Sahararegen - Helga Fleig - E-Book

Sahararegen E-Book

Helga Fleig

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Beschreibung

Thekla Stern ist Kinderbuchautorin. Gerade arbeitet sie an einem neuen Buch. Ihr Lektor drängt auf die Fertigstellung. Es ist zwei Tage vor Heiligabend. Am Vorabend hatte sie wegen der neuen Nachbarn einen Streit mit ihrem Mann Henri, der seit Kurzem Schulleiter ist. Er wünscht sich, dass Thekla ihn zur Weihnachtsfeier seines Kollegiums begleitet. Thekla war schon lange nicht mehr unter Leuten. Sohn Robin möchte vor den Ferien noch Zeit allein mit seiner Fast-Freundin Anabel verbringen, doch seine "Bros" planen, mit ihm feiern zu gehen. Im Laufe des Tages breitet sich Wüstenstaub über der Stadt aus und färbt den Himmel seltsam gelb. Die Vier erleben einen denkwürdigen Tag, bis der Sahararegen fällt ...

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Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Helga Fleig, geboren 1970, studierte Germanistik und Anglistik in Hannover, Liverpool und Heidelberg. Sie ist Theaterregisseurin und schreibt Theatertexte sowie Prosa. Seit 2013 ist sie Lehrerin an einer beruflichen Schule. „Sahararegen“ ist ihr erster Roman. Helga Fleig lebt und arbeitet in Heilbronn.

Helga Fleig

Sahararegen

Roman

Lindemanns

22. Dezember: Morgens

Wie konnte er nur! Thekla schaut missmutig aus dem schmutzigen Küchenfenster in den Garten. Spatzen. Aufgeplustert zu braunen Federbällchen tummeln sie sich vergnügt in den kahlen Ästen des Kirschbaums. Sind die blind? Im Sommer verdeckt der füllige Baum die Sicht auf das Nachbarhaus. Aber nun ist Theklas Blick der Dekorationswut der dort lebenden Familie schutzlos ausgeliefert. Fünf zurechtgestutzte Büsche haben rote Weihnachtsmannmützen auf. In jedem Fenster außer denen mit Milchglasscheibe blinkt ein bunter Schlitten oder Stern. Und: Auf dem perfekt ausgelegten Rollrasen, bedrohlich nah an der Grenze zu ihrem eigenen Garten, grinst ihr ein riesiger, aufgeblasener Plastikschneemann wie ein Zombie entgegen! Den rechten Arm erhoben, als wolle er gleich zuschlagen. Das grünrot gestreifte Band um seinen Hals hängt schlaff herab. Billiges Plastik. Fake würde Robin sagen. Was muss im Leben passieren, um kurz vor Weihnachten das Bedürfnis zu haben, seinen schlechten Geschmack dermaßen offensichtlich zur Schau zu stellen? Oder um sowas zu mögen? Die Familie ist erst im Sommer dort eingezogen. Nachdem sie sie monatelang mit lauten Umbaumaßnahmen gequält haben. Und jetzt das als Belohnung, oder wie soll sie das interpretieren? Diese Nachbarn sind selbstverständlich nett, aber in ihrer ganzen Nettigkeit auch mindestens furchtbar.

Die Spatzen! Kein Wunder, dass sie zu ihnen kommen. Wann hat sie das letzte Mal überprüft, ob in dem Futterhäuschen draußen noch genug Körner sind? Oder hat Henri sich darum gekümmert? Wenn sie bei uns nichts finden, fliegen sie woanders hin. Aber am nächsten Tag sind sie wieder da. Also kann es hier so schlimm nicht sein. Die Spatzen stört es nicht, dass der Rasen unter dem Herbstlaub verschwunden ist. Oder dass zarte Pflänzchen zwischen den Terrassenplatten wachsen. Sie mögen den Garten so, wie er ist. Dieser Gedanke bestätigt sie in einem Streit, der gestern Abend wie aus dem Nichts über sie hineinbrach. Weil Henri mit einem Weihnachtsbaum nach Hause kam, den er auf der Terrasse abstellte, wobei sich ihm der angeblich erbärmliche, ja peinliche Zustand des Gartens offenbarte.

„Du kümmerst dich aber auch um gar nichts.“

„Was?“

„Na ja, so muss es doch wirklich nicht aussehen.“

„Es dauert doch noch, bis wir da wieder sitzen. Warum sollen wir uns jetzt die Arbeit machen?“

„Was sollen die Nachbarn denken?“ Diese Frage formulierte er wortwörtlich so. Wie konnte er nur?

Vielleicht hätte sie das Weinglas nicht so auf den Tisch knallen müssen, dass der Rotwein in hohem Bogen auf die Tischdecke, ein Geschenk seiner Mutter zum ersten Advent, schwappte. Aber in Anbetracht dessen, was seine Äußerung in ihr auslöste, fand sie den äußeren Schaden überschaubar.

