Sakaya - Roland Simm - E-Book

Sakaya E-Book

Roland Simm

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Beschreibung

Der Journalist Thos vom Planeten Sakaya träumt von einer gerechteren Welt. Lange hat er gegen Korruption und Machtmissbrauch in seinem Land angeschrieben. Damit hat er sich nun ausgerechnet Naron, seinen Präsidenten, zum Feind gemacht. Da verliebt sich Thos in eine Außerirdische vom Planeten T'Va. Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer: Plötzlich ist sie verschwunden, obwohl ihr Körper dringend eine Regeneration benötigt. Hat Präsident Naron damit zu tun? Thos fasst den folgenreichen Entschluss, belastendes Material gegen den Regierungschef zu sammeln...

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Roland Simm

Sakaya

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Raumflug

Zu Hause

Im internationalen Staatenrat

Das Buffet

Im Einkaufszentrum

Vater und Sohn

Im All

Instandsetzungen

Der Theologe

Der Ermittler

Demonstration vor dem Regierungsgebäude

Im Armenviertel

Thos’ Chance

Gerszan – Was wir tun können

In der Redaktion

Auf der Straße

Was tun mit dem Erfolg?

Die Pressekonferenz

Rechte und Pflichten

Alarm in der Planetensystemüberwachung

In Aufruhr

Thos’ Gedanken

Aufgerüstet

Die Außerirdischen

Zum äußeren Planeten

Besucher auf Sakaya

Bei Egson

Tagung in Elmekon

Gespräche mit den Außerirdischen

Im Café mit L’K-Shi

Nur beruflich?

Das zweite Treffen

Bei Thos

Am Raumschiffhafen Lukovia

Glück

Narons Anweisungen

Verdacht

In der Lehrakademie

Wieder in der Redaktion

Narons Pressekonferenz

Warten auf Lin

Auf der Polizeiwache

Schwere Entscheidung

Nicht freiwillig

Der Plan

Vorbereitungen

Lernen mit Mes

Auf einer politischen Tagung

Treffen mit Kriminellen

Im Umweltministerium

Erkenntnisse über Mes Nereg

Polizist ist nicht gleich Polizist

Im Geheimgefängnis

Nicht zu knacken

Für Geld tun wir alles

Unverhoffte Begegnung

Nach Negwan

Der Serverknoten

Gegenangriff

Im Hotel

Der Traum

Bol Kuras

Der Deal mit den Agenten

Der Wettlauf

Auf der Straße

Vor Dru Messens Haus

Unbeeindruckt

Der Anruf

Keine Zeit zu verlieren

Ermittlungen gegen Naron

Die Kirchenführer

Regeneration

Die Volksabstimmung

Angekommen

Impressum neobooks

Der Raumflug

„Alles online, Pilot 7, wir warten auf Ihre Daten!“

„Ok, ich starte die Übertragung.“ Thos Thonxies machte an der Konsole seines Raumschiffes eine Eingabe. Er flog außerhalb der Atmosphäre von Sakaya, seiner Heimatwelt. Sollten Kometen ihr in absehbarere Zeit zu nahe kommen, würde er es jetzt herausfinden. Also los... Laut Einsatzplan musste er den Bereich von der sonnenabgewandten Seite des Planeten aus erfassen. Die beleuchteten Anzeigen tauchten das Cockpit in ein schummriges Licht. Thos wartete kurz. Schließlich erschien im Display ein grünes Symbol. Er lehnte sich zurück – die Übertragung hatte begonnen.

Die Messgeräte scannten die Umgebung des Planeten bis über die Grenzen des kleinen Sonnensystems hinaus. Thos war müde. Er war schon oft hier oben gewesen, und schon seit längerer Zeit spürte er eine aufkommende Resignation. Etwas begann sich langsam in ihm zu verändern. Aber er versuchte sich zu motivieren. Das war seine Arbeit, und sie lieferte der Allüberwachung von Sakaya lebenswichtige Werte. Er musste es gut machen. Er unterdrückte die Müdigkeit und überprüfte den Messvorgang.

Nach ein paar Stunden schaltete Thos die Triebwerke von „Position halten“ auf „Umlaufbahn folgen“. Die Messungen waren abgeschlossen und Thos bereitete sich auf den Rückflug zur Station auf dem Planeten vor. Zuhause erhole ich mich, dachte er. Mit ruhiger Musik würde es angenehm werden.

