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"Abserviert!" - auch nach über 40 Jahren fällt Petra nur dieses eine Wort ein, als sie beim Klassentreffen ihrer einstigen Jugendliebe, ihrem Biologielehrer Fred, gegenübersteht. Obwohl ihr bewusst wird, dass sie einen alten, hinfälligen Mann vor sich hat, beschließt sie, sich zu rächen. Dabei unterschätzt sie den Charme dieses Mannes und kommt zufällig seinem dunklen Geheimnis auf die Spur. Einem Geheimnis, das auch mit ihrem Leben verwoben ist. Ein Buch über prägende Brüche, die Kraft der Erotik und menschliche Schwächen.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Impressum:
© Verlag Kern GmbH, Ilmenau
© Inhaltliche Rechte beim Autor
1. Auflage, Juli 2020
Autorin: Dora P. Sperling
Bildquelle Cover: Oleg Magni | Pexels,
Bildquelle Back Cover: Syda Productions | Adobe Stock
Layout/Satz: Brigitte Winkler, www.winkler-layout.de
Lektorat: Anke Engelmann
Sprache: deutsch
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN: 978-3-95716-323-3
ISBN E-Book: 978-3-95716-304-2
www.verlag-kern.de
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Dora P. Sperling
Sag mir, was ich tun soll
September, Schuljahresanfang! In diesem Jahr ist es besonders aufregend für die 10a, ist es doch ihr letztes gemeinsames Jahr. Gleich nach der Eröffnung durch den Rektor werden alle neuen Lehrer vorgestellt. Unruhe macht sich bemerkbar als es heißt, der jüngste Lehrer wird zukünftig den Biologieunterricht in ihrer Klasse übernehmen. Er kommt frisch von der Uni und wirkt als moderner, charmanter, junger Mann besonders positiv auf die Heranwachsenden. Bald ist er der Schwarm vieler Mädchen. Petra findet zunächst sein Lächeln sympathisch. Zunehmend begeistert sie sich für seinen Unterricht und beginnt, ihn auch mit den Augen einer Frau zu sehen.
Und er? Hat er Petra überhaupt bemerkt? Sie versucht, durch Kichern und Schwatzen seine Aufmerksamkeit zu erregen. Grundsätzlich wird sie knallrot, wenn er sie anspricht. Eines Tages glaubt Petra zu bemerken, dass er ihr mehr Aufmerksamkeit als den anderen Mädchen schenkt. So hält er bei der Begrüßung ihre Hand lange in seiner. Oft sucht er Blickkontakt, lächelt Petra an und neigt dabei den Kopf leicht nach links. Petra hat den Eindruck, als sehe er in diesem Moment nur sie und spürt ihren Puls rasen. Bei schriftlichen Arbeiten stellt er Zwischenfragen und setzt sich kurzerhand einfach neben Petra mit auf ihren Stuhl. Sie kann kaum atmen, als seine Hüfte ihre berührt. Als er ihr dann noch eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, glaubt Petra, alle müssten ihr Herz hämmern hören. Die Unterrichtstage, an denen der Biologieunterricht stattfindet, werden für Petra zu einem emotionalen Höhepunkt.
Aber wie sieht das ihr Lehrer? Seine stets freundliche Aufmerksamkeit macht sie zwar einerseits glücklich, irritiert und verunsichert sie andererseits ebenso. Die endgültige Bestätigung erhält sie jedoch nach einer Biologiearbeit. Herr Ziebulka hat vor der gesamten Klasse die Arbeit ausgewertet und durchgesprochen. Dann gibt er selbst jedem Schüler sein Heft mit einer kurzen, launigen Bemerkung zurück. Als Petra ihr Heft öffnet, entdeckt sie zwischen den Seiten eine Kinokarte, die mit einer dünnen Büroklammer befestigt ist. Erschreckt schlägt sie ihr Heft wieder zu und hebt den Kopf. Irritiert blickt Petra dabei genau in die Augen ihres Lehrers, sieht seinen forschenden Blick und kann von seinen Lippen ein „Bitte!“ ablesen. Petra ist im absoluten Gefühlschaos. Völlig durcheinander verzieht sie sich in der Pause mit ihrem Biologieheft auf die Toilette. Tatsächlich, es ist eine Kinokarte, gültig in zwei Tagen um 20 Uhr in den Kammerlichtspielen.
Von dem restlichen Unterricht bekommt sie nichts mehr mit. Nur schnell nach Hause, die Kinokarte anschauen! Immer und immer wieder nimmt Petra die Karte in die Hand, liest, was darauf gedruckt steht und ist selig. Soll sie in das Kino gehen? Soll sie es wirklich wagen?
Mit irgendjemandem muss Petra einfach darüber sprechen. Beim Einschlafen kreisen ihre Gedanken nur um den Biologielehrer und seine Kinokarte. In der Nacht schläft sie sehr unruhig und hat wirre Träume.
