Saisonvorbereitung mit Seitensprung - Uwe Berlin - E-Book

Saisonvorbereitung mit Seitensprung E-Book

Uwe Berlin

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Beschreibung

David sah in Richtung der Damen auf dem Tennisplatz. `Die können so ziemlich alles, nur nicht Tennis spielen´, dachte er ein wenig verwundert. Fünf Männer zwischen 30 und 60 fahren zur Saisonvorbereitung nach Laboe an die Ostsee. Sie sind mit ihrer Mannschaft zweimal in Folge abgestiegen. Daher können sie das Extra-Training gebrauchen. Was sie nicht wissen: Sabrina, die Chefin des Sporthotels, vermietet nicht nur Tennisplätze und die Damenmannschaft aus Wuppertal ist tatsächlich nicht angereist, um Bälle zu schlagen.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Uwe Berlin

Saisonvorbereitung mit Seitensprung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Jan-Derek

David

Dierk

Dierk

Dierk

Karsten

Theodor

Theodor

David

David

Dierk

Jan-Derek

Jan-Derek

Karsten

Theodor

David

Jan-Derek

David

David

Theodor

Dierk

Jan-Derek

Jan-Derek

Karsten

David

Theodor

Theodor

Dierk

David

Karsten

Dierk

Theodor

David

Karsten

Jan-Derek

Jan-Derek

Jan-Derek

Theodor

Karsten

Dierk

Jan-Derek

Jan-Derek

Theodor

David

Jan-Derek

Theodor

David

Jan-Derek

Theodor

Theodor

Rückfahrt

Impressum neobooks

Jan-Derek

Wo war diese verdammt Mail? Jan-Derek scrollte und scrollte. Er war bereits bei Dezember angelangt. Im Dezember hatte aber überhaupt noch niemand vorgehabt, nach Laboe zu fahren. Theodor hatte die erste Rundmail - lass es Februar gewesen sein… Aber wo war die Mail mit der Abfahrtszeit? „Papa, wo ist mein Tesafilm?“, Merle, seine siebenjährige Tochter schrie aus ihrem Zimmer. Jan-Derek scrollte weiter ohne zu antworten. Totstellen war Schritt 1, wenn es darum ging, sich die Kinder vom Hals zu halten. Wo war er stehen geblieben? Also: Die Mail musste Anfang März rumgeschickt worden sein. Aber da war nichts. Merle schrie noch einmal. Kurze Zeit später stand sie neben ihm. „Papa!“ Jan-Derek wandte sich ihr zu. Diese erfrischend blauen Augen! Das blonde Haar der Mutter! Zum Glück nicht sein schwarzes. „Frag deine Mutter“, lautete seine Antwort. Schritt 2: Von sich ablenken. „Mama wäscht sich die Haare.“ „Und ich suche eine Mai!“, fauchte er zurück. Schritt 3: Aggressives Wegbeißen. „Ich brauche aber Tesafilm. Ich hänge meine Poster um.“ „Ich brauche die Mail, weil ich weg von hier will.“ Schritt 4: Sarkasmus, wahlweise auch Ironie. „Wohin fährst du denn? Kommen wir mit?“ Hilfesuchend schwenkte Jan-Derek seinen Blick über den Schreibtisch. Da: der rot-blaue Tesafilm-Halter mitsamt Tesafilm-Rolle. 5. und letzter Schritt wie ein Vater Kontrolle über seine Tochter bekommt: Wunscherfüllung. Jan-Derek drückte Merle wortlos den Tesafilm-Halter in die Hand. „Danke“, sagte sie wohlerzogen und zog damit ab. „Pass gut darauf auf!“, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen. Die Mail hatte er immer noch nicht gefunden. „Scheiße!“, entfuhr es ihm. Da blieb nur eins: Er musste Linda fragen. Sollte die auch nicht wissen, wann genau er vor dem Clubhaus zu stehen hatte, musste er Theodor anrufen. `Nein, das werde ich mit Sicherheit nicht machen.´ Theodor der alte Bibliothekar. Eine bessere Vorlage sich über seine angebliche Unorganisiertheit vor versammelter Mannschaft lustig zu machen, konnte er ihm nicht bieten. Etwas großspurig durften sie ihn seinetwegen nennen, vielleicht sagte man ihm auch eine gewisse Eitelkeit oder einen Hang zum Quasseln nach. So redeten sie nun mal über einen, wenn man nicht dabei war. Nur über die Unwichtigen wurde nicht geredet. `Aber unorganisiert bin ich nicht. Zumindest lass ich mir das nicht von einem fahrradfahrenden Zettelkasten sagen.´ Genauso wenig würde er David, ihre Nummer 1, anrufen. Es reichte schon, mit dem Miesepeter ein langes Wochenende verbringen zu müssen. Bliebe noch der Neue. `Wie heißt der noch mal? Kommt also auch nicht in Frage. Hab noch nicht mal ´ne Nummer.´ Ohne Namen ließ sich keine Telefonnummer finden. Der Vornamen würde ihm vielleicht noch einfallen. `Ja stimmt: Dierk. Komische Type. Dierk so-und-so.´ Dierk war einer von den Spätanfängern. Hatte gerade erst anfangen mit Tennis. `Mitte 30 ist der doch auch schon.´ Er hatte eine ganz ordentliche Vorhand. Aber beim letzten Training war Jan-Derek aufgefallen, dass der Neue schielte. Er hatte immer wieder versucht ihm direkt in die Augen zu sehen. Nichts zu machen! `Schielen und Tennis passt irgendwie gar nicht´, urteilte Jan-Derek und fuhr den Computer herunter. Noch dazu war Dierk korpulent, um nicht zu sagen fett. `Architekt, glaube ich. Immerhin.´ Die Telefonnummer ließ sich sicher in irgendeiner Trainingsmail von Karsten finden. Aber vom Mails-Durchforsten hatte Jan-Derek erst mal genug. Bliebe noch Karsten, der Trainer. Klar, Karsten konnte er anrufen. Er konnte es aber auch sein lassen. Am Ende wusste Linda sowieso, wann es losging. Immerhin hatte er schon die Tasche ohne ihre Hilfe gepackt. Jan-Derek klopfte an der Badezimmertür. Von drinnen hörte er den gleichmäßigen Strahl der Brause. Er drückte die Klinke hinunter. Abgeschlossen. `Seit wann schließt sie die Badezimmertür ab?´ Gut, sie hatten sich noch nie nebeneinander die Zähne geputzt, wie andere es vielleicht taten. `Ganz fürchterlich so etwas!´, Jan-Derek schüttelte sich. Ab und zu hatten sie mal zusammen in der Badewanne…nein, dort hatten sie es nie wirklich getan, dafür waren sie beide zu groß. Das war mit der Kleinen im Hotel. `Aber auch lange her´, Jan-Derek versuchte den Gedanken daran zu vertreiben. Er hatte sich mal neben Linda unter die Dusche gestellt und sie hatten sich gegenseitig eingerieben. Das war kurz nach Fertigstellung des neuen Badezimmers. Er wiegte den Kopf hin und her. `Lass es sechs, sieben Jahre her sein. Ich krieg schon nicht mal mehr die Werbemails vom Bäderland´ Mit Sicherheit war er schon öfters zu ihr ins Badezimmer gekommen, um irgendetwas zu fragen oder mitzuteilen und nie hatte Linda abgeschlossen. `Nun gut, jetzt hat sie abgeschlossen.´ Sollte er klopfen? Merle steckte ihren Kopf aus dem Kinderzimmer. „Was machst du denn da?“ `Neugierig wie ihre Mutter´, dachte Jan-Derek. „Wonach sieht es denn aus?“, konterte er. „Willst du meine Poster sehen?“, fragte Merle erfreut. „Später“, antwortete er. Aber ehrlich gesagt: Nein, wollte er nicht. Die Brause rauschte immer noch. Nun klopfte er. „Seit wann…“, er wollte Merle fragen, seit wann Mama die Badezimmertür abschließt, aber sie war schon wieder in ihrem Zimmer verschwunden. „Ja?“, hörte er dafür Lindas unwillige Stimme. Sollte er sie fragen, warum sie die Tür abschließt oder sollte er gleich zur Sache kommen? „Morgen fahre ich doch zur Saisonvorbereitung nach Laboe!“, rief Jan-Derek durch die Tür hindurch. Keine Antwort. „Mit der Mannschaft…“ „Mir wird kalt!“, rief Linda zurück. „Wir treffen uns am Clubhaus. Ich fahre und nehme die Anderen mit. Das habe ich dir doch erzählt? Gestern…“ Er hörte das Aufschnappen des Schlosses. Die Badezimmertür wurde einen Spalt weit geöffnet. „Jan, ich weiß, dass du morgen wegfährst. Deswegen habe ich ja Mama zu uns eingeladen.“ Jan-Derek spielte den Verständnislosen. „Wieso, was hat das denn damit zu tun?“ Linda rollte mit den Augen. „Was willst du? Ich wasche Haare und es wird kalt ohne Wasser auf dem Kopf.“ Jan-Derek warf einen schnellen Seitenblick zur Kinderzimmertür. Nichts regte sich. „Seit wann schließt du eigentlich die Badezimmertür hinter dir ab?“ Linda lachte auf. Es kam ihm vor, als wollte sie Zeit gewinnen. „Bitte, ich kann die Tür auch weit auf lassen, wenn es dir besser gefällt.“ Sie stieß die Tür auf und eilt in Richtung Dusche. „Jetzt wird es aber wirklich kalt“, rief sie von der Dusche aus. Jan-Derek schielte unschlüssig durch den Türrahmen in das vernebelte Innere. Sollte er ihr folgen? Merles Zimmer stand noch offen. Kein wirklich günstiger Zeitpunkt. Vermutlich würde Linda ihm das auch erklären. Jan-Derek legte die Hand auf den Türknauf. Die Brause sprang wieder an und Linda stellte sich wieder unter den harten Wasserstrahl. Er bemerkte wie die Wassertropfen von ihrem Busen abprallten und gegen die schwarze Marmorwand der Duschzeile prasselten. Natürlich standen ihre Brüste nicht mehr so wie vor zehn Jahren. `Dein Sack hat auch schon fast die Länge deines Schwanzes erreicht´, dachte Jan-Derek und ließ den Türknauf wieder los. Bloß keine Wehmut aufkommen lassen. Linda war auch mit Anfang 40 noch eine attraktive Frau. Es war auch nicht nur der Busen, der sich verändert hatte. Ihr Gesicht hatte einen neuen ernsthafteren Ausdruck bekommen, dabei lachte sie noch immer so viel wie früher. Das zeigten die Falten um die Augen. Dazu kamen dann die um den Mund und am Hals. Sie waren im Begriff gemeinsam zu altern. Ein paar Jahre blieben ihnen noch in denen es nicht allzu weh tat. Jan-Derek trat einen Schritt ins Badezimmer. Linda drückte auf die Shampooflasche, die an der Wand angebracht war und schmierte sich rosa Flüssigkeit in die Haare. Er zog seinen Fuß wieder aus dem Badezimmer heraus. „Was wolltest du denn jetzt eigentlich?“, rief Linda hinter ihm her, als er die Tür hinter sich zuzog.

