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Albert Münkler, 15 Jahre jung, hat eigentlich ein ganz normales Leben und ganz normale Sorgen. Doch ausgerechnet er gerät plötzlich in eine Sache hinein, die sein Leben etwas auf den Kopf stellt. Gemeinsam mit der für ihn manchmal schwer zu ertragenen Seherin Klara (die auch noch seine superätzende Klassenkameradin ist), soll er irgend einen blöden Kessel einem Riesen namens Hymir zurückbringen, damit die Welt nicht in einem göttlichen Krieg versinkt. Oder so ähnlich. Verstanden hatte er das selbst nicht - nur, dass es ziemlich gefährlich war, wenn man in irgend einen Drachenhort einbrach, sich mit den falschen Elfen anlegte oder im Hofbräuhaus in München die Speisekarte lesen wollte. Ein spannendes Buch, dass verschiedene deutsche Sagen und Mythen lebendig werden lässt.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2020
Saga
die Suche nach Hymirs Kessel
von Brian-Scott Kempa
Buchbeschreibung:
Albert Münkler, 15 Jahre jung, hat eigentlich ein ganz normales Leben und ganz normale Sorgen. Doch ausgerechnet er gerät plötzlich in eine Sache hinein, die sein Leben etwas auf den Kopf stellt. Gemeinsam mit der für ihn manchmal schwer zu ertragenen Seherin Klara (die auch noch seine superätzende Klassenkameradin ist), soll er irgend einen blöden Kessel einem Riesen namens Hymir zurückbringen, damit die Welt nicht in einem göttlichen Krieg versinkt. Oder so ähnlich. Verstanden hatte er das selbst nicht - nur, dass es ziemlich gefährlich war, wenn man in irgend einen Drachenhort einbrach, sich mit den falschen Elfen anlegte oder im Hofbräuhaus in München die Speisekarte lesen wollte.
Ein spannendes Buch, dass verschiedene deutsche Sagen und Mythen lebendig werden lässt.
Über den Autor:
Brian-Scott Kempa, Jahrgang 1993, schreibt seit der Grundschule an fantastischer Literatur. Er interessiert sich sehr für das Thema Sagen und Märchen in Deutschland und deren literarische Umsetzung. Saga ist das erste belletristische Buch, des Hobbyhistorikers, der schon ein Fachbuch zur ersten internationalen Eisenbahnstrecke Köln - Aachen - Herbesthal heraus gebracht hat.
Saga
die Suche nach Hymirs Kessel
© 2018 Brian-Scott Kempa
ISBN: 978-3-7519-0662-3
Lektorat: Sindy Kopp
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Albert war froh, als hinter ihm die Haustür ins Schloss fiel. Der Montag war zäh und lang gewesen. Ihm hing noch immer die Begegnung im Kyffhäusergebirge nach. Diese Begegnung mit dem alten Mann. Dem verwirrten alten Mann der von sich behauptete König Barbarossa zu sein. Und den er irgendwie erweckt hatte. Und nun drohte der Welt — oder zumindest Deutschland — großes Unheil, wie ihm dieser komische Kleinwüchsige im Wald nachgerufen hatte. Albrich, oder wie er sich genannt hatte.
Was das bloß für zwei Verrückte waren ...?
Obwohl sie ihm ja nun wiederum auch nicht verrückt vorgekommen sind. Die ganze Situation hatte sich sehr ernst angefühlt.
Echt. Ziemlich. Verwirrend!
Und seltsam, in anderer Hinsicht, war dieser Montag dann auch noch gewesen.
Denn Stefan hatte ihn auf Klaras Verhalten aufmerksam gemacht. Klara. Das meist gehasste und beneidete Mädchen der ganzen Schule. Und die arroganteste und unnahbarste. Sie hatte ihn heute praktisch alle paar Minuten angeschaut.
Merkwürdig angeschaut.
Er war daraus nicht schlau geworden — und noch weniger aus der Tatsache, dass es ihm gelungen war, an nur einem Tag drei Sachbeschädigungen an seiner Schule durchzuführen. Weil er plötzlich so stark war — und er diese Kraft nicht im Griff hatte. Was völlig abwegig klang und irgendwie auch war — und gleichzeitig eben nicht, weil es doch so war. Seit Samstag. Seit dem Kyffhäuser-Ausflug ...
Seine Schulleiterin hatte es sich jedenfalls gespart, ihm einem längeren Vortrag über seinen mangelhaften Umgang mit Schulinventar zu halten — nachdem er wie ein Trottel vor sich hingestammelt hatte; verzweifelt auf der Suche nach einer Erklärung für seine Taten. Seine Eltern würden einen Brief bekommen, meinte sie lediglich. Und dieser Brief würde schon morgen seinem Vater vorliegen, der sich bestimmt nicht über diesen freuen würde. Ganz und gar nicht freuen würde.
Seufzend ging Albert hoch in sein Zimmer; dabei klingelte es an der Haustür — wahrscheinlich, und um diese Zeit nichts Außergewöhnliches, war es Besuch für seinen Vater, der wichtige (und reiche) Klienten gern auch mal bei sich Zuhause empfing.
Albert warf seine Schultasche in die Ecke. Starrte, wütend darüber, dass man ihm nicht glaubte, dass er dreimal ohne Absicht Dinge zerstört hatte, aus dem Fenster, dann drehte er sich um und fuhr dermaßen erschrocken zusammen, dass er einen Moment glaubte, jetzt sofort tot umfallen zu müssen. So sehr traf es ihn, dass vor ihm niemand anderes als
Klara
stand.