Am nächsten Morgen weiß Petra, was sie tun wird: Sie wird ihre Freundin Gabi ins Vertrauen ziehen. Noch vor Unterrichtsbeginn muss Gabi schwören, niemandem etwas zu verraten, und erfährt dann die große Neuigkeit. Gabi, das Tageblatt der gesamten Schule, ist sprachlos: „Na klar gehst du hin! Selbstverständlich! Aber du musst mir dann alles ganz genau erzählen!“ Sie drängt förmlich in Petra. Diese ist zwar einerseits erleichtert, hat sie doch jetzt eine Beraterin und zugleich Mitwisserin, aber andererseits ist sie morgen mit dem Mann ihrer Träume verabredet und deshalb mächtig aufgeregt. Morgen soll Petra also ihr erstes Date mit einem Mann haben.
Tagsüber geht Petra dem Biologielehrer aus dem Weg. Aber wenn sie ihn nur von weitem sieht oder seine Stimme hört, beginnt ihr Herz, wie wild zu schlagen. Sie spürt, wie sie rot wird, und beobachtet auf dem Pausenhof jede seiner Bewegungen.
Am Nachmittag trifft sich Petra mit Gabi. Sie probieren erst ihren Kleiderschrank und dann den ihrer Freundin durch. Schließlich haben die Mädchen ein akzeptables Outfit gefunden. Bei Gabis Mutter füllen beide Mädchen noch ein Drittel des Parfüms ab und füllen das Defizit mit Wasser auf. Trotz aller gründlichen Vorbereitungen schläft Petra auch in dieser Nacht wieder sehr unruhig.
Endlich ist der langersehnte Tag da. Petra ist fest entschlossen, in das Kino zu gehen. Aber davor liegt ja noch ein ganzer langer Unterrichtstag. Zum Glück weicht Gabi nicht von ihrer Seite. Sogar jeden Toilettenbesuch absolvieren die Freundinnen gemeinsam. Nach der vierten Stunde ist Hofpause und Herr Ziebulka hat Hofaufsicht, das wissen die Mädchen genau. Als Gabi Petra dann auf dem Schulhof zuflüstert: „Er kommt. Er steuert direkt auf uns zu!“, will Petra am liebsten flüchten. Aber Gabi hat sie schon untergehakt und ganz unauffällig in die Richtung des Lehrers gedreht. Der reicht zunächst Gabi die Hand: „Na, was haben die Eltern zu der Biologiearbeit gesagt?“ Dann wendet er sich Petra zu: „Ist alles in Ordnung?“, fragend sehen seine blauen Augen in die Petras. Aber die starrt ihn nur sprachlos an, wird rot und befürchtet fast einen Atemstillstand. „Na klar, alles paletti, besonders der Nachmittag und Abend“, sagt Gabi dreist und drückt dabei verstohlen Petras Arm. Aber da rufen schon einige Schüler nach der Hofaufsicht und die zwei Mädchen stehen wieder allein inmitten der lärmenden Schülerschar. „Ausatmen!“, befiehlt Gabi und bemerkt dann lakonisch: „Jetzt weiß er wenigstens, was die Glocke geschlagen hat.“
Gegen 18 Uhr findet sich Gabi bei Petra zum Abendbrot ein, um ihre Freundin dann angeblich in das Kino zu entführen. Das Anziehen und Schminken dauert diesmal lange, und Gabi muss schließlich den führenden Part übernehmen. Petras Hände zittern einfach zu stark. Etwa eine Stunde vor Filmbeginn machen sich die zwei Teenager auf den Weg. Kaum aus der Straßenbahn ausgestiegen, zieht es Petra auf die Toilette. Dort richtet Gabi noch einmal Petras Garderobe und das Haar. Untergehakt schlendern die Mädchen noch durch ein Einkaufszentrum. Petra eilt wieder zur Toilette. Gabi schmunzelt nur. „So, noch eine knappe halbe Stunde – wir machen uns langsam auf den Weg“, entscheidet sie und schnappt sich erneut Petras Arm.
Diese ist inzwischen immer stiller geworden: „Ich glaube, ich fahre doch besser wieder heim.“ Aber Gabi zieht sie wortlos weiter. Vor der letzten Abbiegung zerrt Gabi Petra in einen Hausflur, setzt sich eine Sonnenbrille auf, drapiert ihren Schal über den Mund und zieht die Mütze fast bis an die Nasenspitze: „Warte hier!“ Schon nach zwei Minuten steht sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht wieder vor Petra: „Er wartet schon auf dich. Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend. Und erzähl mir ja morgen alles! Los, geh jetzt!“ Mit einem leichten Stoß in Petras Rücken verleiht Gabi ihren Worten Nachdruck.