David

Für Anfang April war die Luft immer noch frisch. In einigen schattigen Ecken lag sogar noch Schnee, nicht in der Stadt, aber draußen an den Landstraßen. Seitdem David kaum noch die Vorlesungen besuchte, fuhr er nur noch selten nach Hamburg. Er hielt sich eher im Haus seiner Eltern in Hamberge auf, einem Dorf vor den Toren Lübecks. Mit Anfang 30 noch den Kühlschrank seiner Erzeuger zu leeren war kein Umstand, auf den er besonders stolz war. Aber er sah es auch nicht ein, den Platz, den der geräumige Resthof ihm bot, mit der 27 qm Wohnung in Hamburg-Barmbek einzutauschen. Er stand sogar kurz davor die Wohnung in Hamburg zu kündigen. Gerade kam er wieder von einem dieser unsäglichen Seminare an der Uni. `Wirtschaftsrecht ist einfach nicht mein Thema´, dachte er ohne zu wissen, was ihn am BWL-Studium überhaupt interessierte. Das große Ganze, hatte er begreifen wollen. Die Wirtschaft an sich. Aber die einzelnen Puzzelteile wollten sich nicht in seinem Kopf zusammenfügen. David kniff die Augen zusammen. Hatte er das Pizzageschirr weggeräumt? Es würde nächste Woche wieder mächtig stinken, wenn er die Wohnungstür aufmachte. `Zum Glück gibt es jetzt noch keine Fruchtfliegen. Zu kalt. Ich hätte in der Mensa essen sollen!´ Aber ebenso wie Wirtschaftsrecht und Uniseminare hasste er es, allein in der Mensa zwischen hunderten gut gelaunter Massenstudenten zu sitzen. `Am besten war heute noch die Schnalle, die ihre Sonnenbrille in der Vorlesung nicht abgenommen hat.´ David lachte bitter. Was bildeten sich diese Leute ein? Er begann laut vor sich hinzusprechen: „Ich kündige die Wohnung. Da stinkt es. Dann such ich mir einen anderen Studiengang.“ Es tat gut, das einmal laut auszusprechen. `Nun also doch Sport auf Lehramt.´ Sofort verschlechterte sich seine Laune wieder. Angewidert verzog er das Gesicht. `Das steht also noch nicht fest. Darüber muss ich noch nachdenken. Fürs Wochenende bleibe ich sowieso noch Wirtschaftsstudent an der Uni Hamburg.´ Wieder Schnee. Dahinten lag noch ein halbes Feld unter der weißen Decke. Das Tennishotel in Laboe warb damit, den Mannschaften ab dem 1. April mindestens zwei Sandplätze zur Saisonvorbereitung zur Verfügung zu stellen. David fragte sich, wie sie das hinbekommen wollten. `Die müssen ja schon im Februar begonnen haben, die Plätze fertig zu machen.´ Sand aufschütten, Plätze walzen. Der Sand musste sich setzen. `Ob sie den Schnee einfach wegschaufeln? Vor vier Wochen lag definitiv noch Schnee. Fußbodenheizung für Sandplätze gibt es doch hoffentlich noch nicht. Vielleicht haben sie irgendeinen Spezialbelag. Oder Theodor hat einfach Scheiße erzählt. Wahrscheinlich müssen wir doch in die Halle gehen. Tolle Saisonvorbereitung, wenn wir gar nicht auf Sand spielen.´ Die Reise war auf Theodors Mist gewachsen. `Schon erstaunlich, dass der Langweiler mal was vorantreibt.´ Geradezu euphorisch hatte Theodor verkündet: „Saisonvorbereitung! Nur wir Männer! Ohne Frauen! Endlich mal wieder den Aufstieg ins Visier nehmen.“ Vor fünf Jahren waren sie schon mal auf große Fahrt gegangen. Damals war Karsten die treibende Kraft gewesen. `Ein Wunder, dass unsere braven Familienväter sich wieder dazu aufraffen. Oder gerade weil sie sich was davon versprechen.´ David verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Rein mannschaftsmäßig war das Wochenende damals ziemlich in die Hose gegangen. Verharmlosend ausgedrückt. D-J, Karsten und Theodor hatten danach ein halbes Jahr kein Wort mehr miteinander geredet. Ulrich war sofort aus dem Verein ausgetreten und ihre Herren 30 waren zwei Jahre in Folge abgestiegen. `Jetzt dümpeln wir in der 1. Bezirksklasse rum´, ärgerte sich David. Diese Saison sollten sie wieder aufsteigen, so viel stand fest. Übernächstes Jahr dann Verbandsliga. Eigentlich gehörte er in die Landesliga. So gesehen konnte eine Saisonvorbereitung nicht schaden: eine Trainingseinheit mehr für die Anderen. Wo er gerade dabei war, konnte er ja gleich noch eine Wahrheit aussprechen: „Natürlich hätte ich mir in Hamburg einen Verein suchen müssen. Ich hätte zum Club an der Alster gehen sollen und Regionalliga spielen.“ Andererseits wusste David um die Gründe, warum er das nicht getan hatte: `Hab leider Lacoste-Allergie.“ Nun also Trainingslager mit den Tennislegasthenikern aus Lübeck. `Vielleicht bedeutet eine weitere Reise sogar den Abstieg in die 2. Bezirksklasse.´ Ihm fiel beim besten Willen nicht ein, wessen Ausscheiden die Mannschaft grundsätzlich weiter schwächen könnte- bis auf sein Eigenes. `Wenn Karsten als Trainer geht. Das wäre schlecht. Wenn Karsten geht, gehe ich nach Hamburg´, beschloss David. Dabei wusste er, dass die Trainer in Hamburg schon jetzt zehnmal besser waren als Karsten. `Na ja, hab eh gerade beschlossen meine Wohnung in Hamburg zu kündigen.´ Er könnte natürlich zum Tennis nach Hamburg pendeln anstatt nach Lübeck. Hätte er schon längst machen sollen. 28 Jahre beim TC Lübeck waren schon zu viel. Davids Audi R6 Baujahr ´98 rollte auf die Hofeinfahrt seiner Eltern. „Mist!“ Er schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad. Der Passat seines Vaters stand nicht dort, wo er stehen sollte. Noch im Wagen kramte er sein Handy aus der Jackentasche. Er brauchte mindestens 100 Euro für das Wochenende. Nach dem fünften Klingeln sprang die Mailbox an. „Klasse…“ David stieg aus und sog die frische Landluft in sich ein. Irgendwo weiter weg düngte ein Bauer sein Feld. David tippte erneut auf das Handy, ließ es ein paar Mal klingeln und legte genervt wieder auf. Er sah zum Haus hin. Der weiße Glanz unter dem alten, erneuerungsbedürftigen Reetdach heiterte ihn ein wenig auf. Erst letztes Jahr hatte er allein die Fassade gestrichen. Auch der Schuppen, neben dem sein Auto parkte, brauchte einen neuen Anstrich. `Mach ich im Sommer. Besser noch: Wir reißen das schiefe Ding ab und bauen da eine Garage hin.´ „Meine Bastelstube“, nannte sein Vater den alten Hühnerstall immer mit Altmännerpippi in den Augen. `Scheiß auf seine Bastelstube…´ Eine Werkstatt ohne Werkzeug war es… und das Einzige, was dort gebastelt worden war, waren die unzähligen Joints, die David und seine Schulfreunde in dem Schuppen zusammengerollt hatten. David ließ den Blick weiter umherschweifen. Jetzt, wo die Natur noch nicht von den Staudenbeeten seiner Mutter, den meterhohen Bambussträuchern oder den wildwuchernden Obstbäumen Besitz genommen hatte, wirkte das kahle Grundstück größer- und absolut leblos. `Könnte auch ein Bauernhof in der Ostukraine sein. Wenn mein Caparol Acryl Fassadenweiß nicht wäre.´ Hinter dem Haus lag eine 3000m2 Koppel. Kühe, Hühner, Schafe und Pferde…alle waren sie Vorhaben geblieben. Nicht einmal ein Hund hatte hier sein Zuhause gefunden. Auf dem Hof lebten zwei Katzen. Zumindest hatte er sie vorgestern noch lebend im Wohnzimmer gesehen. David telefonierte erneut. Diesmal ging sein Vater ran. „Hallo Wolfgang. Ich bin hier am Haus. Wo bist du? Vor welcher Kirche? Ach so… und viel los da vor der Kirche? Nein schon gut. Wie lange seid ihr noch da?“ David sah zum Haus hin. Eigentlich wollte er sich noch eine Stunde aufs Bett legen. Gegen 5 sollte er bei Niki in Lübeck sein. Jetzt war es kurz nach 3. Aber das Geld war wichtiger als Schlaf. „Ich komm mal vorbei“, erklärte er seinem Vater, „Nein, nichts Wichtiges. Hab Sehnsucht.“ David ging ins Haus, um seine Tennissachen zu holen. Seinen Vater mit seinen Freunden anzutreffen hatte vor und Nachteile. Für sein Anliegen, ihm 100 Euro aus der Tasche zu leiern, war es von Vorteil. David dachte an die Nachteile: Ihm wurde leicht übel, wenn er an die Clique seines Vaters dachte. Die Frauen im lila Filz und die Männer mit ihren grauen Bärten. `Immer gut gelaunt. Diese schiefen, vergilbten Zähne, wenn sie lachen!´ Hallöchen David, winke winke. Eine halbe Stunde später ließ er den Audi am Straßenrand vor der alten Backsteinkirche ausrollen. 