Saivo - Jeren Gael - E-Book

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Jeren Gael

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Beschreibung

Eine alte Dame, die vergeblich versucht, ihrer Vergangenheit zu entkommen, und die ihre Enkelin damit schockiert, dass sie schön wird und einen Liebhaber hat. Ein begehrter Arzt, der plötzlich die Nächte in Bibliotheken verbringt und sich immer mehr für ausgestorbene Sprachen als für seine lebenden Patienten interessiert. Eine rationale Molekularbiologin, deren Weltbild auf irrationale Weise zutiefst erschüttert wird. Ein ungewöhnlich schöner Mann, der in Venedig in einem archäologischen Museum arbeitet, den jeder kennt, doch keiner weiß, wer er ist. Vier Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Vier Einzelschicksale, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Und dennoch stehen sie alle auf rätselhafte Weise mit dem mysteriösen Verschwinden von Sofia und Björn Asmundsen, einem Wissenschaftlerehepaar, in Verbindung. Ihre junge Kollegin, Lea Marlou, begibt sich im Auftrag der Institutsleitung auf die Spuren der Verschollenen. Woran haben die Asmundsens gearbeitet? Was wollten sie in Island und Venedig? Leas Nachforschungen führen sie in fremdartige Länder. Es geschehen zunehmend seltsame Dinge. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Je weiter sich die Protagonisten von ihrem bisherigen Leben entfernen, desto näher kommen sie einem uralten Geheimnis.

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Seitenzahl: 735

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über den Autor: Jeren Gael wurde 1973 geboren, lebt heute mit der Familie in Hamburg und arbeitet im naturwissenschaftlichen Bereich.

Danksagung: Ich bedanke mich bei meiner Familie, meinen Freunden und meinen Kollegen. Ihr Zuspruch hat mir geholfen, dieses Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.

Inhalt

Kapitel 1:

Hamburg – einige Tage zuvor (Mitte 2000)

Kapitel 2:

Helgoland – Ein Jahr vorher (Sommer 1999)

Kapitel 3:

Hamburg – ein halbes Jahr vorher (Januar 2000)

Kapitel 4:

Hamburg – Gegenwart (Mitte 2000)

Kapitel 5:

Helgoland – ein Jahr vorher (Sommer 1999)

Kapitel 6

Kapitel 7:

Hamburg – Gegenwart (Sommer 2000)

Kapitel 8

Kapitel 9:

Hamburg – einige Monate zuvor (Februar 2000)

Kapitel 10:

Hamburg – Gegenwart (Sommer 2000)

Kapitel 11:

Hamburg – einige Monate zuvor (Februar 2000)

Kapitel 12

Kapitel 13:

Helgoland – ein Jahr zuvor (August 1999)

Kapitel 14:

Hamburg – Gegenwart (Sommer 2000)

Kapitel 15

Kapitel 16:

Helgoland – ein Jahr zuvor (August 1999)

Kapitel 17:

Hamburg – ein viertel Jahr zuvor (Mai 2000)

Kapitel 18:

Venedig – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 19:

Venedig – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 20

Kapitel 21:

Venedig – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 22

Kapitel 23:

Venedig – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 24:

Venedig – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 25

Kapitel 26:

Helgoland – ein Jahr zuvor (August 1999)

Kapitel 27:

Wien – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 28:

Hamburg – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 29:

Berlin – Gegenwart (August 2000)

Kapitel 30

Kapitel 31:

Helgoland – ein dreiviertel Jahr zuvor (September 1999)

Kapitel 32:

Hamburg – Gegenwart (September 2000)

Kapitel 33:

Irak – Gegenwart (September 2000)

Kapitel 34

Kapitel 35:

Helgoland – ein Jahr zuvor (Mitte September 1999)

Kapitel 36:

Hamburg – Gegenwart September 2000

Kapitel 37:

Ägypten – Gegenwart (September 2000)

Kapitel 38:

Venedig – Gegenwart (Oktober 2000)

Kapitel 39:

Griechenland – Gegenwart (Oktober 2000)

Kapitel 40:

Hamburg – Gegenwart (Oktober 2000)

Kapitel 41:

Hamburg – Gegenwart (Oktober 2000)

Kapitel 42:

Hamburg – Gegenwart (November 2000)

Kapitel 43:

Hamburg – Gegenwart (November 2000)

Kapitel 44:

Hamburg – Gegenwart (November 2000)

Kapitel 45:

Hamburg – Gegenwart (November 2000)

Kapitel 46:

Hamburg – Gegenwart (November 2000)

Kapitel 47:

Hamburg – Gegenwart (November 2000)

Kapitel 48:

Hamburg – Gegenwart (November 2000)

Kapitel 49

Endnoten

Kapitel 1

Hamburg – einige Tage zuvor (Mitte 2000)

Ihre langen dunklen Haare bedeckten seinen nackten Oberkörper. Noch lange lag sie auf ihm, das tränenverschwommene Gesicht fest auf seine Brust gepresst. Sie konnte spüren, wie die Wärme allmählich aus ihm wich. Ihr Atem ging ruhig. Sie bezwang ihre Gedanken, sie würde sich jetzt auf das Notwendige konzentrieren, so wie sie es immer tat. Das war ihre Stärke und hatte sie weit gebracht. Bis hierher. Und, für wahr, das war wirklich sehr weit. Es sollte nicht alles umsonst gewesen sein, nein, das wäre nicht in seinem Interesse gewesen. Sie löste sich sanft von dem reglosen Körper und ging zum Kleiderschrank hinüber. Sie wählte etwas feierliches, seinen schwarzen Smoking, den hatte er immer gerne getragen und ihn umwerfend aussehen lassen. Als sie den Anzug herausnahm und ihr der vertraute Duft schwach entgegen strömte, zitterten ihre Hände und ihre Kniee drohten nachzugeben. »Nein, nicht jetzt, du musst weiter gehen!«, herrschte sie sich selbst an. Sie rannte in die Küche und trank. Erst ein Glas, dann zwei und schließlich die ganze Flasche. Die kleinen weißen Pillen, die sie zwischen den einzelnen Schlucken einwarf, nahm sie nicht mehr wahr. So sehr hatte sie sich inzwischen daran gewöhnt. Es dauerte nur einige Minuten, dann fühlte sie sich wieder stark genug. Sie hob den schweren Kopf und sah in die augenlosen Höhlen eines weißen, schönen Schädels, der ihr aufmunternd zulächelte. Seine luftige Gestalt stand aufrecht, die eine Hand auf einen ebenso knorrigen Stock gestützt, die andere Hand mit einer einladenden Geste auf sein kleines Boot deutend1. Es sah herrlich aus, wie es so schlicht da lag und lautlos mit den Wellen auf und ab ging. Ein beruhigendes Rauschen erfasste Sofia. Ja, er konnte sich auf sie verlassen, sie würde ihn nicht im Stich lassen.

Sofia kehrte zu dem am Boden Liegenden zurück und streifte ihm den Anzug über. Es fiel ihr erstaunlich leicht, obwohl er um einiges größer und schwerer als sie selbst war. Sie fasste ihn unter den Armen und schleifte ihn aus dem Haus. Während sie den Wagen holte, wartete er auf dem Rasen, der von tagelangen Regengüssen gut durchfeuchtet und weich war. Sie fuhren eine ganze Weile, bis sie auch die letzten Lichter der Stadt hinter sich gelassen hatten. Immer entlang an dem großen Strom, der sich im Mondlicht wie eine silberne Schlange leuchtend durch die öde Landschaft wand. Sofia ließ ihn nicht aus den Augen. Als sie bei der Brücke angelangt waren, näherten sie sich dem Ende ihrer Reise. Sofia zog den schweren Körper aus dem Auto, legte einen seiner Arme über ihre Schultern und stützte ihn mit der ganzen Kraft ihres eigenen Körpers, so dass er aufrecht stand. Mühsam kämpfte sie sich durch den aufgeweichten Boden, unter der doppelten Last noch tiefer einsinkend. Langsam und keuchend brachte sie sich beide auf die Brücke. In der Mitte angekommen, küsste sie ihn noch einmal, lang und innig, schloss dann mit behutsamer Zärtlichkeit seine Augen und stieß ihn mit wenig Kraft über die Brüstung in die rauschende Tiefe. Mit einem dumpfen Klatschen nahm der Fluss ihn auf und trug ihn gelassen davon. Schon bald verlor sich seine dunkle Gestalt in den wirbelnden Wassermassen der großen silbernen Schlange, die sich träge und unaufhaltsam ihren Weg in ihre Heimat bahnte, dem Ziel allen Fließens, der alles in sich aufnehmenden, umwandelnden und wiedergebenden See. Sofia blickte ihr noch lange nach.

Als die Kälte schmerzhaft an ihrem Bewusstsein zu nagen begann, machte sie sich auf den Rückweg. Sie verwischte die Spuren, die sie hinterlassen hatten, so gut es ging. Die Schwärze der Nacht half, Kummer und Geschehen zu verbergen.

Kapitel 2

Helgoland – Ein Jahr vorher (Sommer 1999)

Alma beugte sich weit über die Rehling und hielt ihr gerötetes Gesicht genüßlich in den Wind. Er roch nach Weite, Algen, Muscheln und Fisch. Sie liebte diesen Geruch, der ihr seit früher Kindheit an vertraut war.

