Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Kann man einen Samenraub perfekt durchführen? Alma Schuster hasst Sex mit Männern. Sie wünscht sich ein Kind ohne Mann. Ihre Freundin Isabel Gander hilft ihr dabei. Sie verführt den siebzehnjährigen Siegfried Krause und besamt mit dessen Sperma ihre Freundin Alma. Sobald Alma schwanger ist, zieht sie zusammen mit Isabel in eine weit entfernte Stadt. Allein zurückgelassen verliebt sich Siegfried in Brigitte. Selbst als sie lange Zeit getrennt leben mussten, hielt wahre Liebe Brigitte und Siegfried zusammen. Ein paar Tage vor Brigittes sechsunddreißigstem Geburtstag steht Sonja Schuster vor Brigittes und Siegfrieds Tür. Siegfried habe die gleichen Augen wie sie, stellt Sonja fest. Jetzt wisse sie wer ihr Vater ist. Was? Verwundert schüttelte Siegfried den Kopf.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Benno Wunder
Samenraub und wahre Liebe
Liebesroman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Siegfried
Kapitel 2: Im Friseursalon
Kapitel 3: Liebeslehrerin Isabel
Kapitel 4: Projekttag Umweltschutz
Kapitel 5: Alma
Kapitel 6: Arbeit bei Isabel
Kapitel 7: E-Mail von Papa
Kapitel 8: Gitarrenspiel
Kapitel 9: Liebeskummer
Kapitel 10: Mundpropaganda
Kapitel 11: Brigitte und Siegfried
Kapitel 12: Seychellen
Kapitel 13: Studium in Tübingen
Kapitel 14: Erfolg im Studium
Kapitel 15: Verlobung
Kapitel 16: Lange Trennung
Kapitel 17: Besuch von Brigitte
Kapitel 18: Von Princeton nach New York
Kapitel 19: Wieder vereint
Kapitel 20: Raffinierter Samenraub
Impressum neobooks
Benno Wunder
Samenraub
und wahre Liebe
Impressum
Texte © Copyright by Benno Wunder
Bildmaterial © Copyright by Benno Wunder
Alle Rechte vorbehalten
http://www.neobooks.com/ebooks/benno-wunder-samenraub-und-wahre-liebe---
Aus dem Inhalt: Nach lustvollen Monaten, in denen Isabel Gander ihn die Kunst zu lieben lehrte, bekam der siebzehnjährige Siegfried Krause einen Schlag zwischen die Augen. Weinend teilte Isabel ihm mit, er müsse sie vergessen. Sie werde mit ihrer Freundin Alma Schuster nach München ziehen. Aus, Schluss, vorbei. Wochenlang hing Siegfried durch. Für die Schule tat er nur das Nötigste. Meistens saß er am Fenster in seinem Zimmer, glotze auf den Zwetschgenbaum im Garten und dachte an Isabel. Er sei ein Fall für den Doktor, meinte seine Mutter und schickte ihn zu ihrem Hausarzt. Dank der ärztlichen Kunst sah Siegfrieds Welt bereits nach wenigen Tagen nicht mehr dunkelgrau aus. Isabel trat in den Hintergrund und machte Platz für Brigitte, ein Mädchen aus seiner Schulklasse. Bei der Party zu Brigittes achtzehntem Geburtstag verliebten sich Brigitte und Siegfried. Selbst als sie lange Zeit getrennt leben mussten, hielt ihre wahre Liebe sie zusammen. Ein paar Tage vor Brigittes sechsunddreißigstem Geburtstag klingelte eine junge Frau an ihrer Tür. Schüchtern sagte sie, sie heiße Sonja und sei die Tochter von Alma Schuster. Sonja blickte Siegfried lange ins Gesicht, dann stellte sie lächelnd fest, er habe die gleichen Augen wie sie. Nun wisse sie, wer ihr Vater ist. Was? Verwundert schüttelte Siegfried den Kopf. Nachdem er sich gefasst hatte, erwiderte er, mit Alma Schuster habe er nie Sex gehabt. Er könne nicht ihr Vater sein. Oder doch?
Personen und Namen sind frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung mit der realen Welt ist zufällig und nicht beabsichtigt.
Über Benno Wunder: Benno Wunder ist ein Pseudonym. Nach Stationen in Stuttgart, Tübingen, München, Dortmund, Princeton, Basel, Bangalore und New York lebt der Autor am Bodensee.
Samenraub und wahre Liebe ist ein neuer Roman des Autors von Ein zerrissenes Leben und Abschied mit schwarzer Rose.
Siegfried fragte sich, ob sein Vater ihn wirklich liebte, denn der alte Herr ging immer wieder fort und ließ ihn und seine Mutter allein. Ab und zu sandte er einen Brief oder eine E-Mail aus einem fernen Land, aus Bolivien oder dem Kongo. Darin schilderte er in einfühlsamen Worten, welche Pflanzen dort wuchsen, welche Tiere er sah, und was für Menschen er kennenlernte: Wundervolle Typen, die ganz anders lebten als wir. Am schönsten fand Siegfried immer den letzten Satz, in dem sein Papa von Sehnsucht schrieb und der Freude, bald wieder seine Liebsten umarmen und herzen zu können. Aufgedreht, weil sein Gehirn zu viele Glückshormone produzierte, erwartete Siegfried jedes Mal diesen großen, in Jeans gekleideten Mann, dem er ähnlich sah.