»Was machst du hier? Wie kommst du hier rein? Hast du schon mal gehört, dass man anklopft?«, stieß Albert keuchend hervor und spürte sein Herz wie ein Geschütz hämmern. BUMM-BUMM-BUMM.
»Deine Schwester hat mich rein gelassen«, zuckte Klara desinteressiert. Und dann: »Wir müssen reden!«
»Tun wir doch schon«, sagte Albert wenig geistreich. Wir müssen reden? Klang wie aus diesen Serien, in denen sich Ehepaare ständig stritten und wieder versöhnten.
»Ernsthaft reden. Über sehr ernsthafte Dinge!«, nickte Klara.
Albert starrte sie nur doof an, sammelte sich und sprach zögerlich: »Klara ... ich ... ich … Klara, was willst du?«
Klara blickte ihn an. Ihre Augen musterten ihn ernst und besorgt? »Du bekommst Ärger, Albert, großen Ärger!«
»Was für einen Ärger bekomme ich?«, fragte Albert lahm. Was zum Teufel machte Klara hier in seinem Zimmer? Die Klara, die ihn seit der fünften Klasse immer behandelt hatte, als wäre er eine Kakerlake für sie. Allerhöchstens.
Klara wollte etwas sagen, doch ein lauter Knall von der Straße her hinderte sie dran. Besorgt sprang sie leicht und graziös — viel graziöser als seine Schwester das konnte, wie Albert bemerkte — auf und hastete zum Fenster. »Scheiße«, entfuhr es ihr.
»Was?« Albert trat neben sie, blickte auf die Straße hinunter und sah — ein riesiges Loch in der Straße, das bis eben noch nicht da gewesen war. Es war wirklich ein großes Loch, fünf oder sechs Meter lang und mindestens zwei Meter breit. An einer Seite endete es in fünf unterschiedliche lange Striche — und dank dieser Maße und dem Aussehen (ein Loch mit fünf abgehenden Strichen?) ging ihm auf, dass das da unten kein Loch war. Ein Loch war schließlich rund! Das da war etwas anderes. Ein Fußabdruck zum Beispiel ...
Fußabdruck?
»Ist das ein Fußabdruck?«, sprach Albert verwirrt seine völlig unlogische Erkenntnis aus.
Klara nickte ihm jedoch entsetzlich ernst zu.
Alberts starrte sie an und wartete auf ein freudiges »Hahaha, reingefallen!«, doch es kam keins. Er wollte sich wieder dem Fußabdruck zuwenden, als er sich plötzlich auf dem Fußboden wiederfand. Einfach so. Ohne das er es bemerkt hatte. Und ohne das er verstand wie Klara plötzlich über ihm sein konnte.
Darüber nachdenken konnte er nicht, denn Klara krallte sich schmerzhaft an ihn, es krachte, splitterte, knirschte und dann stürzte das Fenster, vor dem sie beide bis vor Sekunden noch gestanden hatten, samt der umgebenden Mauer ein, und Klara rollte sich mit ihm auf Seite.
Es schmerzte nicht, es tat höllisch weh! Albert keuchte auf, klappte den Mund auf um etwas zu sagen (oder besser: sich den Schmerz aus dem Leibe zu schreien), doch Klara sprang auf, zog ihn dabei mit sich und es verschlug ihm die Sprache. Er war sich sicher, dass er mehrere seiner Gelenke und Knochen knirschen hörte, konnte sich aber natürlich auch in diesem Punkt irren — in Wahrheit stammte das Knirschen wohl von der riesigen rechten Hand, die gerade hinter ihm in seinem Zimmer herumtastete und dabei ziemlich grob zu Werke ging — sicher konnte er sich aber, wie gesagt, nicht sein.
»Komm!«, rief Klara, riss die Zimmertür auf und zog Albert einfach mit sich wie einen störrischen Hund.
Albert stolperte hinter ihr her, dachte nicht weiter darüber nach das er gerade eine riesige dichtbehaarte Hand gesehen hatte (die sein Zimmer am Durchsuchen war!) und folgte ihr widerspruchslos den Flur hinab Richtung Treppe, die sie —
nie erreichten, weil plötzlich das Gegenstück zu dieser rechten Hand auftauchte. Die Linke schoss einfach so durch die Mauer des Zimmers, welches bis vor Sekunden noch das obere Badezimmer gewesen war, krachte gegen die Tür der Abstellkammer und zog sich dann wischend zurück und riss dabei Steine über Steine mit sich.
Überall war plötzlich Staub, ein lautes Knirschen und Knacken war zu hören und Albert wurde es klar, dass gleich irgendwas über ihnen zusammenbrechen würde. Wahrscheinlich das Dach ...
Aber bis es soweit war, musste erst noch was Unmögliches passieren, fand das Schicksal grimmig und Albert sah sich plötzlich einem Gesicht mit zwei kleinen wütenden Augen gegenüber. Dass sich das Gesicht durch die Außenmauer und durch die Flurmauer gebohrt hatte, nahm Albert dabei kaum noch zur Kenntnis, denn das Gesicht fesselte seine ganze Aufmerksamkeit. Es war braun, entfernt menschlich, dicht behaart und trotz der entfernten Menschlichkeit absolut abstoßend. Spitze gelbe Zähne tauchten hinter zwei aufgeplatzten Lippen auf.
»Ach du Scheiße!«, schrie Klara, stolperte zurück, riss Albert zu Boden und plumpste auf ihn, rollte sich von ihm runter und robbte den Flur zurück, weg von dem Gesicht. Albert zog sie dabei noch immer einfach mit sich wie einen leeren Sack.
