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Samir hat seine Flucht nicht geplant. Sein Vater schickt ihn weg. Auf seiner Flucht lernt er die unterschiedlichsten Menschen kennen und findet vorübergehend einen Freund. Ohne eigene Mittel erreicht Samir schließlich Westeuropa. Unterwegs erlebt er, was es heißt zu fliehen. Oft weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Er hat kein bestimmtes Ziel für seine unvorbereitete Flucht. Endlich erreicht er ein Ziel. Das will er zu seinem eigenen machen.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jakob Arnold
Samir
Auf der Flucht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Ich hatte das Gefühl, ich muss mal pinkeln. Meine Blase war so voll, dass ich aufgewacht war und nicht wieder einschlafen konnte. Draußen war es dunkel, es konnte noch nicht der Morgen sein. Die Nacht war noch gar nicht rum. Unsere Uhr konnte ich in der Dunkelheit trotz intensiver Suche nicht finden. Jede Ecke, jede Nische, in der unsere einzige Uhr sein könnte, tastete ich ab. Wir haben nur die eine Uhr und alle achten darauf, dass sie immer aufgezogen ist, damit sie nur nicht mal stehen bleibt. Jeden Abend vor dem Schlafengehen wurde die Uhr voll aufgezogen, nicht, dass sie in der Nacht mal stehen bleibt. Nach was sollten wir uns dann wohl richten? Ich wollte kein Licht anmachen, um die anderen Mitglieder der Familie, die im selben Raum auf dem Boden auf Matten liegen und schlafen, nicht zu wecken.
Unsere Hütte hatte eigentlich nur einen Raum, nur das Plumpsklo war ein wenig abgetrennt. Man muss nicht immer gleich sehen, wer auf dem Klo sitzt. Ansonsten gibt es nur noch eine Feuerstelle, auf der Mutter immer das Essen zubereitet, zumindest wenn es was Warmes zum Essen gibt. Meistens brauchten wir die Feuerstelle nur, um abends vor dem Schlafengehen ein wenig zu heizen, denn die Nächte wurden schon ganz schön kalt. Man konnte dann nicht richtig schlafen, wenn es in der Hütte so kalt wird. Die dünnen selbstgewebten Decken hielten kaum warm. Manchmal versuchten wir uns zu zweit unter zwei Decken zu legen damit wir wenigstens ein wenig Schlaf bekamen.
Jetzt aber war es mir nicht mehr möglich einzuschlafen. Meine Blase drückte. Ich musste endlich mal pinkeln. In der Hütte, in dem abgetrennten Klo, wollte ich das nicht machen. Ich hätte wahrscheinlich einige Familienmitglieder aufgeweckt oder die, die bereits wach waren, hätten gefragt, wo ich denn hinwolle. Sollte ich denen dann sagen, dass ich nur mal pinkeln musste. Das wäre mir peinlich gewesen. Die anschließende Diskussion ob ich denn wohl krank sei und ob es mir auch gut gehe, wollte ich vermeiden. Also bin ich hinter unsere Hütte, die etwas außerhalb unseres Dorfes lag, gegangen. Zu keinem Busch, denn es gibt keine richtigen Büsche mehr in der Nähe des Dorfes. Alles, was brennbar war hatten wir verbrannt. Wir wollten ja nicht erfrieren. Ich habe einfach in den Sand gepinkelt. Es war eh dunkel, wer sollte mich wohl sehen?
Einen Moment lang musste ich beim Pinkeln Pause machen, mein Strahl brach ab. Da hörte ich ein schlurfendes Geräusch. Ich kann es gar nicht beschreiben. Es klingt so, wie wenn sich jemand im Sand heranschleicht. Leise zog ich meine Hose hoch, duckte mich und schaute angestrengt in die Richtung aus der ich das Geräusch gehört hatte. Doch in dem kaum durchzudringenden Dunkel der Nacht – Wolken waren am Himmel aufgezogen und dahinter verbarg sich der Mond – konnte ich nichts Besonderes entdecken.
Plötzlich hörte ich Geräusche von Schritten. Es waren viele Geräusche. Da mussten mehr als nur ein Mann sein. Wenn es demnach mehrere waren, was wollten die denn wohl von uns armen Schluckern. Meine Familie besaß doch nichts. Leise und langsam hob und reckte ich meinen Kopf etwas, um vielleicht genauer erkennen zu können, was, besser wer, da auf mich und meine Familie zukam. Doch da war so gut wie nichts zu erkennen. Nur einige etwas dunklere Flecken bewegten sich in der schwarzen Nacht. Es schienen Personen zu sein, Tiere bewegten sich selten gebückt.
