Sagen und Legenden aus dem Westerwald - Daniel Robbel - E-Book

Sagen und Legenden aus dem Westerwald E-Book

Daniel Robbel

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Beschreibung

Geschichten, wie Sie sie noch nie gehört haben Im Westerwald pfeift der Wind kalt und die Nacht ist lang. Kaum verwunderlich, dass in diesem Viereck zwischen Sieg, Dill, Lahn und Rhein manchsagenhafte Geschichte gedeiht. Gruselige Gestalten treiben in der Dunkelheit ihr Unwesen und auch Hexerei ist hier keine bloße Theorie. Aber Halt! Nicht alles istschauderhaft! Die Sagen und Legenden des Westerwalds kommen oft mit einer spitzen Prise Humor und erfrischender Nüchternheit daher. Erleben Sie die Geschichten von der „Boller Mosch“, dem Tholm und dem Petermännchen so, wie Sie sie noch nie gehört haben.

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Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2022

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SAGEN UND LEGENDEN AUS DEM WESTERWALD

DANIEL ROBBEL

INHALT

Vorwort

I. Die Legende vom Boller Mosch

II. Der Lökestein

III. Die Sage vom Petermännchen

IV. Die Geschichte vom Seeloch

V. Die Geschichte vom Gänsehirt von Alpenrod

VI. Die traurige Geschichte des Dorfs Obermehren

VII. Der Ritter von Hattstein

VIII. Das Auge Gottes und das Nonnenfeld

IX. Der Ritter von Steinebach

X. Der Tholm

XI. Der Schatz im Fockenbachtal

XII. Der Ritter von Huhn

XIII. Der Postillion von Wirzenborn

XIV. Das Stoppelkalb

XV. Der Ring der Zwergenkönigin

XVI. Das Hötzelstier

XVII. Der Jörg vom Springerloch und der wilde Jan

XVIII. Der goldene Fisch von Burg Reichenstein

XIX. Der Bergmann Hans

XX. Das Bergmännlein

XXI. Die Geschichte vom Zauberer Schrattenholz

Quellennachweis

Wo die Sagen und Legenden beheimatet sind

VORWORT

Herzlich Willkommen im wundervollen Westerwald! Im geografischen Viereck zwischen Rhein und Lahn, Dill und Sieg ist schon manche Sage und Legende gediehen. Bekannt ist der Westerwald vor allem durch seine reiche Bergbautradition, seine weltbekannte Töpferkunst und die schier endlosen Weiten bewaldeter, sanft geschwungener Landschaften. Die »Wäller«, wie die Eigenbezeichnung der Westerwälder lautet, lieben ihre Heimat. Und die Westerwälder selbst sind sympathisch, auch wenn ihnen der Ruf vorauseilt, außerordentlich starrsinnig zu ein. Lassen Sie es sich gesagt sein: Auch das ist nur eine Legende.

Gesegnet mit stolzen Herzen für ihren Landstrich, sind die Wäller doch ein wenig so wie das Gestein, dass sie einst mühselig aus dem Erdreich zutage förderten. Eckig und kantig, aber auch überaus solide und bodenständig. Geht es um die Heimat, erzählen die Wäller gerne und mit Herzblut von alten Geschichten und noch älteren Legenden. Und viel mehr noch: Viele Sagen haben Einzug in den Alltag der Menschen gehalten und werden auch heute mit Vorliebe erzählt.

Im vorliegenden Buch möchte ich Sie genau dorthin entführen: in das Reich von vergessener Magie und wahren Wundern, riesigen Monstern und schaurigen Gespenstern, tapferen Rittern und grimmigen Räubern. Denn Stoff für diese Geschichten hat die Region eine Menge hervorgebracht. Und natürlich ist der Sinn – und somit auch die Moral – jeder Anekdote von anno dazumal völlig klar: Sie sollen belehrend wirken, so, wie ein kleines Tröpfchen Medizin für das ganz persönliche Seelenheil in herausfordernden Zeiten. Die Basis für eine solche Legende ist immer die Region selbst, der Westerwald eben. Mixen wir dazu noch eine Prise christlicher Tradition und würzen das Ganze mit etwas zeitgenössischem Justizverständnis, sind wir fast schon fertig mit dem Rezept für eine runde Märchenstunde. Aber: Es soll ja auch schmecken! Deshalb wartet jede Sage und Legende mit einem Klümpchen Zucker auf, um dem geneigten Leser (oder Zuhörer) diese Medizin schmackhaft zu machen. Jede Lebensregel wird schließlich viel bekömmlicher, wenn im Drumherum wunderschöne Damen, trinkfeste Kerle oder schaurige Burgen zu finden sind. Am Ende haben wir eine gut verdauliche Story gezaubert. Und keine Sorge: Große Interpretationsarbeit brauchen Sie bei der Lektüre nicht zu leisten. Es erwartet Sie eine gut sortierte Welt aus Weiß und Schwarz, Held und Schurke. Wer also gut ist, ist gut, wer böse ist, bleibt es auch. Doch ein »Happy End« gibt’s nicht immer. Manchmal gewinnt eben auch die dunkle Seite. So, wie es im Leben nun einmal ist.