Sie hätte die tannengrüne, von ihrer Schwiegermutter eigenhändig mit goldenen Glocken bestickte Decke nicht so panisch vom Couchtisch ziehen müssen, dass Henri sein Smartphone und seine Schale mit Erdnüssen nur knapp vorm Absturz retten konnte. Und hätte nicht so hektisch in die Küche rennen müssen, um den Vorratsschrank aufzureißen und alle im Haushalt befindlichen Salzvorräte zusammenzuraffen. Immerhin gelang es ihr, den Weinfleck abzulöschen. Warum sie danach die gesamte Decke mit Salz bestreute, bis davon nur noch ein weißes Rechteck übrig war, wusste sie selbst nicht. Sie hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, die Oberfläche der Weihnachtsdecke unkenntlich zu machen. Es fühlte sich einfach richtig an. Henris Einwürfe konnten sie nicht stoppen. Im Gegenteil. Je heftiger er protestierte, desto logischer erschien ihr der Vorgang, Salzpakete aufzureißen und auf einer Weihnachtsdecke auf dem Wohnzimmerboden auszuschütten.

„Thekla! Du hast sie nicht mehr alle! Hör auf damit!“

„Niemals! Du solltest dich mal hören. Dein kleinbürgerliches Gerede ist unerträglich!“

„Du spinnst!“

„Na und? Dann spinn ich eben. Macht mir nichts aus. Im Gegenteil!“

“Ja klar, du bist jenseits der Norm und ich der langweilige Spießer. Dann kann ich ja ins Bett gehen. Gute Nacht!“

„Was die Nachbarn von uns denken, ist mir scheißegal. Nein, ich korrigiere mich, es ist mir nicht nur scheißegal, ich hoffe inständig, dass sie uns hassen, denn das wäre der Beweis dafür, dass wir anders sind, und anders zu sein als diese neureichen Geschmacksproletarier ist für mich der Gipfel an Genugtuung.“

Er hörte sie nicht mehr.

Weitere 500 Gramm Salz landeten auf der Decke. Sie war strahlend weiß und lag da wie ein Leichentuch. Wie konnte er nur! Thekla füllte ihr Weinglas und trank es in wenigen Schlucken aus. Was hatten die zwanzig Jahre mit ihnen gemacht? Sie betrachtete ihre gemeinsamen CDs im Regal und zog „Nevermind“ von Nirvana heraus. Kurt Cobain verstand sie besser als Henri. Sie hörte das Album durch und schenkte sich bei jedem Song nach. Anscheinend ziemlich laut, denn Robin erschien plötzlich im Schlafanzug auf der Treppe.

„Ich kann nicht schlafen!“

„Im Bad ist Ohropax!“, entgegnete sie und sagte nicht mehr, weil sie weinte.

Robin zeigte ihr einen Vogel und verzog sich wieder. Wer hatte hier eigentlich das Problem?

Bei „Something in the way“ war sie sich sicher, dass Henri in einer Krise steckte. Nur so war es ihr möglich, den Weg ins Schlafzimmer anzutreten. Wie er so allein in seinem Bett lag und schlief, hätte sie ihm fast über das auch im Schlaf noch angespannte Gesicht gestrichen. Ob er gerade träumte? Als sie die Augen schloss, sah sie rote Flecken auf einer Fläche, die sich drehte. Entweder schlafen oder kotzen. Sie müssen dringend miteinander reden.

Als sie vorhin aufwachte, machte sie beim Aufstehen den Fehler, sich in der Spiegeltür des Schlafzimmerschrankes einen Blick zuzuwerfen. Sie flüchtete vor ihrem Spiegelbild ins Bad und trug eine kosmetische Gesichtsmaske aus weißer Tonerde auf, die sie gestern schon anwenden wollte. Nun steht sie also in der Küche und während sie wach wird, trocknet die Masse im Gesicht, bis die Haut darunter spannt und bei jeder Regung weiße Krümel abplatzen und in der Spüle landen. Thekla betrachtet die Brösel wie Kaffeesatz, als könnten sie ihr wie ein Orakel ihre Zukunft prophezeien. Doch sie wird nicht schlau daraus. Schon klar. Sie wendet sich der Espressomaschine zu, die sich im selben Moment wie von Geisterhand selbst unter Rattern und Stöhnen abschaltet. Toll, immer wenn ich mir gerade einen Kaffee machen will. Noch bevor sie sich darüber wundern kann, wer vor einer halben Stunde in der Küche gewesen sein könnte, wo doch Henri und Robin beide sehr früh in die Schule mussten, klingelt es an der Haustür.

„Grüß Gott. Hat nicht durch den Schlitz gepasst.“ Der Briefträger drückt ihr einen dicken Umschlag in die Hand.

„Danke.“

„Keine Ursache.“

„Frohe Weihnachten.“

„Morgen komme ich doch auch noch mal.“

„Ach ja, stimmt.“

„Na dann, ade.“

„Tschüß.“

Da er offensichtlich in Eile ist, schließt sie die Tür, ohne weitere Worte mit ihm zu wechseln, obwohl sie Lust dazu hätte, denn sie könnten dem Tag eine Richtung geben.

