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Eines Nachts hört die 13-jährige Tami aus dem naheliegenden Wald seltsame Geräusche. Als sie den Geräuschen auf die Spur geht, findet sie ein verletztes Einhorn. Ab diesem Zeitpunkt beginnt ein gefährliches Abenteuer voller Überraschungen, mystischer Gestalten und uralter Geheimnisse – aber auch Freundschaften und unerwarteter Verbündeter, das ihr bisheriges beschauliches Leben total auf den Kopf stellt. Bald erkennt Tami, dass sie mehr mit der Welt der Magie verbindet, als sie je geahnt hätte. Und dass manchmal der Mut eines einzigen Mädchens das Schicksal vieler entscheiden kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Für dich, Papa. Danke für unsere gemeinsamen Reisen in die Welt der Geschichten!
Die Dunkelheit umhüllte Tami, als sie plötzlich aus einem unruhigen Schlaf hochschreckte. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust, während sie sich im Bett aufrichtete. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Was hatte sie geweckt? Eine unbestimmte Angst kroch in ihr hoch, während sie sich aus dem Bett schlich und zum Fenster ihrer kleinen Kammer huschte. Der Hof lag still und verlassen unter dem silbernen Schein des Mondes, das Tor zum Weg in die dunklen Wälder schimmerte im sanften Licht. Tami öffnete das Fenster und spähte hinaus, doch alles war still. Trotzdem spürte sie, dass etwas nicht stimmte.
Nach einer Weile beschloss Tami, sich wieder ins Bett zu legen, als sie plötzlich aus der Dunkelheit der Nacht ein Geräusch hörte. Es war leise, weit weg und klang wie ein Wiehern, allerdings viel heller und melodischer, als sie es je zuvor gehört hatte. Sofort war sie wieder am Fenster und lauschte, aber das Geräusch wiederholte sich nicht.
Ihre Tante hatte Tami eingeschärft, in der Nacht niemals das Haus zu verlassen. Tami hatte sich stets an diese Warnung gehalten, nicht aus Gehorsam, sondern aus Angst vor den Geheimnissen, die die Dunkelheit verbarg. Das Haus ihrer Tante, in dem Tami wohnte, lag abseits des Dorfes, am Rand eines großen Waldes. Die Vorstellung, allein in der Nacht durch diese finstere Umgebung zu streifen, war beängstigend. Sie legte sich wieder hin, nahm sich aber fest vor, am nächsten Tag nachzusehen, was das Geräusch verursacht haben könnte. Vielleicht brauchte ein Tier im Wald Hilfe, oder es waren doch nur die Nachwirkungen eines Traums? Trotzdem sie sich so zu beruhigen versuchte, war an Schlaf nicht mehr zu denken, und Tami lag wach in ihrem Bett und wartete auf den Anbruch des neuen Tages.
Als endlich die ersten zarten Strahlen der Morgendämmerung das Dunkel durchdrangen, war Tami schon längst auf den Beinen. Sie konnte es kaum erwarten, in den Wald zu laufen und dem Geheimnis der Nacht auf den Grund zu gehen. Tami war noch vor ihrer Tante Rella in der Küche und begann, das Frühstück für sie beide zuzubereiten. „Guten Morgen, Tante Rella!“, rief Tami, als ihre Tante in die Küche kam.
„Morgen“, antwortete ihre Tante und musterte sie argwöhnisch. „Warum so früh auf den Beinen heute?“
„Ich wollte gleich in den Wald laufen und uns ein paar Pilze für das Mittagessen suchen, wo doch heute ein so schöner Tag ist…“, begann Tami.
„Nicht bevor du die Tiere versorgt und den Stall geputzt hast“, antwortete ihre Tante. „Die Arbeit erledigt sich nicht von selbst.“
„Ja, Tante Rella“, antwortete Tami und stellte ihrer Tante mit gesenktem Blick den Frühstücksbrei auf den Tisch.
Tami machte sich nach dem Frühstück und dem Aufräumen der Küche in Windeseile an die Arbeit, doch ihre Gedanken kreisten weiter um das seltsame Geräusch der letzten Nacht. Der Hof war klein, aber lebendig, mit Hühnern, Ziegen und einer einsamen Kuh. Sie kümmerte sich um die Tiere, was sie normalerweise mit Freude erfüllte, doch ihre Gedanken waren weit weg. Die Erinnerungen an glücklichere Zeiten drängten sich in ihren Verstand, bevor sie diese Gedanken energisch verdrängte. Sie durfte sich nicht ablenken lassen.
Der Hof, auf dem Tami mit ihrer Tante lebte, war eigentlich eher eine Hütte, an die man einen kleinen Stall angebaut hatte. Die Tiere und der Gemüsegarten gaben grade so viel her, dass Tami und ihre Tante zu essen hatten und ihre Tante Eier und Gemüse am Markt verkaufen oder gegen andere wichtige Dinge wie Kleidung oder Wolle tauschen konnte. In harten Wintern reichte es auch dafür nicht immer aus, aber bisher waren die beiden immer irgendwie über die Runden gekommen.
Als Tamis Eltern noch lebten, hatte Tami mit ihnen in einem schönen großen Haus gewohnt, hinter dem Hügel, der an das Dorf Naraan grenzte. Tamis Dorf lag im Land Beleriem, und ein ganzes Stück von den nächsten größeren Städten und Burgen entfernt. Tamis Mutter war eine schöne, lebensfrohe Frau gewesen, die viel lachte, und Tamis Vater hatte sie über alles geliebt. Er war als Händler sehr oft auf Reisen, darum war er nicht besonders oft zu Hause gewesen. Wenn er nicht da war, vermissten sie ihn, aber es war auch schön, gemeinsame Tage zu zweit mit ihrer Mutter zu verbringen. Sie saßen dann abends oft am Feuer und ihre Mutter bürstete Tamis feines blondes Haar. Tami konnte sich aber auch an viele wunderbare Tage und Abende erinnern, an denen die Familie zusammen in der großen hellen Küche saß und gemeinsam aß, Spiele spielte und ihr Vater Geschichten erzählte. Er wusste so viele spannende Geschichten! Vielleicht kam es daher, dass Geschichten Tamis große Leidenschaft waren. Und sie hatten so viel zusammen gelacht. Tami liebte vor allem das glockenhelle und klingende Lachen ihrer Mutter. Immer schienen besonders ihre Augen zu leuchten, wenn sie lachte. Ihre schönen blauen Augen, die Tami laut Tante Rella geerbt hatte. Alles war wunderbar gewesen, bis… ja, bis… Tami schob den Gedanken entschieden zur Seite. Sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Endlich war sie im Stall fertig und lief ins Haus, um einen Korb und ihren Umhang zu holen.