14. Jahrhundert. Hamberges ganzer Stolz. Wie erwartet, war nicht viel los vor der Kirche. Zwei Frauen, drei Männer, inklusive seinem Vater - vielleicht war ein Vierter auch gerade pinkeln. Die Männer hielten ein gelbes Transparent mit roter Grinse-Sonne vor sich her. Sie trugen Wollhandschuhe und winkten ihm damit freudig entgegen. Sein Vater stand in der Mitte der kleinen Gruppe. Wie David großgewachsen und schmal, aber mit langem, nach unten hin ausgefranstem Bart. Die Augen lagen noch tiefer als bei seinem Sohn. „Ihr meint also das bringt hier was?“, fragte David anstelle eines Grußes. Die Gruppe murrte. `Jehova, Jehova!´, dachte David. „Natürlich bringt es etwas, wenn man Flagge zeigt“, entgegnete ihm sein Vater und tätschelte ihm dabei umständlich die Schulter. „Vielleicht solltet ihr das an einem etwas belebteren Ort tun“, schlug David vor. Er wusste, dass er den Mund halten sollte. Aber er hielt sich ja schon zurück. Was er den Jutebeutelträgern alles an den Kopf werfen könnte: Ihr habt unser Wohnzimmer mit euren Filterlosen verqualmt! Die Tapete ist gar nicht gelb! Sein Vater zuckte mir den Schultern. „Ich hatte bis halb 1 Unterricht und bin direkt hierhin. Die Anderen waren auch dafür, heute mal im Ort zu bleiben. Nächste Woche fahren wir wieder zur Mahnwache nach Lübeck.“ David nickte. Hinter ihm fuhr ein Auto die Straße entlang, wurde auf Höhe der Gruppe etwas langsamer und beschleunigte dann mit quietschenden Reifen. Sie wurden also wahrgenommen. Einigermaßen mutig war es ja, die ganze Veranstaltung hier in Hamberge durchzuziehen. 100% CDU im Gemeinderat. Aber was sagte das heute schon? Die CDU war der Feind gewesen. David hielt es für möglich, dass sie es in Hamberge immer noch war, aber mit dem Anderssein, hatten sein Vater und seine Freunde ja noch nie Probleme. „Wo ist Waltraud? Kommt sie nicht mehr nach Hause?“, fragte David, um das Gespräch in familiäre Bahnen zu lenken. Davids Vater sah seinem Sohn in die Augen. Für David war das immer ein Kampf: Wer zuerst wegsieht hat verloren. „Waltraud hat mich angerufen. Sie wird vom Frauenkongress direkt mit einer Untergruppe nach Afrika fliegen.“ David wurde ein wenig schwindelig, aber er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. „Nach Afrika…? Das ist doch unglaublich teuer.“ Sein Vater verdrehte leicht die Augen und schnippte in die Luft, als ließe er einen Schmetterling frei: „Meinst du, deine Mojie guckt aufs Geld, wenn es um ihr Afrikaprojekt geht? Wir haben ein Leben lang gearbeitet. Wir haben Geld.“ David nickte. „Wie wärs mit anlegen? Es gib interessante Projekte mit regenerativer Energie, die Geldkapital brauchen.“ „Ja, ja schon gut.“ Wolfgang sah sich etwas unsicher zu seiner Gruppe um und schob David dann mit sanftem Händedruck von der Mahnwache weg auf die Kirche zu. „Lass uns dort ein wenig hinsetzen. Mir tun die Beine weh“, erklärte er und gab den anderen durch ein Zeichen zu verstehen, dass er im Abseits ein Vater-Sohn Gespräch führen werde. Kurz darauf ließen sie sich direkt an der Kirchenmauer auf einer massiven Holzbank nieder. Wolfgang kramte eine Schachtel Filterzigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an, ohne David eine anzubieten. „Drei von denen da sind gerade mit Prokon gehörig auf die Nase gefallen. Jutta und Udo haben sogar 15000 bei dem Verein angelegt.“ „Ist das Geld denn schon endgültig in die Luft geblasen?“, erkundigte sich David. Nicht, dass ihn für Jutta und Udo leid tat. Aber die Sache interessierte ihn. Geld und regenerative Energien. Darum ging es ja. „Nein, nein“, beschwichtigte Wolfgang, aber es klang nicht so, als wenn er daran glaubte, dass da noch was zu retten war. „Wie kommt es, dass ihr da kein Geld angelegt habt?“ „Wegen der 8%“, lächelte Wolfgang verschmitzt. David war es gewohnt, sich aus kargen Worten seines Vaters einen Reim zu machen. Sein Vater verfiel eigentlich nur bei drei Themen in längere Monologe: Atomkraft, Energiepolitik und Ressourcenknappheit. Was ja irgendwie eins war. „Du meinst, 8% waren unglaubwürdig? Immerhin haben sie es ein paar Jahre lang ausgezahlt.“ „Völlig unglaubwürdig“, antwortete Wolfgang, „aber das war es nicht. Walli und ich wollen gar keine 8% Gewinnvermehrung. Wir wollen Gutes tun.“ David sah zur Straße hin, die vor der Kirche eine lange Kurve machte. Seit wann war da kein Auto mehr vorbeigekommen? Die letzten zehn Minuten vielleicht? „Das schließt sich ja nicht unbedingt aus“, sagte er dann. „Was meinst du, warum Waltraut jetzt nach Afrika fliegt?“, fuhr Wolfgang fort. David überlegte. Vielleicht hatte sie keinen Bock mehr auf ihren vergammelten Resthof? Oder der Anblick ihres Mannes war ihr zuwider? So viel wie seine Mutter unterwegs war, konnte man allerdings bezweifeln, ob sie noch wusste, wie beide aussahen. `Vielleicht behagt ihr auch das Klima dort unten. Kein guter Frühling dieses Jahr im Norden.´ Es brachte nichts seinen Vater zu verärgern. Auf Zynismus reagiert der nur mit nachsichtigem Schweigen und geschlossenem Portemonnaie. Er fragte brav: „Weil sie Gutes tun möchte?“ „Ja, so ist es!“, lachte sein Vater zufrieden und völlig ironiefrei, „Wir haben uns zu lange auf Thailand spezialisiert. Das war auch wichtig. Die gelbe Revolution dort ist ganz elementar. Aber wir müssen uns auf unsere Kernthemen besinnen: Atomkraft und Afrika.“ „Mh“, machte David, mangels weiterer Einfälle. Es gab Augenblicke, da bekam er etwas Angst vor seinem Vater. „Und du, mein Sohn?“, sein Vater zwinkerte ihm hinter dem Rauch seiner Zigarette zu. Er konnte Wörter wie Sohn, Vater oder Mutter nie ohne Zwinkern aussprechen. „Ich fahr am Wochenende zur Saisonvorbereitung nach Laboe.“ David wusste, dass er sich nun wieder auf dünnem Eis bewegte. „Ach so, mit dem Tennis…“, Wolfgang stieß den Rauch durch die Nase. „Ja mit dem Tennis“, wiederholte David. Irgendwie hatte es ja etwas Putziges. `Wenn er nicht mein Vater wäre…´. Immerhin hatte sein Vater selbst bis zu seinem 18. Lebensjahr Tennis gespielt. Gezwungener Maßen, wie er immer betonte. Die bösen Eltern. Als Oma später dann den kleinen David zum Tennis fuhr, war Wolfgang nicht eingeschritten. Der Junge sollte selbst entscheiden. Die Enttäuschung kam erst, als David gerne zum Training ging und schnell die ersten Erfolge erzielte. „Das hatte ich grad gar nicht gemeint. Ich meine dein Studium, wie läuft´s?“ David suchte die Augen seines Vaters. Es war Zeit für das „Wer-zuerst-wegguckt-Spiel. Selten genug, dass sein Vater so direkt nach dem Studium fragte. `Warum gerade jetzt? Will er mich provozieren, weil ich meine Zeit mit Tennisspielen verbringe oder weiß er was?´ „Es läuft“, antwortete David nicht wahrheitsgemäß und fügte ehrlicher hinzu: „Es ist langweilig und trocken. Ich hasse es.“ „Ich habe deinen Ansatz immer bewundert“, erklärte Wolfgang mit konzentrierter Stimme. „Die Dinge verstehen, um sie verändern zu können, erscheint mir sehr sinnig.“ „Ja“, nickte David, „das nennt man mit den Wölfen heulen...“ Wolfgang blickte ihn skeptisch von der Seite an. „Nein, ich glaube, das Bild passt da nicht.“ David schluckte. „Mit den Wölfen heulen, um sie dann zu erschießen, besser?“ Wolfgang wiegte nachsichtig den Kopf hin und her. „Zum Schießen hab ich dich eigentlich nicht erzogen.“ „War auch nur ein Bild“, beschwichtigte David. Jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen, seinem Vater zu erklären, dass er mit seinem Plan gescheitert war. Er hielt das BWL Studium nicht mehr lange durch. Zu allererst deswegen, weil er den Sinn der mathematischen Formeln nicht begriff, aber auch weil seine Eltern ihn nicht dazu erzogen hatten, Frauen mit Sonnenbrille und Poloshirt heiß zu finden. Aber er musste sich auch noch das Wochenende finanzieren. `Nicht das erste Mal, dass Tennis mich vom richtigen Pfad abbringt.