Sammlerherz - Dorina Kasten - E-Book

Sammlerherz E-Book

Dorina Kasten

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Beschreibung

Nora ist Kuratorin mit Leib und Seele. Den Traum, gemeinsam mit einem Mann alt zu werden, hat sie begraben und stürzt sich in ihre Arbeit. Sie will dem Geheimnis des unehelichen Kindes der Künstlerin Wilhelmine Ernst auf die Spur kommen, die 1933 plötzlich verstarb. Dabei lernt sie den verschrobenen, cholerisch veranlagten Sammler und Künstler Karl kennen. Nach missglücktem Start kommen sich beide auch privat näher. Aber der Einzelgänger Karl ist ein gebranntes Kind und kann nur schlecht Vertrauen aufbauen. Zeitlebens haben ihn die Frauen verlassen, angefangen mit seiner Mutter. Als Noras Chefin ein schwerwiegender Fehler unterläuft, zieht er sich in sein Schneckenhaus zurück. Um ihn wieder hervorzulocken, muss Nora sich etwas einfallen lassen. Sie weiß längst, dass es sich lohnt, um ihn zu kämpfen.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dorina Kasten

SAMMLERHERZ

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2018

Personen und Handlung des Romans sind frei erfunden.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Lektorat: Birgit Rentz, Itzehoe

Titel- und Porträtfoto: © Sandra Bergemann

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

Teil 1

1

2

3

4

5

6

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8

9

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Teil 2

1

2

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4

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6

7

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9

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Teil 3

1

2

3

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30

Danksagung

Die Autorin

Für Ramona (1965–

Prolog

Als der Waldboden mit seinen ersten trockenen Frühherbstblättern, herumliegenden kleinen Ästen, fliehenden Käfern und eiligen roten Ameisen näher kam, riss Nora erstaunt die Augen auf. Sie begriff zwar, dass sie wie von Geisterhand aus dem Sattel gehoben worden war, konnte sich aber nicht erklären, wieso. Warum mochte das ihr, einer geübten Reiterin, passieren? Irgendwer oder irgendwas musste ihr Pferd erschreckt haben. Der Wallach hatte gescheut – jedenfalls hallte noch sein wütendes Schnauben in ihren Ohren. Das Vibrieren seiner Lungen hatte sie bereits Sekundenbruchteile vor seinem Aufbäumen gespürt. Sie war aus ihrer Träumerei geschreckt, zu spät. Und nun fiel sie immer noch, unaufhaltsam, wie in Zeitlupe, als sei ein Sturz etwas, was man auskosten müsse. Es kam ihr vor, als sei sie schon minutenlang auf ihrem Weg vom Sattel bis zur Erde unterwegs. Merkwürdig, dass sie sich nicht gegen den Fall wehrte. Nichts in ihr schrie: Nein! Das geht doch nicht! Plötzlich war die seltsame Reise zu Ende. Nora schlug hart auf. Irgendwo hörte sie einen Specht klopfen. Die Waldbewohner gingen zur Tagesordnung über. Dann wurde es schwarz um sie herum.

Teil 1

1

„Irgendwas stimmt nicht mit ihr.“ Nora setzte die Kaffeetasse ab und sah Leo mit gekrauster Stirn an. Sie hatte sich in der Frühstückspause zu ihrem Kollegen gesellt. In seiner Restaurierungswerkstatt im Keller der Städtischen Galerie in Neustadt war es zwar nicht sehr gemütlich und es roch nach Chemikalien, aber Nora war gern mit ihm zusammen. Außerdem musste sie unbedingt ihre neuesten Vermutungen über ihre Chefin loswerden.

„Meinst du?“, nahm Leo den Faden auf.

„Du bist doch sonst immer so einfühlsam Frauen gegenüber!“, neckte sie ihn. „Ich finde, sie wird immer zickiger. Oder ist es normal, dass sie dich in der Dienstberatung so anblafft, weil du vergessen hast, ihr rechtzeitig die Liste mit den bestellten Restaurierungsmitteln zu geben?“

„Na ja“, Leo kratzte sich am Kopf, „ehrlich gesagt, hatte sie mich schon zwei Mal ermahnt.“

„Aha“, erwiderte Nora trocken, „die Schneekönigin lässt sie jedenfalls auf die gleiche Art und Weise abblitzen, was ich wiederum nur begrüßen kann. Wenn man bedenkt, wie die immer dem armen Günther im Nacken saß.“ Sie schüttelte unwillig den Kopf und trank ihren heißen Kaffee, als ob sich die bittere Erinnerung herunterspülen ließe. Günther, ihr Ex-Chef, war vor mehr als einem Jahr in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden. Immer öfter hatte er sich Eskapaden mit seiner Trinkerei geleistet und war einmal zu viel der Arbeit ferngeblieben. Die Bürgermeisterin, wegen ihrer eiskalten Art von allen nur „Schneekönigin“ genannt, hatte mit der ihr eigenen Effizienz dafür gesorgt, dass Günther das Feld räumen musste. Er war zurück nach Berlin gegangen und man hatte seine Stelle ausgeschrieben. Drei Monate später war Josefine Kürlein in das Direktorenzimmer eingezogen. Sie war vierzig Jahre alt, groß und schlank, trug stets Hosenanzüge und zwirbelte ihr dünnes blondes Haar zu einem Knoten auf. Kinder hatte sie keine. Ihr Mann war auf Montage, und so blieb ihr viel Zeit zum Arbeiten. Sie kam früh und ging spät. Manchmal brannte das Licht in ihrem Arbeitsraum noch nach einundzwanzig Uhr, hatte einer der Wachdienstleute Nora berichtet.

„Was hast du eigentlich gegen sie? Sie schlägt sich doch ganz tapfer. Ist ja schließlich auch alles neu für sie“, wandte Leo ein.

„Stimmt, sie schäumt über vor Ideen, bombardiert uns damit und vergisst, dass wir viel zu wenige sind, die das alles umsetzen können. Und sie ist ein Kontrollfreak. Ständig fragt sie nach, ob ich dieses und jenes nicht vergessen habe. Manchmal komme ich mir wie ein Schulmädchen vor“, schnaubte Nora.