Zu diesem Grundgerüst gesellen sich die spezifischen Themen des Westerwaldes. So sind die Protagonisten auffällig oft im Bergbau beschäftigt. Kein Wunder, stellte doch der Abbau von Erzen, Schiefer und vielem mehr über Jahrhunderte die Haupteinnahmequelle der Region dar. Dies brauchte den tatkräftigen (und enorm kräftezehrenden) Einsatz vieler fleißiger Hände. Und jenen, die gar keine andere Möglichkeit hatten, als unter Einsatz ihres Lebens im Steingrund des Westerwaldes nach Wertvollem zu schürfen. So stellt der Bergmann den Archetypus des »Mannes von nebenan« dar, der in engen, heißen und staubigen Stollen dem Erdreich seine Schätze abringt. Mit dieser Tätigkeit genügend Geld aufzubringen, um die Familie durchzuschlagen, mag zwar im realen Leben die Hauptmotivation für das Bergmannsdasein gewesen sein. Doch in der Welt der Westerwälder Sagen und Legenden kommt ein weiterer Motor dazu: das Streben nach unermesslichem Reichtum. Eine gewisse Gier ist omnipräsent in den Erzählungen. Da Gier eine eher schlechte Angewohnheit und nicht weniger als eine Todsünde ist, reckten unsere geschichtenerzählenden Vorfahren den moralischen Zeigefinger gerne schnurstracks in die Höhe. Es wurde in bunter Vielfalt geschildert, welches Schicksal dem Standard-Bergmann von früher drohte, sollte sein Herz von der Habsucht erfasst werden. Freilich wurde an imaginären Bestrafungen nicht gegeizt. Nicht selten war der Tod das Resultat allzu überbordender Gier. Dennoch: Das Streben nach weltlichem Reichtum wird in den Erzählungen manchmal verständnisvoll entschuldigt. Wer eher nach einem sorgenfreien Leben trachtet als nach schnödem Luxus, kommt hier und da ein wenig besser weg.

Ein Schicksal, das dem bekannten Ritter Peter allerdings verwehrt blieb. Der Edelmann voller Fehl und Tadel ist eine wahre Ikone im Städtchen Westerburg und dies bis heute. Vereine benennen sich nach dem Protagonisten der wohl bekanntesten aller lokalen Legenden und auch ein Denkmal wurde dem Mann gesetzt. Verdient hat er es wohl nicht, zumindest eigentlich. Schließlich war Ritter Peter ein überaus gieriger Zeitgenosse, der sehenden Auges einen Pakt mit dem Teufel einging. Der Leibhaftige musste den Ritter gar nicht bezirzen. Im Gegenteil, fädelte er den Vertrag doch selber ein. Der Verlust der eigenen, unsterblichen Seele war ihm beileibe egal. Hauptsache, sein Schloss war mit allerlei Kostbarkeiten gut gefüllt. Dass dieses Geschäft für Herrn Peter alles andere als gut lief, ist kein Geheimnis. Doch sein Weg dorthin ist spannend!

»Wenn man vom Teufel spricht«, lautet ein überaus bekanntes Sprichwort. Und wenn ein Wesen seinen Fußabdruck in den Legenden und Sagen hinterlassen hat, dann ist es der Belzebub! Auch die Geschichten aus dem Westerwald bilden da keine Ausnahme. Stets als permanenter Verführer in jeder erdenklicher Situation und hinter jedem Busch lauernd, bildet er das Gegenstück zu Gott, Tugend und Christlichkeit. Seinem göttlichem Widersacher gegenüber hat der Teufel allerdings einen massiven Vorteil: Er ist stets präsent. Während die Hauptdarsteller der Legenden eher selten Zeuge eines wahren, göttlichen Wunders werden, trifft den Teufel gefühlt irgendwann jeden einmal. Und dabei kommt er auch noch so unerhört kumpelhaft daher! So war es auch in der Geschichte von Windhagen, vielmehr in der Sage vom Lökestein. Hier hat der Teufel ein Alleinstellungsmerkmal: Zwar tritt er mit allerlei (vermeintlich) positiven Tugenden auf, wie zum Beispiel Schick, Charme und Schläue. Aber da die Protagonisten ein hehres Ansinnen haben, scheitert sein Plan, die Windhagener auf seine Seite zu ziehen. Jeder noch so durchtriebene Trick funktioniert nicht. Und nicht nur das: Er bekommt auch seine gerechte Strafe. Dies ist in diesem Fall zwar keine ewige Verdammnis, aber eine Verletzung, die heutzutage dringlich in einer Notaufnahme hätte behandelt werden müssen.