Noch zwei Eingaben, und der Auftrag war geschafft. Er legte seinen Finger auf den Sensor zur Beendung der Übermittlung. Nur die Betriebsgeräusche der Maschinen waren im Gleiter zu hören. Doch plötzlich beendete ein schrilles Alarmsignal die Beschaulichkeit. Thos erschrak, fasste sich aber schnell. Er begann die Sensoren zu überprüfen – er hatte doch alles richtig eingestellt... Sein Blick suchte die Bildschirme ab – das Schwerkraftinstrument blinkte rot. Er überprüfte weitere Zusammenhänge: Das Raumschiff war auf einer stabilen Umlaufbahn um Sakaya, seine Gravitation blieb konstant. Die Anziehungskraft kam aus einer anderen Richtung und erhöhte sich ständig. Doch dort war nichts zu sehen. Das konnte doch nicht sein... Thos öffnete einen Funkkanal.

„Basis 14, hier Pilot 7: Melde Alarm Schwerkraftsensor Richtung 12. – 4.10. Sensoren 47 % über normal, kein Sichtkontakt, ich wiederhole: kein Sichtkont...“ Er hielt inne. Auf der Anzeige des Planetensystems der angegebenen Richtung gab es ein Rauschen, nein... ein kleines, rundes Etwas näherte sich. An sich schwarz, aber umgeben von einem kreisförmigen Leuchten... Thos hatte so etwas noch nie gesehen.

„Basis 14, hier Pilot 7: Habe Sichtkontakt!“ Er starrte auf das Display, dann auf den Schwerkraftsensor. Dieses Ding war nicht klein, es war nur erst am äußeren Ende ihres Sonnensystems angekommen. Thos drückte einen Taster neben dem Sensor.

„Übermittle Sensorendaten.“ Das war kein Komet, dafür war der Radius zu groß... Er kontrollierte seine Bewegung... verdammt, es war auf Kollisionskurs!

„Pilot 7 meldet Objekt auf Kollisionskurs!“ Wieder startete er eine Übertragung der Daten. Der Einschlag wäre in... 17 Stunden...! Angenäherter Durchmesser: 15 % von Sakaya. Das war der absolute Notfall.

„Hier Basis 14, habe Daten empfangen.“ Ein Rauschen war in der Verbindung. Er hörte eine Stimme aus dem Hintergrund. „Verdammt, es ist zu groß...“

„Basis 14, hier Pilot 7, können Sie das Objekt zerstören?“ Thos hörte in das Rauschen, das nur der Schwerkraftsensoralarm unterbrach.

„Nein, Pilot 7. Wir können es nicht zerstören.“ Thos überlegte. Wenn eine Bombe von der Allüberwachung nicht nutzte, was für Möglichkeiten blieben? Thos fiel nichts ein. Er bekam Angst. Was konnten sie jetzt noch tun?

Zu Hause

Panisch schreckte Thos auf. Er sah sich um – und war in seiner Wohnung. Er lag in seinem abgedunkelten Schlafzimmer auf dem Bett. Kein fremder Planet, kein Kollisionskurs – alles ok. Auch seine türkissilbrige Zimmerpflanze hatte den Albtraum überlebt. Erleichterung stellte sich ein und ersetzte die empfundene Furcht. Thos überlegte. Heute musste er den Artikel gegen die Personalpolitik seiner Regierung fertigstellen. Seit der Lehrakademie schrieb er für das länderübergreifende Netzwerk „Egson“, das sich für Demokratie in Sakaya einsetzte. Diese Tätigkeit hatte ihm immer viel bedeutet, auch wenn sie nur gering bezahlt wurde. Er stand auf.

Im Bad seiner kleinen Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss der Mehrparteiensiedlung zog er sich aus und stellte sich unter den Ganzkörperultraschallreiniger. Er drückte Start - das Summen des Gerätes erweckte das vertraute Gefühl, zu Hause zu sein. Schön, dachte Thos und reinigte sich – bis es stoppte. Er drückte erneut auf den Startknopf. Ohne Erfolg. Was war das denn jetzt... Er versuchte, das Gerät durch die Tasten zurückzusetzen. Keine Änderung. Ein kaputter Ultraschallreiniger, das konnte sein Monatsbudget sprengen... Mürrisch verließ er das Gerät und ging in die Mitte des Bades. Er würde wohl ein paar Bauteile vom Reparaturmarkt holen müssen.