Ein nicht sehr menschlicher Laut rollte hinter ihnen her. Albert brauchte nicht zurückzublicken (konnte er eh nicht, da er verzweifelt damit kämpfte nicht weiter hinter Klara hergezogen zu werden — denn das tat verdammt weh!), um zu wissen, dass das Gesicht wütend hinter ihnen her brüllte.
»Klara. Aua. Klara lass mich los!«, schrie Albert über den Lärm hinweg den dieses Gesicht mit den schlechten Zähnen veranstaltete. Sein linker Arm war über die Hälfte aufgeschnitten und blutete erschreckend stark — und schuld daran war niemand Geringeres als Miss Oberzicke.
Klara reagierte gar nicht, robbte weiter, sprang plötzlich auf, riss Albert mit hoch und wich an die Flurwand zurück. Direkt vor ihnen knirschte und knackte es.
»Klara«, sagte Albert besorgt. Er wusste nicht was da vor ihnen knirschte, aber er wusste wer daran Schuld war: Dieses Gesicht und die beiden Hände, die alle drei nur logisch zu jemanden gehören konnten, der gar nicht existieren konnte, durfte, sollte — einem Riesen!
»Klara!« Albert blickte auf Miss Oberzicke, die die Augen geschlossen hatte und schnell auf einer ihm völlig fremden Sprache vor sich hin murmelte. Das Knacken und Knirschen des Mauerwerkes vor ihnen verstärkte sich, ebenso auch das Brüllen von diesem ... Riesen.
Riese?
Völlig unmöglich!
U-N-M-Ö-G-L-I-C-H!
»KLARA!«, schrie Albert, als vor ihnen plötzlich auf ganzer Breite die Mauer verschwunden war und das wütende Gesicht mit den gelben Zähnen auftauchte.
Klara reagierte gar nicht, murmelte weiter in der fremden Sprache, die sich wie ein beschwörendes Singen anhörte, und umklammerte eisenfest Alberts Linke.
Was hieß, dass er nicht fliehen konnte! Albert blickte hektisch von Klara zum Riesen und zurück und spürte plötzlich den starken Drang sich in die Hose zu machen, in Ohnmacht zu kippen oder sonst irgendwie den Druck auszugleichen, der seine Brust umfing und ihm gnadenlos die Luft abschnürte.
Der Riese brüllte auf, seine beiden braunen Hände tauchten auf, schossen vor und Albert wurde es schwarz vor Augen.
Albert spürte, wie jemand seine Wangen als Zielscheibe für einige ordentliche Backpfeifen nutzte. KLATSCH links, KLATSCH rechts. KLATSCH links, KLATSCH rechts. Benommen schlug er die Augen auf und sah über sich ein sehr schmales, sehr ebenmäßiges und wunderschönes Gesicht, dass von ebenso schönen schwarzen Haaren eingerahmt wurde. Zwei grüne Augen blickten ihn besorgt an und er nahm zu seinem Erstaunen zwei spitze Ohren unter dem schwarzen Haar wahr.
Wer war das denn Hübsches?
»Albert?«, fragte ihn das Gesicht mit einer Stimme, die ihm sehr bekannt vorkam, nicht aber zu diesem Gesicht gehörte. Verwirrt drehte er den Kopf nach links und rechts, sah aber nur Bäume und das wunderschöne Gesicht. Wo war die Trägerin, die Besitzerin der Stimme die ihn angesprochen hatte?
»Hey, Albert!«
Zwei wunderschöne weiße Hände packten seinen Kopf und drehten ihn zurück in die Ausgangsstellung. Albert sah wieder das Gesicht mit den grünen Augen und den unnatürlich spitzen Ohren, blickte etwas tiefer und sah den schmalen aber starken Körper eines jungen Mädchens. Es trug haargenau dieselben Klamotten, wie er sie auch an Klara gesehen hatte (sogar ihre Kette war dieselbe!), bevor er ...
Ja bevor was? Bevor er bewusstlos geworden war? Ja, gut! Das war jedoch bei ihm zuhause passiert — wo aber war er denn jetzt hier? Und wo war Klara und wo — ein Blitz der Erkenntnis knallte durch Alberts Gehirn, sein Kopf ruckte zurück und er starrte das Mädchen vor sich an. Ihm fiel das Kinn herunter.
»Klara?«, fragte er ungläubig.
Das Mädchen seufzte erleichtert. »Jaah, Albert.«
»Klara?«, ächzte Albert, rutschte auf dem Waldboden, auf dem er lag, zurück und sah das Mädchen vor sich noch einmal genauer an. Verdammt, die war schön — und ganz bestimmt nicht Klara. Das da vor ihm war eher eine Elfe! Was natürlich Schwachsinn war, da es keine Elfen gab.
Genauso wie es keine Riesen gab ...
Das schöne Mädchen — das behaupte Klara zu sein — seufzte wieder, lehnte sich gegen einen nahen Baum und sah Albert offen ins Gesicht. »Schau mich an!«, befahl sie, was nicht weiter nötig war, da Albert sie eh schon die ganze Zeit zweifelnd-sprachlos anstarrte.
Er blickte dem Mädchen angestrengt ins Gesicht und entdeckte nur ebenmäßige Züge, glatte Haut und zwei schmale Lippen, grünen Augen, schwarzes Haar und spitze Ohren. Und keinerlei Ähnlichkeiten mit Klara. Das da vor ihm war nicht Klara. Punkt!
Oder doch?