´ Das hätte wohl auch Wolfgang bestätigt. David sah sich als Kind den Tennisschläger aus dem Knick ziehen. `Gibt wohl nicht viele Kinder, die lügen müssen, um zum Sport zu gehen! Aber Schwamm drüber. Nobody is perfect.´ „Wo wir gerade dabei sind“, räusperte sich David, „ich könnte etwas Geld gebrauchen.“ Sein Vater hob eine Augenbraue: „Ach, waren wir gerade dabei?“ „Na ja“, lächelte David demütig, „sozusagen für den Kampf im Untergrund.“ Wolfgang zog einen letzten Zug an der Zigarette und drückte sie dann gekonnt mit einem Finger vor sich auf der Steinplatte aus. Vermutlich fragte er sich gerade intensiv, ob er da eine Ironie nicht verstanden hatte. „Du hast Recht“, sagte er dann, „wir befinden uns alle in einer Art Kampf. Ich habe mich immer für den stillen und gewaltfreien Weg entschieden, selbst damals in Brokdorf war ich nicht bei den Steinewerfern.“ Er blickte zu den übriggebliebenen Fünf seiner Mahnwache. „Möge es der richtige Weg gewesen sein.“ David hätte ihm nun auf die Schultern klopfen und beglückwünschen können: Wolfgangs Krieg war fast geschlagen. Wie es aussah hatte er ihn sogar gewonnen. `Fokushima sei Dank ist jetzt auch bei uns bald Schluss mit dem Irrsinn´, freute sich David. Er sah zu den Freunden seines Vaters hinüber. Waren es wirklich Freunde oder auch nur eine Art von Vereinskumpeln? Er stellte sich die übriggeblieben vier in weißen Tennisklamotten mit Schlägern unterm Arm vor. `Auch beim Tennis gibt es komische Vögel. Einige sind sogar genauso ungekämmt. Fangt doch alle mal mit Tennis an! Meint ihr wirklich eurer Plakat Fukoshima ist überall glaubt hier jemand? Bei der Erdbebenrate…´ Andererseits gab es keinen Grund, das Hobby zu wechseln. Im Gegenteil: Diese Männer und Frauen standen im Höhepunkt ihrer Karriere. Sie konnten zeigen, dass sie es von Anfang an gewusst hatten. Wer kann das schon! `Aber was dann?´, überlegte David, `Windenergie ist ne super Sache, die aber bald genauso viele Wutbürger auf die Straße rufen wird, wie Stuttgart 21, wenn die Windräder direkt vor den Haustüren stehen oder die Leitungen durch den Vorgarten führen. Braunkohle ist scheiße. Ihr seid ja nicht mal bei der SPD. Wie wärs mit Solarstrom aus der Sahara oder Wasserkraft aus Norwegen? Oder erfindet die neue Computerenergie. Könnt ihr nicht. Keine Zeit. Ihr demonstriert ja in Hamberge gegen den Erzfeind gespaltener Atom. Außerdem habt ihr keine Ahnung, wie es im Leben läuft.´ David gab seinem Vater einen leichten Klapps auf die Schuler. 100€ waren eine Menge Geld. `Warten wir ab, bis ich ein neues Racket brauche. Dann werd ich richtig zärtlich´, dachte David. Er konzentrierte sich wieder auf seinen eigenen Überlebenskampf. Wolfgang zog sein schmales ledernes Portemonnaie aus der Gesäßtasche, schlug es auf und zog einen 50€ Schein heraus. `Der Kampf ist noch nicht zu Ende´, stöhnte David innerlich. Er musste ins Private gehen. „Hab ich dir schon erzählt, dass ich eine Freundin habe?“ Wolfgang zog die Augenbrauen in die Höhe und behielt das Portemonnaie glücklicherweise in hab Acht Stellung. „Das freut mich für dich“, sagte er mit einem ehrlichen Lächeln und setzte hinzu: „Ich könnte dir jetzt einen Vortrag halten, dass Waltraud und ich in deinem Alter schon seit sechs Jahren zusammen waren und das in Zeiten der freien Liebe. So hätte es mein Vater gemacht.“ David schüttelte den Kopf: „Die freie Liebe hätte Opa wohl nicht erwähnt.“ `In Sachen Vorträge stehst du Opa sowieso in nichts nach´, dachte David. „100 reichen?“, erkundigte sich Wolfgang. „Auf jeden Fall“, David tippte zum Dank mit dem Zeigefinger gegen sein Basecap. Eine halbe Stunde später fuhr er in den Kreisel vor dem Holstentor ein. Das Handy surrte. Sobald er den Kreisel in Richtung Innenstadt verließ, sah er nach, wer sich gemeldet hatte. Eine SMS von Niki. Sie seinem Vater gegenüber als Freundin zu bezeichnen war etwas hochgestochen gewesen. Sie kannten sich seit zwei Wochen. Niki war 20, Hairstylistin mit einem Arm voller Tattoos, fünf Ohrringen an einer Seite und zwei Nasenpearcings. Er fand sie sexy, ohne Frage. Aber Freundin….? „Ich warte auf dich.“ David meinte zu ahnen, was das bei Niki bedeutete. Bei einer Freundin hätte er sich nach dem schweren Gib-mir-Geld-Match erholen können. Er hätte in ihren Armen auf dem Sofa gelegen und ihr erzählt wie deprimierend alte Menschen hinter einem Banner mit roter Grinsesonne auf ihn wirkten. Dann hätte er mit ihr über Atomkraft diskutieren können und sie wären sich am Ende einig, wie gut es war, dass ihre Generation dieser Technologie in den Arsch trat. Möglicherweise hätten sie dann noch im Internet nach alternativen Energieformen gegoogelt. Nur um auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei hätten sie Wein getrunken oder sie hätten auch nur zusammen ferngesehen und dabei Wein getrunken. Vielleicht hätten sie auch Tee getrunken, wenn seine Freundin, die ihn vorher getröstet hatte, davon traurig geworden und nicht in Alkoholstimmung wäre. Im Bett hätten sie dann trotzdem noch gefickt, weil er morgen für ein paar Tage weg fuhr. So war es zumindest mit Tanja gewesen. Seiner Pomeranze vom Dorf. Aber das war einmal. Niki erwartete ihn nicht. Doch die Wohnungstür stand offen. Aus ihrem Wohnzimmer drang lautes Stöhnen. David blieb zunächst unschlüssig im Flur stehen. Eigentlich war die Sache damit ja beendet. Warum alles in der Welt, lässt man die Wohnungstür dabei geöffnet? `Vielleicht ein Nachbar, der sie überrascht hat? Beim Sms-Schreiben?´ David hatte wenig Lust auf eine peinliche Begegnung, aber irgendwie wollte er, dass Niki wenigstens wusste, dass auch er es wusste. Während er langsam die Wohnzimmertür öffnete, hörte das Stöhnen auf und eine Männerstimme befahl: „Dreh dich um, Bitch!“ Vielleicht war Niki in Gefahr? Der Gedanke war ebenso absurd, wie das was sich hier abspielte. Er hatte ja keine Vorurteile gegenüber 20-jährigen Haarstylistinnen. Auch nicht gegenüber tätowierten Haarstylistinnen. Niki hatte Erfolg in dem was sie tat. Sie hatte eine abgeschlossene Ausbildung und arbeitete bei dem angesagtesten Frisör der Stadt. Auch irgendwas beim Studio Hamburg war sie am Machen. Eine Bilanz, die David selbst nicht aufbringen konnte. Vierter im Hauptfeld der Landesmeisterschaften der Herren. Vielleicht wär er weiter gekommen, wenn seine Sparringspartner nicht alle Bezirksliga spielen würden. Aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war, dass er über Freizeitsport redete. In Wirklichkeit ging es aber um Karriere, Knete und Besitz und um ein Können, dass einem Knete und Besitz einbrachte. Er hörte wieder ein Stöhnen. Diesmal eine Frau und ganz eindeutig Niki. David stieß die Wohnzimmertür ganz auf. Vor ihm lag Niki auf einem großen Kissen, nackt mit gespreizten Beinen, in deren Mitte ein großes Etwas steckte. Hinter ihr lief auf einem 110 Zoll Fernseher ein Porno. `Den Fernseher hat sie sich von ihrem 1. Gehalt gekauft´, erinnerte sich David ganz unnützer Weise. Der Mann, der die Frau von hinten stieß stöhnte nun wieder. `Dolby Surround´, dachte David. Das ganze Zimmer war anscheinend mit kleinen Lautsprechern ausgestattet und unter dem Fernseher hing der Subwoofer. „Nicht ungefährlich, die Wohnungstür offen zu lassen“, wagte er anzumerken. „Ich habe gesehen, wie du eingeparkt bist“, japste Niki und zog das lange Ding ein Stück weit aus sich heraus. Für David platzte die Illusion. Wie sollte das gehen? Sie stand am Fenster, wartete auf ihn, und währen er sich noch im Rückspiegel die Augenbrauen zurechtstrich, drehte sie den Fernseher lauter, schmiss sich aufs Kissen und steckte…aber wahrscheinlich war er mal wieder einfach zu verkantet, um sich auf den Scheiß einzulassen. „Ich mein ja nur. Könnte ja auch der Nachbar vorbeikommen.“ „Dann wärs eben der Nachbar“, japste Niki, „nun mach schon!“ Bereitwillig hockte er sich vor ihr nieder, streichelte ihre Beine und ertastete dann die beste Griffhaltung für das lila Gummiding.

