simplen wie präzisen Wort und lande einen Volltreffer.

Nachdem ich Animateur in einer englischen Bettenburg im Norden Mallorcas für mich ausschließe, öffnet sich mir nach der Eingabe von Traumjob eine Homepage, die ich mit denselben geweiteten Pupillen bestaune wie einst das Kinderparadies eines schwedischen Möbelanbieters, der Aquarien mit bunten Bällen für Kinder bereitstellt.

Alles daran spricht mich an: Von der stilvollen Aufmachung der Seite über die schicken Uniformen, bis hin zu der Tatsache, dass die Ausbildung nur drei Monate dauert und noch dazu vergütet wird.

Die Sache scheint ja wirklich ein Traumberuf zu sein!

Skyline – Meet the Angels.

Rundschreiben

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

aus aktuellem Anlass möchten wir noch einmal darauf hinweisen, dass sich das Crewgepäck aus Gründen eines einheitlichen Erscheinungsbildes ebenso einheitlich darstellen muss und limitiert ist.

Natürlich sind uns die »exotischen Verlockungen und Preise fremdländischer Basare« wie dem Ed Hardy Outlet Store in Seattle bekannt, dennoch müssen wir im Rahmen unserer Corporate Identity auf die Einhaltung folgender Regeln bestehen:

Neben dem regulären Koffer darf pro Crewmitglied maximal ein Bord-Trolley sowie eine Tasche in der Hausfarbe mitgeführt werden.

Um 20% vergünstigte Modelle, die den Normen entsprechen, stellt Ihnen gerne unser Kooperationspartner, die »Lilienthal-Luggage GmbH«, vor (Sky-Arkaden/Terminal 2, Halle 1, Abflugebene C).

Offen beförderte Orchideen aus Bangkok, It-Bags, Clutches, Seesäcke mit Strasssteinchen und zusammenfaltbare Plié-Taschen (auch in »Amazing Aqua«), entsprechen nicht dem traditionellen Look unserer Airline und sind nicht gestattet.

Sollten Sie bei der Wahl Ihrer Gepäckgarderobe weiterhin Schwierigkeiten haben, steht Ihnen mit dem SkyStyle jederzeit ein übersichtliches Regelwerk mit detaillierten Do’s & Dont’s zur Verfügung (S. 210–213, §4, »Crewreisegepäck Übersee, Europa, innerdeutsch/Rollenkoffer & Handgepäck«).

Sollten Sie darüber hinaus Fragen haben, so wenden Sie sich gerne an mich.

Florinda von Metzingen

Skyline/Kleiderkammer FRA

3.

»Meldet man sich da an oder ist das mit Bewerbung?«

»You got low fat ice cubes?«

(MUC – BOS)

Ich kann es immer noch kaum fassen: Hier ist sie, die Chance zu entkommen, auszubrechen! Feinripp, Dobermänner und emotional abzuholende Kunden einfach stehenzulassen! Und mein Fluchtfahrzeug ist – ein Flugzeug.

Ich, Charlotte Madeleine Loos, werde Stewardess!

Eine ebenso unfassbare Schönheit, vermutlich die amtierende Miss Universe, heißt mich virtuell bei Skyline, der Airline, willkommen. Sie ist das Idealbild einer Servicekraft oder dient vielleicht einfach zur Abschreckung von Frauen wie mir, die sich weniger gut im Profil fotografieren lassen können. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammt sie von einer der Diercke-Weltatlas-Seiten »Obere Azoren bis Rarotonga auf den Cook Islands«, hat schwarzes Haar wie Seide, einen Schmollmund, der sich perfekt dafür eignet, Strohhalme zu umschließen, die in Mai-Tai-Cocktails führen, und ein Lächeln, bei dem sich Major Healey auf der Stelle von der Bezaubernden Jeannie getrennt hätte.

Ich hingegen, braunkohlebrünett, bin vom Rhein-Herne-Kanal (B5/C7 im Atlas, rheinisch-westfälisches Industriegebiet) und trinke oftmals zu hastig, so dass schon mal ein wenig Espresso an meinem Mund vorbei auf meine Bluse läuft. (Ein Problem, das ganz sicher auch andere Frauen haben, weswegen zu typisch femininen Getränken wie Latte macchiato gerne ein Strohhalm gereicht wird.)