Leo schüttelte sich vor Lachen und strich sich über den Bart, den er neuerdings trug. „Aber vergiss nicht, dass sie schon zwei Förderanträge durchgekriegt hat, und nun kannst du deine Leihgaben für die neue Sonderausstellung von einem teuren Kunsttransport abholen lassen.“

„Stimmt auch.“ Nora blies sich den Pony aus den Augen. „Aber dafür hat sie mir vorgeworfen, dass ich zu wenige Führungen mache. Ich hab einfach nicht mehr Zeit, und im Winterhalbjahr haben sich kaum Leute angemeldet. Sie sollte lieber dafür sorgen, dass eine Museumspädagogin eingestellt wird.“

„Ach, gib ihr einfach noch ein bisschen, sie ist nicht mal ein Jahr hier. Sie wird schon noch ruhiger werden.“

Was Nora dann doch für sich behielt, war ihr gestriges Erlebnis in der Damentoilette. Sie hatte jemanden schluchzen hören, während sie sich die Hände abtrocknete. Erschrocken hatte sie gefragt, ob sie helfen könne, und war erstaunt gewesen, dass sie nach ein paar Sekunden die Stimme ihrer Chefin hörte, die, schon wieder ganz die Alte, „Nein, danke!“ rief. Verstört hatte Nora den Raum verlassen. Warum mochte Josefine Kürlein geweint haben? Das passte so gar nicht zu dieser disziplinierten, strengen Frau. Aber weshalb sollte nicht auch sie irgendeine schwache Stelle haben? „Na gut, Leo, dann will ich nicht weiter meckern, ich seh schon, du bist auf ihrer Seite.“ Gespielt beleidigt griff sie nach ihrer leeren Kaffeetasse und schlenderte zur Tür.

„He, he, du spinnst wohl! Bring mich nicht in so eine Zwickmühle, Nora Schönemann! Du glaubst gar nicht, wie ähnlich sie dir ist, genauso eine Perfektionistin wie du!“ Leo grinste herausfordernd.

„Nein! Bin ich gar nicht!“

„Doch!“

Nora streckte Leo die Zunge heraus. „Na gut, ein bisschen.“

Zurück in ihrem Arbeitszimmer, setzte sie sich wieder an den Schreibtisch und wandte sich ihrem derzeitigen Lieblingsthema, der Ausstellung mit Bildern von Wilhelmine Ernst, zu. Die Malerin, die 1867 in Neustadt geboren worden war, hatte Nora von Anfang an fasziniert. Sie stammte aus gutem Hause und war ihren eigenen Weg gegangen. Sie hatte sich nicht darum geschert, dass ihre Eltern ein anderes Leben für sie vorgesehen hatten. Sie sollte reich heiraten und Kinder bekommen. Als sie volljährig war, zog sie nach Berlin und nahm Malunterricht. Nora war auf ein Gemälde von ihr gestoßen, während sie die Dauerausstellung zur Geschichte Neustadts vorbereitete. Schon damals hatte sie beschlossen, später eine Sonderausstellung nur mit Wilhelmines Werken zu zeigen. Die sollte nun in wenigen Monaten eröffnet werden. Aber noch immer war Nora auf der Suche nach Bildern. Einen Nachlass in dem Sinne gab es nicht, die Gemälde waren weit verstreut, und manchmal gelangte Nora nur durch Zufall an das eine oder andere. Dass sie nicht alle Bilder fand, machte sie verrückt. Es musste doch noch mehr geben! Wilhelmine war sechsundsechzig geworden, über vierzig Jahre lang musste sie gemalt haben. Nora hatte schon einen Zeitungsaufruf gestartet, in anderen Museen nachgefragt ebenso wie bei Wilhelmines Familie. Es gab eine Ururgroßnichte. Sie war zwar ganz nett, wusste über ihre Tante aber noch weniger als Nora. Angeblich war das einzige Bild, das die Familie je besessen hatte, bereits als Schenkung an die Stadt gelangt. Und das war ebenjenes Gemälde, das Nora vor zwei Jahren aus dem Depot des geschlossenen Stadtmuseums geholt hatte und das jetzt in der Stadtgeschichtsausstellung der Galerie hing. Es zeigte eine Szene auf dem Neustädter Bahnhof am Tag seiner Einweihung. Wilhelmines Vater hatte es gekauft, als seine Tochter schon berühmt war. Spätestens da hatten die Eltern sich wohl damit abgefunden, dass sie eine Künstlerin in der Familie hatten. Wilhelmines Atelier war lange in Berlin gewesen. Erst mit über fünfzig war sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Sie hatte keine Kinder gehabt. Das Erbe war an die Nachkommen ihres Bruders gegangen, die nun angeblich nichts über Wilhelmine wussten. Nora stützte das Kinn auf die Hände. Wo konnte sie ansetzen? Hatte die Malerin vielleicht Freundinnen gehabt, die etwas hinterlassen hatten? Sie dachte an das Tagebuch, das Wilhelmine als junges Mädchen über wenige Monate geführt hatte. Es war Nora ebenfalls im alten Depot des Stadtmuseums in die Hände gefallen. Über den Inhalt hatte sie mit niemandem gesprochen. Wilhelmine schilderte darin ihre verzweifelte Lage kurz vor ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, als ihr Vater sie mit dem hiesigen Bäckermeister Kunkel verheiraten wollte. Dann hatte sie sich auch noch in einen jungen Maler aus Irland verliebt, der in Neustadt einen Freund besuchte. Als Nora las, dass die beiden ein Schäferstündchen miteinander verbracht hatten, beschloss sie endgültig, Wilhelmines Wunsch zu respektieren und die Existenz des Tagebuchs zu verschweigen. Allerdings stellte sie diskret Nachforschungen an, was aus der im Tagebuch erwähnten Gräfin Hermine von Rattau geworden war. Wilhelmine hatte deren kleiner Tochter Malunterricht gegeben. Die beiden jungen Frauen verstanden sich gut. Im Hause der Gräfin hatte Wilhelmine auch den irischen Maler wiedergetroffen. Leider fand sich unter dem Namen Rattau im Stadtarchiv nichts Besonderes. Nur ein paar belanglose Zeitungsartikel, in denen Hermine erwähnt worden war, bekam Nora zu lesen. Sie musste unbedingt noch einmal ins Archiv, um zu recherchieren, ob vielleicht eine Künstlerin, eben eine Seelenverwandte, unter Wilhelmines Mitschülerinnen gewesen war. Vielleicht existierten Briefe oder weitere Tagebücher. Das war zwar nur eine Vermutung, aber man wusste ja nie.