Dies ist das Schöne an den Legenden des Westerwaldes: Im Vergleich zu mancher fantastisch anmutenden Märchengeschichte, die als Volksgut im deutschsprachigen Raum gilt, sind die Wäller Sagen hier und dort mit außerordentlichem Realitätsbezug und sogar einer spitzen Prise Humor gesegnet.

So treffen wir auf Männer, die nach allzu viel Wein und Schnaps von einem schlechten Gewissen geplagt werden, weil sie im Rausch allerhand Schabernack angestellt haben. Oder gestandene Kerle, die vor einer Abreibung ihrer Ehefrau mehr Angst haben als vor der Teilnahme an einem ausgewachsenen Kreuzzug. Auch finden wir junge und bildhübsche, aber rotzfreche Damen, die das Schicksal einmal zu oft herausgefordert und einen gemeinen Streich zu viel gespielt haben.

Treffen jene Charaktere mit ihren Ecken und Kanten auf unglaubliche Wesen, wird es spannend! Drachen, Riesen oder Waldschrate sind gar nicht gemeint. Vielmehr sind es die urtypischen Westerwälder Kreaturen, die manchem tugendlosen Westerwälder das Leben schwer gemacht hatten. Sei es der Tholm oder das Hötzelstier: Der Fundus an gruseligen und grausigen Monstern ist im Westerwald reichlich! Das bedeutet aber nicht, dass jedes Treffen mit den Genannten Tod und Verderben zur Folge hatte. Denn manchmal hat so mancher Zeitgenosse eben nur eine kleine Abreibung verdient, um auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurückzukehren. So sind die Ungetüme des Westerwaldes ein lebendiger Beweis, dass auch ein Wesen ohne Zeigefinger jenen moralisch in die Luft heben kann. Dass manches Aufeinandertreffen manchmal sogar mit einer gehörigen Tracht Prügel auf den Hosenboden endet, macht das Ganze umso lustiger!

Zweifellos bieten die Geschichten von früher interessante Einblicke in das Leben der Vergangenheit. Diese muss nicht immer unbeschwert gewesen sein. Neben der identitätsstiftenden Kultur der Bergleute waren die übrigen Berufe nicht minder beschwerlich. Dies gilt für Bauern genauso wie für Müller oder Köhler. Und dann waren es vor allem die Kriegs- und Krisenzeiten, die in den Legenden Niederschlag finden. Prägend war besonders der Dreißigjährige Krieg. Die Angst der Bevölkerung vor marodierenden Soldaten war seinerzeit Realität. Außerdem litten die Menschen unter der Tyrannei lokaler Herrscher. Das Bild des gierigen, grausamen Regenten, der sein Volk mit willkürlicher Gewalt überzog, ist ebenfalls ein gängiges Szenario. Oft finden sich diese Details der Westerwälder Geschichte auch in den Sagen und Legenden in diesem Buch wieder – sei es bloß als düstere Drohkulisse.

Und ja, die Wäller hatten es auch sonst nicht immer leicht. Neben dem Teufel persönlich, körperlosen Spukgestalten und seltsamen Ungeheuern hatten sie es genau so mit Menschen zu tun, die heute durchaus als Psychopathen gelten würden. Mordende, wahnsinnige Waldbewohner zum Beispiel. Oder seltsame Außenseiter der Gesellschaft, die daran Lust gewannen, anderen Menschen möglichst viel Leid anzutun. Parallelen zu bekannten Kriminalfällen der Neuzeit sind vorhanden. Auch die Tatsache, dass mancher Schurke aus den Geschichten nicht in der Hölle landete, sondern im Gefängnis, macht die Legendenwelt des Westerwaldes nachvollziehbarer.

Wie Sie sehen, gibt es im Reich der Sagen und Legenden eine Menge Herausforderungen für die Menschen des Westerwaldes, die es zu bestehen galt. Mal ganz lustig, mal erschreckend, manchmal schockierend und manchmal mitten aus dem Leben: Die Inhalte der Geschichten der Region sind so abwechslungsreich wie deren Bewohner selbst.