Im Spiegel betrachtete er sich selbst. Er war jetzt 36 Jahre, 1,81 m, schwarze, etwas struppige Haare, gesunder bläulicher Teint - fürs Erste alles o.k. Aber Thos störte etwas. Gut, früher hatte er etwas mehr Muskeln am Körper gehabt, aber das war es nicht. Im Spiegel sah er einen recht gesunden Mann, aber sonst – niemanden. Es stand keine Frau neben ihm. Thos war wieder – immer noch – alleine. Er wurde langsam alt, aber eine Partnerin war außer Sichtweite. Eine eigene Familie erst recht.

Zurück im Schlafzimmer suchte er sich ein paar Kleider zusammen. Es war ein bisschen unordentlich bei ihm, aber nicht schmutzig. Leicht angezogen setzte er sich an seine Computerkonsole und begann zu arbeiten. Er fand in seinem politischen Nachrichtennetzwerk immer viel zu tun, auch wenn der finanzielle Erfolg manchmal ausgeblieben war. Visionen und Ausdauer hatten Thos immer ausgezeichnet bis in letzter Zeit. Seit den hundert Tagen, die die konservative Regierung unter Naimr Naron in Gerszan an der Macht war, spürte er Resignation in sich. Er versuchte, trotzdem zu arbeiten. Immerhin konnte er etwas dagegen tun, sein Artikel würde Narons Personalpolitik beleuchten. Thos hatte herausgefunden, dass der Regierungschef wichtige Posten mit Personen besetzte, die mit Naron eine gemeinsame Vergangenheit teilten. Weiterhin störte ihn, dass Naron die Wirtschaft hofierte und die Armen im Land nicht besser versorgte.

Obwohl er gerade aufgestanden war, fühlte er wieder diese Erschöpfung in sich. Aber er konnte sich nicht mehr hinlegen, auch wenn es früh war. Er schaute aus dem Fenster – tausende vernetzte Wohnungen in der Morgendämmerung. Es schien friedlich – aber Thos wusste um die Probleme des Landes. Er liebte seine Mitbürger, die Sakayaner. Traurig, dass in der Realpolitik vieles unterging. Und Narons Stil gefiel ihm nicht. Letztens hatte der Regierungschef eine Initiative ins Leben gerufen, die Volksbefragungen begrenzen sollte, – seiner Meinung nach repräsentierten Experten das Land besser als das Volk. Doch dadurch schränkte er die Mitbestimmung ein. Thos musste etwas dagegen tun. Mit seiner Konsole erfasste er die aktuellen Nachrichten.

Um halbwegs wach arbeiten zu können, hatte er sich ein Nemeg gemacht. Auch diesmal ließ er die beliebten Geschmackszusätze weg, ihm reichte die aufweckende Wirkung ohne Kalorien. Hatte er es jemals anders getrunken? Das Nemeg zeigte ein bisschen die Wirkung, auf die er spekuliert hatte – auch wenn er von einem fröhlichen Morgen weit entfernt war.

Schließlich schloss er die Nachrichtenrecherche ab. Naron hatte wie erwartet das Einschränken von Volksbefragungen verteidigt – er konnte in der Koalition mit der kleinen Kema-Partei auf eine absolute Mehrheit vertrauen. Der Regierungschef war auch gegen Transparenz – vorgeblich, um weniger angreifbar von Kriminellen und Terroristen zu sein. Thos vermutete, dass es ihm jedoch in erster Linie darum ging, uneingeschränkter regieren zu können. Der Wirtschaft des Landes ging es gut – auch etwas, das ihm in die Hände spielen würde, dachte Thos grimmig. Naron war für fünf Sonnenumläufe gewählt! Der Artikel musste geschrieben werden. Thos wusste, dass er etwas bewirken konnte – aber seine Stimmung war wie eingefroren. Er schaute auf die Uhr. Lange war er noch nicht wach, aber immer noch erledigt. Wenn das länger gehen sollte, musste er sich wohl um seine Gesundheit sorgen. Aber seine Arbeit rief. Er würde also wieder für eine gerechte Demokratie schreiben. Thos seufzte und startete das Textverarbeitungsprogramm.

Das Display seines Computers meldete einen Anruf. Hm, jetzt auch noch eine Störung. Sollte er drangehen? Es war eine ausländische Nummer. Das Programm ordnete einen Segg Dikaun zu. Seggi? Thos nahm ab.