Langsam, wie in Trance, setzt sich Petra in Bewegung. Acht Schritte bis zur Straßenecke, eine Vierteldrehung nach rechts, ja, jetzt sieht sie ihn auch neben dem Kinoeingang stehen. Sein Gesicht wirkt ernst, der Blick wandert suchend umher. Petra setzt bedächtig einen Fuß vor den anderen, geht ganz langsam auf ihn zu und hat dabei die Augen nur auf ihn gerichtet. Endlich hat er sie entdeckt. Petra atmet erleichtert auf, als sie sieht, wie sich blitzschnell sein Gesichtsausdruck verändert. Er strahlt förmlich über das ganze Gesicht, neigt seinen Kopf leicht nach links und kommt mit schnellen Schritten auf Petra zu. Wortlos legt er beide Arme um ihre Schultern und zieht sie sanft zu sich heran. „Ich freue mich riesig, dass du gekommen bist! Danke!“, flüstert er in ihr Ohr. Aber Petra ist wie gelähmt. Die Arme hängen am Körper herab, sie bekommt kaum Luft und kann kein Wort sagen. So stehen sie beide, Petra und ihr Biologielehrer einige Minuten ganz still, nur die aufregende Gegenwart des anderen erlebend. Nach einiger Zeit spürt Petra, wie er ganz zart ihren Rücken streichelt, und hört ihn flüstern: „Alles ist gut. Hör bitte auf zu zittern! Vertrau mir!“
Irgendwann stellen sie fest, dass sie den Kinobesuchern mitten im Weg stehen. „Gib mir deine Karte und lass uns hineingehen“, sagt Ziebulka. Petra durchfährt ein heftiger Schreck. Die Kinokarte hat sie natürlich bei der ganzen Aufregung im Biologieheft vergessen. Schmunzelnd zieht Ziebulka Petra an der Hand zur Kasse und ersteht dort zwei neue Kinokarten. Ihre Hand lässt er den ganzen Abend nicht mehr los. Petra ist glücklich, dass er sie während des gesamten Films im rechten Arm hält und mit der linken Hand ihre Linke streichelt. Immer wieder muss sie die feuchten Handflächen an ihrer Hose abwischen. Seine Nähe verunsichert sie einerseits, macht sie aber zugleich unendlich glücklich.
An den Inhalt des Films erinnert sich Petra nicht, aber an den langen, langen Heimweg, den beide engumschlungen gehen. Vor ihrem Elternhaus bekommt Petra den ersten Kuss von einem fremden Mann. Einem Mann, der sie total durcheinanderbringt, den sie toll findet und der ihr Biologielehrer ist. „Übrigens, ich heiße Fred, wenn wir nicht in der Schule sind. Danke für den wunder- wunderschönen Abend. Schlaf gut und träume von mir“, sind seine letzten Worte, bevor Petra die Haustür zuschließt.
„Der Graf von Monte Christo“ ist ihr erster gemeinsamer Film. Keine Frage, dass die Kinokarte für Petra zu einem besonderen Schatz wird. In einer alten Kiste sammelt sie Fotos von Fred, seine ersten Briefe, wenn er seine Eltern besucht (postlagernd geschrieben) und natürlich auch gemeinsame Fotos. Unheimlich gern erinnert sie sich an ihre erste gemeinsame Zeit, ihre Kinobesuche, die wunderschönen Heimwege und die vielen heimlichen Küsse. Auch in der Schule gibt es unzählige Gelegenheiten sich zu begegnen, anzulächeln, zuzuzwinkern, sich zärtlich zu berühren. Die 17-jährige Schülerin und ihr 24-jähriger Lehrer sind total verliebt und erleben gemeinsam eine traumhafte Zeit.
Irgendwann müssen die zwei Verliebten aber von anderen Bekannten im Kino entdeckt worden sein und es gibt Gerede an der Schule. Deshalb holt Fred Petra ab sofort mit seinem roten Motorrad ab und sie fahren an einen See. Dort entdecken sie in einer Bucht ein lauschiges Fleckchen. Manchmal wandern beide Hand in Hand auch nur durch die Gegend. Sie entdecken ihre Vorliebe für Touren mit dem Paddelboot und sehen sich häufig. Dabei sprechen sie über Tod und Teufel, lachen viel und genießen das Beisammensein. Petra ist total glücklich über Freds Zärtlichkeiten und liebevolle Küsse und auch darüber, dass er ihre Unerfahrenheit und Zurückhaltung respektiert.
Fast ein halbes Jahr sind sie zusammen, als Fred Petra zu einer Wochenendtour mit dem Motorrad einlädt. Sie hat keine Bedenken zuzusagen, befürchtet aber eine Ablehnung durch ihre Eltern. Obwohl Fred sie schon öfter zu Hause abgeholt hat und ihre Eltern von seiner Existenz wissen, ahnen sie nicht, dass er ihr Biologielehrer ist. Also muss wieder Gabi, ihre beste Freundin, als Alibi herhalten. Selbstverständlich spielt Gabi ihre Rolle perfekt. Sie trägt Petras Reisetasche bis zur Straßenbahn, die beide Mädchen jedoch nach nur einer Station wieder verlassen, weil Fred dort wartet. „Und Montag ja alles erzählen! Klar?“, flüstert Gabi Petra zu. „Aber klar doch.“
Das milde, sonnige Wetter ist so richtig geeignet für eine Motorradtour. Wie übermütig sie doch auf der Hinfahrt sind. Fred fährt Slalom, sie singen laut, lachen über Lappalien und Petra klebt die ganze Zeit förmlich an seinem Rücken. In Burg angekommen, will Fred zunächst eine Unterkunft für beide suchen, um die Reisetaschen abzustellen. Er regelt alles an der Rezeption und führt sie schließlich in das Hotelzimmer.
Als Petra dann die zwei nebeneinanderstehenden Betten sieht, bekommt sie Angst vor der eigenen Courage. Sollte „Es“ jetzt passieren? Fred scheint ihren Anflug von Panik zu bemerken und bemüht sich noch intensiver und liebevoller um sie. Immer wieder bringt er Petra zum Lachen, nimmt sie in seine Arme und flüstert ihr verliebte Worte ins Ohr. „Übrigens, ich liebe frisch bezogene Betten. Sie duften nicht nur gut, sondern sind auf der Haut so prickelnd. Genau, wie du!“ Damit zieht Fred Petra an sich.