Alma verbrachte die Ferien immer gerne bei ihrer Großmutter auf Helgoland, auch wenn sie kein besonders herzliches Verhältnis zueinander hatten. Ihre Großmutter hatte Alma erst nach ihrem neunten Lebensjahr kennen gelernt, als ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Almas Vater litt sehr unter dem Verlust, nicht weil er seine Ehefrau so sehr geliebt, sondern weil er sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt hatte, dass sie ihm alle unangenehmen Dinge des Lebens, vielleicht sogar ein wenig das Leben an sich, abnahm. Erst indem er in leisem Schrecken ihrer endgültigen Abwesenheit allmählich gewahr wurde, erkannte er schmerzhaft, dass sie all die Jahre zuvor für ihn, er aber nicht für sie, da gewesen war. Nun sah er sich unfreiwillig mit einem eigenem Leben und einer Tochter konfrontiert, die er kaum kannte.

Elisabeth hatte ihm oft genug Vorwürfe seiner Ignoranz der Familie gegenüber sowie seinem beruflichen Ehrgeiz wegen gemacht, der ihn daran hinderte, Zeit und Energie für Dinge außerhalb des Berufs aufzubringen. Schließlich war auch sie berufstätig und darüber hinaus durchaus imstande, sich um die Familie und andere Angelegenheiten zu kümmern. Nach 12 Jahren Ehe mit Stephan gestand Elisabeth sich schließlich ein, dass sie trotz besseren Wissens einen Macho geheiratet hatte, der wohlbehütet vom Rockzipfel der Mutter in den sicheren Schoß der Ehefrau geglitten war, ohne jemals auf eigenen Beinen gestanden zu haben. Elisabeth fühlte sich über alle Maße erschöpft, ausgelaugt und von der Ehe betrogen. Nach den letzten zwei Jahren mittelschwerer Depressionen, die ihr Mann nicht als solche wahrnahm, fasste Elisabeth den heimlichen, aber notwendigen Entschluss, ihr Leben zu ändern. Vor einem Jahr hatte sie Rana bei einem Zeichenkurs kennen gelernt und fühlte sich augenblicklich auf merkwürdig intensive Art von ihr angezogen. Rana verkörperte all das, was Elisabeth nicht mehr hatte. Die bildungshungrige, junge Frau entfesselte in ihr längst verloren geglaubte Träume und Leidenschaften. Sie gab der farblos gewordenen Ehefrau die Farbe zurück, die sie zum Leben brauchte. Zwischen den beiden Frauen entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft, die in ihrer Intensität an Gefühlen alles übertraf, was Elisabeth bis dahin gekannt hatte. Die beiden Frauen hatten gemeinsame Pläne, in denen Stephan nicht vorkam. Aber es sollte auf tragische Weise anders kommen und schließlich beendete Elisabeths plötzlicher Tod den Traum von einer neuen Zukunft.

Almas Vater wollte sich den Verlust seiner Frau und die Erkenntnis seiner Unselbständigkeit nicht eingestehen. Trotzig, mit verletztem Stolz und blinder Wut stürzte er sich in sein wohl verdientes Selbstmitleid, was ihn nahezu komplett handlungsunfähig machte. Nachdem sich innerhalb von wenigen Wochen die Wohnung und auch ihr Vater in ein übelriechendes Chaos verwandelt hatten, nahm Alma Kontakt zu ihrer Großmutter Klara auf, die sie bis zum Zeitpunkt der Beerdigung ihrer Mutter nur von alten Fotos und wenig schmeichelhaften Erzählungen her kannte. Elisabeth hatte den Kontakt zu ihrer Mutter Klara abgebrochen, da sie die ewigen Nörgeleien und Zurechtweisungen von ihrer Mutter nicht mehr ertragen konnte. Klara hatte versucht, Elisabeth von der Ehe mit Stephan abzuhalten. Sie brachte immer wieder die klassischen Argumente einer sich um den materiellen Wohlstand ihrer Tochter besorgten Mutter vor. Stephan sei nicht der richtige und könne sie nicht angemessen versorgen. Ihre Mutter hatte bisher immer etwas an ihrem jeweiligen Lebenspartner auszusetzen und Elisabeth beschlich das Gefühl, dass ihre Mutter ihr das Glück aus eigener Frustration heraus nicht gönnte. Die Streitereien und Sticheleien zwischen Elisabeth und ihrer Mutter waren schließlich so heftig geworden, dass beide es irgendwann vorzogen, den Kontakt abzubrechen. Und als Elisabeth merkte, dass ihre Ehe gescheitert war, konnte sie aus Stolz den Kontakt zu ihrer Mutter nicht wieder aufnehmen. Sie schämte sich und hatte nicht mehr die Kraft, sich mit der eigenen Niederlage und dem mütterlichen Triumph zu konfrontieren.

So war es tragischer Weise der Tod der eigenen Tochter, der die Großmutter nach langer Zeit endlich am Leben der Enkeltochter teilhaben ließ. Auch wenn Klara ihre Abneigung ihrem ungewollten Schwiegersohn gegenüber nicht abgelegt hatte, so erklärte sie sich dennoch bereit, bei der Erziehung und Fürsorge ihrer Enkeltochter helfend einzugreifen. Und obwohl Klara streng war und selten Gefühle der Zuneigung zeigte, mochte Alma die verschlossene und etwas kauzig anmutende alte Dame. Alma erinnerte sich noch ganz genau an den ersten Eindruck, den ihre Großmutter bei ihr hinterließ, als sie auf dem Hamburger Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, in den sie sich sogleich zwei Tage nach dem Anruf der hilfesuchenden Enkeltochter begeben hatte. Das energische Auftreten und die gewandten Bewegungen, mit der die ältere Dame samt Gepäck die steilen Trittstufen der Zugtür hinabglitt, erinnerten so rein gar nicht an eine in die Jahre gekommene Großmutter. Helfende Hände der umstehenden Menschenmenge wies sie entschieden zurück, und festen Schrittes kam sie zielsicher auf Alma zu, die ein wenig verunsichert und eingeschüchtert hinter ihren Vater zurückgetreten war. Die alte Dame war von mittlerer Größe und kräftiger, aber nicht unvorteilhafter Statur. Sie trug einen altmodischen, dunkelgrau melierten Wollmantel, der sich nach unten hin leicht weitete und die Beine unterhalb der Kniee, die nur mit beigefarbenen, halb durchsichtigen Strümpfen vor der Kälte geschützt waren, frei ließ. Die schwarzen und eng geschnürten Halbstiefel waren nur mit einem kleinen Absatz versehen, denn sie dienten in erster Linie einem bequemen Gang und nicht einer modischen Idee. Ein etwas knittriger und verstaubt wirkender Hut verbarg die langen Haare, die sorgfältig unter ihm zusammengebunden waren. Alles in allem bot die alte Dame eine nüchterne, aber selbstsichere Erscheinung. Frau Klara Wolff gab erst der Enkeltochter, dann dem Schwiegersohn die Hand. Nachdem die Großmutter und der Vater kurz einige belanglose Begrüßungsfloskeln ausgetauscht hatten, beugte sich die alte Dame zu Alma hinab, kniff ihr leicht in die rechte Wange und sprach ihr mit einem leicht verzerrten Dialekt, der merkwürdig und etwas unbeholfen ans Nordfriesische anklang, zu: »Min Dearn, nu woll’n wir mal sehn, dass wir beide gut miteinander auskömm!« Dabei sah sie mit ihren dunklen Augen der etwas ängstlich aufschauenden Enkeltochter aufmunternd ins Gesicht und ihr bisher wenig Emotionen verratender Mund deutete ein sanftmütiges Lächeln an, in dem Alma eine wohlwollende Zuversicht erkannte. Dann verschwand die linke Hand der alten Dame rasch in einer Manteltasche und zog ein kleines grünes Säckchen heraus, das mit einer roten und einer weißen Schleife zugebunden war und offensichtlich nach einem Geschenk aussehen sollte. »Da, nimm min Dearn, lass Dir’s schmecken, en lütten Vorgeschmack von der Insel, von der ich kömm!« Und mit einem verschmitztem Lächlen fügte sie hinzu: »Grön is datt Land, rot is de Kant, witt is de Sand, datt send de Farven vun’t hillige Land.«

Klara Wolff und ihr inzwischen verstorbener Ehemann Karl ließen sich damals nach dem Krieg auf Helgoland nieder, wo sie ein Grundstück auf Oberland übernahmen, das seit Generationen Klaras Vorfahren gehörte. Zuletzt hatte Klaras Bruder dort gelebt. Die meiste Zeit ihres Lebens hatte Klara in größeren Städten wie Hamburg und Lübeck zugebracht, die berufliche Situation ihrer Eltern sowie der Krieg forderten jedoch häufige Umzüge sowohl innerhalb als auch außerhalb der Städte. Das Hutgeschäft ihres Ehemannes war während des Krieges vollkommen zerstört worden, und die damalige wirtschaftliche Situation ließ einen Wiederaufbau unmöglich erscheinen. Zudem waren er und Klara des Stadtlebens und ihres alten Geschäftes überdrüssig geworden, so dass sie sich nach einer ruhigeren und ländlicheren Alternative umsahen. Da bekam Klara eine Nachricht vom Helgoländer Gemeindedirektor, dass ihr Bruder, Herr Egon Henningsen, gestorben sei und man überlegte, was nun mit dem Grundstück des Verstorbenen zu tun sei, da Herr Hennigsen außer seiner Schwester, Frau Klara Wolff, keine weiteren Verwandten und auch kein Testament hinterlassen habe. Klara und ihr Mann mussten nicht lange überlegen und so entschieden sie sich, das Grundstück selbst zu übernehmen und sich auf Helgoland eine neue Existenz aufzubauen.