„Hey, alter Nabba...“

„Mensch Seggi, mit dir hab ich jetzt echt nicht gerechnet...“

„Ich dachte, ich melde mich mal. Wie geht’s dir in Gerszan?“

Thos und Seggi waren zusammen an der Lehrakademie gewesen, einer weiterführenden Hochschule. Aus beruflichen Gründen war Seggi nach Elmekon ausgewandert, einem kleineren Nachbarland.

„Naja, die Regierung macht viel Arbeit.“

„Euer Naron ist ungerecht? Komm zu uns, da hast du die Probleme nicht!“

„Hm, ich kann jetzt nicht einfach weglaufen. Wir müssen das Volk unterstützen.“

„Ja, du und die Gerechtigkeit. Dann ist ja alles beim Alten!“

„Und du, warum rufst du nicht per Video an?“

„Bitte keine unsinnige Datenanhäufung.“

„Ah, ganz der Alte“, grinste Thos.

Seggi musste lachen. „O.k., du hast Recht.“

„Hackst du dich immer noch durch die Welt...?“, wollte Thos wissen.

„Nun, ich bin nicht immer auf normalen Netzwerkseiten. Aber in der Firma läuft’s gut.“ „Ach ja, du bist ja jetzt Computerbeauftragter für Sicherheitsfragen.“

„Ja, ist ‘ne feine Sache.“

„Schön. Ich weiß nicht, ich bin immer noch bei Egson. Ist schon gut, aber in letzter Zeit... Ich kann schreiben, was ich möchte, Geld, naja, aber mir fehlt irgendwie die Freude an der Sache. Trotz aller meiner Möglichkeiten.“

„Bist du noch alleine?“, fragte Seggi.

„Ja.“

„Hattest du nicht letztens ein Date?“

„Mit Nari? Das ist jetzt schon ein halbes Jahr her...“ Thos dachte an das Treffen. Es war nicht schlecht gewesen, aber es war nicht das, was er wollte. Nari war gerade dabei gewesen, sich in ihren neuen Job einzuarbeiten, und Thos hatte bemerkt, dass sie dabei war, etwas für sich aufzubauen, das aus finanzieller Sicht Sinn machte – ohne dabei für eine Sache wirklich zu kämpfen.

„Ich brauche schon jemanden mit manchen Einstellungen. Zu sehr das normale Wirtschaftsleben ist nichts für mich.“

„Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sich dauernd über die Regierung aufregen auch nicht glücklich macht.“

Thos dachte nach. „Aber Naron hinnehmen? Er will nur Macht. Die Wirtschaft stimmt das Volk freundlich. Unsere Demokratie wird abgebaut! Ich werde darüber schreiben.“ Da war sie wieder, diese Energie. Gemischt mit Wut, aber Thos genoss es gerade, Kraft zu schöpfen. Danke, Seggi... „Von diesen korrupten Beamten bei der Polizei gehört auch der eine oder andere ins Gefängnis!“

„Na, pass aber auf. Naron wird sich wehren, und wenn er schmutzige Methoden benutzt, könntest du der Leidtragende sein“, gab Seggi zu bedenken.

„Es ist wichtig, dem Bürger die wahren Probleme zu zeigen. Naron ist nicht der Weg, weißt du...“

„Also... hört sich so an, als ob bei dir noch nicht alles verloren ist... Weißt du noch, wie du die politischen Plakate in unsere Lehrakademie gebracht hast, gegen den Willen unseres Direktors?“

„Plakate? Ach ja... gegen die Genständegesellschaft... mein Vater war vielleicht sauer! Ich sehe ihn nächste Woche... aber er will bestimmt wieder irgendwas, dass die Monarchie wieder eingeführt wird oder so...“

„Er ist dein Vater. Ihr solltet irgendwie miteinander auskommen.“

„Ja... es ist nicht immer einfach.“

„Ich weiß...“

Eine kleine Pause entstand, bis sich Thos entschloss, schwere Gedanken bei einer anderen Gelegenheit aufzuarbeiten. „Du, gestern hab ich was gefunden... das Videomak, das wir zum drahtlosen Übertragen von Filmen gebaut hatten... hast du das auch noch?“

„Kann sein. Geht es denn noch?“

„Scheint so. Das wär doch mal witzig, mal zu schauen, ob wir das noch hinbekommen...“ „Ich guck mal... Muss irgendwo im Keller sein...“