Albert blickte erstaunt auf das Gesicht, das sich ganz, ganz, ganz langsam begann zu verwandeln. Die ebenmäßigen Züge gingen zurück, die Ohren schrumpften, die glatte Haut wurde anderes glatt, die Lippen dicker und die Augen und das Haar braun. Nach einigen Sekunden lehnte da am Baum nicht mehr eine Elfe, wie Albert sich eine immer vorgestellt hatte, sondern wieder seine unausstehliche Klassenkameradin.
»Was?« Unsicher rutschte Albert etwas näher an die Elfe/an Klara heran und starrte sie an. Die ihm bekannten braunen Augen von Klara starrten zurück, ein spöttischer Glanz lag in ihnen und passte zu dem ebenso spöttischen Lächeln, das er unverwechselbar als das von Klara entzifferte. »Klara?«
»Ja, Albert, ich bin es — Klara!«
»Aber ... wie, was, wo, warum, weshalb und wieso?«
»Ist eine lange Geschichte«, zuckte Klara mit den Schultern.
»Dann erzähl sie mir!«, forderte Albert, blickte sich um und ergänzte: »Aber vorher sagst du mir, wo wir hier eigentlich sind, wie wir hierhergekommen sind und ob gerade wirklich ein Riese das Haus meines Vaters zerlegt hat!«
Klara lächelte spöttisch, zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. »Sonst noch irgendwelche Forderungen?«, fragte sie herablassend.
»Ja, eine Entschuldigung wär´ ganz nett!«, brummte Albert, der gerade seinen verletzten Arm entdeckt hatte, der zum Glück nicht mehr blutet und auch nicht so schlimm verletzt war, als wie er es zuerst gedacht hatte. Der aufgeschlitzte Arm war in Wirklichkeit nur ein angekratzter Arm.
»Noch was?«, fragte Klara und fuhr dabei ihre ihm bekannte jetzt-reizt-du-mich-aber-Nummer.
»Nein«, brummte Albert und konnte seinen Blick nicht von Klaras Gesicht nehmen, das bis gerade noch ein ganz anderes gewesen war. Das einer Elfe.
Verrückt!
»Gut, dann sperr mal die Lauscher auf! Du und ich, wir sind hier in der Nähe vom Drachenfels — ich hab uns hier hin katapultiert, durch den Raum ... Ist was kompliziert, hat was mit Magie und so zutun und ... Ist nicht wichtig, Hauptsache ist, dass wir hier sind.«
»Drachenfels, Magie — was?«, fragte Albert verwirrt und ein wenig zweifelnd.
Magie? Hallo, geht´s noch? Anderseits hatte er mit eigenen Augen den Riesen gesehen und Klaras Verwandlung von einer Elfe zu einem ganz normalen Mädchen.
»Ja, Drachenfels«, nickte Klara. »Sag bloß du kennst den nicht.«
»Doch, ich kenne ihn nicht.«
»Siebengebirge?«
»Nein.«
»Königswinter?«
»Nein.«
»Bonn?«
»Ja, schwach.«
»Ich bin erleichtert«, seufzte Klara gespielt. »Königswinter liegt in der Nähe von Bonn, und bei Königswinter liegt das Siebengebirge mit dem Drachenfels, in dessen Nähe wir hier gerade sind.«
»Schön, aber wie sind wir hierhin gekommen?«
»Magie, sagte ich doch schon.«
»Magie«, äffte Albert, »geht´s noch was abstrakter?«
»Bis gerade hast du noch ganz locker hingenommen von einem Riesen angegriffen worden zu sein und einer Elfe gegenüberzusitzen — was soll das also jetzt?«, fragte Klara scharf.
»Ich ...« Albert errötete und schlug die Augen nieder. »Das ist alles so ...«
»...wahr! Albert, es ist wahr«, sagte Klara eindringlich. »Aber das ist jetzt nicht von Interesse. Was jetzt von Interesse ist, ist dass du, Albert, die Aufgabe bekommen hast, zu verhindern, dass Barbarossa mit Pauken und Trompeten wiederkehrt!«
»Hää?«, fiel Albert darauf nur ein.
Klara lächelte. »Du hast schon verstanden! Du sollst verhindern, dass Barbarossa die jetzige Ordnung auf den Kopf stellt. Und ich soll dir dabei helfen«, fügte sie säuerlich hinzu.
»Okay.« Nichts okay! Er, Albert, verstand gar nichts — oder nicht richtig. »Und wie passt in das Ganze jetzt der Riese und ... du?«
»Barbarossa hat ein paar Helfer, die ihn unterstützten, damit er erfolgreich wiederkehrt. Einer dieser Helfer ist der Riese Hymir, der sich an Thor rächen will. Er hat uns wohl seinen Artgenossen auf uns beide gehetzt, um uns auszuschalten.«
»Hymir, Thor? Was?«
Klara verdrehte die Augen und verwandelte sich plötzlich und schlagartig zurück in die hübsche Elfe. »Nach was, Albert, sehe ich für dich aus?«
»Nach ... nach einer Elfe«, antwortete Albert verwirrt.
»Also, was schließt du dann daraus?«, wollte Klara weiter wissen.
»Das ... das es Elfen gibt?«
»Sehr gut — und was schließt du daraus? Wenn es Elfen gibt, dann gibt es auch ... Na?«
»Riesen? Zwerge?«, schlug Albert vor — beide Arten hatte er ja mal kennengelernt, den Riesen vor Minuten, den Zwerg vor einigen Tagen ...