Eigentlich war ich mit dem Pinkeln noch gar nicht fertig. Der Druck in meiner Blase nahm wieder zu. Ich müsste weiterpinkeln, nicht nur tröpfeln, doch dann würden die dunkelgrauen Wesen, wer immer das war, bestimmt auf mich aufmerksam. Was sollte ich in solcher Situation nur machen? Bevor ich mich noch entscheiden konnte lief es mir warm am Bein hinunter. Zum Glück hatte ich keine Unterhose an, die hätte nass werden können. Nur meine Schlafanzughose, falls man meinen Lendenschurz so nennen wollte, war durchtränkt von meinem Urin.
Da stand ich ganz allein in der Dunkelheit, sah merkwürdige Schatten, so es denn nur Schatten waren, auf mich oder besser auf unsere Behausung zukommen und ich hatte keine Ahnung, was ich überhaupt machen sollte. Ich duckte mich hinter einen der Büsche direkt neben mir. Ich weiß gar nicht mehr wie ich den Busch überhaupt hatte finden können. Es war so dunkel, dass ich kaum meine Hand vor meinen Augen sehen konnte, obwohl ich sie versuchsweise ganz nah davor hielt. Den Busch konnte ich nur erkennen weil er mir noch dunkler erschien als die Dunkelheit der Nacht um mich herum. Hunger machte sich in meinen Eingeweiden breit, jetzt wo ich die Blase leer hatte. Es war ein merkwürdiges Gefühl der Leere, der Schwerelosigkeit.
Seit Tagen hatte ich kaum feste Nahrung zu mir genommen. Meine Mutter hatte kaum Essbares für uns. Sie war froh, uns wenigstens das Überleben ermöglichen zu können indem sie uns ein wenig Milch gemischt mit Wasser, - damit es mehr wurde -, zum Essen gab. Jetzt war wohl die Milch in meinen Därmen verdaut, die Flüssigkeit durch meine Blase weggelaufen und ich verspürte ein irrsinniges Verlangen nach etwas Essbaren, nach etwas, das man kauen konnte.
Irgendwie fühlte ich den Busch vor mir. Die Äste mit ihren Blättern bewegten sich sanft und leise im Wüstenwind, - ein kaum hörbares Geräusch -, ein Zeichen, dass die Nacht zu Ende ging. Bald würde es wieder hell werden und ein neuer Tag beginnen.
Meine Eingeweide, mein Magen, meine Därme fingen an weh zu tun von dem Hunger, der langsam aber unaufhaltsam durch meine Eingeweide kroch. Ich musste etwas Essbares, Kaubares, finden sonst würde ich wieder in diesen merkwürdigen Dämmerzustand rüber gleiten, der einem das Hungergefühl vergessen lässt. Da war doch in der Nähe immer noch dieses dunkle Etwas, von dem ich meinte, es sei ein mögliches Versteck, dieser Busch. Wenn es an diesem Busch etwas Essbares gab, dann musste ich, dann würde ich das probieren. Der gefährlich immer näher kommende Dämmerzustand in Kopf und Körper musste verhindert werden, zumindest solange, wie die möglichen, in Umrissen nur als Schatten erkennbaren Angreifer um unsere Behausung schlichen.
Also betastete ich mit geschlossenen Augen den vor mir stehenden Strauch. Ich konnte die Äste fühlen, aber da waren auch Blätter an den Ästen. Ob die wohl essbar sind, ging es mir durch den Kopf. Doch der Hunger war stärker als der Verstand. Die Frage erübrigte sich.
Von dem mir am nächsten wachsenden Ast zupfte ich ein Blatt ab. Doch nicht nur das Blatt löste sich. Ein Stück Ast löste sich gleich mit und brach ab. Ich steckte ein Stück des Blattes in den Mund und begann zu kauen. Das Blatt war saftig und der Saft löschte meinen Durst. Nur mein Hungergefühl wollte nicht verschwinden. Je länger ich kaute desto weniger angenehm empfand ich den Geschmack des Blattes. Portionsweise, - in kleinen Portionen -, würgte ich den zerkauten Blattbrei durch die Speiseröhre runter in den Magen. Dort angekommen verursachte er ein Stechen, Zerren und Ziehen in meinen Eingeweiden wie ich es vorher noch nie gekannt hatte. Was könnte ich wohl tun, wenn das Blatt giftig für mich war? Wenn ich meinen Zeigefinger in den Hals steckte, würde ich anfangen zu würgen und es würde mich zum Brechen heben. Dann würde ich wohl meinen gesamten Mageninhalt auskotzen. Ich hatte keine Sicherheit ob mir das helfen würde. Als ich noch darüber nachdachte, arbeitete der Blattbrei weiter in meinem Magen. Ich hatte ein Gefühl als habe er sich bereits in meinem gesamten Inneren ausgebreitet. Es zog und zerrte, ich hatte ein Gefühl, als zöge sich alles in meinem Körper zusammen.
