2,99 €
Musik und Lebensgefühl mit Worten zu beschreiben ist schwer. Vielleicht ist dies der Grund, dass nichts über das Salsatanzen existiert, - abgesehen von Tanzanleitungen. Letizia Mar nähert sich in ihrem Debütroman dem Salsa als junge Frau, welche diesen Tanz und das damit verbundene Lebensgefühl für sich entdeckt. Sie nimmt die Leserschaft mit auf eine Reise, die zum einen nach Lateinamerika führt. Doch auch in ihrem Inneren öffnet der Salsa Türen. Passend zur jeweiligen Situation flicht Mar Musikstücke in die Erzählung ein. Diese helfen beim Eintauchen in die Atmosphäre der Salsawelt und beflügeln die Fantasie. Auf diese Weise wird der Roman zu einem Genuss nicht nur für Salsaliebende und Urlaubträumende und jene, die es werden wollen. Aber Vorsicht: Wie alles, was süchtig macht, nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 494
Veröffentlichungsjahr: 2021
Letizia Mar
Salsa picante
Roman
© 2021 Letizia Mar
Coverbild: Anna Laifalight
Druck und Distribution im Auftrag von Letizia Mar:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Paperback
978-3-347-32729-0
Hardcover
978-3-347-32730-6
e-Book
978-3-347-32721-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheber- rechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zu- stimmung unzulässig. Die Publikation und Verbrei- tung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
¡La vida es un carnaval!
Celia Cruz
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Mittendrin
Juan
Neue Stadt, neues Glück?
Colombia, que linda y buena
Honeymoon
Geheimnisvolle Linien
Krasse Kontraste
Was bleibt
Die heiligen Gesetze
Frischfleisch
Latin Lover
Wie fängt man einen Macho?
Der ideale Mann
Dons Kapitel
2nd chance
¡Viva la Cuba!
Pst!
La Casa de la Música
Parallelwelten
Auf nach Santiago!
Das Schreien der Schweine
Trinidad
Vamos a la playa
Allein zu Haus
Neue Seiten
Bilder im Kopf
The same procedure
Epilog
Danke
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Mittendrin
Danke
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
338
Mittendrin
Sie stand vor dem ›Loch‹. Wer es kennt, wird wissend lächeln. Dieser Ort zog sie an. Seine Magie saugte sie ein. Und so ging es nicht nur ihr. Die Szene war überschaubar, aber nicht eben klein. Und für alle Salsasüchtigen galt: Ein Wochenende ohne das ›Fuego‹, wie es sich offiziell nannte? Nur unter Schmerzen! Wer am Freitag nicht da sein konnte, würde es Samstag sein.
Manche Gestalten waren Inventar, ihr Fehlen befremdend in der trauten Umgebung. Suchend sahen sie sich um: »Wo waren sie? Gab es eine bessere Party in dieser Nacht?« Denn ja, das ›Loch‹ hatte Konkurrenz bekommen. Und sie wurde besser, rüstete auf, umzingelte es. Doch halsstarrig verwies diese Greisin unter den Lokalitäten die neuen auf ihre Plätze. Noch hatte ihr keine den Rang abgelaufen. Die alte Dame wusste: Sie alle würden rückfällig werden, wieder zu ihr kommen, die eine früher, der andere später. Die Hörigen, die der Wirt ›Gäste‹ nannte, kehrten zurück mit nagendem Schuldgefühl, als ob sie die alte Greisin hintergangen, fremdgegangen, sie betrogen hätten. Sie versuchten, von ihr loszukommen. Doch woanders fanden sie nicht das, was das ›Fuego‹ ihnen gab. Diese Stimmung, diese Atmosphäre, dieses Gefühl: Mit Worten nicht zu fassen. Deshalb krochen sie wieder ins ›Loch‹. Alle! Taten nett mit dem Besitzer, scherzten, klopften ihm auf die Schulter, machten seiner Frau Komplimente, kurz: Wollten ihren Fehltritt vergessen machen. Denn er wusste, wo sie gewesen waren, und sie wusste, dass sie ohne nicht sein konnten und es dennoch woanders versucht und doch nicht gefunden hatten.
Ganz versteckt lag das ›Fuego‹ unterirdisch in einer Passage in der Innenstadt. Kein Sonnenstrahl verirrte sich jemals hierher, ganz wie der Eingang zu einem Fuchsbau.
Lea ging durch unheimliche, düstere, miefige Gänge. Pissegeruch hing in der Luft, Neonlicht von der Decke. Doch nie musste sie nach dem Weg fragen. Die Musik leitete sie, zog sie, diktierte schließlich ihren Schritt. Er wurde weicher, schwingender, verfiel dem Salsatakt. Ihre Stöckelschuhe betonten ihren wiegenden Gang. Sexy wogten ihre runden Hüften. Plötzlich zogen sie Blicke auf sich. Waren sie sonst auch so prall und fest? Auf den letzten Metern ließ sie alles hinter sich. Der Alltag, ihr Leben draußen, blieben hinter ihr zurück wie eine ausgediente Schlangenhaut. Genüsslich schlüpfte Lea in ihre Rolle. Immer bewusster schwang sie nun ihren Hintern und genoss das Frausein.
Die Mitglieder der Salsaszene erkannten sich leicht an den Schuhen, der Haltung und Bewegung. Infizierte wurden sehend. Wortlos reihten sie sich ein. Ihre Kleidung? Dem Sommer geweiht. Im Winter verborgen unter dicken Jacken, die beim Betreten des ›Fuegos‹ grell aufrissen, den Blick freigebend auf das Wenige darunter. Hochhackig musste es sein für die Ladys. Coole Männer trugen Turnschuhe, die prompt Probleme mit den Türstehern provozierten. Die Übrigen bevorzugten glatte Sohlen, denn Drehen gab den Kick.
Wie von Fäden gezogen, strömten sie nachts von überall her aus den Gängen. Das ›Fuego‹ hatte ein riesiges Einzugsgebiet. Die Menge staute sich vor dem Eingangs-Öhr. Von außen schoben und drückten sie und wollten hinein. Doch der Türsteher war Gott. Banges Warten vor der nur von außen undurchsichtigen Tür. Da, endlich rollte sie zur Seite.
Lea zahlte und trat ein. Ihr routinierter Blick schweifte lässig über Köpfe und Körper. Hie und da blieb er hängen, an einem Gesicht, einem Outfit. »Ich bin wieder da. Lea, die Wölfin, ist in ihrem Revier. Hier macht mir keiner etwas vor«, sprachen Haltung und Blick. Relaxt und gebräunt und voll der Hitze Spaniens zeigte sie sich stolz, die Haare erblondet von Sonne und Salzwasser. Sie reckte das Kinn, streckte ihren Oberkörper, Brust raus und Schultern gerade. Blicke prickelten auf ihrer bloßen Haut. Die Atmosphäre pustete in ihre Glut. Lea fühlte Wärme in sich auflodern.
Dann war sie nur noch Ohr. Ein herrlicher Salsa floss in voller Lautstärke hinein und erfüllte sie vollends, endlich. Es war ihr Lieblingssänger Jerry Rivera mit ›Que hay de malo‹.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und sie dachte bei sich: »Das Leben kann so herrlich sein und dafür braucht es gar nicht viel. Carpe noctem, Lady. Genieße die Nacht!«
Sie holte Atem und tauchte ein. Drinnen war es dämmrig, Rauch hing von der Decke. Ihr weit schwingendes, kurzes Kleid umgaukelte ihren schlanken Körper. Es war blau mit kleinen, weißen Blumen. Heute wäre es ein Ladenhüter, doch damals in den 1990ern galt es als schick bis gewagt. Lea hatte es in Spanien entdeckt und bereits Probe getragen. Dort hatte sie auch die passenden Schuhe gefunden. Sie waren recht hoch und verliehen ihrem Gang etwas Wiegendes.
Lea hatte beobachtet, dass die Spanierinnen viel ungenierter ihre Auslagen zeigten und sich ein bisschen inspirieren lassen. Stolz hob sie ihren Kopf, straffte die Schultern und zog den Bauch ein. In dieser Nacht hätte sie auch in einem Jutesack eine gute Figur gemacht, denn sie strahlte von innen heraus. So stand sie da als leuchtende Elfe im Blümchenkleid, wollte bewusst etwas verloren wirken allein am Rande der Tanzfläche. Lea schaute auf die im Rhythmus wogende Menge, neugierig, sehnsüchtig. Es war eng, die Masse waberte, Körperteile ragten heraus. Lea sah zwei sich umschlingende Hände, ein rotes Kleid blitzte auf, ein Lachen drehte vorbei.
»Möchtest du tanzen?« Warme, stolze Latinoaugen suchten ihren Blick und hielten ihn fest. Kurz flackerte die Angst vor ihrem »Nein« darin.