Auch wenn die auswegslose Überschaubarkeit der kleinen Insel Klara zunächst etwas beängstigte, hatte sie nach einem Leben der Rastlosigkeit zum ersten Mal das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Wie alle Helgoländer beteiligten sich auch Klara und ihr Mann mit allen Kräften am Wiederaufbau der Insel, nachdem Helgoland im Rahmen der britischen Besetzung 1945 erhebliche Schäden durch Sprengungen und Bombenabwürfe hinnehmen musste.Denn die Briten hatten zum Ziel, Helgoland vollständig zu versenken. Hatten Klaras Vorfahren noch teilweise von Fischfang und Handwerk gelebt, so verdienten sich Klara und ihr Mann ihren Unterhalt nun ausschließlich durch das einträgliche Geschäft der Untervermietung von Ferienzimmern. Nach dem Tod ihres Mannes schließlich hatte Klara die Ferienwohnung verkauft. Mit diesem kleinen Vermögen und ihrer eigenen Rente war sie im hohen Alter zum ersten Mal in ihrem Leben imstande, sich ein behagliches Leben frei von materiellen Sorgen zu machen.

Großmutter und Enkeltochter freundeten sich schnell miteinander an. Da es Alma auf Helgoland in dem gleichen Maße gut gefiel wie es ihre Großmutter genoss, hin und wieder die Abwechslung der Großstadt Hamburg zu erfahren, pendelten sie oft zwischen Hamburg und Helgoland. Während der Schulzeit kam die alte Dame so oft es ging nach Hamburg – mindestens einmal im Monat – und half Alma und ihrem Vater im Haushalt. In den Ferien jedoch und auch an manchen Wochenenden besuchte Alma ihre Großmutter auf Helgoland und unterstützte die alte Dame, wo sie nur konnte .

Alma war jetzt 18 und hatte in diesem Sommer gerade ihren Schulabschluss hinter sich gebracht. Sie hatte noch keine konkreten Pläne für ihre Zukunft. Sie wusste nicht, ob sie eine Ausbildung machen oder studieren wollte. Vielleicht würde sie ja auch erst einmal eine Zeit im Ausland verbringen. Viele ihrer Freundinnen hatten derartige Pläne. Alma blickte in Gedanken versunken auf das glitzernde Meer. Schon immer hatte sie die Überfahrten mit dem Katamaran von Hamburg nach Helgoland genossen. Besonders bei Nebel, wenn sich die felsige Insel nur undeutlich von der feuchten Masse abzeichnete, in die sie als Teil einer unheilvollen Komposition unendlich vieler Grautöne sanft eingebettet schien, hatte Alma stets das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. An diesem Tag schien jedoch die Sonne und Helgoland leuchtete wie ein roter Juwel, der fröhlich und stolz auf dem Ozean trieb. Als das Schiff in den Südhafen einfuhr, konnte Alma ihre Großmutter am Kai schon stehen und winken sehen. Alma spürte ein ungewohntes Gefühl, als sie ihre Großmutter erblickte und wusste zunächst nicht, was der Grund für ihre Befremdung war. Dann fiel es ihr auf, ihre Großmutter hatte ihr noch nie bei der An- oder Abfahrt zugewunken. Diese ansonsten völlig normale Geste wirkte bei Klara Wolff übertrieben überschwänglich und ließ ungewöhnliche Ereignisse vermuten. Alma stieg von der Fähre herunter und umarmte ihre Großmutter kurz, die sie ungewohnt fest an sich drückte. Wie immer verloren sie jedoch nicht viele Worte bei der Begrüßung. In schweigsamen Einverständnis brachten sie den Aufstieg nach Oberland hinter sich. Hin und wieder hielt Alma inne und warf einen Blick auf die sie umgebende Landschaft, deren schroffe Schönheit sie immer wieder aufs Neue überraschte. Mit jedem Atemzug nahm die Präsenz der Insel zu und Alma spürte, wie sich ihre Lungen mit frischer Weite füllten. Alma stellte etwas verwundert fest, dass der Aufstieg ihrer Großmutter im Gegensatz zu den letzten Malen nicht im geringsten schwer fiel. Leichtfüßig und schnellen Schrittes erreichten sie Klaras Haus. Schon von weitem kam ihnen ein großer schwarzer Hund entgegen, der sie freudig begrüßte. Otto sprang an Alma hoch und versuchte, ihr Gesicht vollständig mit seiner großen, rauen Zunge kreuz und quer abzulecken. Alma wehrte Otto lachend ab und drückte das große Fellknäuel auf zwei Beinen leicht von sich. »Schluss jetzt!«, knurrte die alte Dame, »bei Fuß!« und das große Tier ließ von Alma ab, umtänzelte die beiden einige Male und trottete dann im Schritttempo neben seiner Herrin. Die alte Dame murmelte vor sich hin und es schien Alma, als würden sich ihre Großmutter und Otto kurz über die aktuellen Ereignisse besprechen. Alma musste schmunzeln und dachte bei sich, was für eine merkwürdige Frau ihre Großmutter doch war. Eigentlich wusste sie nicht viel über Klara Wolff, ihre Großmutter sprach mit ihr nicht über persönliche Angelegenheiten und Ansichten oder gar über die Vergangenheit. Alles was Alma wusste, war, dass ihre Großmutter eine zähe Person sein musste, denn sie hatte den zweiten Weltkrieg und ihren Ehemann überlebt und versorgte sich und ihre Enkeltochter.

Klara Wolff war mit ihren 83 Jahren noch verhältnismäßig rüstig und aktiv. Immer wieder auftretende Zeiten materieller Entbehrung sowie harte körperliche Arbeit hatten verhindert, dass Fettleibigkeit und Bewegungsunfähigkeit Besitz von ihrem Körper hätten ergreifen können. Trotz ihres vorangeschrittenen Alters und der von Arbeit und Zeit leicht gekrümmten, zur hinderlichen Steifheit geschwollenen Hände, hatten Form und Haltung ihres Körpers nicht gänzlich an würdevoller Weiblichkeit verloren. Das Gesicht war voll und nur wenig von tieferen Falten durchzogen. Die dunklen Augen waren nicht wie sonst bei vielen älteren Leuten von einem gräulichen und in die Ferne gerichteten Schleier getrübt, sondern blickten fest und ernst ins Leben. Zum Lesen benutzte sie jedoch eine Brille und wenn sie dann Alma mit ihren dunklen, vergrößerten Augen ansah, die tief in ihren schattigen Höhlen ruhten, kam es Alma vor, als blickte die alte Dame direkt in Almas Seele. Auch besaß Klara Wolff noch viele ihrer echten Zähne, die gerade gewachsen und angenehm weiß waren. Ihre blassen Lippen waren schmal und glatt und zwischen winzigen Fältchen über der Oberlippe steckten ein paar borstige, dunkle Haare, die Alma kitzelten, wenn ihre Großmutter ihr einen ihrer seltenen Küsse aufdrückte. Die Geometrie des runden Gesichtes wurde von einer großen und schönen Nase bestimmt, deren gerader Rücken in harmonisch geschwungenen Nasenflügeln auslief. Ihr Haar war nach all den Jahren nicht weiß, sondern dunkelgrau mit einigen wenigen weißen Strähnen durchzogen. Sie trug es stets in vollkommen arrangierter Ordnung zu einem Knoten aufgerollt, so dass man die wirkliche Länge ihres Haares nur erahnen konnte. In diesem kontrollierten Haarknoten manifestierte sich Almas Meinung nach der gesamte Lebensplan ihrer Großmutter. Klara Wolff und ihr Haarknoten kamen aus einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Ziele und Regeln nicht in Frage gestellt wurden und das Leben nach einem allgemein gültigen Prinzip funktionierte. Durch Zucht und Ordnung suchte man Unwägbarkeiten zu umgehen und die Entwicklung von unkontrollierbarer Individualität zu vermeiden.

Vor diesem Hintergrund irritierte es Alma um so mehr, als sie ihre Großmutter einmal beim Baden im Meer in einer abgelegenen Bucht heimlich beobachtete. Ihre Großmutter war vollkommen nackt gewesen und hatte ihr Haar andächtig und sorgfältig geöffnet, um es im Meer zu waschen. Das lange, glatte Haar bedeckte den gesamten Rücken der alten Dame und nahm den silbrigen, in unruhiger Reflexion schillernden Glanz der Wasseroberfläche auf. Ihr Körper strahlte in mattem Weiß und Alma bemerkte verwundert, dass die Haut ihrer Großmutter glatt und zart war. Als ihre Großmutter aus dem Meer stieg, war ihr schaumweißer Körper von einer ungebändigten Mähne umschmeichelt und ihre dunklen Augen glühten. Alma erschrak über die wilde Schönheit ihrer Großmutter. In diesem Moment machte sich Alma zum ersten Mal bewusst, dass ihre Großmutter einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein musste und in Augenblicken wie diesen auch immer noch war. Alma erinnerte sich an eine alte schwarz-weiß Fotografie in einem Fotoalbum ihrer Eltern. Auf dem Foto waren ihre Großmutter und ihr damals noch lebender Mann Karl abgebildet. Auf einem hölzernen Stuhl im Mittelpunkt der Fotografie thronte der Mann, in seiner korrekten Haltung den ernst zu nehmenden Patrioten wie Patriarchen verkörpernd. An seiner rechten Seite stand die Frau, sanftmütig und ergeben eine zaghafte Hand auf die Schulter des Gatten legend. In den Augen ihres Großvater konnte Alma nichts weiter als Disziplin und kalte Entschlossenheit erkennen, in denen ihrer Großmutter lag eine tiefe und rätselhafte Sanftmut, die von Weisheit und Erkenntnis beseelt war. Alma hatte das Foto oft betrachtet und sich dabei in ihrer jugendlichen Fantasie die Lebensgeschichte ihrer Großeltern vorzustellen versucht, die für sie in ungreifbarer Dunkelheit lag.