Trotz der Schmerzen versuchte ich mit weit aufgerissenen Augen die mich umgebende Dunkelheit zu durchdringen. Die Schatten, beweglich oder nicht, wurden immer größer. Da geschah etwas mit mir, mit meinem Körper, das ich mir nicht erklären konnte. Die Größenverhältnisse um mich herum veränderten sich. Noch war mir nicht klar ob ich kleiner oder ob alles um mich herum größer wurde. Ein Stück des Astes hielt ich fest in meiner Hand. Ich konnte mir gar nicht erklären warum ich es nicht einfach fortgeschmissen hatte.
Da kam plötzlich ein Windhauch aus der Wüste, blies mich an und ich konnte kaum das Gleichgewicht halten. Ganz langsam schwand die nahezu undurchdringliche Dunkelheit. Langsam, ganz langsam, konnte ich die Dinge um mich herum immer deutlicher erkennen. Da war die Hütte, die ich gerade noch verlassen hatte, um pinkeln zu gehen. Neben mir konnte ich den Busch erkennen, seine grauen Äste mit den merkwürdigen, fleischigen, saftigen Blättern, die mir so wohltuend den Durst gelöscht hatten und deren Verzehr zu diesen unerklärlichen Schmerzen geführt hatten. Neben der Hütte konnte ich noch einige Männer, ich glaube zumindest, dass es Männer waren und keine Frauen, erkennen. So wie sie in der Dunkelheit versucht hatten, der Hütte immer näher zu kommen, so traten sie jetzt den Rückzug an und entfernten sich leise und langsam von unserer Hütte. Ich konnte mir nicht erklären, was diese Männer an der Hütte oder besser von den Bewohnern der Hütte, meiner Familie, wollten.
Der Busch neben mir schien immer größer zu werden. Zumindest hatte ich diesen Eindruck. Genauso unsere Hütte, die doch so unscheinbar und schäbig war. Jetzt kam sie mir auf einmal riesengroß vor. Da geschah etwas mit mir, das ich mir nicht erklären konnte. Jetzt spürte ich es auch wieder wie es zog und zerrte, wie sich alles in meinem Inneren zusammenzuziehen schien. Ich konnte mich weder auf die sich verändernden Größenverhältnisse noch auf meine schmerzenden Eingeweide konzentrieren.
Einen schwindend kurzen Augenblick durchfuhr mich der Gedanke an meine Familie in der Hütte. Die hatten wohl hoffentlich von alledem was hier draußen passiert war und immer noch passierte nichts mitgekriegt. Sie hatten hoffentlich tief und fest geschlafen. Alles was hier draußen um die Hütte vor sich gegangen war, war ja äußerst leise und in Dunkelheit vor sich gegangen. Außerdem musste wohl keines der anderen Familienmitglieder - außer mir – pinkeln. Wieder durchzog ein ziehender Schmerz meine Eingeweide. Der Busch schien immer größere Ausmaße anzunehmen. Die schattenhaften Gestalten waren bereits wieder hinter einer Sanddüne verschwunden und ich konnte sie nicht mehr sehen. Sollte alles das, was hier draußen gerade mit mir vorgegangen war, nur ein Traum gewesen sein? Der Schmerz war aber immer noch fühlbar. Ich musste mich nicht zwicken, das war kein Traum. Je intensiver ich meine Umgebung betrachtete desto mehr wurde mir klar: Ich schrumpfte und mit mir alles, was auch nur meinen Körper berührte, meine Kleidung, Blätter und Äste, die ich in Händen hielt. Alles um mich herum schien größer zu werden. Doch das schien nur so weil ich selber immer kleiner wurde. Alles an mir und in mir veränderte seine Größe, wurde langsam aber stetig immer kleiner. Ich beschäftigte mich nur noch mit mir.
Da war kein Platz mehr für irgendwelche anderen Gedanken. Ich versuchte mich selber zu betrachten, schaute an mir runter, einen Spiegel hätte ich gut gebrauchen können, hatte aber keinen. Als ich an mir runter sah, sah ich wie meine Füße immer kleiner, meine Beine immer kürzer wurden. Die Größe meines Kopfes versuchte ich zu fühlen im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen Händen zu begreifen. Meine kleiner werdenden Hände konnten nach wie vor den Kopf fassen. Für sie fühlte er sich nicht größer an als vorher. Wenn ich mich doch nur mal selber als Ganzes sehen könnte?
Die Dinge um mich herum schienen zu wachsen - oder? Zumindest schien es mir so. Allmählich begriff ich, dass ich es selber war, der seine Größe veränderte. Ich wurde immer kleiner, immer kleiner. Zuerst hatte ich dabei das Gefühl als würde ich im Sand einsinken. - Nein, ich war jetzt so groß wie ein Sandkorn! Alles um mich herum sah jetzt riesengroß für mich aus. Ich musste endlich innerlich zur Ruhe kommen, mich einen Moment lang besinnen. Ich dachte darüber nach, was da gerade passiert war. Ich lehnte mich erst mal an ein Sandkorn und versuchte tief durchzuatmen. Doch was war das? Das Sandkorn begann zu rollen, von mir weg. Wie das? Seit wann konnte ich eine solch große Sandkugel bewegen? Als ich versuchte die Kugel anzuheben gelang mir auch das. Die Kugel war überhaupt nicht schwer. Woher kam wohl meine Kraft? Ob die sich nicht veränderte?