Lea nickte nervös lächelnd, fasste gleichzeitig nach der dargebotenen Hand und schon wirbelten sie mittendrin. Ihre letzten Gedanken, bevor sie zu schweben begann: »Es ist so leicht. Wie kann es sein, dass ein Leben komplett seine Richtung wechselt in wenigen Tagen? Oder auch nur in einem einzigen, magischen Augenblick?«
Lea spürte, dass es gut gewesen war, sich Zeit zu lassen. Sie war ruhig, die innere Anspannung gänzlich verschwunden. Sie konnte sich wieder auf andere Menschen einlassen. Kein Aufschrecken und Magenkrampfen mehr bei jedem Mann, der wie ER aussah, oder einem Auto, das SEINS hätte sein können. Und das Tanzen jetzt war das i-Tüpfelchen: Sie ließ los, vergaß alles, solange sie tanzte. Eben noch zu Tode betrübt, zählte jetzt nur der Augenblick. »Das ist Salsa!«, dachte sie glücklich. Sie schwebte und sah sich beim Tanzen zu. Die Musik und das flackernde Licht zeichneten alle Konturen weich. Im Kopf machte es ›Klick‹ und er schaltete ab, endlich.
Leas Traumtänzer hieß Alejandro. Das erfuhr sie, als sie eine Pause machten und die ersten Worte wechselten. Er hatte schulterlange, schwarze Haare und sie waren ungefähr gleich groß. Sie tanzten noch oft an diesem Abend.
»Warum kann sie nicht meine sein?«, dieser plötzlich aufblitzende Wunsch, als er Lea beim Tanzen in den Armen hielt, hatte ihn selbst überrascht, so erzählte Alejandro es Lea später. Denn normalerweise war sein Motto bei Gelegenheiten wie dieser: »Bett oder nicht Bett? Das ist hier die Frage.« Er spürte Leas lebendigen Körper unter seiner linken Hand, die ihre Taille umfasste. »Nicht zu viel und nicht zu wenig, genau nach meinem Geschmack«, lautete sein erstes Urteil. Und die Art, wie sie tanzte, gefiel ihm auch: »Para ser una alemana lo haces bien.« Also: Nicht schlecht für eine Deutsche. Sie bewegten sich gemeinsam in fließender Harmonie direkt unter der Spiegelglitzerdiscokugel. Keine scharfen Stopps, keine ruckartigen Verrenkungen.
»Mit ihm habe ich noch nie getanzt, ob er neu ist in der Stadt?«, überlegte Lea derweil. Dass dies nicht der Grund sein musste, versetzte ihrem Ego einen kleinen, schmerzhaften Stich. Viel wahrscheinlicher war, dass er sie zuvor einfach nicht bemerkt hatte. In dieser Nacht umgab sie ein Strahlen, das sie von der Masse abhob. Dazu der frische Urlaubsteint und natürlich ihr Kleid. Es stand zu befürchten, dass man fast bis zum Bauchnabel hochgucken konnte, wenn sie sich drehte. Was sonst konnte der Grund für das süffisante Grinsen des Typen sein, der da wie festgenagelt auf seinem Stuhl saß, sie von schräg unten fixierte und keine Sekunde aus den Augen ließ? »Der hat sogar das Blinzeln eingestellt!«, dachte Lea irgendwann zwischen den Drehungen.
Alejandro hatte ein schönes Lächeln, eine selbstbewusste, gewinnende Art. Zwischendurch gingen sie vor den Discoeingang Luft schnappen. Drinnen wurde das Sprechen schnell anstrengend. Er erzählte ihr von seinem Land: »Ich komme aus Kolumbien.«
Lea stellte ihn sich sofort als Banditen mit Augenklappe vor: sexy und verwegen. Das nährte ihr Interesse. Sie mimte aber weiter die coole Lady und ließ sich nichts anmerken.
»Schwimmen habe ich in der Karibik gelernt und Surfen im Atlantik«, prahlte er und sie ließ ihre Blicke über seine muskulösen Oberarme wandern. Seine Augen blitzten im gebräunten Gesicht und sie hörte die Sehnsucht zwischen seinen Worten. »Ich möchte es dir gern zeigen«, überrumpelte er Lea.
»Ja, klar, machen wir.« Obwohl sie diese Einladung nicht ernst nahm, hatte die Vorstellung doch etwas Faszinierendes. Sie spürte und genoss die Magie dieser Nacht, in der so vieles möglich schien. Lea betrachtete und beobachtete Alejandro, ihr Blick wanderte von seinem intelligenten und offenen Gesichtsausdruck über seinen Körper. »Eigentlich genau mein Typ«, konstatierte sie insgeheim. Doch sie blieb vorsichtig. Hatte sie doch schon zu viel erlebt, um zu vertrauen.
Der letzte und vielleicht dunkelste Schatten ihrer Vergangenheit war Juan gewesen. Mit ihm hatte sie aber auch ins Licht gefunden – ins Discoflackerlicht und die Welt des Salsa.
Juan
Wie blöd war sie damals gewesen, fast kindlich naiv. Und dabei war Lea schon zwanzig, als sie Juan kennenlernte. Er war der erste Latino, der ihren Weg kreuzte. Sie gab die frischgebackene Studentin voller Tatendrang und Enthusiasmus, er war ihr Mitbewohner in einer bunt zusammengewürfelten Haus-WG. Die Vermieterin hegte die romantische Vorstellung, dass ihr ehemaliges Elternhaus zu einer netten Studentenbude werden könnte, träumte von intellektuellen Diskussionen bei Tee und Räucherstäbchen, sich selbst mittendrin. Sie sah bereits die Zimmer und Tische voller Bücher und Papier, junge Leute mit Brillen und Fahrrädern.
Doch das Haus lag weit entfernt vom Campus, noch dazu an einer mehrspurigen Straße, die das kleine Nest durchschnitt. In Leas Badezimmer hing ein gerahmtes Schwarzweißfoto. Es war eine alte Aufnahme des herrschaftlichen Hauses. Die Straße war noch nicht asphaltiert und ein einsamer Oldtimer parkte direkt vor dem Eingang. Das Foto verbreitete Idylle pur aus einer längst vergangenen Zeit. Alle Zimmer der geräumigen Villa waren zur Straße hin angelegt. Sicher waren die Kinder einstmals zum Fenster gestürmt, wenn das seltene Rattern eines vorbeifahrenden Gefährts dazu verlockte. Heute hatten selbst die doppelt verglasten Scheiben dem Lärm der abbremsenden und wieder beschleunigenden LKWs außer ihrem kläglichen Klirren wenig entgegenzusetzen.
Bei ihrem neuen Mitbewohner Juan hörte Lea zum ersten Mal Salsa. Da wusste sie allerdings noch nicht, dass es Salsa war, was da meist von männlichen Sängern in ungewohnt hoher Tonlage tagtäglich viel zu laut aus seinen Boxen sülzte. Es sägte an ihren Nerven und sie klopfte empört an seine Tür. So konnte sie nicht studieren! Sie fühlte sich zwar als Intellektuelle, hielt sich für weltoffen und hatte bestimmt nichts dagegen, wenn sich jemand seine Heimatmelodien anhörte. Einem dieser Folklorelieder zu lauschen, fand sie ja auch ganz nett, aber nach zweien oder spätestens dreien schloss Lea dann doch genervt geräuschvoll ihre Zimmertür oder trommelte gegen seine.
Der schuldbewusst-verschmitzte Blick, den Juan ihr schenkte, wenn er seine Tür endlich öffnete und sie ihn, plötzlich zaghaft geworden, bat, die Musik leiser zu stellen, war es allemal wert. Sein beschwichtigendes: »Okay, Señorita, alles okay«, verursachte ein warmes Kribbeln in Leas Magengegend. Zu weiterer Konversation reichten seine Deutschkenntnisse leider nicht. Aber wie er sie ansah und dieses ›Señorita‹, hach! In diesen Momenten fühlte sich Lea wie eine feurige Spanierin mit aufbrausendem Temperament, rotem Rock, Rosen auf der Bluse und Kastagnetten an den Händen.