2

Nora saß in ihrem Lieblingscafé in Neustadt und wartete auf ihre Schwester Hanna, die wie fast immer zu spät kam. Das „Pussicat“ war renoviert worden. Rosi, die Inhaberin, hatte sich diesmal für Tapeten mit Lilienmuster entschieden. Auch die Rosen waren als Dekoration aus dem Café verschwunden. Lilien in verschiedenen Farben dominierten nun in Vasen und Blumentöpfen, auf Sofabezügen und als Zeichnungen auf der Speisekarte. „Hab ich mich halt dran sattgesehen“, war Rosis Antwort auf Noras Frage nach dem Warum gewesen. „Jede Frau braucht doch mal eine Veränderung, oder?“ Sie hatte ihr halblanges Haar geschüttelt, das zu einem Bob gekürzt worden war, und mit gesenkter Stimme gesagt: „Du hast schließlich auch deine Haare abgeschnitten – in einer bestimmten Situation in deinem Leben.“ Ha, die Situation war eine Katastrophe gewesen! Nora hatte herausgefunden, nein, sie war quasi dabei gewesen, als ihr Mann sich nach dreißig Ehejahren eine andere schnappte. Wochen- und monatelang hatte Nora gelitten und war zu Sanne gezogen, ihrer besten Freundin. Noch jetzt, nach zwei Jahren, zeigte sich eine steile Falte auf ihrer Stirn. Rosi verzog sich hinter die Theke.

„Was hast du denn?“ Hanna ließ sich neben ihre Schwester auf das Sofa fallen. „Warum guckst du so böse, hm?“ Dann umarmte sie Nora und zerrte sich die Handtasche von der Schulter.

„Nichts. Ich wurde nur gerade mal wieder an mein Dilemma vor zwei Jahren erinnert. Aber gut, das ist Geschichte.“

Rosi fand sich wieder ein und das Thema war beendet. Statt der früher üblichen Haremshosen trug sie nun eng anliegende Kleider, die ihre üppigen Kurven zur Geltung brachten. „Na, ihr beiden Hübschen? Was darf ich euch denn bringen lassen?“

„Mohntorte!“, riefen die Schwestern wie aus einem Mund und alle drei Frauen mussten lachen. Nachdem sie auch den Kaffee bestellt hatten, lehnten sich Nora und Hanna bequem zurück. Rosi verschwand, nicht ohne noch einmal ihren Bob zu schütteln.

„Wie geht es denn mit deiner Ausstellung voran?“, fragte Hanna.

„Ich komme nicht wirklich vorwärts“, gestand Nora. „Am dreißigsten Oktober soll die Eröffnung sein, aber ein paar Bilder fehlen mir noch. Ich kann zwar den Umfang der Sonderausstellung selbst bestimmen, mir wäre es jedoch lieber, wenn ich aus dem Vollen schöpfen könnte, verstehst du? Ich bin mir sicher, dass es noch mehr Bilder gibt. Ich weiß nur nicht, wo ich nach ihnen suchen soll. Ich spüre, dass da eine Lücke in meinem Wissen ist, irgendein Geheimnis, das Wilhelmine verbirgt.“ Sie rieb sich nachdenklich die Stirn. „Ich hätte im letzten Jahr gleich nach meiner Rückkehr mit den Vorbereitungen beginnen sollen. Aber es gab so viel anderes zu tun, und wir hatten uns ja dann entschlossen, die Ausstellung erst dieses Jahr zu zeigen. Es ist immer das Gleiche, am Schluss läuft einem die Zeit davon. Zuerst bekam ich so viele Hinweise auf Bilder, dass ich dachte, es geht immer so weiter. Nun habe ich zu wenig, und ich weiß nicht, wo ich noch suchen kann.“ Nora klang deprimiert.

Ein Kellner in weißer, langer Schürze erschien und brachte die Bestellung. Nachdem er Kaffee und Kuchen auf dem Tisch platziert hatte, schwenkte er das leere Tablett hinter den Rücken und verbeugte sich leicht. Nora war jedes Mal fasziniert von der höflichen und zurückhaltenden Art der Bedienung im „Pussicat“. Sie wusste, dass Rosi ihr Personal selbst schulte.

„Hm“, machte Hanna und griff zur Kuchengabel, „und was willst du jetzt tun?“

„Ich werde noch einmal ins Stadtarchiv gehen. Vielleicht habe ich irgendwas übersehen. Ich brauche einen Hinweis, der mich zu weiteren Bildern führt. Möglicherweise hatte Wilhelmine Freundinnen, in deren Familien Gemälde aufbewahrt werden. Oder es gibt noch Nichten und Neffen, die mehr wissen. Es wird mühselig“, klagte Nora, „aber ein bisschen Zeit habe ich noch.“

Hanna schob ihren leeren Teller beiseite und lachte gackernd. „Oh Mann, hatte ich einen Hunger!“ Den Kuchen hatte sie in Windeseile verschlungen. Schon als Kind war sie von ihrer Mutter ermahnt worden, nicht so schnell zu essen.

Nora fiel in das Lachen ein. Im Grunde war sie froh, dass ihre Schwester nicht wieder mit der Diätschiene begann. Sie war zwar nicht so schlank, wie sie wohl gern wäre, aber immer schön anzusehen. Meist trug sie Röcke oder Kleider und schminkte sich sorgfältig. Ihre blonden Haare fielen ihr weich ins Gesicht und die modische Brille betonte ihre großen Augen. Unwillkürlich schaute Nora an sich herab und dachte daran, wie hastig sie sich heute Morgen wieder zurechtgemacht, eine Jeans und eine kurzärmlige Bluse übergestreift und außer etwas Rouge kein Make-up benutzt hatte. Sie krauste die Stirn. Das war auch schon mal besser gewesen.

„Hast du Mutti schon gefragt?“

Nora blickte ihre Schwester verständnislos an.

„Na, überleg doch mal: 1933 ist Wilhelmine gestorben. Mutti ist 1930 geboren, zwar ein paar Kilometer weiter in Friedrichshagen, aber als sie zehn war, sind ihre Eltern mit ihr nach Neustadt gezogen. Das war damals ein Nest, so viele Malerinnen wird es hier ja nicht gegeben haben, oder?“

Auf die Idee, ihre Mutter zu fragen, war Nora bisher nicht gekommen. „Mensch, Hanna!“, rief sie und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Manchmal ist man aber auch betriebsblind. Klar, das mache ich. Über unabhängige Frauen, wie Wilhelmine es war, wurde immer getratscht, und sicher auch noch nach ihrem Tod.“ Zufrieden trank sie ihren Kaffee aus. Gleich morgen würde sie im Stadtarchiv anrufen, um sich Akten zu bestellen, und noch diese Woche bei ihrer Mutter vorbeischauen.