Den halben Tag sind sie mit einem Paddelboot unterwegs, essen herzhaft zu Abend und tanzen noch einige Runden in der Dorfdisco. Je später der Abend wird, desto ausgelassener wird Petra. Sie muss ihre Unsicherheit überspielen, sieht sie doch immer die zwei nebeneinanderstehenden Betten vor sich.
Als sie dann müde werden, flüstert ihr Fred zu: „Komm, mein Sperling, lass uns schlafen gehen.“ Wortlos nickt Petra und nimmt seine Hand.
Im Hotelzimmer verschwindet sie sogleich im Bad. Als Fred dann unter der Dusche steht, will sie sich noch ein Taschentuch holen und stößt dabei zufällig seine braune Wildlederjacke von der Stuhllehne. Beim Aufheben entdeckt sie ein Päckchen Kondome, das aus seiner Jacke gefallen sein muss. Schnell steckt sie es zurück und huscht angstvoll in ihr Bett. Dort zieht sich Petra wieder ihr Shirt über die Unterwäsche und rollt sich ganz eng in ihre Bettdecke ein. Die Enden stopft sie fest unter ihren Körper.
Strahlend und nach Duschbad duftend kommt Fred wenig später aus dem Bad, nur mit einem Slip bekleidet. Als er Petras ernste Miene entdeckt und ihre verkrampfte Haltung bemerkt, schlüpft er in sein Bett, deckt sich zu und rutscht dicht an Petra heran. Ganz zärtlich streicht er über ihr Haar, nimmt sie in seine Arme und küsst sie auf die Stirn: „Du brauchst keine Angst zu haben, mein Sperling. Es wird nie etwas passieren, was du nicht willst.“ Petra kann nicht über ihre Ängste sprechen, genießt aber Freds Nähe, seine zärtlichen Worte und seine sanften Hände auf ihrem Rücken.
Viel später vernimmt sie seine tiefen Atemzüge, liegt aber noch lange wach und fürchtet sich vor dem nächsten Tag. Aber offenbar sind Petras Sorgen unbegründet gewesen, denn Fred zeigt sich am nächsten Tag genauso aufmerksam, liebevoll und zärtlich wie sonst. Sie unternehmen eine ausgiebige Radtour, besuchen ein Freilandmuseum und fahren am späten Nachmittag wieder mit dem Motorrad heimwärts. Fred setzt Petra bei Gabi ab, die sie wieder zu ihren Eltern bringt.
Die Abschlussprüfungen der 10. Klasse stehen vor der Tür und das heißt auch für Petra fleißig lernen. Obwohl sie eine sehr gute Schülerin ist, will sie mit dem bestmöglichen Ergebnis abschließen. Sie trifft sich nicht mehr so häufig mit Fred, entdeckt aber fast täglich Briefchen, Schokoherzchen oder eine Blume in ihrer Federtasche, in der Jacke oder sogar in den Straßenschuhen nach dem Sportunterricht. Wie sehr er sich um sie bemüht! Nach den Abschlussprüfungen steht, als absoluter Höhepunkt, die Klassenfahrt an einen See bei Berlin bevor. Als Begleitpersonen fahren Fred und Achim, ein anderer Sportlehrer, mit; zwei junge Männer im „besten“ Alter. Petra freut sich riesig darauf, denn dies bedeutet eine ganze Woche Gemeinsamkeit. Wer weiß, vielleicht fahren sie ja später noch einmal allein in den Urlaub?
Schon auf der Hinreise herrscht im Zug eine Bombenstimmung. Fred hat seine Gitarre mitgebracht und bald klingen die lustigsten Lieder aus dem Abteil. In der Jugendherberge angekommen, sind alle den ganzen Nachmittag mit Holzsammeln beschäftigt. Nach dem Abendbrot trifft sich die gesamte Klasse hinter dem Haus am Lagerfeuer. Einige Jungs grillen Steaks und Bratwürste. Die Mädchen haben Kartoffeln auf Stöcke gespießt und Salate angerichtet. Bis tief in die Nacht hockt die gesamte Truppe um das Lagerfeuer und singt Lieder.
Gegen 23 Uhr wird es frisch. Alle wärmen sich unter Decken und schauen verträumt in das glimmende Holz. Dann singt Fred das letzte Lied allein: „Das ist die Frage aller Fragen. Wann wirst du mir die Antwort sagen …“ Er singt nur für Petra und lächelt sie dabei unentwegt an. Auch sie kann den Blick nicht von ihm wenden. Alle anderen ringsherum spüren die besondere Beziehung zwischen beiden und akzeptieren sie. Als der Mond sich hinter den Wolken versteckt, gehen alle zu Bett. Bevor Fred im Mädchenzimmer das Licht löscht, nimmt er Petra noch einmal ganz zärtlich in seine Arme, streichelt ihren Kopf, ihre Wange und drückt einen ganz, ganz zarten Kuss mitten auf Petras Mund.