Der Vater, Leopold Krause, arbeitete als Geologe für einen weltweit tätigen Bergbaukonzern, der in Bolivien nach Lithium und im Kongo nach Kobalt schürfte. Lithium und Kobalt brauche man, um leistungsfähige Batterien herzustellen, erklärte der Vater, kleine Batterien für Handys und große für Elektroautos. Stolz gab Siegfried diese Worte an seine Kameraden weiter. Weil die meisten sich nicht vorstellen konnten, ohne ihr Handy zu leben, bewunderten sie Siegfrieds Vater für dessen aufopferungsvolle Tätigkeit zum Wohle der mobilen Kommunikation. Ein Teil des väterlichen Glanzes blieb an Siegfried hängen.
Das sei fantastisch, sagte Thomas, einer der Kameraden. Nach Bolivien und in den Kongo würde er auch gerne reisen, meinte Georg. Schüchtern lächelnd trat Karin zu Siegfried und fragte ihn, ob er auch Geologe werden wolle.
Darüber hatte Siegfried sich noch keine Gedanken gemacht; außer Astronaut reizte ihn kein Beruf. Doch jetzt, da er sah, wie sehr seine Kameraden einen Geologen schätzten, antwortete er mit ja und ließ durch ein angehängtes vielleicht andere Möglichkeiten offen.
Jacko, der neidisch war, dass Siegfried plötzlich im Mittelpunkt stand, sagte lachend in die Runde, vielleicht wird Siegfried Friseur. Damit spielte er auf den Beruf von Siegfrieds Mutter an, die im Erdgeschoss ihres Wohnhauses einen kleinen Friseursalon betrieb.
Vor sechzig Jahren, als die Häuser in ihrer Straße entstanden, markierten sie das nordwestliche Ende der aufstrebenden Gemeinde in der Nähe des Bodensees. Fotos aus jener Zeit zeigten kleine Häuser auf großen Grundstücken mit Obstbäumen und Gemüsebeeten. Über die Jahre hin dehnte sich das Städtchen aus; neue Wohnstraßen entstanden bis hin zu einer Nachbargemeinde, die sich nur kurz dagegen wehrte, Teil eines größeren Ganzen zu werden.
Siegfrieds Eltern kauften das Haus vor fünfzehn Jahren, bauten es kräftig um und schafften Platz für den Friseursalon. Sie waren nicht die einzigen, die ihr Haus vergrößerten; auch die Nachbarn werkelten an ihren Häusern herum, errichteten hier einen Anbau, dort einen Vorbau oder einen nach Süden gerichteten Wintergarten. Und Garagen kamen hinzu. Ein heute aufgenommenes Luftbild von dieser Straße hatte wenig gemein mit dem Foto aus der frühen Zeit.
Alle drei Monate kam der Vater nach Hause und blieb dann für zwei Wochen, zauberhafte vierzehn Tage, in denen er tagsüber Siegfried und nachts Hanni, seine Frau, glücklich machte.
Am Sonntagmorgen fragte Siegfried seine Mutter, ob es ihr wieder gut gehe, er habe sie in der Nacht schreien hören.
Ja, sie fühle sich wohl, sie habe vor Glück geschrien, antwortete die Mama.
Na, wenn das so ist, dachte der damals neun Jahre alte Junge, dann schreie ich auch. Ein Anlass dazu bot sich ihm bereits am Nachmittag. Nach dem gemeinsamen Spaziergang, der wegen Regen kurz ausfiel, setzten sie sich zu dritt an den Tisch im Wohnzimmer.
„Sollen wir ‚Mensch ärgere dich nicht‘ spielen, oder wollt ihr noch etwas von meinen Reisen hören“, fragte der Vater.
„Lieber von deinen Reisen, bitte, bitte“, bettelte Siegfried.
Über Siegfrieds Wissbegierde lächelnd gab die Mutter ihr okay.
Der Vater blätterte in seinem Reisetagebuch, hielt an manchen Stellen an und erzählte wundervolle Geschichten von Indios und Guanakos in Bolivien und von schwarzen Menschen und Leoparden im Kongo. Seine Worte begleitend zeigte er selbst gezeichnete Skizzen und fantastische Fotos. Die Nahaufnahme einer Leopardin mit zwei tapsigen Jungen machte Siegfried so glücklich, dass er schrille Schreie ausstieß: i-i-i-i-i-i-i-i. Seine Eltern blickten ihn verwundert an, dann lachten sie und umarmten ihn, und dann lachten alle drei zusammen.
Dass Glück vergänglich ist, erfuhr Siegfried in den nächsten beiden Jahren. Immer öfter stritten sich seine Eltern. Die Mutter schrie den Vater an, er solle bei seinen wilden Weibern in Afrika bleiben. Der Vater antwortete mit ruhiger Stimme, nein, sie bilde sich da etwas ein. Sein zuhause sei hier bei seiner Frau und seinem Sohn. Solange er hier war, stritt sie mit ihm, und wenn die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, weinte sie. Der Vater schrieb nun seltener einen Brief, und er kam nicht mehr alle drei Monate zu ihnen. Schließlich kam er gar nicht mehr. Im folgenden Jahr ließen seine Eltern sich scheiden. Es war furchtbar; seine Mutter weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte, und Siegfried weinte mit ihr.