In diesem Buch kommen bekannte Erzählungen wie die der Boller Mosch, die Geschichte des Jan vom Springerloch oder die des Ritters von Steinebach ganz anders daher, als sie bisher erzählt wurden. Vielschichtige Charaktere, tiefgründige Dialoge und ein Quäntchen Weltlichkeit sollen den altgedienten Sagen des Westerwaldes Vitalität und Nähe einhauchen. Die Aktionen und Reaktionen der Menschen sollen nachvollziehbar werden. Und – Hand aufs Herz – daran hapert es bei unserem Volksgut manchmal. So erwarten Sie eher Kurzgeschichten aus anderen, ja, ganz magischen Zeiten mit Menschen, die unsere wahrhaftigen Ahnen gewesen sein könnten.

Bei der Lektüre wünsche ich Ihnen viel Freude.

Herzlichst, Ihr

Daniel Robbel

TEIL1

DIE LEGENDE VOM BOLLER MOSCH

Dort, vor der Hütte auf den zusammengeschobenen Heuballen, wo sie eben noch ruhig zusammensaßen, herrschte Aufruhr. Die Kinder standen im Eingangsbereich und blickten wie gebannt durch die glaslosen Fenster des Bauernhauses. Von drinnen erklang ein Poltern und Toben, ein Gequietsche und Gezwitscher. Eine Mehlschwalbe segelte vor wenigen Minuten hinein. Doch der Unfug, den der Vogel auf der Suche nach einem Ausgang innerhalb der Hütte anstellte, wurde schnell durch die hilflosen Versuche des Bauern überboten, das Tier mit Hilfe eines Reisigbesens wieder an die frische Wäller Luft zu setzen. Allerlei Inventar flog laut krachend durch die Gegend – sehr zur Freude der Kinder des Dorfes, die sich an dem Bild erfreuten. Nur wenige Minuten dauerte das Spiel, bis es dem Bauern gelang, die Schwalbe durch eine Dachluke zu scheuchen. Dann wandte er sich den scherzenden Kindern zu und scheuchte sie in gespieltem Zorn über die Straße, die laut kichernd um die nächste Hausecke verschwanden, um sich ein neues Spiel zu suchen. Der Bauer hingegen setzte sich kurz ab, wischte sich mit seiner Schürze den Schweiß von der Stirn und hob grüßend die Hand in Richtung der gegenüberliegenden Straßenseite. Da stand Vinzenz von Krummenscheyd, der das Gewusel, das die Schwalbe anrichtete, mit mildem Lächeln beobachte. Vinzenz grüßte zurück.

»Das Monster ist verjagt, was?«, rief er. Der Bauer lachte ein wenig atemlos, als er sich auf den Weg zu ihm machte.

»Ein harter Kampf, Vinzenz, ein harter Kampf. Stehst Du schon lange hier?«, fragte der Bauer.

»Lange genug, um mich an deinem Duell mit dem Vögelchen zu erfreuen!«

Der Bauer grunzte vergnügt.

»Lass gut sein. Ich frage dich: Hast du Matthes gesehen?«

Matthes war ein junger Bursche, fleißig und hilfsbereit. Er half dem Bauern, wann immer Arbeit anfiel, bei der Ernte wie der Saat. Arbeiten, die er nicht immer alleine verrichten konnte. Und deshalb war Matthes, obgleich er nicht wirklich in Lohn und Brot bei ihm stand, dem Bauern eine große Hilfe. Heute hatte Matthes versprochen, ihm beim Schichten des Feuerholzes zu helfen. Es hätte keine Münze dafür gegeben. Aber eine Mahlzeit bekommt er nach getaner Arbeit immer serviert, auch wenn es meist nur ein einfacher Brei ist.

»Sag bloß, du hättest ihn nach der Schwalbe jagen lassen?«, fragte Vinzenz lachend.

»Nein, nein!« Der Bauer erklärte, dass sein Scheitholz noch draußen läge und doch dringend ins Haus müsste. Gerstenbrei hätte es ja auch gegeben.

Als die Kinder des Dorfes lachend und rennend um die Hausecke kamen, ergriff Vinzenz die Gelegenheit.

»He da!«, rief er.

Die Kinder bremsten ab und unterbrachen ihr Spiel. Denn sie hatten Respekt vor Vinzenz vor Krummenscheyd. Nicht nur, dass er von großem Wuchs war, schindete Eindruck. Er galt als weiser Mensch, dessen Ratschläge von allen Dorfbewohnern, groß wie klein, gerne angenommen wurden. Fragte einer Vinzenz um Rat leuchteten seine blauen Augen keck und gerne half er wo er konnte. Die Menschen mochten ihn dafür, und viele freute es, wenn er aus dem Dorf ins nahe Altenhofen kam. Ja, Vinzenz war beliebt. Und mutig war er auch. Und so fühlten sich die Menschen wohl behütet, wenn er in der Nähe war.

»Kinder, seid so gut! Helft dem Mann mit seinem Holz. Es ist nicht viel. Aber wer den größten Scheit tragen kann, bekommt die größte Schüssel Brei!«

Der Bauer sah Vinzenz mit großen Augen an.

