Sakina und der Islam - Amina Masri - E-Book

Sakina und der Islam E-Book

Amina Masri

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Beschreibung

Sakina wächst als Kind wohlhabender Eltern in einem orientalischen Land auf und genießt viele Freiheiten. Doch der Druck ihrer Familie und ihr islamischer Glaube stellen sie vor so manche Zerreißprobe. Als ihre Cousine Yasmin von ihrem Mann so sehr verprügelt wird, dass sie ihr Kind verliert, beschließt Sakina zu handeln. Fortan setzt sie sich für die Frauen in ihrer Umgebung ein. Kein ungefährliches Unterfangen in einer Gesellschaft, in der Gewalt zum Alltag gehört ...

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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Zu diesem Buch

Sakina wächst als Kind wohlhabender Eltern in einem orientalischen Land auf und genießt viele Freiheiten.

Doch der Druck ihrer Familie und ihr islamischer Glaube stellen sie vor so manche Zerreißprobe.

Als ihre Cousine Yasmin von ihrem Mann so sehr verprügelt wird, dass sie ihr Kind verliert, beschließt Sakina zu handeln. Fortan setzt sie sich für die Frauen in ihrer Umgebung ein.

Kein ungefährliches Unterfangen in einer Gesellschaft, in der Gewalt zum Alltag gehört ...

Zur Autorin

Die Autorin befürchtet, dass Menschen mit islamistischer Gesinnung dieses Buch nicht gut heißen könnten.

Deswegen zieht sie es vor, komplett anonym zu bleiben. Bei Amina Masri handelt es sich um ein Pseudonym.

Inhaltsverzeichnis

Sure 4, Vers 34

Polygamie im Islam

Scheidung

Kopftuch und Jihad

Sklaverei

Unzucht

Beschneidung der Frau

Kinderehe

Literaturverzeichnis

Übersetzung

Bücher von Fatima Mernissi

Sure 4, Vers 34

Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Gott sie von Natur vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen als Morgengabe für die Frauen gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind Gott demütig ergeben und geben acht mit Gottes Hilfe auf das, was den Außenstehenden verborgen ist. Und wenn ihr fürchtet, dass die Frauen sich auflehnen, dann ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie. Wenn sie euch daraufhin wieder gehorchen, dann unternehmt weiter nichts gegen sie. Gott ist erhaben und groß.

Der Anruf kam am frühen Abend. „Sakina, mir geht es nicht gut. Kannst du mich ins Krankenhaus fahren?“

Die Stimme meiner Cousine Yasmin klang leise und verzweifelt. Sofort setzte ich mich ins Auto.

Als sie mir Tür öffnete, zuckte ich erschrocken zusammen. Ihr Gesicht war verschwollen, das Nachthemd und ihre Beine voller Blut. Ihr kleiner Sohn Ziyad presste sich voller Angst gegen sie, auch in seinem Gesicht klebte Blut. Sie krümmte sich und sank vor mir in sich zusammen.

Entsetzt kniete ich mich neben sie. „Was ist passiert?“

„Ich bin gefallen“, flüsterte sie tonlos.

„Was für ein Unsinn“, rief ich. „Das war Ahmed, oder? Was hat er dir angetan? Wo ist er überhaupt?“ In dem Moment war ich bereit, einen Mord zu begehen.

Sie schüttelte müde den Kopf. „Er ist nicht da.“

Schnell schnappte ich mir mein Smartphone, rief einen Krankenwagen und hoffte, er würde auch wirklich sofort kommen. In unserem Land funktioniert das Gesundheitswesen nicht immer zuverlässig.

Der Krankenwagen kam tatsächlich nach einer halben Stunde und ich fuhr mit meinem eigenen Wagen und Ziyad hinterher ins Krankenhaus. Drei Stunden musste ich warten und meinen kleinen Neffen beruhigen.

Als ich mit Ziyad endlich das Krankenzimmer betreten durfte, weinte Yasmin heftig. „Ich bin schwanger gewesen“, flüsterte sie schließlich. „Ich habe mein Kind verloren. Ich wusste nicht einmal, dass ich schwanger war.“

Entsetzt schüttelte ich den Kopf. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, drückte ihr nur Ziyad in die Arme und hielt ihre Hand.