»Und Götter!«, ergänzte das Elfenmädchen, verwandelte sich zurück in Klara und fügte hinzu: »Und die Götter streiten sich zurzeit wegen Barbarossa! Und da du nicht ganz unschuldig in dieser Sache bist, sollst du es wieder richten. Kapiert?«
»Äähm ... also, ich soll, weil sich irgendwelche Götter ...«
»Die Germanischen«, bemerkte Klara.
»... die germanischen Götter streiten, den Streit schlichten, indem ich dafür sorge, dass Barbarossas Wiederkehr nicht stattfindet. Richtig?«
»Ja.«
»Und du sollst mir dabei helfen.«
»Auch richtig.«
»Und es gibt wirklich Elfen, Zwerge, Riesen und natürlich die Götter.«
»Ebenfalls richtig!«
»Bekloppt!« Albert starrte Klara abwartend an, eh er den Kopf schüttelte.
Sie grinste spöttisch und herausfordernd. »Na, was ist? Glaubst du mir nicht?«
»Doch.« Kann ich ja auch nicht anderes! Niemand kann sein Aussehen einfach so wechseln und es gibt keine Menschen die sechs Meter große Füße haben und mit den bloßen Händen Wände einreißen. »Aber, das ist so ... unreal!«
»Wer sagt, dass alles real sein muss? Und wer sagt, was real und was unreal ist?«, lächelte Klara spöttisch und schien ihren Spaß zu haben.
»Okay, ich gebe mich ja geschlagen — aber ich verstehe noch immer nicht ganz den großen Zusammenhang!«, sagte Albert.
»Den großen Zusammenhang? Was für ein Zusammenhang?«, fragte Klara ehrlich verwirrt.
»Na, der Zusammenhang mit den Göttern! Was tun sie, oder wofür sind sie da? Ich meine, wenn man mal so in die Geschichte blickt, sieht man nicht unbedingt eine Spur von einem Gott, oder gar mehreren — das weißt du doch wohl am besten!«
»Wie schlau bemerkt«, sagte Klara lobend und ohne jede Spur von Spott, wie er sonst immer in ihrer Stimme mitschwang. »Und genau diese Frage kann ich dir nicht beantworten — warum die Götter nicht mehr ins Geschick der Menschen eingreifen. Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal. Jeder muss und sollte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, und es nicht in die Hände von irgendwelchen Göttern legen. Ich kann dir nur sagen, dass sie da sind, die Götter — alle! Die germanischen, die römischen, die griechischen, die ägyptischen und all die anderen. Sie sind da. Sie und die Nebengottheiten, wie Germania es ist — deine Auftraggeberin, mal so nebenbei bemerkt. Wenn du dich also mal Beschwerden willst, wende dich gefälligst an sie!«
Albert nickte abwesend. Er musste erst mal alles verarbeiten, was Klara ihm offenbart hatte. Die Götter aus der Mythologie gab es also — und zwar alle! Ebenso gab es all die Fantasywesen!
WOW!
»Schön ... ich soll also für Germania —«
»Die Nebengöttin, die für Deutschland zuständig ist«, ergänzte Klara.
»Okay, Germania will also, dass ich verhindere, dass Barbarossa wiederkehrt, weil er dann die Ordnung über den Haufen wirft! Kann ich verstehen, aber ich verstehe nicht was dann Thor und dieser Riese ... Himier damit zu tun haben.«
»Hymir! Der Riese heiß Hymir, und der ist sauer auf Thor! Und da Thor Germanias Anstrengungen unterstützt, nutzt Hymir das als Grund um Thor und Germania und letztlich auch dich anzugreifen! Er will sich rächen. Verstanden?«
»Nein! Aber ist mir auch egal, denn ich denke mal nicht, dass ich von dem Auftrag loskomme, oder?«
»Nein, du kommst nicht von diesem Auftrag los! Germania hat ja schließlich dafür gesorgt, dass du nicht mehr der Schwächling Albert bist, sondern ein Junge mit Muskeln, mit denen er sich gegen die Angreifer, die ihm noch begegnen werden, stellen kann. Von den Muskeln weißt du ja schon, immerhin hast du mit ihnen erst die Glastür, dann das Waschbecken im Jungenklo und zuletzt eine Fensterscheibe kaputtgemacht!«, sagte Klara.
Albert sah sie aus großen Augen an. Daher kam also seine unheimliche Kraft! Von Germania. Sie war also an allem schuld. Sie war schuld daran, dass man ihn unter den Lehrern seiner Schule als Lügner und Sachbeschädiger sah. Und sie war daran schuld, dass er zuhause Ärger bekommen hatte und das seine Eltern wegen ihm enttäuscht waren!
Diese Germania ...
»Okay, ich soll also Barbarossa stoppen — warum sind wir dann hier bei diesem Drachenfels und nicht im Kyffhäuser; was mir logischer erscheinen würde?«
»Weil wir einen Drachenhort suchen«, gab Klara schlicht zur Antwort.
1
»Drachenhort?«, echote Albert.
»Ja, Drachenhort«, bestätigte ihm Klara.
»Und ... und was wollen wir in diesem Hort, wenn wir ihn mal gefunden haben?«
»Was klauen«, antwortete Klara feierlich.
»Klauen?«
»Jaah Mann, was klauen!« Klara erhob sich, klopfte sich Laub von der Kleidung und winkte dem verwirrt-überrumpelten Albert. »Los komm, ich erkläre es dir unterwegs!«, sagte sie und quetschte sich durch die dicht an dicht stehenden Bäume um sie herum, in einer Richtung, von der Albert nicht sagen konnte, ob es Norden, Osten, Süden oder Westen war.