3

Karl Kiesewetter versuchte, die Speisekarte zu entziffern. Zu dumm, dass er seine Ersatzbrille nicht dabeihatte! Noch viel dümmer war, dass er seine Brille beim Putzen fallen gelassen hatte und zu allem Unglück auch noch draufgetreten war. Er musste sie zum Optiker bringen, der versprochen hatte, sie in der nächsten Stunde zu reparieren. Halb blind wegen seiner starken Kurzsichtigkeit war er in das nahe gelegene Café gestolpert. „PUSSICAT“ stand in großen Lettern über dem Eingang. Das konnte er gerade noch lesen. Der Optiker hatte ihm zwar angeboten, dass sein Azubi ihn begleitete, aber das hatte er vehement abgelehnt. Ein Mann von fünfundfünfzig war doch kein Tattergreis. Er wusste sich schließlich zu helfen. Unauffällig zog er eine Lupe aus der Aktentasche und hielt sie auf die Karte. Na bitte! Er winkte der netten Frau hinter dem Tresen, die ihn an den Tisch gebracht hatte. Irgendwie musste sie gemerkt haben, dass er unsicher war. „Ich möchte die Mohntorte und einen Pott Kaffee.“

„Gern, Herr …?“, säuselte sie.

„Kiesewetter“, antwortete er etwas überrumpelt. Musste man hier als Gast seinen Namen nennen? Nachdem er seine Bestellung aufgegeben hatte, spitzte er die Ohren. In diesem Café herrschte eine angenehme Atmosphäre. Die Musik war nicht zu aufdringlich und die Einrichtung sehr gemütlich, soweit er das beurteilen konnte. Und es roch gut. Irgendjemand musste Lilienduft versprüht haben. Mit der rechten Hand tastete er nach dem Bild, das gut verpackt an das Tischbein gelehnt stand. Wenigstens das war heil geblieben! Hoffentlich schaffte er den letzten Zug nach Berlin. Er hatte keine Lust, noch länger in diesem Kaff zu bleiben, obwohl sich seine Reise nicht nur wegen des Abstechers in die Galerie Meise gelohnt hatte. Die Zeichnungen von Waldemar Grieger waren wirklich exzellent. Er stellte sehr selten aus, galt als schwieriger Typ. Da konnte Frau Meise sich was drauf einbilden. Er kannte die Galeristin noch aus ihrer Berliner Zeit. Als Angestellte eines großen Museums hatte sie Workshops für Schüler angeboten. Er war mit seinen Kunstklassen öfter dort gewesen. Anscheinend hatte sie ihn heute auch gleich wiedererkannt, denn kaum hatte er die Galerie betreten, war sie in ihrer unnachahmlichen Art auf ihn zugeschwebt. Er musste zugeben, dass sie immer noch klasse aussah, aber den Flirt, den sie sofort begonnen hatte, hätte sie sich sparen können. Mit dem Thema Frauen war er durch.

Lautes Lachen von einem der Nachbartische riss ihn aus seinen Gedanken. Er wandte den Kopf und versuchte, das unscharfe Bild auf seiner Netzhaut zu analysieren. Zwei Frauen saßen nebeneinander auf der Couch und waren in ein regelrechtes Gegacker ausgebrochen. Wider Willen musste er lächeln. Leider konnte er sie nicht so genau erkennen, um ihr Alter zu schätzen. Den Stimmen nach mussten sie wohl noch jung sein. Die eine mit dem längeren, blonden Haar war etwas fülliger, die andere schlank. Die Stimmen klangen ziemlich gleich, vielleicht waren die beiden Schwestern.

Ein Kellner brachte den Kaffee und die Mohntorte. Karl schob sich einen Bissen in den Mund und war entzückt. Der Kuchen erinnerte ihn an seine Kindheit. Seine Oma hatte so einen immer gebacken, allerdings aus Hefeteig und zu einer Rolle geformt. Zu jedem Geburtstag und auch zu Feiertagen hatte die Mohnrolle auf dem Tisch gestanden. Als Karl älter gewesen war, hatte er den Hefeteig schlagen dürfen, bis er ganz locker geworden war. Dann hatte seine Oma die Schüssel in die Nähe des Ofens gestellt und Karl war alle paar Minuten hingerannt, um nachzusehen, ob der Hefeteig schon gegangen war. Er schmunzelte. Als kleiner Junge hatte er wirklich geglaubt, der Teig würde verschwinden. Karl wischte sich mit der Serviette den Mund ab und überlegte, ob er noch ein Stück Kuchen bestellen sollte. Erneut winkte er der Frau hinter dem Tresen, bat dann aber kurz entschlossen um die Rechnung und fragte sie nach der Uhrzeit. Seine Brille würde nun wohl fertig sein. Mit dem Bild unter dem Arm verließ er das Café.