Tami ließ den Hof hinter sich und bog auf den Weg ein, der zum Wald und weiter in Richtung Dorf führte. Die goldene Sommersonne schaffte es, ihre trüben Gedanken aufzulösen. Was für ein wunderschöner Tag! Der Wald leuchtete in unzähligen Schattierungen von Grün. Die Wiesen standen noch in voller Blüte und die Luft war frisch und klar, ließ aber noch die Wärme des ausklingenden Sommers verspüren. Die Sonne stand schon relativ hoch am Himmel – Tami musste sich beeilen, um die Pilze für das Mittagessen zu sammeln, und vor allem endlich nach der möglichen Quelle für das nächtliche Geräusch zu suchen.
Während sie sich dem Waldrand näherte, hörte sie plötzlich Hufgetrappel, das sich in ihre Richtung bewegte. Was war das? Im Dorf gab es wenige Pferde, und jene die es gab, waren meistens zur Arbeit vor Wagen oder Pflüge gespannt. Das hier klang nach einer ganzen Menge Pferde, die ziemlich schnell liefen. Nun drangen die Stimmen mehrerer Männer an ihr Ohr, und Tami zog sich eilig hinter ein Gebüsch zurück, um sich zu verstecken. Was hatten diese Reiter hier zu suchen? Die Worte der Fremden klangen düster und geheimnisvoll, und Tamis Herz begann schneller zu schlagen. Sie wagte kaum zu atmen, ging leise und geduckt zum Waldrand und zog sich hinter ein paar dichte Büsche zurück. Sie wollte den Fremden – inzwischen war sie ziemlich sicher, dass es Fremde sein müssten – lieber nicht begegnen. Trotzdem war sie neugierig. Was hatten diese Männer zu Pferde hier zu suchen?
Das Hufgetrappel und die Stimmen wurden lauter und Tami konnte nun schon einzelne Wörter und Satzfetzen vernehmen. „Ich verstehe nicht, warum wir hier in dieser entlegenen Gegend suchen sollen“, sagte einer der Männer. „Hierher verirrt sich doch nie im Leben jemand.“
„Du kennst unsere Befehle“, sagte ein anderer Mann, den Tami jetzt auch sehen konnte. Er hatte eine tiefe Stimme, sah kräftig aus und ritt auf einem schwarzen Pferd. „Alle Grenzbereiche werden durchkämmt, bis es gefunden wird. Dem Herrscher ist es egal, ob du das gut findest oder nicht.“
Der andere Mann, der sehr groß und grobschlächtig war und auf einem braunen Streitross saß, lachte dunkel: „Na ja, wenigstens gibt es hier ein paar Dörfer mit hübschen Mädchen, da wird den Männern zumindest nicht langweilig unterwegs.“
„Du weißt, dass wir dafür eigentlich keine Zeit haben“, entgegnete der erste Soldat.
„Ja, vielleicht machen wir die eine oder andere Ausnahme“, ergänzte der Mann mit einem bösen Lachen. „Was machen wir eigentlich, wenn wir es gefunden haben?“, fragte der grobschlächtige Mann. „Wir können es ja nicht den ganzen Weg…“
„Halt den Mund!“, unterbrach ihn der andere. „Das ist für niemandes Ohren bestimmt. Wir nehmen es gefangen, rufen unseren Herrn und der wird sich der Sache annehmen – und auch unserer Belohnung, hoffe ich!“
Die beiden Männer waren nun an Tamis Versteck vorbeigeritten. Nach ihnen folgten noch ungefähr zwanzig weitere Krieger, alle in dunklen Rüstungen und zu Pferd. Tami begann vor Angst zu zittern – sie wollte sich nicht vorstellen, was der grobschlächtige Mann anstellen würde, wenn er sie sah und erkannte, dass sie ihn belauscht hatte. Langsam und leise begann sie sich tiefer in den Wald zurückzuziehen. Tami verbrachte oft Zeit im Wald und war wirklich gut darin, sich leise fortzubewegen – nicht aber heute. Sie war so aufgeregt und voller Angst, dass sie nicht auf den Boden vor sich achtete und auf einen großen trockenen Zweig trat. Der Knacks klang für sie ohrenbetäubend. Sie erstarrte und hielt vor Schreck die Luft an. Da hörte sie einen der Männer im hinteren Teil der Truppe sagen: „Habt ihr das gehört? Da ist etwas oder jemand im Wald!“
„Das ist sicher nur ein Waldtier“, entgegnete ein anderer Soldat.
„Ich gehe trotzdem nachsehen“, sagte der Krieger, gab den anderen ein Zeichen anzuhalten und stieg vom Pferd.
Tami bekam panische Angst und fing an, sich so schnell und gleichzeitig so leise sie konnte, von dem Mann wegzubewegen, tiefer in den Wald hinein. Als sie ihn und die Soldaten nicht mehr hören konnte, fing sie an zu laufen, so schnell sie konnte. Es war schwierig, im dichten Wald zu laufen, aber die Angst beflügelte ihre Schritte. Sie lief und lief, bis sie völlig außer Atem war und einfach nicht mehr weiterkonnte. Da sah sie einige Schritte vor sich ein besonders dichtes Gestrüpp am Fuß einer hohen Felswand. Ein besseres Versteck würde sie nicht finden! Tami achtete sorgsam darauf, keine Spuren zu hinterlassen und kroch tief in das Dickicht hinein. Als sie wieder etwas bei Atem war, horchte sie sorgfältig, ob von den Soldaten noch etwas zu hören war. Gott sei Dank blieb alles ruhig.
Tami blieb noch einige Zeit zitternd in ihrem Versteck sitzen. Ihren Korb hatte sie anscheinend auf ihrer Flucht verloren – Tante Rella würde wütend sein. Und irgendwann musste sie sich auf den Rückweg machen, sie würde ohnehin schon Schwierigkeiten mit ihrer Tante bekommen, weil sie zu spät und ohne Pilze zurückkommen würde. Tami schickte sich an, aus dem Dickicht herauszukriechen, als sie weiter hinten im Gestrüpp etwas leuchten sah: einen hellen Lichtschein, golden und weiß. Was war das? Sie blinzelte und das Leuchten verschwand, nur um kurz darauf wieder aufzutauchen. Entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, folgte Tami dem Schein, der sie tiefer ins Dickicht führte. Jedes Mal, wenn das Licht zu erlöschen schien, flackerte es erneut auf, wie ein verlockendes Versprechen.