„Ich – mir war in den letzten Wochen immer wieder schlecht. Aber ich dachte, das kommt von der Angst. Und von ...“ Sie verstummte

„Den Schlägen“, beendete ich grimmig den Satz für sie.

„Er hat ja nicht gewusst, was er tat“, schluchzte sie. „Seit mehreren Momenten ist er arbeitslos. Das ist schwer für einen Mann wie ihn.“

„Das ist keine Entschuldigung“, erwiderte ich hart und sie blickte nur traurig auf ihren kleinen Sohn, der mittlerweile in ihren Armen eingeschlafen war.

Yasmin blieb über Nacht im Krankenhaus, da die Ärzte Nachblutungen befürchteten und ich nahm Ziyad mit nach Hause. Er schlief in meinem Bett und wir hatten beide eine unruhige Nacht, da er immer wieder aufwachte, weinte und nach seiner Mutter rief. Ihn so zu sehen, brach mir schier das Herz.

Am nächsten Morgen rief mich Yasmin an. „Bitte bringe mir ein paar saubere Sachen ins Krankenhaus. Ich werde gegen neun Uhr gehen können.“

„So schnell?“, fragte ich überrascht.

Sie schwieg.

„Hat Ahmed dir das befohlen?“, fragte ich zornig.

„Er weiß nicht einmal, dass ich hier bin“, flüsterte sie. „Das Krankenhaus hat versucht, ihn zu erreichen, doch er ist die ganze Nacht nicht ans Telefon gegangen.“

Ziyad wachte in dem Moment auf und rief weinend nach seiner Mutter. „Wir fahren jetzt zu ihr“, erklärte ich ihm und schaffte es tatsächlich, ihn zu beruhigen, ihn anzuziehen und ihn dazu zu bringen, etwas Brot, Eier und Tomaten zum Frühstück zu sich zu nehmen.

Ich hatte überhaupt keine Lust, Ahmed zu begegnen. Deswegen brachte ich meiner Cousine saubere Sachen von mir mit.

Dann schnappte ich mir die nächstbeste Krankenschwester. „Geht es ihr wirklich schon so gut, dass sie das Krankenhaus verlassen kann?“

Die zuckte mit den Schultern. „Der Arzt hat ihr dringend empfohlen, dass sie noch zumindest eine Nacht bleiben soll. Doch sie hat sich standhaft geweigert und wir konnten ihren Mann bislang nicht erreichen.“

Als Yasmin wenig später in meinen alten Trainingsklamotten vor mir stand, beschwor ich sie, zu bleiben. „Du bist viel zu bleich, ich habe Angst, dass du ohnmächtig wirst. Und der Arzt befürchtet weitere Blutungen. Denk an Ziyad.“

„Ich denke auch an Ziyad“, murmelte sie. „Ich kann nicht hier bleiben.“

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr ins Auto zu helfen.

„Das ist nicht der Weg zu mir nach Hause“, rief Yasmin nach einigen Minuten alarmiert.

„Das stimmt“, nickte ich.

„Ich muss nach Hause!“ Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Ahmed … Er wird durchdrehen!“

„Du brauchst Pflege. Er würde dich nicht in Ruhe lassen, wenn du bei ihm wärst“, wandte ich energisch ein. „Ich werde ihm via Messanger schreiben, wo du bist.“

„Er … Nein, Sakina!“ Sie schüttelte heftig den Kopf. „Er … Ich kann dich da nicht mit hineinziehen.“

Doch ich konnte sehr stur sein, wenn ich will und fuhr sie trotz ihrer Proteste zu mir nach Hause, wo ich sie in mein Bett legte.

Dann schrieb ich Ahmed.