Ich dachte darüber nach und gedankenverloren begann ich an dem Stück Holz, dem Stück Ast, das ich beiläufig in die Tasche gesteckt hatte, zu kauen. Wieder schien sich die Größe des Sandkorns zu verändern. Doch diesmal passte ich genau auf und ließ mich nicht mehr täuschen. Ich selbst, mein Körper, wurde wieder größer und zwar so lange bis ich meine ursprüngliche Größe wiedererlangt hatte. Ich versuchte einen in der Nähe liegenden Felsblock zu bewegen, doch der rührte sich nicht vom Fleck.
Ein Blatt kauen machte demnach zwar kleiner aber stärker – am Holz kauen macht andersherum wieder größer aber man verlor seine Kraft. Ob das für alle Pflanzen in der Umgebung unserer Behausung galt? Ich musste es ausprobieren.
Neben unserer Hütte war ein Gebüsch, das uns ein wenig schützen sollte. Jetzt riss ich ein Blatt von diesem nächstgelegenen Busch, brach einen Ast ab, schlich zur Seite und hockte mich ein wenig abseits. Niemand sollte etwas von meinem Versuch bemerken. Nachdem ich ein Stück von dem Blatt zerkaut und runtergeschluckt hatte, wartete ich eine ganze Weile. Nichts geschah, Größen veränderten sich nicht. Ich blieb so wie ich war. Da brauchte ich kein Stück mehr vom Ast probieren. Was sollte denn auch rückgängig gemacht werden?
Also musste ich es mit einem anderen Busch probieren. Ich schlich zu dem Busch, hinter den ich gegangen war um zu pinkeln und von dem aus ich die Schatten gesehen hatte. Wieder riss ich ein Blatt ab, brach ein Stück von einem Ast ab und hockte mich hinter den Busch damit mich niemand sehen konnte. Ein ganzes Blatt zu zerkauen traute ich mich nicht. So biss ich ein fingernagelgroßes Stück aus dem Blatt, zerkaute es und schluckte den Brei hinunter in meinen Magen. Wieder zog und zerrte es in meinem Inneren, alles schien sich zusammenzuziehen. Die gleichen Schmerzen, das gleiche Unwohlsein wie eben. Was jetzt wohl mit mir passieren würde?
Die Größenverhältnisse um mich herum veränderten sich zuerst langsam dann immer schneller aber stetig und nicht sprunghaft. Schließlich war ich so groß wie das Sandkorn neben mir. Ich konnte es ohne Mühe heben. Ich wollte sehen was ich noch konnte also schlug ich gegen das Sandkorn. Das sauste weg wie von einem Gewehr abgeschossen, durchschlug einen Ast des nahegelegenen Busches und ward nicht mehr gesehen. Es hatte keinen Knall gegeben wie bei einem Schuss, nur ein hoher Pfeifton war zu hören als das Sandkorn absauste. Ich war zwar verdammt viel kleiner geworden hatte aber dafür kaum vorstellbare Kräfte, die ich noch weiter ausprobieren musste, damit ich sie sinnvoll einsetzen konnte. Jetzt aber erst mal schnell ein Stück vom Ast kauen um meine normale Größe wiederzuerlangen. Etliche weitere Versuche mit Blättern und Ästen anderer Büsche der Umgebung blieben folgenlos für mich. Es veränderte sich nichts, nicht das geringste. Die Größenverhältnisse veränderten sich wohl nur nach dem Genuss der Blätter und der Äste bei dem einen Busch.
Den schaute ich mir genauer an. Ich suchte nach einem besonderen Merkmal, an dem ich ihn jederzeit wiedererkennen konnte. Nichts konnte ich finden. Der Busch sah eigentlich genauso aus wie die anderen Büsche, die in der Nähe unserer Behausung standen. Auch die Blätter unterschieden sich eigentlich nicht. Wie sollte ich unter solchen Umständen mein Experiment wiederholen können? Ich wollte doch nur wissen ob die Veränderung meiner Körpergröße allein durch das Kauen eines Blattes von dem einen besonderen Busch hervorgerufen wurde.
