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Im Jahre 1910 veröffentlichte Ludolf Stuiber (* 29.03.1861 in Roding, † 19.01.1939) unter dem Pseudonym “Ludolf Silvanus” seine Sammlung von 120 Sagen über den Bayerisch-Böhmischen Wald im „Sagenkranz des Bayerisch-Böhmischen Waldes“. Die vorliegende Ausgabe gibt den Text der Erstausgabe des Jahres 1910 originalgetreu wieder. Der Bayerische Wald und Böhmerwald von der Oberpfalz nach Niederbayern und hinein nach Böhmen ist seit jeher ein mystischer Ort bevölkert von Waldfrauen, Bergmännlein, Riesen, Zwergen und Schrazen, Wassermännern und Wasserfrauen und der ein oder anderen Spukgestalt. Seine Berge und Seen haben jeder seine Geschichten und Sagen. Tauchen Sie ein in die urwüchsige Stimmung und lassen Sie sich bei der nächsten Wanderung im "Woid" an sagenhafte Orte führen.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zu dieser Ausgabe
Titelblatt
Vorwort.
Sagenkranz des Bayerisch-Böhmischen Waldes.
█ Von den Grenzbergen und den Waldseen.
Der Arber.
Der Fischer am Arbersee. *
Waldseeflut. *
Der Hemann.
Von der Waldfrau.
Die Waldfrau. *
Bergmännlein. *
Das Riesenschloß auf dem Osser.
Sagen vom Schwarzen See.
Das Märchen vom Schwarzen See.
Eine Helena in böhmischer Wildnis.
Der Teufelssee. *
Sage vom Rachelsee.
Andre Sage vom Rachelsee.
Der Kratersee. *
Sagen vom Lusen.
Der Saumer. *
Dreisesselberg-Sagen.
Es war einmal ein König. *
Ringlein im Schnee.
█ Aus dem Niederbayerischen Walde.
Bischof Piligrin und die Nibelungen.
Johann von Passau.
Passauer Kunst.
Die Mutter Gottes von Passau.
Huhn und Hecht. *
Schneiderburg. *
Die Braut von Fürstenstein. *
Die Sage von Grainet.
Das Echo in der Buchberger Leite. *
Brudersbrunn.
Tuschl von Söldenau.
Das Gehäkelt. *
Der Winlandfahrer.
Handlab.
Die Halbmeile.
Der Natternberg. *
Die Sage von den Nattern.
Die Hölle bei Deggendorf.
Das Sauloch.
's Märl vo da Rusel. *
Der Vogelsang.
Sagen vom Hirschenstein.
Der wilde Jäger am Hirschenstein.
Die Hunde von Weißenstein.
Das Hirmonhopsen zu Bischofsmais.
Der Teufelstisch.
Die Sage vom Pfahl.
Der See mit dem Feuerberge.
Günther, der Eremit.
Die Schweden in Oberaltaich. *
Der Abt Veit Höser.
Die Gründung Mettens. *
Peter Egger von Egg. *
Der Bogenberg.
Graf Aswins Tanne. *
Ludmilla von Bogen. *
Der Pfleger von Mitterfels.
Der selige Engelmar. *
Der Silberberg von Bodenmais.
Die Pest im bayerischen Walde.
█ Aus dem Oberpfälzer Wald und dem Winkel.
Der Schwarzwihrberg.
Die Schrazen im Giebenberge.
Ein Gesang vom Hussitenkrieg. *
Die Elsenberger. *
Märlein vom Flachs.
Peter Unverdorben. *
Die Wasserfrau.
Der Schwärzenberg.
Die Falschmünzer.
Die Schlange der Büßerin.
Der Brennberger.
Der Brennberger. *
Die Weiber von Falkenstein. *
Der Ritter von Hailsberg.
Herr Urian im Regental.
Der Wassermann. *
Die Geisterburg Stockerfels.
Der Pfeifer auf Stockerfels. *
Stevening.
Fischsagen aus dem Regentale.
Das Heilbrünnlein.
Der treue Star.
Der edelste Gast. *
Alruna. *
Der Ödenturm.
Da vostoanat Ritta. *
Die letzten Riesen. *
Der Schatz auf dem Hohenbogen.
Die Riesengeiß.
Das Fräulein von Lichtenegg.
Der Kötztinger Pfingstritt.
Steingretel. *
Neukirchen zum heiligen Blut.
D' Prünstfrau. *
D' Waldfrau. *
's Burgerrecht. *
Der Schimmel ohne Kopf.
Der Drachenstich.*
Die lange Agnes.
Der Klappermann.
Stilzl, der Roßhirt.
Das Waschweiberl.
Das Silbersbacher Glück.
█ Vom Ostabhang des Böhmerwaldes.
Des Windes Weinen.
Der Freischütz.
Der Schatz von Bayereck.
Das Chodenschloß.
Der Affe von Rabi.
Romanze. *
Die weiße Frau von Rosenberg.
Sagen von der Karlsburg.
Libussa.
Die Teufelsmauer bei Hohenfurth.
Das Steinkirchlein bei Reichenau. *
Legende von Oberplan.