Hilflos-ergeben trottete Albert ihr hinterher und dachte dabei die ganze Zeit nur daran wie verrückt das Ganze war, auch wenn es wahr war. Da gab es also nun die Götter, wie man sie so kannte. Da gab es auch die ganzen Gestalten, Elfen, Zwerge, Riesen und so. Und es gab sie schon seit Jahrhunderten, ohne dass das einer wusste!
Nein, so stimmte das nicht! Man wusste es, glaubte aber nicht daran, dass es da oben einen Gott gab, der mit Blitzen um sich warf, worauf es Gewitter gab — Gewitter gab es, weil da verschiedene, erklärbare, Prozesse abliefen, die fürchterlich kompliziert zu erklären waren.
Früher hatte man an die Götter geglaubt, heute braucht man sie nicht mehr, weil man die Wissenschaft hatte.
Aber die Götter waren noch da! Sehr lebendig und sie existierten, damals als man noch an sie glaubte, und heute wo man nicht mehr so wirklich an sie glaubte.
»Verrückt«, entfuhr es Albert laut.
Klara drehte sich zu ihm um. »Es ist aber alles so, wie ich es dir gesagt habe!«
»Jaah, ich glaube dir ja auch — ich mein, du bist ja ein sehr beeindruckendes Beweisstück!«
»Beeindruckendes Beweisstück«, murmelte Klara, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder um.
Albert fragte sich, ob er sie beleidigt hatte, oder nicht, verschob eine Antwort darauf auf später und starrte stattdessen auf Klaras Rücken. Auf den Rücken eines Mädchens, dass beliebig ihr Aussehen verändern konnte. Mal war sie ein ganz normales menschliches Mädchen, dann aber konnte sie auch eine wunderschöne Elfe sein. So oder so, war sie jedenfalls nicht ganz normal ...
Albert erinnerte sich in diesem Zusammenhang an die Minuten, die noch gar nicht allzu lange her waren, als der Riese damit begonnen hatte das Haus seines Vaters zu zerlegen. Klara war schnell, flink und stark gewesen! Er erinnerte sich daran, wie mühelos sie ihn auf die Beine gezogen und/oder hinter sich hergezogen hatte. Klara war etwas ganz Besonderes. Aber wer und was genau, das erschloss sich ihm nicht ganz.
»Sag mal, was bist du eigentlich genau? Elfe oder Mensch? Und was genau ist deine Aufgabe? Wieso sollst du mich begleiten?«
Klara drehte sich nicht um und antwortete — erst mal — auch nicht. Schweigend ging sie einfach weiter durch den Wald, zielstrebig, ohne dass Albert ein Ziel sah oder erahnen konnte. Erst nach einiger Zeit antwortete sie knapp: »Ich bin noch keine Elfe und auch noch kein Mädchen — ich ... ich muss mich noch entscheiden was ich sein will, werde.«
Albert meinte, dass Klaras Stimme ziemlich bitter klang, verbot sich aber nachzubohren, weil er Klara kannte. Das Mädchen Klara, das sehr schnell mal ausrasten konnte, wenn man sie ärgerte oder drängte.
»Und ich bin eine Seherin, weswegen ich dich begleiten muss, denn«, Klara blieb plötzlich stehen und drehte sich um, und ihre Augen funkelten dabei angriffslustig, »ich bin nicht sehr erbaut darüber, dass ich dich begleiten muss!«
»Hey, wir können doch ganz gut Freunde werden.« Albert hob die Hände, ob abwehrend oder beschwichtigend wusste er selbst nicht genau zu sagen. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. »Ich mein, wenn wir schon aneinander gebunden sind. Du musst dafür nur weniger arrogant und weniger stolz herumlaufen!«
»Elfen sind Menschen gegenüber arrogant und stolz — weil sie nämlich um ein Vielfaches besser sind!«, zischte Klara.
»Jaah, toll. Aber du hast selbst gesagt, dass du weder das Eine noch das Andere bist! Also komm einfach mal von deinem hohen Pferd herunter, hier ist schließlich niemand, den du beeindrucken musst; mich hast du schon beeindruckt.«
»Pfff, war ja auch nicht schwer. Mädchen können Jungs ganz leicht beeindrucken, während Jungs das andersherum nicht können!« Klara warf den Kopf zurück und lief wieder los.
Albert folgte ihr, ohne zu wissen, was das noch werden sollte, und was da noch kommen würde. Klara war gerade eindeutig mehr Elfe, als ein normales Mädchen (wobei sie das noch nie gewesen war)!
Das konnte ja wirklich noch was werden ...
2
Albert folgte Klara schon seit einer ziemlich langen Zeitspanne, ohne dass sich groß etwas um sie herum verändert hatte. Noch immer liefen sie durch einen Wald, der einfach kein Ende zu haben schien. Das hätte ihm eigentlich nicht weiter gestört, wenn Klara ihrem Versprechen nachgekommen wär´, ihm zu sagen, was denn Sache war mit diesem Drachenhort und was sie dort klauen wollten. Aber sie schwieg, ob beleidigt oder einfach nur so, wusste er nicht, wollte es aber ehrlich gesagt auch nicht herausfinden. Klara konnte grundsätzlich nur ätzend sein, nie mal ganz locker und cool.
»Was weißt du über Hymir dem Riesen und seinem großen Kessel?«, fragte Klara urplötzlich von vorn und riss Albert aus seinen Gedanken.
Kurz und wirklich ernsthaft überlegte er, dann zuckte er mit den Achseln, bis ihm aufging, dass das Klara nicht sehen konnte, weswegen er ein schlichtes »Nichts« nachschob.