Also blieb mir nichts anderes übrig als mir meine Taschen mit den Blättern von diesem einen Busch vollzustopfen. Die Aststücke, die ich vom Busch abbrach verstaute ich vorsichtig in meiner Hose im Hosenbund. Um nicht überrascht zu werden ging ich etliche Schritte von unserer Behausung weg suchte mir eine schlecht einsehbare Stelle und versuchte wieder meine Größe zu verändern. Das ging ganz leicht nur das Ziehen und Zerren in meinen Eingeweiden war jedes Mal dabei. Nicht einmal ein ganzes Blatt war nötig. Zur Veränderung genügte das Kauen und Schlucken eines ganz kleinen Stückes. Zur Rückverwandlung reichte ein kleiner Splitter eines Astes. Ich fragte mich wofür oder für wen das Ganze wohl von Nutzen sei, oder sein könnte.
Die Luft im Bus war heiß und stickig. Als mein Vater mich in den gerade bei uns im Dorf haltenden Bus schob, sah ich zum ersten Mal ein solches Fahrzeug von innen. Ein solches Fahrzeug, heute weiß ich, dass man es Bus nennt, kam sonst höchstens einmal im Monat bei uns durch. Er hielt nicht immer. Nur wenn Leute ein- oder aussteigen wollten. Wir im Dorf kannten den „Bus“ nur als ein laut dröhnendes Fahrzeug, in dem, in so einem, mehrere Menschen transportiert werden konnten. Es gab in unserem Dorf kein einziges motorisiertes Fahrzeug. Selbst der Dorfälteste hatte kein motorisiertes Fahrzeug. Wir gingen zu Fuß oder fuhren mit einem Ochsenkarren, wenn man einen Ochsen hatte.
Jetzt auf einmal saß ich in so einem laut dröhnenden Fahrzeug. Nicht alleine sondern mit noch etlichen anderen Menschen, die fast alle erwachsene Männer und Frauen waren. Vorsichtig setzte ich mich hin. In dem Fahrzeug waren auf beiden Seiten, rechts und links an den Fenstern, hintereinander Bänke eingebaut, auf denen immer zwei Personen nebeneinander sitzen konnten. Ich setzte mich auf einen freien Platz auf einer dieser Bänke. Nachdem ich mich gesetzt hatte wagte ich es, mich ganz vorsichtig etwas umzuschauen. Neben mir saß ein etwas älterer Mann. Er döste vor sich hin. Wie alt er war konnte ich nur schätzen. Er erschien mir natürlich viel älter als er wohl in Wirklichkeit war, weil ich ja noch so jung war.
Der Geruch vom Schweiß der Mitfahrer war kaum zu ertragen. Etliche waren oft genauso viel oder wenig bekleidet wie ich. Einige hatten sich ganz besonders warm mit einem Mantel bekleidet. Es war eine bunt gemischte Menschenmenge in dem Bus. Die, die keinen Sitzplatz hatten oder sich ausstrecken wollten, machten es sich im Mittelgang bequem. Wohin der Bus fuhr und wo er mal halten würde, wusste niemand, außer wahrscheinlich dem Busfahrer. Er musste wohl laut gesagt haben, wohin er fahren wollte, sonst würden nicht so viele Menschen den Bus bevölkern.
Am späten Vormittag, es musste später Vormittag gewesen sein denn wir zuhause hatten schon lange gefrühstückt aber noch kein Mittagessen gehabt, kam der Bus durch unser Dorf. Vater hatte mich ohne zu fragen in den Bus gesetzt und nur leise zu mir gesagt: „ Sami, Du musst hier fort! Hier bist du nicht sicher! Am besten, du schaffst es bis Europa. Da bist du bestimmt sicher!“ Es war keine Zeit für längere Erklärungen. Zu dem Busfahrer flüsterte mein Vater noch leise, so dass ich es kaum hören konnte:“ Das ist Sami. Passen sie bitte ein wenig auf ihn auf. Er muss aus unserem Land hier, damit ihm nichts passiert. Danke!“ Mein Vater erklärte mir nicht, was Europa bedeutete. Was hatte ich denn bisher von der Welt gesehen? Ich kannte gerade mal unser Dorf, die kleine Ansammlung kärglicher Hütten. Ich kannte die Menschen, die hier „wohnten“, die Tiere, die im Dorf und um das Dorf herum lebten.
Da fielen mir die Schatten der Menschen ein, die in der letzten Nacht um unsere Behausung geschlichen waren. Es mussten Menschen, Männer, gewesen sein. Tierspuren hatte ich keine entdeckt. Mutter hatte mir ein wenig essbares in ein Tuch gewickelt und mir zugesteckt bevor Vater mich in den Bus schob.. In der Tasche meiner Hose fühlte ich die Blätter und die Aststücke des merkwürdigen Busches. Ich versuchte mich zu erinnern ob es schnell gegangen war mit meiner Größenveränderung oder ob es relativ lange gedauert hatte. Warum mich solche Gedanken beschäftigten konnte ich mir nicht erklären. Genau so wenig hatte ich eine Idee wozu eine solche Verkleinerung wohl gut sein könnte. Irgendwann würden der Zeitpunkt und der Ort kommen und dann konnte ich ausprobieren was man alles mit den Blättern und Ästen des merkwürdigen Busches tun konnte. Jetzt saß ich erst einmal in einem heißen, stickigen Bus, der irgendwohin fuhr, wohin, wusste ich nicht. Am Stand der Sonne konnte ich oft nur erkennen, dass wir nach Westen fuhren.