Einige Male hatte Alma den schüchternen Versuch unternommen, ihre Großmutter nach deren Leben während des Krieges auszufragen, woraufhin diese sich stets missmutig von ihr abwandte und einen weiteren Dialog mit dem entschieden empörten Ausspruch »Ach, lass uns nicht vom Krieg reden!« nicht zuließ. Dabei machte sie immer eine heftige Bewegung mit dem Arm, so, als ob sie damit das Geschehene und die Schleier unangenehmer Erinnerungen vor ihrem inneren Auge weg wischte. Diese Reaktion hinterließ bei Alma ein Gefühl peinlicher Unbeholfenheit und schamhafter Schuld, so dass sie es im Laufe der letzten Jahre nicht mehr gewagt hatte, ihre Großmutter darauf nochmals anzusprechen. Alma versuchte selbst, den immer wieder aufkeimenden Zweifel über die Vergangenheit ihrer Großmutter zu ersticken. Wie hatte sich ihre Großmutter wohl in Zeiten des Nationalsozialismus und Antisemitismus verhalten? Wie konnte man diese Zeit unversehrt und unschuldig überleben? Alma wusste nicht, ob sie ihre Großmutter im Fall der Mitläuferschaft verachten oder bemitleiden sollte. Da sie sich jedoch das wenige Familienleben, welches sie durch ihre Großmutter noch hatte, nicht zerstören wollte, entschied sie sich letztendlich, ihrer Großmutter in jedem Fall zu verzeihen.

»Alma, kommst Du mit rein?« rief ihre Großmutter ihr zu und riss sie aus ihren Gedanken. »Ja, warte!« rief Alma hastig zurück. Sie fühlte sich bei ihren Gedanken ertappt. Normalerweise wurde Alma immer kurz nach ihrer Ankunft kritisch und eindringlich von ihrer Großmutter gemustert, gefolgt von einem schwach tadelnden Kommentar über unpassende Kleidung, ungepflegtes Äußeres oder ähnliche Belanglosigkeiten. Alma hatte sich daran gewöhnt und nahm es ihrer Großmutter nicht übel. Dieses mal wartete Alma allerdings vergebens auf den üblichen Tadel. Stattdessen bat die alte Dame sie gut gelaunt, in der Küche Platz zu nehmen und begann, das Essen aufzutischen. Alma gehorchte mechanisch, setzte sich und beobachtete verwundert, wie ihre Großmutter in der Küche umher wirbelte. Auf dem Herd brodelte es lebendig, aus einigen Töpfen quoll weißer Dampf und Alma stieg der angenehm vertraute Geruch von heißen Kartoffeln, muskatnuss-gewürztem Rotkohl und saftigem Rinderschmorbraten in die Nase. An den Fenstern lief der kondensierte Wasserdampf in kleinen Rinnsalen eilig herunter und tropfte auf die mit Häkeldeckchen verzierte Fensterbank aus blassbraunem Marmor. Wie immer drohte die mit Notizzetteln und angebrochenen Tablettenschächtelchen vollgestopfte Blechdose mit ihrem orange-violetten Blumenmuster von der Fensterbank herunter zu kippen, aber sie tat es nie. Ein halb vertrockneter Kaktus und weiße, zusammengebundene Spitzengardinen zierten nicht wirklich das Küchenfenster, aber Alma kannte diesen Anblick seit sie das erste mal das Haus ihrer Grußmutter betreten hatte, und er löste bei ihr ein Gefühl der Geborgenheit aus. Die Küche war klein und sehr karg eingerichtet. Gelbe und weiße Kacheln an den Wänden verliehen ihr eine kühle und nüchterne Atmosphäre. In wenigen Hängeschränken, die mit blumenverzierten Tapeten aus längst vergangenen Zeiten ausgelegt waren, war nur das nötigste an Geschirr untergebracht. Neben einem kleinen Gasherd mit Backofen und einem tiefen Porzellanbecken, das nur einen Hahn für kaltes Wasser besaß, der zudem so weit entfernt vom Becken angebracht war, dass es jedes Mal eine halbe Ewigkeit dauerte, bis das Becken vollgelaufen war, befand sich seit noch nicht allzu langer Zeit auch ein Kühlschrank in Klaras Küche. Den Kühlschrank hatte Alma zu verschulden, ihre Großmutter hatte sie nicht zu dieser Anschaffung überreden können. Klara hatte nie einen Kühlschrank gebraucht, sie wusste auch so ihre Lebensmittel frisch oder konserviert zu halten, aber Alma waren die Wege in den feuchtdüsteren Keller und die Reinigung der vielen Töpfe, in denen Klara die Lebensmittel nach altem Brauch lagerte, leid. Sie weigerte sich schließlich eines Tages, zum wiederholten Mal in den Keller hinab zu steigen. Bei ihrem nächsten Besuch brachte Alma ihren Vater und einen älteren, ausrangierten Kühlschrank von zu Hause mit. Alleine konnte sie den schweren Kühlschrank schließlich nicht tragen und zu zweit hätten sie sicher eine bessere Chance, ihre Großmutter von der Notwendigkeit eines zeitgemäßen Aufbewahrungsortes für verderbliche Nahrungsmittel zu überzeugen. Klara protestierte nicht, aber sie brachte durch ihren schweigsamen vorwurfsvollen Blick, bei dem sie den Kopf immer leicht in den Nacken warf, unmissverständlich ihre Verachtung zum Ausdruck, wobei Alma nicht ganz klar war, ob diese dem Kühlschrank oder ihrem Vater galt. Zu Beginn hatte Klara dem Kühlschrank immer missbilligende Verwünschungen zugezischelt, wenn dessen Kühlaggregat zu brummen begann. Es kam Alma dann manchmal so vor, als würde ihre Großmutter ein Zwiegespräch mit ihrem verstorbenen Ehemann, vertreten durch den ungeliebten Kühlschrank, führen. Klara und Karl hatten sich auch nach 50 Jahren Ehe immer noch nicht verstanden. Zuletzt hatten sie überhaupt keine Hemmungen mehr gehabt, dem anderen gegenüber seine Nichtachtung zu zeigen.