Wenn ich Henri wäre, hätte ich im Schlafanzug und mit verschmiertem Gesicht nicht die Haustür geöffnet. Thekla lächelt, was zu erneuten Rissen in der Oberfläche der getrockneten Maske und weiteren Krümeln durch Abplatzen führt. Ich muss das abwaschen, denkt sie, während sie den fetten Umschlag mit einem prüfenden Blick als nicht wichtig identifiziert, offensichtlich nur Werbung für einen Weinhandel, der auf Last-Minute-Geschenkbestellungen setzt, an Henri adressiert. Die Hochglanz-Aufmachung des Prospekts missfällt ihr und kurz spielt sie mit dem Gedanken, ihn auf der Stelle ins Altpapier zu befördern. Doch stopp. Sie blättert. Wenn Henri diese Werbung nicht durch einen blöden Zufall erhält, sondern weil er an den Produkten ernsthaft interessiert ist, wünscht er sich möglicherweise insgeheim, eines dieser Präsente bestehend aus überteuertem Wein in edel designten Flaschen mit passenden Gläsern geschenkt zu bekommen. Ist das möglich? Kann es sein, dass der Mann, mit dem sie seit vielen Jahren zusammenlebt, der ihr näher und vertrauter sein sollte als jeder andere Mensch, nicht nur Wert auf das moralische Urteil ästhetisch fragwürdiger Nachbarn legt, sondern auch auf diese Abzocke reinfällt, in dem Glauben, kennerhaft und distinguiert zu sein?

Ihr Gesicht fängt an zu jucken, aber an Kratzen ist nicht zu denken. Früher hätte sie gewusst, was er mag und was nicht. Sie ist sich sicher, dass ihr der beworbene Wein nicht gefällt. In ihrer Vorstellung entfaltet sich in Mund und Nase bereits das Bouquet eines überladenen Modeweins, an dem man im Prinzip nur nippen kann, um ihn nicht gleich wieder auszuspucken. Es gibt ein romantisches Verwöhnpaket, welches laut Katalog per Express bestellt noch mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit vor Weihnachten ankommt. Ein unpersönliches Geschenk, das nichts mit ihr zu tun hat. Was nach gestern Abend vielleicht kein Fehler, sondern ein Vorteil ist. Wer weiß. Einen Versuch ist es wert. Auch bleibt ihr der Druck erspart, bis übermorgen noch in einer Buchhandlung, einem Bekleidungsgeschäft oder einer Drogerie einen Treffer landen zu müssen, wenn sie schon etwas in petto hat. Vorausgesetzt, sie feiern Weihnachten zusammen. Nein, dieser Gedanke geht zu weit. Also greift sie zum Telefonhörer und gibt einer freundlichen Mitarbeiterin ihre Bestellung durch.

Der lauter werdende Klingelton reißt Henri mitten aus einem Traum. Er schlägt die Augen auf und realisiert sofort, dass er nicht Kapitän auf einem Eisbrecher während einer Nordpolexpedition ist, sondern der gute alte Henri zuhause im eiskalten Schlafzimmer. Mit einem geübten Schlag knockt er den Wecker auf seinem Nachttisch aus und stellt fest, woher die Kälte kommt. Thekla hat das Fenster vergessen! Schnell schwingt er sich aus dem Bett, was zu seiner Genugtuung keine Rückenschmerzen verursacht. Vielleicht muss ich in den Ferien doch nicht zum Arzt! Was ist das denn da im Garten der neuen Nachbarn? Henri sieht noch problemlos ohne Brille, so dass er, als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen, den künstlichen Schneemann sofort erkennt. Die haben Ideen! Mit kleinen Kindern ist das halt was anderes. Er schließt das Fenster und legt behutsam seine warme Decke über Thekla.

Beim Öffnen des Kleiderschranks freut er sich über die Innenbeleuchtung, die er vor Kurzem eingebaut hat, um morgens nicht mehr im Dunkeln nach Klamotten fischen zu müssen. Das führte nämlich zu merkwürdigen Farbkombinationen, die er nicht länger mit „sorry, ich wollte das Licht im Schlafzimmer nicht anmachen, weil meine Frau immer so lange schläft“, rechtfertigen wollte. Nun greift er zielstrebig zu einem grauen Rollkragenpullover und seiner schwarzen Lieblingsjeans. Der letzte Tag vor den Weihnachtsferien! Viel Arbeit, aber auch viel Schönes! So jedenfalls stellt er sich diesen Tag vor.

Voller Elan betritt er das Bad. Wohlwollend ignoriert er die offen liegen gelassene Zahnpastatube auf dem Waschbeckenrand. Ihm geht es heute besser als ihr. Er hat schließlich einen guten Grund aufzustehen, während sie, nun ja, ganz sicher ist er sich da nicht. Termine hat sie jedenfalls nie vor 11 Uhr, wenn überhaupt. Er muss schon sagen, dass dieses Leben ohne Terminkalender bei ihr in letzter Zeit zu einer Nachlässigkeit führt, die sich nicht nur in austrocknender Zahnpasta, sondern auch in staubigen Regalen, nicht gewaschener Wäsche und fleckigen Fußböden äußert. Vom Garten ganz zu schweigen. Muss er sich deswegen Sorgen machen? Er steht jetzt in der Dusche und sieht sich ab Bauchnabel aufwärts im Spiegel über dem Waschbecken. Er dreht sich ins Profil. Nicht perfekt, aber okay, lautet sein Selbsturteil. Es ist keinesfalls so, dass er automatisch davon ausgeht, dass sie all das machen muss. Grundsätzlich haben sie sich auf häusliche Arbeitsteilung geeinigt. Allerdings arbeitet er im Job viel mehr als sie, sodass es ihm persönlich nur logisch erscheint, wenn sie das Haus in Ordnung hält. Herrlich! Der heiße Wasserstrahl prallt auf seine Rückenmuskeln, die nachgeben, was er als Entspannung wahrnimmt. „Last Christmas, I gave you my heart!” Ist das wirklich er, der das singt? Morgens duschen ist wie jeden Tag Weihnachten! Er hält kurz inne, doch hat diesem Gedanken nichts hinzuzufügen. Also steigt er mit „This year ...“ wieder in das Lied ein.