Nach Westen – nach Westen? Aber da ist doch Persien! Was soll ich denn in Persien? Die würden mich doch sofort zurückschicken, wenn sie mich erwischten und merkten, dass ich aus Afghanistan kam. Was hatte sich mein Vater denn da gedacht? Je länger wir nach Westen fuhren desto näher kamen wir der Grenze nach Persien. Was sollte ich nur machen? Mir fiel nichts Ordentliches ein, nichts was mich retten könnte. Halt! Meine rechte Hand umfasste in der Hosentasche ein Blatt. Sollte das die Lösung sein? Wenn ich jetzt ein Stück eines Blattes kauen würde, würde ich so klein wie ein Sandkorn werden und könnte mich problemlos im Bus verstecken. Das war eine gute Idee! Also biss ich ein kleines Stück ab, kaute es zu einem Brei, schluckte es runter und schon ging es los. Ich begann zu schrumpfen. Scheinbar wurde es von keinem der Mitreisenden bemerkt bis ich meinen Nachbarn plötzlich fragten hörte:“ Wo ist er hin? Ich hab ihn doch gar nicht weg gehen sehen.“ Da merkte ich, dass ich schon fast aus den Augen der anderen verschwunden war. Die Größe eines Sandkorns konnten sie kaum als einen winzigen Menschen erkennen. Das war meine Chance unbemerkt über die Grenze zu kommen. Es gelang. Keiner der Grenzbeamten merkte etwas. Die anderen Reisenden verhielten sich absolut still und ließen die Kontrollen kommentarlos über sich ergehen. Hinter der Grenze nahm ich ein Stück vom Ast aus meiner Hosentasche und zerkaute es. So bekam ich wieder meine ursprüngliche Größe. „ Wo kommst du denn her? Ich hab dein Kommen gar nicht bemerkt, “ flüsterte mir erstaunt mein Nachbar zu. „ Hattest wohl Angst vor dem Grenzübergang? Aber jetzt ist alles gut. Wir haben es überstanden.“ Ich konnte ihm nicht erzählen, dass ich alles mitbekommen hatte, denn ich war ja im Bus geblieben, eben nur winzig klein.
Der Bus fuhr immer weiter nach Westen. Die Reisenden sprachen so gut wie nicht miteinander. Jeder döste vor sich hin und hing seinen Gedanken nach. Mich bewegten immer wieder die Gedanken an die Teile des merkwürdigen Busches hinter unserer Hütte, die ich in meiner Hosentasche spürte und die eine solche Größenveränderung bei mir verursachten. - Immer wieder versuchte ich mir zu überlegen was man wohl mit solch einer Gabe alles machen könnte. -
Nach stundenlanger eintöniger Fahrt durch wüstenähnliche Gegenden kamen wir in einer kleinen Siedlung an. Der Bus hielt vor einem Haus mit Übernachtungsmöglichkeiten. Der Busfahrer trieb alle Fahrgäste aus dem Bus, damit er diesen für die Nacht abschließen konnte. Ich hatte kein Geld dabei. Wo sollte ich in dieser Nacht denn bleiben? In die Herberge konnte ich so nicht. Jede Übernachtung kostete Geld, das ich nicht hatte. Am Eingang kontrollierte ein schäbig gekleideter Mann jeden der möglichen Übernachtungsgäste. Er ließ sich das Geld zeigen bevor er jemanden in die Herberge ließ. Schließlich waren bis auf einige wenige alle Fahrgäste in der Herberge verschwunden. Ich blieb mit einigen anderen draußen und suchte mir einen Schlafplatz im Hinterhof. Hoffentlich würde ich nur früh genug wach, damit ich die Abfahrt des Busses nicht verpasste.
Am nächsten Morgen trieb der Fahrer zur Eile, sorgte dafür ,dass alle seine Fahrgäste, auch wir vom Hinterhof, wieder im Bus waren, setzte sich ans Steuer, gab Gas und ein vollbesetzter Bus verließ den Ort unserer Übernachtung. Nicht einmal Erinnerungen blieben zurück. Zu unwirklich war uns der Ort erschienen und alle Fahrgäste hatten Ziele im Westen. Die stundenlange eintönige Fahrt ließ eine ganze Reihe Reisender schon bald wieder in einen dösigen Schlaf fallen. Scheinbar hatte man sich nicht so richtig ausruhen können in der letzten Nacht. Zwischen wiederholtem Eindösen gab es für mich wache Momente, in denen ich immer wieder über Blätter und Äste nachdenken musste. Ich machte mir überhaupt keine Gedanken, wohin meine Reise wohl gehen würde. Mein Vater hatte mir kein Ziel genannt. Seine einzige Sorge war wohl nur mein Entkommen vor einem zu erwarteten Massaker.