4

Vom „Pussicat“ war es nicht weit bis zu Noras Straße. Nach der Rückkehr von ihrer Auszeit hatte sie sich eine eigene Wohnung gesucht und die Scheidung von Ralf eingereicht. Während des schon vor der Trennung geplanten Sabbatjahres war ihr klar geworden, dass sie nicht ewig bei Sanne wohnen konnte. Zwar weilte ihre Freundin als freie Fotografin oft für ihre Auftraggeber im Ausland und die Wohnung stand dann leer, aber zu Noras neuem Leben mussten auch eigene vier Wände gehören. Das vierstöckige Gründerzeithaus, vor dem sie nun Halt machte, war vor mehreren Jahren saniert worden und befand sich mitten in der Altstadt. Nora konnte zu Fuß zur Arbeit gehen. Diesen Luxus genoss sie nach all den Jahren der Fahrerei zwischen Hickelshagen und Neustadt. Sie hatte etliche Möbelstücke aus dem Haus, das sie mit Ralf in dem kleinen Dorf bewohnt hatte, mitgenommen. Deshalb war ihr die neue Wohnung von Anfang an vertraut gewesen und sie hatte sich gleich wohlgefühlt. Auch jetzt schloss sie mit einem Lächeln auf den Lippen die Tür auf, zog ihre Schuhe aus und ging barfuß in die Küche, um sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu nehmen. Dann spazierte sie wie gewohnt einmal durch alle drei Räume, wie zu einer Inspektion. Im Wohnzimmer öffnete sie das Fenster und legte die Decke auf der karierten Couch ordentlich zusammen. Im Schlafzimmer sammelte sie schmutzige Wäsche ein, um sie in die Waschmaschine zu stecken. Vom Arbeitszimmer, in dem auch ein Gästebett stand, öffnete sie nur kurz die Tür. Sie warf einen Blick auf die Büste, die dort stand, und wie immer musste sie an Max denken. Wehmütig kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich auf das Sofa. Max. Er war der Schöpfer ihrer Porträtbüste. Sie hatte den Bildhauer nach ihrer Trennung von Ralf kennengelernt. Noch bevor sie ihre dreimonatige Auszeit begonnen hatte, war ihr bewusst geworden, dass sie sich ganz unverhofft verliebt hatte. Seine Zuneigung und Aufmerksamkeit hatten sie überrascht und überwältigt. Es war ein schönes Gefühl, das Nora wie ein Geschenk empfand und dankbar annahm. Max hatte ihr letztendlich über die Trennung von Ralf hinweggeholfen. Als sie von Island, wo sie ihre Tochter besucht hatte, und von Mallorca zurückgekehrt war, hatte ein Leben mit Max auf sie gewartet. Eine intensive Zeit hatte begonnen, in der sie beide viel arbeiteten und in der viel passierte: Noras Umzug, Günthers Rausschmiss, Max’ Ausstellungen. Max Henneberg war ein sehr einfühlsamer Mensch, einer, mit dem sie lachte und weinte. Er vereinte alle Eigenschaften, die sie sich bei einem Partner nur wünschen konnte. Er war ein großartiger Zuhörer, teilte ihre Ansichten zu Kunst und Kultur, war zärtlich und aufmerksam. Sie war gern mit ihm zusammen und hatte gedacht, das könne er sein, der zweite Versuch, mit einem Mann alt zu werden. Aber Max war rastlos. Jahrelang war er in der Welt umhergezogen, bevor es ihn nach Neustadt verschlagen hatte. Er hatte auch geglaubt, dass er hier in Neustadt für immer ein Zuhause gefunden hätte. Doch nach einigen Monaten bemerkte Nora eine ungewohnte Unruhe bei ihm. Zuerst fiel ihr auf, dass er kaum noch arbeitete. Er verwarf ein Stück nach dem anderen, und in seinem Atelier stapelte sich das verdorbene Holz. Er war mit den Gedanken woanders. Wenn sie mit ihm redete, und selbst wenn sie nachts in seinen Armen lag, starrte er an die Decke. Als sie ihn darauf ansprach, wich er ihr aus. Dann erhielt er überraschend ein Angebot aus München. Er sollte für zwei Jahre ein Bildhauerprojekt für Jugendliche in der bayrischen Hauptstadt und in Wladiwostok in Russland leiten. Er war sofort Feuer und Flamme für diese Herausforderung, die auch ein gesichertes Einkommen bedeuten würde. Er tat sich zwar noch schwer mit der endgültigen Entscheidung, aber Nora wusste von Anfang an, dass sie ihn nicht aufhalten konnte. Er würde weiterziehen, so wie er es immer getan hatte. Er fragte Nora, ob sie mitkäme, aber sie lehnte seinen Vorschlag kategorisch ab. Sie würde in München keine Arbeit finden, als nicht promovierte Kulturwissenschaftlerin mit dreiundfünfzig Jahren! Und in Wladiwostok wartete bestimmt auch niemand auf sie. Zunächst versuchten sie noch, die Fernbeziehung aufrechtzuerhalten, aber dann wurden seine Anrufe seltener. Seit er monatelang in Russland arbeitete, war der Kontakt so gut wie abgebrochen, zumal die Skype-Verbindung schlecht war. Und so lebte Nora wieder allein. Am liebsten wäre sie zu Sanne gezogen, die es wunderbar verstand, sie zu trösten. Inzwischen hatte sie sich fast damit abgefunden, allein zu leben, und schließlich bot das Singledasein ja auch Vorteile. Immerhin hatte sie eine Familie – ihre Tochter, Mutter und Schwester – und eine Handvoll Freunde. Nur manchmal, wenn sie nachts aufwachte und in der Dunkelheit mit der Hand über die kalte, leere Betthälfte strich, überkam sie eine große, angsteinflößende Traurigkeit. Die Luft wurde ihr abgeschnürt, und sie fühlte sich wie ein einsamer Astronaut in seiner Raumkapsel, der verloren durch das Weltall schwebte. Am Morgen vertrieb sie die Düsternis mit Gedanken an ihre Arbeit, die sie nach wie vor gern machte. Nach dem Frühstück rannte sie fast auf die Straße, um sich unter die Passanten zu mischen und der Einsamkeit zu entkommen.

5

Am anderen Ende der Leitung erscholl die fröhliche Stimme von Bettina, der Kollegin aus dem Stadtarchiv. Nora hatte sie gleich angerufen, nachdem sie im Büro angekommen war. „Willst du denn den ganzen Nachlass von Wilhelmine Ernst noch einmal durchsehen?“, fragte Bettina ungläubig. „Das hast du doch schon dreimal hin und her gewälzt … und ich auch“, fügte sie hinzu. „Mich hast du längst angesteckt mit deinem Bildersuchfieber.“

„Ja!“, erwiderte Nora bestimmt. „Ich muss irgendwas übersehen haben. Ich will wissen, wo die restlichen Werke sind. Sie muss noch mehr gemalt haben. Vielleicht hat sie doch noch woanders gewohnt oder wir spüren Personen auf, die mit ihr bekannt waren. Vielleicht hatte sie Freundinnen, in deren Nachlässen sich Bilder finden. Können wir das herausbekommen?“

Bettina überlegte. „Wir sollten zuerst die Listen der Schülerinnen des Lyzeums durchgehen und die Akten, die damit in Zusammenhang stehen. So kommen wir an eventuelle Schulfreundinnen heran. Vielleicht gibt es Fotos. Und dann müsstest du unbedingt noch mal die Zeitungen durchstöbern, besonders die aus Wilhelmines letzten zehn Lebensjahren, die sie ja hier in Neustadt verbracht hat. Vielleicht gibt es Berichte über Ausstellungen.“

„Gut, dann lass uns das so machen“, meinte Nora entschlossen. Sie überlegte kurz, wie sie Bettina die Sache mit der Gräfin erklären sollte. „Okay, dann wäre da noch etwas: Ich suche die Gräfin Hermine von Rattau, die ab 1888 in Neustadt gelebt hat. Sie muss ungefähr Jahrgang 1865 gewesen sein. Können wir herausfinden, was aus ihr geworden ist oder ob es eventuell einen Nachlass von ihr gibt?“

Aber Bettina fragte nicht weiter nach, sondern versprach, sich um den Fall zu kümmern.

„Wie schnell schaffst du es, mir die Akten rauszusuchen?“

„Spätestens Montag kannst du kommen. Ich ruf dich an“, erwiderte die Archivarin und legte auf.

Nora trug den Termin in ihren Kalender ein, klemmte sich ihr Notizheft unter den Arm und machte sich auf den Weg.