Alma betrachtete jetzt wieder ihre Großmutter, die nun die Kartoffeln vom Herd nahm. Der Tisch war bereits gedeckt. Allerdings nicht mit dem blumenverzierten, weißen Porzellangeschirr, welches, seit Alma zurückdenken konnte, immer für das Mittagessen verwendet wurde, sondern mit wahllos zusammengestellten Tellern und Schüsseln, die Alma bisher nur hinter der Glasscheibe einer Geschirrvitrine dekorativ stehend kannte und von denen sie glaubte, es seien wertvolle, nicht zum Gebrauch gedachte Schaustücke. Noch erstaunter war Alma, als ihre Großmutter nebenbei und scheinbar zusammenhanglos zu plaudern anfing. Das war nun gänzlich ungewöhnlich, denn Almas Großmutter legte stets großen Wert darauf, die zeremoniell anmutende Stille bei Tisch nicht durch belanglose Konversation zu stören. »Ich komme in letzter Zeit nicht so häufig dazu, mich um den Haushalt zu kümmern, der Abwasch muss einige Tage liegen bleiben, so dass nicht immer genügend passendes Geschirr da ist«, sagte Almas Großmutter fast entschuldigend, als sie Almas fragenden Blick über den Tisch schweifen sah. »Wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich dich bitten, mir nachher in der Küche ein wenig zur Hand zu gehen. Es wird nicht lange dauern, allzu viel Zeit habe ich heute eh nicht«, fügte Klara hinzu. »Geht es dir nicht gut, Oma, hast du einen Termin beim Arzt?« fragte Alma mit besorgtem Gesicht. »Mir geht es sehr gut, ich habe nur noch etwas zu erledigen!« antwortete Klara jetzt etwas gereizt. »Entschuldige«, gab Alma kleinlaut zurück, »ich wollte Dir nicht zu nahe treten, ich dachte ja nur, dass irgendetwas vorgefallen sein könnte … du verhältst Dich heute so …na ja, irgendwie anders als sonst.« » Nein, nein, es ist alles in Ordnung«, brummte die alte Dame, »ich will mich nachher nur noch ein wenig bewegen und einen Inselspaziergang machen. Wenn Du willst, kannst du ja mitkommen«. Alma sah ihre Großmutter prüfend an, zog es dann aber vor, nicht weiter nach zu haken. Schließlich machte ihre Großmutter ja wirklich nicht den Eindruck, als ob es ihr schlecht erginge. Schweigend und die Blicke auf die eigenen Teller gesenkt nahmen sie das Essen zu sich und Alma bedauerte, ihre Großmutter wieder verstimmt zu haben. Die alte Dame vergaß, mit Bedacht zu essen und leerte viel zu schnell ihren Teller. Verärgert dachte sie über das Jungsein und das Älterwerden nach. Die Bemerkung ihrer Enkelin hatte Klara unliebsam daran erinnert, dass sie ihren Lebensjahren entsprechend eine alte Frau zu sein hatte, die nur noch innerhalb ihrer starr gewordenen Gewohnheiten und Gebrechen existierte. Es stimmte, dass sie in den letzten Jahren zunehmend mit altersbedingten Leiden, Schmerzen und Verstimmungen zu tun hatte, und bei manchen Arbeiten war sie inzwischen auf fremde Hilfe angewiesen. Auch ihr Gedächtnis ließ sie immer häufiger im Stich, viele Erinnerungen streiften ihr inneres Auge nur noch schleierhaft und warfen milchig-trübe Schatten in einen leeren Raum. Umso ärgerlicher war es, wenn ihr in unbeschwerten Momenten die Illusion der Zeitlosigkeit wieder genommen wurde. Der hastig verschlungene Rinderbraten machte sich schlagartig durch einen stechenden Schmerz bemerkbar, der vom Magen bis hinauf in die Kehle zog und Klara daran erinnerte, dass sie eigentlich aß. Klara legte das Besteck beiseite und betrachtete argwöhnisch ihre Enkeltochter. Ihre Wut wich jedoch sogleich einem wärmenden Gefühl des Mitleides, als sie in das unverbrauchte Gesicht ihrer Enkeltochter blickte, welches noch voller zärtlicher Unschuld und Unentschlossenheit war. Für einen kurzen, zeitlosen Moment sah Klara in Alma sich selbst als junges Mädchen vor sich sitzen. Alma hatte die gleichen sanften, dunkelbraunen Augen und das dunkle, kräftige Haar wie Klara. Ihr Gesicht war blass und zart, ihre Lippen dagegen voll und farbig. In ihrem unentschlossenen Gesicht zeichnete sich jedoch bereits die Ahnung ab, dass sie nun in einem Abschnitt ihres Lebens angelangt war, in dem sie den weiteren Fortgang ihres Lebens selbst gestalten musste. Es war anders, als Klara damals in Almas Alter war. Es gab keine Entscheidungen zu treffen. Die Ehe und der Krieg waren unumgänglich und lagen außerhalb der eigenen Bestimmungsmöglichkeiten. Klara hatte mit Sorgen und Nöten zu tun, die von ganz anderer Qualität als die von Alma waren. In mancher Hinsicht war es vielleicht einfacher, nicht für sich und sein Leben entscheiden zu müssen, dachte Klara. Ist es nicht eine viel größere und schwerwiegendere Belastung, sich der Möglichkeit eines eigenen, freien Willens nicht nur bewusst zu sein, sondern denselbigen auch noch zu ergründen und, um ihm gerecht zu werden, das Leben in eigener Verantwortlichkeit zu gestalten? Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte sich Klara missbilligend darüber gewundert, mit welchen fragwürdigen Maßstäben und geradezu undankbarer Haltung die jüngeren Generationen heranwuchsen. Sie erwischte sich selbst dabei, wie sie in nostalgischen Momenten selbsttrügerischer Verklärtheit anfing, die früheren Zeiten zu idealisieren und als Maßstab aller Dinge zu sehen. Dabei war an Kriegszeiten und Zwangsehen nun wirklich nichts zu idealisieren. Mit ironischer Verbitterung und einsichtiger Eigenverachtung nahm Klara ihren Selbstbetrug zur Kenntnis. Sie befreite sich jedoch augenblicklich wieder von diesen unangenehmen Gedanken, indem sie hastig aufstand und den Tisch abzuräumen begann. Verunsichert beobachtete Alma ihre Großmutter und sagte: »Lass doch Oma, ich mache das schon, geh’ Du mit Otto spazieren. Vielleicht komme ich dann später nach.« Die alte Dame hielt inne und nach einem kurzen, trotzigen Moment des Zögerns nahm sie schließlich doch das Angebot ihrer Enkeltochter an und machte sich sogleich daran, ein paar Dinge für einen Inselausflug zusammen zu suchen. »Ich werde nachher wahrscheinlich am Strand sein«, rief Klara ihrer Enkeltochter noch zu, als sie energisch die Haustür ins Schloss fallen ließ. Alma sah ihrer Großmutter und Otto, der schwanzwedelnd und mit wissender Selbstverständlichkeit Klara vorauseilte, etwas besorgt hinterher. Ihre Sorge verflüchtigte sich jedoch sogleich wieder, als sie Peter erblickte, der den Weg heraufgeschlendert kam und Alma freudig zu winkte. Peter war der Sohn des Nachbarn Arndt Johannsen. Er war einige Jahre älter als Alma und hatte sein bisheriges Leben ausschließlich auf der Insel verbracht. Er wirkte ein wenig einfältig, aber Alma mochte ihn vielleicht gerade deswegen. »Ich war gerade am Hafen und habe beim Fische ausladen geholfen, als Du angekommen bist. Hab’ für Dich und Klara was mitgebracht!« rief er ihr übers ganze Gesicht grinsend zu und hielt dabei zwei stattliche Dorsche und einen kapitalen Helgoländer Hummer in die Luft. Alma freute sich über den Besuch und bat Peter, hereinzukommen.

Kapitel 3

Hamburg – ein halbes Jahr vorher (Januar 2000)

Chrystian erwachte aus einem dumpfen Schlaf. Der Regen prasselte direkt auf sein Gesicht. Seine Kleidung war bereits komplett durchnässt. Er musste schon länger hier gelegen haben. Mühsam und unter starken Kopfschmerzen richtete er sich auf. Es brauchte eine Weile, bis sich seine Augen an die nebelverhangene Dunkelheit gewöhnt hatten. Er sah sich um. Wo war er? Wie war er mitten in der Nacht auf eine Parkbank geraten? Die Gedanken verursachten stechende Schmerzen in seinem, wie ihm schien, endlos großen und schweren Kopf. Jeder einzelne Regentropfen erzeugte ein blechernes Dröhnen in der dunklen Leere seines Gehirns. Eine plötzliche Übelkeit durchfuhr ihn und wühlte in seinen Eingeweiden. Er beugte sich ruckartig über die Bank, auf der er gelegen hatte und erbrach sich zwischen seine Füße. Eine vorbeiziehende Wolke gab den Mond frei und ließ ihn in dem fahlen Licht unfreiwillig die nicht verdauten Überreste seines Auswurfes erkennen. Angewidert und zugleich fasziniert betrachtete er die rosafarbenen Garnelenschwänze, die aus einem bunten Brei von Soßen, Kräutern und Reiskörner emporstachen. Ein säuerlicher Geruch aus Meeresfrüchten, Knoblauch und Champagner hüllte ihn ein und holte schlagartig seine Erinnerungen zurück. Er stöhnte laut auf, vergrub das Gesicht in seinen Händen und ließ sich ermattet in die Bank zurückfallen. Die vergangenen letzten Stunden liefen vor seinem inneren Auge wie ein Film im Zeitraffer ab:

Er saß in einem großzügigen, klassizistisch eingerichteten Raum inmitten einer ausgewählten Gesellschaft an einer stilvoll gedeckten Tafel. Sorgfältig arrangiertes Porzellangeschirr in unterschiedlichen Größen und verschiedenartiges Silberbesteck deuteten auf ein mehrgängiges und auserwähltes Menü hin. Schwere Kronleuchter hingen von den hohen, mit Stuck verzierten Decken und tauchten mit ihrem gedämpften Licht die erwartungsvolle Gesellschaft in eine wohlwollende Feierlichkeit. Die Atmosphäre war angefüllt mit unverfänglicher Barockmusik und einer schier unermesslichen Anzahl von Düften, deren Grundlage verschiedene feine Parfumes, Au de Toilettes und Rasierwässerchen bildeten und deren Komposition sich je nach Speisen, die gerade gereicht wurden, noch facettenreicher entfaltete. Im Raum schwebte das rücksichtsvolle Gemurmel der zahlreichen Gäste, die sich die Zeit zwischen den einzelnen Gängen mit angeregter, aber nicht zu lauter und vor allem gepflegter Konversation vertrieben.

Professor Dr. Ingo Martens, Chrystians ältester Freund und Kollege, hatte zum 10. Jahrestag seiner Hochzeit eingeladen. Ingo und seine Frau Sahra hatten sich bereits zu Studienzeiten kennen gelernt. Während er erfolgreich eine Praxis als Internist in Eppendorf führte, leitete seine Frau die neurochirurgische Abteilung im Universitätskrankenhaus. Beide gingen in ihren beruflichen Tätigkeiten und Verpflichtungen vollends auf, so dass sie auf eigene Kinder verzichteten. Bis auf diesen kleinen gesellschaftlichen Schönheitsfehler führten Sahra und Ingo Martens eine beispielhafte Ehe. Wenn sie nicht auf irgendwelchen fachspezifischen Kongressen ihre wenige freie Zeit verbrachten, trafen sie sich mit Freunden im Segelyachtclub oder luden zu hübschen und ausgedehnten Kochabenden ein. Auf diese Weise gerieten sie nicht in die Verlegenheit, sich länger als nötig mit dem Ehepartner allein oder gar mit sich selbst zu konfrontieren.