Schnell sammle ich mich wieder. Keine Panik, als Werbeprofi weiß ich inzwischen, dass derart perfekte Menschen nie wirklich Stewardessen oder Bankberater sind, sondern Models, die nur so tun als hätten sie jemals ein Raffaello gegessen oder eine Versicherung bei der Hamburg-Mannheimer abgeschlossen.

Während ich mich im Bewerberpool registriere, bin ich mir sicher, die exotische Schönheit erst kürzlich im Otto-Katalog in einem Batik-Zweiteiler auf den Bademodenseiten gesehen zu haben. Sie tippelt nun von links nach rechts sehr elegant die nicht wenigen Zoll meines Laptops ab, deutet auf verschiedene Links und unterweist mich mit sanfter Stimme in den Schritten, die ich nun gehen muss, um eine wie sie zu werden.

Als Erstes steht eine umfassende Online-Bewerbung an. Danach, bei entsprechender Eignung, wird es ein halbstündiges Telefoninterview in Deutsch und Englisch geben und, falls man auch das besteht, ein halbtägiges Assessment-Center im Hauptquartier der Fluggesellschaft, der sogenannten »Basis«. Einerseits dachte ich, es sei weniger aufwendig Saftschubse zu werden, wie man Stewardessen ja auch ganz gerne nennt. Immerhin ist es ja bloß Kellnern in der Luft! Andererseits hatte ich befürchtet, die Mythen seien wahr, und man müsse mindestens vier Sprachen fließend sprechen (zum Beispiel Kisuaheli und eine seltene Unterart des Mandarin, die nur in abgelegenen Klöstern zur Jahrhundertwende populär war).

Doch beide Extreme treffen nicht zu. Ich öffne eine Kurzübersicht der wichtigsten Eignungskriterien. Größtenteils sind es Verweise von wegen hoher Einsatzbereitschaft unter Stress, starke Serviceorientierung und freundliches Auftreten, die ich jedoch nicht allzu ernst nehme. Derartige Soft Skills werden doch heutzutage schon an jeder Käsetheke verlangt! Und natürlich bin ich offen für fremde Kulturen: Ich konsumiere Smoothies, schätze Lasagne und weiß, was ein Nigiri-Maki ist. Viel wichtiger ist, dass ich die Hard Skills erfülle, denn an denen ist ja nicht zu rütteln.

Gottlob habe ich weder über fünf Dioptrien noch ist bei mir eine Laser-OP vor weniger als sechs Monaten durchgeführt worden. Und ein Blick in meinen Personalausweis, den ich samt Portemonnaie unter dem schlummernden Dobermann hervorziehe, verrät mir, dass ich mit meiner Größenangabe von 1,68 Meter auch dieses Kriterium locker erfülle.

Bei der Gewichtsangabe ploppt der freundliche Hinweis auf, dass diese in angemessener Relation zur Größe stehen sollte. Dank weniger Mittagspausen und der Tatsache, dass ich mich zusammen mit Kollegen der Buchhaltung vielfach nur von einem gigantischen lila Schmunzelhasen im Foyer ernähre, der von einer Süßwaren-Promo übrig geblieben ist, wiege ich aerodynamische achtundfünfzig Kilogramm. Damit werde ich diese Saison nicht über einen Pariser Laufsteg schreiten, aber ich könnte mich jederzeit durch ein Notfenster hinaus in den Atlantik zwängen.

Und Tätowierungen habe ich im Gegensatz zum Vizepräsidenten der Agentur ja auch nicht. (Ein Glück, dass ich mich beim Abischerz doch noch gegen das Einhorn am Handgelenk entschieden habe.)

Schritt drei hält einen Psychotest parat. Hier ernte ich endlich die Früchte meiner über ein Jahrzehnt konsequent gesammelten VOGUE-Multiple-Choice-Erfahrung. Nur bekomme ich kein Direkt-Resultat. Womöglich bin ich eine Art Stewardessen-Herbst-Typ und ein kräftiger Hauch Kerosin würde meine dominante Persönlichkeit sinnlich unterstützen? Erfahren werde ich es in dreißig Tagen, wenn meine Daten ausgewertet sind.

Dann klicke ich mich eifrig durch einen ersten Englischtest, in dem vor allem Grammatik gefragt ist. (Nur gut, dass ich Lipstick Jungle im Original geguckt habe.)

Abschließlich verfasse ich in einem berauschenden Finale das gewünschte Motivationsschreiben, referiere über den Menschheitstraum Fliegen im Allgemeinen, drücke mein Bedauern über den Niedergang der Pan Am im Besonderen aus und schließe mit einer Abhandlung bezüglich meiner brennenden Leidenschaft für Fernlenkdrachen, die allerdings den Sommer 1987 in Sankt-Peter-Ording nicht überdauert hat.