Oma Christa eilte aus Aschaffenburg herbei, um ihre Tochter und ihren Enkel in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Eine große Hilfe war die Oma nicht, im Gegenteil: Mit ihrer Tochter stritt sie herum und warf ihr vor, sie könne keinen Mann halten. Die Mama ließ sich das nicht gefallen; sie schrie die Oma an, das könne sie nun wirklich nicht beurteilen; ihre Vorwürfe solle sie sich sonst wo hinschieben. Nach zwei Tagen reiste die Oma ab. Siegfried freute sich, dass wieder Ruhe einkehrte. Die Streitereien in Omas fränkischem Dialekt waren ihm gewaltig auf die Nerven gegangen.
Seine anderen Großeltern, Oma Hilde und Opa Horst, erfuhren erst spät von der gescheiterten Ehe ihres Sohnes. Uns sagt man ja nichts, schimpfte der Opa; man könnte meinen, wir lebten hinter dem Mond.
Nein, nicht hinter dem Mond aber ziemlich weit weg. Als sie in Rente gingen, ließen sie sich auf Mallorca nieder und kamen selten, und immer nur für ein paar Tage nach Offenburg in ihr Haus. Dort wohnte jetzt ihre Tochter Waltraud mit Theo, ihrem Mann, und ihrem Sohn Max.
Vor ein paar Jahren besuchte Siegfried zusammen mit seinem Papa die Großeltern in Offenburg. Gerne erinnerte er sich an die herzliche Wärme, die Oma und Opa versprühten. Auch gab es viel zu lachen über die lustigen Reime, die Oma verfasste, und über die ebenso lustigen Zeichnungen, mit denen Opa die Reime illustrierte. Damals arbeiteten beide bei einem großen Verlag. Seit ein paar Jahren reimten und zeichneten sie auf Mallorca. Gerade hatten sie ein Kinderbuch für Sechsjährige fertiggestellt.
Damit Siegfried auf andere Gedanken komme, luden Oma und Opa ihn nach Mallorca ein. Sobald die Schulferien begännen, solle er zu ihnen fliegen. In den Häusern ringsherum gebe es einige Spielkameraden in seinem Alter. Siegfried freute sich und schrieb schon auf, was er alles mitnehmen wollte. Leider hatte seine Mutter etwas dagegen. Für eine Reise mit dem Flugzeug sei er noch zu klein, meinte sie. Auch sein Weinen half ihm nicht. Traurig dachte er an seine Großeltern und an seine Papa.
Die kleine Steinsammlung auf seinem Regal und die Gitarre erinnerten Siegfried täglich an seinen Papa. Er vermisste ihn sehr. Vorbei waren die schönen Stunden, in denen der Vater mit ihm durch Wald und Wiesen streifte und ihm die Natur erklärte. Bei jedem Felsen wusste Papa, wann und wie er entstand, ob Kräfte im Erdinneren ihn emporgehoben oder ein Gletscher ihn hierher geschoben hatte. Gefiel ihnen ein kleiner Stein, nahmen sie ihn mit und legten ihn zu den anderen auf das Wandregal neben seinem Schreibtisch.
Auch bei Bäumen und Sträuchern kannte Papa sich aus und nannte seinem Sohn die Namen und die charakteristischen Merkmale. Auf diese Weise lernte Siegfried früh die Tanne von der Fichte zu unterscheiden. In den Ferien besuchten sie ein Museum, das Botanik mit Geologie verband: Versteinerte Pflanzen überall - versteinertes Holz längs und quer geschnitten, versteinerte Schachtelhalme, Farne und Laubblätter. Siegfried war begeistert.
Wenn es regnete und stürmte blieben sie zuhause und musizierten. Während Papa einen Song auf der Gitarre vorspielte, hörte Siegfried aufmerksam zu; dann war er an der Reihe. Natürlich klappte es nicht auf Anhieb, doch mit Papas Hilfe machte er Fortschritte. Wie lange er geübt habe, bis er so gut spielen konnte, fragte Siegfried seinen Vater. Das wisse er nicht mehr, antwortete der Alte. Bestimmt habe er ein paar Jahre gebraucht.
Jetzt war der Vater fort. Oh je, stöhnte Siegfried. Wie sollte er ohne Papa mit seinem Gitarrenspiel vorankommen.
Der Vater verzichtete auf seinen Anteil am Haus und am Friseursalon, stellte aber die monatlichen Überweisungen ein. Für die Mutter bedeutete das, dass sie sich eine Haushaltshilfe nicht mehr leisten konnte; nur zum Putzen kam jede Woche eine Frau für drei Stunden. Siegfried bekam den täglichen Einkauf aufgebrummt. Wenn er essen wolle, müsse er etwas dafür tun, sagte seine Mama; ihre Mittagspause reiche nur zum Kochen und Essen. Das sah er ein. Bald gefiel ihm seine Rolle, weil sie ihm erlaubte in den Speiseplan seine Wünsche einfließen zu lassen. Unter der Woche aßen sie einfache Gerichte - Putenschnitzel mit Bratkartoffeln und Salat, oder Pfannkuchen mit Gemüse. Sonntags jedoch kochte die Mutter ein aufwändiges Essen.