Chrystian kannte Ingo schon seit der Schulzeit. Sie waren beide am Hamburger Elbberg in Blankenese aufgewachsen, sie besuchten dieselben Schulen und ihre Eltern hatten denselben Bekanntenkreis. Sie kamen beide aus wohlsituierten und angesehenen Familien, die sich in der Geschichte Hamburgs um einiges verdient gemacht hatten. So stammte Chrystians Vater aus einer einflussreichen Kaufmannsfamilie, die auf eine lange hanseatische Tradition zurückblickte. Chrystians Vater, Klaus Sanders, war überwiegend im Übersee-Handel tätig gewesen und hatte maßgeblich zu guten Handelsbeziehungen nach Indien beigetragen. Auf einer seiner Handelsreisen nach Indien hatte er dann auch seine Frau, Chrystians Mutter, kennengelernt. Sie war die Tochter eines indischen Diplomaten aus Allahabad2, einer kleinen, aber bedeutenden Stadt im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Sie war von atemberaubend exotischer und unnahbarer Schönheit gewesen und Chrystians Vater hatte sich vom ersten Augenblick an unsterblich in sie verliebt. Da die Familie Ravi3 schon über Generationen hinweg erfolgreiche und inzwischen auch freundschaftliche Handelsbeziehungen zu der hanseatischen Familie Sanders pflegte und Klaus Sanders wegen jüngst abgeschlossener Geschäfte in hohem Ansehen stand, willigte die Familie Ravi wohlwollend in eine Heirat zwischen dem westlichen Kaufmann und ihrer Tochter Aanchal4 Jaheel5 Ravi ein. Aanchal war damals erst 17 Jahre alt gewesen, als sie verheiratet wurde. Aber es geschah nicht gegen ihren Willen. Der kühle und gut aussehende Mann mit dem untadeligen Benehmen, der ihr auf zurückhaltende Weise und äußerst charmant den Hof machte, gefiel ihr und weckte ihr Interesse. Unterschiedlicher hätte ein Paar nicht sein können. Sie, in sich ruhend, ausschließlich mit dem Herzen denkend, frohen Gemüts, sanft, warm und von unendlicher Güte. Er, der ernsthafte Geschäftsmann, reserviert, kontrolliert, ein Mann des Verstandes und des kalkulierten Gefühls. Auch wenn Chrystians Mutter immer wieder behauptete, sein Vater hätte einen weichen Kern unter der harten Schale und er solle nicht so ungerecht über ihn urteilen, so blieb in Chrystian nur ein Gefühl der Kälte und des zwanghaften Leistungsdrucks zurück, wenn er an seinen Vater dachte. »Guten Morgen, mein Sohn. Was macht das Studium? Wie ich hörte, ist einer deiner Kommilitonen aufgrund seiner hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Nierenforschung vom Bürgermeister höchstpersönlich ausgezeichnet worden? Wann ist damit bei dir zu rechnen? Du wirst deine Doktorarbeit sicherlich ebenfalls mit summa cum laude abschließen, nicht wahr?« erinnerte sich Chrystian voller Abscheu an die drohenden Begrüßungen seines Vaters, der sich stets nur nach seinen Leistungen und niemals nach seinem persönlichen Befinden erkundigte.

Selbst der frühzeitige Tod seines Vaters hatte Chrystian nicht versöhnlich stimmen können. Sein Vater war vor fünf Jahren an einem unbekannten Fieber gestorben, das er vermutlich von einer seiner letzten Geschäftsreisen aus China mitgebracht hatte. Sie hatten die verschiedensten Ärzte aufgesucht, doch keiner wusste ihm zu helfen. So verstarb sein Vater, schnell und hilflos unter den verzweifelten Tränen seiner Frau und der allgemeinen Ratlosigkeit der modernen Ärzte des 21. Jahrhunderts. Seine Mutter war ihm ein Jahr später vor lauter Kummer in den Tod gefolgt. Dafür hasste Chrystian seinen Vater noch mehr.

Dass Chrystian den Beruf des Arztes wählte, hatte er seinem Freund Ingo bzw. dessen Vater zu verdanken. Ingos Vater war ebenfalls Mediziner gewesen und hatte die beiden Jungen öfter in das Krankenhaus, in dem er arbeitete, mitgenommen und ihnen alle möglichen Gerätschaften erklärt. Den stärksten Eindruck auf Chrystian hatte dabei der Röntgenapparat hinterlassen. Es gruselte und befriedigte ihn zutiefst, wenn er die Aufnahmen seines eigenen Skelettes oder das eines anderen Menschen vor sich in den Händen hielt. Schon als neunjähriger Junge war er zu der Erkenntnis gelangt, dass alle Menschen tief in ihrem wahren Inneren gleich schön oder hässlich seien, je nach Standpunkt, ob man ein Skelett als anziehend oder abstoßend empfindet. Später, als er sich im Medizinstudium eingehend mit den inneren Organen befasste, wurde jene Erkenntnis aus der Jugend um eine weitere ergänzt: der Mensch tat unter ästhetischen Gesichtspunkten gut daran, sein Innerstes mit Hilfe einer genialen Erfindung, nämlich der Haut, zu verbergen. Dennoch gelang es Chrystian nicht immer, sein Gegenüber nicht mit dem Blick eines Röntgenapparates bis auf das Skelett zu entblößen. Dies konnte außerhalb seiner Praxis-Sprechzeiten äußerst hinderlich sein, insbesondere bei der Bekanntschaft von Frauen. Mit Frauen tat sich Chrystian in den letzten Jahren ohnehin besonders schwer. Er war bereits seit sieben Jahren von seiner Frau geschieden und hatte seitdem noch nicht wieder die Lust oder den Mut gefunden, sich erneut auf eine feste Beziehung einzulassen. Dabei mangelte es ihm bei weitem nicht an Gelegenheiten, schließlich sah er durch sein markantes, indisch akzentuiertes Gesicht, in dem die hellen, bernsteinfarbenen Augen einen reizvollen Kontrast zu seiner dunkleren Hautfarbe bildeten, sehr attraktiv aus. Er war groß und schlank und mit Mitte vierzig immer noch sehr sportlich. Sein schwarzes Haar war voll und glänzend und die wenigen grauen Strähnen im Schläfenbereich verliehen ihm zusätzlich Attraktivität. Die feinen Lippen waren sanft geschwungen und wenn er sprach, kam ein tadellos geformtes Gebiss zum Vorschein, das in keiner Weise die Sanftheit des vornehmen Mundes beeinflusste. In seiner tiefen Stimme schwang stets ein gelassenes, raues Timbre mit, was insbesondere von Frauen als sehr männlich und erotisch empfunden wurde. Die fein geschnittene Nase und die hohe Stirn, die trotz des ernsten Gesichtsausdruckes eben und fast faltenfrei war, muteten aristokratisch an und erweckten den Anschein einer kühlen und unnahbaren Überlegenheit. Die schönen, tiefblickenden Augen verrieten jedoch ein hohes Maß an Sensibilität, Sehnsucht und innerer Zerrissenheit, was in vielen Frauen den mütterlichen Ehrgeiz erweckte, Inhalt und Ursache dieser Seelenpein ergründen zu wollen.

Es verging beinahe kein Tag, an dem ihm eine Patientin keine versteckten Komplimente oder anderweitige Andeutungen machte. Aber Chrystian empfand nichts für all die Frauen, manchmal fragte er sich, ob er nicht gänzlich die Fähigkeit, jemanden zu lieben, verloren hätte – oder vielleicht hatte er diese Fähigkeit ja auch nie wirklich besessen? Dies war schließlich auch der Vorwurf gewesen, den ihm seine damalige Frau Emanuelle immer wieder gemacht hatte. Die Unfähigkeit, zu lieben. Natürlich hatte er sich damals völlig missverstanden und ungerecht behandelt gefühlt, aber inzwischen war er sich nicht mehr so sicher, ob die Vorwürfe nicht vielleicht doch ihre Berechtigung gehabt hätten.

Chrystian sah verstohlen zu Ingo und seiner Frau Sarah hinüber, die sich jetzt an der Festtafel gegenüber saßen, mit ihren jeweiligen Tischnachbarn dezent gestikulierend in Gespräch verwickelt – und keinerlei Nähe zueinander ausstrahlend. Er wusste nicht, ob er seinen Freund Ingo beneiden oder bemitleiden sollte. Aber Ingo war offensichtlich zufrieden mit seinem Leben, das an ihm wie an einem ahnungslosen Jungen vorbeiplätscherte. Ein warmes Gefühl ergriff Chrystian, als das Bild seines Freundes als kleiner Junge in ihm auftauchte. Ingo ersetzte ihm den Bruder – den Zwillingsbruder, der wenige Tage nach der Geburt an Herzschwäche gestorben war. Obwohl Chrystian seinen Zwillingsbruder eigentlich nicht gekannt hatte, fehlte er ihm. Und in heimlichen Momenten, in denen er verzweifelt war oder mit sich selbst ins Zwiegespräch ging, tauchte sein Zwillingsbruder auf und übernahm die Rolle eines imaginären Gesprächspartners. Diese Seite an Chrystian kannte niemand, nicht einmal seine Eltern oder seine engsten Freunde – und er war sehr bemüht, es dabei zu belassen.

Chrystians Zuneigung zu Ingo war von brüderlicher und aufrichtiger Natur. Manchmal fragte er sich, ob er neidisch auf seinen besten Freund sein sollte, der erfolgreich, wohlhabend, immer noch verheiratet und von tiefsinnigen, selbstzerstörerischen Gedanken in Bezug auf die eigene Existenz und das Leben an sich scheinbar vollkommen unberührt war. Aber er empfand keinen Groll gegenüber Ingo, höchstens gegenüber sich selbst, da er es einfach nicht zu Stande brachte, sich über sein eigenes kompliziertes Wesen hinwegzusetzen und auf die Woge der allgemeinen Heiterkeit, die sich auf der sicheren Oberfläche sorglos vorantreiben lässt und niemals den Abstieg in den unbekannten Abgrund wagt, mit aufzuspringen. Dabei war er selbst nicht unbedingt das, was man als erfolglos oder gescheitert bezeichnete. Er kam aus gutem Hause, war ebenfalls sehr wohlhabend und führte eine gut besuchte, allgemeinmedizinische Praxis. Aber das war nur das äußere Bild. Nur wenige wussten von Chrystians depressiven Verstimmungen, seinen Selbstzweifeln und dem Hang zum menschenverachtenden Nihilismus. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er sich mehr und mehr dem Alkohol gewidmet. Als Arzt war er der Überzeugung, sich unter Kontrolle zu haben und das richtige Maß halten zu können. Wie so viele andere seiner Kollegen sah er nicht, dass er das Maß längst überschritten hatte und bereits abhängig war. Niemand aus seinem Bekanntenkreis, nicht einmal Ingo, hatten ihm seine Abhängigkeit klar machen oder ihn davon abbringen können. Doch dann entschied er sich, aus wissenschaftlichem Interesse, als Proband an einer medizinischen Studie teilzunehmen. Bedingung dafür war allerdings, während der Testzeit keinen Alkohol oder andere Drogen zu sich zu nehmen. Die Neugierde an diesem Projekt hatte ihn schließlich dazu gebracht, sich einer professionellen Entziehungskur zu unterziehen. Es war jetzt fast ein halbes Jahr her, dass er das letzte Mal Alkohol zu sich genommen hatte.