Tami zwängte sich weiter tiefer in das Gestrüpp hinein und stieß auf Anzeichen, dass hier jemand oder etwas entlanggegangen oder gekrochen war: abgebrochene Äste und Blätter. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, aber irgendetwas in ihr zwang sie, weiter vorwärtszugehen, in Richtung des Leuchtens. Noch ein paar Mal erlosch das Leuchten und erschien wieder. Immer weiter drang Tami durch das Dickicht, bis sie schließlich auf eine Lichtung stieß, nahe an einem imposanten Felsen. Dort, zwischen den Bäumen, durch die Blätter hindurch, erblickte sie das Unerwartete – ein Pferd? Doch dieses Pferd war anders als alles, was sie je gesehen hatte. Sein Fell schimmerte in strahlendem Weiß, die Mähne wie silbernes Gewebe. Und auf seinem Kopf... ein Horn, glänzend und majestätisch. Ein Einhorn – ein Wesen aus Legenden und Märchen! Aber das war unmöglich... Einhörner gab es gar nicht, die kamen nur in Geschichten ihres Vaters oder der alten Morah, der Geschichtenerzählerin des Dorfes, vor. Doch nicht in der Wirklichkeit!
Aber es bestand kein Zweifel, das leuchtende Wesen auf der Lichtung war ein Einhorn. Es lag auf dem Boden und hatte weißes, leuchtendes Fell, eine silberne Mähne und ein schimmerndes silbernes Horn auf seinem Kopf. Und es war das Schönste, was Tami jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Tamis Herz schlug wild, als sie das wundersame Geschöpf betrachtete. Doch ihre Bewunderung verwandelte sich rasch in Besorgnis, als sie sah, dass das Einhorn verletzt war. Es lag auf dem Boden, blutend und schwer atmend. Tami fühlte den unwiderstehlichen Drang, ihm zu helfen.
Gerade als sie überlegte, was sie tun sollte, und sich einen Schritt in Richtung der Lichtung bewegte, knackste wieder ein Zweig unter ihren Füßen. Das Einhorn sah in ihre Richtung, schlug aufgeregt mit dem Kopf um sich und versuchte aufzustehen, was ihm aber nicht gelang. Vorsichtig und langsam bewegte sich Tami auf das Einhorn zu und sprach ganz ruhig zu ihm: „Ich tue dir nichts, ich bin ein Freund! Ich will dir helfen! Bleib ganz ruhig.“ Das zauberhafte Wesen schien sich tatsächlich zu beruhigen, als hätte es die Worte verstanden, und sah Tami aus großen schwarz–goldenen Augen aufmerksam an. Es schien starke Schmerzen zu haben. Tami ging langsam und ruhig weiter auf das Einhorn zu, bis sie vor ihm ankam und sich auf den Boden kniete. Sie begann, es sanft zu streicheln, während sie weiter ruhig mit ihm sprach. Nach und nach begann das Tier Vertrauen zu schöpfen und entspannte sich ein wenig. Jetzt konnte Tami seine Wunden näher in Augenschein nehmen. Das Fell war schmutzig, an einigen Stellen war es aufgerissen und blutete, und das Tier schien sehr schwach zu sein. Es konnte wohl auch nicht aufstehen – Tami hoffte, dass nichts gebrochen war. Sie wusste, dass das zumindest bei Pferden oft einem Todesurteil gleichkam.
Wasser! Natürlich, das Einhorn brauchte bestimmt Wasser und Nahrung – wer weiß, wie lange es hier schon lag. „Bleib ruhig, meine Schöne. Ich hole dir etwas zu trinken und zu essen, ich bin gleich wieder da!“, sagte sie liebevoll, und ging los. An einem Bach in der Nähe füllte sie den Trinkschlauch, den sie immer bei sich trug mit Wasser, riss etwas Gras aus und machte sich auf den Weg zurück zur Felswand. Es war nicht einfach, das Gestrüpp wiederzufinden, und Tami brauchte einige Anläufe, das Einhorn ausfindig zu machen. Schließlich gelang es ihr. Sie goss etwas Wasser in ihre beiden Handflächen und hielt sie dem Einhorn hin. Es begann gierig zu trinken. Bald war der Schlauch leer, und Tami gab ihm das mitgebrachte Gras – auch dieses verschlang das Tier hungrig.
In der Ferne hörte Tami die Kirchenglocken läuten. Oh weh, so spät war es schon? Sie würde gehörig Ärger mit Tante Rella bekommen, wenn sie ohne Korb, ohne Pilze und viel zu spät nach Hause kam. „Ich verspreche dir, ich komme wieder, sobald ich kann, und dann bringe ich dir noch mehr Wasser und Futter mit!“, sagte Tami zum Einhorn, das sie aus wachen Augen aufmerksam anblickte. Sie streichelte es nochmal kurz, stand auf, kletterte durch das Dickicht und begann dann zu laufen, bis sie außer Atem an Tante Rellas Haus ankam.
Wie erwartet gab es gehörig Ärger mit Tante Rella, und sie brummte Tami so viele Extra–Arbeiten am Hof auf, dass es ihr unmöglich war, an diesem Nachmittag noch einmal in den Wald zu gehen. Sie wagte es nicht, Tante Rella von ihrem Zusammentreffen mit dem Fabeltier zu erzählen – ihre Tante war eine sehr praktisch veranlagte Frau, die nichts von Phantastereien oder generell allen Dingen hielt, die nicht zu ihrer kleinen Welt hier im Dorf gehörten. Sie hätte Tami sicher als Spinnerin geschimpft. Und selbst wenn Tami sie überzeugen könnte, mit ihr in den Wald zu gehen und das Einhorn mit eigenen Augen zu sehen… nein, irgendetwas hielt Tami davon ab.
Am nächsten Morgen lief Tami schon bei den ersten Anzeichen der Dämmerung in den Wald, noch bevor Tante Rella aufwachte. Sie nahm neben ihrem Wasserschlauch noch eine Schüssel mit, und so viel Gras wie sie tragen konnte, außerdem etwas Heilsalbe aus dem Vorrat ihrer Tante und ein Tuch zum Waschen der Wunden. Sie hoffte so sehr, dass das Einhorn noch da war, und ihm nichts passiert war – es gab zwar nicht viele große Raubtiere in diesem Teil des Waldes, aber hin und wieder erzählte man schon Geschichten von Angriffen durch Wölfe oder Bären. Das Einhorn wäre so einem Angriff in seinem Zustand schutzlos ausgeliefert.