Der lange Brief seines Vaters, in dem er ihn bat, er möge ihm verzeihen, tröstete Siegfried nicht wirklich. Wenn es neue Fotos von ihm gebe, solle er sie bitte schicken. Seinen Sohn allein zu lassen und nicht sehen zu können, wie er aufwächst, schmerze ihn sehr. Ähnliche Worte las Siegfried in den Briefen, die sein Vater ihm zum Geburtstag und an Weihnachten sandte, immer zusammen mit einem in Dollar ausgestellten Scheck. Damit solle er sich einen kleinen Wunsch erfüllen, schrieb der Papa. Ein bisschen aufgeregt ging Siegfried mit dem Scheck zur örtlichen Filiale der Sparkasse und ließ den Betrag seinem Konto gutschreiben. Er sparte auf ein neues Fahrrad, kein Kinderfahrrad sondern ein Herrenfahrrad mit Gangschaltung.
Als Siegfried in der dritten Klasse im Gymnasium wegen guter Leistungen eine Belobigung bekam, teilte er diesen Erfolg seinem Papa mit. Das sei super, herzlichen Glückwunsch, antwortete sein Vater, und schickte ihm ein Päckchen mit einem aus Elfenbein geschnitzten Elefanten. Dafür sei kein Elefant tot geschossen worden, das sei Elfenbein von einem natürlich gestorbenen Elefanten, versicherte sein Papa. Siegfried freute sich so sehr über dieses geschnitzte Kunstwerk, dass er ihm spontan einen Ehrenplatz auf seinem Schreibtisch frei räumte. Dort lebte der Elefant ein paar Tage lang. Weil die Mutter seine Freude nicht teilte und in dem väterlichen Geschenk eher einen Staubfänger als ein Kunstwerk sah, verbannte er den Elefanten in seinen Schrank. Wenn er allein war, holte er ihn manchmal heraus. Dann dachte er an seinen Vater und träumte von Abenteuern mit wilden Tieren in Afrika.
Siegfried wuchs im Friseursalon Hanni Krause auf. Das Bild seiner Mutter, die in einer lindgrünen Kittelschürze mit Kamm und Schere hantierte, grub sich tief in sein Gedächtnis ein. Wenn er an sie dachte, sah er sofort eine lindgrüne Schürze, erst danach eine ernst blickende Frau mit einem braunen Lockenkopf.
Über Jahre hörte Siegfried, was Frauen miteinander redeten und auf welche Weise sie das taten. Höflich und charmant flogen die Sätze hin und her. Manche Worte blieben von selbst in seinem Gedächtnis haften, andere schrieb er bewusst in sein Tagebuch. So entstand nach und nach eine Sammlung von Äußerungen, die bei Frauen gut ankamen.
Siegfried war kein Schönling. Außer der liebenswerten Art auf andere einzugehen, die er im Friseursalon erlernte, besaß er zwei strahlende graublaue Augen. Alles andere an ihm war mittelmäßig; er war durchschnittlich groß, nicht besonders kräftig, nicht fleißig, aber auch nicht faul. Auffallend war sein allzeit perfekter Haarschnitt, auf den seine Mutter Wert legte. Damit könne er für ihr Geschäft werben, meinte sie. Tatsächlich lockte seine Frisur einige Jungs und Mädchen aus seiner Schule in den Salon seiner Mutter.
In den höheren Klassen im Gymnasium blieb Siegfried in seinem Zimmer oben in der Wohnung. Nach dem Mittagessen machte er seine Hausaufgaben und büffelte für Klassenarbeiten. In den Friseursalon schaute er nur, wenn er seiner Mutter mitteilen wollte, dass er zum Training in den Fußballverein gehe oder zu seinem Freund Oliver, mit dem er zusammen joggte und Gitarre spielte. Obwohl ihre Spielkunst gering und ihr Repertoire klein war, träumten beide von einer Karriere als gefeierte Rockmusiker Olli und Siggi.
Siegfried und Oliver waren schon mehrere Jahre lang in die gleiche Klasse gegangen, aber angefreundet hatten sie sich erst nach dem Stadtlauf im letzten Herbst. Oliver gewann das Jugendrennen über fünfkommazwei Kilometer, Siegfried belegte den neunten Platz unter den dreiundsechzig Teilnehmern. Siegfried gratulierte Oliver zum Sieg, worauf Oliver sich bedankte und bescheiden seinen Erfolg herunterspielte: Er sei eine Handbreit größer und habe längere Beine. Vielleicht könnten sie ab und zu miteinander joggen, schlug Siegfried vor. Ja gerne, sagte Oliver und lud Siegfried zu sich ein.
Als Siegfried am nächsten Tag an Olivers Haustür klingelte, öffnete ihm Olivers Mutter. Sie lächelte Siegfried an und begrüßte ihn mit: „Ah, du bist sicher Siegfried; Oliver hat dich schon angekündigt, komm herein“, und dann rief sie laut „Oliver “.
Aus einer Tür trat Sylvia, Olivers zwei Jahre ältere Schwester. Vorwurfsvoll fragte sie ihre Mutter: „Warum schreist du denn so laut herum?“ Dann sah sie Siegfried, lächelte und sagte „hallo“. Siegfried grüßte zurück. Da sie ins gleiche Gymnasium gingen, waren sie sich nicht fremd. Sylvia war hübsch. Sie und Oliver sahen sich im Gesicht so ähnlich, dass jeder sie sofort als Geschwister erkannte. Auch hatten beide die gleichen dunkelblonden Haare.