Die Pest im Böhmerwalde.
Eine Sage von den Veilchensteinen.
Die Sage von Maidstein.
Das Märchen vom Blanskywald.
Wittinghausen.
Impressum
Im Jahre 1910 (ca.) veröffentlichte Ludolf Stuiber (* 29.03.1861 in Roding, † 19.01.1939) unter dem Pseudonym “Ludolf Silvanus”1 seine Sammlung von 120 Sagen über den Bayerisch-Böhmischen Wald im „Sagenkranz des Bayerisch-Böhmischen Waldes“. Ludolf Stuiber war2 als „Hauptlehrer“ in Dachau tätig.
Die vorliegende Ausgabe gibt den Text der Erstausgabe des Jahres 1910 originalgetreu wieder. Im Gegensatz zum Originaltext wurden lediglich vier dekorativ gestaltete Initialen durch Buchstaben ersetzt und das Layout durch die frei anpassbare Form eines eBooks ersetzt.
Die Zitierfähigkeit zum Original bleibt erhalten: Die Seitennummern des Originals sind klar ersichtlich in den Text eingeschoben. Die Seitennummern sind in eckigen Klammern gesetzt und markieren den Anfang der entsprechenden neuen Seite. So ist es möglich in Zitaten auf die original Seitennummern der Erstausgabe zu verweisen.
Zitier-Beispiel entsprechend der Erstausgabe von 1910:
Ludolf Silvanus: Sagenkranz des Bayerisch-Böhmischen Waldes. Verlag von Max Kellerer's Hofbuchhandlung, München 1910, S. 72: “Der Teufelstisch.”
Das im Original enthaltene Inhaltsverzeichnis ist ersetzt durch das automatische Inhaltsverzeichnis des eBooks. Im Inhaltsverzeichnis des Originals wurden alle Sagen in Gedichtform durch ein vorangestelltes Sternchen (*) gekennzeichnet. Diese Markierung haben wir in die Sagen-Überschriften (angehängt) übernommen, so daß diese auch in dem automatisch erzeugten Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe erscheint. Im Original ist das Sternchen in den Überschriften nicht enthalten und nur im Inhaltsverzeichnis vorhanden.
Das Cover-Bild ist ein Ausschnitt eines Fotos der Burgruine Weißenstein bei Regen im Bayerischen Wald. Fotograf “Th G” auf PixaBay. Die Burg ist Schauplatz der Sage “Die Hunde von Weißenstein” (S. 66)
das dieser vermutlich aus Liebe zum Wald gewählt hat, denn in der Mythologie ist Silvanus ein italischer Waldgott↩
laut der Personalakte der Regierung von Oberbayern mit der Archivaliensignatur „StAM, PA 14714“ (aufbewahrt im Bayerischen Staatsarchiv)↩
[3]
Fast jede deutsche Landschaft von Ruf besitzt als einen besonderen literarischen Schatz ein ihr eigenes Sagenbuch. Auch von den Sagen des Bayerisch-böhmischen Waldes wurden viele veröffentlicht, aber zerstreut und untergeordnet in Reiseführern und Zeitschriften oder gelegentlich als Aufputz in Erzählungen und Schilderungen. Freilich, ein paar Sammlungen sind ja erschienen – Büchlein für Kinder und zudem das eine mehr niederbayerisch, das andere oberpfälzisch und wieder ein anderes auf Deutschböhmen beschränkt. Daß dabei viel Schönes unerwähnt bleiben mußte, ist selbstverständlich.
Es galt darum, endlich einmal eine vollständige Sammlung herzustellen, eine, die zugleich berücksichtigt, daß der „Wald“ eine Gesamtheit bildet, wie in seiner Natur und im Charakter seiner Bewohner so auch in seinen Sagen und Mären. In vorliegendem Buche sind nun zum erstenmale die schönsten und bedeutsamsten Sagen des ganzen Bayerisch-böhmischen Waldgebirges vereinigt. Nicht alle, aber doch alles, was für jedermann interessant sein mag! Denn der Zweck des Buches ist zunächst, daß es dem Waldwanderer ein Reisebegleiter sei, damit er neben der Schönheit der Natur auch den Zauber genieße, den Sage und Mär' oder auch Dichtung um [4] Berge und Seen, Wald und Wildnis und um soviele Stätten Gottes und der Menschen gewoben haben. In dieser Absicht wurde nicht versäumt, manches aus Werken namhafter Schriftsteller zu entlehnen (den geehrten Herren Autoren bezw. den verehrlichen Verlagsanstalten sei für liebenswürdigst erteilte Genehmigung der lebhafteste Dank erstattet!) sowie ein paar historische und volkstümliche Texte einzureihen.