Zufrieden ende ich, gerade als der Dobermann im Schlaf derartig zusammenzuckt, dass anzunehmen ist, auch er hänge intensiv seinen Träumen nach.

In Sachen Gastronomie-Erfahrung muss ich leider passen. Ich habe mal aushilfsmäßig in einem Restaurant auf Rollschuhen Clubsandwiches verteilt, leider war die Bedienung der Stopper nicht mein Ding.

Miss Universe klopft ungeduldig von innen an die Scheibe meines Rechners, was mich derartig erschreckt, dass ich reflexartig auf »Abschicken« klicke. Mein Formular, das ich eigentlich nochmal hatte prüfen wollen, verschwindet augenblicklich, und sie winkt kurz unter einem Geräusch, das wohl einen Take-off simulieren soll.

Meine Zukunft ist besiegelt.

Diesmal habe ich ein deutlich besseres Gefühl, als damals mit dem Berufskompass, der mich in die Werbebranche brachte. Und die Intuition einer Frau ist schließlich ein solider Maßstab.

Voller Stolz verkünde ich bei Tagesanbruch telefonisch meiner Schwester meinen Entschluss und ernte unerwartet eine erste Negativreaktion:

»Charlotte, hast du eine Quarter-Life-Crisis?«

Typisch! Gnadenlos muss sie jegliche Euphorie von mir sabotieren. Doch statt mich wie sonst von dieser plumpen Jürgen-Domian-Psychologie provozieren zu lassen, tue ich etwas, das zeigt, dass ich für die Tätigkeit als Stewardess absolut geschaffen bin: Ich bleibe freundlich und halte eine kurze Rede, in der Sätze fallen wie »nicht für immer«, »bloß eine Auszeit«, »nur mal ein bisschen reisen« und »natürlich promoviere ich danach noch in Astrophysik«.

Als ich auflege, merke ich leider, dass auch in mir leise Zweifel aufsteigen, die letzten Jahre so abzuhaken. Und während ich den Karabinerhaken der Kalbslederleine in das Halsband des Dobermanns einhake und wir die Treppen in den Hof hinuntergehen, wird mir erst recht bewusst, dass ich trotz allem eine Art Zuhause verlasse. Noch dazu für einen national belächelten Job in hohen Schuhen, mit dem man nicht gerade auf großem Fuß leben kann.

Andererseits habe ich genau das jetzt drei Jahre lang getan und bin alles andere als zufrieden. Nicht einmal meine wunderschöne Dreizimmerwohnung mit Südbalkon in Hamburg-Eppendorf hat dieses Gefühl je annähernd erzeugen können. Dabei folgen darin verstreut herumliegende Bildbände der norwegischen Hutrigruten und eine frei stehende Badewanne allen Regeln des Feng-Shui. Vielleicht war ich auch einfach immer zu selten da, um bei einem guten Chianti und biologisch abbaubarer Dr.-Hauschka-Badeessenz durch nachkolorierte Geysire zu blättern.

Aber noch größer als diese Zweifel ist definitiv die Angst, dass, wenn ich nicht jetzt sofort im Juli kündige und auch mal etwas sehr Internationales und/oder Spannendes tue wie Stewardess zu werden, mein Leben nichts weiter bleibt als eine belanglose Aneinanderreihung von Nächten wie dieser letzten.

Ich möchte Turbulenzen!

Skyline – Meet the Angels.

Rundschreiben

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

aufgrund aktueller Vorkommnisse möchten wir Sie noch einmal auf Folgendes hinweisen:

Seit dem Winterflugplan wird unser Ziel Los Angeles (LAX) mit reduzierter Frequenz bedient – von München aus wird diese Strecke nur noch zwei- statt dreimal pro Woche geflogen. Dies führt für Sie automatisch zu einem um jeweils einen Tag längeren Aufenthalt, den viele von Ihnen für Aus- und Weiterflüge nutzen.

Diese dürfen jedoch nur in Absprache mit dem Kapitän und nach Hinterlassen einer Telefonnummer Ihres Aufenthaltsortes (z.B. Ceasar’s Palace, Las Vegas/Ocean Resort, Maui usw.) durchgeführt werden und erfolgen auf eigenes Risiko bzgl. Ihrer pünktlichen Rückkehr zum Crewhotel am Abflugtag!