Von Zeit zu Zeit schaute ich mich im Bus um, betrachtete die für mich so unterschiedlichen Fahrgäste und fragte mich, warum sie wohl in diesem Bus saßen. Woher sie wohl kamen? Viele hatten schon im Bus gesessen als ich in den Bus kam. Nur einige wenige waren noch dazugekommen. So oft hatte der Bus vor der Grenze auch nicht mehr gehalten. Da waren kaum alte oder ältere Menschen im Bus. Die meisten waren zwar älter als ich aber eben noch nicht alt. Schräg vor mir saß ein junges Paar mit zwei Kindern. Das eine Kind konnte schon laufen. Es lief im Gang hin und her. Das andere, es war noch ein Baby, lag nur im Arm der Mutter, döste vor sich hin und forderte von Zeit zu Zeit die Brust seiner Mutter, die es dann auch bekam. Es hatte wohl Hunger. Die Mutter kannte keine Scham, nahm ihre Brust aus ihrem Umhang und ließ das Kind trinken. Die anderen Menschen schienen sie nicht zu kümmern. Die kümmerte es auch nicht. Ab und zu flüsterte sie ihrem Mann etwas zu, worauf dieser kaum hörbar antwortete. Die beiden flüsterten so leise miteinander, dass ich beim besten Willen nicht verstehen konnte worüber die beiden sich unterhielten. Eigentlich konnte mir das auch egal sein. Es musste mich nicht kümmern. Der Bus hielt jetzt an einer einsamen Tankstelle, um aufzutanken. Die Reisenden hatten hier die Möglichkeit, sich zu entleeren. Einige suchten die Toilette, soweit man das so nennen konnte, im Gebäude auf, andere verschwanden einfach hinter dem Gebäude und kamen nach einiger Zeit wieder zurück, ihre Kleidung richtend. Der Halt dauerte nicht lange. Der Bus war schnell vollgetankt, schnell waren alle wieder auf ihren Plätzen und es ging weiter. Keiner der Reisenden ging ein Risiko ein, jeder war bereits ohne Aufforderung durch den Busfahrer wieder im Bus. Keiner wollte den Bus verpassen. Nur fragte ich mich:“ Wo wollen die wohl alle hin?“ Sie sahen eigentlich nicht so aus als wollten sie jemanden besuchen, Verwandte oder Freunde. Den Habseligkeiten in Taschen und Kartons nach, die ich so sehen konnte und die die Menschen mit sich führten, schienen die meisten nicht mehr in ihren Heimatort zurückkehren zu wollen oder zu können.
Es wurde mir mal wieder zu anstrengend zu beobachten und nachzudenken und ich döste lieber vor mich hin. Ob die Sachen in meiner Tasche wohl vermehrbar waren oder waren das wohl die einzigen, die ich nutzen konnte. Immer wieder kamen mir solche Gedanken in den Sinn. Wie sollte man solche Dinge wohl vermehren können? Und was konnte man wohl alles damit anfangen? So richtig ausgiebig ausprobieren konnte ich das Ganze ja noch nicht. Die unterschiedlichsten Situationen spielte ich in meinem Kopf durch. Eines passierte immer: ich gewann und kam davon.
Der Bus näherte sich jetzt einer größeren Stadt. Das Schild mit dem Namen der Stadt war nicht mehr zu lesen. Man konnte nur sehen, dass es ein Schild gibt. Immer mehr Menschen drängten sich auf der Straße und der Bus konnte nur langsam vorwärtskommen wenn er nicht einen Fußgänger oder spielende Kinder überfahren wollte. Es gab für uns keinen Grund hier irgendwo anzuhalten, kein reisender machte Anstalten oder ein Zeichen, dass er aussteigen wollte. Da plötzlich hielt der Bus. Männer in Uniform hatten ihn angehalten und bestiegen den Bus durch die Vordertür. Sie begannen die Papiere zu kontrollieren. Einige Reisende wollten den Bus durch die hintere Tür verlassen. Sie hatten wohl Angst aufzufallen. Ich hatte keine Papiere, also blieb mir nichts anderes übrig als wieder klein zu werden. Es gelang, die Uniformierten gingen an meinem scheinbar leeren Sitz vorbei und kontrollierten die Reisenden hinter mir. Schließlich verließen sie den Bus wieder nachdem sie einige Reisende daran gehindert hatten, den Bus wieder zu besteigen. Der Fahrer löste die Bremse, legte den ersten Gang ein und fuhr weiter. Die Zurückbleibenden interessierten ihn wohl nicht. Nur langsam kam der Bus in den Straßen der Stadt voran, doch dann erreichte er wieder die Ausfallstraße und der Busfahrer konnte wieder Gas geben und den Bus beschleunigen. Schnell ließen wir die Stadt hinter uns. Einige Plätze blieben jetzt leer. Die Reisenden mussten wohl in der Stadt zurückbleiben. Ihre Reise hatte ihr Ende gefunden.