Vorliegendes Buch möchte gleichwohl auch allen dienen, die im „Wald“ zuhause sind. Es ist durchaus auf Unterhaltlichkeit angelegt und bietet eine Anzahl größerer Sagen-Novellen, die selbst Wäldler, die der Literatur fernstehen, überraschen und erfreuen werden. Etliche sehr umfangreiche Arbeiten mußten freilich gekürzt wiedergegeben werden, damit das Buch nicht anschwelle und durch zu hohen Preis unpopulär werde. –
Wir leben in einer Zeit, die sich inmitten weltläufiger Vielgeschäftigkeit besinnt, Werke heimischer Volkskunst, Naturdenkmäler und Bauwerke zu retten und zu bewahren. Auch die alten Volkssagen sind ein solches Gut und verdienen es gar wohl, konserviert und männiglich zugänglich gemacht zu werden. Die Zeit der Rockenstuben und des Fabulierens am häuslichen Herde ist aber dahin; an die Stelle lebendigen Erzählens ist in unserer studierten Zeit das stillere Vergnügen der Lektüre getreten. Darum ein „Glückauf!“ diesem Buche vom grünen Wald! Möge es dem Reisenden willkommen sein wie etwa Simrocks Rheinsagen, und möchten die Wäldler, ob sie hüben oder drüben wohnen, bedenken, daß sie sich selber ehren, wenn sie dies Buch unserer Sagen beachten und zu seiner Verbreitung unter Einheimischen und Fremden nach Kräften beitragen.
L. S.
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[6]
- Leerseite -
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Einem Könige gebührt der Vortritt, und so beginne denn dieses Buch vom „Wald“ mit dem Waldeskönige, dem Berge Arber, dem alten Ätwa oder Vater. Freilich ist nun gerade dieser König arm an Sagen, ärmer als mancher seiner Vasallen. Vielleicht ist es die Folge ehemaliger Abgeschiedenheit in dem ungeheuren Urwalde der Vorzeit, vielleicht ist mit Völkern verschollen Mythe und Märe. Die Uranwohner des Berges, keltische Bojer und Noriker, sie schwanden ja dahin ins Meer der Vergessenheit, und hernach stand in den Jahrhunderten der Völkerwanderung der Berg so vergessen wie unzugänglich.
Endlich wanderte der Stamm der Bajuwaren aus dem alten Böheim herüber an die Ufer der Donau, während drüben nachdrängten die heidnischen Slaven, und schau, da beginnt sogleich Märe und folgt ausschmückende Sage. Der Berg ward zur Stätte hitziger Kämpfe; der biedere Aventinus weiß noch davon zu berichten. „Im Böhmerwald“, schreibt er, „ist der Hädweg, der höchst Berg oberhalb Passau, und auf dem ein großer See, darum die Böhmen und Bayern kriegen: wer stärker kämpft, wirft den andern in den See.“
Fünfhundert Meter unter den Felsenhäuptern des Berges liegt der dunkle, waldumschlossene Hochsee. Die Seelen der überwundenen Widersacher von dereinst sind in den See gebannt, meldet die Sage, und ein Steinwurf macht rebellisch die unheimliche Flut. Die Geister der Tiefe steigen auf, dichte Nebel brauend, ein Ungewitter sammelt sich und verscheucht mit Blitz und Donner den Frevler, der die Ruhe [8] des Abgrunds störte. – Lieblicher ist die Sage, die von überaus kostbaren Fischen berichtet, die in der Tiefe des Sees ihr Heim gehabt haben sollen. Reinstes Gold waren ihre Schuppen, heißt es, und ihre Augen von Edelstein. Wer ein solches Fischlein fing, gewann den Wert eines Königreiches, aber auch sicheren Tod.
Auf dem Gipfel des Berges, einst vielleicht die Stätte heidnischen Götterdienstes, klebt jetzt ein gemauertes, vor Sturm und Wintergrimm mit Brettern verschaltes Kirchlein. Wie ein lichter Punkt flimmert es an klaren Tagen hinab in das Eisensteiner Tal, dessen Bewohner am Bartholomäitage jedes Jahres dahin eine Wallfahrt unternehmen. An der westlichen der vier Kuppen des Gipfels befindet sich aber noch ein „Bauwerk“, nur aus losem Gestein aufgeschichtet, eng und niedrig. Das ist auch eine Stätte, gleichsam eine Unterkunftshütte des Herrn. Der offene Raum hat keine andere Zierde als zwei Schreine, worin je eine plumpgeschnitzte Figur steht: der gegeißelte Heiland und die schmerzensreiche Mutter mit dem Leichnam. Etliche Heiligenbilder, unter Glas gemalt – verschollene Bauernkunst – bergen die Schreine außerdem.
Manch fremder Wanderer sah vielleicht nie eine so arme Kapelle. Und doch liegt ein eigener, rührender Zauber über der weltverlorenen Stätte. Welchen Ruf sie bei den Wäldlern genießt, davon zeugen zahlreiche Krücken und ein großer, hölzerner Fuß: das Bild der Gottesmutter mit dem Leichnam soll wundertätig sein. Wer Lust und Liebe hat für Wundermären, der folge den Pfaden, worauf so hoch zuberge die Krücken kamen!
Adelbert Müller.
Der Fischer klimmt wohl den Arber hinan, Er klimmt wohl hinauf zum See, Zum See, umgürtet mit Fels und Tann, Und kühler als Nordlands Schnee.