Chrystian dachte mit Wohlbehagen an die letzten Projektergebnisse und führte in Gedanken versunken das Glas an seinen Mund. Er bemerkte nicht, dass seine Tischnachbarin sein leeres Wasserglas mit Wein aufgefüllt hatte. Er bemerkte auch nicht, wie er zunehmend gesprächiger und geselliger wurde, was seiner aufdringlichen Tischnachbarin, die ihm unentwegt nachschenkte, sehr entgegen kam. Er kannte die Frau nur flüchtig, sie war schon mehrmals bei den geselligen Runden im Segelclub dabei gewesen. Sie war Chrystian bereits damals durch ihr schrilles Lachen, mit dem sie unweigerlich jede Erzählung zum Stocken brachte und eine peinliche Aufmerksamkeit auf sich zog, unangenehm aufgefallen. Dies und ihr Übereifer, mit dem sie den Meinungen anderer unaufgefordert zustimmte, hatten Chrystian bisher veranlasst, ihr aus dem Weg zu gehen. An diesem Abend konnte er sich ihr jedoch nicht entziehen, da die Sitzordnung durch den Gastgeber von vornherein festgelegt worden war. »Na warte, Ingo, das wird noch ein Nachspiel haben«, knurrte Chrystian grimmig vor sich hin, während er sich heftig die schmerzenden Schläfen massierte, so, als ob er dadurch die Erinnerungen an die letzten Stunden in einem angenehmeren Licht erscheinen lassen könnte.

»Habe ich Ihnen eigentlich schon einmal gesagt, welch fabelhaften Ruf Sie haben? Sie sollen ja geradezu Wunder vollbringen können!« hauchte seine Tischnachbarin ihm allzu nah ins Ohr und ihr Atemzug umsäuselte dabei seinen Nacken. Chrystian standen die Haare zu Berge. Er war so perplex über diese Gefühlsregung, dass er dem Impuls, auf der Stelle auf zu stehen und davon zu gehen, nicht folgen konnte. Stattdessen verschluckte er sich heftig an einer Garnele und lief dunkelrot an. Seine Tischnachbarin nutzte seine Hilflosigkeit sofort aus, indem sie ihm unsanft auf den Rücken klopfte und ihm gleichzeitig sein Weinglas reichte. »Na, na, Sie werden mir hier doch nicht gleich ersticken! Hier, trinken Sie, spülen Sie den Übeltäter schnell hinunter! Ich kann doch nicht zulassen, dass der bestaussehendste, alleinstehende Wunderheiler an einem Krebstier zu Grunde geht!« Dabei prostete sie ihm mit einem vielsagendem Augenaufschlag zu und führte ihr Weinglas ganz langsam an ihren stark geschminkten Mund, der vor Vergnügung über den eigenen, erfolgreich doppeldeutigen Witz zu einem süffisanten Lächeln gekräuselt war. Ihr Weinglas war bereits übersät mit fettigen Abdrücken ihres pink farbenen Lippenstiftes. Dann warf sie auf eine merkwürdig laszive Art ihren Kopf in den Nacken, so dass sich Chrystian ein tiefer Einblick in ihr Dekolltee offenbarte, kippte den gesamten Inhalt ihres Glases ruckartig in ihren Hals, schüttelte sich unter glucksenden Lauten und gab dann ganz entspannt einen langgezogenen Seufzer von sich. Chrystian folgte wie gelähmt ihren Anweisungen und trank sein Glas ebenfalls in einem Zuge aus. Sie schenkte ihm nach, stieß mit ihm an, und er spülte auf diese Weise innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Menge Wein die gereizte Kehle herunter. Es dauerte nicht lange, da spürte er ein wohliges Kribbeln durch seine Adern fließen und er begann, sich zu entspannen. Das krampfartige Unbehagen, das schon den ganzen Abend auf seinen Schultern lastete und seine Hände und Füße in unangenehmer Kälte festhielt, wich langsam von ihm und machte einer wohltuenden, warmen Leichtigkeit Platz. Die Luft um ihn herum verlor ihre drückende Raumhaftigkeit, und er gab sich dem übermütigen Gefühl der Schwerelosigkeit hin, das den Alkoholisierten in seinem Rausche bestätigt und zum Weitertrinken ermutigt. Die Distanz zwischen ihm und seiner Tischnachbarin löste sich im Dunst atmosphärischer Glückseeligkeit auf und wandelte sich in hingebungsvolles Interesse um.

Sie hieß Angelika und war ihren eigenen Angaben nach wohl recht erfolgreich in der Werbebranche tätig. Sie hatte dunkelblondes, zu einer Mähne aufgebauschtes, gestuftes Haar, schmal gezupfte Augenbrauen und relativ stark hervortretende, große Augäpfel. Ihre hervorragende Augenpartie wurde jedoch von einer noch dominanteren Mundpartie übertroffen, die in Größe und Form an die eines Pferdes erinnerte. Sie gehörte jedoch ganz offensichtlich zu den Frauen, die über ein bewundernswertes Selbstbewusstsein verfügten, das alle anderen Mängel in den Schatten stellte. Mit Sicherheit hätte sich Chrystian in nüchternen Zustand nicht von einem derart unpassenden Selbstbewusstsein beeindrucken lassen, nun aber saß eine der begehrenswertesten Frauen neben ihm, die er innerhalb der letzten Jahre gesehen hatte.

Hochbeglückt und äußerst motiviert, dass Chrystian sich ihr endlich zugewandt hatte, übergoss sie den attraktiven Arzt mit einem sprudelnden Redeschwall, in dem er sich bald hoffnungslos verirrte. Sie redete beinahe ohne Punkt und Komma, richtete ab und zu eine Frage an Chrystian, die allerdings eher von rhetorischem Charakter war und nur dazu diente, das Gesprächsopfer bestätigend an sich zu binden. Zu Beginn gelang es Chrystian noch, einige Bemerkungen einfließen zu lassen wie »Nein, was Sie nicht sagen! Tatsächlich? Absolut! Das glaube ich Dir gerne …aha ….«, aber dann fiel es ihm zunehmend schwerer, ganze Sätze aufzunehmen und deren Inhalt oder Zusammenhang zu begreifen. Es war, als ob er nur noch einzelne Wörter eines jeden Satzes verstehen und diese miteinander zu einem abstrakten und völlig sinnlosen Gefüge verknüpfen konnte. Aber das machte rein gar nichts, er fühlte sich hervorragend. Er griff immer selbstverständlicher zum Glas und die Abstände, mit denen er sich und Angelika Wein, Brandy oder Schnaps einschenkte wurden immer geringer. Er wurde von Glas zu Glas selbstsicherer und Angelika immer attraktiver. Ihr kreischendes, affektiertes Gelächter störte ihn schon lange nicht mehr, ganz im Gegenteil, er empfand es als eine Art erotische Unterwerfung, eine Zustimmung seiner Person, obwohl er eigentlich nichts sagte, geschweige denn von sich selbst. Schließlich begriff er gar nichts mehr von dem, was die aufreizende Dame vor ihm erzählte und er begnügte sich damit, sie offen und breit anzugrinsen und vor sich hin zu kichern. Jedes ihrer von rosafarbenen Lippen umkränzten Wörter hatte seine Berechtigung, denn sie hüllten ihn ein wie eine weiche, wollüstige Wolke, die ihn wärmte und verheißungsvoll kitzelte. Die Stimmen, das Gelächter, das Klirren der Tassen, Teller und Gläser, die Musik und der gesamte Rhythmus des fortgeschrittenen Festes war zu einem grandiosen Akkord verschmolzen, der nur einem einzigen Zwecke zu dienen schien, nämlich der erfolgreichen Vereinigung zweier für einander bestimmter Herzen. Chrystian hatte gar nicht bemerkt, wie er seine Hand schon vor längerer Zeit unter ihren Rock geschoben, wie sie ihn dabei ermutigt und geführt hatte, wie sie ihr Bein zwischen seine geschoben und wie sie mit ihrem Knie, während sie sprach und ihn dabei mit ihren Augen fixierte, langsam kreisend seine Männlichkeit massiert hatte, bis diese groß und fest geworden war. Das Blut schoss ihm in den Kopf und sein ganzer Körper wurde von einer Welle unbändiger Lust überschwemmt. Sein Mund öffnete sich, heftete sich an ihren und sog gierig an den großen, fleischigen Lippen. Während seine Hände ihre Brüste suchten, zog sie ihn im Wirbel der allgemeinen Ausgelassenheit unbemerkt unter die große Festtafel. Ungeduldig rissen sie sich die Kleider vom Leib und verbissen sich lüstern in das schwellende Fleisch des anderen. Ihre pulsierenden Körper öffneten sich und verströmten den atemberaubenden Duft ungeduldiger Wolllust. Er kostete ausgiebig den Saft ihres Geschlechtes, bevor er in sie eindrang. Er sah sie dabei nicht an. Er hörte sie stöhnen. Sie bog sich wie eine wilde Viper unter ihm. Ihre langen, lackierten Fingernägel gruben sich tief in seinen Rücken, so dass es köstlich schmerzte. Wie von Sinnen stieß er zu, immer heftiger, bis ihm schließlich schwindlig wurde und sich alles um ihn herum drehte. Das Muster des bordeaux farbenen Perserteppichs, auf dem sie lagen, verschwamm vor seinen Augen und trat in den Raum. Detailreiche Ornamente in dunkler Farbenpracht begannen ihn zu umringen und wild zu tanzen. Ihr geräuschvoller Tanz reihte sich ein in den fulminanten Lärm des ausschweifenden Festes, das Chrystian jetzt jäh einholte. Zu dämonischen Masken verzerrte Gesichter tauchten unter der schweren Tafeldecke auf und verhöhnten ihn mit schallendem Gelächter. Mit ihren aufgerissenen, rollenden Augen funkelten sie ihn bösartig an. Durch übergroße Nasenlöcher, die wie weit geöffnete Schlünde einer Hölle am Eingang der knolligen und unförmigen Nasen klafften, stießen sie verächtliche Grunzlaute aus. Die dicken Lippen waren zu einem bedrohlichen Grinsen gespannt, das sich von einem Ohr bis zum anderen zog und eine Reihe langer, scharfer Zähne entblößte. Die intensiven Rottöne der dämonenhaften Fratzen schmerzten Chrystian in den Augen. Mit fuchtelnden Armen versuchte er die auf ihn eindringende Bilder- und Farbenflut von sich fern zu halten. Er blickte unter sich und stieß einen erstickten Schrei aus, als er eine kobraähnliche Schlange unter sich sah, die immer wieder nach vorne stieß und ihm ihre spitzen Giftzähne in die Brust zu rammen versuchte. Er packte die sich windende Schlange mit seinen bloßen Händen kurz unterhalb ihres Kopfes und drückte zu. Sie wehrte sich heftig und er konnte jeden einzelnen Muskel ihres kraftvoll gespannten Körpers spüren. Sein Griff verengte sich beinah lustvoll und er ließ erst von ihr ab, als sich ihr schlangenhaftes Zischen in ein menschliches Schreien wandelte. Erschrocken und schlagartig ernüchtert sprang Chrystian von Angelika herunter. Röchelnd richtete sie sich auf. Sie fasste sich an den Hals, dann sah sie Chrystian mit ihren hervorquellenden Augen verzückt an. Chrystian erstarrte. Ein angetrunkenes Paar, das wohl ebenfalls die private Sphäre unter der Festtafel nutzen wollte, ließ die Tafeldecke kichernd wieder runterfallen, als es die Halbnackten in ihrer ekstatischen Umarmung erblickte. Was war geschehen? Wie konnte er nur in eine solch peinliche und erschreckende Situation geraten. Angewidert stieß er die anhängliche Frau von sich, die er eben auf animalische Weise vergewaltigt hatte – oder besser gesagt, die ihn dazu willentlich veranlasst hatte. Panisch streifte sich Chrystian die halb zerrissene Kleidung wieder über, kroch unter der Tafel hervor und stürzte sich, ohne sich noch einmal umzudrehen, aus der entrückten Gesellschaft nach draußen. Er stolperte die Treppe in den kühlen Garten hinunter und fiel bäuchlings in eine schlammige Pfütze. Mit letzter Kraft erhob er sich und rannte in die Dunkelheit hinaus, bis er sich völlig erschöpft auf einer Parkbank niederließ, wo er sofort einschlief.