»Dann hör zu!«, forderte Klara im Tonfall der Besserwisserin, die sie war. »Hymir hat einen Kessel gehabt, der so groß war, dass die Götter sich den ausleihen wollten, um in ihm Bier zu brauen. Sie schickten Thor los — den Typen mit dem Hammer, der so was ist wie der griechische Zeus — und der bekommt, nachdem er ein paarmal beweisen musste wie stark er ist, den Kessel schließlich auch von Hymir ausgeliehen. Du kannst dir ja jetzt denken, warum Hymir noch eine Rechnung mit Thor offen hat, warum er sich rächen will.« Klara blieb stehen und drehte sich abwartend zu Albert um.
»Ehrlich gesagt?«, fragte der.
Klara nickte.
»Nein«, gestand Albert.
Klara verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und legte ihn dann schief. »Mann, bist du wirklich so blöde oder tust du nur so? Was ist an der Geschichte am wichtigsten?« Sie wartete eine Antwort gar nicht ab, als sie sah, dass Albert die Stirn runzelte. »Die Tatsache, dass der Kessel geliehen ist!«
»Ah!« Erkenntnis flammte in Albert auf. »Thor hat den Kessel nie zurückgegeben. Richtig?«
»Der Kandidat erhält hundert Gummipunkte!«, bemerkte Klara spöttisch.
Albert fragte sich kurz, ob er jemals ein richtiges und aufrichtig gemeintes Lob von ihr zu hören bekommen würde, statt immer nur diesen ätzenden Spott — aber er wusste, dass die Chance darauf so gering war, dass er wahrscheinlich eher von einem Blitz getroffen wurde, während der Himmel strahlend blau war, als dass das geschehen würde.
»Ja, Thor und die anderen Götter haben den Kessel nie zurückgegeben, weil er so perfekt zum Bierbrauen war! Das hat Hymir natürlich wütend gemacht und schon lange will er sich deswegen rächen und jetzt hat er die Gelegenheit dazu«, erklärte Klara.
»Okay, und was hat das jetzt alles mit meinem Auftrag zu tun?« Das nämlich erschloss sich Albert gar nicht — anderseits war er ja auch nicht der Seher vor Ort. Das war ja Klara, wie sie behauptete.
»Germania weiß zufälligerweise, dass der Kessel mal den Göttern geklaut worden ist. Die Götter haben das vertuscht, weil Hymir dann noch wütender geworden wär´, weil sie keine Anstrengungen unternommen hatten, den Kessel zurückzuholen — so wichtig war er ihnen dann auch wieder nicht. Götter halt.« Klara machte eine abfällige Handbewegung, über die sich Albert mitsamt ihres Tonfalls wunderte. Irgendwie war da mehr, als nur normale Verachtung gegenüber den Göttern. Ihm schien, als schwamm da was Persönliches mit. »Jedenfalls, der Dieb war ein Lindwurm — ein Drachen — und dieser hat hier irgendwo seinen Hort. Wenn wir den finden und in ihm den Kessel; schnappen wir uns diesen, bringen ihn zu Hymir und bitten ihn nicht mehr für Barbarossa zu arbeiten und uns zu sagen für wen er — also Hymir — arbeitet. Es muss nämlich jemanden geben der über Hymir steht und der Barbarossa anderweitig besser unterstütz, als der Riese. Riesen hauen nur drauf, aber das allein würde Barbarossa ja nicht auf den Thron bringen!«
»Okay, noch mal neu.« Albert schwirrte etwas der Kopf und er war sich nicht ganz sicher, ob er alles richtig verstanden hatte, was Klara ihm mitgeteilt hatte. »Wir beide sollen einen Kessel aus dem Hort eines Drachen stehlen, ihn zu Hymir zurückbringen und ihn bitten seine Unterstützung aufzugeben und uns zu verraten, wer noch Barbarossa unterstützt. Richtig?«
»Ja, vollkommen«, lachte Klara spöttisch. »Bist schnell von Begriff, Albert!«
»Ist das nicht ein bisschen gefährlich?«, fragte Albert besorgt. In einen Drachenhort einzubrechen, um etwas zu stehlen, klang nicht ganz ungefährlich — eben wegen dem Drachen. Und dann einem Riesen gegenüberzutreten, klang auch nicht gerade wie ein Zuckerschlecken.
»Ein bisschen schon«, gab Klara achselzuckend zu. »Aber: no risk, no fun!«
»Ich —«, setzte Albert an und wollte weiter sagen: kann ganz gut auf das Risiko verzichten, mir reicht der Spaß — aber er kam nicht dazu, da Klara ihn spöttisch unterbrach. »Hast du Angst? Mmmh?«, säuselte sie, sprang vor und machte: »Buuh!«
»Sehr lustig, Klara!«, brummte Albert beleidigt. Angst? Ja, verdammt, er hatte Angst! Immerhin sprachen sie hier von Drachen und Riesen, und nicht davon einer wehrlosen alten Omi die Handtasche zu klauen (nicht das er sowas je machen würde)!
»Hey, Albert, cool sein! Der Drache wird eh nicht da sein, ist auf Urlaub. Jetzt in der Sommerzeit ist der Drachenfels immer so dicht besucht, dass er sich gestört fühlt!«, sagte Klara und es war beruhigend das zu hören.
»Warum hast du das nicht gleich gesagt?« Albert seufzte erleichtert darüber, dass er in einen Drachenhort einbrechen musste, ohne dass er Gefahr laufen würde, von dem Besitzer attackiert zu werden.