Fünfzehn Minuten später kommt er geduscht, rasiert und angezogen die knarzende Holztreppe herunter, eine Wolke sportlich männlichen Dufts hinter sich herziehend, den niemand wahrnehmen wird. Wenn Thekla jetzt aufgestanden wäre und mir einen Kaffee gemacht hätte. Er hat sich abgewöhnt, auf derlei Liebesbekundungen, die den Alltag versüßen, zu warten. Er kann auch ohne Abschiedskuss in die Schule fahren. Aber schön wäre es schon. Sie verpasst durch ihr langes Schlafen immer seine besten Augenblicke, die frühen Morgen, wenn er sich frisch und bereit fühlt, unbeschwert und unternehmungslustig. Schade eigentlich. Wenn er aus der Schule kommt, ist er oft erschöpft, schweigsam und empfindlich. Sie hingegen dreht erst gegen Abend richtig auf und fordert ihn zu Diskussionen heraus, in denen er meistens fantasielos und wortkarg agiert. Er sieht ihr ihre Enttäuschung an, doch er hat einfach keine Lust, zuhause zu kämpfen, nicht auch noch in seinen eigenen vier Wänden. Was er will, ist ein entspannter Feierabend, ein Glas Wein bei einer Talkshow und eine Partnerin, die ihn fragt, wie sein Tag war.

Er geht direkt in die Küche, um den Kaffeevollautomaten anzuschalten, denn dieser benötigt eine kurze Aufwärmphase, die er nutzt, um an der Haustür frische Luft einzuatmen und die Zeitung aus dem Briefkasten zu fischen. Eisig da draußen. Er wird seine dicken Handschuhe auf dem Fahrrad brauchen, die er vorsorglich in sein Arbeitszimmer gelegt hat, damit Robin sie nicht nimmt. Sein Blick fällt auf etwas Weißes am Wohnzimmerboden. Ach ja, die Tischdecke. Der Streit. Worum ging es noch mal? Das ausgebreitete Tuch liegt da wie ein Mahnmal. Los, erinnere dich. Etwas, das du gesagt hast, hat Thekla auf die Palme gebracht.

Nur ein Knopfdruck! Er liebt diese Espressomaschine, auch wenn er den Kaffee meistens schwarz trinkt und all ihre Funktionen gar nicht nutzt. Thekla erwähnte vor einiger Zeit, dass sie die Absicht habe, wieder wie früher als Studentin Pulver und eine Durchdrückkanne zu verwenden, sodass die Maschine im Grunde überflüssig ist. Oder benutzt sie sie noch? Er kann nicht mit Sicherheit sagen, wie sie ihren Kaffee zubereitet. Wie auch immer, er genießt den Luxus am frühen Morgen. Abgesehen davon erinnert die Maschine ihn an die Zeit, als sie Bestandteil ihres Haushalts wurde. Robin war damals noch ein Baby, winzig klein und unruhig nachts zwischen ihnen im Bett. Dauernd wachte er auf und weinte! Abwechselnd trugen sie ihn durch die Wohnung, die alte in der Schillerstraße, sangen bis zur Heiserkeit „La-Le-Lu“, wechselten im Halbschlaf Windeln, bis er sich beruhigte. Henris Tiefschlafphasen schrumpften auf ein bedenkliches Maß zusammen. Morgens war er oft müder als abends und ohne Kaffee kein Mensch. Auch Thekla war meistens ziemlich erschöpft. Da sie wegen des Stillens ihren Koffeinkonsum einschränken musste, wünschte sie sich als Entschädigung köstlichen Kaffee wie in Italien, wo sie ihren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht hatten. So kam die Maschine ins Haus. Und sie taten in ihrer eigenen Küche so, als seien sie in einem Café in Verona oder Florenz.

„Was darf es für Sie sein, Signora?“

„Ich hätte gerne einen Latte Macchiato mit doppeltem Espresso.“

„Si, Signora, einen Augenblick bitte.“

Und dann gab er sich Mühe, die Milch schön zu schäumen und noch Kakaopulver in Herzform obendrauf zu streuen. Das war lange her. Inzwischen ist es Robin, der Gefallen an der Zubereitung von Kaffeespezialitäten findet. Da schließt sich ein Kreis. Dass die Maschine nach all den Jahren noch funktioniert, grenzt an ein Wunder. „Du darfst nicht schlapp machen“, schärft er ihr ein, als hänge die Zukunft seiner Familie von ihrer Leistungsfähigkeit ab, und drückt die Taste, was ein knackendes Mahlen von Kaffeebohnen und ein druckvolles Zischen auslöst, während sich das Wasser durch das Pulver presst.

„Morgen.“ Robin steht in der Tür, noch im Schlafanzug.