Wie jeden Mittwoch hatte Josefine Kürlein zur Dienstberatung geladen. Nora beeilte sich, das Büro unter dem Dach der Villa zu erreichen. Bei ihrer Chefin kam man besser nicht zu spät. Sie hatte bereits die letzte Treppenstufe erreicht, da passierte das, was sie ständig befürchtete und nicht in den Griff bekam: Ein Schweißausbruch kündigte sich an. Das fehlte gerade noch! Nora hielt inne, um zu verschnaufen. Doch das nützte nichts. Das Wasser schoss ihr aus allen Poren, die Bluse klebte an ihrem Rücken und sie spürte, wie sich ein Rinnsal zwischen den Brüsten seinen Weg zum Bauchnabel suchte. Das kitzelte, aber ihr war nicht nach Lachen zumute. Wahrscheinlich sah sie wieder puterrot aus, und auch die Haare im Nacken waren klatschnass. Mit vor Wut zitternden Händen fingerte sie ein Tempotaschentuch aus der Hosentasche, um sich notdürftig abzutupfen. Wechseljahre! Was sollte das überhaupt? Warum hatte die Natur diese sinnlosen Schweißausbrüche für Frauen ihres Alters vorgesehen? Tief einatmend klopfte sie eine Minute vor zehn an die Tür und trat ein. Sofort drang ein komischer Geruch in ihre Nase, so als hätte jemand Räucherstäbchen abgebrannt. Was hatte das zu bedeuten? Josefine Kürlein thronte hinter ihrem Schreibtisch. Leo und die Magazinmeisterin Andrea saßen an einem kleinen, runden Tisch unterm Fenster. Nora setzte sich ebenfalls, leicht außer Puste.

„So, dann sind wir ja vollzählig. Ich begrüße Sie noch einmal“, sagte ihre Chefin steif.

Nora dachte sofort an Günthers lockere Art, mit seinen Mitarbeitern umzugehen. In solchen Momenten vermisste sie ihn. Sie wurde einfach nicht warm mit Frau Dr.Kürlein. Deren Hosenanzug war heute grau. Sie musste eine Unmenge davon besitzen. Ihre Haare hatte sie streng zum Dutt gebunden. Nicht eine Strähne wagte es herauszufallen. Die Farbe ihrer Kleidung unterstrich ihre Blässe, denn geschminkt war sie nicht. Auch das Büro, das früher Günther gehört hatte, hatte sie umgestaltet. An den Wänden hing jetzt abstrakte Kunst, kalte Farben dominierten, das passte zu ihr. Nora stöhnte lautlos und bemühte sich, wieder zuzuhören. Gerade bekam Leo sein Fett weg.

„Schreiben Sie einfach am Ende der Woche auf, was Sie gemacht, welche Bilder Sie wie restauriert haben. Das kann ja nicht so schlimm sein“, setzte Josefine Kürlein hinzu, als Leo entrüstet einwarf, dass er keine Sekretärin sei. „In anderen Museen ist das ganz normal. Einen Wochenplan braucht schließlich jeder. Sie werden sich schon daran gewöhnen. Und vergessen Sie nicht, mir Ihren Bericht jeden Freitag zuzusenden!“

Nora schielte zu Leo und hob eine Augenbraue. Siehst du, sagte ihr Blick, ich hab es ja gesagt, die ist ein Kontrollfreak. Wahrscheinlich ging sie auch kontrolliert pinkeln, dachte Nora bissig. Dann war sie selbst an der Reihe und berichtete von ihrem Vorhaben, noch einmal die Akten im Stadtarchiv zu durchkämmen.

„Hätten Sie das nicht gleich gründlicher machen können?“

„Hätte ich, hab ich aber nicht!“, konterte Nora patzig, worauf ihre Chefin sie mit undurchdringlicher Miene ansah. Meine Güte! Was war daran so schlimm, dass sie noch einmal hinging? Forschen gehörte schließlich zu ihrer Arbeit. Günther hätte ihre Methoden nie hinterfragt.

„Gut, dann berichten Sie beim nächsten Mal, ob Sie noch etwas herausgefunden haben“, lenkte ihre Chefin nun erstaunlicherweise ein. „Dann sollten wir uns wohl langsam Gedanken um die Vernissage machen. Ich …“ Weiter kam sie nicht, denn ihr Telefon klingelte. Genervt nahm Josefine Kürlein den Hörer ab. Nora konnte sich die Schadenfreude nicht verbeißen, als sie Zeugin wurde, wie ihre Chefin die Schneekönigin abblitzen ließ. „Nein, Frau Barkow, jetzt passt es nicht. Heute Nachmittag hätte ich Zeit, so gegen zwei. Was? Dann können Sie nicht? Dann scheint es ja nicht so wichtig zu sein. Einen schönen Tag noch!“ Damit schmiss sie den Hörer auf. Nora wusste, dass die Schneekönigin Günther unheimlich getriezt hatte. Ihre Chefin war allerdings ziemlich mutig, die Bürgermeisterin so abzubürsten. Wenn ihr das mal nicht auf die Füße fiel! Eine halbe Stunde später kehrte Nora nachdenklich in ihr Arbeitszimmer zurück.