„Ich auch!“, ruft Gabi forsch. „Aber klar doch“, ist die prompte Antwort und Fred schmatzt Gabi ein Küsschen auf die Stirn. „Hat noch jemand Bedarf?“, will er wissen. Als er keine Antwort erhält, löscht er das Licht.
Am nächsten Tag findet vormittags ein Ausflug mit Museumsbesuch statt. Abends will die gesamte Klasse in das Nachbardorf zum Tanz. Dort soll eine gute Band spielen. Allerdings werden die Mädchen mit ihrem „Aufhübschen“ nicht fertig, so dass die Jungs mit den Lehrern schon eher losziehen. Als die Mädchen dann mit rund 70 Minuten Verspätung endlich auf dem Tanzboden ankommen, werden sie mit lautem Gejohle empfangen. Sie glauben, ihren Augen nicht trauen zu können: Einige Jungs und die beiden Lehrer stehen an der Bar, offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern und haben Dorfschönheiten im Arm. Fred wird von einer tief dekolletierten, langhaarigen Blondine massiv angebaggert.
Beleidigt zieht sich Petra mit ihren Freundinnen in eine Ecke des Saales zurück und wird auch schnell von einigen Burschen umlagert.
Dann heißt es „Damenwahl!“ Petra glaubt, im falschen Film zu sein, als sie Fred reichlich angeschäkert im Engtanz mit der langhaarigen Blondine erkennt. Verblüfft beobachtet Petra, wie deren Hand über Freds Arm gleitet, seinen Hals zärtlich streichelt und dann in seinen Nacken wandert. Die Blondine zieht alle Register, fährt ihm mit der Rechten aufreizend durchs Haar, schaut ihm bedeutungsvoll in die Augen und zieht seinen Kopf schließlich langsam zu sich herab. Schamlos bietet sie ihm den Mund und schließlich auch den Körper an.
Petra begreift, dass es hier eine Frau darauf anlegt, einen Mann zu verführen. Ihren Fred. Sie erkennt aber auch, dass der Mann bereit ist, dieses Spiel mitzuspielen. Ist das Fred? Diese Seite kennt sie nicht an ihm. Petra merkt nicht, wie sich ihre Finger immer tiefer in Gabis Arm krallen. Die streichelt beruhigend über Petras Hand und versucht vergeblich, sie wegzuziehen. Fassungslos starrt Petra auf die Katastrophe, die sich da vor ihren Augen anzubahnen scheint, versucht, Gesehenes zu verstehen. Ihr schießen die Tränen nur so aus den Augen. Gabi zischt empört: „Männer! Komm, wir gehen!“
Fred bemerkt nicht einmal, dass Petra mit ihren Freundinnen verschwunden ist. Hatte er überhaupt ihre Anwesenheit bemerkt? Den gesamten Weg bis zu der Jugendherberge macht Gabi ihrer Empörung lautstark Luft. Auch die anderen Freundinnen solidarisieren sich vollends mit Petra. Die kann sich überhaupt nicht beruhigen. Sie weint und schluchzt und bekommt einen regelrechten Heulkrampf. Gabi legt sich neben ihre Freundin ins Bett und bemüht sich redlich, sie zu beruhigen.
In den frühen Morgenstunden hören die Mädchen Lärm auf dem Flur. Gabi geht auf Ursachenforschung und informiert: „Die Jungs bringen Fred zurück und in sein Bett. Er ist völlig hinüber.“ Hinüber? Was heißt das? Petra hat das Bild immer noch vor Augen, wie sich die Blondine an Fred presste und ihn küsste, wie er den Kuss erwiderte. Ist er deshalb hinüber? Hatte er in einem One-Night-Stand, einem flüchtigen sexuellen Erlebnis, seine Befriedigung gefunden? Oder hatte er einfach nur dem Alkohol zu fleißig zugesprochen?
Sie wagt nicht, Gabi zu fragen. Ihr Weinen ist inzwischen in halblautes Wimmern übergegangen. Entsetzen, Angst, Wut und Scham, die widerstrebendsten Gefühle kämpfen in ihr. Wie nur konnte Fred sie so vergessen, verletzen und verraten. Ja, Fred hatte ihre Liebe verraten. Petra ist total verzweifelt.
Irgendwann in der Nacht öffnet sich leise die Tür des Mädchenschlafraumes und Achim, der andere Lehrer, nimmt Petra kurzerhand auf seine Arme und trägt sie zu Fred ins Zimmer. Dieser hatte nur seine Schuhe und Jacke ausgezogen und liegt völlig bekleidet, von einer Alkoholfahne umgeben, im Bett. Vorsichtig lässt Achim Petra in Freds Arme gleiten. Der öffnet nur kurz die Augen, lächelt Petra zu und bettet ihren Kopf an seiner Schulter. Dann schläft er erneut ein.
Petra sieht in sein Gesicht, versucht es zu ergründen, eine Veränderung zu erkennen. Aber vergebens. Wie sehr sie ihn mag! Auch jetzt kann sie sich nicht zurückhalten und streicht ihm zärtlich eine dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht. Ein Lächeln huscht über sein Antlitz. Gerade dieses Lächeln war es, das sie sehr liebte und die unnachahmliche Art, dabei den Kopf schräg nach links zu legen. Damit hatte er Petra von Anfang an verzaubert.