„Guten Morgen.“ Henri sieht ihn fragend an.

„Ich hab’ heute zur Zweiten.“

„Wieso?“

„Weihnachtsandacht.“

„Nimmst du daran nicht teil?“

„Nee, ist freiwillig.“

Henri nimmt die volle Kaffeetasse und lässt den Dampf in seine Nase steigen, während er sich einmal mehr fragt, woher Robins Desinteresse kommt.

„Na und?“

„Das machen diese Larrys von der SMV. Ehrlich, die sind so peinlich, da geht keiner hin.“

„Schade.“

„Nee, echt nicht.“

„Wie du meinst.“ Er macht einen Ansatz, an Robin vorbeizugehen, hält dann aber inne, um ihm auf die Schulter zu klopfen, etwas verkrampft, da er nicht den Kaffee in der anderen Hand verschütten will.

„Ich freue mich auf Weihnachten. Da haben wir endlich mal wieder Zeit füreinander.“

„Soll das eine Drohung sein?“ Robin grinst.

Henri hätte ihn gerne lässig in die Seite geboxt, aber wegen der Kaffeetasse verzichtet er darauf. „Bis später, Großer.“

Auf dem Weg in sein Arbeitszimmer sieht er aus dem Augenwinkel wieder die unter Bergen von Salz begrabene Tischdecke, die seine Mutter ihnen vor Kurzem mitgebracht hat. Warum hat Thekla so überreagiert? Wirklich schade, wie sie es manchmal schafft, einen schönen Abend zu verderben. Mit Massen von Salz ist sie zwischen Küche und Wohnzimmer hin- und hergerannt, um einen winzigen Rotweinfleck auf der kitschigen Decke zu behandeln, als gehe es um eine blutende Wunde. Diese Decke bedeutet ihm nichts. Seine Mutter hat sie ihnen garantiert nur deshalb geschenkt, weil seine Schwester sie nicht haben wollte. Nicht ernsthaft konnte sie annehmen, mit dieser Decke ihren Geschmack zu treffen. Das weiß Thekla doch. Was soll diese demonstrative Provokation so kurz vor Weihnachten? Vielleicht kann er es in einem Gespräch herausfinden? Heute Abend ist die Weihnachtsfeier des Kollegiums. Auf seine Anregung hin mit Partnern und Partnerinnen. Es ist äußerst ungünstig, ausgerechnet heute mit Thekla im Clinch zu liegen! So, was muss er jetzt noch einpacken? Unbedingt die Weihnachtsgeschenke für sein Team. Diese kleinen Gesten sind wichtig. Rucksack zu und ab in die Kälte.

Robin überfliegt, weil sie direkt neben der Kaffeemaschine liegt, die erste Seite der Heilbronner Stimme. Ein fettes Foto vom Weihnachtskonzert seiner Schule in der Kilianskirche. Eine Gelegenheit, sich bei den Lehrern einzuschleimen, auf die er verzichtet hat. Obwohl Anabel ihn sogar gefragt hat, ob er kommt. Ist sie auf dem Foto? Er geht die Mädchen des Chores durch und ist sich nicht sicher, ob sie das ist, in der Mitte links neben so einer Dicken mit kurzen Haaren. Der Chor ist groß. Davor sitzt noch das Orchester. Es ist echt schwer, jemanden zu erkennen. Er könnte sie fragen. Dann merkt sie zumindest, dass er an sie gedacht hat. Er schiebt seine Lieblingstasse, eine schlichte weiße ohne Bemalung, unter die Maschine, stellt seine Mischung ein und drückt. Das alte Ding ächzt und stöhnt. Er hält sich die Ohren zu. Anabel hat erzählt, ihre Eltern haben so ein ultramodernes Gerät mit Riesendisplay, das auf Sprache reagiert und alles von ganz allein macht. Er muss jetzt für seinen Cappuccino noch die Milch schäumen. Dabei hat man immer das Gefühl, das Teil explodiert gleich. Wird es safe auch eines Tages und dann wird er Henri überreden, in ein deutlich smarteres Tool zu investieren. Er hört den energischen Ruck, mit dem sein Vater die Haustür schließt. Sofort macht sich ein leichtes Gefühl in der Herzgegend breit. Durch den Kaffee flirrt sein Kopf ein bisschen.

Schon cool, morgens so entspannt allein in der Küche. Zu schön, um duschen zu gehen. Reicht eigentlich auch, erst zur Dritten in die Schule zu fahren. Oder zur Vierten. Obwohl – das lohnt kaum, danach ist ja Schluss. Egal, da läuft heute eh nichts. Filme schauen und Kekse essen. Jeder Lehrer fühlt sich übel gönnerhaft dabei, obwohl es offensichtlich ist, dass die erstens selbst keine Lust auf Unterricht haben und zweitens bloß ihre Spekulatius, die sie im September gekauft haben, schnell noch vor Ablauf des Verfallsdatums verfüttern wollen. Er könnte auch einfach nach der Schule in der Stadt auf Anabel warten. Das klingt doch nach einem guten Plan, der fast übertriebene Glücksgefühle auslöst. Denn das heißt ja quasi, er hat Ferien!