Aber Tamis Ängste waren grundlos. Als sie sich dem Dickicht näherte, sah sie das weiße Fell durch die Blätter blitzen. Das Einhorn schnaubte zuerst aufgeregt, aber es schien Tami wiederzuerkennen, denn es beruhigte sich fast augenblicklich, und begann gierig aus der Wasserschale zu trinken, die Tami ihr hinstellte und die sie zuvor aus ihrem Wasserschlauch gefüllt hatte. Während das Einhorn fraß, kümmerte sich Tami um die Wunden, reinigte sie mit dem weichen Tuch, das sie mitgebracht hatte, und verteilte etwas Salbe auf jene, die besonders schlimm aussahen. Sie musste sparsam mit der Salbe umgehen, damit ihre Tante nicht merkte, dass in der kleinen Hausapotheke etwas fehlte – Arzneimittel wie diese waren kostbar. Tami war immer noch ganz durcheinander von ihrer Entdeckung und den Ereignissen des letzten Tages. Gleichzeitig war sie erleichtert, dass das Einhorn immer noch da war – sie hatte beim Aufwachen am Morgen kurz Angst gehabt, dass das Erlebte nur ein Traum war. Denn so fühlte es sich ein wenig an – wie ein aufregender und spannender Traum, ein Wirklichkeit gewordenes Märchen.
In den nächsten Tagen verbrachte Tami jede freie Minute bei dem Einhorn, und sie merkte, wie die Kräfte des Tiers nach und nach zurückkamen. Es war so wundervoll, einfach neben dem Einhorn zu sitzen, es zu streicheln oder in seine sanften Augen zu blicken. Irgendwie fühlte sich Tami immer unglaublich glücklich und friedlich, wenn sie bei ihm war. Und sie konnte immer noch nicht glauben, dass dieses wunderbare Fabelwesen tatsächlich existierte und sie das Glück gehabt hatte, es zu finden. Es war ihr wundervolles, ganz eigenes Geheimnis.
Eines Nachmittags, als Tami wieder Wasser und Essen in den Wald gebracht hatte, lehnte sie sich seufzend gegen das Einhorn. „Ich wünschte, es könnte immer so schön sein, wie wenn ich bei dir bin! Aber bald wirst du gesund sein, und dann musst du wieder zu deiner Familie zurück – wo auch immer sie ist. Wo du wohl herkommst? Jedenfalls brauchst du einen Namen, damit ich dich nicht immer ‚Einhorn‘ nennen muss. Hmmm... was würde zu dir passen?“ Tami kuschelte ihre Wange gegen den Hals des Tieres und schloss die Augen, während sie nachdachte. Mit einem Mal klang ein Name in ihrem Kopf, ein wunderschöner Name! Sie hörte es mit völliger Klarheit: „Salana!“ Tami lauschte dem Klang in ihrem Kopf und wusste einfach, in ihrem Herzen, dass dies der richtige Name war. „Salana! Wie wunderbar. Das passt zu dir!“
Gedankenverloren legte sie die Stirn an den Hals des Tieres und schloss die Augen. Sie musste dabei wohl eingedöst sein, denn plötzlich entstanden vor ihren Augen Bilder. Sie sah ein grünes Land mit sanft gewellten Hügeln, Blumen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, und mehrere Einhörner, die auf einer Wiese grasten… Tami schrak hoch. Ein seltsamer Traum! Durch ihr Hochschrecken hatte sich auch Salana unruhig bewegt, und Tami legte beruhigend wieder ihre Hand und Stirn auf den Hals des Pferdes. In diesem Moment stiegen wieder Bilder vor ihrem inneren Auge auf… ein wunderschönes Schloss… wieder die Einhörner… Tami zog erschrocken ihre Hand zurück und hob den Kopf. War das gar kein Traum gewesen? Konnten diese Bilder irgendwie… von Salana kommen? Salana sah Tami aus ihren klugen Augen an und wieherte leise.
Auf dem Weg nach Hause war Tami vollkommen durcheinander. Das gab es doch alles gar nicht! Einhörner, Bilder, die man im Kopf sah, von fremden Ländern, oder was auch immer das gewesen war…
Am Hof erwartete Tante Rella Tami schon ungeduldig. „Tami, du musst ins Dorf gehen, wir brauchen Mehl und Käse, und ich kann hier nicht weg, die Kuh wird vielleicht bald kalben. Hier hast du etwas Geld, aber bitte kauf nichts, außer dem, was ich dir aufgetragen habe!“ Tami wusste, das Geld war sehr knapp bei ihnen, darum nahm sie die Münzen vorsichtig in die Hand, verbarg sie sorgfältig in ihrer Rocktasche und machte sich auf den Weg ins Dorf.
Naraan war ein ziemlich kleines Dorf, etwa dreißig Häuser und kleine Höfe gruppierten sich um den Dorfplatz, in dessen Mitte der Dorfbrunnen stand. Umgeben war das Dorf von Hügeln, im Norden begann der dichte Wald, im Süden befanden sich die Felder, die die meisten Dorfbewohner ernährten. Es gab einen Bäcker, einen Schmied und freitags einen kleinen Markt, an dem man das Nötige für den täglichen Bedarf kaufen konnte. Ablenkung vom arbeitsreichen Alltag der Menschen gab es nicht viele, aber die Gemeinschaft hielt meistens zusammen, und Tami war dankbar dafür, an so einem Ort leben zu dürfen. Dennoch hatte sie häufig das Gefühl, dass es noch mehr im Leben geben musste oder sollte, dass irgendetwas fehlte – eine Art Sehnsucht, die sie immer wieder befiel.
Die Einkäufe waren schnell erledigt, und als Tami sich auf den Rückweg machen wollte, sah sie, dass sich einige Leute, darunter auch viele Kinder, am Dorfplatz um das Feuer versammelt hatten. In der Mitte, auf einem Schemel, saß die alte Morah – die Heilerin des Dorfes. Morah war nicht nur eine gute Heilerin, sondern auch eine begnadete Geschichtenerzählerin. Sie kam nicht oft auf den Dorfplatz, lieber war sie allein in ihrer Hütte am Rand des Dorfs, umgeben von ihren Kräutern und Tinkturen. Aber wenn sie es tat, ließ sie sich manchmal von den Kindern überreden, eine ihrer berühmten Geschichten zu erzählen. Dann saßen viele ums Feuer und lauschten den Erzählungen von anderen Zeiten, Ländern oder sogar Welten, mit Freude und Spannung.