Er birgt sich tückisch im Uferrohr Und wirft die Schnur in die Well'; Bald reißt er ein zappelndes Fischlein empor: „Ei grüß dich, du blanker Gesell!“
[9]
Das Fischlein, o Wunder! tut auf den Mund Und redet mit schlauem Sinn: „Erbarmen! es spielt sich so lustig im Grund; Was bringt dir mein Sterben Gewinn?
Du weißt, es schwimmen viel Fischlein hold Tief unten – tief angle hinein! Die prangen mit Schuppen von purem Gold, Ihr Auge ist Edelgestein.
Sie schlafen des Nachts in korallnem Bett, Von Perlen erbaut ist ihr Haus; Wer solch ein Fischlein gefangen hätt', Der lachte wohl Könige aus.“
„Ha!“ sprach der Fischer, „fort ärmlicher Wicht, Nur flugs in die Pfütze hinein; Du sättigst den hungrigen Magen mir nicht, Mich lüstet's nach Edelgestein.“
Und neiget sich vor, und neiget sich sehr, Will langen bis tief in den Schlund; Da wird ihm das gierige Herz zu schwer – Er stürzt – und sinket zu Grund.
Drob freute das listige Fischlein sich fast, Rief seine Gespielen all'; Die kamen von Nord und von Süden zu Gast – Sie kamen zum Leichenmahl.
Heinrich v. Reder.
Ich habe lang hinabgeschaut In dunkle Wassertiefen, Die wunderbares Traumgebild Mir vor die Seele riefen.
Wie unter finstrer Mächte Bann Sie ruhn in schwarzen Kesseln, Bis einst der Tag, die Stunde kommt, Die schrecklich sie entfesseln!
[10]
Dann steigt die Flut und steigt und steigt Und stürzt sich über die Lande, Bis alles Glück darin versank Und alle Schmach und Schande.
Eine sagenhafte Gestalt, die, jetzt schier vergessen, einst sowohl im unteren als auch im oberen Walde ihr Wesen hatte, war der He- oder Hoimann. Ein gespenstischer Riese, schritt er durch die Wälder, rufend: „He, he, hoi!“ Fern, aber starktönend, so daß man's weithin hören konnte. Der Wanderer, der mit demselben Rufe antwortete, wähnend, es sei ein Verirrter unterwegs, tat übel daran; denn der Rübezahl des Waldes faßte den Gegenruf als Verhöhnung auf, kam lautlos-hurtig wie ein Wolkenschatten auf dem Waldweg einher oder auf den Wipfeln der Tannen und nahm den vermeintlichen Spötter huckeback unter sich. Todmüde ritt er ihn und entschwand oft erst vor den Behausungen des nächsten Dorfes.
Verschieden ist das Aussehen dieses ungemütlichen Waldgeistes geschildert worden. Hier kam er als ein riesenhafter Bauer in Wams und Kniehosen und mit einem Dreispitz auf dem Haupte einher, dort als ein Jäger mit grünem Filzhute und einer Donnerbüchse, anderswo als ein Holzhauer, die Baumsäge unterm Arm und ein Meßscheit wie ein Tännling so lang. Sein Antlitz, verwimmert und alt wie Baumrinde, vermochte nie einer deutlich zu erschauen, heißt es; grau und wirr wie Baummoos waren Bart und Haare.
Freundliches wissen die einzelnen örtlichen Sagen vom Hemann nicht zu berichten. Er scheint ein eifersüchtiger Hüter des Waldes gewesen zu sein, weshalb Holzdiebe und unberufene Waldwanderer vor ihm besonders auf der Hut sein mußten. Heutzutage ist die Sage von diesem Waldesalten freilich dahingeschwunden; selbst Kinder kennen kein Grauen vor ihm, weil sie just nichts mehr davon hören.
Der Aberglaube an den alten Hemann scheint ein Rest urgermanischen Götterglaubens gewesen zu sein, ein Schatten [11] der Erinnerung an den alten Wodan, dem die Wälder geheiligt waren. Darauf deutet auch hin, daß überall, wo sich die Hemannssage fand, auch die Sage von einem durch die Wälder trabenden Schimmel, Wodans Reittier in Walhalla, gang und gäbe war. So im nördlichen Böhmerwald. Im südlichen begleitete den Hemann mehr die Sage von weißen, auf Bergwiesen grasenden Stieren, ein Fingerzeig auf Freier, den altdeutschen Gott, der Sonnenschein und Regen, Erntesegen und Reichtum spendete.
Eine viel weitere Verbreitung als die Sage vom Hemann hatte dereinst die von der Waldfrau. Sie fand sich sowohl im bayerischen als auch im böhmischen Walde, sogar noch im Oberpfälzerwald, wo die Waldfrau als Holzfräulein oder „Hoiweiblein“ von sich reden machte. Eigentlich ist die Sage slavischen Ursprungs und scheint dann bei den einzelnen Volksstämmen verschiedene Umbildung erfahren zu haben, weshalb es auch unmöglich ist, den Schemen im allgemeinen zu zeichnen.