Henri wird ihn heute bestimmt nicht mehr fragen, wie es in der Schule war. Der ist mal wieder enttäuscht, weil er nicht zu dem verfickten Gottesdienst geht. Und Thekla hat gestern Abend dermaßen eine Show als Dramaqueen abgezogen, die wird hundertpro nicht so bald aufstehen. Und wenn, weiß sie sowieso nicht, wann er stundenplanmäßig in der Schule zu sein hat. Sie hat da schon lange keinen Überblick mehr – angeblich, weil bei ihm immer so viel Unterricht ausfällt. Eigentlich aber, weil sie einfach völlig verpeilt ist. Bis ungefähr zur siebten Klasse hat sie ihn ohne Witz jeden Morgen gefragt, „Hast du heute Sport?“, damit er seinen Sportbeutel nicht vergisst. Bis sie sich mal gemerkt hat, an welchen Tagen er ihn mitnehmen muss, war das Schuljahr rum. Einmal lief es gut, als er sowohl in der dritten als auch in der vierten Klasse donnerstags Sport hatte. Im zweiten Donnerstagsjahr hat sie es kapiert und ihn nicht jeden Morgen genervt. Das muss irgendwie so ein Trauma von ihr sein. Wahrscheinlich hat sie selbst als Kind dauernd ihre Sportsachen vergessen und damals gab es deshalb noch richtig Ärger. Vielleicht sogar Schläge. Nee. Oder? Egal. Dafür vergaß sie in der vierten Klasse immer, dass er mittwochs die Blockflöte und freitags die Schwimmsachen brauchte. Und weil er nicht wollte, dass Henri sich um diese Sache kümmert, hat er eben selbst daran gedacht. Und für den Sportbeutel fand er eine andere Lösung, die immer noch funktioniert: Er deponiert ihn im Fahrradkeller, in einer alten Kiste, in der Luftpumpen aufbewahrt werden. Kein Mensch schaut da rein außer hin und wieder eine Spinne. Egal. Gelegentlich nimmt er das Trikot zum Waschen mit nach Hause oder tauscht zu klein gewordene Sportschuhe gegen neue aus.

Er schaut sich noch einmal das Bild in der Zeitung an. Ob denen das Konzert Spaß gemacht hat? Wenn es nach Henri ginge, wäre ich einer von denen. Oder zumindest einer von denen im Publikum. Wenn es nach Thekla ginge, sollte man mehr oder weniger nur machen, wozu man Lust hat, und möglichst wenig Zeit in der Schule verschwenden. Toll! Anabels Eltern sind ganz anders. Die haben eine eigene Firma und arbeiten den ganzen Tag im Büro. Abends kommen sie nach Hause und haben wichtige Gespräche geführt oder Verträge abgeschlossen. Anabel ist viel mit ihrer älteren Schwester allein. Vor allem in den Ferien. Wie geil ist das denn! Bei ihm ist immer irgendwer zuhause. Wenn er Ferien hat, hat Henri sie auch. Egal. Jetzt ist gerade alles gut. Der Cappuccino, die Zeitung. Nicht, dass er sie lesen würde. Aber das hat doch zweifellos Stil. Mehr Stil als weiche Spekulatius.

Er könnte den Kaffee mit raufnehmen und ein paar Videos schauen. Allerdings könnte er das die nächsten zwei Wochen auch noch. Er könnte auch einfach zur großen Pause nach der zweiten Stunde in die Schule fahren und dabei sein, wenn sich Ben und die anderen verabreden. Dann verpasst er nichts und muss später nicht erst über Whatsapp rauskriegen, was so läuft. Warum habe ich eigentlich immer das Scheißgefühl, wenn ich nicht frage, weiß ich nicht Bescheid? Das fuckt mich echt ab! Anabel sagt immer, scheiß doch auf die. Aber Anabel ist ein Mädchen. Da ist alles anders. Da weiß die eine immer von A bis Z, was die andere macht, denkt, fühlt, isst, wieder auskotzt, anzieht, welche Farbe ihr neuer Lipgloss hat und so weiter. Eine kann die andere fies mobben und zwei Minuten später kommt safe schon wieder eine Wollen-wir-uns-wieder-versöhnen-Nachricht. Ach, Scheiße, Mann! Und dabei dachte er, er hätte mal einen chilligen Tag! Egal. Wenn die Jungs heute rausgehen, wäre er gerne dabei. Es nützt nichts. Er muss in die Schule. Zumindest in der großen Pause. Dann könnte er anschließend in die Stadt gehen und Weihnachtsgeschenke kaufen, bis Anabel aus hat. Wenn Herr Marius Pausenaufsicht macht, würde der ihn allerdings blöd anquatschen, warum er nicht mit den anderen zurück ins Schulhaus geht. Dann müsste er doch noch zwei Schulstunden ertragen. Egal. Das ist es ihm wert. Er kann ja ein bisschen schlafen, wenn ein Film gezeigt wird. Er schläft gerne in der Schule, ohne Spaß. Manche Lehrer haben ihm sogar schon abgekauft, dass er sich mit geschlossenen Augen besser konzentrieren kann. Wie dumm kann man sein?