Hatte er damit auch die Blondine bezaubert? Oder ist Petra selbst schuld? Hat sie sich zu rar gemacht? Schließlich ist Fred auch nur ein Mann und ein charismatischer dazu. Petra wird von Selbstzweifeln geplagt. Langsam senkt sie ihre Hand auf seine empfindlichste Stelle zwischen den Beinen. Berührt ihn zärtlich. Keine Reaktion.
Da wird ihr der Alkoholdunst bewusst. Oder ist das der Grund, weshalb Fred keinerlei Anstalten macht, seine Männlichkeit zu beweisen? Er schläft mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und hält Petra dabei im Arm.
Aber die kann nicht schlafen, sie ist zu aufgewühlt. Für sie ist heute eine Welt zusammengebrochen. Völlig unvorbereitet ist sie von größter Glückseligkeit in tiefstes Entsetzen, Nichtverstehen, Hilf- und Fassungslosigkeit gestoßen worden. Hat sie Fred bisher mit völlig falschen Augen gesehen? Kann es sein, dass er gar nicht der Mann ist, den sie zu sehen, zu lieben glaubte?
Erst im Morgengrauen trifft Petra eine Entscheidung. Leise schleicht sie aus Freds Zimmer, packt ihre Tasche und weckt dabei Gabi und ihre anderen Freundinnen auf. Keine Frage, dass auch sie gleich packen. Am Frühstückstisch fehlen vier Mädchen. Sie alle verbringen die restlichen zwei Ferientage bei Petras Verwandten in Berlin.
Die Großstadt schafft es allerdings nicht, Petra auf andere Gedanken zu bringen. Aber es gelingt ihr wenigstens, nicht ständig zu weinen. Ihrer Mutter kann Petra nichts vormachen. Die ist schockiert über das Aussehen ihrer Tochter, über das ständige Nasenbluten, die permanente Appetitlosigkeit, ihre Antriebsarmut und Gleichgültigkeit. „Fred?“, ist alles was sie fragt. Petra nickt wortlos und rennt aufschluchzend in ihr Zimmer. Geschlagene drei Wochen sehen sich Petras Eltern das Elend ihrer Tochter mit an und sprechen dann ein Machtwort: „Du wirst die ganzen Sommerferien in Berlin bei Tante Elly verbringen und dich dort amüsieren! Dann gehst du zum Studium, lernst neue Menschen kennen und vielleicht auch tolle Männer. Das Leben geht weiter! Glaub uns, auch wir haben unsere Jugendliebe nicht geheiratet, das passiert nur ganz, ganz selten. Behalte sie in guter Erinnerung!“
Die Wochen in Berlin? Petra weiß nur, dass sie kein angenehmer Besuch für Tante Elly und Onkel Hannes ist, die sich redlich Mühe geben, ihre Nichte aufzumuntern. Jeder Tag ist voller Action. Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Von Fred hört und sieht sie in dieser Zeit nichts. Dann geht Petra zum Fachschulstudium in einen anderen Ort. Dort meldet sich Fred dann vereinzelt wieder. Allerdings kommt es nie zu einer Aussprache. Das bedingungslose Vertrauen ist weg. Petra braucht noch Wochen und Monate, um ohne Tränen an Fred und ihre erste Liebe denken zu können. So wie sie ihre „Schätze“, die erste Kinokarte, Fotos, Zettel und Briefe in ihrer Schatzkiste aufbewahrt, so verschließt sie auch ihre Liebe zu diesem Mann in ihrem tiefsten Inneren.
Zwar wandern auch in den nächsten Monaten und Jahren Petras Gedanken oft zu Fred, aber das weiß nur sie. Wie ihre Eltern prophezeit hatten, lernte sie interessante, attraktive, kluge und wohlsituierte Männer kennen, wird umworben, interessiert sich für sie und verliebt sich auch. Aber es ist eine andere Verliebtheit. Petra liebt nicht mehr so absolut bedingungslos, so völlig mit Haut und Haaren. Stets ist eine Prise Skepsis dabei. Ein „Hab acht!“, um ja nicht wieder unvorbereitet so umfassend, so monumental verletzt zu werden.
Hin und wieder laufen sich Fred und Petra auch zufällig über den Weg, arbeiten doch beide in der gleichen Stadt. Dann wechseln sie nur kurz einige belanglose Worte. Einmal zeigt Petra sogar Interesse an einem von Freds Kollegen, in der Hoffnung, dass er empört reagiert. Aber falsch gedacht. Fred fragt, ob er ein Date organisieren soll. Petra hat schon Monate später den Namen des Kollegen vergessen, so unwichtig ist er ihr.
Dann macht Fred einen auf Familie. Wie weh es tut, weiß nur Petra. Sie versucht sich abzulenken und ist viel unterwegs. Jedes Wochenende stürzt sie sich in billige Vergnügen. Der Samstagabend ist stets den Tanzvergnügen vorbehalten. Petra nutzt ihre Chancen weidlich. Allerdings geht sie auch hier nur bis zu einem gewissen Punkt und lässt die Männer dann abblitzen. Schnell hat sie den Ruf eines eingebildeten Mädchens weg.