Dierk

Die Fahrstuhltür öffnete sich. Dierk stieg ein und drückte auf die 2. Zwei Stockwerke, die er in den letzten fünf Jahren noch nie über das Treppenhaus erreicht hatte. Eine Tatsache, über die er sich in den letzten fünf Jahren auch noch nie Gedanken gemacht hatte. Nun aber schon. „Macht dich doch nicht verrückt!“, Dierk schnaubte aus. Drei Tage Saisonvorbereitung standen ihm bevor und er betonte in Gedanken das Wort „Saisonvorbereitung“ als hätte er an Karottensalat mit Apfelstücken gedacht. Seiner Meinung nach ebenfalls lächerlich. Wie viele Trainingseinheiten ihm wohl bevorstanden? Noch so ein Wort, das vor 20 Jahren noch keiner kannte und jetzt als unglaublich wichtig daher kam. Er sah an sich herunter. „Austrainiert sieht anders aus“, gab er zu. Und trotzdem: Letzten Mittwoch hatte er der Nummer 2 Jan-Derek oder Dj, wie sie ihn nannten, einen Ball dermaßen in die Ecke gesetzt, dass DJ zwar rangekommen war, aber nur einen laschen, hohen Ball zurückgebracht hatte, den er wiederum, angepeitscht durch die Zurufe des Trainers, vorne am Netz mit steifem Schlagarm nur abtropfen ließ, sodass DJ nach Luft japsend zwar noch in Richtung Ball jagte, aber schon auf halber Strecke erkannte, dass er sich geschlagen geben musste. `Ich habe Talent´, stellte Dierk befriedigt fest. `Aber das war zu erwarten. Ein paar Kilos weniger und ich mach die alle platt. Bis auf David vielleicht. Für den brauch ich noch ein Jahr.´ Die Fahrstuhltür öffnete sich im 2. Stock. Dierk ließ sie wieder zugleiten und drückte das E. Er könnte ja mal die Treppe hochgehen. Unten angekommen drückte er wieder die 2. `So ein Quatsch. Ich war ja schon oben.´ Es gab Dinge, die wertvoller als ein schlanker Bauch waren. Eins dieser magischen Dinge erwartete ihn: Beruflicher Erfolg! Zumindest hoffte er, dass er dort oben auf ihn wartete. Die Chefs des Architekturbüros, in dem er angestellt war, hatten eine wenig subtile Art, ihren Angestellten zu zeigen, wer die Leitung eines neuen Projektes „gewonnen“ hatte. Auf dem Schreibtisch des neuen Projektleiters stand jene Art von Gebäude, die es zu bauen galt in Miniatur. Dierk erwartete heute eine Garage auf seinem Schreibtisch. Genauer genommen ging es um einen Komplex aus 11 Garagen in einem Wohngebiet nahe der Innenstadt. Stand auf seinem Schreibtisch keine Garage, war er wieder nur „im Team“. Erneut sprang die Fahrstuhltür auf. Vor ihm öffnete sich der Blick in das Großraumbüro. Die breite Fensterfront in Richtung lichter Innenhof, die zehn Schreibtische mit ihren Computern, wobei immer zwei Tische im rechten Winkel aneinander standen und die zwei Zeichenbretter. Auf seinem Schreibtisch stand…eine Garage. Ja, eine Garage. Breit grinsend zog sich Dierk den Mantel von den Schultern, nicht ohne dabei eine Faust in Siegerpose zu ballen und ging zu der freistehenden Wand, an der die Jacken hingen. `Game, Set and Match.´ Er hängte den Mantel an die Garderobe und wandte sich den anderen zu. Sechs der zehn Plätze waren schon besetzt. Mit seicht wiegendem Schritt tänzelte er auf seinen gekrönten Schreibtisch zu. `Lass dir bloß keine Freude anmerken´, warnte er sich. Neulich hatte er den Schmidt dabei beobachtet, wie der auf seine Reihenhäuser zugestakst war: Ohne eine Miene zu verziehen. Sehr imposant! Er hatte schon befürchtet, dass Schmidt gleich seinen Laptop auf die begehrten Bastelobjekte werfen würde. Hatte er aber nicht. Neben den Reihenhäusern hatte ein Zettel gelegen. Schmidt hatte ihn genommen und laut vorgelesen: „Jasper, Conrad. Ihr seid mein Team.“ `Danke du Arsch´, hatten Jasper und Conrad wahrscheinlich gedacht, denn wer sonst hatte sich mit dem Bau der Häuser noch befasst und wer sonst sich ebenfalls um die Leitung beworben? Dierk stellte seine Tasche sorgsam an den Platz neben seinem Schreibtisch. `Eine schöne Garage´, befand er, ohne sie anzufassen. Klein und putzig. `Und daraus mach ich elf noch viel schönere Garägchen. Achtung!´, ermahnte er sich. `Grinse ich etwa wieder?´ Es gab keinen Grund. Er hatte eine Projektleitung bekommen. Nach fünf Jahren das erste Mal. Er war nun 41 und hatte seit der Uni…Er hatte sehr spät angefangen mit dem Studium und schon befürchtet, dass der Zug vielleicht abgefahren…aber das war jetzt egal. Er hatte es doch noch einmal geschafft. Eine Projektleitung! Aber, und das durfte er nicht vergessen: Es handelte sich um Garagen. Kein bedeutender Architekt bekam wegen Garagen einen Jubelanfall. Es war ein Anfang. `Ich grinse doch nicht schon wieder, oder?´ Sein Gehirn suchte nach Analogien: Sein erstes Tor in der 2. Liga? Nein, das war nicht vergleichbar. Oder doch: Auch damals hatte er gewusst, dass es ab jetzt nur noch aufwärts ging. Ging es aber nicht. Mit 23 war Schluss gewesen. Seine Laufbahn hatte am grünen Tisch geendet. Das durfte nicht noch einmal passieren. `Ein kleiner Fehler und schon büßt du für Jahrzehnte.´ Ein Architekturbüro war kein Stadion mit 20000 Zuschauern. Das Gehalt ein Witz. Aber es ging mal wieder aufwärts. Endlich fanden seine Augen den Zettel neben der Garage. Nur ein Name stand darauf. Ole Zeitinger. Zeitinger war der Praktikant. `Also der Laufbursche und ich.´ Dierk nickte still vor sich hin und setzte sich auf seinen Drehstuhl. Er tat den anderen nicht den Gefallen, nach dem Praktikanten zu rufen. Mit einer lässigen Handbewegung wischte er die Garage zur Seite. Die Regeln sahen vor, dass er noch einen Tag an seinem alten Projekt mitarbeitete, so zu sagen Übergabe machte und sich dann der Leitungsaufgabe widmete. `Ist man eigentlich auch Projektleiter, wenn niemand da ist, den man anleitet? Niemand außer einer Knalltüte.´ Dierk nickte wieder und beschloss, dass es um das Gebäude an sich ging und nicht um das Team. Heute war Freitag. Am Montag würde er mit den Entwürfen für die Garagen beginnen. Dazu musste er seine bisherigen Entwurfs-Skizzen ins Detail bringen und …. Er hatte also einen Arsch voll Arbeit für die nächste Zeit. Dabei fiel ihm ein, dass auf keinem Zettel stand, bis wann die Entwürfe fertig sein sollten. `Am besten wohl gestern schon.´ Zum ersten Mal schüttelte Dierk den Kopf. Das Wochenende in Laboe passte nicht mehr rein. Ein wenig stolz war er ja gewesen, dass sie ihn gefragt hatten. So schlecht spielten sie ja auch nicht und er war Anfänger. Aber auch so. Wann war er das letzte Mal mit anderen Männern verreist? Wahrscheinlich seit damals nicht. Aber so eine Fahrt mit Tennis-Amateuren glich eher einer Klassenfahrt als einem Auswärtsspiel. Allein schon die Frage, wer mit wem in einem Zimmer schlief. Es war nie einfach, irgendwo neu anzufangen. `Das Wochenende muss sein. Ich nehm die Kreativpause vorweg. Danach wird geknüppelt.´ Wenn er dann ein paar Wochen nicht zum Training erschien, hatte er vorher wenigstens guten Willen gezeigt. Außerdem war Jan-Derek Autohändler. Womöglich konnte er ihm Tipps für die Ausstattung einer perfekten Garage geben. `Achtung´, ermahnte Dierk sich erneut, `für gewöhnlich verfalle ich am Tisch nicht in Gedankenstarre.´ Nein, für gewöhnlich ging er zuerst in die Kajüte, wie sie ihre kleine Teeküche nannten und holte sich einen Latte. Er sah auf die Uhr. Schon etwas nach halb neun. Mit etwas Glück traf er Miriam noch an. Der Drehstuhl ächzte als Dierk seinen schweren Körper herausstemmte. Tatsächlich stand die schlanke, mittelgroße Miriam einsam am Kaffeeautomaten und befüllte sich ihren knallroten Porzellanbecher. Anscheinend hatte sie es nicht eilig. Dierk meinte sogar ein Aufblitzen in ihren Augen zu entdecken, als er den Raum betrat. `Heute ist mein Tag!