Eine Stunde später stand er in meinem Hausflur und brüllte. „Yasmin! Komm sofort her! Wie kannst du es wagen, ohne meine Erlaubnis das Haus zu verlassen!“

Am liebsten hätte ich ihn geschlagen. Doch ich beherrschte mich. „Sie war im Krankenhaus“, informierte ich ihn. „Hast du das nicht mitbekommen?“

„Was? Nein. Warum? Sie ist gestolpert. Wozu musste sie da ins Krankenhaus?“

Meine Hände zuckten, ich biss mir auf die Lippen, bis es schmerzte.

„Was hat die Schlampe dir erzählt? Lass mich sofort zu ihr. Ich werde es ihr zeigen. Ich werde es euch beiden zeigen.“

"Du bist Vater gewesen", teilte ich ihm mit.

Er starrte mich verwirrt an.

"Sie war schwanger. Sie wusste es selbst nicht. Sie hat das Kind verloren", fuhr ich fort. "Du hast dein eigenes Kind getötet."

Er stand da. Ganz still. Für lange Zeit.

Das erneute Aufblitzen von Wut traf mich völlig unvorbereitet. "Es ist ihre eigene Schuld!", tobte er erneut los. "Ganz allein ihre Schuld! Ich will sie nicht mehr. Aber meinen Sohn nehme ich mit."

Er stieß mich zur Seite, rannte die Treppe nach oben. „Yasmin“, brüllte er. „Wo bist du?“

Sei bloß still, Ziyad, dachte ich entsetzt, da begann der Kleine laut zu weinen.

Ahmed hatte es ebenfalls gehört. Sofort riss er die Tür zu meinem Schlafzimmer auf. Meine Cousine und mein Neffe saßen auf dem Bett und starrten ihn mit schreckgeweiteten Augen an.

„Ich verstoße dich, ich verstoße dich, ich verstoße dich“, brüllte er Yasmin an.

Sie wurde noch bleicher, als sowieso schon. Der dreimalige Ausruf dieser Formel reicht einem muslimischen Mann, um sich von seiner Frau zu trennen. Einen Anspruch auf Unterhalt gibt es nicht. Der Mann zahlt nur die Summe, die im Ehevertrag für den Fall einer Scheidung hinterlegt ist. Das kann für eine Frau im Orient dramatische Folgen haben, vor allem, wenn ihre Familie nicht bereit ist, der Verstoßenen Obdach zu gewähren.

„Und meinen Sohn nehme ich mit.“ Mit diesen Worten trat er an das Bett heran und packte seinen Sohn grob am Arm. Der Kleine begann, vor Entsetzen zu kreischen, dabei hielt er sich am Kleid seiner Mutter fest.

„Tu mir das nicht an. Lass mir meinen Sohn!“, flehte Yasmin und legte ihre Arme um Ziyad, während ihr Tränen über die Wangen liefen.

Ich stand einfach nur da, gelähmt vor Entsetzen. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, was da gerade passierte.

„Nach allem, was du dir erlaubt hast?“, tobte Ahmed. „Ganz bestimmt nicht. Er ist mein Sohn. Und glaube mir, ich werde nicht zulassen, dass du ihn jemals wieder siehst. Jetzt lass los.“

Yasmin schüttelte entsetzt den Kopf. „Das kannst du nicht tun!“, wimmerte sie.

„Du weißt sehr gut, dass ich das kann. Und ich werde es tun.“ Er schlug ihr die Faust ins Gesicht.

Ziyad kreischte noch lauter, Yasmin zuckte zusammen, während Blut aus ihrer Nase lief, Ahmed zog noch heftiger am Arm seines Sohnes.

Wut stieg in mir auf, so intensiv, wie ich es nie zuvor verspürt hatte. "Lass ihn los und verschwinde“, grollte ich.

"Misch dich nicht ein, Schlampe!", zischte er mich an. „Du bist schließlich Schuld daran.“

„Lass ihn los!“, fuhr ich auf.

Er ließ tatsächlich los und holte weit aus, um nun mich zu schlagen.

Sein Pech, dass ich vor zehn Jahren Landesmeisterin in Karate gewesen bin. Zwei Minuten später lag er zusammengekrümmt am Boden. Voll Zorn zerrte ich ihn an seinem Hemd aus dem Schlafzimmer zurück in das Treppenhaus. "Du wirst auf deinen Sohn verzichten. Und ich will dich hier nie mehr sehen. Ist das klar?"