In jener Zeit der frühen 1990er-Jahre hörte Lea ehrliche Musik, viel New Wave. Von der feurigen Spanierin trennten sie Welten. Seit der Pubertät war sie peinlich darauf bedacht, keine durchscheinende Kleidung zu tragen. Der BH durfte auf keinen Fall zu sehen sein, weder am Armausschnitt noch die Träger. Sie wählte Hosen und Oberteile, die ihre Figur verbargen. Nicht, dass sie dick gewesen wäre. Sie fand es einfach ordinär. Über einen längeren Zeitraum bevorzugte sie dunkle Farben. Sie liebte es nicht, aufzufallen und Blicke auf sich zu ziehen. Deshalb war sie selbst in ihrer New Wave-Hochphase gut ohne das obligatorische, nietenbesetze Fledermausoutfit ausgekommen, noch wäre es ihr nicht im Traum eingefallen, ihr Gesicht mittels Schminke in eine weiße Maske mit schwarzen Triefaugen zu verwandeln. Aus dieser Phase auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden war ihr die Musik geblieben. Sie war vielleicht etwas sehr düster, aber ehrlich und wohl der krasseste Gegensatz zu diesem verlogenen Quatsch von Liebe und Romantik, von denen Juans Lieder allesamt zu handeln schienen. Lea verstand zwar kein Spanisch, aber das häufig darin wiederkehrende Wort ›amor‹, verschiedene Frauennamen und allein schon die Art, wie es klang, ließen wohl nur diesen einen Schluss zu. Musik wie Salsa schien ihr in Richtung Opium fürs Volk zu gehen nach dem Motto: »Träumt von der Liebe, den großen Gefühlen, trinkt etwas und gebt euch ansonsten zufrieden mit dem Wenigen, was ihr habt.«
Außer Juan und Lea wohnte noch die Schwedin Maria in der Haus-WG. Etwas später kam ein Amerikaner hinzu. Marc war nett, ein bisschen moppelig und bei allem, was er tat, also hauptsächlich: essen, reden, schlafen, nie leise. Er war lustig, immer gut gelaunt und vertrat eine in beide Richtungen recht großzügige Auslegung der Definition von meins und deins. Wenn Marc zu Hause war, was selten vorkam, fand man ihn meist in der Küche. Dort plünderte er den WG-Kühlschrank und kochte undefinierbare Gerichte auf Basis von Erdnussbutter. Einmal hatte Lea versucht, mit ihm über König Baumwolle und George W. Carver, der die Erdnuss in Amerika salonfähig gemacht hatte, ins Gespräch zu kommen.
»What?«, er hatte seinen Blick gehoben und sie mit vollen Backen fixiert, als zweifele er an ihrem Verstand. Kommentarlos fuhr er dann fort, die Reste aus sämtlichen Töpfen zu mümmeln. Das wiederum war recht praktisch. Seit seinem Einzug verkam in diesem Haushalt nichts mehr.
Lea bemerkte Juans Blicke, wenn sie sich zufällig in der Küche trafen. Sie wärmten ihren Rücken, während sie im Kühlschrank kramte. Sie brannten auf Beinen und Po, wenn sie vor ihm die Treppe hinaufging. Lea spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, und war froh, dass er es nicht sehen konnte. Sie ertappte sich dabei, dass sie ihr Aussehen im Spiegel kontrollierte, bevor sie ihr Zimmer verließ, und kam sich vor wie ein Backfisch. War Juan zu Hause, fühlte sie sich mittlerweile so unruhig, dass Lernen unmöglich wurde. Ständig horchte sie auf seine Stimme beim Telefonieren, seine Musik oder seine Schritte. Immer häufiger traf sie ihn ›zufällig‹ in der Küche.
Maria bekam das natürlich mit. Sie war die WG-Omi, ging auf die dreißig zu und warnte theatralisch mit erhobenem Zeigefinger: »Der ist nichts für dich, siehst du das nicht? Der will nur spielen, schütze dein Herz!«
Solange Maria da war, passierte tatsächlich nichts. Es war wie ein stilles Einvernehmen zwischen Juan und Lea. Geredet hatten sie bisher kaum. Wie denn auch? Er sprach ja nur ein paar Brocken Deutsch und Englisch noch weniger. Vor Maria gab Lea weiterhin die vernünftige, kopfgesteuerte Intellektuelle, die ganz sicher nicht dem Charme dieses großen, gut gebauten Latinos erliegen würde. Doch die Luft zwischen Juan und ihr knisterte jeden Tag ein bisschen mehr. Beide warteten, lagen auf der Lauer, umkreisten einander wie ein Doppelgestirn, unfähig, aus dem Gravitationsfeld des Anderen zu entkommen.
Marias Praktikum in Deutschland ging bald zu Ende, dann würde sie nach Schweden zurückkehren. Mit ihr verlor Leas Kopf die stärkste Fürsprecherin.
Lea musste feststellen, dass die Uni kein großes Einzugsgebiet hatte. Die meisten Studierenden wohnten weiterhin zu Hause und verbrachten ihre Freizeit und Wochenenden mit den alten Freunden. In der Uni gab es von Anfang an fast ausschließlich feste Cliquen. Sie fand keinen Anschluss. Auch die Vorlesungen waren eine Enttäuschung. Wie sehr hatte sie sich darauf gefreut, ihre Lieblingsfächer zu vertiefen. Kein Mathe mehr, keine Physik oder Biologie. Stattdessen: Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte! Ihre Euphorie war allerdings schnell verraucht. So frei war ihre Auswahl dann doch nicht und die staubtrockenen Vorlesungen verursachten ihr Hustenreiz. Abwechslung brachten die Referate. Mit schlechtem Gewissen hatte Lea ihre erste Hausarbeit abgegeben. Im Kopf nur Juan und allergisch auf langweilige Themen hatte sie es zu lange vor sich hergeschoben und kurz vor dem Abgabetermin rasch etwas zusammengestoppelt. Umso mehr überraschte Lea das Lob des Dozenten. Was um Himmels Willen gaben denn die anderen ab? In Summe führte dies dazu, dass Lea nicht mehr Zeit als nötig auf dem Campus verbrachte. War ihr Soll erfüllt, hielt sie dort nichts mehr. Und zu Hause wartete: Juan.
Nachdem Maria abgereist war, stürzten sie sich in eine emotionsgeladene Beziehung. Juan erwies sich als machomäßig eifersüchtig und sehr Besitz ergreifend. Er hatte zusammen mit seinen sieben Geschwistern und einem gewalttätigen Vater nicht viel Liebe abbekommen. Auch seinen Narzissmus erklärte sich Lea damit. Juan liebte nämlich zuerst und vor allem sich selbst. Manchmal blieb er beim Bummeln zurück, um sein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe zu bewundern. Seine Eifersucht hielt Lea für ein Zeichen seiner übergroßen Gefühle zu ihr. Und erzählte nicht jeder Film und bestätigten nicht sämtliche Klischees, dass die Südländer genau so seien: männlich, eitel, eifersüchtig?
Lea akzeptierte sein Verhalten als kulturelle Eigenart. Ihr letzter Freund hatte ihre Liebe nicht erwidert und sie obendrein wegen einer anderen verlassen. Da tat es gut, mit so viel Nach- und Ausdruck geliebt und begehrt zu werden, jeden Tag und mit wachsender Intensität.
Mit dem Wörterbuch in ständiger Griffnähe lernte Juan schnell so viel, dass sie sich verständigen konnten. Leas Studium geriet in Mitleidenschaft. Und das nicht nur, weil sie anderes im Kopf hatte. Sie hörte bei Juan tagtäglich falsche Satzstellungen und Wortendungen. So verlor sie recht bald ihre vertraute Sicherheit in Sachen grammatischer Korrektheit.
Juans Selbstverliebtheit hatte einen ungeahnten Nebeneffekt. Er liebte es zu posieren. Lea aß ihn mit den Augen, aber das reichte ihr bald nicht mehr. Und so entschloss sie sich zu einem drastischen Schritt: Sie verkaufte ihre geliebte Emma, einen zehn Jahre alten, nachtblauen Softchopper mit herrlich rumpelndem Zweitaktmotor. Er hatte zuletzt sowieso nur ungenutzt vor sich hin gerostet. Von dem Geld erstand Lea eine Leica mit verschiedenen Objektiven. Sie hatte von jeher gern fotografiert, nun erhob sie es zum Hobby. Sie experimentierte mit Schwarzweiß-Aufnahmen, Licht und Schatten. Juan mit seinem schwarzen Haar, dem sportlichen Body und fotogenem Schlafzimmerblick wurde ihr nimmermüdes Model. In der sich aufheizenden Atmosphäre entwickelte sich ein interessanter Automatismus: Ihre Fotosessions endeten stets für beide Parteien, Fotografin wie Model, nackt.
»Leg die Hand weiter nach links!«
»¿Asì?«
»Ja, und jetzt den Kopf etwas mehr nach rechts neigen.«
»So, mi amor?«
»Sí, perfecto.«
»Okay, mi amor.«
»Aber was machst du denn?«
»Gefällt dir nicht?«
»Oh, hmm, doch.«
»Und wenn ich so mache …?«
»Ah, si.«
»Soll ich weiter?«
»¡Si, si, si!«
Langsam gewöhnte Lea sich an Juans Musik. Sie entdeckten, dass nahe der Uni einmal im Monat ein Salsa-Abend in einem Freizeitzentrum veranstaltet wurde, und gingen regelmäßig gemeinsam hin. Dort konnte Lea zum ersten Mal beobachten, wie Salsa getanzt wird. Bisher war sie über die Grundschritte, die Juan ihr in seinem Zimmer beigebracht hatte, nicht hinausgekommen. Beim Tanzen vor anderen, was für sie an sich schon Stress bedeutete, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, wie viel länger Salsalieder im Vergleich zu Popmusik sind. »Das ist ja richtig anstrengend!«, kommentierte sie atemlos.