Allmählich kehrt ihre Lebensfreude wieder. Vereinzelt hat Petra sogar die eine oder andere feste Beziehung. Diese beendet sie jedoch rigoros, wenn es Probleme gibt. Nie kämpft sie um einen Mann. Bis ihr eines Tages dann doch ihr Traummann über den Weg läuft. Schon nach kurzer Zeit ist sie sich sicher, das ist der Richtige. Und bald ist von Hochzeit die Rede.
In dieser Zeit begegnet ihr Fred zufällig. Im Gespräch erfährt er von Petras Zukunftsplänen. „Tu das nicht“, meint er ernst „verheiratet zu sein, ist nicht schön!“ „O, ha – hat er doch nicht sein großes Glück gefunden?“ Schweigend sieht ihn Petra mit großen Augen an. Aber er dreht sich nur stumm weg. Als das Schweigen zwischen ihnen immer länger dauert, keiner ein verbindendes Wort findet, verabschieden sie sich wortlos voneinander. Nur ihre Hände ruhen noch einige Zeit ineinander, bis Fred schließlich seinen Blick senkt.
Bereits ein halbes Jahr später heiratet Petra. Sie ist glücklich. Ihr Mann gehört zu der seltenen Spezies der attraktiven, liebevollen, aufmerksamen und großzügigen Männer. Gleiche Interessen sind gegeben. Die finanzielle Basis ist fundiert. Petra lernt, körperliche Liebe zu genießen.
Nach einem Jahr gebärt sie einen Sohn. Ironie des Schicksals? Am zweiten Tag nach der Entbindung begegnet ihr auf dem Flur der Wöchnerinnenstation Freds Frau. Sie haben eine Tochter bekommen.
Neun Jahre vergehen, in denen sich Fred und Petra selten und wenn, dann nur zufällig treffen und wenige oberflächliche Sätze miteinander wechseln. Petra Sohn ist inzwischen Schüler der 3. Klasse. Gerade ist sie dabei, für ihn das Mittagessen auf dem Teller anzurichten, als es an der Tür klingelt. Vor der Tür aber steht Fred. Petra merkt, wie ihr Puls in die Höhe rast. Sie fürchtet, ihre Stimme nicht unter Kontrolle zu haben, und bittet ihn nur mit einer Handbewegung in die Wohnung. Verstohlen beobachtet sie seine Mimik und Gestik. Sofort sieht sie, dass er, trotz seines Lächelns, sehr ernst wirkt. „Kaffee, Tee oder etwas anderes?“, ihre Stimme klingt atemlos. „Ich würde mich über ein Wasser freuen.“ Petra holt ihm aus der Küche das gewünschte Getränk. Gelegenheit für beide, sich zu sammeln. In dem Moment betritt ihr Sohn energiegeladen die Wohnung. Sein kurzer, prüfender Blick scannt Fred. Aber der bleibt scheinbar unbefangen und verabschiedet sich nach 15 Minuten wieder. Lange noch grübelt Petra darüber nach, was der Anlass zu Freds Besuch gewesen sein könnte. Gibt es Probleme? Wollte er ihren Rat oder hatte er einfach nur das Bedürfnis nach einem Gespräch? Sie wurde aus ihm nicht klug. Vielleicht ergibt sich ja beim nächsten Zufall eine Gelegenheit zum Hinterfragen, überlegt sie. Ja, das werde ich machen, beschließt Petra.
Im darauffolgenden Jahr bekommt Petra einen weiteren Sohn. Leider ist er nicht gesund. Er hat Trisomie 21 und ist chronisch krank. Zu diesem Zeitpunkt beginnt Petra in vollem Umfang zu begreifen, was für einen tollen Charakter ihr Mann hat. Beide Ehepartner stellen ihre eigenen Bedürfnisse widerspruchslos hintenan, sind ab sofort nur noch für ihre Söhne da. Kostet sie beide der Letztgeborene viel Kraft und Lebensmut, so schöpfen sie bei ihrem Großen. Er gibt ihnen immer wieder Stärke, alle anfallenden Probleme zu lösen und in bescheidenem Umfang das Leben mit den verbleibenden Möglichkeiten zu genießen. Petra lernt, ihren Mann und seine Persönlichkeit zu schätzen, weiß, dass sie den richtigen Mann gewählt hat. Was für ein Glück hatte sie doch, ihm begegnet zu sein. Selten denkt sie in dieser schweren Zeit an Fred.