Dem konnte Tami auf keinen Fall widerstehen. Sie liebte Geschichten über alles – fast noch mehr, als sie den Wald liebte, der ihr zur zweiten Heimat geworden war. Als er noch lebte, hatte ihr Vater von seinen Reisen immer viele Geschichten zu erzählen gehabt, und Tami hing jedes Mal gespannt an seinen Lippen, schon von ganz klein auf. Manchmal brachte er ihr sogar ein Buch mit, ein ungemein kostbarer Schatz. Er las ihr daraus vor, und Tami lernte rasch selbst zu lesen, damit sie die Geschichten immer und immer wieder erleben konnte. Sie setzte sich also zu den anderen und begann Morahs Worten zu lauschen.
„In einer Welt, nahe an der unseren, und doch ganz, ganz anders, lebten die Menschen seit Menschengedenken glücklich, friedlich und zufrieden. Ach, ihr solltet diese Welt sehen – grüne Wiesen, sanft gewellte Hügel, wunderschöne Wälder und Seen, Blumen, deren Farbpracht und Vielfalt ihr euch gar nicht vorstellen könnt, süße Früchte in Hülle und Fülle. Die Wälder waren voll besonderer Tiere – manche sind hier gar nicht bekannt, von manchen, wie den Einhörnern, habt ihr wahrscheinlich schon mal gehört.“
Tami traute ihren Ohren nicht. Das klang… das klang ja genauso wie in den Bildern, die sie im Wald bei Salana gesehen hatte! Und es gab dort Einhörner! Das konnte doch gar nicht sein…
„Die Einhörner hatten eine ganz besondere Rolle in dieser Welt – sie heißt übrigens Abaloria. Sie waren Wesen reinen Lichts, die überall, wo sie hinkamen, Friede, Freude und Glück verströmten. Und alle 100 Jahre wurde ein ganz besonderes Einhorn geboren, dass sich durch seine Magie mit dem König von Abaloria verband, so dass er durch diese Magie im ganzen Land gerecht, friedlich und voller Liebe regieren konnte.“
Tami war sich jetzt sicher, dass das kein Zufall war. Genau diese Gefühle hatten sie immer durchströmt, wenn sie neben Salana gesessen hatte! Konnte die Geschichte wahr sein, konnte Salana aus dieser anderen Welt kommen?
„Doch eines Tages erhob sich eine neue Macht in Abaloria. In einer verlassenen, halb verfallenen Burg am Rand des Meeres, richtete ein düsterer Mann sich ein. Man munkelte, er wäre ein Magier der dunklen Künste, und die Menschen hatten Angst vor ihm. Sein Name war Tiranos. Er baute die Burg mit Hilfe seiner Männer wieder auf und sie begannen, die umliegenden Dörfer zu unterjochen. Seine Reiter, die meist dunkel gekleidet und auf dunklen Pferden unterwegs waren, wurden „graue Reiter“ genannt. Und jeder, der sie sah oder hörte, dass sie in der Nähe waren, flüchtete, wenn er konnte.
Als der König erfuhr, was Tiranos seinem Volk antat, reiste er sofort zur Burg, um den Magier zur Rede zu stellen. Doch anstatt auf den König zu hören, griff Tiranos ihn und seine Wachen mit seinen grauen Reitern an. Er tötete und verletzte viele. Der König konnte mit seiner Leibgarde entkommen und musste sich auf sein Schloss zurückziehen.
Der König bereitete sich vor, mit der Magie der Einhörner den Bösewicht zu bezwingen. Doch bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, griff Tiranos die Ebene der Einhörner an, tötete viele und nahm noch mehr gefangen – auch das magische Einhorn, das die Quelle der Macht des Königs war, wurde dabei schwer verwundet und konnte seine Magie nicht mehr wirken. Seit dieser Zeit herrscht Krieg im Lande Abaloria, und die Menschen leiden. Noch ist es niemandem gelungen, Tiranos zu besiegen. Aber die Menschen kämpfen weiter und hoffen, dass eines Tages die Magie zurückkehrt und sie alle rettet.“
Tami war nicht aufgefallen, dass sie bei diesen letzten Worten vor lauter Aufregung aufgestanden war. Nun sah Morah sie direkt an – und bemerkte, wie aufgewühlt Tami war. Kurz schauten sich die beiden intensiv in die Augen. „Natürlich ist das – wie immer, ihr Lieben – nur eine Geschichte. Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Gute Nacht!“ Mit diesen Worten stand sie auf und wandte sich zum Gehen.
Tami ging mit raschen Schritten Morah nach. „Morah, bitte warte!“
Morah wandte sich zu ihr um. „Was ist denn, mein Kind?“
„Ähm...“ Tami wusste nicht so recht, was sie sagen sollte – sie hatte so viele Fragen! „Ich möchte gerne noch mehr über Abaloria wissen. Kannst du mir noch mehr erzählen?“
Morah sah sie aufmerksam an. „Heute Abend ist es schon zu spät, meine Liebe, und auch ist es besser, in Ruhe zu sprechen. Komm morgen Abend zu mir in mein Haus, und ich werde dir deine Fragen beantworten.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging in Richtung ihrer Hütte davon.
Morgen Abend also… Tami konnte es nicht erwarten – und in dieser Nacht träumte sie einen wirren Traum nach dem anderen, von fremden Ländern, Soldaten, und einem leuchtend weißen Einhorn auf der Spitze eines Hügels, das zu ihr herabsah.
Es bedurfte einiger Überredungskunst, Tante Rella am nächsten Tag davon zu überzeugen, Tami nach dem Abendessen nochmal ins Dorf zu lassen. Seitdem Tante Rellas Schwester – Tamis Mutter – und ihr Mann damals aus heiterem Himmel in ihrem Haus von fremden Reitern überfallen und getötet worden war, lebte sie zurückgezogen und war, besonders was Tami betraf, sehr vorsichtig und ängstlich. Tami hatte das Unglück damals nur überlebt, weil sie grade zum Beeren sammeln im Wald war. Sie, Rella, hatte Tami bei sich aufgenommen, und beide hatten die Tragödie nie wirklich überwunden. Bis zum heutigen Tag wusste man nicht, was die Krieger gewollt hatten und warum sie zu Tamis Haus gekommen waren. Sie hatten ein paar Dinge mitgenommen, bevor sie das Haus in Brand gesteckt hatten. Unter anderem ein paar von Tamis geliebten Büchern, aber dennoch wusste niemand genau, was die Gründe für diese schreckliche Tat gewesen waren. Vielleicht waren sie einfach von Grund auf böse und hatten Freude daran gehabt, den Hof anzuzünden. Es gab ja so viel Böses in manchen Menschen… Erst als Tami das gefühlt zehnte Mal versprochen hatte, vor der Dämmerung zu Hause zu sein und ihr einen Bund Kamille von Morah mitzubringen, ließ Tante Rella sie gehen.