»Du machen das gut, mi amor.« Er lächelte sie tapfer an, unmittelbar, bevor Lea abermals in die falsche Richtung drehte. Juan war sehr geduldig und fing sie wieder ein. Oft hielt er ihre Hand etwas fester, um sie daran zu erinnern, wer führte.
Lea aber wollte diese Anfangsphase so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie beschloss pragmatisch, einen Salsa-Kurs zu belegen. Prompt fand sie ein kostenloses Angebot im Sportprogramm der Universität. »Guck mal, das würde ich gern machen«, sie hielt Juan die Broschüre unter die Nase, als er zur Tür hereinkam.
»Ein Kurs für Salsa«, er sah Lea nachdenklich an. »Okay, ich kommen auch.«
»Aber nein, das geht nicht, das ist nur für Studierende und du arbeitest doch um diese Zeit.«
»Du wollen allein mit andere Männer …?«
»Aber das ist doch wie Sport, kein Problem.«
»Nein, du nicht gehen!« So ging es eine Weile hin und her.
Sie bekam einen roten Kopf. Juan verschränkte die Arme vor der Brust und starrte wütend vor sich hin. Lea betrachtete ihn, ebenfalls kochend. Sie würde sich von ihm nichts verbieten lassen! Das war doch wohl lächerlich. Aber Lea wäre nicht Lea gewesen, wenn ihr Kopf im Backoffice nicht bereits pragmatische Lösungsvarianten erarbeitet hätte. Lea warf noch einen prüfenden Blick auf ihren schmollenden Freund und kalkulierte eiskalt. »Okay, Junge, dich krieg ich rum.« Sie musste sich kurz sammeln, rückte dann näher und schmiegte sich vorsichtig an ihn. Als er sich nicht steif machte und sie gewähren ließ, begann ihre Hand zu wandern. Juans Blick wurde weniger starr. Lea strich über seine Oberschenkel und näherte sich seinem Gesicht. Er erwiderte ihren Kuss und griff ihr unter den Pulli. Die WG-Couch quietschte so laut wie die bremsenden LKWs draußen.
»Wie gut, dass weiter niemand da ist«, dachte Lea, während sie zum ersten Mal kam.
Sie wirkte klein und schüchtern, wie sie sich durch die schwere Tür der Turnhalle quetschte.
Der Kursleiter hatte die Neue sofort erspäht, kam mit einem lächelnden »Hola, freut mich, dass du hier bist. Ich bin Pablo«, auf Lea zu und schüttelte ihr die Hand. Die anderen blickten neugierig herüber.
Im nächsten Moment klatschte Pablo in die Hände. »Hola, Leute, es geht los. Verteilt euch bitte vor die Wand!«
Sie stellten sich vor der langen, verspiegelten Hallenwand auf.
Pablo zählte: »Un, dos, tres y un, dos, tres« und zeigte den Salsa-Grundschritt. Nach einiger Zeit nickte er zufrieden, eilte zum CD-Player und sie übten das Ganze mit Musik. Er stand mit dem Rücken zu ihnen und sein Spiegelbild beobachtete jeden einzelnen. Er runzelte ein wenig die Stirn, flitzte wieder zum Rekorder und stoppte die Musik. »Leute, ich habe es doch erklärt: Die Frauen mussen mit der rechte Fuß nach vorn starten und die Männer mit der linke Fuß nach hinten! Das ist doch einfach logisch. Sonst könnt ihr nicht zusammen tanzen. Also nochmal!« Und damit war er bereits wieder auf dem Weg zur Anlage und die Musik erklang erneut. Diesmal klappte es besser und Pablo nickte zufrieden im Salsatakt. Als sie das Ganze dann paarweise ausprobierten, kam es trotzdem zu einigen schmerzhaften Fußbegegnungen. Pablo sortierte seine Schüler nach Geschlecht und bestimmte so die ersten Paare. Nach drei Liedern wechselten die Männer auf sein Geheiß eine bestimmte Anzahl an Damen weiter. Ging die Teilnehmerzahl einmal nicht auf, tanzte Pablo mit. Passte es von der Geschlechterverteilung her nicht, mussten gleichgeschlechtliche Partner zusammentanzen, was sich als zusätzliche Herausforderung erwies. Keiner der Studierenden war problemlos in der Lage, auf den anderen Part umzuschalten und spiegelverkehrt zu tanzen. Außerdem musste sich nun ein zu führen gewohnter Mann plötzlich leiten lassen. Es kam zu lustigen Szenen, wenn keiner die Führung abgeben wollte. Die Drehung endete abrupt, die beiden starrten sich an und aus dem Tanz wurde ein Kräftemessen, was wirklich albern aussah. Die Frauen hingegen erkannten, wie schwierig es war, aus einer Drehung unfallfrei wieder herauszufinden. Oft standen sie wie Statuen bewegungslos mit verrenkten Armen da und wussten nicht weiter. Es wurde viel gelacht, denn dank Pablo herrschte ein viel beschworener Konsens, dass man zum Spaß dabei sei und nicht, um Medaillen zu gewinnen. Als auch Lea zum ersten Mal mit einer Frau tanzte und führen sollte, merkte sie schnell, dass ihr dieser Part überhaupt nicht gefiel. Beim Tanzen denken zu müssen war nicht ihr Ding.
»Ach nee, das ist nichts für mich. Ich möchte doch abschalten. Der männliche Part ist mir viel zu stressig«, meinte sie, als die Gruppe in einer Pause draußen zusammenstand und rauchte.
»Geht mir genauso«, pflichtete ihr Marion bei. Mit ihr hatte Lea gerade getanzt. Lea war sie schon vorher aufgefallen, weil sie sich sehr schön rund bewegte und die Musik sichtlich genoss.
Die Atmosphäre im Kurs war angenehm entspannt. Gemeinsam lernten sie die ersten Schritte und Drehungen. Und nachdem Lea diese verinnerlicht hatte, war der Rest nur noch Übung.
Mit Juan nutzte sie nun jede sich bietende Gelegenheit zum Salsatanzen. Dabei fiel ihr ein Paradoxon auf, für das sie keine plausible Erklärung fand: Latinos hatten den Ruf, größtenteils emotional, untreu und eifersüchtig zu sein. Wie passte das zum Salsa? Salsa war doch ein sehr körperbetonter Paartanz. Zudem war es üblich, mit wechselnden Partnern zu tanzen. Wie hatte sich diese explosive Mischung entwickeln können? »Warum tun sie sich das an? Wahrscheinlich kommt es in den Salsa-Discos häufig zu Schlägereien«, mutmaßte Lea schon damals.
Nach einiger Zeit hatten sich Leas Sinne an die Musik gewöhnt und konnten auch die zwei verschiedenen Rhythmen Salsa und Merengue unterscheiden.
»Das ist mehr wichtig für die Machos - also die Männer, denn der Mann führt und gibt den Takt an. Aber wenn die Frau auch weiß, welcher Rhythmo es ist, können beide besser zusammen lostanzen«, erklärte Pablo in seinem charmanten Hispano-Deutsch.
Lea hatte schon immer gern getanzt und spielte selbst Saxophon. Sie hatte Blut geleckt und hörte die Musik nun freiwillig, auch und vor allem, um gelernte Schrittfolgen und Drehungen ohne Publikum erproben zu können. Oft übte sie allein vor dem Spiegel oder mit geschlossenen Augen. Letzteres half ihr, den Rhythmus auch bei Drehungen zu halten. Der Spiegel zeigte ihr die Wirkung ihrer Körperhaltung.
Hätte ihr damals jemand gesagt, Salsa würde ihr Leben verändern, sie hätte ihm ins Gesicht gelacht.
Die Beziehung mit Juan gestaltete sich zunehmend nervenaufreibender. Er wollte nicht, dass sie sich verabredete. Sogar die seltenen Besuche ihrer Familie waren ihm lästig und er verzog sich wortkarg in sein Zimmer. Sie stritten häufig. Seine Eifersucht auf alles und jeden war für Lea ein einziger nerviger Machtkampf. Sie fühlte sich wie gefangen. Als ihr Hund Rudi, der bei ihrer Mutter lebte, ein paar Tage bei ihr verbrachte, war Juan durchgehend schlecht gelaunt.
Schließlich kam sie dahinter: »Du bist eifersüchtig auf den Hund!« Wortlos sah er Lea mit diesem tief verletzen Blick an.