In unserm Wald war die Fraue ein berückend schönes, aber dämonisches Weib, das in einem unterirdischen Kristallpalaste hauste, ähnlich wie Frau Venus im Hörselberge Thüringens. Manchmal ritt sie durch die großen, dämmerigen Forste, entweder auf einem Hirschen, die Leier in weißen Händen, oder mit Köcher und Bogen zu Rosse. Auf junge Weidgesellen hatte sie es abgesehen, des Waldes Lorelei, auf törichte Knaben, sie zu verführen und auf Nimmerwiederkehr in ihren Palast zu verzaubern.
Im oberen Walde war die Waldfrau ein harmloses Wesen, ja gutmütig und klugen Rates voll. Dort soll sie noch immer als ein steinalt, klein Mütterlein durch die grünen Schatten schleichen und plötzlich antreten, wer verlegen oder leidvoll durch den Wald wandelt. Dann frägt und rät sie, und was sie rät, hat Witz und bringt Glück. Besonders soll schon manch lebensgefährlich verliebtes Herz Trost und Hilfe bei der alten Waldweisen gefunden haben.
[12] Ganz anders erscheint die Waldfrau bei den slavischen Völkern. Dort gilt sie als eine Unglücksbotin, deren kümmerliche Gestalt bleich und abgehärmt vor die Türen der Menschen kommt, zu betteln und zu prophezeien. Wer ihr freundlich gibt und duldsam ist, mag abwenden oder wenigstens mindern das Leid, das ihrem Winke zu folgen scheint. Mit Brot und einem Krüglein Bier wird sie gewöhnlich bewirtet.
Ein gar niedlich Ding ist endlich das Holzweiblein des oberpfälzischen Waldes, geschäftig und segenbringend allen, die ihm gut sind. Darum vergaß früherszeiten keine Dirne, wenn sie den Flachs oder Lein säete, etliche Körnlein in das Waldgebüsch zu streuen – für das Holzfräulein. Dann wuchs der Flachs üppig und als Dank baute die Maid dem Weiblein ein Hüttchen aus Flachsstengeln.
Also wechselt die Waldfrau wie die Zauberin im Märchen je nach Land und Leuten ihr Wesen. Wir werden ihr öfters begegnen in all dem grünen Wald.
Heinrich v. Reder.
Heut' lag ich unterm Eichenbaum Und dacht' an alte Zeiten, Da sah ich auf dem Edelhirsch Vorbei die Waldfrau reiten.
Sie hatte ein langgoldnes Haar Und eine goldne Leier; Sie hat mir dreimal zugewinkt Mit ihrem grünen Schleier.
Ich sprang empor in jähem Schreck Und eilte ohne Säumen; Doch immer muß ich, wo ich bin, Nur von der Waldfrau träumen.
[13]
Joseph Reginus.
Im Mittagsschein am Tannenschopf Ein Männlein sah ich sitzen, Bergmännlein mit dem grauen Kopf, Drin Schelmenäuglein blitzen.
Sein Röcklein war gesponnen Gras, Sein Hütlein spitz und schäbig, Im Munde glomm aus grünem Glas Ein Pfeiflein dick-behäbig.
„Und wüßtest du das rechte Wort, Just wär's die rechte Stunde, Auf täte sich der Berg sofort Zum Zauberschloß im Grunde.
Die Wände rings sind eitel Gold, Die Fenster Edelsteine, Und Tisch und Stühle wunderhold Geschnitzt aus Elfenbeine.
Darinnen haust die schönste Fee Und singt die schönsten Lieder, Es leuchten weiß wie junger Schnee Die goldumlockten Glieder.
Des Walds melodisch Rauschen ist Der Nachhall ihres Sanges, Der Quell, der aus dem Felsen fließt, Noch voll des Wunderklanges.
Und wer sie glücklich je beschlich' Und küßt' des Munds Rubinen, Des Liedes Zauber nähm er sich Im Weihekuß von ihnen.
[14]
Nun stehst du just am rechten Ort, Hinab ins Schloß zu steigen; Bergmännlein weiß das rechte Wort, Bergmännlein weiß – zu schweigen.“
Rasch greif ich nach dem losen Wicht, Das Wörtlein wüßt ich gerne; – Ein Pilz in meiner Hand zerbricht, Und Lachen klingt von ferne.
Aus: Gedichte von J. Reginus. Straßburg, L. Beust.
Nach Adelbert Müller.
Auf den beiden Gipfeln des Ossers waren früherszeiten noch Spuren von Bauten der Vorzeit zu sehen. Die sind freilich verschwunden, nur eine alte Karte bezeichnet die Häupter des Berges noch als Burgstalle. Ja, der Sage nach soll sich neben den beiden gegenwärtigen Gipfeln sogar ein dritter erhoben haben. Drei Riesenbrüder, heißt es, beherrschten von drei Schlössern aus den Berg. Einer von ihnen ward wegen seiner Gottlosigkeit mit Feste und Fels von der Erde verschlungen und ein dunkler See quoll an der Stelle hervor.