Er nickte wortlos.

„Ich sah zu, wie er sich aufrappelte und aus meinem Haus taumelte. Dann kehrte ich ins Schlafzimmer zurück.

„Wenn du sie oder ihren Sohn auch nur anfasst, bringe ich dich um.“

Er zuckte zusammen, nickte, schluckte, rappelte sich auf, schleppte sich die Treppe hinunter und aus dem Haus.

Heute bin ich nicht stolz darauf, dass ich ihn zusammengeschlagen habe. Aber damals fühlte es sich eigentümlich wild und befreiend an.

Als ich zurück ins Schlafzimmer trat, blutete Yasmin noch immer aus der Nase. Ziyad schluchzte und hatte sein Gesicht im Schoß seiner Mutter vergraben.

„Was hast du getan“, stammelte sie und blickte mich fassungslos an. „Ahmed wird nicht einfach aufgeben. Er wird mir meinen Sohn nehmen ... Und wo sollen wir hin? Meine Eltern haben doch selbst kaum Platz. Und ..."

"Ihr bleibt bei mir", sagte ich. „Ich kümmere mich um alles.“

Und das tat ich dann auch. Ahmed kam nicht wieder, sondern schickte einfach nur die Scheidungsbestätigung und verzichtete ganz offiziell auf seinen Sohn Ziyad – in diesem Land alles andere als üblich.

Doch die Geschichte sollte noch ein Nachspiel der ganz anderen Art haben. Das war ganz allein meine Schuld, denn ich habe Hadi davon erzählt. Der Liebe meines Lebens.

Polygamie im Islam

Sure 4, Vers 3:Und wenn ihr fürchtet, in Sachen der eurer Obhut anvertrauten weiblichen Waisen nicht recht zu tun, dann heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, ein jeder zwei, drei oder vier. Und wenn ihr fürchtet, so viele nicht gerecht zu behandeln, dann nur eine, oder was ihr an Sklavinnen besitzt. So könnt ihr am ehesten vermeiden, unrecht zu tun.

Sure 4, Verse 127 – 130:Man fragt dich um Auskunft über die Frauen. Sag: Gott gibt euch über sie Auskunft, was euch in der Schrift über die weiblichen Waisen, denen ihr nicht gebt, was für sie vorgeschrieben ist, und die ihr zu heiraten begehrt, verlesen wird, und was in der Schrift über die minderjährigen Kinder verlesen wird, und die Vorschrift, dass ihr für das Recht der Waisen eintreten sollt. Was ihr an Gutem tut, darüber weiß Gott Bescheid.

Und wenn eine Frau von ihrem Mann rohe Behandlung oder Abneigung befürchtet, ist es für die beiden keine Sünde, sich friedlich auf einen finanziellen Ausgleich zu einigen. Es ist besser, sich friedlich zu einigen, als weiter im Unfrieden zu leben. Die Menschen sind nun einmal auf Habsucht eingestellt. Daher lässt sich manche Schwierigkeit mit Gold ausgleichen. Aber wenn ihr rechtschaffen und Gottesfürchtig seid, ist es besser für euch. Gott ist wohl darüber unterrichtet, was ihr tut.

Und ihr werdet die Frauen, die ihr zu gleicher Zeit als Ehefrauen habt, nicht gerecht behandeln können, ihr mögt noch so sehr darauf aus sein. Aber vernachlässigt nicht eine der Frauen völlig, so dass ihr sie gleichsam in der Schwebe lasst! Und wenn ihr euch auf einen Ausgleich einigt und Gottesfürchtig seid, ist es gut. Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben.

Und wenn die beiden, falls keine Einigung mehr möglich ist, sich trennen, wird Gott jeden von beiden aus der Fülle seiner allumfassenden Macht für den Verlust entschädigen. Gott umfasst alles und ist weise.