»Dein Ernst? Das ist es? Nein, so kann es nicht weitergehen, ich halte das nicht mehr aus!«, schrie sie, sodass beide, Hund und Mann, zusammenzuckten und sich klein machten. Dies war einer von Leas Aha-Momenten. Nun wusste sie, dass sich etwas ändern musste. So herrlich es mit Juan auch war, ihre Probleme lösten sich dadurch nicht.
Glückliche Momente wurden rar. Mit Juan füllte sich der Begriff ›Versöhnungssex‹ randvoll mit Leben. Nur, wenn sie allein miteinander waren und Lea ihm seinen Willen ließ, war es erträglich. Doch sie wehrte sich dagegen. »Wir leben doch nicht auf einer einsamen Insel!« Lea wollte tanzen, auf Partys gehen, studieren, die wenigen Bekanntschaften, die sich inzwischen zart entwickelten, pflegen. Doch selbst die Verabredung zum Kaffeetrinken mit einer Kommilitonin musste sie sich hart erstreiten. Da war kein Weg. Juan wollte sie für sich allein, verbot ihr schließlich jegliche Treffen.
Mit Juan war Lea an die Fleischwerdung des Klischees vom Latin Lover geraten. Manchmal fragte Lea sich, ob sie nicht Liebe mit Sex verwechselte. Männer waren da ja gemeinhin weit weniger spitzfindig. Ihre Beziehung war sehr körperlich und so ganz anders, als sie es bisher gekannt hatte. Juan war fantastisch im Bett – sofern sie überhaupt dort landeten. Beim Liebesspiel war er aufmerksam, zärtlich, kraftvoll und unermüdlich.
»Ich nehme Drogen«, scherzte er einmal.
Lea vermutete aber einen Kern Wahrheit, denn Juan schlief selten mehr als vier Stunden, hatte einen körperlich anstrengenden Job und wollte dennoch täglich Sex. Und die Art, wie er mit ihr schlief, war alles andere als Kraft sparend. Er trug Lea hierhin und dorthin, stemmte sie gegen den Türrahmen oder hob sie auf die Waschmaschine. Ängstlich durchsuchte sie nun seine Taschen und folgte ihm bis ins Bad. Nahm er tatsächlich Drogen, irgendein Aufputschmittel? Sie fand nichts.
Doch er lachte nur mit seinem unergründlichen Blick. »Mentira, mi amor, ich Lüge sagen, ich so von Natur.«
Einige Zeit lag sein Ehrgeiz darin, jedes Zimmer der Villa sexuell in Besitz zu nehmen. So wie ein Hund sein Revier markiert, wollte er jeden Raum mit ihrer Aura aus Sex und Geilheit erfüllen. Und das Haus hatte viele Zimmer. Sie trieben es vom Keller bis zum Dachboden. Lea scheuerte sich am Teppich das Knie auf, weil der Raum ansonsten leer war. Ein Tisch ging zu Bruch. In einer vollgestellten Rumpelkammer waren einige Zeit die Abdrücke von Leas Brüsten an der verstaubten Fensterscheibe zu sehen, bis er sie schließlich fortwischte. Im Keller stolperten sie über alte Reagenzgläser. Der verstorbene Vorbesitzer war Arzt und überall stießen sie auf Reliquien.
So männlich sich Juan im Bett gab, so weich und kindlich romantisch waren seine Liebesbeweise. Er überreichte Lea kitschige Liebesbriefe, bemalt mit Herzen und beklebt mit glitzernden Liebesmarken. Er übersetzte ihr auch seinen Lieblingssalsa ›Pequeñas cosas‹ von Willie Gonzalez und schenkte ihr einen rosa Stoffhasen, den sie ungläubig von allen Seiten beäugte. Juan war schwer beleidigt und nannte Lea einmal mehr eine ›kalte Deutsche‹, weil sie derlei nicht in quietschende Verzückung versetzte. Sie rang sich ein Lächeln ab. Trotzdem saß sie ratlos da mit diesem Hasen und dem herzchenverzierten Liedtext in roter Sonntagsschrift. Es war ihr zu teeniemäßig, sie fühlte sich dafür viel zu alt und erwachsen, war doch schon über zwanzig und Juan sogar noch älter. Seine Eifersuchts- und sonstigen ›Du liebst mich nicht so sehr wie ich dich, sonst würdest du nicht so reagieren‹-Szenen nagten immer heftiger an Leas Nerven.
Darüber wurde es Sommer. Sie hörten von einer Salsa-Party an einem See. Lea hatte inzwischen an Sicherheit gewonnen und freute sich auf romantischen Paartanz unter freiem Sternenhimmel. Die Wettergöttin meinte es gut und es wurde tatsächlich ein lauer Sommerabend. So saßen sie denn gegen Mitternacht auf der Terrasse des Cafés und blickten über einen kleinen See, in dem sich fast kitschig Mond und Sterne spiegelten. Lea trug zum ersten Mal ein kurzes, dunkelrotes Satinkleid. Sie waren gemeinsam Shoppen gewesen und Juan hatte sie zu diesem heißen Teil überredet.
»¡Amor, du bist bella!«
Schüchtern hatte sich Lea daraufhin ganz aus der Umkleidekabine herausgetraut und drehte sich unsicher vor ihm. Lea konnte spüren, dass es ihn heiß machte und fühlte sich sexy. Sie überlegte: Es war unwahrscheinlich, dass sie auf der Party Bekannte treffen würden, denn der See lag ziemlich weit entfernt. Kaum jemand würde so verrückt sein wie sie und für eine Salsanacht so viel Zeit und Geld investieren. Ja, sie würde das Kleid kaufen. Während sie in der Schlange vor der Kasse wartete beschwichtigte Lea sich, dass es keinesfalls eine Fehlinvestition wäre, selbst wenn sie es nur einmal öffentlich tragen würde, denn sie könnte es auch zu Hause anziehen … Juan hatte sicher nichts dagegen. Als ihre Gedankenkette an diesem Punkt angelangt war, hätte sie ihn am liebsten sofort in der Umkleidekabine vernascht. Aber für solch verwegene Aktionen fehlte ihr dann doch der Mut.
Juan war perfekt gestylt. Er hatte Ewigkeiten im Bad verbracht. Seine schwarze Hose und das nachtblaue Seidenhemd waren akkurat gebügelt und saßen perfekt. Zusammen mit seinen schwarzen Haaren und Augenbrauen über den dunkelbraunen Augen sah er malerisch aus. Bevor sie losfuhren, machte Lea noch rasch ein paar Bilder.
Mit Besitzerstolz registrierte Lea die Blicke der anderen Frauen auf der Terrasse. Beim Sprechen neigte sie sich extra nahe zu ihm, legte die Hand auf seinen Oberschenkel und stahl ihm einen Kuss.
Ein paar der Stühle und Tische hatten der Tanzfläche weichen müssen. Der DJ war ebenfalls ein Latino und die Musikauswahl ›muy bien‹, also sehr gut, wie Juan ihr mehrmals versicherte. Die lauschige Sommernacht und die Salsamusik versetzten ihn in Hochstimmung. Sicherlich dachte er an seine Heimat. Auch Lea genoss die Musik, zu der sich ihre Körper harmonisch bewegten und drehten. Sie tanzten mehr Merengue als Salsa. Der Zweivierteltakt war einfacher und Lea konnte deshalb auch kompliziertere Drehungen tanzen, ohne den Rhythmus zu verlieren. Mit ihren tänzerischen Fortschritten war sie sehr zufrieden. Juan hätte es zwar niemals zugegeben, aber auch er profitierte natürlich davon.
Als Willie Colóns neuester Salsa-Hit ›Talento de televisión‹ gespielt wurde, schlug Lea sich ganz passabel. Auch Niches ›Hagamos lo que diga el corazón‹ war langsam genug, sodass Lea mithalten konnte. Der Vorteil des Tanzens unter freiem Himmel lag für sie schnell auf der Hand: Man geriet nicht so sehr ins Schwitzen. So konnten sie sogar drei Merengue hintereinander tanzen, ohne dass ihnen der Schweiß unangenehm den Körper herunterlief. Lea vermied es zu schwitzen. Sie hasste es, wenn sie einen einzigen Tropfen quälend langsam an sich herunterlaufen fühlte. Gerade beim Merengue, der gern eng getanzt wird, spürte man zuweilen Nässe an den Händen, weil man den Tanzpartner bei einer Drehung am klatschnassen Rücken oder der Schulter berührt hatte. Innerliches: »Kreisch: Igitt!«
Sie hatte in ihrem Leben schon oft Tanzangebote abgelehnt, weil ihr ein unangenehmer Schweißgeruch entgegenwehte. Außerdem beleidigte es Leas Stolz, wenn sich ein Tänzer erst mit anderen Frauen verausgabte, bevor er sie zum Tanzen aufforderte. »Nein, danke«, pflegte sie diesen Rüpeln dann immer mit Nachdruck und missbilligender Miene entgegenzuschleudern. Blicke konnten Killer sein. Lea hatte bereits tanzende Paare beobachtet, die vor Schweiß trieften. Ein Wunder, dass der Boden nicht rutschig davon wurde. Die Rückenpartie des Hemds klebte dunkel verfärbt am Mann und die Frau hatte große Flecken unter den Achselhöhlen. Lea zwang sich dann wegzusehen, bevor ihr übel wurde.