´, lobte er sich und nahm sich seinen Becher aus dem Schrank. „Glückwunsch, Dierkie“, begrüßte ihn Miriam. Er überhörte die Verniedlichung seines Namens. Es klang immer wie Dickie. Sie hatte die Garage also bereits entdeckt. Natürlich! Sie alle hatten danach Ausschau gehalten. Auch wenn sie sich nicht darum beworben hatten. „Danke“, grüßte er gleichgültig zurück, „es handelt sich um Häuser für Autos nicht?“ Ein Lächeln huschte über Miriams Gesicht. Sie lächelte nicht oft, meist nur zur Begrüßung. Den Rest der Zeit, sah sie einfach nur gut aus. Aber heute lächelte sie. `Vielleicht lächelt sie nur Männer in Führungspositionen an´, überlegte Dierk ohne ihr darüber böse zu sein. Miriam hatte schon ein Projekt geleitet. Immerhin. Auch jetzt bewarb sie sich wieder um eins, das wusste er. Sie hatten die gleiche Gewohnheit, sich um halb neun einen Latte zu holen. Miriam wollte die Einkaufpassage haben. Eine große Sache für Lübeck. Dierk glaubte nicht, dass sie ihr die Passage geben würden. So etwas wurde Chefsache. „Stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel“, sagte sie und nippte an der heißen Latte, aber was sollte sie auch sonst sagen. Sie hatte unglaublich schlanke Beine, die durch die Nylonstrumpfhosen blitzten und einen tollen runden Po. Ein dunkelblaues Businesskostüm betonte beides. Für Dierk war Miriam die Traumfrau schlechthin. Er kannte sich ganz gut mit Spielerfrauen aus. Von früher. Miriam hatte mit einer Spielerfrau das gute Aussehen gemein. Bei ihr kamen dann noch Stil und Gehirn dazu. `Vielleicht blieb der Humor ein wenig auf der Strecke´, überlegte er ungewohnt kritisch. Er schäkerte mit ihr rum und lachte aus Höflichkeit oder aus Verliebtheit. Besonders witzig war sie aber wirklich nicht. Aber klug musste sie sein als Architektin. Ihr schönes Gesicht im Businesskostüm überwältigte ihn jedes Mal. Natürlich pflegte sie sich und trug die meist braunen Haaren immer perfekt frisiert. `Ihr fehlt nur noch so eine große Sekretärinnenbrille. Dann leg ich sie flach´, sinnierte Dierk während er sich Zucker in den Becher träufelte. „Ich werd die Dinger schon fertig kriegen“, stapelte er tief. „Davon gehe ich aus“, Miriam lächelte erneut. „Setzt du dich gleich am Wochenende ran, oder…?“ Sie ließ den Satz unvollendet. Auf dem falschen Fuß erwischt sprang Dierk sofort ein: „Nein, am Wochenende spiele ich in Laboe mit meiner Mannschaft.“ Er suchte in ihrem Gesicht, wie das bei ihr ankam. „Aä, Fußball…?“ Trotz seiner Bemühungen Miriams Reaktion zu beobachten, entging Dierk das enttäuschte Zucken ihrer Augenpartie. „Nein, Tennis. Ich spiele seit drei Monaten Tennis.“ Das hatte er ihr natürlich bereits gesagt. „Tennis?“, Miriam klang erfreut, „dass du da sogar schon in einer Mannschaft spielst.“ Er nickte. Es gab viele Erfolge zu feiern. Anscheinend kannte Miriam sich aus. Er hatte jetzt aber keine Lust, über Sport zu reden. Miriam nippte an ihrem Kaffee. Sie schien nachzudenken. Jetzt erst fiel Dierk auf, dass etwas nicht stimmte. Es gab kein Lächeln mehr. Irgendetwas hatte die Stimmung gekippt. Dierk fiel ihr „…oder“ wieder ein. Was hatte sie im Sinn gehabt? „Und du? Bereitest du dich am Wochenende auf deine Bewerbung vor?“ Miriam hob den Kopf dankbar von ihrer Latte empor. „Ja genau. Und ich hatte gedacht, nun ja, dass du mir…, dass du einfach mal drüber sehen könntest. Mir fehlt ein wenig der männliche Kontrollpart. Kein Einkaufszentrum besteht nur aus Parfümerien und Modegeschäften. Mit denen kenne ich mich aus, du verstehst?“ Das also war es. Dierk nippte an seiner Latte. `Miriam fehlte der männliche Kontrollpart im Leben. So ist das mit den modernen Frauen. Und wir Männer spielen aus lauter Einsamkeit Tennis.´ „Tja, das geht nun leider nicht mehr.“ Sie nickte. „Ich muss dann auch mal weiter. Muss die Sachen Mittwoch abgeben.“ Er wusste, dass sie die Mappe bis Mittwoch abgeben musste. Mittwoch war immer Abgabetermin. Was stellte sie sich vor? Sollte er Montag ihre Pläne durchsehen? Zeit für Änderungen blieb dann kaum noch. `Wann soll ich dann auch mit meinen Garagen anfangen?´ Er war jetzt Projektleiter. Dierk blinzelte. Wenn er es so überlegte, passte das Tenniswochenende überhaupt nicht mehr. „Wie hast du dir das vorgestellt mit dem Wochenende?“, Dierk versuchte wie beiläufig zu klingen, aber er merkte selbst, dass es misslang. Miriam konzentrierte sich noch einmal. „Ich dachte, du kommst vielleicht zu mir? Ich habe die Sachen bei mir.“ Dirk nickte langsam. „Du könntest nach Laboe kommen. Miete dich da ein für eine Nacht und wenn ich Zeit habe, guck ich rüber.“ Das war Wahnsinn. Ein Schuss zu viel, eine Seemeile zu nah ran ans feindliche Schiff. Warum sollte seine Meinung überhaut wichtig sein? `Was weiß ich schon über Einkaufszentren?´ „Vielleicht mache ich das ja.“ Miriam lächelte wieder, „ich melde mich dann.“ Treffer! `Noch nicht versenkt, aber nah dran! Man muss nur mal nachfragen.´ In der Tür drehte sich Miriam noch einmal um: „Danke fürs Angebot. Vielleicht kommt Petra mit. Die würde sicher auch gern mal an die Küste.“ Stich ins Herz. Was sollte die adipöse Petra in Laboe? `Möglicherweise braucht eine Frau wie Miriam immer eine hässliche Freundin nebenbei´, Dierk biss sich auf die Unterlippe. Petra hatte mal bei ihnen gearbeitet: Als Schreibkraft. Irgendwie hatte Dierk immer das Gefühl gehabt, als wäre es für die anderen schon abgemacht gewesen, dass er und Petra... und nur, weil sie beide fett waren. Am Ende hatte er regelrecht Angst davor gehabt, sie würde ihn nach einem Date fragen. Diese Blicke mit ihren großen Kuhaugen. Dieses Händeringen und das Spielen mit der Goldkette um ihren fetten Hals. Irgendwann war sie dann plötzlich weg. Erst eine längere Zeit krank und dann weg. Miriam hatte ihm morgens ein paar Mal ungefragt von Petras Gesundheitszustand berichtet und dass sie in einem Autohaus untergekommen war. `Vielleicht sollte ich Fettarsch Petra nach den Garagen fragen.´ Dierk nickte schwach. Ihm lag etwas auf der Zunge wie: „Die fette Kuh lassen wir da mal schön außen vor“, aber das traf nicht sein Image, des netten Kumpeltypen. Ohne Frage hatte seine Dreistigkeit gegenüber schönen Frauen diametral zu seinem Körperumfang abgenommen. `Aber jetzt hab ich mal wieder einen Schuss abgefeuert. Vielleicht kommt sie nach Laboe. Und wenn sie ihre Freundin wirklich mitbringt, na dann bauen wir ihr die Garagen direkt in die Einkaufspassage.´ Der Praktikant steckte seinen Kopf in die Teeküche: „Ich könnte dich mal gebrauchen“, säuselte er. Natürlich zu Recht. Dierk war schon fast eine Stunde in der Werkstatt, wie sie ihr Architekturbüro gerne nannten und hatte noch keinen einzigen kreativen Gedanken in den Computer getippt oder sich mit irgendeinem seiner Kollegen kurzgeschlossen. Was genaugenommen der größere Teil ihrer Arbeit ausmachte. „Du bist in meinem Team!“, bellte Dierk zurück. Oliver sah leicht erschrocken aus. „Team Garage?“ `Ein bisschen mehr Respekt´, dachte Dierk. „Nein, Team wasch meinen Becher ab“, bellte Dierk wieder, drehte sich dann aber um und stellte seinen Becher selbst in die Geschirrspüle.

