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Stell dir vor, du brichst deinem zweijährigen Sohn das Bein. Natürlich unabsichtlich. Und jetzt stell dir vor, das passiert dir in einem kleinen marokkanischen Dorf am Rande der Sahara. Ohne Krankenhaus. Ohne Arzt. Ohne Schmerzmittel! An einem Ort, an den außer dir keiner hinwollte. Auf einer Reise, die deine Familie eigentlich wieder zusammenbringen sollte, nachdem du mit einer anderen ... Herzlich willkommen im Leben von Stephan, der mit jedem Schritt nur noch mehr Sand streut in das Getriebe seiner Familie. Seiner Liebe. Seines ganzen Lebens.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
SandimGetriebe
von
PaulRenéFrigo
SandimGetriebe
von
PaulRenéFrigo
IMPRESSUM
©2021PaulRenéFrigo
©2021HEFTIGERVerlag,Wien
Umschlaggestaltung:DanielaBreitenfelderLektorat& Korrektorat:Hedwig SchussLayout&Satz:WinfriedStrudl
ISBN:978-3-9504934-1-2
Druck:druck.atDruck-undHandelsgesellschaftmbH
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FürAstrid, Fabienne&Matteo
Mögeicheuchstets begleitendürfen.
INHALTSVERZEICHNIS
Vorspiel: Schlaglöcher
MARTIN
Kapitel 1: Dämonen
Kapitel 2: Vorhölle
Kapitel 3: Fährmann
Kapitel 4: Hades
Kapitel 5: Dämmerung
Kapitel 6: Abschied
Zwischenspiel: Lichtstreifen
JULIA
Kapitel 7: Autopilot
Kapitel 8: Sand
Kapitel9: Kilometer
Kapitel 10: Urlaub
Kapitel 11: Abschied
Kapitel 12: Wasser
Kapitel 13: Moloch
Kapitel 14: Heim
Prolog
Der Weltuntergang ist eine höchst individuelle Erfahrung. Manche verbrennen, andere verhungern qualvoll oder siechen langsamdahin. Wieder andere sterben in Kämpfen um Macht, Nahrung undSicherheit, verabschieden sich freiwillig und gemeinsam mit ihrenLiebsten,odererstickenanseelischenQualenundSelbstvorwürfen.
NurdieGlücklichendürfensichbinnenSekundeninStaubauflösen.BeimnächstenMalmöchteichzuihnengehören.Dennichhabeihnbereitserlebt,denWeltuntergang.GenaugenommendenUntergangmeinerWelt.MeinerFamilie.MeinesLebens.
knacks
Tag 2, 02:32 Uhr
Auf dem Weg nach Ouarzazate
„Ich gebe auf.
Ich kann nicht mehr.
Ich will nicht mehr.“
Erst als meine Stimme verstummte, wurde mir bewusst, dass ich laut gesprochen hatte. Warum? Und für wen? Die einzige Person, die mich hören konnte, sprach kein Wort Deutsch. Er würde mich also weder verstehen, noch mir antworten. Davon abgesehen hatte er wahrscheinlich kein Interesse an einem Gespräch. Immerhin waren die einzigen Worte, die ich in den letzten Stunden an ihn gerichtet hatte, Schimpfwörter gewesen. Jene Art Schimpfwörter, für die meine Großmutter mir den Mund mit Seife ausgewaschen hätte, hätte sie meine Kindheit nicht schwer dement auf einer Pflegestation verbracht.
Doch selbst wenn sie neben mir gesessen hätte, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, hätte sie mich wohl kaum daran hindern können, diesen marokkanischen Folterknecht mit allen Feinheiten der französischen Schimpfkunst zu überhäufen. In der Hoffnung, dass er meine Verzweiflung, meine Angst und meinen Schmerz spürte. Und dass er einen Gang zurückschaltete. Sprichwörtlich. Und Wortwörtlich.