6

Karl saß mit einem Glas Wein auf seiner Couch im Arbeitszimmer und betrachtete andächtig seine neueste Errungenschaft. Das Gemälde war wirklich wunderschön. Er war froh, dass er es so leicht bekommen hatte. Es besaß die richtige Größe, um hier noch einem Platz zu finden. Er hätte es aber sowieso gekauft. Es war ein wichtiges Werk im Schaffen der Malerin, ein Meilenstein in der Entwicklung ihrer Porträts. Wie sie mit den Farben gespielt hatte! Wie sie mit wenigen Strichen das ausdrucksvolle Gesicht gestaltet hatte! Das war meisterhaft. Karl hoffte, dass sie irgendwann mehr Anerkennung erlangen würde. Er nahm noch einen Schluck Wein. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch, auf dem ein Stapel Aufsätze seiner Schüler lag. Den müsste er wirklich bald abarbeiten. Seit er nach den Winterferien wieder zurück in Berlin war, raste die Zeit. Die Tage in der Schule waren prall gefüllt, sodass er kaum zu etwas anderem kam. Sechs Monate in Kambodscha hatten sein Leben irgendwie entschleunigt, um jetzt noch schneller zu vergehen. Er hatte in Kampong Chang, der Provinzhauptstadt im Süden, ein Projekt geleitet, in dem deutsche und kambodschanische Künstler gemeinsam arbeiteten und ausstellten. Die Vernissage war ein großer Erfolg gewesen. Am Ende aber wollte er nur noch nach Hause. Dabei hatte ihm das Land gut gefallen. Hitze, wie er sie dort erlebt hatte, störte ihn nicht, und auch mit den einfachen Verhältnissen war er klargekommen. An die plötzlichen Stromausfälle, selbst in der Hauptstadt, gewöhnte man sich. Die überwältigende Gastfreundschaft, die atemberaubende Landschaft und die exotischen Früchte, für die es nicht mal englische, geschweige denn deutsche Namen gab, entschädigten für alle Widrigkeiten. Und natürlich Thida. Bei dem Gedanken an sie krampfte sich sein Herz zusammen. Er hatte sich verliebt, schon in der ersten Woche. Thida hieß eine der Künstlerinnen, die von der kambodschanischen Seite für das Projekt ausgewählt worden waren. Sie war Bildhauerin. Karl staunte, wie diese zierliche Frau mit den langen seidigen, schwarzen Haaren mit dem Schnitzmesser und dem Stechbeitel umging. Sie schuf Figuren, die an traditionelle Kunst anknüpften, aber gleichzeitig auch sehr modern waren. Sie war wesentlich jünger als Karl, und er musste zugeben, dass er sich geschmeichelt fühlte. Von Anfang an hatte sie keinen Hehl daraus gemacht, dass er ihr gefiel. Nicht einmal zwei Wochen waren vergangen, da hatte sie abends an seine Tür geklopft. Auch in dieser Hinsicht war sie moderner als ihre Kolleginnen. Ihre Beziehung hatte genau bis einen Monat vor der Vernissage gedauert. Dann hatte er endlich kapiert, dass er nicht der Einzige war, dem Thida ihre Gunst schenkte. Verletzt und verbittert hatte er seine Wut nur mühsam im Zaum halten können. Er wollte nicht glauben, dass ihm so etwas passiert war. Dabei hatte er schon Zukunftspläne geschmiedet und sich für ein weiteres Projekt in Kambodscha beworben. Er hatte Thida allerdings nichts davon erzählt, wollte sie überraschen, wenn es geklappt hätte. Ihre Wortkargheit in den letzten Wochen vor der Vernissage hatte er auf ihre Traurigkeit angesichts der bevorstehenden Trennung geschoben. Wie dumm er doch gewesen war! Er hatte sich benommen wie ein verliebter, alter Gockel. Am Ende war es wie immer gewesen: Die Frauen ließen ihn sitzen, so wie sie es seit jeher getan hatten. Diese unumstößliche Tatsache war ihm quasi in die Wiege gelegt worden, dachte er zornig und goss sich Wein nach. Seine Mutter hatte ihn gleich nach der Geburt verlassen und seine Frau nach zehn Ehejahren. Auch Karls Beziehung mit einer Kollegin war nach kurzer Zeit in die Brüche gegangen. Er sollte einfach die Finger von den Frauen lassen, man konnte sich doch nie sicher sein, ob sie einen nicht bloß wieder betrogen.

7

Wie jede Woche fuhr Nora in ihr altes Heimatdorf, nach Friedrichshagen. Seit ihr Vater im letzten Jahr gestorben war, wohnte ihre Mutter in einer kleinen Einliegerwohnung bei Hanna und ihrem Mann Anton. Das Haus, in dem Nora und ihre Schwester die Kindheit verbracht und in welchem schon ihre Großeltern gewohnt hatten, war verkauft worden. Es hatte ihr nicht gepasst, und immer, wenn sie daran vorbeifuhr und fremde Menschen im Garten sah, versetzte es ihr einen Stich. Es war schon seltsam, nicht mehr im Elternhaus ein und aus gehen zu können. Natürlich hatte sie eingesehen, dass ihre Mutter dort allein nicht mehr zurechtkam. Der Tod ihres Vaters hatte Nora mehr zu schaffen gemacht, als sie zugegeben hätte. Sicher, er war sehr alt gewesen und sie selbst hatte dieses einschneidende Ereignis auch ziemlich spät im Leben getroffen. Andere verloren ihre Eltern viel früher. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass nun die Generation vor ihr von der Bühne des Lebens abtrat und sie unweigerlich die Nächste war, die gehen würde. Sie hatte ihre Eltern immer zusammen erlebt, nie getrennt. Nun war da nur noch eine Hälfte, ein Teil eines ehemals Ganzen, unvollständig und rudimentär. Merkwürdigerweise dachte sie jeden Tag an ihren Vater. Meistens nur flüchtig, mit einem Wort: Papa. Das war vor seinem Tod nicht so gewesen. Jetzt, nach einem Jahr, hatte sie sich daran gewöhnt, dass dieser eine Gedanke spätestens vor dem Einschlafen zu ihr kam, als würde der Tag sonst nicht zu Ende gehen können. Die unerklärliche, ungerechtfertigte und verwirrende Wut auf ihre Mutter, die nun einzeln, nur noch halb und unvollständig daherkam, hatte sich gelegt. Über dieses eigenartige Gefühl hatte sie nur mit Max gesprochen und war froh, dass es vorbei war.

Nora hielt vor dem schönen, neuen Eigenheim ihrer Schwester und ihres Schwagers, die erst vor achtzehn Monaten von Neustadt nach Friedrichshagen gezogen waren. Die beiden waren noch nicht zu Hause, der Carport leer. Leise öffnete Nora die Tür zur Wohnung ihrer Mutter, um sie nicht zu erschrecken, falls sie eingeschlafen war. Aber ihre Mutter saß, wie fast immer, im Sessel und las. Das Zimmer sah genauso aus wie das in ihrem alten Haus, und für einen Moment gab Nora sich der Illusion hin, in der Kate im Heuweg zu stehen. Die Vitrine mit dem guten Porzellan und der Schrank aus dem neunzehnten Jahrhundert mit den Schnitzereien waren auf Hochglanz poliert. Nora klopfte laut an die Wohnzimmertür.

„Kind, da bist du ja!“ Noras Mutter erhob sich schwerfällig und umarmte ihre Tochter. „Schön übrigens, dass du wieder im Lande bist!“ Sie lächelte verschmitzt und ging voran in die kleine Küche.

„Aber das bin ich doch schon seit letztem Jahr, Mutti!“ Nora schüttelte den Kopf.