Dierk

Ein paar Stunden später verstaute Dierk seine Garage in einer noch freien Schreibtischschublade. Er war sich sicher, dass sie das Modell wiederhaben wollten. Keiner würde extra für ihn in der letzten Nacht ein Modell gebaut haben. Auch Ole der Praktikant nicht – der ganz bestimmt nicht, denn als Dierk sich noch kurz mit ihm besprochen hatte, hatte dieser das Modell die ganze Zeit in der Hand gedreht und bestaunt. Dierk sah sich genötigt, ihm zu eröffnen, dass dieser Modelbausatz rein gar nichts mit der zu bauenden Garagen zu tun hatte. Nein, der Praktikant würde keine große Hilfe sein. Ole wollte lernen, wie er wissbegierig betonte. `Aber davon hab ich nichts´, dachte Dierk und schickte Ole ins Wochenende. Miriam lief Dierk nicht mehr über den Weg. Einmal hörte er sie nur aus der Teeküche heraus lachen. Sie schien heute einen erstaunlich heiteren Tag zu haben. Vielleicht lag es an der Anspannung, die die Erarbeitung einer Bewerbung mit sich brachte- besonders in der Schlussphase. Dierk wähnte einen oder zwei Kollegen zusammen mit ihr in der Teeküche. Die zwei weiteren Frauen ihres Büros saßen jedenfalls an ihren Plätzen. Ihn beschlich der Verdacht, dass sie vielleicht auch die beiden anderen nach männlichem Beistand fragte und sich zu ihnen nach Hause einlud. `Wie würde ich mich verhalten?´, ging er die Sache rational an. `Wenn sie schon ihre Haut verkauft, ist es doch egal an wen. Vielleicht bin ich auch nicht der erste, den sie gefragt hat. Vielleicht ist sie schon vollkommen verzweifelt und hat es nur deswegen in Betracht gezogen nach Laboe zu kommen. Sie hat schon alle durch.´ Bis auf die zwei, mit denen sie jetzt in der Teeküche stand. Dierk versuchte die Gedanken fortzuwischen. Er musste an seine Garagen denken und daran, dass das Tenniswochenende in der jetzigen Situation nichts als unerlaubter Luxus war. `Wir haben uns immer gut verstanden in unserer Teeküche, die wir beide nie Kajüte nennen´, überlegte er, um seinen Puls ein wenig runter zu fahren, `warum sollte sie nicht nur mich fragen?´