Die Märe hievon ist aber folgende. Besagter Riese hatte ein holdseliges Ritterfräulein, das im Tale zu weit an das Gebirge gelustwandelt war, in seine Gewalt bekommen. Innerhalb der Wälle seiner Bergfeste hielt er es in Gewahrsam, bis es kirre würde, seine Burgfrau zu werden. Weil aber sotaner Riese ein entsetzlicher Heide war, der Gott und Gerechtigkeit Hohn sprach, so weigerte sich das Maidlein wacker, in den Plan des Ungetüms zu willigen. Es sehnte sich hinweg von den rauhen, unwirtlichen Höhen – freilich vergeblich. Wohl kamen kühne Ritter, den Riesen im Zweikampf zu bezwingen; aber der Unhold erschlug jeglichen Widerpart und verscharrte die Leiber im Geröll der Wälle, worauf das Fräulein spazieren ging.
Endlich kam ein Kreuzfahrer, der aus dem heiligen Lande heimkehrte, gen den Berg und erfuhr aus dem Munde des Fräuleins von aller ihrer Not und dem Leid der Ritterschaft. Noch während der ritterliche Pilger der Gefangenen [15] Mut zusprach, ward im nahen Walde ein Getös: des Riesen greuliche Gestalt, ganz in Stahl gehüllt, einen zentnerschweren Pfahl schwingend, brach hervor und forderte allsogleich den Pilgrim auf, sich mit Waffen seiner Haut zu wehren. Dieser aber nannte als Schwert das Kreuz und Gottvertrauen als seinen Schild. Darob brach der Riese in schallendes Hohngelächter aus. Ein erregter Disput über Gottes Allherrlichkeit entspann sich zwischen beiden, wobei aber der Bergriese also vermessen Gottes spottete, daß das Strafgericht urplötzlich über ihn hereinbrach. Ein Blitzstrahl fuhr aus dunkler Wolke auf den Frevler nieder.
Furchtbar rollte der Donner; die Erde erbebte und krachte und wie aus Höllenrachen brachen schwarzer Dampf, Feuer und Wasser aus Schluchten und Klüften des Berges hervor.
Zwar waren auch Pilger und Maid schwer bedroht; doch kein Tropfen benetzte ihr Gewand, kein Gluthauch sengte auch nur ein Haar ihres Hauptes. Denn ein Engel stand vor dem Paar und schirmte es vor jeglichem Ungemach.
Als endlich der Donner schwieg, der Brand erlosch, als Rauch und Dampf sich verzogen hatten, da sahen die beiden wohl nach Fels und Feste, sahen aber nur mehr einen ungeheuren Felsabsturz und in der Tiefe einen großen, schwarzen See. Wildbrausende Wogen warfen den Leichnam des Riesen an den Strand.
In einem seitlichen Kessel des langgestreckten Osserrückens liegt an einer mächtigen Felsenwand, rings von Hochwald umgeben, der Schwarze oder Bistritzer See. Dieses Gewässer ist groß, dunkel und unheimlich; verschollene Sage hielt es für unergründlich. Einmal wollte ein wäldlerischer Edelherr die Tiefe dennoch ermessen. Zu diesem Zwecke ließ er am Gestade ein Floß bauen und dann sich mitten in den See hineinfahren, das Senklot zu werfen. Aber vergeblich war dies Bemühen. Obwohl man Stück um Stück an die hänfene Schnur band, war doch der Grund nicht zu erreichen. Endlich tauchte gar ein Wassermännlein neben dem Floße auf und rief zürnend: „Wie wollt ihr Toren ermessen, was grundlos ist? Macht euch von dannen und stört nicht länger die Ruhe der Tiefe!“ –
[16] Da trieben die Männer erschrocken ihr Fahrzeug ans Ufer und enteilten. In der alten Zeit hat sich keiner mehr getraut, den See ergründen zu wollen.
In den unterirdischen Tiefen des künischen Gebirges soll ein ungeheurer See sein, mit dem alle Seen des Böhmerwaldes in Verbindung stehen. In dem jetzt verfallenen Sankt Kathreiner Bergwerke ersah einmal ein Knappe die unheimliche Flut durch eine Kluft des Erzgesteines. Auch der Schwarze See, sagt die Sage, werde aus dem unterirdischen Gewässer gespeist. Wenn aber dereinst Sünden und Laster der Welt überhand nähmen, dann quölle das Gewässer der Tiefe empor, so daß die Waldseen alle überflössen und alles Leben in den Tälern des Gebirges vernichtet würde. –
Lieblicher ist die Sage von den Wasserfrauen, die in der Tiefe des Schwarzen Sees gewohnt haben sollen. Da hausten sie in einem kristallenen Palaste und unterhielten sich mit rotäugigen Fischen, die die Gabe der Rede hatten. An blauen Tagen aber kamen diese Wasserweiblein an die spiegelnde Oberfläche des Sees, auf den Wellen zu gaukeln und des finsteren Wassermannes, ihres Herrn, zu lachen, dem das Licht des Tages verpönt war. Den Menschen waren die Seeweiblein freundlich gesinnt; aber wehe einem, der sie verdroß, indem er einen Stein in die Flut warf, der etwa ihren gläsernen Palast traf! Dann erregten sie den See fürchterlich: schwere Nebel stiegen auf und unter Blitz und Donner mußte der Frevler entfliehen, wenn er sein Leben retten wollte. –
's war also dereinst nicht geheuer an dem dunklen See im grünen Wald. Das erfuhr ein Jäger, der eines Tages im glimmerreichen Ufergesteine ein Männlein sitzen sah. Alt und verhutzelt war's, schier wie der Wurzelknorren eines toten Baumes. Doch flimmerte und blinkte es dort, als ob ein Wichtel blanke Gulden zähle. So legte denn der Jäger, um sich Gewißheit zu verschaffen, seine Flinte auf den rätselhaften Gegenstand an. Plötzlich kam nun Leben in die Gestalt, das Männlein drohte und sagte: „Hättest du mich gebeten um das Geld, das ich zählte, so hätt' ich dir's geschenkt. Nun aber soll dein Geschlecht arm bleiben auf ewige Zeit!“ – Das Männlein verschwand; der Jäger verarmte und seine Nachkommen sind heutzutage noch Bettelleute.