Tami lief zu Morah so schnell sie konnte, um keine Zeit zu verlieren. Morah hatte sie dennoch schon erwartet. „Möchtest du eine Tasse Tee, Tami?“, fragte sie.
„Ja gerne, Morah. Das wäre großartig“, antwortete Tami und sah sich in der Hütte um. Es war gemütlich, wenn auch voll – überall hingen Bündel von Kräutern von der Decke und erfüllten die kleine Behausung mit einem intensiven, aber wundervollen Duft.
Morah zeigte auf einen der zwei Schemel am grob gezimmerten Holztisch. „Setz dich doch.“
Tami nahm Platz, und bevor Morah noch ein weiteres Wort sagen konnte, platzte sie heraus: „Stimmt es? Gibt es Abaloria und die Einhörner wirklich?“
Morah sah sie aufmerksam an und lächelte sanft. „Was ist schon wirklich, mein Kind… es ist doch eigentlich immer die Frage, wie man die Wirklichkeit betrachtet…“
„Also ich glaube es, ich glaube, dass es sie gibt!“, sagte Tami vehement. „Bitte erzähl mir, was du weißt!“
Morah’s Blick war eindringlich. „Tami, es ist wichtig, dass du verstehst, dass viele Menschen hier nicht gerne über Dinge sprechen, die sie nicht sehen und verstehen können. Du solltest vorsichtig sein mit dem, was du sagst – und nicht über alles reden, was du glaubst. Wenn du mir das versprechen kannst, will ich dir gerne erzählen, was ich über diese Geschichte gehört habe – was nicht unbedingt das gleiche ist, wie etwas zu wissen, das ist dir doch sicher klar?“
Tami sah Morah fest in die Augen: „Ja, das verstehe ich, und ich verspreche es dir.“
Morah seufzte. „Na gut. Also… Meine Großmutter hat mir viele Geschichten über das Land Abaloria erzählt, als ich klein war. Ich dachte damals, sie hätte sie erfunden, aber dann habe ich über die Zeit hinweg immer wieder auch andere Menschen von Abaloria und den Einhörnern sprechen gehört… Geschichtenerzähler, reisende Gelehrte… aber wie gesagt, das meiste, das ich gehört habe, habe ich schon in der Geschichte am Marktplatz erzählt. Was möchtest du denn wissen?“
„Alles!“, antwortete Tami. „Wo ist diese Welt, wie ist es dort, woher weiß man davon, und...“
Morah unterbrach sie: „Tami, all das kann ich dir leider nicht beantworten – und wie gesagt, vielleicht ist es auch nur eine Geschichte…“
Tami überlegte. „Wie genau sehen Einhörner aus? Und welche Fähigkeiten haben sie?“
„Der Sage nach sehen sie aus wie wunderschöne weiße Pferde, mit leuchtendem Fell und einem silbernen Horn auf der Stirn. Sie verbreiten Frieden und Glück in den Herzen aller Menschen, die in ihrer Nähe sind“, antwortete Morah.
„Und können sie auch zaubern?“, wollte Tami wissen.
„Ich weiß es nicht, mein Kind. Aber sie sind Wesen des Lichts, es ist natürlich möglich.“
Morah sah, dass Tami sehr aufgewühlt war. „Trink deinen Tee aus, meine Liebe. Du musst dich langsam auf den Weg machen, es wird bald dunkel. Und denk nicht zu viel über alte Geschichten nach – es ist besser, im Jetzt zu leben als in einer Phantasiewelt. Wie alt bist du eigentlich jetzt?“
„Dreizehn“, antwortete Tami.
„Du bist noch so jung, aber bald wirst du erwachsen werden. Dann wird das echte Leben mehr Raum in deinen Geschichten bekommen, du wirst sehen“, sagte Morah. Tami war nicht sicher, was sie davon halten sollte. Besonders verlockend kam ihr das nicht vor – eine Welt ohne Geschichten, nur mit dem langweiligen und harten täglichen Leben. Nachdem Morah ihr noch die von Tante Rella gewünschte Kamille mitgegeben hatte, machte Tami sich auf den Rückweg. Wieder fand sie nicht viel Schlaf in dieser Nacht.
Als sie Salana am nächsten Tag besuchte, empfing das Einhorn sie freudig wiehernd. Seine Kräfte kehrten offensichtlich langsam, aber stetig zurück. „Ach, Salana, wie soll ich nur herausfinden, wie ich dir helfen kann! Du kannst ja nicht für immer hierbleiben. Und wenn ich dich mitnehme, wirst du entdeckt – ich will mir gar nicht vorstellen, was dann passieren würde. Alle würden dich besitzen wollen, verkaufen, zur Schau stellen… du wärst nie wieder frei und könntest nicht nach Hause!“ Eine Träne des Mitgefühls lief Tami über die Wange. „Was soll ich bloß tun!“
Salana sah sie aus ihren dunklen Augen an und stupste sie mit der Nase. Tami legte ihre Stirn wieder auf den Hals des Tiers – und wie schon zuvor, stiegen Bilder vor ihren Augen auf. Diesmal sah sie wieder die wunderschöne Wiese mit den Einhörnern, aber das Bild blieb nicht so friedlich wie beim letzten Mal. Plötzlich erschien eine ganze Horde dunkler Reiter auf einer Hügelkuppe. Die Einhörner bemerkten sie zuerst nicht. Ein besonders groß gewachsener Reiter mit einem langen Umhang hob die Hand und schrie etwas, daraufhin preschten die Reiter den Hügel hinab, direkt auf die Einhörner zu. Die Einhörner gerieten in Panik und versuchten zu fliehen, und einigen gelang das auch, andere aber hatten nicht schnell genug reagiert. Die Reiter verfolgten sie – und feuerten Speere und Pfeile auf sie ab! Was dann folgte, war so entsetzlich, dass Tami all ihre Willenskraft aufbieten musste, um die Verbindung zu Salana nicht zu lösen – aber sie musste es wissen, musste wissen, was passiert war! Die Krieger zeigten keine Gnade und wüteten unter den verbliebenen Einhörnern, sie töteten und verletzten so viele von ihnen. Einige Männer, sie sahen aus wie Wachen, kamen den Einhörnern zu Hilfe, aber es waren viel zu wenige, auch sie wurden von den Kriegern erbarmungslos niedergemacht. Tami konnte nichts hören, die Bilder nur sehen, aber in ihrem Inneren ahnte sie die schrecklichen Geräusche, hörte das verzweifelte Wiehern und die Schreie…
Dann änderte sich das Bild. Sie sah Wiesen und Hügel in rasendem Tempo an sich vorbeiziehen, nach einer Weile einen Wald, durch den sich die Bilder unglaublich schnell bewegten. Der Wald wurde immer dichter, dann öffnete sich eine enge Schlucht, durch die es weiterging – und plötzlich sah sie vor sich einen Abgrund… dann nichts mehr. Stille und Schwärze. Die Bilder hatten aufgehört.