Dierk

Drei weitere Stunden später parkte Dierk seinen Mazda MX 5 vor dem Einfamilienhaus seiner Mutter. Mit Ende Zwanzig hatte er schon fast alles gehabt: Frau, Haus und Hund. Erst lief der Hund weg, dann die Frau. Aus dem Haus am Stadtrand wurde eine Eigentumswohnung in der Citiy. Da das Architekturstudium nicht nur Unmengen an Zeit, sondern auch sein Geld verschlang, verkaufte er die Wohnung, und zog in eine Mietwohnung. Am Ende der Kette stand der Einzug bei seiner Mutter. Auch mit der Anstellung im Architekturbüro Schulz und Bader begannen die Einnahmen nicht zu sprudeln. Er leistete sich zunächst einmal das Auto. Dabei hätte sein Wohnverhältnis fast seine Anstellung verhindert. Beim Vorstellungsgespräch guckte Schulz von Schulz und Bader leicht angewidert als Dierk sich diesbezüglich erklärte und strich vermutlich Dierks Namen auf der Liste vor ihm durch. Bader saß daneben und sagte: „Haben nicht alle guten Architekten irgendeinen Spleen?´ Woraufhin Schulz irgendein Zeichen hinter Dierks durchgestrichenem Namen auf der Liste krickelte. Vielleicht einen Vogel. Mit der Projektleitung kam nicht nur Ruhm, sondern auch Geld ins Haus, aber wie es aussah, sollte sich Dierk nicht so schnell von seiner Mutter trennen können. Dierk öffnete die Haustür. Bullenhitze schlug ihm entgegen. Es erinnerte ihn an den Besuch des Tropenhauses im Botanischen Garten. Sein Elternhaus war etwas über 100 Jahre alt. Es kostete schon einiges an Anstrengung es auf diese Weise aufzuheizen. Was es mit Sicherheit nicht besaß, war eine gute Wärmedämmung. `Sie hat mal wieder alle Thermostate hochgedreht´, schlussfolgerte Dierk. Er riss zwei der alten Holzfenster auf Kipp und machte sich auf die Suche nach seiner 66-jährigen Mutter. Das Parkett knarrte unter seinen Füßen. Er hielt inne, hörte es aber nirgendwo anders knarren. Das erschwerte die Suche. Für gewöhnlich war Margot im Bewegungsmodus und lief von Raum zu Raum. Er rief nach ihr: „Mama? Mama, bist du da?“ `Zumindest sollte sie da sein´, dachte Dierk. Er hoffte, dass sein Rufen sie aufscheuchte, sie in Gang setzte bis der alte Kasten an irgendeiner Stelle zu knarren begann. „Da sind sie da!“ Es war mehr ein Flöten als ein Ruf, das ihm antwortete. „Und wo-o?“, flötete Dierk zurück. Er kam als Projektleiter und hatte dementsprechend gute Laune. „Da sind sie viele viele…“, die Stimme versiegte gegen Ende hin und wandelte sich in ein krächzendes Husten. Anscheinend hatte Margot sich verschluckt. „Du sollst mehr trinken, Mama!“, rief Dirk und setzt sich in Bewegung. Margot musste ganz in der Nähe sein. Es blieben das angrenzende Kaminzimmer, das kleine Gästezimmer oder die Küche. Sie saß, stand oder lag. Auf jeden Fall knarrte sie nicht. „Hab ich auch schon ne Schraube locker?“, ärgerte sich Dierk, „seit wann knarrt Fliesenboden!“ Er trat zurück in den Flur, um sich auf den Weg in die Küche zu machen. Gelbe Hängeschränke aus den frühen 80ern, ein runder Holztisch und ein summender Kühlschrank, aber keine Margot. „Ah ja. Das war nichts“, murmelte Dierk leise vor sich hin. Die gelben Wandschränke waren mit Scharnieren gegen Margots Zugriff gesichert. Meistens rüttelte sie daran, wenn sie sich in der Küche befand. Deswegen war er wohl nicht direkt in die Küche gegangen. Auch im Kaminzimmer fand er seine Mutter nicht. Nur auf dem antiken Beistelltisch lag ein Buch, das da nicht hingehörte- Margots Brille lag daneben. `Hat sie wirklich gelesen?´, wunderte sich Dierk. Er hob das Buch hoch. Ein kleiner Mallorca-Bildband aus den 70-ern mit überwiegend Schwarz-weiß-Fotos und nur wenigen Farbaufnahmen. Seine Eltern hatten Mallorca aber erst in den 90ern für sich entdeckt. Waren fünf oder sechsmal dort gewesen. Den Bildband hatte sicher sein Vater erstanden. Dierk blätterte nach vorne. „Zwei herrliche Wochen mit dir auf einer wunderschönen Insel. Dein Klaus, September 1995“, stand dort in der krakeligen Handschrift seines Vaters. Dierk sah aus dem Fester. `Dass es jetzt noch so lange hell ist.´ Die längere Taghelligkeit war in diesem Jahr der einzige Vorbote des Frühlings. Es musste schon nach 18 Uhr sein und doch hatte die Dämmerung noch nicht eingesetzt. Schnee lag keiner mehr im Garten, aber weder die Rotbuche noch die Linden trugen erste Blätter. Die Temperatur fiel in der Nacht noch unter den Gefrierpunkt. `Zu kalt für diese Jahreszeit. Wieder mal keinen Frühling gehabt´, stöhnte Dierk. Er wog das kleine Büchlein in der Hand. `Vielleicht will Mama mir damit was sagen…“ Vor dem Fenster am Himmel flog ein Vogelschwarm in Dreiecksformation vorbei. `Hat ihnen keiner gesagt, dass wir noch nicht so weit sind? Vielleicht will Mama auswandern mit mir. Dahin wo es wärmer ist.´ Er dachte daran, dass seine Eltern öfters darüber gesprochen hatten, ihr Rentnerdasein auf Mallorca zu verbringen. `Vielleicht hätten sie es auch getan. Wär ich nicht beruflich so erfolgreich: Ich würde ja mit ihr gehen.´ Der Blick durch das große Bogenfenster irritierte Dierk immer mehr. Das kahle, unwirtliche Bild des kaum noch bewirtschafteten Gartens widersprach der Hitze, die sich in den Erdgeschossräumen verbreitet hatte. `Irgendwann fackelt sie noch mal alles ab.´ Es war nicht das erste Mal, dass Dierk daran dachte. Feuerzeug und Streichhölzer hatte er bereits weggeräumt. Frei zugänglich lag davon nichts mehr im Haus herum. Der Herd funktionierte elektrisch und der Putzmittelschrank war verschließbar, aber wahrscheinlich gab es trotzdem irgendwo eine Sicherheitslücke. Gegen 18 Uhr würden sie morgen Abend in Laboe sein. Halb fünf war Abfahrt vom Clubhaus. Das würde er schaffen, wenn er pünktlich um drei Schluss machte und dann noch mal kurz nach Hause fuhr und seine Sachen holte. `Ob wir morgen schon spielen?´ Vielleicht ging man ja auch gleich ins Restaurant. `Draußen will von denen bei der Kälte doch keiner spielen.´ Dierk zuckte mit den Schultern. Er würde die Planung des Wochenendes den Anderen. Ihm war es egal, auf welchem Belag sie spielten. „Dierk!“ Margot rief nach ihm. Dierk schreckte hoch. `Natürlich, da ist ja noch was. Hat sie wirklich meinen Namen gerufen?´ „Ja! Mama, wo bist du?“ Es kam keine Antwort. `Vielleicht ist sie doch oben, aber die Stimme klang so nah. Oh, Mann!´ Er hatte einen Raum vergessen. „Eher verdrängt“, brummte Dierk. Seit einigen Monaten beschäftigte er sich stark mit dem eigenen Erinnerungsvermögen. Dabei kam er immer wieder zu dem Ergebnis, dass er zwar immer mal wieder etwas vergaß, aber immer aus bestimmten Gründen. Er drehte sich um und ging langsamen Schrittes auf die Tür am Ende des Flures zu. „Mama?“ „Ja, ja“, flötete es wieder. `Gleich kracht die Axt durchs Holz und Mutter grinst mir entgegen´, versuchte sich Dirk aufzuheitern. „Mama, komm da mal raus!“, bat er zaghaft. Etwas schlug von innen gegen die Tür. „Die verdammte Klinger!“, schimpfte Margot. Dierk atmete tief durch. Dann drückte er die vergoldete Klinke herunter. Margot guckte ihn von unten aus mit schuldbewusster Miene an. „Musst deine Mutter nicht auf Toilette sehen!“ Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf. Dierk zischte durch die Zähne: „Ich habe nicht darum gebeten. Wenigstens hast du noch die Hosen an.“ Margot lachte schrill auf. „Ich bleibe sitzen!“, sagte sie und streckte Dierk die Hände entgegen. Wiederwillig ergriff er sie und zog Margot hoch. „Seit wann kannst du nicht mehr alleine aufstehen?“ Margot ließ das unkommentiert, kam wackelig auf die Füße und reckte sich die steifgewordenen Glieder. Anscheinend hatte sie schon eine längere Zeit in der Gästetoilette verbracht. Vielleicht den ganzen Morgen. „Das nächste Mal sperrst du dich da ein, bevor du die Thermostate hochdrehst“, brummte Dierk während er seine Mutter vor sich her in Richtung Küche schob. Er bemerkte, wie ihm der Schweiß den Rücken herunterlief. Frau Bogdana hatte sicher wieder Abendbrot gemacht. Die Polin kam jeden Tag für eine Stunde ins Haus. Dierk bezahlte sie überdurchschnittlich und bekam dafür unter anderem jeden Abend einen Schnittchenteller in den verriegelten Kühlschrank gestellt, der groß genug für sie beide war. Manchmal kaufte sie auch zusammen mit Margot ein. „Ich fahre morgen zu einem Tenniswochenende. Das weißt zu Mama, nicht?“ Margot stakste vor ihm her und bog zielstrebig in die Küche ein. Eine Antwort blieb sie ihm schuldig.

Karsten