Langsam brach die Nacht herein. Die Dämmerung hatte nicht lange gedauert. Im Bus gab es kein Licht. Es gab nichts zu sehen, weder im Bus noch draußen. Am besten, man versuchte ein wenig zu schlafen. Ich fiel in einen recht oberflächlichen Schlaf. Das war keine Erholung. Wofür sollte ich auch eine Erholung brauchen? Ich hatte doch den ganzen Tag nichts getan, außer Menschen zu beobachten, Kontrollen zu vermeiden und im Bus sitzen. Obwohl ich wenig getrunken hatte musste ich jetzt aber mal pinkeln. Leise schlich ich mich nach vorne zum Busfahrer und bat ihn zu halten, weil ich mal pinkeln müsste. Als er sah wie ich die Beine zusammenkniff erbarmte er sich und hielt. „Aber mach schnell! Hier kann ich nicht lange halten. Also raus und flott wieder rein!“ Ich war noch nicht wieder richtig im Bus als er schon wieder anfuhr. Diese Nacht fuhr der Bus durch. Wir hielten nirgendwo an. War ja auch nicht nötig, unsere Tanks waren voll. Es dauerte nicht lange und ich war eingeschlafen.
Es wurde bereits hell als ich langsam wach wurde. Wenn die Sonne immer noch im Osten aufging, dann fuhren wir immer noch nach Westen. Der Bus hielt in einer kleinen Ansammlung armseliger Hütten vor einer mit einem Schild, das auf Tee und etwas zu essen hinwies. Der Fahrer weckte die, die noch schliefen und rief zum Frühstück. Wer es sich leisten konnte verließ den Bus und frühstückte in der Hütte. Wir anderen begnügten uns mit dem essbaren, das wir noch dabeihatten. Zu trinken gab es Wasser aus einem vor der Hütte liegenden Brunnen. Mit einem zerbeulten Blecheimer konnte man sich genügend Wasser heraufholen. Die Rast dauerte nicht lange. Der Fahrer drängte zur Eile, sorgte dafür, dass alle wieder im Bus waren und fuhr los. Wieder ging die Fahrt den ganzen Tag nach Westen, unterbrochen nur durch kurze Halte um zu tanken oder ein persönliches Geschäft zu erledigen. Je länger wir fuhren desto mehr gelangte ich zu der Überzeugung, dass wir alle irgendwie auf der Flucht waren. Jedes Mal wenn uns uniformierte Iraner näher kamen wurden die Menschen im Bus, Männer, Frauen oder Kinder, unruhig und atmeten sichtlich auf wenn der Bus am Fahren blieb und nicht anhielt. Der nächste längere Halt war an der Grenze als wir den Iran wieder verlassen wollten. Auf der einen Seite gab es Probleme beim Verlassen des Landes. Auf der anderen Seite gab es Probleme bei der Einreise in das andere Land. Doch schließlich, nachdem etwas Bargeld dem richtigen Mann zugeschoben worden war, konnte der Bus einreisen und wir unkontrolliert mit ihm.
Nach Überquerung einer Hügelkette auf staubigen Straßen kamen wir in ein Tal, das uns grün entgegen schimmerte. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Bei mir zuhause war rund um unsere Behausung, rund um die ganze Siedlung und rund um meine Schule nur Sand, in dem an wenigen Stellen einige Büsche wuchsen, eher braun denn grün. Ich konnte mich nicht sattsehen an der Fülle der Pflanzen, der Bäume, durch die auch schon mal ein kleiner Wasserlauf schimmerte. Dauernd hielt ich mein Gesicht mit plattgedrückter Nase an die Glasscheibe des Busses um ja nichts draußen zu versäumen. Nachdem es bereits einige Zeit hell war hielt der Bus endlich und wir durften aussteigen. Der Halt war dazu gedacht uns mit essbarem zu stärken doch ich lieg erst mal auf das grüne Gras zu, das neben der Fahrbahn wuchs. Ich konnte nicht anders, ich musste mich einfach mal reinlegen, daran riechen, ein Geruch, den ich bisher nicht gekannt hatte. Es war der Geruch von Leben. Man konnte das Wachsen, die Feuchtigkeit riechen. Am liebsten wäre ich hier im Gras inmitten blühender Pflanzen einfach liegengeblieben, den Rest meines Lebens einfach liegengeblieben.
Die Hupe des Busses ertönte. Ich wurde aus meinen Träumen in die Wirklichkeit zurückgeholt. Es ging weiter. Dieses Erlebnis unendlich scheinender Fülle hatte mich nahezu überwältigt und ich begann wieder vor mich hin zu dösen. Was sollte ich auch sonst in diesem Bus machen.