»Oder, Bauer?«, fragte Vinzenz.

»Nun … ja! Freilich!«

»Seht ihr, los jetzt! Ab!« Vinzenz deutete auf die Hütte, in der eben noch die Schwalbenjagd stattfand. Die Kinder hüpften in Richtung der Bauernkate und der Bauer, der nun wieder zu Atem kam, ging hinterher.

Vinzenz schaute noch ein wenig zu, bevor er sich auf einen Baumstumpf setzte und seine Tabakspfeife reinigte. Die Kinder gaben sich in Erwartung der willkommen Zusatzmahlzeit redlich Mühe im Schleppen des Feuerholzes. Aber wo war Matthes? Der Bauer hatte recht. Der einst aufrichtige junge Mann wurde in letzter Zeit selten gesehen. Vinzenz wusste, warum. Die Antwort hieß Evchen, eine junge Magd, redlich und hübsch. Wenig verwunderlich, dass Matthes seine Pflichten hier und dort ein wenig schleifen ließ. Wessen Herz voller Liebe ist, hat nur wenig Zeit für Arbeit. Zumal das Evchen nicht im Dorf wohnte, sondern am Ende des Mehrbachtals. Allein das Hin- und Herreisen dauerte. Und so blieb das Feuerholz manchmal draußen.

Doch die Dorfbewohner verziehen es Matthes stets. Jeder kannte das Evchen und alle waren sich einig, dass ihre Bekanntschaft eine glückliche Fügung sein musste. Vinzenz schüttelte amüsiert den Kopf. Kein Scheitholz mag dieser Verbindung im Wege stehen und auch kein Brei lockt den Matthes zurück ins Dorf. Wahrscheinlich mochte er bereits gerade auf dem Weg zu seiner Angebeteten sein. Sputen sollte er sich, dachte er, denn die Schwalben flogen tief. Ein untrügliches Zeichen für einen Wetterwechsel hinüber zum Gewitter. Und ein weiterer Gedanke kam ihm in den Sinn. Die Alten und ganz Jungen erzählen sich gerne schaurige Märchen. Uralt sind die zumeist, doch eine neue Erzählung macht derer Zeiten die Runde. Im Mehrbachtal soll es spuken, hieß es. »Als wären unsere alten Geschichten nicht gut genug«, murmelte Vinzenz und zog gedankenverloren an seiner Pfeife.

Matthes war von einem Hochgefühl erfasst und atmete tief die Waldluft ein. Tausende Gerüche in einem Streich drangen an seine Nase. Feuchtes Moos, morsches Holz, das frische Wasser des Mehrbachs bildeten eine angenehme Melange. Doch im Grund seines Herzens waren ihm die Wohlgerüche sehr egal, denn dort war nur Platz für die Eine. Evchen hieß sie und fast an jedem Tage machte er sich auf zu ihrem kleine Zuhause, dass einige Kilometer entfernt in Hirzbach stand.

Dazu musste er das Mehrbachtal durchqueren. Schon immer war dieser Ort Gegenstand zahlreicher mahnenden Geschichten der Alten. Es hieß, dass es hier spuken würden. Matthes ließ sich von den Geschichten weder aus der Ruhe noch von seinem Plan abbringen, seine Herzensdame zu besuchen. Geht es nach den Alten, spukt es doch überall, befand er ganz aufgeklärt. Anstatt sich den Schauermärchen hinzugeben, setzte er seinen Weg durch das durchaus malerische Tal fort und kam nur kurze Zeit später in Hirzbach an.

Evchen stand bereits von der Tür und erwartete ihren Liebsten, der bereits in Sichtweite kam. Sie winkte fröhlich. Matthes freute sich. »Wie hübsch sie doch ist!«, dachte der junge Mann immer wieder auf ein Neues. Und ja, es wurde ihm warm um sein Herz. An diesem Herbstmorgen schien die Sonne mit mildem Lichte auf die Holzhütte, in der Evchen mit ihren Eltern und Geschwistern lebte. Ein leichter Wind ging und die zarten Birken wiegten sich in dessen Kraft. Hühner und Hähne scharrten nach Würmern und Samen im trockenen Boden. Und Evchen stand dort, mit Schürze am Leib und Besen in der Hand. »Ein Ort zum Altwerden«, dachte Matthes und war glücklich beseelt von dieser Vorstellung.