Ich weiß noch genau, wie mein Hadi und ich uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich war vielleicht sechs Jahre alt und sollte für meine Mutter Brot kaufen. Vor dem Laden spielten mehrere Jungen Fußball. Der Ball kullerte direkt vor meine Füße. Schwungvoll trat ich danach und schoss ihn in hohem Bogen direkt durch die Tür in den Laden hinein. Eine Frau kreischte auf, es klirrte und Kamal, der Angestellte, kam mit hochrotem Kopf auf die Straße gestürmt. Ich entsetzt stehen. Was hatte ich da nur angestellt?

Die Jungen rannten alle weg - bis auf Hadi, der mich fasziniert anstarrte.

Kamal lief auf uns zu. „Warst du das?“, brüllte er. „Der Ball hat Frau Nabil getroffen und eine Flasche Milch umgeworfen! Na warte, das werde ich deinem Vater erzählen!“

Hadi schüttelte entsetzt den Kopf. Der Laden gehörte seinem Vater, einem sehr strengen und dazu ziemlich reichem Mann.

„Sie war es!“, rief er und deutete auf mich. Und ich nickte betreten mit dem Kopf.

„Lüg mich nicht an, Junge!“, fuhr Kamal ihn an. „Mädchen spielen nicht Fußball!“

„Aber ich war es!“, rief ich. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt als Lügen, hatte meine Mutter mir schon von klein auf eingebläut.

Wenig später kam Frau Nabil aus dem Laden. Ihre Haare standen am Hinterkopf in alle Richtungen ab.

„Entschuldigen Sie, Frau Nabil“, sagte ich zu ihr. „Es war keine Absicht. Der Ball ist direkt vor meine Füße gerollt. Ich wollte ihn nur den Jungen zurückschießen. Es war keine Absicht.“

Daraufhin packte sie mich daraufhin am Arm und schleifte mich nach Hause. Meine Mutter befahl mir, mich noch einmal zu entschuldigen und auf mein Zimmer zu gehen.

Am Abend schimpfte auch mein Vater noch einmal mit mir. „Fußball spielen schickt sich nicht für ein Mädchen.“

Ich nickte schuldbewusst.

„Ich weiß, dass du ein sportliches Mädchen bist und dich gerne bewegst“, fuhr er fort. „Ich habe dich deswegen zu einem Tenniskurs angemeldet.“

Zwei Wochen später musste meine Mutter mich von dort während der Schule abholen, weil ich aus Wut einen Tennisschläger kaputtgemacht hatte.

Daraufhin schickte mein Vater mich zum Karate-Unterricht.

Meine Mutter war davon überhaupt nicht begeistert. „Das wird sie noch aggressiver machen“, schimpfte sie.

Doch mein Vater schüttelte weise den Kopf.

Als ich das nächste Mal wieder Brot kaufen musste, saß Hadi vor dem Laden. Als ich wieder zurück nach Hause ging, lief er hinter mir her.

„Haben dich deine Eltern geschlagen?“, fragte er besorgt.

„Nein“, antwortete ich. „Meine Eltern schlagen mich nicht. Dich?“

„Nur Kamal.“ Er rieb sich gedankenverloren die Wange.

„Ich mache jetzt Karate“, verkündete ich stolz.

„Toll! Zeig mal!“, rief er, ich zeigte ihm eine einfache Kata und er klatschte begeistert in die Hände.

Ab diesem Zeitpunkt sprachen wir immer miteinander, wenn ich einkaufen ging und er im Laden helfen musste, was häufig der Fall war.

„Mein Vater möchte, dass ich später die Geschäfte übernehme“, erzählte er mir eines Tages. Wir waren etwa zwölf Jahre alt. „Deswegen muss ich viel mithelfen. Und später werde ich Betriebswirtschaft studieren.“

Ich nickte beeindruckt.

„Ich möchte später viel Geld haben und damit meine Familie ernähren“, fuhr er fort.

„Dafür brauchst du eine Frau“, neckte ich ihn.

Da wurde er rot, biss sich auf die Lippe und sah weg und ich ahnte, dass er mich genauso mochte wie ich ihn.