Thos sah auf die Uhr. Er hatte Nea Tirasand, seiner Redakteurin, versprochen, den Artikel heute Abend online zu stellen. „Du, Seggi, ich muss noch schreiben. Rufen wir uns die Tage mal an?“

„Ist o.k.“

„War nett, dich zu hören.“

„Ja, wir setzen das fort. Viel Erfolg noch!“

„Danke. Bis dann...“ Thos legte auf. Schön, dass Seggi sich mal meldet... das war gut. Thos atmete ein. Ja, wir telefonieren bald wieder. Er sah auf das leuchtende Display seiner Computerkonsole und setzte sich mit etwas besserer Laune an seine Arbeit.

Im internationalen Staatenrat

Das Fernsehteam zur Sendung „Gerszan heute“ hatte sich auf dem Platz vor dem Staatenratsgebäude in Lonad eingerichtet. In wenigen Minuten startete eine Live-Übertragung aus dem benachbarten Land, und der Inhalt war besonders. Das erste Mal in der Geschichte Sakayas sollte über das sogenannte „Weltgrundgesetz“ beraten werden, ein Gesetz, dass jedem Sakayaner Zugang zu ausreichender Nahrung und ärztlicher Versorgung ermöglichte. Finanziert aus einer Bruttoinlandsproduktsteuer wäre dies der größte Eingriff der internationalen Staatengemeinschaft in die nationale Gesetzgebung, den es je gegeben hätte – stärker noch als die Vereinbarung zur polizeilichen Zusammenarbeit aller Länder. Aek Horas, der Moderator, überprüfte seine orangefarbene Dauerwelle, während seine Techniker die kabellosen Sender einrichteten. Noch eine Minute bis zur Liveübertragung, Aek konzentrierte sich. Die Sonne war leicht verdeckt, und gänzlich unbeeindruckt von all dem Geschehen suchte ein Schwarm kleiner, gefiederter vierbeiniger Balsaks auf dem Platz nach Nahrung. Sie fanden überall etwas zu fressen, eine Eigenschaft, die sie nicht unbedingt beliebt machte, aber sie hatten dies und ebenso längere Zeitperioden überlebt. Um euch braucht man sich keine Sorgen machen, dachte Aek. Schließlich erteilte die Regie das ok und der Moderator schaltete das in die Kleidung integrierte Mikro ein.

„Willkommen zu ‘Gerszan heute’, der Nachrichtensendung zum Mittag! Jeden Tag die wichtigsten News aus der ganzen Welt.“ Er machte eine kleine Pause, während das Studio die Anfangsmelodie der Sendung zu Ende spielte. „Diese Sendung steht ganz im Zeichen des Weltgrundgesetzes, das hier in Lonad für ganz Sakaya das erste Mal beraten wird. Es könnte jedem Sakayaner ausreichend Lebensmittel und ärztliche Versorgung bieten – doch die Finanzierung ist umstritten. Jeder Staat müsste seinen Teil von seinem Bruttoinlandsprodukt dazu beitragen – und wir alle stimmen in fünf Sonnenumlaufszwanzigsteln darüber ab. Wie Umfragen ergaben, sieht es nach einer knappen Entscheidung aus – und der Widerstand einiger nationaler Regierungen, darunter auch unserer Koalition Narons, wird sich formieren. Wir übertragen gleich live aus dem internationalen Staatenrat. Damit zurück ins Studio.“

Aek schaltete das Mikrofon ab. Ein Techniker gab ihm ein positives Zeichen – der Anfang für den Tag war gemacht. So bereitete er sich auf den Weg zum zweiten Team im Staatenrat vor, während der Rest der Mitarbeiter auf dem Platz einpackte. Um die Geräte zu verstauen, scheuchten sie die Balsaks ein wenig beiseite, die sich inzwischen auch an die Busse des Fernsehteams herangewagt hatten. Die Sonne konnte zwar immer noch nicht frei scheinen, aber der Tag war hell. Aek dachte an die folgende Übertragung. Welche Art von Diskussion würden sich die Vertreter der Staaten liefern? Seine Sendung würde es nach Gerszan bringen.