„Ich bin schon da“, rief Oliver von oben und kam mit schnellen Schritten die Treppe herunter. Nachdem sie sich mit „hallo“ begrüßt hatten, nahm Oliver seinen Freund mit in sein Zimmer. Dort fiel Siegfrieds erster Blick auf ein Laufband. Das sei super, sagte er und fragte Oliver, wie oft er darauf trainiere. Jeden Tag fünf Kilometer, antwortete Oliver. Aber joggen draußen im Wald sei schöner, und das Auf und Ab im Gelände kräftige die Beinmuskeln. Siegfried stimmte ihm zu und fragte, wo er laufe. Er habe zwei Strecken, eine leichte ohne viel Steigung, und eine schwere hinauf zum Aussichtspunkt und in einem weiten Bogen zurück. Den Weg über den Aussichtspunkt kenne er und finde ihn sehr schön, sagte Siegfried. Darauf vereinbarten die beiden Jungs, am Sonntagmorgen diese Strecke gemeinsam zu laufen.
Siegfrieds zweiter Blick fiel auf eine Gitarre, die neben einem Regal in der Ecke lehnte. Welche Musik er spiele, fragte Siegfried.
Lachend antwortete Oliver meistens Opernarien. Er könne aber nicht gut spielen; er sei nur ein fortgeschrittener Anfänger. Seine Mutter liebe Arien von Mozart und Verdi. Sie spiele diese Art Musik auf dem Klavier und singe dazu mit einer klaren Sopranstimme.
Siegfried schmunzelte. Er spiele auch ein bisschen Gitarre, aber eher Rockmusik, Songs von den Beatles und anderen Bands.
Super, sagte Oliver, holte seine Gitarre aus der Ecke und bat Siegfried, einen Song zu spielen.
Er dürfe nicht zu viel erwarten, warnte Siegfried, nahm die Gitarre in die Hand, stimmte eine Saite nach und legte los, spielte und sang eine verkürzte Version von Yellow Submarine.
Die fremde Musik lockte Sylvia und die Mama in Olivers Zimmer. Am Ende applaudierten die beiden Frauen und Oliver.
Toll, hörte er von Sylvia.
An Siegfried gewandt sagte die Mama, sie würde sich freuen, wenn er hin und wieder zusammen mit Oliver spielen würde. Mit zwei Gitarren könne man zaubern.
Siegfried und Oliver lachten.
Kurz nach Siegfrieds sechzehntem Geburtstag forderte seine Mutter ihn auf ihr im Friseursalon zu helfen. Weil Anja, ihr Lehrling, sich krank meldete, brauchte sie jemand, der den Damen die Haare wusch, bevor sie mit der Feinarbeit begann. Sie zeigte ihm, wie er Haare waschen, spülen und abtrocknen müsse; er solle alle Handgriffe sanft ausführen, bloß nicht grob. Üben durfte er an Max, seinem vierzehnjährigen Vetter, der in den Schulferien zwei Wochen bei ihnen lebte, weil seine Eltern beide arbeiteten. Widerwillig ließ Max die Prozedur über sich ergehen; als Gast blieb ihm nichts anderes übrig.
Der Gedanke, an Stelle von Max einem hübschen Mädchen die Haare zu waschen, wühlte Siegfried auf. Nachts malte er sich aus, wie er Emma Bartel, das schönste Mädchen in seiner Klasse, zum Friseurstuhl führen und dann zart an ihrem Kopf berühren würde. Wenn er sich geschickt anstellte, käme er ihrem Mund ganz nah. Wahnsinn!
Zum Glück war seine erste Kundin weder hübsch noch jung. Dennoch spürte Siegfried seine Hände zittern, während er Frau Walter ein Handtuch um die Schultern legte. Mit ihrer Bemerkung, sie finde es schön, dass er seiner Mutter aus der Patsche helfe, nahm sie ihm seine Nervosität. Und dann fragte sie ihn nach der Schule, in welche Klasse er gehe und was sein Lieblingsfach sei.
Höflich beantwortete er ihre Fragen: Geographie und Biologie interessierten ihn sehr. Es sei doch faszinierend, wie viele verschiedene Tiere es gebe. Jeder Platz auf der Erde sei von Tieren besiedelt. Doch jede Tierart komme nur in einer bestimmten, für sie optimalen Klimazone vor, der Eisbär am Nordpol, die Giraffe in der warmen Savanne. Selbst unsere nächsten Verwandten, die Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans blieben in den warmen Urwäldern gefangen. Nur der Mensch breitete sich über die ganze Erde aus.
Alle Achtung, sagte Frau Walter, in ihm reife ein Wissenschaftler heran. Die feurige Begeisterung in seiner Stimme gefalle ihr.
Ein bisschen verlegen bedankte sich Siegfried für die lobenden Worte. Dann konzentrierte er sich wieder aufs Haarwaschen. Da Frau Walter wusste, wie die Schritte aufeinander folgten, wuschen sich die Haare wie von selbst. Sie war zufrieden, auch wenn sie an der Wassertemperatur herummäkelte: Beim Waschen war sie ihr zu warm, beim Spülen zu kühl.
Na, das sei doch halb so schlimm gewesen, meinte seine Mutter und ließ ihn wissen, dass er ihr am späten Nachmittag noch einmal helfen müsse. Gut, er hatte Ferien. Da sein Freund Oliver seine Großeltern besuchte, musste Siegfried sich die Zeit allein vertreiben. Er übte Gitarre und las Abenteuerromane.