»Weiß nicht«, zuckte Klara grinsend. »Ich glaub ich wollte sehen, wie du dir vor Angst in die Hose machst!« Sie grinste noch breiter, dann wandte sie sich um und setzte pfeifend den Weg fort.
Albert seufzte, verdrehte die Augen und folgte ihr. In die Hose machen, wegen eines Drachens? Pfff ... er doch nicht. So viel Angst hatte er nun auch wieder nicht ...
Ach, und was war vorhin, als der Riese dich angegriffen hat? Da hattest du doch den Drang verspürt Wasser zu lassen! Mmmh?, fragte eine Stimme in ihm. Schnell brachte Albert diese zum Schweigen, so wie man es gemeinhin mit der Wahrheit manchmal machte.
3
»Zweimal rauf«, bat Klara die Fahrscheinverkäuferin, zückte ihr Portemonnaie und zahlte den Betrag mit einer goldenen Kreditkarte (die Albert mit offenem Mund, aber ohne Fragen zu stellen, anstarrte), nahm die beiden Fahrkarten von der Frau entgegen und reichte Albert eine mit säuerlicher Miene.
Ausnahmsweise sah er sie daraufhin einmal spöttisch an. »Na, Miss Perfekt? War wohl nicht so perfekt gezielt, wie?«
»Ach, halt den Mund«, forderte Klara genauso säuerlich, wie ihre Miene war, und blickte stur geradeaus auf die geschlossene Glastür, hinter der gerade ein grüner Triebwagen ruckelnd bereitgestellt wurde.
Albert lächelte weiter spöttisch und war ganz zufrieden damit, dass Klara nicht so perfekt war, wie sie immer tat, denn: Sie hatte sich beim Murmeln der Zauberformel in der Ortsangabe vertan und sie nicht nur mitten in einen Wald katapultiert durch den sie eine Stunde geirrt waren, eh sie aus diesem raus fanden, sondern auch noch auf den falschen Berg!
Auf den Petersberg, statt auf den Drachenfels.
Deswegen waren sie jetzt hier in der Talstation der Drachenfelsbahn, um mit dieser auf den Drachenfels zu kommen. Mit der Bahn zum Drachen ... Service gab es vielleicht.
Noch immer zufrieden lächelnd nahm Albert neben Klara im Triebwagen Platz und schweigend ging es den Berg hinauf, bis zum Schloss Drachenburg, an dessen Station Klara kommentarlos Albert bedeutete auszusteigen. Auf dem Bahnsteig blieb sie so lange gespielt interessiert umschauend stehen, bis die mit ausgestiegenen Touristen verschwanden.
»Was machen wir hier?«, gestattete Albert sich neugierig zu fragen. »Die Spitze des Drachenfels ist ein paar Meter weiter hoch.«
»Und wer sagt, dass wir dahin müssen?«, fragte Klara genervt, während sie den Eingang zum Schloss Drachenburg — ein Schloss das inmitten eines großen Parks mit ziemlich alten Bäumen wie ein Märchenschloss dalag — ansteuerte.
»Niemand«, gab Albert zu. »Aber ... na ja, wohnt der Drache nicht oben auf dem Berg?«
»Warum sollte er?«, fragte Klara ehrlich interessiert.
»Damit er besser starten und landen kann? Hier sind ihm ja nur Bäume im weg, da kann er seine Flügel nicht so richtig strecken«, schlug Albert vor.
»Albert, du hörst nicht zu«, bemerkte Klara im zufriedenem Tonfall einer Siegerin. »Ich habe dir gesagt, ein Lindwurm hat den Kessel geklaut! Was steckt in dem Wort Lindwurm drin? Mmmh? Überleg mal!«, forderte sie, während sie zwei Eintrittskarten für das Schloss in dessen Vorburg kaufte.
»Also?«, fragte sie dann.
»Wurm?«, antwortete Albert fragend.
»Genau, und wo lebt ein Wurm?«
»In der Erde. Was also heißt, dass der ... derDrache unter uns ist?« Albert deutete auf den Boden zu seinen Füßen, der ganz harmlos dalag.
Klara nickte.
»Oha!« Albert spürte ein Kribbeln bei der Vorstellung, dass gerade unter ihm ein Drache durch die Erde kroch, Feuer spie und jeden Moment vor ihm aus der Erde brechen konnte. »Und wie kommen wir da runter?«
»Indem wir in den Keller des Schlosses gehen und durch eine Falltür schlüpfen!«, sagte Klara als wäre es das selbstverständlichste der Welt.
4
Albert konnte den Impuls nicht länger unterdrücken und legte eine Hand auf Klaras Schulter, was sie kurz zusammenzucken ließ, mehr aber auch nicht. Sie ließ ihn gewähren, aber nur widerwillig. Aber sie hatte selbst gesagt, dass sie im Dunkeln mehr sah, als er, und damit hatte sie Recht.
Er, Albert, sah gar nichts. Nur schwarz, schwarz und nochmals schwarz, weswegen er ihre Führung brauchte, mit ihr im Kontakt bleiben musste. Denn allein auf seine Ohren und sein Gespür konnte er sich nicht mehr verlassen, weil es einfach tiefschwarz um sie war — und dass, seitdem sie heimlich durch die versteckte Falltür im Keller des Schloss Drachenburg gestiegen waren.
»Mann, wie kannst du in dieser Finsternis noch was sehen?«, rief Albert bewundert. Ein Elf zu sein schien ziemliche Vorteile zu haben.
»Indem ich die Augen aufmache«, antwortete Klara gereizt.