In der nächsten Zeit konzentrierte ich mich ganz auf meine Wettkämpfe und ich gewann nahezu alles, was es in diesem Land zu gewinnen gab. Nebenbei beendete ich die Schule und begann, Betriebswirtschaft zu studieren. Nicht, weil es mich sonderlich interessiert hätte, sondern wegen Hadi, den ich in all den Jahren sehr wenig gesehen hatte. Viel zu wenig, wie ich dachte. Und meine Rechnung ging auf. Bereits an meinem ersten Tag in der Uni lief er mir über den Weg, wir kamen sofort ins Gespräch und waren von da an nahezu unzertrennlich. Soweit das in diesem Land eben möglich war.

Für eine Frau ist im Orient nichts so wichtig, wie jungfräulich in die Ehe zu gehen. Frauen, die sich mit Männern vergnügen, mit denen sie nicht verheiratet sind, verletzen die Familienehre. Denn das bedeutet nichts anderes, als dass die Männer ihrer Familie nicht genug auf sie aufgepasst haben. Die Ehre eines Mannes wird durch die intakte Sexualmoral der weiblichen Familienangehörigen gemessen.

Wenn eine Frau eine Ehrverletzung begangen hat, ergreifen viele Familien drastische Maßnahmen. Um die verletzte Ehre wieder herzustellen, muss die Frau oft ihren Sexualpartner heiraten oder überhaupt irgend jemanden heiraten, falls es jemanden geben sollte, der sie so „benutzt“ noch haben möchte. Dabei kann es sich dann auch um den Erstbesten handeln, der Interesse bekundet. Mit Liebe hat das in der Regel nichts zu tun. Das alles kann sogar so weit gehen, dass ein Mädchen oder einer Frau, die vergewaltigt wurde, ihren Peiniger heiraten muss, um die Ehre der Familie zu retten. Es kann aber auch passieren, dass sie eingesperrt oder umgebracht wird. Dieser archaische Ehrbegriff stammt nicht aus dem Islam.

Im Islam ist der außereheliche Geschlechtsverkehr komplett verboten, von Vergewaltigung und Missbrauch einmal abgesehen. Ehrenmorde lassen sich deswegen nicht aus dem Islam ableiten.

Im Islam ist es jedoch nicht die Aufgabe der Familie, Unzucht zu bestrafen, sondern die der Gemeinschaft. In diesem Land gibt es keine Todesstrafe für Unzucht. Das bedeutet allerdings, dass Familien zur Selbstjustiz greifen. Solche Ehrenmorde werden jedoch in aller Regel nicht allzu hart bestraft.

Auch in diesem Land, in dem ich aufgewachsen bin, ziemt es sich nicht für eine Frau, allein mit einem Mann zu sein, den sie heiraten könnte. Es schickt sich auch nicht für ein Liebespaar, sich gegenseitig zu Hause zu besuchen. Alles, was Hadi und ich tun konnten, war also, gemeinsam in der Caféteria zu sitzen und uns zu unterhalten.

Hadi lag viel an meinem und seinem guten Ruf. „Ein untadeliger Lebenswandel ist im Geschäftsleben unabdingbar“, erklärte er mir eines Abends, als außer uns nur noch das Personal in der Caféteria anwesend war. „Es darf keine Gerüchte über uns geben. Das bin ich meiner Familie schuldig. Sakina, möchtest du mich heiraten?“

„Ja!“ Freudestrahlend fiel ich ihm um den Hals und er drückte mich kurz und herzlich an sich, um dann gleich wieder auf Abstand zu gehen, wie es sich gehörte. Und er blickte mich ernst an. „Sakina, wenn du mich heiraten möchtest, dann musst du mit dem Sport aufhören. Und zwar möglichst bald. Es schickt sich nicht für eine Frau, an solchen Kämpfen teilzunehmen.“

Seine Worte trafen mich. Der Sport war ein wichtiger Teil meines Lebens. „Ich wollte in vier Monaten zu den Kontinentalmeisterschaften fahren!“ Darauf hatte ich schon so lange hingearbeitet.