Sie registrierte, dass Juan sie böse anblitzte. »Was hat er denn nun schon wieder?«, dachte sie genervt und zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. Er griff nach ihrer Hand und zog sie mit sich: »Komm, wir gehen«, knurrte er. So wie Juan aussah, war der Abend sowieso gelaufen, also griff sie nach ihrer Jacke und ließ sich mitziehen.
Schweigend saßen sie sekundenlang im Auto, bevor er explodierte. »Was du haben mit diese Mann? Du denken ich dumm?!«
Lea blickte ihn überrascht an und wusste gar nicht, wen er meinte. Aber Argumentieren half bei ihm erfahrungsgemäß sowieso nicht. Und richtig: Er schlug wütend auf das Lenkrad, schwieg, seine Kieferknochen mahlten. Er startete den Motor, zog sich wie schon so oft in sich selbst zurück und die Jalousien rasselten herunter. Lea wusste: Reden half da null. Argumente würden an ihm abprallen wie von einer Wand. Die einzige Möglichkeit, um ihn aus seinem Schmollwinkel zu holen war, ihn weinend um Verzeihung zu bitten. Meist schlief er dann sofort mit ihr, machte nicht viel Federlesens mit ihren Klamotten und eroberte sie herrisch. Das hatte sie so manchen Knopf gekostet, turnte sie aber zugegebenermaßen auch an.
Lea blickte in die Dunkelheit und atmete einige Male tief durch. Sie nutzte das bewährte Mittel, obwohl sie sich keiner Schuld bewusst war. Es funktionierte wie immer verlässlich. Lea entschuldigte ihn auch damit, dass Juan sich in der fremden Sprache nicht gut ausdrücken konnte. Dass sie ihm intellektuell überlegen war, kam wohl erschwerend hinzu. Beim Sex war er der Boss. Und Lea genoss es. Juan war unglaublich kreativ. Innerhalb einer Stunde wechselte er unzählbare Male die Stellung. Er beobachtete sie stets genau, hörte und erfühlte ihre Reaktionen und änderte die Stellung mit so viel Feingefühl manchmal nur ein klein wenig. Und doch erwies es sich als das i-Tüpfelchen, welches sie zu ihrem nächsten Orgasmus trug.
Schweigend und mit ernstem Gesicht bog Juan von der Straße in einen Feldweg ein. Er stellte den Motor ab, wischte ihr wortlos die Tränen von den Wangen und bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung auszusteigen. Sie ging zu ihm: »Es tut mir so leid, mi amor. Bitte, kannst du mir verzeihen?« Sehr bestimmt schob er sie auf die Motorhaube. Er fuhr mit der Hand über ihre Wange und den Hals, schob den Träger ihres Kleides herunter und entblößte ihre Brüste. Lea hörte, wie er mit den Zähnen eine Kondomverpackung aufriss. Ein erwartungsvoller Schauer überpuderte sie mit Gänsehaut. Juan berührte ihre Brüste und nahm sie in den Mund. Mit der anderen Hand hob er ihr Kleid. Er schob das schwarze Fetzchen Stoff, was sie jetzt noch bedeckte, zur Seite und drang tief in sie ein. Dabei riss er ihren Kopf an den Haaren nach hinten. Lea ließ ihn gewähren und konnte es dann auch genießen. Sie schloss die Augen, die Anspannung ließ nach und sie gab sich ganz hin. Das Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos spielte über ihre Körper, so-dass sie seine schöne Silhouette über sich gebeugt gegen den dunklen Nachthimmel sah. Lea fuhr unter sein Hemd und berührte seinen harten Bauch, spürte die kontrahierenden Muskeln. Sie spannte ihren Körper ein wenig an, sodass es ein perfektes Spiel von Geben und Nehmen wurde. Sie kamen gleichzeitig, blieben ineinander verschlungen noch so lange, wie es die unbequeme Stellung zuließ.
Wortlos zuppelten sie schließlich ihre Kleidung zurecht und fuhren weiter. Eine Frauenstimme sang einen melancholisch klingenden Salsa und Lea fühlte deutlich die weiblichen Rundungen ihres Körpers in dem dünnen Kleid, ihre harten Brustwarzen rieben von innen am BH, die Luft roch nach Triebleben. Lea hatte das unangenehme Gefühl, zu leuchten und das Wageninnere zu erhellen, sodass jeder ihnen ansehen könnte, was sie gerade getan hatten. Eine Welle von Hitze durchflutete sie, ihre Wangen glühten und sie war erleichtert, als sie endlich in ihre Straße einbogen und ihnen im Hausflur niemand begegnete.
Lea hatte auch mit anderen Männern mehr als einen Orgasmus erlebt. Doch Juan brach alle Rekorde. Für gewöhnlich hatte sie um die fünf und er einen bis zwei. Längst waren ihnen Kondome lästig geworden. Juan war zuerst tief getroffen, als Lea ihm einen Aidstest vorschlug. Natürlich wollte auch er gern auf die unbequemen und gefühlshemmenden Dinger verzichten. »¡Una prueba del sida? No!« Er machte ihr verständlich, dass es gegen seine Ehre ginge, sich testen zu lassen. Für ihn wäre es einem Eingeständnis gleichgekommen, dass er mit einem infizierten Menschen Kontakt gehabt haben könnte. Und das konnte, das durfte nicht sein. Mit dieser anstößigen Krankheit wollte er kraft seines Willens nichts zu tun haben.
Nur Leas felsenfester Standpunkt: Ohne Test kein Sex ohne Kondom, ließ ihn schließlich doch mit todesverachtungsvoller Miene einlenken und mitkommen.
In der Woche, die sie dann auf ihre Ergebnisse warten mussten, schrumpfte der selbsternannte Saubermann sukzessive in sich zusammen. Nun machte er sich doch Sorgen. Seiner machohaften Selbstsicherheit ging die Luft aus wie einem schrumpelnden Luftballon.
»Wenn ich sterben, du nicht sagen meiner Mutter, warum, okay?«
»Es wird schon nichts sein, mach dir keine Sorgen.«
»Aber ich bin noch jung! Ich will nicht sterben.«
»Schatz, du hast doch gesagt, es kann nicht sein. Jetzt lass uns einfach abwarten. Es sind ja nur wenige Tage.«
»Ich verlieren Kilos. Meinst du, das kommt von Krankheit?«
»Du warst doch immer dünn, oder?«
»Ja, aber jetzt ich fühle mehr dünn.«
Von Tag zu Tag steigerte sich Juan weiter in seine Ängste hinein. Er hatte keinen Appetit und suchte sein zweifelhaftes Heil in Zigaretten, von denen er Unmengen rauchte und dabei Rauchschwaden wie unheilschwangere Gewitterwolken produzierte.
Nachdem sie ihre, natürlich negativen, Ergebnisse erhalten hatten, war er sofort wieder obenauf. Die Erleichterung und die Aussicht auf ungehemmten Sex ließen Juan seinen Groll und die Sorgen mit einem Wisch vergessen.
»Ich wusste! Es konnte nicht anders sein!«
»Ja, Schatz«, den ironischen Unterton überhörte er.
Ohne Kondom war Juan noch besser. Oft dachte Lea: »Hier, jetzt dieser hier, das ist der beste Orgasmus, den ich je hatte.«
Doch zuweilen nur wenige Lidschläge später revidierte sie ihre Meinung. Nach dem Orgasmus war vor dem Orgasmus. Lea meinte, ihren Körper erst durch Juan ganz kennenzulernen. Manchmal schwebte ihr Geist hoch in der Luft und sie sah mit den Augen einer Beobachterin diesen zwei schönen, kopulierenden Körpern zu.
Juan war groß, dünn, mit Waschbrettbauch und festen Oberarmen. Gern sah Lea ihm zu, wenn er in Jeans und mit nacktem Oberkörper ein frisches Hemd nahm und bügelte, bevor er sich anschickte es anzuziehen. Lea räkelte sich auf dem Bett und beobachtete das Muskelspiel seiner Oberarme. Sie liebte diese Szene. Wie oft hatte sie ihn so fotografiert! Seine stets leicht gebräunte Haut war haarlos und jung. Leas Blick genoss die Gesamtkomposition aus seinem flachen Bauch, den Schultern, den schwarzen Haaren und Augenbrauen. Darunter waren seine dunklen Augen, die sie erst streiften, dann festhielten. Lea drückte die Brust raus und streckte sich wie eine Katze. Ein begehrliches Kribbeln ergriff langsam Besitz von ihr. Juan sah zu ihr. Er ließ sich aufreizend viel Zeit. Endlich stellte er bedächtig das Bügeleisen ab und zog den Stecker heraus. Doch dann machte er Anstalten das Hemd anzuziehen. »¡No!« Mit einem Schrei sprang Lea auf, riss es ihm weg und warf es über eine Stuhllehne.