Auf dem Rad wurde es Henri klar. Sie hätte ihre Geschichte abgeben müssen! Der Verlag hat sie unter Druck gesetzt. Sie hat die Deadline nicht eingehalten und ist am Arsch, wie Robin sagen würde. Deshalb hatte sie schlechte Laune und ließ diese an ihm aus. Der kleine, dicke Weihnachtsbaum, den er mit Liebe ausgesucht hatte, löste in ihr keine Freude, sondern pure Verzweiflung aus, da die Tage verstrichen und sie nicht fertig wurde. Das macht Sinn.

Es ist noch dunkel. Als er in die Mannheimer Straße einbiegt, sieht er das Leuchten der roten Ampel am Bildungscampus. „Achtung, Glatteis!“, entfährt es ihm, obwohl ihn niemand hören kann, als er etwas zu schnell über eine zugefrorene Pfütze schlittert. Zum Glück bringt er sein Fahrrad noch sicher zum Stehen. Auf der anderen Straßenseite warten zwei Studentinnen mit identischen bunten Wollmützen und offenen Jacken ohne Schal im Licht der Straßenlaterne. Die rechte ist klein und etwas rund. Sie hat ihre Hände in den Jackentaschen. Die andere ist groß und schlank und verschränkt die Arme, um sich gegen die Kälte zu schützen. Sie reden angeregt miteinander. Die Ampel springt auf Grün. Er spitzt die Ohren. „Null gecheckt, was der wollte. Boah, das war so krass, ich mein’, who knows ...“

Dann sind sie außer Hörweite und er muss höllisch aufpassen, sich nicht aufs Eis zu legen. Wovon handelt Theklas neues Buch nochmal? Er kann sich nicht erinnern, dass sie darüber gesprochen haben. Früher hat Thekla ihn manchmal gefragt, wie er die Geschichte findet, an der sie gerade arbeitet. Er empfand dieses Vertrauen immer als großes Privileg und hin und wieder gelang es ihm sogar, einen Vorschlag zu machen, den sie aufgriff. Das letzte Mal muss aber mindestens zwei, wenn nicht drei Jahre her sein. War das nicht bei „Wo Fliegen fliegen“? Klar, er erinnert sich an ein Gespräch auf der Terrasse. Da war irgendwas mit einer magischen Fliegenklatsche, die sprechen kann, was er komisch fand. Ist da zwischen ihnen irgendetwas schiefgelaufen? Vielleicht sollte er einfach von sich aus nachfragen, wie es so mit dem aktuellen Buch läuft. Ohne Vorwurf. Ohne Druck.

Thekla steht unter der Dusche. Die Reste der Gesichtsmaske sind schon längst der Kanalisation zugeführt, ebenso das biologisch abbaubare Haarshampoo und das ölige Cremeduschgel, das in regelmäßigen Abständen den Abfluss verstopft, ihr aber das lästige Eincremen nach dem Duschen erspart. Sie kann mit dem Drogerieprodukt aus dem Discounter, für das es nicht einmal ein Nachfüllpack gibt, nur leben, weil sie sich beim Wasserverbrauch zurückhält, um den ökologischen Schaden wieder auszugleichen. Heute kann sie sich aber nicht entschließen, den beschlagenen Hebel der Mischbatterie zurückzudrücken. Sie schließt die Augen und steht in den Tropen.

Warmer Regen prasselt auf ihren Nacken. Weit oben in einer Baumkrone hört sie das aufgeregte Geschrei eines Affenkindes. Es ist ein hungriger, kleiner Orang-Utan, der einsam auf einem Ast sitzt und seine Mutter ruft. Aber die kommt nicht. Das Affenkind wird immer unruhiger, schaut sich verzweifelt um, will abhauen, aber weiß nicht wohin und rutscht ab. Ein großer, bunter Vogel rauscht mit anmutigen Schwüngen direkt an Theklas Kopf vorbei. Ein Flügel streift sanft ihre Wange. Weg ist er. Aus dem Nebel schleicht sich ein Tiger heran. Der kleine Orang-Utan hängt am Ast und traut sich nicht, zum nächsten zu schwingen. Ihm geht die Kraft aus. Er weint erbärmlich. Wo bleibt Mama? Der Tiger horcht auf und kommt näher. Das Affenkind kann sich kaum noch halten. Unten im Dickicht lauert der Tiger. Endlich ein Festmahl. Er klettert leise auf den Baum. Mit wenigen Sprüngen erreicht er das Äffchen. Er holt mit der Tatze aus, aber erwischt nur eine Feder des bunten Vogels, der es in letzter Sekunde auf seinen Rücken genommen und der Reichweite des Tigers entzogen hat.

„Wo ist deine Mutter?“

„Sie ist Futter holen gegangen. Ich warte schon soo lange! Weißt du, wo meine Mama ist?“

„Wir werden sie finden. Ich bringe dich zu ihr“, verspricht der Vogel, nichts Gutes ahnend. In geschickten Schleifen bahnt er sich einen Weg durch die Baumkrone ans Licht und ist bald über den Bäumen. Dort oben kann er den ganzen Regenwald überblicken.

„Kannst du meine Mama jetzt sehen?“, fragt das Äffchen hoffnungsvoll. Es weint nicht mehr, denn das Fliegen macht ihm Spaß. Doch was der bunte Vogel sieht, ist kein Grund zur Freude: Rauch, Flammen und verbrannte Erde ...

Und jetzt? Wie geht es weiter? Das Wasser rauscht noch immer Theklas Rücken herunter.