Mittlerweile war meine Wut jedoch verflogen, war zwischen hunderten Schlaglöchern zerrieben worden und hatte sich in Ohnmacht aufgelöst. Es war einfach zu viel. Und ich war zu schwach, um diese Tortur weiter zu ertragen. Wobei, Tortur war nicht das richtige Wort. Es war vielmehr so, als wäre ich am Boden eines Brunnens festgekettet und weinte. Meine Tränen sammelten sich zu meinen Füßen und mit jeder Minute stieg der salzige Wasserstand um einen weiteren Zentimeter. Das Bild war faszinierend, geradezu poetisch schön. Solange man nicht derjenige war, der mit schweren Ketten an den Knöcheln dastand und an seinen eigenen Tränen zu ertrinken drohte.
Ein weiteres Schlagloch riss mich aus meinem Selbstmitleid. Es war zwar nur ein kleines, zumindest für hiesige Verhältnisse. Dennoch wäre ich zu Boden gestürzt, hätten sich die Finger meiner rechten Hand nicht reflexartig in den abgewetzten Griff meines Sitzes gebohrt.
„Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.“
Meine Stimme war nicht mehr als ein zarter Hauch. Gleichzeitig raste mein Puls so sehr, dass ich mir einbildete, ich würde ihn an meinem ganzen Körper spüren. Ein starkes, rhythmisches Pochen an meinen Schläfen. Am Hals. An der Innenseite der Handgelenke bis hinunter in meine Zehen.
Nicht zum ersten Mal rieb ich meine Zunge über meine Schneidezähne. Es dauerte nicht lange und ich schmeckte erneut den dunklen, erdigen Geschmack meines Blutes. Mittlerweile war meine Zunge wahrscheinlich übersät von winzigen Schnitten, die bei der kleinsten Berührung aufrissen und meine Zähne und Lippen rot färbten. Ich sah aus wie Hannibal Lektor kurz nach einem Festmahl.
Dazu stand kalter Schweiß auf meiner Stirn. Meine Hände zitterten fast schon spastisch. Am schlimmsten war jedoch die Gewissheit, dass diese Nacht noch lange nicht vorüber war. Wie viele Schlaglöcher noch, bis ich endgültig den Verstand verlieren würde? Fünfzig? Zehn? Zwei?
Wieder schweiften meine Gedanken ab. Vor meinem inneren Auge saß ich auf dem Beifahrersitz neben meinem Folterknecht. Ich sah, wie er vor lauter Müdigkeit kurz die Augen schloss, dann aufschreckte und das Lenkrad nach rechts verriss. Im Mondlicht schoss der Wagen durch die Leitplanke, flog für einen Moment durch die Luft, bis die Schwerkraft die Kontrolle übernahm und unser Gefährt mit der Motorhaube voran in das Tal zog. Für ein paar Sekunden genoss ich das Gefühl absoluter Schwerelosigkeit, bevor die riesige Sauerstoffflasche unter mir dafür sorgte, dass keiner von uns den Aufprall spürte.
Zum ersten Mal seit Stunden lächelte ich. Ein Schlag, eine Explosion und alles wäre vorbei. Natürlich könnte ich auch einfach bei voller Fahrt die Türe aufreißen und einen beherzten Sprung in den Abgrund wagen. Auch dieser Gedanke war irgendwie verlockend. Doch um ihn in die Tat umzusetzen, war ich nicht verzweifelt genug. Noch nicht.
Plötzlich fiel der Wagen tatsächlich, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Wieder ein Schlagloch. Diesmal allerdings eher eines der Kategorie Bombenkrater. Ruckartig schoss mein Körper nach oben, hing für einen kurzen Augenblick schwerelos in der Luft und wurde gleich darauf brutal in den Sitz zurückgeworfen. Wie ein Blitz durchzog ein stechender Schmerz meinen Rücken. Ich hatte gerade noch Zeit, Luft zu holen, bevor direkt neben mir ein gellender Schrei ertönte. Ein Schrei, der all die Schmerzen und die Angst, die ich in meinem bisherigen Leben gefühlt hatte, in einem einzigen, schrillen Ton verband. Ein Schrei, der in mein Herz eindrang wie eine glühend heiße Klinge in ein Stück Butter.