[17]
Nach Karl v. Margelik.
Ein verwaister Jüngling verirrte sich auf der Reise nach Böheim an den großen, dunklen See, der am Fuße des Ossers liegt. Aber in der Waldeinsamkeit widerfuhr dem Verlassenen Heil: die herrliche Königin des Sees nahm sich seiner an, ihn mit Huld und Güte überhäufend. Nach durchträumter Nacht erwachte er wunderbarerweise in einem artigen Häuschen; Jagdgeräte und schmucke Jägerkleidung fand er vor und ein Tischlein mit Speise und Trank. Hei, da war der Jüngling aller Not enthoben; er blieb und begann ein herrlich Weidmannsleben. Dienstbare Geister bereiteten ihm jegliche Mahlzeit, und wenn er bei Jagd oder Fischfang je in Fährlichkeit geriet, brauchte er nur innig den Namen „Marina“ zu rufen. Dann ebneten allsogleich unsichtbare Hände Wirrnis und Schroffen und geleiteten den Liebling der Fee auf sichere Pfade. Ja noch mehr ward diesem Jünglinge zuteil: in stillen Mondnächten genoß der Beneidenswerte sogar der Nähe seiner holden Gönnerin – sanft glitt der Nachen, der sich selbst bewegte, mit beiden über den glitzernden See, indessen süßer Sang und Klang aus der Tiefe scholl.
So lebte Lindor, der Jüngling, viele Tage in seliger Weltvergessenheit an den einsamen Bergufern des Waldsees. Aber eines Tages geriet er gelegentlich eines Birschganges an die Grenze des Seewaldes und sah von felsiger Höhe in der Ferne ein gesegnetes, von einem silbernen Strome durchzogenes Land liegen. Während er noch in den Anblick versunken war, stand plötzlich ein Greis mit listigblitzenden Augen vor ihm. Der pries ihm erst recht die Herrlichkeit der fernher schimmernden Welt, ihre Lustbarkeiten und die heißere Minne ihrer Frauen. Aber Geld, vieles Geld, sagte der Versucher, sei nötig, all' die Genüsse zu durchkosten, die dort winkten.
Und siehe, im Herzen Lindors, der plötzlich der Waldeinsamkeit müde ward, sproß glühendes Verlangen auf. Und allsogleich schlug ihm Czernoduch, wie der dämonische Alte hieß, vor, die Stämme des Riesenwaldes zu fällen und auf entfesselten Wassern des Sees in die Lande zu führen, wo sie den Reichtum eintrügen, der zu jeglichem Wohlleben nötig sei.
[18] Wohl zauderte der Jüngling in den ungeheuren Frevel einzuwilligen; aber nach Umfluß der Nacht, der Bedenkzeit, war er der erste, der an des Seewaldes Grenze eintraf. Und Czernoduch pfiff seinen Gesellen, wildaussehenden Männern, die mit Äxten und Sägen das ruchlose Werk mit dämonischer Geschwindigkeit begannen, während ihr Meister selbst den Damm des Sees durchstach. Schrilles Getöse durchscholl den Urwald, krachend stürzte Tanne um Tanne zur Erde; durch Schluchten brauste die Flut des Sees und riß die zerstückelten Leiber der Waldriesen niederwärts zu dem Flusse im Tal.
Droben jedoch schien die Natur empört zu sein ob des Frevels. Schweres Gewölke verfinsterte den Himmel, dumpf rollte der Donner und der Sturmwind brauste. Von Reue ergriffen lag indessen Lindor auf der entblößten Walderde und verhüllte laut weinend sein Angesicht mit beiden Händen. Da trat der Verführer zu ihm und rief höhnisch: „Suche nur deine sittsame Seekönigin auf, damit sie mit dir in das Wonneland ziehe! Will sie aber nicht, dann genieße, du Tor, ihrer Liebe völlig, dich ferne nicht selber blöde schelten zu müssen!“
Seiner Sinne ohnmächtig, stürzte der junge Mann an die Stelle, wo ihm Marina, die Königin des Sees, zum ersten Male begegnet war. Er fand sie. Aber bleich war die Liebliche wie ein Marmorbild. Kein Vorwurf entquoll ihren Lippen, nur die innige Bitte, der blinden Gier Einhalt zu tun.