Auch wenn Matthes noch einige Meter entfernt war, legte sie den Besen beiseite und öffnete grüßend die Arme. Eine lange Umarmung folgte und die beiden setzten sich auf eine der beiden Bänke gleich vor der Tür. Evchen brachte ihrem Matthes etwas Bier, der daraufhin von den Erlebnissen der letzten Tage erzählte. Viel zu erzählen gab es da weiß Gott nicht, der junge Mann verbrachte schließlich mehr Zeit in Hirzbach als in Altenmühlen. Durch diese Gewissheit in ihrer Liebe bestärkt, kicherten sie vergnügt. Matthes plauderte über den Müller, der sich immer ungeschickt anstellte und gewiss sein Leben lang Hilfe brauchen würde, um nur einen Sack Mehl zu mahlen. Und über einen schönen glitzernden Stein, den er dem Spukgeist im Mehrbachtal geklaut habe und Evchen ganz gewiss bald schenken werde. Die beiden lachten. Matthes übertrieb gerne, um seine Liebste zu beeindrucken. Evchen nahm ihm das nicht krumm, im Gegenteil. Sie fühlte sich sehr geschmeichelt, wenn sich ihr Matthes als großer Abenteurer aufspielte. Gerade dann, wenn er für sie vermeintliche Geister beraubte.

Eine andere Gewissheit ist – und dies weiß ein jeder, der einmal verliebt war –, dass die Zeit schneller verfliegt, umso schöner sie verbracht wird. Evchen und Matthes vergaßen alles um sich, wenn sie miteinander in Gespräche vertieft waren, die nur durch gelegentliche Zärtlichkeiten unterbrochen wurden. So fiel es den beiden zunächst nicht auf, dass die dünnen Birken von dem Wind nun ein wenig heftiger geschüttelt wurden. Laub fiel auf den Erdboden, von dem die Hühner sich bei ihrer Suche nach Essbarem bereits abgewandt hatten und nun im Stroh in ihrem Unterschlupf pickten. Und tatsächlich, von Südwesten her schoben sich düstergraue Wolken über den Horizont und verdunkelten den zuvor tiefblauen Himmel zügig. Sorgenvoll blickte Matthes auf die schwarzgrauen Formationen. Schwül war es und es brauchte nicht lange, bis die ersten dicken Regentropfen platschend in den Staub fielen.

»Es wäre besser, wenn ich jetzt gehe.« Matthes schaute traurig drein bei diesen Worten.

»Aber warum?«, fragte Evchen und legte ihre Hand auf seine. »Bleib doch hier und warte den Sturm ab.«

»Und was ist, wenn es die ganze Nacht gewittert? Wenn ich morgen nicht im Dorf dem Müller helfe, wird er furchtbar wütend«, klagte Matthes. »Zu oft habe ich ihn schon enttäuscht.«

Evchen verstand.

»Dann mach dich besser gleich auf den Weg«, sagte sie und blickte in den Himmel.

»Ja.« Matthes hielt noch einige Augenblicke ihre Hand, küsste sie flink und zog seine Haube fest.

Es regnete schon sehr dicke, eiskalte Tropfen. Matthes bekam eine Gänsehaut.

»Ich muss mich wirklich sputen«, dachte er und ging los in Richtung des Mehrbachtals. Einen kleinen Augenblick, dachte er noch an den Spukgeist, der bei mondklaren Nächten im Tal sein Unwesen treiben sollte. »Wie albern!«, dachte er sich angesichts der ganz realen Bedrohung durch das Gewitter. Obwohl Matthes meinte, schon einmal selbst ganz unwirkliche Geräusche im Wald gehört zu haben.

»Ihr müsst euch wirklich mehr sputen!«, lachte Vinzenz. Er saß im Haus des Müllers und beobachtete nicht ohne Vergnügen einen sehenswerten Kampf. Der Müller prustete und schnaufte, als vergebens versuchte, einen davonrollenden Eimer einzufangen. Ja, der Wind hatte angezogen, es war ein echter Sturm. Donnergrollen kündigte Großes an. Mit knallrotem Gesicht und Schweißperlen auf der Stirn setzte sich der Müller stöhnend neben Vinzenz an den Tisch und nahm einen gewaltigen Schluck aus seinem Bierkrug.

»Wenn es nur der Eimer bleibt, Vinzenz. Dann ist alles gut. Aber nicht, dass uns das Dach wegfliegt.« Der Müller schlug die Arme vor dem Bauch zusammen und ließ das Kinn besorgt auf die Brust sinken.

»Sorge dich nicht zu sehr«, beruhigte ihn Vinzenz. »Wir haben schon viele Stürme überstanden.«

Vinzenz hob seinen Krug und prostete dem immer noch schwer atmenden Müller zu.

»Wahrscheinlich hast Du recht. Was soll schon passieren …«, murmelte er.