Hektisch drehte ich meinen Kopf nach links und sah in Martins weit aufgerissene Augen. Mein nicht einmal zweijähriger Sohn lag halb aufgerichtet auf seiner verrosteten Trage. Sein Kopf war blutrot angelaufen. Schweiß stand auf seiner Stirn und sein ganzer Körper zitterte unkontrolliert. Nur sein linkes Bein lag bewegungslos auf der dünnen Unterlage.
Sein linkes Bein, das ihm noch vor wenigen Stunden dabei geholfen hatte, lautstark johlend durch den Wüstensand zu rennen. Sein Bein, das kurz darauf herabgehangen hatte, als wäre es aus Gummi. Sein Bein, das jetzt einbandagiert dalag, und dessen zwei halbe Oberschenkelknochen soeben aneinander gerieben hatten. Wie bereits vor drei Minuten. Und vor fünf. Und vor sieben. Und immer weiter und weiter, seit wir vor über einer Stunde das Krankenhaus in Zagora verlassen hatten.
Ich versuchte, den Lärm auszublenden, legte meine Hand auf seinen Bauch, streichelte sanft über seinen Oberkörper und versuchte, ihn mit einem leisen Zischen wieder zu beruhigen. „Sch-Sch-Schhhhh“. Langsam, sehr langsam wurde er ruhiger, legte sich wieder hin, schloss die Augen und sank erneut in einen schmerzmittelgetrübten Schlaf.
Bis zum nächsten Schlagloch.
BuchI
Tag 1, 20:17 Uhr
In der Nähe von M‘Hamid
Die Nacht hatte uns eingeholt. Nur ein kleiner blauer Streifen über den Sanddünen im Westen deutete noch darauf hin, dass die Sonne vor nicht allzu langer Zeit untergegangen war. Dunkel war es trotzdem nicht. Der Mond strahlte hell und tauchte alles um uns herum in ein gespenstisch schönes Grau – die Dünen, die Palmen und die zahlreichen Lehmruinen, die am Wegesrand standen und der Gegend einen morbiden Charme verliehen.
Der Anblick war wunderschön. Und einen Moment lang ließ ich mich bereitwillig verzaubern, vergaß das Leid, den Schmerz und die Angst, die ich empfand. Vergaß, dass Martin eingewickelt in einer Decke auf meinem Schoß lag und leise, fast unhörbar wimmerte. Vergaß, dass ich sein linkes Bein auf meinen Unterschenkel gelegt hatte, damit es ja nicht herabhing. Ich ignorierte, dass meine Frau Maria neben mir saß, die Augen zusammengekniffen, damit sie unbeleuchtete LKWs, Mopeds oder Eselskarren rechtzeitig erkennen und ihnen ausweichen konnte.
Ich verdrängte, dass Julia, meine dreijährige Tochter auf dem Rücksitz eine halbe Stunde lang Rotz und Wasser geheult hatte, bevor sie endlich eingeschlafen war und dass Kyra, unsere Hündin, heulend in ihre Schreie eingefallen war.
Ich vergaß, weil ich vergessen wollte. Und weil ich vergessen musste. Zumindest für einen Augenblick.
Ich ließ mich treiben, stellte mir vor, unser Auto, ein 20 Jahre alter Geländewagen der Kategorie „Backstein auf Rädern“, wäre in Wahrheit ein Zug, der gemächlich durch Marokkos Süden fuhr. Während unsere Kinder friedlich schliefen, saßen Maria und ich nebeneinander, hielten uns an den Händen und schauten aus dem Fenster. Ganze Städte zogen an uns vorbei. Wir sahen große und kleine Häuser, bestaunten prächtige Lehmbauten und riesige Moscheen. Dazwischen lagen weitläufige Palmenhaine und Dünenfelder, die wir betrachteten, während wir uns immer enger und enger aneinander kuschelten. Wenig später würden auch wir uns hinlegen, würden uns aneinanderschmiegen und einschlafen, begleitet vom rhythmischen da-damm da-damm da-damm der Eisenbahn.