„Ja. Trotzdem. Ich hab euch lieber in meiner Nähe. Bin eben eine alte Frau.“ Ihre Mutter trug nach wie vor einen Zopf. Nora kannte sie nicht anders. Manchmal steckte sie ihn zu einem Dutt auf. Aber heute hing er ihr schwer über der Schulter. Das dicke Haar hatte ihre Mutter leider nur Hanna vererbt, genauso wie die Vorliebe für Röcke und Kleider. Sie setzte Kaffeewasser auf und erzählte Nora vom Rentnertreff bei der Volkssolidarität und welche Bücher sie gelesen hatte. „Und nächste Woche kommen wir zu dir in die Galerie. Frau Peters hat einen Bus bestellt. Dann kann ich mir endlich die neue Ausstellung zur Stadtgeschichte ansehen, dazu bin ich ja noch nicht gekommen.“

Das war das Stichwort für Nora. Sie erzählte ihrer Mutter alles, was ihr über Wilhelmine bekannt war, außer natürlich von dem Tagebuch – da machte sie keine Ausnahme. Ihre Mutter wusste zwar über die Ausstellung Bescheid, aber über Einzelheiten hatte Nora nicht mit ihr geredet. Dazu war nie Zeit gewesen. „Also, Mutti, hast du vielleicht mal irgendwann etwas von Wilhelmine Ernst gehört, die ein paar Jahre bevor du mit Oma und Opa nach Neustadt gezogen bist, gestorben ist?“

„Gehört schon, also den Familiennamen kenne ich natürlich. Die Leute waren ja sehr wohlhabend. Soviel ich weiß, sind die Verwandten von deiner Wilhelmine fünfundvierzig in den Westen gegangen. Die wohnten ja sowieso nicht in Neustadt. Ihre Mutter lebte nicht mehr, das Haus war schon lange verlassen. Bis zum Kriegsende kam ihr Bruder manchmal, um nach dem Rechten zu sehen.“

„Hm, wo mögen dann die ganzen Bilder geblieben sein? Was haben sie damit gemacht, nachdem Wilhelmine tot war?“

„Das weiß ich leider auch nicht. Aber wie ich dich kenne, hast du schon einen Plan, um es herauszufinden.“

Nora lachte. „Ich versuch’s!“

8

„Du brauchst dich wirklich um gar nichts zu kümmern, Mutti. Glaub mir, wir haben alles im Griff!“ Bea strahlte ihre Mutter vom Bildschirm an. Nora würde sich nie an die Tatsache gewöhnen, dass sie ihre Tochter die meiste Zeit nur mithilfe von Skype sprechen konnte. Selbst jetzt, als es um die Hochzeitsvorbereitungen ging, war sie fern, in Island. Und dort würde sie auch vorläufig bleiben, denn wenn sie mit Bragi verheiratet war, wohnte sie auf jeden Fall in Reykjavik und würde ihren Buchladen weiterführen.

Erst vor acht Wochen hatte Bea ihre Familie mit der Botschaft überrascht, heiraten zu wollen. Die Feier sollte in einem kleinen Hotel auf der Insel Rügen, die Trauung am Strand stattfinden. Nur die Angehörigen und ein paar Freunde des Paares würden anwesend sein. Das Hotel wurde von Beas Schulfreundin Anna geführt. Angeblich war also für alles gesorgt. „Ich hätte auch hier geheiratet, aber Bragi wollte unbedingt in Deutschland. Ist vielleicht besser so. Dann ist die Reise für Oma Else nicht so anstrengend. Bragis Geschwistern ist es egal, und seine Eltern leben ja nicht mehr. Du kennst seine Schwäche für alles Deutsche. Anna hat ihm lauter angeblich traditionellen Firlefanz versprochen, wie Schleierabtanzen und Brautstraußfangen.“ Bea lachte, als sie fortfuhr: „Nur von der Entführung der Braut weiß er noch nichts.“

Nora war verwundert, dass ihre Tochter plötzlich für solche Sachen zu haben war. Früher hatte sie über alles, was mit Hochzeit zusammenhing, gewitzelt. Aber wenn man verliebt war, änderte sich natürlich in dieser Hinsicht manche Einstellung. So sehr Nora sich für ihre Tochter freute, beschäftigte sie doch die Frage, wie das Zusammentreffen mit Ralf verlaufen würde. Sie wusste nicht, ob er mit Jana und dem Kind käme. Sie hatte Bea nicht gefragt, weil sie sich vor der Antwort fürchtete. Seit ihrer Trennung vor fast zwei Jahren hatte sie ihren Ex-Mann nicht oft gesehen. Nur wenn Formalitäten wegen der Scheidung oder des Hauses zu klären waren, trafen sie sich. Er hatte seine Tierarztpraxis nicht wie geplant verkauft, sondern arbeitete mit nunmehr zweiundsechzig immer noch. Er war wieder Vater geworden und der Kleine nicht einmal eineinhalb. Die Tatsache, dass er einen Sohn bekommen hatte, kränkte Nora. Wünschten Männer sich nicht Söhne? Auf der Suche nach Gründen für das Scheitern ihrer Ehe war sie – bar jeder Vernunft und Rationalität – auf die Idee gekommen, dass er nach Bea noch ein Kind wollte, das Nora ihm nicht mehr hatte geben können. Sanne hatte ihr einen Vogel gezeigt und sie gefragt, in welchem Jahrhundert sie lebe. Wie auch immer, Nora würde die Hochzeit schon irgendwie überstehen.

Als hätte Bea trotz der Entfernung ihre Gedanken gelesen, ermutigte sie Nora: „Wir werden bestimmt viel Spaß haben. Bragis Verwandte sind lustig, besonders sein Onkel Sigurd. Und den kennst du ja schon.“

Nora fügte sich. Das konnte ja heiter werden.

9

Am Sonnabend stand Nora früh auf, zog ihre Reitsachen an und fuhr los. Es hatte die ganze Woche geregnet, nun versprach das Wetter, schön zu werden. Nach der anstrengenden Woche im Büro war sie süchtig nach frischer Luft und Sonne. Auf dem Parkplatz des Reiterhofes angekommen, zog sie ihre Stiefel an, nahm den Eimer mit Futter für Jupiter und ging in Richtung Sattelkammer, um ein Halfter zu holen. Klaus-Dieter, der Hofbesitzer mit den krummen Beinen, von allen nur „Rittmeister“ genannt, kam ihr entgegen.

„He, Nora! Viel Spaß beim Ausritt. Du hast Glück, die Wege sind schon ganz gut abgetrocknet durch den Wind heute Nacht.“ Er hielt einen Führstrick in der Hand und zog eine ältere Stute hinter sich her, die offensichtlich lahmte. „Trixi hier muss zum Tierarzt, hat ein dickes Bein.“ Beruhigend klopfte er dem Pferd den Hals.

Nora blickte ihn fragend an.

„Ich habe Ralf angerufen, er hat Bereitschaftsdienst. Hoffe, das stört dich nicht.“

„Nein.“ Doch. Das störte Nora ganz gewaltig. Sie mochte ihrem Ex nicht unverhofft begegnen und ging ihm möglichst aus dem Weg.

„Dann ist’s ja gut.“ Mit diesen Worten stiefelte der Rittmeister weiter in Richtung Stall. Dort wartete Ralf sicher schon. Sein Auto hatte Nora allerdings nicht gesehen. Sie beeilte sich damit, ihr Pferd zu holen und es zu satteln, um dann so schnell wie möglich zu fliehen. Pferde waren Fluchttiere, und wahrscheinlich nahm sie dieses Wesen jetzt auch an, dachte sie bitter.