Wolfsblut und andere Romane von Jack London faszinierten ihn und regten ihn an, die nahe gelegene Wildnis genau zu erkunden. Gerne zog er mit Rowdy los, dem kastrierten Schäferhund von Frau Semmelbrosler, seiner in die Jahre gekommenen Nachbarin; die freute sich, wenn ihr geliebter Rowdy sich müde laufen konnte.
Über einen Feldweg gingen Siegfried und Rowdy am Waldrand entlang zu einer Schlucht, die hinab zu einem Teich führte. Unterwegs hörten sie Amseln singen, Raben krächzen und Spechte hacken. Während Siegfried mit seinem Feldstecher einen Eichelhäher verfolgte, interessierte Rowdy sich für ein Eichhörnchen, das ein paar Meter vor ihm eine Buche hoch flitzte. Buchen waren die häufigsten Bäume in diesem Wald; daneben gab es auch Eichen und ein paar Fichten und Kiefern.
Am Teich setzte Siegfried sich auf einen quer liegenden Baumstamm und wartete darauf, dass etwas passierte. Rowdy streckte sich neben ihm aus und döste. Von den Libellen, die auf der Suche nach Beute über die Wasseroberfläche sausten, ließ Rowdy sich nicht stören. Doch als einmal zwei Rehe zum Teich kamen und tranken, hob er kurz den Kopf. Siegfried träumte vor sich hin, dachte an seinen Vater, dann an Emma. Er überlegte, mit welchem Song er Emma begeistern könnte. Ein Liebeslied oder …. Quakende Enten rissen ihn aus seinen Gedanken. Auch Rowdy richtete sich auf und warf einen Blick auf die drei Stockenten, die auf der Mitte des Teichs landeten. Sie gründelten eine Weile, brachen dann zu neuen Ufern auf. Rowdy legte sich wieder hin, und Siegfried träumte weiter. Nicht lange, dann kam ein Graureiher angeflogen, ein alter Bekannter, der sich auf dem kahlen Ast eines abgestorbenen Baumes niederließ. Unten im Wasser hatte Siegfried ihn nie gesehen. Vielleicht ist er wasserscheu, sinnierte Siegfried und lachte über sich selbst und diesen absurden Gedanken.
Wenn er mit Rowdy abends gegen die untergehende Sonne nach Hause trottete, fühlte er sich wie der Held eines seiner Romane.
Frau Walter hatte Siegfried zwei Euro zugesteckt. Wenn er von allen Frauen so viel Trinkgeld bekäme, könnte er Emma in die Eisdiele einladen zu einem richtig großen Eisbecher mit Früchten. Sofort schüttelte er den Kopf. Dieser Traum würde nicht in Erfüllung gehen, denn Emma hatte bereits einen Freund, einen etwa zehn Jahre älteren Typ, der sie mit einem roten BMW Cabriolet von der Schule abholte. Er sei Architekt, hieß es.
Am Nachmittag wusch Siegfried zwei Frauen die Haare, am nächsten Tag waren es fünf und am darauf folgenden drei. So ähnlich ging es noch sechs Tage weiter. Er übte, lernte, lächelte, erhielt Lob und sagte danke. Bei jungen Frauen machte ihm seine Arbeit Spaß, bei älteren dachte er an das Trinkgeld. Er hatte herausgefunden, dass er ein größeres Trinkgeld bekam, wenn er bei der Arbeit seine Kundin zärtlich an den Ohren und am Hals berührte, wie zufällig, nicht plump und nur einmal. Auch schmeichelhafte Worte über ihre schön geformten Ohren und ihren schlanken Hals hörten Frauen gern.
Er habe magische Hände, sagte Isabel Gander, eine junge Witwe, die ein kleines Modegeschäft in der Innenstadt besaß. Weil sie gern lachte und lustige Geschichten über den Hund ihrer Nachbarin, einen frechen Foxterrier, erzählte, bekam Siegfried zu ihr einen guten Draht. Es war sie, die ihn bedauern ließ, dass Anja gesund zurück kam und ihm seine Arbeit nahm.
Sieben Monate später musste Siegfried wieder im Friseursalon einspringen. Diesmal war Anja nicht krank sondern schwanger.
„Dieses dumme Ding“, schimpfte seine Mutter. „Mit siebzehn ungeschützt herumvögeln; die hat doch einen Vogel.“ An Siegfried gewandt sagte sie: „Das ist dir hoffentlich eine Lehre. Kein Sex ohne Kondom.“
„Ja, ja“, antwortete er. Mann war dieses Gespräch ihm unangenehm. Bislang hatte er überhaupt keinen Sex, weder mit noch ohne Kondom. Außer nächtlichen Fantasien gab es nichts.
Isabel Gander hatte ihn nicht vergessen. Freudvoll lächelnd begrüßte sie ihn im Friseursalon; es sei schön, dass er wieder seiner Mutter helfe. Siegfried überlegte, was er ihr antworten könnte. Da ihm auf die Schnelle nichts Gescheites einfiel, lächelte er. Während er ihr die Haare wusch und sie zärtlich an Ohren und Hals berührte, lobte sie wieder seine magischen Hände. Diese Hände würde sie am liebsten mitnehmen. Siegfried lachte, und sie lachte mit ihm. Bevor er sie an seine Mutter weitergab, erzählte sie ihm von einem Posten exquisiter Poloshirts, den sie vor ein paar Tagen hereinbekommen habe. Diese Shirts solle er sich einmal anschauen; da sei bestimmt eines dabei, das ihm gefalle. Oh ja, das interessiere ihn, versicherte er und fragte, wann es ihr passe. Am besten abends nach Ladenschluss, dann habe sie Zeit für ihn, antwortete sie.