Schwer atmend lehnte Tami sich zurück. Hatte ihr Salana gerade gezeigt, was passiert war? Das musste bedeuten, dass sie irgendwie von Abaloria hier in den Wald bei Tamis Dorf gekommen war! Aber wie? Tamis Gedanken überschlugen sich. Sie streichelte Salanas Hals und versuchte, mit den Gefühlen, die die Bilder in ihr ausgelöst hatten, fertig zu werden. „Ach, Salana, es tut mir so leid! Du hast so viel Schlimmes erlebt… wie kann ich dir nur helfen?“ Tränen flossen ihr über die Wangen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit spürte Tami, wie sich etwas in ihr regte. Ja, sie musste Salana helfen! Aber wie? Plötzlich, von Tatendrang erfüllt, sprang sie auf. Sie brauchte unbedingt Antworten, mehr Informationen. „Salana, ich bin bald wieder da!“, rief sie und machte sich eilends auf den Weg zu Morahs Haus.
Morah war in ihrem Kräutergarten, als Tami auf sie zugelaufen kam. „Tami, was ist denn los, mein Kind? Du bist ja ganz außer Atem!“
„Morah, ich muss unbedingt wissen – gibt es eine Verbindung von Abaloria zu unserer Welt? Ist schon mal jemand dort gewesen?“
Morah sah Tami durchdringend an. „Komm, wir gehen rein. Trink erst mal einen Schluck Wasser, du bist ja ganz erhitzt. Warum ist es denn so wichtig für dich, das zu wissen?“
„Weil… weil… ich kann es dir nicht sagen, du würdest denken ich bin verrückt!“ Tami war verzweifelt.
Morah lächelte und legte ihre Hand auf Tamis. „Die Menschen denken seit langer Zeit, ich sei verrückt, damit kann man ganz gut leben.“ Dann wurde sie wieder ernst und sagte: „Tami, es ist gut, nicht zu vertrauensvoll zu sein und Geheimnisse zu wahren, wenn es Sinn macht. Wenn du aber Hilfe brauchst, ich bin gerne für dich da. Du bist noch so jung und wenn du Probleme hast, solltest du dich jemandem anvertrauen.“ Sie drehte sich um und begann Tami ein Glas Wasser einzugießen.
In Tamis Kopf wirbelte alles durcheinander. Sollte sie, konnte sie Morah ihr Geheimnis anvertrauen? Und andererseits, wenn sie niemandem von Salana erzählte, wie sollte sie an mehr Informationen kommen und wie sollte sie Salana helfen können? Sie fasste einen Entschluss. „Gut, Morah. Ich werde es dir erzählen. Aber kannst du mir schwören, es nicht weiterzuerzählen?“
„Ja, mein Kind, das kann ich. Wenn es dein Geheimnis ist, ist es auch deine Entscheidung, wo und bei wem du es lüftest, nicht meine.“
Tami atmete tief durch, dann erzählte sie Morah alles, was in den letzten Tagen passiert war. Morah hörte ihr aufmerksam zu, und als Tami in ihrem Bericht an die Stelle kam, wo sie von den Bildern erzählte, die sie zuvor bei Salana über den Überfall und die Flucht gesehen hatte, erblasste sie. Als Tami geendet hatte, war Morah eine ganze Weile still. „Dann ist es wahr – die Geschichten sind tatsächlich wahr“, flüsterte sie. Schließlich hob sie ihren Blick, sah Tami fest an und sagte: „Du hast recht. Wir müssen dem Einhorn helfen.“
„Aber wie?“, antwortete Tami. „Wo soll es hin?“
„Es muss wieder nach Hause, nach Abaloria. Wenn die Geschichten wahr sind, ist vielleicht auch die Erzählung der Portale wahr…“
Tami sah sie verwundert an. „Welche Portale?
Morah antwortete: „In den Geschichten war von einigen wenigen Portalen die Rede – Tore, Verbindungen zwischen den Welten, die mit Magie geöffnet werden können. Das Einhorn – wie hast du es genannt, Salana? Salana muss durch eines dieser Tore gekommen sein.“
„Wie finden wir das Tor, und wie bringen wir sie zurück?“, fragte Tami aufgeregt.
„Das kann ich dir leider nicht beantworten. Aber…“, Morah überlegte, „vielleicht weiß ich jemanden, der es kann. Vor vielen Jahren gab es oben in der Burg einen Gelehrten, mit dem ich einige Gespräche über Heilkunst und Kräuter führte. Er war auch einer von jenen, die von der Geschichte um Abaloria gesprochen hatten. Ich weiß, dass er viel Zeit dafür aufgewendet hat, Nachforschungen über Abaloria und die Einhörner anzustellen. Er könnte bestimmt einige Fragen für uns beantworten und uns weiterhelfen.“
„Das ist großartig!“, rief Tami. „Lass uns gleich zu ihm gehen!“
„Leider ist das nicht so einfach, mein Kind, er wohnt schon lange nicht mehr hier. Er ist vor Jahren in den Süden gezogen, nach Admantia.“
„Admantia“, wiederholte Tami bedrückt und nachdenklich. Die Stadt Admantia war viele Meilen von Naraan entfernt, es würde bestimmt viele Tage dauern, dorthin zu kommen.
Mutlos sank Tami auf ihren Schemel zurück. „Das ist so weit... was sollen wir bloß tun?“
„Ich könnte versuchen, ihm eine Nachricht zu schicken, vielleicht kann er herkommen und uns helfen“, schlug Morah vor.