Der Sakayarat war eine internationale Institution, die vor 37 Sonnenumläufen gegründet worden war. Die Nationen des Planeten waren in zahlreiche Kriege verwickelt gewesen, so dass eine Organisation zum Wohle aller Sakayaner vorteilhaft erschien. Erst nur mit geringen rechtlichen Privilegien ausgestattet, begann sie beharrlich für das Wohl der Bevölkerung zu arbeiten. Während die Zusammenarbeit der Länder zu internationalen polizeilichen Ermittlungen fast einmütig erfolgt war, setzte das Weltgrundgesetz deutlich mehr voraus. Ziel war es, jedem Sakayaner das einklagbare Recht auf Nahrung und gesundheitliche Versorgung zu geben – dazu bedurfte es einer internationalen Rahmenverfassung. Auch dagegen sträubten sich viele der 351 national regierten Staaten, war dies doch ein großer Eingriff in die nationale Souveränität. Letztendlich aber lag das Schicksal dieser wohlwollenden Initiative in den Händen der Sakayaner – denn über die Weltrahmenverfassung entschied seit Beginn des Sakayarates die gesamte Bevölkerung. Und eine zunehmende Demokratisierung führte zu mehr Offenheit gegenüber humanistischen Vorhaben. Aber das war nur die Seite der Befürworter. Die Gegner formierten sich bereits, um dieses Vorhaben zu torpedieren.

Die Gebäude des Staatenrates, ein Komplex aus mehreren runden Bauten, dominierte die Architektur des Platzes. Seine Erbauer hatten an edlen Materialien nicht gespart, ein Bild für den wohlwollenden Zweck, für den sie es geschaffen hatten. Heute, am Tag des Beginns der Verhandlungen, waren die Zufahrtswege voller politisch Interessierter, denn sie konnten die Sitzung aus den Nebenräumen per Videoübertragung live mitverfolgen. Es war recht günstiges Wetter – die von den Wolken verdeckte Sonne gab genügend Licht, um den Tag angenehm zu erhellen. Die Verhandlungen konnten sich lange hinziehen, aber ein Anfang war gemacht.

Aek kontrollierte den Identitätschip in seiner Kleidungselektronik. Er erreichte nun die innersten Räume des Staatenrates, zu denen kein unangemeldeter Besucher Zugang bekam. Auf dem Weg dorthin hatte er die ebenfalls prachtvoll ausgestatteten Hallen durchschritten. Gemälde, Skulpturen und Videoinstallationen versuchten eine kulturelle Entsprechung für die Funktion des riesigen Saales zu sein, in dem ein Stück Weltpolitik gemacht werden konnte. Dort, überdacht von einer riesigen türkisfarbenen Kuppel, boten sich den Delegierten der 351 Staaten gut 1 400 Plätze an silbern gehaltenen Konsolen, die mit der Saalelektronik verbunden waren. Die Diskussionsleitung arbeitete hinter einem erhobenen, großen bordeauxfarbenen Pult, das von einer Videoleinwand überragt wurde. Die Ausführung aller Details schuf eine erhabene Atmosphäre, wirkte aber nicht drückend. An der Ernsthaftigkeit dieser Einrichtung war jedoch in kaum einer Weise zu deuten.

Im Sitzungssaal herrschte arbeitsame Unruhe. Die Delegierten waren inzwischen fast vollzählig anwesend, eine große, bunt gemischte Gruppe der Politiker Sakayas. Als das Signal zur Eröffnung ertönte, blieb ihnen nur noch wenig Zeit, Platz zu nehmen. Der große, dürre Ratsvorsitzende aus Lendar stand beim zweiten Signal auf und trat ans Rednerpult. Er hatte viele Verhandlungen eröffnet und auch geschlossen. Aber dies war das umfangreichste Vorhaben, das der Staatenrat je angestrebt hatte – eine Chance für Millionen Sakayaner. Wie weit würden die Verhandlungen kommen? Die Delegierten hatten inzwischen ihre Plätze gefunden. Der Ratsvorsitzende wartete, bis es leiser war, und schließlich erhob er seine Stimme, der 350 Übersetzer und alle Politiker folgten.

„Sehr geehrte Volksvertreter und Repräsentanten des Sakayarates. Dies ist die Sitzung 82 des Jahres 418. Wir beraten heute die Initiative 2476 zur Grundversorgung aller Bürger Sakayas, das sogenannte Weltgrundgesetz. Die Sitzung ist eröffnet.“

Wieder ertönte ein akustisches Signal, und die Blicke richteten sich erneut auf den Vorsitzenden.