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen. Erst jetzt bemerkte Chrystian, dass er am ganzen Körper zitterte und entsetzlich fror. Er wollte sich gerade von der Bank erheben, als er auf ein leises Rascheln zu seiner rechten Seite aufmerksam wurde. Im fahlen Mondlicht sah er, wie sich eine weggeworfene Pappschachtel neben dem Mülleimer langsam aufrichtete. Chrystian fixierte gebannt die sich aufbäumende Schachtel und wich erschrocken zurück, als plötzlich zwei rote Augen unter ihr auftauchten, die ihn starr anfunkelten. Reflexartig machte Chrystian eine scheuchende Handbewegung. Doch die Ratte kroch wider Erwarten ganz unter dem Karton hervor und lief blitzschnell zu Chrystians Füßen. Angewidert stieß Chrystian mit dem Fuß nach der Ratte. Sie wich einige Meter zurück, ließ Chrystian dabei jedoch nicht aus den Augen. Dann richtete sie sich auf ihren Hinterpfoten auf, streckte ihren Kopf in die Höhe und es schien, als ob sie Chrystian ein Nicken zuwerfen würde. Chrystian kannte diese Bewegung, die Ratte nahm seine Witterung auf. Er überlegte, ob er sich jetzt bedroht fühlen und die Ratte erneut verscheuchen sollte, als sie ihren gestreckten Hals in alle Richtungen warf und dabei einen langgezogenen, hohen Heulton ausstieß. Doch dann ließ sie sich wieder auf ihre Vorderpfoten fallen und verschwand lautlos in der feuchten Nacht.

Chrystian saß noch eine Weile reglos auf der Bank, dann stand er langsam auf und ging zögerlich durch den Park am Elbhang nach Hause. Nach einer guten halben Stunde Fußmarsch, in der er genügend Zeit hatte, wieder auszunüchtern, stand er vor dem schmuckvoll verzierten Gartentor seines Grundstücks. Vorsichtig stieß er das Tor auf, so, als sei er darauf bedacht, niemandem im Hause wecken zu wollen. Dabei bewohnte er die große Stadtvilla, die bereits seit vielen Generationen im Besitz seiner Familie war, schon seit mehreren Jahren alleine. Zuletzt hatte er die Villa mit Frau Serafina, der treuen Hausangestellten seiner Eltern, geteilt. Frau Serafina hatte sich nach dem Tod seiner Eltern und der Scheidung von seiner Frau fürsorglich um ihn und das Anwesen gekümmert, aber ihr hohes Alter und eine zunehmende arthritische Erkrankung zwangen sie schließlich, ihre Stellung im Hause Sanders aufzugeben. Chrystian fühlte sich der alten Dame gegenüber verpflichtet und hatte sie deshalb im Oktavium, einer gediegenen Altersresidenz direkt am Elbufer, untergebracht. In regelmäßigen Abständen besuchte er Frau Serafina und erkundigte sich mit ärztlicher Fürsorge nach ihrem Befinden. Sie war die letzte lebende Person, die Chrystian noch mit seiner familiären Vergangenheit verband. Zu seiner geschiedenen Frau Emanuelle hatte er fast gar keinen Kontakt mehr. Sie hatte bereits wieder geheiratet, einen Italiener, und lebte mit ihm und seiner Großfamilie im Süden Italiens.

Das Gartentor fiel langsam und qualvoll quietschend wieder ins rostige Schloss. Chrystian zog schuldbewusst die Schultern hoch. Schon seit Jahren nahm er sich vor, dass Schloss zu ölen. Und einen Gärtner müsste er wohl auch mal bemühen – von dem ursprünglich angelegten, parkähnlichen Garten war nicht mehr viel zu sehen. Selbst der kleine Springbrunnen mit der griechischen Statue, die aus einem Füllhorn das Wasser in das Brunnenbecken goss, war als solcher kaum noch zu erkennen. Efeu und andere Schlingpflanzen hatten ihn beinah gänzlich in Anspruch genommen, nur das Füllhorn ragte noch ansatzweise aus dem dunkelgrünen Blättermeer. Die Westseite der herrschaftlichen Jungendstilvilla war bis zum zweiten Geschoss komplett mit uralten Rosenstöcken zugerankt, die inzwischen mehr Holz als Blätter und Blüten besaßen. Dazwischen wuchs eine dickstämmige Glyzine, die sich wie eine wendige Schlange zwischen den wenigen freien Flächen am Mauerwerk wandt. Chrystian hatte sich nicht einmal die Mühle gemacht, wenigsten die Fenster auf dieser Seite des Hauses von den Ranken frei zu halten. Die Rückseite des Hauses, die nur wenige Meter von dem kleinen Stück Wald, das zu dem Grundstück gehörte, entfernt war, lag den überwiegenden Teil des Jahres im Schatten, so dass sich hier bereits Moose und Flechten auf dem spröden Putz ausgebreitet und die ursprünglich weiße Wand mit einem samtigen, hellgrünen Flaum überzogen hatten. Die Fläche zwischen Haus und Wald war beinah komplett mit Farnen und kniehohem Brombeergestrüpp überwuchert. Hier und da ragten noch einige alte Gartenstühle und kleine Fabelwesen aus Granitstein, die seine Mutter einst aufgestellt hatte, aus dem Gestrüpp. Der englische Rasen zur Ost- und Südseite des Grundstücks, auf dessen sorgfältige Pflege Chrystians Vater stets sehr viel Wert gelegt hatte, glich inzwischen einer verbuschten, wilden Wiese. Nur der kleine Gartenpavillon mit dem klassizistischen Rundgewölbe im hinteren Teil des Ostgründstücks war seltsamer Weise nicht zugewachsen. Zu ihm gelangte man über einen schmalen Kiesweg, den Chrystian hin und wieder mit einer Harke von Unkraut befreite und in Form brachte. Niemand verstand, warum Chrystian Haus und Grundstück einerseits so verkommen ließ und andererseits darauf bedacht war, diesen Kiesweg zu erhalten. Nicht einmal er selbst. Es ging eine Art heilige Ruhe von ihm aus.6

Chrystian schritt langsam die Auffahrt zum Haus hoch. Seine Schritten knirschten auf den kleinen, hellen Kieselsteinen, die im Mondlicht matt leuchteten. Auf Höhe des Springbrunnens blieb er stehen und blickte die Vorderseite seines Hauses hoch. Er war immer wieder von der Größe und Ästhetik dieses alten Gebäudes beeindruckt. Drei große Musenköpfe ragten aus der hellen Fassade der sparsam verzierten Jugendstilvilla. Ihre marmorweißen Gesichter waren glatt und unnahbar. Chrystian hatte schon als Kind den drei Musen gegenüber Ehrfurcht und Respekt empfunden. Sie