Warum er am Abend seine Mutter anlog und sagte, er wolle wegen der Klassenarbeit in Mathematik noch kurz zu Oliver, wusste er selbst nicht. Er solle vorsichtig fahren, rief sie ihm nach. Vorsichtig fahre er immer, rief er zurück, schwang sich auf sein Fahrrad und trat in die Pedale. Es war kein weiter Weg; nach fünf Minuten schloss er sein Velo an den Radständer der Apotheke neben der Boutique Isabel. Schnurstracks ging er zur Ladentür und drückte die Klinke. In seinem Schwung wäre er beinahe mit dem Kopf gegen die Glasscheibe gekracht, denn die Tür war abgeschlossen. Durch das Schaufenster sah er, dass sich innen jemand bewegte; ja, es war Frau Gander, die lächelnd herbeieilte und ihm öffnete. Schön sah sie aus mit ihren brünetten Haaren, die leicht gewellt über ihre Ohren fielen. Ihre großen braunen Augen und ihre dunkelrot geschminkten Lippen waren ihm schon im Friseursalon aufgefallen. Sie sei immer elegant gekleidet, hatte Siegfried von seiner Mutter gehört. Ja, das konnte er bestätigen. Heute trug sie eine beigefarbene Seidenbluse, einen blauen Rock und blaue Pumps.
Er komme spät, stellte sie fest.
Das tue ihm leid; seine Mutter habe ihn nicht früher gehen lassen.
Es sei alles okay, sagte sie, er solle sich locker fühlen.
Interessiert schaute Siegfried auf die vielen Kleider, Blusen, Röcke, Jacken und Mäntel. An einer Modepuppe, die unvollständig mit weißer Unterwäsche in feiner Spitze bekleidet war, schien Frau Gander gerade gearbeitet zu haben. Für Siegfried war das alles neu.
Ob es ihm in ihrer Boutique gefalle, fragte Isabel.
Ja, sehr, so einen Laden habe er noch nie betreten.
Frau Gander berührte seinen Arm und forderte ihn auf ihr zu folgen. Die Poloshirts lägen im Nebenraum bei den Unisex Klamotten. Nach ein paar Schritten hielt sie vor einem Tisch mit zwei Stapeln von Shirts. Die links seien aus reiner Baumwolle und die rechts aus Baumwolle mit fünf Prozent Kaschmir, erklärte sie. Die mit Kaschmirwolle müsse er einmal anfassen, die seien wunderbar weich, so weich, dass sie die Haut liebkosten. Sie zog ein dunkelblaues, mittelgroßes Shirt aus dem Stapel und reichte es ihm. Diese Größe sollte ihm passen. Ob ihm die Farbe gefalle.
Ja, dunkelblau sei seine Lieblingsfarbe.
Langsam ließ er den Stoff durch seine Finger gleiten, lächelte und sagte, so etwas Weiches habe er noch nicht gefühlt.
Ob er ihr eine Freude mache und dieses Shirt anprobiere; sie würde es gerne an ihm sehen. Nebenan gebe es eine Umkleidekabine.
Damit hatte Siegfried nicht gerechnet; doch weil er nicht sagen wollte, nein, diese Freude möchte er ihr nicht machen, ging er mit dem Shirt in die Kabine, zog seinen Pulli aus und das Poloshirt an. Was er im Spiegel sah, gefiel ihm. Selbstsicher lächelnd trat er aus der Kabine.
„Super“ hörte er von Frau Gander. Sie ging auf ihn zu, zupfte an seinen Schultern herum und zog den Stoff an der Taille glatt. Dabei kam sie ihm so nah, dass sie ihn mit ihrem Busen berührte. Er konnte nicht anders als sie in seinen Armen aufzufangen. Statt ihm mit Worten zu danken, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund. Ungestüm küsste er zurück. Sie kraulte ihn am Hinterkopf. Er streichelte sie an den Ohren und am Hals. Gespannt wartete er darauf, was als Nächstes passieren würde.
Lächelnd fragte sie ihn, ob er schon einmal gevögelt habe.
Nein, antwortete er, nur im Internet.
Im Internet zugeschaut?
Weil er darauf nichts sagte, schob sie die Frage nach, ob er gerne einmal richtig vögeln wolle, zusammen mit ihr.
Ein lautes „Ja“ schoss aus seinem Mund; sie sei seine Traumfrau.
Sie lachte; er sei süß.
Beim nächsten Kuss öffnete sie den Knopf und den Reißverschluss an seiner Jeans. Keck griff er an ihren Po und zog ihren Rock hoch. Jetzt gab es kein Halten mehr. Isabel bückte sich zu ihrer Handtasche und fischte ein verschweißtes Päckchen heraus. Was dann genau passierte, konnte er nicht sagen, denn er hatte einen Blackout. Als er wieder zu sich kam, lag er auf einer Isomatte und Isabel saß auf ihm; und dann durchströmte ihn ein grandioses Gefühl. Etwas so Schönes habe er noch nicht erlebt, gestand er. Danke, danke.
Es sei auch für sie wunderschön gewesen, versicherte Isabel. Nach einem Kuss richtete sie sich auf. Sie reichte ihm ein Kosmetiktuch und wollte das Kondom. Damit kein Sperma auslief, verknotete sie das offene Ende, bevor sie das Gummisäckchen auf ein Handtuch legte.