Tami überlegte – das dauerte alles so lange, aber es fiel ihr keine bessere Möglichkeit ein. „Gut, lass sie uns gleich schreiben!“, sagte Tami.
„Es wird gleich dunkel, mein Kind. Du musst nach Hause – komm morgen wieder, ich bereite den Brief inzwischen vor. Und vielleicht darf ich Salana dann auch mal kennenlernen? Würdest du sie mir zeigen?“
Tami stimmte zu, und hoffnungsvoll machte sie sich auf den Weg nach Hause.
An diesem Abend war Tante Rella beim Abendessen besonders schlecht gelaunt. Sie mäkelte an allem an Tami herum und trug ihr alle möglichen Sonderaufgaben auf, die sie noch erledigen musste. Das passierte oft – Tami vermutete, dass ihre Tante mit ihrem Leben häufig nicht zufrieden war und das dann an ihr ausließ. Sie war im Grunde ein guter Mensch und hatte sich immer gut um Tami gekümmert, aber an solchen Tagen fühlte sich Tami so unverstanden und unendlich einsam. Sie war froh, als sie endlich in ihr kleines Schlafzimmer gehen konnte und ihre Gedanken wieder ganz auf Salana und den nächsten Tag richten konnte.
Noch vor der Morgendämmerung stand Tami auf, versorgte die Tiere des Hofs und lief dann los, über die Weide, durch das kurze Waldstück und das Dorf in Richtung von Morahs Haus. Doch als sie im Dorf ankam, war dort helle Panik, Geschrei, Menschen rannten herum und schrien durcheinander, trugen Eimer mit Wasser… „Was ist los?“, fragte Tami einen Mann, der an ihr vorbeirannte.
„Morahs Haus brennt!“, rief der Mann und eilte weiter. Tami erschrak bis ins Mark. Nein! Das konnte nicht sein! So schnell sie konnte, rannte sie weiter und als sie Morahs Haus sehen konnte, erblickte sie die schwarze Rauchsäule, die vom Haus aufstieg. „Nein, bitte nicht!“, sandte Tami ein stummes Gebet in den Himmel und beschleunigte ihre Schritte nochmals.
Beim Haus angekommen, sah sie ein Bild der Verwüstung. Der Brand war scheinbar gelöscht, doch ein Teil des Hauses war abgebrannt. Der Kräutergarten war zertrampelt und zerstört, sie sah Hufabdrücke im Boden. Die Dorfbewohner, die den Brand gelöscht hatten, standen erschöpft da und blickten ebenso entsetzt drein wie Tami. „Wo ist Morah?“ Tami wandte sich verzweifelt an eine Frau, die neben ihr stand.
Mit Tränen in den Augen antwortete die Frau: „Sie ist weg, Tami! Es waren fremde Männer mit Rüstungen und Pferden, sie haben sie wohl mitgenommen – mein Sohn hat sie wegreiten sehen.“ Tamis Knie gaben unter ihr nach, und sie wankte. „Geht es dir gut, mein Kind?“, fragte die Frau.
Tami sah sie wie durch einen Schleier an, stammelte ein „Ja“ und ging ein paar Schritte von den Dorfbewohnern weg. Sie sank zu Boden. Morah verschleppt… das Haus zerstört… durch Reiter! Wie entsetzlich… was sollte sie nur tun?
Tami blieb eine ganze Weile im noch morgendlich feuchten Gras sitzen, unfähig sich zu bewegen. Nach einer Weile gingen die Dorfbewohner nach und nach zurück, und Tami blieb alleine beim Haus. Zögernd ging sie ein paar Schritte auf das Haus zu und trat in den unverbrannten Teil ein. Auch hier war alles durcheinander – Tisch und Schemel umgestürzt, Teller zerbrochen am Boden. Tami stiegen die Tränen in die Augen. Sie drehte sich um und wollte hinausgehen, als sie aus den Augenwinkeln etwas am Boden unter dem Bett liegen sah. Sie schaute genauer hin – es war ein Stück Pergament. Sie lief hin, und tatsächlich – es war der Brief, den Morah an den Gelehrten verfasst hatte, und der heute an den Boten übergeben werden sollte. Leider war er wohl noch nicht fertig, aber die ersten Zeilen waren zu erkennen. „Lieber Ranur“, stand darin, „es ist viele Jahre her, dass wir uns in Naraan gesehen haben. Ich denke oft an dich. Erinnerst du dich noch an unsere vielen Gespräche? Du hast mir so viele Geschichten von Abaloria erzählt und ich habe gehört, du hast dein Leben der Erforschung dieses Mythos gewidmet. Ranur, ich brauche deine Hilfe – nur du kannst das Rätsel lösen. Bitte…“ Und hier hörte der Brief auf, und war nicht mehr zu Ende geschrieben worden. Es gab auch keine Adresse oder Umschlag. Tami steckte den Brief ein und verließ das zerstörte Haus.
Am Dorfplatz standen die Bewohner in Gruppen zusammen und sprachen über den Vorfall. Tami konnte mithören, dass die Reiter in Richtung Süden geritten waren. Als sie das Dorf durchquerte, kam ihr ihre Tante entgegen. Sie hatte von dem Feuer gehört und eilte wie viele andere auf den Dorfplatz, um zu hören, was passiert war und ob noch Gefahr herrschte. Tante Rella war außer sich, dass Tami sich in der Früh davongeschlichen hatte. „Tami, ich hab mir solche Sorgen gemacht! Stell dir vor, du wärst dort gewesen… geh jetzt gefälligst nach Hause und bleib dort! Es ist zu gefährlich!“
„Aber Tante Rella, ich…“, stammelte Tami.
„Mach was ich dir sage!“, schimpfte Tante Rella. Etwas freundlicher fügte sie hinzu: „Ich erzähle dir später, was es zu berichten gibt.“
Tami ging nicht nach Hause, sondern lief in den Wald, zu Salana. Schluchzend fiel sie dem Einhorn um den Hals und erzählte, was passiert war. „Oh, Salana, es ist so schrecklich! Wenn sie Morah etwas antun… sie ist doch nur eine Heilerin, was können sie von ihr wollen? Und was machen wir mit dir? Der Brief ist nicht fertig, wir wissen nicht, wo Ranur in Admantia wohnt – kein Bote wird das übernehmen! Und dann kommst du nicht mehr nach Hause!“ Tami war verzweifelt.