„Nein!“ rief der Rasende, „nein, mein mußt du werden!“ kreischte er und wollte die Fee in seine Arme schließen. Die riß sich jedoch übermächtig los, und mit einem Blicke tiefsten Herzeleids verschwand sie in den Fluten ihres Sees.
Da schrie der unselige Mann in wilder Verzweiflung wohl tausendmal: „Marina, Marina!“ Kein Echo antwortete vom See. Schrecklich senkten sich die Wetterwolken, bis die Elemente endlich losgelassen mit brüllendem Grimm auf den Erdenwurm niederbrachen. Entsetzt suchte er das Hüttchen – es war dahin. Bei Czernoduch wollte er Hilfe suchen – er war verschwunden. Die Furien der Verzweiflung trieben den Verlassenen an die aufgetane Schlucht, durch die der Seebach niederschäumte. Mit dem gellenden Schrei: „Czernoduch sei verflucht!“ stürzte er sich in den tosenden Strudel, [19] der ihn gierig verschlang. Unten im Tale ward seine zerschmetterte Leiche gefunden.
Das ist die schmerzlich endende Sage vom Schwarzen See im Böhmerwalde. Nie mehr ward die Königin des Sees gesehen; aber der Wald erneute sich und grünt wieder prächtig an Felsen und Halden.
Christian Gumpelzhaimer.
Kaiser Heinrich der Städtebauer, der oft in Regensburg, der alten Hauptstadt des Reiches, weilte, hatte eine Tochter namens Helena. Da geschah es, daß der junge Graf von Altenburg und des Kaisers Tochter innigste Liebe zueinander faßten und den Vater beschworen, ihre Verbindung zuzugeben. Aber Heinrich verweigerte unerschütterlich die Vermählung. Von heftigster Leidenschaft ergriffen, gerieten die Unglücklichen in Verzweiflung und beschlossen die Flucht.
Nichts ist dem Verliebten heilig, keines ist er Freund, und so bot auch Albert dem Kaiser seine Grafschaft zum Kaufe an und verschwand mit dem Kaufschilling in die böhmische Wildnis, nahm eilends viele Bauleute zu sich und ließ in der entlegensten Gegend ein Schloß bauen und mit Waffen und Lebensmitteln versehen. Als das Werk vollendet war, berief er die Bauleute und befahl ihnen, auch noch ein Gebäude unter der Erde aufzuführen. Und da auch dieses fertig war, ließ er die Leute darin auf das köstlichste bewirten, steckte aber mittlerweile diesen Bau selbst in Brand, so daß niemand entkommen konnte, das Geheimnis seines Aufenthaltes zu verraten. Nach dieser grausen Tat schwang sich der Graf auf sein Roß und eilte zu Helenen. Nicht ferne von der väterlichen Burg fand er sie mit einer Freundin lustwandeln, flog auf sie zu, entriß sie dem Busen der Gespielin und – auf seinem Rosse mußte die Geliebte mit ihm in die böhmische Wildnis.
Dort störte niemand ihre Liebe. Aber gefangen saßen sie in ihrer eigenen Burg; keines durfte es wagen, die Wildnis zu verlassen. Indessen schwur der Kaiser, seine Haare so lange wachsen zu lassen, bis er Helena wiederfände. Fünf Jahre waren bereits verflossen und dem Vater war keine [20] Kunde geworden. Da unternahm er einstmals von Regensburg aus einen Jagdzug in den nahen Böhmerwald. Ein flüchtiger Hirsch fesselte dort mit einem Male alle seine Aufmerksamkeit. Ihm nach ging es ohne Begleiter und Diener; aber verschwunden war die herrliche Jagdbeute und im dichtesten Walde allein der Kaiser. Er suchte nach einem Wege; keine Spur war zu finden. Durchs Dickicht gerade durch arbeitete er sich, bis es endlich lichter wurde. Da stand er plötzlich vor einem Schlosse. Er pochte, er rief: niemand öffnete. Da jammerte er, er habe drei Tage lang keine Speise genossen, man möge barmherzig sein und ihm öffnen. In der sündigen Brust Graf Alberts erwachte endlich Mitleid und er öffnete. Eingetreten erkannte der Kaiser sogleich sein Kind und den Entführer; aber er schwieg. Die Geflüchteten erkannten indessen den Vater nicht mehr; sein verwildertes Aussehen machte sie arglos. Bald erfuhr Kaiser Heinrich jedoch mehr noch als den Verlust eines Kindes: im Gespräch gestand die Tochter unverhohlen, daß sie nichts sehnlicher wünsche als des Vaters Tod, um nur die Freiheit wieder zu erlangen.
Des anderen Tages nahm der Gast Abschied, merkte sich die Gegend genau und kehrte nach Regensburg zurück, wo mehrere Fürsten seiner harrten und sich seiner Ankunft freuten.