„Sie und Ihre Regierungen haben den Gesetzentwurf und die vorgeschlagene Rahmenverfassung bereits innerhalb der satzungsüblichen Informationszeit erhalten. Wir beginnen nun die Diskussion. Ich rufe den ersten Redner: Erit Narados aus Ternason.“

Der kleinere bärtige Regierungschef saß ruhig hinter dem Pult, das für sein Land vorgesehen war. Er tippte etwas in ein kleineres elektronisches Gerät ein, bis an seinem Mikrofon ein grünes Leuchten zu sehen war. Dann legte er es aus der Hand und fing an.

„Liebe Kollegen. Ich freue mich, diese Verhandlungen beginnen zu dürfen. Wie Sie wissen, gab es unter meiner Führung und bereits davor in unserem Land eine erfolgreiche Tradition des Sozialstaates. Und diese ist hier gefordert! Täglich sterben auf Sakaya Menschen an Unterversorgung, nur weil sie das Schicksal hatten, am falschen Ort geboren zu sein. Täglich fliehen Tausende aus ihrer Heimat in wohlhabendere Regionen. Dies stellt die betroffenen Regierungen vor echte Herausforderungen. Viel Geld wird darauf verwendet, Flüchtlinge vom Überschreiten der Grenzen abzuhalten oder, sollten sie eine legale Aufenthaltserlaubnis in einem der wohlhabenderen Staaten erlangen, dort zu versorgen. Aber wir können das Problem an der Wurzel angehen. Wir können das Leid verhindern.“

Er sah auf und blickte in das Licht der Fernsehkameras. „Neue Berechnungen haben ergeben, dass unsere Welt genug Güter herstellen kann, um alle gut zu versorgen, auch auf umweltverträgliche Weise. Der finanzielle Aufwand für die vorgeschlagene Grundversorgung ist von der Region abhängig, in der die Armen wohnen. Nochmal: Es geht nur um eine Grundversorgung. Allein die Verteilung ist das Problem. Nicht, weil sie nicht machbar wäre. Sondern, weil sie nicht gemacht wird. Wir stehen in der humanistischen Verantwortung, Leid zu verhindern, wie wir es können. Der unterbreitete Vorschlag, die Versorgung aller Sakayaner sicherzustellen, ist zu schaffen. Und er verhindert Probleme des Zuzugs. Es muss ein Recht auf Nahrung und Medikamente geben. Auf dem Land, in den jetzigen Slums und auf den Straßen. Dieses Recht muss einklagbar sein. Für alle, auch für alle Verurteilten.“

Er machte eine kleine Pause, in der die Politiker Notizen machten. Einige riefen in ihrer Sprache unübersetzt herein. Erit sah auf.

„Dazu wird eine Rahmenverfassung vorgeschlagen, die die Einklagbarkeit dieser Versorgung garantiert. Und wir sagen: Ja!“ Der Protest einiger Delegierter wurde lauter. „Die Gewährung dieses Rechtes muss finanziert werden, durch eine Bruttoinlandsproduktsteuer, in der jedes Land in Abhängigkeit zahlt, wie viel es hat. Und wir sagen: Ja!“

Überrascht von der Klarheit der Rede kam Bewegung in die Delegierten. Einige riefen erbost dazwischen. Kommentare und Diskussionen entstanden.

Erit umfasste die Seiten seines Pultes und fuhr fort.

„Wir glauben, dass sich das Gute für uns Sakayaner regeln lässt. Wenn wir es nicht tun, wird es weiter Leid geben. Bekämpfen wir das Problem dort, wo es entsteht! Wir können das Leben von Millionen Sakayanern langfristig retten. Unser Staat steht dahinter.“

Erit blickte in die Menge der Delegierten und bestätigte das Ende seiner Rede auf einem Sensorkontakt. Die Politiker waren durch diese erste Rede aufgewühlt und berührt, der Schallpegel im Tagungssaal stieg. Als eine kleine Weile vergangen war, rief die Stimme des Ratsvorsitzenden aus Lendar zur Ruhe.

„Ich rufe den nächsten Redner: Sog Dere aus Sinula.“

Der große, athletische Präsident Sinulas wartete auf das grüne Licht. Er kratzte sich an seiner türkisen Glatze, bis ihm die Freigabe erteilt wurde. Schließlich beugte er sich zum Mikrofon vor.