Draußen regnete es nun stark. Ein feiner Nebel aus Wasser drang bei jedem Windstoß durch die glaslosen Fenster und ließ die beiden Männer blinzeln. Nass und hilflos saßen sie dort. Vinzenz lachte unweigerlich angesichts des begossenen Müllers, dessen klatschnasses Haar strähnig auf die Stirn fiel. Und der lachte mit.

»Komm! Ich hol uns noch zwei Bier!«, sagte der und ging mit beiden leeren Krügen schmunzelnd fort.

Die schmalen Pfade des Mehrbachtals sahen heute so anders aus. Matthes sputete sich so gut es ging, doch die ausgetrampelten Wege waren völlig verschlammt. Nur mit Mühe bekam er Halt auf dem rutschigen Untergrund. Bereits wenige Minuten nach dem Einsetzen des Gewitters war er völlig durchnässt. Sturm und Regen kamen schneller als erwartet – und heftiger. Seine nasse Kleidung scheuerte auf der Haut. Am liebsten wäre er wieder umgekehrt. Doch die Vorstellung, gleich bei einem Bier beim Müller zu sitzen, machte ihm Beine. Wahrscheinlich wird er lauthals lachen, er war ja nasser als ein Fisch. Und vielleicht … Matthes fiel plötzlich zu Boden. Er versuchte sich abzustützen, doch seine Hände glitten auf dem matschigen Untergrund ab. Völlig verschlammt blickte er sich um, es goss weiterhin wie aus geöffneten Schleusen. Eine Wurzel. Er sah eine Wurzel, an der er mit dem Fuß hängen geblieben war.

Nun war er völlig verdreckt. »Ich muss aussehen wie eine Wildsau«, dachte er sich. Gleichzeitig wurde ihm nun alles gleichgültig. Matthes lehnte sich zurück und atmete durch. Nass und schmutzig war er ohnehin und dreckiger würde er nicht werden können. Also was sollte es! Auch Evchen würde er heute nicht mehr sehen, ihm wäre es peinlich, sähe sie ihn so vermaledeit schmutzig.

Matthes blickte in den wolkenverhangenen Himmel. Es war dunkel wie in der tiefsten Nacht. Dann grollte der Donner, lautstark, als wenn tausend Pauken trommeln. Und dann brach der Himmel unter einem grellen Lichtblitz auf und erfüllte den Wald in kalte Grelle. Das Gewitter war ganz nah, es war da. Wie gut, dass ich im Wald bin, dachte Matthes. Die Bäume werden schützen. Und dann wieder: »Rums!« Der Donner ging dem jungen Mann durch Mark und Bein. »Rums!«, machte es wieder. Matthes Körper fühlte sich plötzlich schwer wie Blei. Er war starr vor Angst angesichts des Konzertes aus Licht und Lärm. Er konnte nicht aufstehen. Und dann noch einmal »Rums!«. Unwillkürlich klammerte sich Matthes an einen Ast. Er zählte im Geiste mit. Gleich müsste es wieder kommen, das markerschütternde Donnergrollen.

»Mosch!«

Matthes riss die Augen panisch auf. Was war das? »Wer da?«, rief er in den tiefschwarzen Wald hinein. Und noch mal, »Wer da?« Es war ein Mensch, der da brüllte. Oder ein Geist?

»Mosch!« Da war es wieder. Begleitet von einem tiefen Hämmern, einem Schlagen, einem Bollern, als schlüge man mit einem Hammer auf einen Eichenstamm. Matthes krallte seine Hände ins Erdreich, er atmete schnell und panisch.

»Mosch! Mosch! Mosch!« In Eile versuchte Matthes aufzustehen, doch rutschte er sogleich wieder aus. Er fiel und fiel bei jedem Versuch. Ein Blitz zischte durch den Himmel, wieder war es taghell im Tal. Donnergrollen. Und wieder wurde es ihm hell vor Augen. Doch diesmal blitzte es nicht. Matthes fühlte einen tauben Schmerz in seinem Kopf. Eine warme Flüssigkeit rann über seine Wangen und vermischte sich mit kaltem Schlamm und Wasser. Blut. Hinter ihm sprach plötzlich jemand. Das Wort »Gold« hörte er da, und ja, im Himmelreich ist alles golden, dachte er. Matthes wurde ganz heiß, bevor er den nächsten dumpfen Schlag an seinem Hinterkopf spürte. Und wieder klang es dort von hinten. »Gold, Gold« und »Mosch«. Matthes lächelte. »Ja, Gold«, dachte er noch.