Siegfried erhob sich, schaute zu Isabel und lächelte sie an. Sie sei eine tolle Frau, sagte er, nicht so albern wie die Mädchen in der Schule. Er habe manche Nacht von ihr geträumt, und heute habe sich sein kühnster Traum erfüllt. Danke.
Sie nannte ihn einen Schatz und drückte sich an ihn.
Er nahm ihren Kopf zart in beide Hände und näherte sich ihren Lippen, da klingelte sein Handy.Auweia, dachte er, dieses blöde Gerät hätte ich ausstellen sollen. Weil das Klingeln nicht aufhörte, nahm er das Gespräch an.
Aufgebracht fragte seine Mutter: „Wo treibst du dich herum? Du bist doch nicht bei Oliver, denn der wollte dich gerade besuchen.“
„Nei-ein“, stammelte er. „Unterwegs habe ich mich anders entschieden. Ich bin zur Boutique Isabel gefahren, weil ich ein Poloshirt kaufen wollte, eines von den besonders weichen, die Frau Gander hereinbekommen hat.“
„So, so“, sagte seine Mutter, dann beendete sie das Gespräch.
Grinsend blickte er zu Isabel, die neben ihm in ihren Rock schlüpfte.
Wenn es um Liebe gehe, seien kleine Lügen erlaubt, behauptete sie. Schmunzelnd nahm sie das Shirt, legte es zusammen und steckte es in eine weiße Papiertüte, auf der in lila Farbe ‚Boutique Isabel‘ stand.
Wie viel das Poloshirt koste, fragte er.
Das sei ein Geschenk. Wenn seine Mutter wissen wolle, wie viel er dafür bezahlt habe, solle er zwanzig Euro sagen. Verschworen lächelte sie ihm zu.
Nun musste auch er lachen. Danke, danke. Ob er morgen Abend wieder kommen dürfe, fragte er.
Aber sicher, sagte sie.
Er verabschiedete sich mit einer Umarmung und einem Kuss.
Sie führte ihn zum Seitenausgang, der sich in ein Treppenhaus öffnete. An diese Tür solle er morgen Abend dreimal klopfen.
„Dreimal“, wiederholte er, dann huschte er hinaus.
Zuhause erwartete ihn seine vorwurfsvoll dreinblickende Mutter. „Lüg‘ mich nicht an; da steckt doch ein Mädchen dahinter.“
„Nein, ich habe wirklich in der ‚Boutique Isabel‘ ein Poloshirt gekauft.“ Seine Worte unterstreichend holte er das Shirt aus der Tüte und zeigte es ihr.
Sie nahm es in die Hand. „Das fühlt sich wirklich sehr weich an“, sagte sie. Dann fragte sie nach dem Preis. Zwanzig Euro hielt sie für günstig. Lächelnd äußerte sie: „Vielleicht kaufe ich mir auch so ein feines Teil.“
In der Nacht träumte er von Isabel. Was für eine fantastische Frau. Sie lachte gern und schien immer gut gelaunt zu sein. Lachen machte sie schön. Offenbar hatte sie den Tod ihres Mannes gut überstanden. Ihr Mann sei ein ‚wilder Hund‘ gewesen, hatte Siegfried im Friseursalon aufgeschnappt; kurz nach der Hochzeit sei er mit dem Motorrad tödlich verunglückt. Anschließend habe Frau Gander mit einer Frau zusammengelebt. Sie sei eine Lesbe, meinte seine Mutter.
Der nächste Tag verging für ihn schleppend langsam. Er hätte französische Vokabeln lernen sollen, dachte aber ständig an Isabel. Gegen Abend sagte er zu seiner Mutter, er brauche Bewegung, wolle noch ein bisschen Rad fahren. Nach einem Ciao radelte er hinaus in einen windigen Spätsommerabend. Auf halber Strecke stoppte er am Stadtpark, ging zu einem versteckt gelegenen Rosenbusch und schnitt mit seinem Taschenmesser eine rote Rose ab. Es wird mich doch niemand beobachtet haben, hoffte er, als er die Rose in der Brusttasche seiner Jacke verbarg.
Heute stellte er sein Fahrrad am Supermarkt ab und legte die letzten hundert Meter bis zur Boutique zu Fuß zurück. Während er dreimal an die Tür des Seiteneingangs klopfte, spürte er wie sein Herz hart gegen seine Rippen schlug. Innen hörte er Schritte; einen Augenblick später öffnete Isabel die Tür und zog ihn in die Boutique hinein. Bevor er die Rose aus seiner Jackentasche nehmen konnte, drückte sie sich an ihn. Ihre Lippen trafen seine. Bei zärtlichen Küssen vergaß er die Rosendornen, die durch sein super weiches Shirt in seine Brust stachen. Nachdem Isabel die Umarmung lockerte, griff er in seine Brusttasche und holte eine zerquetschte Rose heraus. Die könne sie vergessen, sagte er.
Nein, widersprach sie ihm, das sei eine von Liebe erdrückte Rose, die Schönste die sie jemals bekommen habe. Danke. Sie werde diese Rose unter ihr Kopfkissen legen.
Er lachte. Platt gedrückt passe sie gut unter ihr Kissen.
Isabel lachte nicht. Es gehe ihr heute nicht gut, sagte sie; Kopfschmerzen quälten sie.
Ob er etwas für sie tun könne, fragte Siegfried.