Er nahm sie im Stehen, ohne dass sie den Boden berührte. Er trug sie aus dem Zimmer in ein anderes, ohne dass sich ihre Unterkörper trennten. Größe und Form seines Binde-Gliedes waren optimal. Nicht zu klein, sodass sie ihn rundherum in sich spürte, nicht zu kurz, wodurch er sie manchmal zum Bluten brachte. Aber auch nicht zu lang oder zu dick, sodass er sie auch von hinten nehmen konnte, ohne dass es zu sehr schmerzte. Lea genoss es, ganz Frau zu sein. Nicht zu denken, nur zu spüren, dass sie lebten. Pulsierend, gierig, geil. Sie trieben es jeden Tag und wurden es doch nicht müde, übereinander herzufallen.
Seinetwegen begann Lea sich auch fraulicher zu kleiden. Besonders, wenn sie tanzen gingen, verwandte sie nun viel Zeit auf die Perfektion ihres Outfits. Manchmal saß Juan als Jury im Sessel und Lea präsentierte ihm verschiedene Möglichkeiten. Mit Juan an ihrer Seite wagte sie sich an Teile, von denen sie früher mindestens eine Schaufensterscheibe, wenn nicht sogar Welten trennten.
Hatten sie Stress, bekam Lea Bauchschmerzen. Ihr Körper rumorte, wenn Juan ihr böse war. Doch Juan wollte sie für sich allein, behandelte Lea wie seinen Besitz. Lange würde ihr Kopf das nicht mehr mitmachen. Einerseits die intellektuelle Studentin, die sich im philosophischen Seminar zu ungeahnten Höhen aufschwang. Zu Hause dagegen sollte sie zum Heimchen am Herd mutieren und dem Macho huldigen. So ging es nicht weiter und war doch nicht zu ändern, oder?
Heimlich suchte Lea nach einer neuen Bleibe. »Wenn wir nicht mehr zusammenwohnen, wird es vielleicht besser, weil er nicht mehr alles mitbekommt«, hoffte sie und dachte auch weiter: »Sollte das nichts nützen, wäre eine Trennung einfacher.« Warum nur hatte sie auch gegen die eherne studentische Weisheit »Fange nie etwas mit deinem Mitbewohner an!« verstoßen?
In dieser schwierigen Zeit setzte sich Juan eines Abends betont neben Lea, als sie mit Ben, einem Kommilitonen aus dem Literaturseminar, telefonierte. Lea geriet ins Stocken und runzelte kurz die Stirn, sprach dann aber weiter. Juan hockte daneben und sie spürte, wie er innerlich kochte. »Jetzt darf ich nicht einmal mehr telefonieren, oder was?«, vor Ärger bekam sie kaum noch mit, was Ben erzählte.
»Ich rufe dich später noch mal an«, meinte Lea schließlich genervt und hatte kaum aufgelegt, als ihr Kopf zur Seite flog. Sie war sofort auf 180. Voller Wut schlug sie zurück. Jetzt erwies es sich als Nachteil, dass Juan groß und durchtrainiert war.
Der negative Höhepunkt ihrer gefühlsbetonten Beziehung war erreicht. Probleme ließen sich nicht einfach durch Sex lösen. Der Berg unter dem Teppich war ins Rutschen geraten. Juan hatte feine Antennen, er spürte, dass sie ihn verlassen wollte. Er klammerte immer verzweifelter, womit er aber nur das Gegenteil bewirkte. Er konnte nicht aus seiner Haut. Ein Teufelskreis. All das entlud sich nun in den Schlägen.
Er beschimpfte sie als ›Flittchen‹: »iPutilla!«, schrie er und noch vieles mehr, was Lea nicht verstand. Er weinte und schlug mit hässlich verzerrtem Gesicht wild auf sie ein.
Lea schaffte es, ihren Kopf zu schützen, und schließlich von ihm wegzukommen. Sie rannte in ihr Zimmer, schloss ab und raffte mit fliegenden Händen tränenblind ein paar Sachen zusammen. Zwischendurch hielt sie inne, versuchte, ruhiger zu atmen, das Zittern in den Griff zu bekommen, und lauschte. Im Haus war es totenstill. Was tat er jetzt, wo war er? Mit rasendem Herzen warf sie dann weiter kopflos Kram in Taschen.
Der Schlüssel wollte nicht ins Türschloss. Während sie das Kuddelmuddel ins Auto stopfte, kämpfte Lea gegen die sich neuerlich aufbäumende Panik an. Dann quälten sich ihre zitternden Finger unendliche Sekunden mit der verflixten Zündung herum. Endlich startete der Motor. Schlingernd und ruckelnd fuhr Lea rückwärts vom Grundstück. Inzwischen hatte sie auch einen Plan, wo sie hinwollte. Sie würde zu der WG fahren, wo sie sich tags zuvor vorgestellt hatte. Wie sie es in ihrem Zustand mit den ganzen Taschen aus dem Haus und zum Auto geschafft und ihr Ziel unfallfrei erreicht hatte, würde ein Mysterium bleiben.
Es war kurz vor Mitternacht, als Lea zaghaft klingelte. »Bitte, Göttin, lass sie aufmachen!«, betete sie. Es dauerte, lange. Lea fragte sich bang, wohin sie sonst gehen sollte.
Da, endlich öffnete Timo ihr mit einem Büchsenöffner bewaffnet die Tür. Trotz ihrer Misere musste sie beim Anblick seiner schmächtigen Gestalt mit der lächerlichen Verteidigungswaffe doch ein wenig lachen. Dann liefen aber gleich die Tränen.
»Huch, Lea, was ist denn passiert? Na, komm erst mal rein«, verwundert trat Timo zur Seite und sie schlich an ihm vorbei. Umständlich schälte sie sich aus ihrer Jacke.
»Tee?«, fragte er. »Oder vielleicht ein Bier?«
»Tee ist gut, danke.« Lea hatte sich auf das WG-Sofa im Wohnflur gesetzt und kramte nach Taschentüchern.
Als Timo zurückkehrte, reichte er ihr eine Literpackung Schokoladeneis und ein Eis am Stiel. Lea griff zuerst automatisch zu, blickte dann verwirrt auf das Eis und ihn fragend an.
»Also das kannst du zum Kühlen nehmen, etwas Anderes habe ich nicht gefunden«, Timo war offensichtlich darum bemüht, sie nicht anzusehen. Was war los mit ihrem Gesicht? Lea ging ins Bad, schloss ab und sah in den Spiegel. Schock. Ihre Handknochen traten weiß hervor, so fest umklammerte sie das Waschbecken. Sie spürte keinen Schmerz. Wahrscheinlich stand sie noch unter Schock. Sie nickte sich grimmig zu, wusch vorsichtig ihr Gesicht mit kaltem Wasser und betrachtete dabei kritisch ihre linke Wange. »Hoffentlich wird das kein Bluterguss.« Die Untersuchung ihres übrigen Körpers und das Wundenlecken sparte sie sich für später auf. Sie atmete einmal tief ein und aus und verließ das Bad.
Sie wandte sich in Richtung Küche, denn von dort vernahm sie Stimmen. Eine dampfende Teetasse wartete bereits auf sie. Claudia, Timos Freundin, saß daneben und begrüßte sie in eine Decke gewickelt und mit wirrem Haar.
Lea entschied, die Eispackung an die Wange zu halten und das Stieleis zur Kühlung von innen in den Mund zu stecken. »Hmm, Schokolade«, sagte sie und versuchte ein Lächeln. Als sie ein jäher Schmerz durchzuckte, ließ sie es jedoch schnell wieder bleiben.
Beide blickten sie mitleidig an. Lea hatte kein Verlangen, Timo und Claudia Details zu erzählen, immerhin kannten sie sich ja kaum. »Ich habe mich mit meinem Freund gestritten. Er ist sehr eifersüchtig. Und dann hat er plötzlich zugeschlagen«, brachte sie schließlich über die Lippen und rang zu ihrem Ärger schon wieder mit den Tränen. Sie weinte nicht wegen der körperlichen Schmerzen, die sie noch kaum spürte. Sie war wütend und traurig, dass er sie geschlagen und damit alles kaputt gemacht hatte. Lea hatte noch gehofft, dass es eine Zukunft für sie gäbe. Daran war jetzt nicht mehr zu denken. Also weinte sie um die verlorene Liebe. Wenigstens enthob sie das weiterer Erklärungen.