Abgesehen von einem abgedeckten Haus – das Strohdach war ob des Sturms unter lautem Krachen zur Seite hin abgerutscht – hatte Hirzbach das Unwetter gut überstanden. Das Gewitter kam schnell und gewaltig, doch umso schneller ging es wieder. Am nächsten Morgen war der Himmel blau. Überall standen breite Pfützen und die Sonne strahlte über dem Dorf. Eigentlich, so dachte Vinzenz, wäre es ein guter Tag. Doch dieser Gedanke verkehrte sich schnell. Am Horizont tauchte Evchen auf. Ihr folgte eilig ein Mann, es musste ihr Vater sein. Ihr Kleid war schmutzig und voller Schlamm, sie schluchzte voller Grauen. »Matthes!«, schrie sie.

Der Müller lief zu Evchens Vater und wollte wissen, was passiert sei.

»Wir haben Matthes im Wald gefunden«, sagte der Vater. »Erschlagen wurde er.«

Auch Vinzenz war bei dem Pulk Menschen angekommen, der sich um das heftig schluchzende Evchen versammelte.

»Was ist geschehen?«, wollte er wissen.

Evchen versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

»Matthes war gestern bei mir, als das Gewitter kam … Er war noch gar nicht lange unterwegs, als …«

Der Vater nahm seine nun noch mehr weinende Tochter in den Arm und übernahm die Erzählung.

»Wir dachten, wir hätten etwas im Wald gehört. Und gingen hinterher. Dort lag er, über und über voller Schlamm und noch mehr voller Blut.«

»Ist er gestürzt?«, fragte Vinzenz.

Der Vater schnaubte. »Gestürzt? Den Schädel hat man ihm eingeschlagen!«

Vinzenz grübelte. Wer sollte dem Matthes etwas Böses tun? Ihn mochte jeder hier. Ob es Räuber waren? Wohl kaum. Schon auf vielen hundert Metern Entfernung sah ein jeder, dass Matthes ein bettelarmer Knecht war. Münzen gibt es da nicht zu holen.

»Und als ihr den Matthes gefunden habt, war er schon tot?«

»So gut wie«, antwortete der Vater. »Er stöhnte noch etwas von einem ›Spitzbuben‹ und ›Gold‹.«

»Wie war das?«, fragte Vinzenz und riss die Augen auf. »Sprich, Mann!«, sagte er energisch.

»Spitzbub Gold, sagte der Junge!« Der Vater war recht verdutzt anhand der energischen Ansprache des Herrn von Krummenscheyds. Wurde Matthes doch erschlagen, weil jemand Gold bei ihm suchte?

»Also, Gold, der Matthes hatte doch kein Gold«, sagte Evchen. »Nur von einem funkelnden Stein hat er mir erzählt und dass er ihn mir schenken möchte.« Als sie diese Worte sprach, weinte sie heftig.

»Den Stein kenne ich«, warf der Müller ein. »Matthes zeigte ihn mir, ist nichts Besonderes. Dafür tötet nicht mal der Teufel. Weiß Gott, woher er ihn hatte. Wartet.« Der Müller lief los, in die kleine Hütte, in der Matthes lebte. Kurz darauf kam er wieder und zeigte Vinzenz den Stein. Es war ein normaler Stein, der eindeutig aus einem größeren Fels gehauen worden war. Feine Adern eines Metalls durchzogen den faustdicken Brocken. Matthes hatte ihn in ein Leinentuch gewickelt. Zwar war der Stein gewiss schön anzusehen und mancher Mensch hätte ihn gerne besessen. Doch wertvoll war er nicht, das wusste auch Vinzenz. Kein Räuber riskiert seinen Hals für ein schnödes Stück Fels. Aber wer sich weder mit Gold noch Kupfer auskannte, der mochte annehmen, hier einen besonderen Schatz in den Händen zu halten.

Als die Männer den Stein betrachteten, meinte Evchen, dass Matthes diesen Stein einem Geist gestohlen habe und er ihr den Brocken schenken wollte. Im Mehrbachtal sollte der Geist

Vinzenz kannte die Mär vom Spuk, an Gespenster glaubte er aber nicht. Sollte der junge Matthes etwa ein Dieb sein? Wurde er von dem Besitzer des Steins etwa ermordet?

Am Abend teilte Vinzenz seinen Gedanken mit dem Müller, als sie bei einem Krug Bier saßen.

»Der Matthes? Ein Dieb? Nie!«. Der Müller lachte bitter bei diesem Gedanken, der ihm nie in den Sinn gekommen wäre. »Faul war der Matthes wohl, aber kein Dieb.«

»Aber was steckt dahinter,« fragte Vinzenz eher sich selbst, als den am Tisch sitzenden Müller, der ihn mit ebenso fragenden Augen anschaute. Die Antwort gab sich Vinzenz selbst : »Ich gehe, und schaue nach!«. Er sprang auf und war bereits durch die Tür hindurch in die Nacht verschwunden, als der Müller gerade noch auf Matthes prostend seinen schweren Bierkrug heben wollte.