Die auf Nahrungssuche gegangene, verzweifelte Mutter, die ihr Kleines zurücklassen musste, ist der Brandrodung zum Opfer gefallen und tot. Sieht das Kind die Leiche?

Ich weiß, wie Gregor reagiert: „Thekla, willst du deine jungen Leser traumatisieren? Das kannst du nicht machen.“ Also sieht nur der Vogel die Leiche? Und was macht er dann mit dem verwaisten Affenkind?

Thekla hält ihr Gesicht unter den Wasserstrahl. Lass dir endlich etwas einfallen. Warum willst du diese Geschichte erzählen? Ihr Gesicht bietet dem aufprallenden Wasser Widerstand. Das Kleine muss kämpfen, das ist es. Aber wie? Als Umweltaktivist? Warum eigentlich nicht, da gibt es einen Bezug zu Fridays-For-Future. Das sind nicht wenige. Also, der Vogel bringt das Kind in ein anderes Land, wo es in einer Pflegefamilie aufwächst. Eines Tages erfährt es, was mit seiner Mutter passiert ist, und gründet so eine Art Greenpeace der Tiere. Dann kehrt es an seinen Geburtsort zurück und rettet den Regenwald. So wird es ein Ökomärchen und Gregor ist zufrieden.

Thekla nimmt den Duschkopf aus der Aufhängung und dreht an der Einstellung, bis nur noch ein einziger harter Strahl herauskommt. Den richtet sie auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, als könne sie damit ihren Kopf aufbohren. Sei ehrlich, Thekla. Was du eigentlich erzählen willst, ist Folgendes: Niemand hilft dem schreienden Orang-Utan-Kind. Es fällt vom Ast und bricht sich einen Arm. Der Tiger will es erlegen, doch weil er aufgrund des Artensterbens kaum noch Nahrung findet, bricht er entkräftet zusammen und muss seine Jagd abbrechen. Das Kleine macht sich auf die beschwerliche Suche nach seiner Mutter. Der bunte Vogel sieht das zwar, doch hilft ihm nicht, weil es als behindertes Kind im Urwald eh keine Chance hat. Der kleine Orang-Utan findet seine Mutter tot auf. Er ist traurig, aber ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich allein durchs Leben zu schlagen. Dabei entwickelt er kreative kriminelle Energie. Der Armbruch heilt, aber die inneren Wunden nicht. Die Trauer weicht der Wut. Das Kind schwört Rache und gründet eine Gang, denn es gibt noch mehr Waisenkinder im Regenwald. Sie rauben den Menschen ihre Waffen und ziehen in den Krieg gegen die vermeintlichen Mörder ihrer Eltern. Eigentlich sind die Menschen mit den Waffen aber selbst Waisen, deren Eltern an Aids oder Ebola gestorben sind, und sie werden von ausländischen Investoren wie Sklaven gehalten. Es endet in einem sinnlosen Gemetzel. Alles hübsch illustriert.

Mit einem Handgriff bringt Thekla den Wasserstrahl zum Erliegen und öffnet die Duschkabine. Das tropische Klima hat sich im gesamten Bad ausgebreitet. Der Spiegel ist beschlagen. In der Luft wabert Dampf. Thekla steigt tropfend auf die Badematte und sieht in diesem Klima keinen Sinn darin sich abzutrocknen. Kann man eigentlich mit nasser Haut unbeschadet durch ein Feuer rennen? Als Kind hat sie mal einen Zeigefinger in ein Wasserglas getaucht und dann in eine Kerze gehalten. Das tat weh. Wahrscheinlich geht es nicht. Wie lange sich der Dampf im Bad wohl hält, wenn sie weder Fenster noch Tür öffnet? Wieviel Zeit verbleibt ihr im Regenwald, bevor das mitteleuropäische Winterklima mit eiskalter Gnadenlosigkeit die Oberhand gewinnt und den Blick auf die Datumsanzeige des Radioweckers freigibt, um ihr zu beweisen, dass heute wirklich der 22. Dezember ist, was so viel heißt wie zwei Tage vor Heiligabend, einen Tag vor Last-Minute-Einkaufshetze mit Henri, wenige Stunden vor Weihnachtsfeier mit dem Kollegium, zwei Tage nach Verstreichen der Abgabe, einen Tag nach Streit mit Henri, viele Tage nach gut gelaunt, einige Wochen nach netter Nachbarin, mehrere Monate oder vielleicht sogar Jahre nach erfolgreicher Kinderbuchautorin, liebenswerter Ehefrau, guter Mutter. Die Liste ließe sich fortsetzen. Was nicht entweder vor oder nach ist, ist jetzt. Nutze den Augenblick! Ein Spruch, wie ihn sich ihre Schwiegermutter in die Küche hängt. Sie dürfen nicht vergessen, ihr ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Wenn sie keins haben, fällt es auf Thekla zurück, obwohl sie Henris Mutter ist. Henri hat schließlich viel zu tun. Sie hingegen sei ja sowieso immer zuhause und von daher auch für alles Häusliche zuständig. Der Dampf verflüssigt sich auf dem Spiegelglas und läuft in feinen Rinnsalen die glatte Oberfläche herunter. Thekla sieht sich nackt im Spiegel. Ich mache es nicht.