So kam es, dass Lea die Nacht auf dem WG-Sofa verbrachte. Schlaf fand sie kaum. Als sie hörte, dass die anderen sich regten, stand sie auf und türmte die Bettwäsche zu einem ordentlichen Stapel. Das Frühstück bestand aus Aufbackbrötchen, Erdbeermarmelade und Kaffee ohne Milch, denn die war alle. Lea sagte erleichtert zu, als Timo ihr offiziell das leere WG-Zimmer anbot. Sie hatte befürchtet, dass sie sich wegen ihrer ›Probleme‹ für jemand anderen entscheiden würden. Sie betrachtete die Küche nun mit anderen Augen, denn soeben war es ja quasi ihre geworden. »Urig ist es hier ja und echt studentenmäßig, aber die typische Schmuddeltendenz ist mir ein bisschen too much«, konstatierte sie im Stillen, sah es jedoch nicht als Problem. »Ich habe ja Zeit und werde hier unauffällig durchwischen«, beschloss sie.
»Ich könnte dir heute Nachmittag helfen, deine Sachen zu holen«, unterbrach Timo ihre Gedanken und erzählte, dass ein Kumpel von ihm einen VW-Bulli hätte.
»Ja, wenn das ginge, wäre das toll.« Mitleid war zwar nicht gerade das, was Lea gern erweckte. Doch in diesem Fall hieß sie es willkommen, hatte es ihr doch augenscheinlich soeben zu ihrer neuen Bleibe samt Transportservice verholfen.
Bis zum Nachmittag blieb Lea allein, hockte auf dem Sofa, trank Tee und zappte blicklos durch die Kanäle des WG-Fernsehers. Endlich drehte sich ein Schlüssel im Türschloss und Timo kam mit einem kräftigen, blonden Typen herein.
»Ich bin Andy«, stellte der sich vor und grinste sie an.
Leas Lächeln fiel wegen der inzwischen ansehnlich aufgeplusterten Wange ziemlich schief aus. Sie fühlte sich wie Miss Piggy oder wahlweise ein alternder Star auf Botox. Aber Timo hatte Andy wohl schon vorgewarnt, denn er sagte nichts und guckte unbeteiligt.
Sie fuhren sofort los.
Lea war froh um die beiden Männer hinter sich, als sie zitternd die Haustür aufschloss. Juans Auto war nicht da. Trotzdem vibrierten ihre Nerven. Sie beluden den Bulli mit ihrem Schreibtisch und der Matratze. Als der Wagen voll war, schlug sie den Jungs vor, dass sie die Sachen rüberfuhren, während sie weiter Kartons packte.
»Ist das denn okay für dich, wenn du hier allein bleibst?«, erkundigte sich Timo besorgt.
»Es geht schon. Juan kommt frühestens in drei Stunden.« Doch als sie weg waren, überfiel Lea ein heftiges Zittern, sodass sie sich zuerst einen dicken, unförmigen Pullover überzog. Ihr war zwar nicht wirklich kalt, aber es half trotzdem ein bisschen. Sie arbeitete weiter und zwang sich zur Konzentration.
Timo und Andy kamen und gingen. Das Packen dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Mit zitternden Gliedern raffte Lea alles zusammen und füllte Kartons und Taschen. Immer wieder hielt sie inne. War da nicht ein Geräusch? Der drehende Schlüssel im Haustürschloss? Mehrmals meinte sie, Juan die Treppe heraufkommen zu hören. Eine Welle von heißem Blut durchspülte sie dann und rauschte in ihren Ohren. Sie konnte nichts mehr hören und Panik ergriff sie. Stocksteif zusammengekauert, unfähig sich zu rühren, blieb sie, bis das Rauschen nachließ und sie sich zwang, aufzustehen. »Es kann nicht sein. Mach weiter. Er kommt noch nicht.« Und doch hielt sie schon bald wieder inne, lauschte jedem Ächzen des großen Hauses nach. Stechende Kopfschmerzen piesackten sie inzwischen. Endlich war alles gepackt, verladen und in ihr neues Leben geschafft.
Die nächsten Tage vergrub sich Lea zwischen ihren bis an die Decke gestapelten Sachen, beschäftigte sich mit dem Einrichten des kleinen Zimmerchens und dem Sortieren ihrer wahllos zusammengeworfenen Habseligkeiten.
Nachts aber lag sie wach und ihre Gefühle wechselten wie das Wetter. Sie vermisste ihn. Sie hasste ihn. Sie träumte von ihm. Juan blickte sie in Großaufnahme so vorwurfsvoll an, als sei alles ihre Schuld. Unentwegt rief sich Lea seine negativen Seiten in Erinnerung. »Das war keine Liebe, sondern reiner Narzissmus«, betete sie sich vor. »Er hat mich nur benutzt, um sich in meinen Augen zu spiegeln. Er brauchte eine, die ihn anhimmelt. Und außerdem kennt er hier fast niemanden außer mir.«
Zufrieden betrachtete Lea schließlich ihr Werk. Ihr neues Reich war nicht nur begehbar, sondern sogar recht gemütlich geworden. Sie machte sich einen Tee, setzte sich auf ihr Bett und überlegte, wie es nun weitergehen sollte. Sie konnte sich nicht ewig hier verkriechen. Ihr Blick blieb an einem Bild hängen. Sie hatte nur ein einziges aufhängen können, den Rest der Wände ihres Kämmerchens bedeckten Regale und Schränke. Es zeigte eine Hängematte, die an einem weißen Traumsandstrand zwischen zwei Palmen zum Fallenlassen und Träumen einlud.
Lea sah auf die sich im Wind bewegenden Sommerbäume vor ihrem Fenster. »Was ich jetzt brauche, ist eine Auszeit!« Die Semesterferien standen vor der Tür, die Uni leerte sich, aber an Urlaub war leider nicht zu denken. Dafür hatte sie kein Geld.
»Versuch es doch als Ferienbetreuerin«, schlug ihr Claudia vor. Claudia wohnte zwar nicht offiziell in der WG, war aber meistens da. Wenn es passte, aßen sie manchmal zusammen.
»Gute Idee!« Lea forschte nach Adressen im Telefonbuch, fragte bei der Stadt nach und im Freizeitheim. Sie hatte Glück und konnte noch spontan als Krankheitsvertretung einspringen. Wenige Tage später saß sie mit vier weiteren Teamern und einer gut 50-köpfigen Jugendgruppe in einem Reisebus nach Italien.
Als sie dort aus dem klimatisierten Bus stiegen, wurde Lea bewusst, dass sie eins nicht bedacht hatte: »Mist, wie soll ich bei dieser Gluthitze die blauen Flecken verbergen?« Juan hatte sie vor allem an den Armen erwischt. Die Wange war schon abgeschwollen und nicht mehr rot. Aber besonders ihr rechter Oberarm zeigte eine wechselnde Farbpalette.
Die ersten beiden Tage drückte Lea sich in der Ferienanlage herum. Doch am dritten Tag musste sie buchstäblich Farbe bekennen. Die gesamte Gruppe wollte zum Strand, also sollten auch alle Betreuer mit. Lea hatte sich inzwischen eine ausschweifende Erklärung zurechtgelegt und war überrascht, wie leicht ihr die Geschichte abgekauft wurde: »Ich habe nicht aufgepasst und bin von der Leiter meines Hochbetts abgerutscht …«, startete sie mit ihrer Story und blickte dabei niemandem in die Augen.
»Zu blöd aber auch«, fanden die anderen und fragten gar nicht weiter nach. Überrascht und erleichtert, trödelte sie hinter der Gruppe her zum Strand. »Vielleicht hätte ich lieber nach England fahren sollen«, ein Bikini war ja nicht gerade ein ideales Kleidungsstück, wenn man etwas zu verbergen hatte. Doch die Erkenntnis kam zu spät. Lea war erstaunt, wie kommentarlos die anderen ihre Bettsturztheorie akzeptierten. Hegte da tatsächlich niemand Zweifel an der Geschichte? Sie überlegte, ob sie an ihrer statt nachgebohrt hätte. »Erst einmal vielleicht nicht. Aber sicher wäre ich hellhörig geworden und hätte mich bei passender Gelegenheit näher erkundigt.« Also wappnete sich Lea für entsprechende Nachfragen und legte sich Antworten zurecht. Doch auch später machte niemand einen Vorstoß in dieser Richtung. Das stimmte sie nachdenklich. »Jemand in meiner Situation, der damit weniger gut klarkommt, ist eigentlich darauf angewiesen, dass sein stummer Hilfeschrei und die Zeichen auf seinem Körper wahrgenommen werden. Das ist heftig, dass es keinen interessiert und niemand nachhakt.«
Bald dachte auch Lea nicht mehr ständig daran. Schließlich war sie hier, um Abstand zu gewinnen, und dann waren da auch noch die fünfzig Teenager, die es im Zaum zu halten galt.