Eines Nachts, als sie wieder lange wach liegt, überlegt sie jedoch: „Ob Fred auch mit mir gemeinsam dieses Problem so bewältigt und ein behindertes Kind großgezogen hätte?“ Sie findet keine Antwort auf diese Frage. Allerdings fällt ihr in diesem Zusammenhang auf, dass sie Fred schon lange nicht mehr getroffen hat, schon sehr lange. Wie es ihm gehen mag? Jahre später spielt der Zufall erneut Schicksal. Petras großer Sohn hat an der Charité zu Berlin studiert und lädt seine Eltern zum Studienabschluss ein. Während der Feierstunde beaufsichtigt seine Freundin in der Zwischenzeit den Bruder. Als sie zu dritt die Treppe in der Uni hinaufsteigen, glaubt Petra an eine Fata Morgana: Genau vier Stufen vor ihnen gehen Fred, seine Frau und deren Tochter die Treppe empor. Im Hörsaal sitzen sie eine Reihe vor Petra und ihrer Familie etwa acht Plätze weiter rechts. Inzwischen hat auch Freds Frau Petra und ihre Lieben entdeckt. Immer wieder dreht sie sich um, lässt ihren Blick zu Petra wandern, flüstert Fred schließlich etwas ins Ohr. Aber der schaut stur geradeaus. Erst zum Ende der Veranstaltung, als alle dem Ausgang zustreben, kreuzen sich ihre Wege. Erwartungsvoll hebt Petra den Kopf. Wird Fred ihnen die Hand reichen oder sie vielleicht sogar mit einer Umarmung begrüßen? In diesem Moment hebt er mit ernster Miene den Kopf, ein kurzes Nicken seinerseits, den Kopf schnell wieder gesenkt – und schon sind sie, wie zwei Fremde aneinander vorbeigegangen. Petra kann ihre Enttäuschung kaum verbergen. Fassungslos starrt sie ihm hinterher. Was war das? Nicht einmal ein Lächeln? Kein Handschlag? Kein Zuzwinkern? Vielleicht hat Fred sie gar nicht erkannt? Ja, so wird es sein! In diesen Sekundenbruchteilen hat er sie nicht erkannt! So versucht sie, ihn zu entschuldigen, weshalb soll er sie auch gerade jetzt und gerade hier vermuten? Dabei ignoriert sie völlig den intensiven Blickkontakt seiner Frau. Es ist einfach absurd, dass Fred sie erkannt haben kann, so wie er sich verhielt! Um Fassung ringend, kämpft sie mit den Tränen, als sie wenig später Fred und seine Familie in einen schwarzen Mercedes einsteigen sieht.
Zum Glück hat ihr Mann nichts von dem kurzen Intermezzo bemerkt und bis zum Abend hat Petra ihre Emotionen wieder im Griff.
Eine Freundin von Petra arbeitet im Schulamt. So ganz nebenbei erkundigt sich Petra scheinbar zufällig bei ihr nach Fred. Oh ja, man kennt ihn, wenn auch nur flüchtig. Allerdings wird sein Name (im Buschfunk) immer wieder im Zusammenhang mit Frauengeschichten genannt. Ob er in seiner Ehe nicht glücklich geworden ist? Aber die Schule an der er unterrichtet, kann ihr auch die Freundin nicht nennen. Er wird einfach nicht mehr als Lehrer im Schulamt geführt. „Unerklärlich“, meint Petra, „schließlich hat er hier in unserer Stadt in den verschiedensten Schulen unterrichtet. Selbst, wenn er weggezogen ist, muss er sich doch irgendwohin abgemeldet haben!“
Petra erkundigt sich beiläufig bei ihrer ehemaligen Schulfreundin Gabi nach Fred. „Nö, den hab ich auch seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Aber ich hör mich mal um, ob jemand weiß, wo er abgeblieben ist“, erklärt die und hofft dabei auf ihre umfangreichen Kontakte als Verkäuferin.
Fast ein Jahr später klingelt abends bei Petra das Telefon. Gabi triumphiert: „Rate mal, wen ich ausfindig gemacht habe!“ Petra ahnt es sofort: „Doch nicht etwa Fred?“ Aber da sprudelt ihre Freundin schon los: „Montags gehe ich doch immer zum Hausfrauensport. In meiner Gruppe ist auch Monika S. Sie hatte im Sommer mit ihrem Mann eine große Auslandsreise unternommen. Nun rate einmal, wer auch in dieser Reisegruppe war!“
„Echt jetzt?“
„Ja, die beiden haben sich gesehen, sind sich vor Wiedersehensfreude um den Hals gefallen und haben, gemeinsam mit ihren Ehepartnern, den gesamten Urlaub verbracht. Es soll toll gewesen sein. Auf jeden Fall bringt mir Moni am nächsten Montag seine Adresse und Telefonnummer mit. Was meinst du, soll ich ihn auch zu unserem nächsten Klassentreffen einladen?“ Petra ist von dem Gehörten sprachlos. Ob es sich bei dieser Moni auch um eine ehemalige Affäre handelt? Leichte Eifersucht macht sich bei ihr bemerkbar: „Ach, mir ist das inzwischen egal. Frag doch die anderen aus der Klasse. Kommen denn noch mehr ehemalige Lehrer?“
„Ja, Achim, unser Sportlehrer, und Marlies, unsere Russischlehrerin, haben zugesagt. Ich melde mich später noch einmal! Ciao!“
Und dann bleibt Petra mit ihren Gedanken allein. Fred ist also wieder aufgetaucht. Er wohnt jetzt mit seiner Familie über 100 Kilometer entfernt in einer anderen Stadt. Ist es noch die gleiche Familie? Weshalb ist er weggezogen? Wie mag es ihm in der Zwischenzeit ergangen sein?
Noch lange verweilt Petra abends gedanklich bei Fred. Sie kann nicht verhindern, dass ihre Fantasie sie später im Bett wieder in ihre gemeinsame, glückliche Zeit zurückträgt. Es ist ihr voll gegenwärtig, wie viel ihr Fred, die gemeinsamen Gespräche und Unternehmungen, seine Zärtlichkeiten bedeutet haben. Das ist Vergangenheit! Aber sie schläft erst im Morgengrauen ein, mit einem Lächeln auf den Lippen.