Zwei, vielleicht sogar drei Minuten lang saß ich einfach nur da, hatte den Kopf an die Scheibe gelehnt und schaute in die Ferne. Es waren die schönsten drei Minuten seit Stunden.
da-damm da-damm da-damm da-damm da-damm
da-damm da- ...
Dann kamen die Dämonen.
Unentdeckt hatten sie sich in meinen Traum eingeschlichen, waren als Passagiere verkleidet in unseren, in meinen Waggon eingedrungen. Jetzt drehten sie sich zu mir, einer nach dem anderen. Da war plötzlich eine ältere Dame mit Hut, dann ein junges Pärchen mit ihrer kleinen Tochter im rosafarbenen Kleid. Und kaum hörbar raunten sie mir ihre Vorwürfe zu.
(du hast ihn verstümmelt)
(du hast ihn zum Krüppel gemacht)
(du bist schuld)
Immer mehr Passagiere stimmten mit ein und mit jeder neuen Stimme wuchs der Chor der Verdammenden weiter an, bis es irgendwann klang, als würde eine Menschenmasse den Wahlslogan ihres Kandidaten flüstern.
(du bist schuld)
(du bist schuld!)
(DU BIST SCHULD!!!)
„Nein! Bin ich nicht!“. Meine Stimme schnitt durch die Stille, die sich in unserem Auto ausgebreitet hatte. Vor Schreck riss Maria das Steuer nach links und verhinderte nur mit Mühe, dass wir im Straßengraben landeten. „Spinnst du?“, raunte sie mir wutentbrannt zu. „Es ist schon schwierig genug, uns lebendig durch die Dunkelheit zu bringen, ohne dass du mich zu Tode erschreckst.“ Verunsichert starrte ich weiter aus dem Fenster. „Und mit wem sprichst du überhaupt?“ Dochich antwortete nicht. Wie hätte ich ihr auch erklären können, dass eine Horde bösartiger Geister über mich hergefallen war und mich für Martins Unfall verantwortlich gemacht hatte?
Einige Minuten lang fuhren wir in gespenstischer Stille weiter. Fast wirkte es, als hatte Marias Zurechtweisung meine Dämonen vertrieben, hatte sie zurückgejagt in die dunklen Ecken, in denen sie sich zuvor versteckt hatten. Doch ich lag falsch. So schnell sie vorhin verschwunden waren, jetzt kamen sie in Windeseile wieder zurück. Von einer Sekunde auf die andere stand ich wieder in unserem Wohnwagen, sah wie Martin auf der Sitzbank lag, die Wickelunterlage unter sich. Ich sah, wie er sich aufrichtete und vor mir weglief. Er lachte, amüsiert darüber, dass ich ihn nun fangen musste. Ich hingegen blieb ernst, hatte keine Lust auf dumme Späße. Also streckte ich meine Hand aus, spürte seine Finger und griff zu.
(du hast ihn zu Boden gerissen)
Dann folgte das Geräusch. Dieses leichte, helle Knacken, als ob man beim Herbstspaziergang über ein Feld voller Laub schritt und dabei auf einen dünnen Zweig trat.
Knack.
Nur tausendmal endgültiger, tausendmal schärfer, als würde der gebrochene Zweig einen grellen Blitz durch den Körper jagen, der sich vom Bein über den Rücken hinaufzog, eine Runde durch das Gehirn machte, um schließlich im Herzen zu explodieren.
Plötzlich war ich wieder alleine. Meine Dämonen waren verschwunden und zumindest für den Moment war ich wieder im Hier und Jetzt, saß auf dem Beifahrersitz und starrte auf unser Navi, auf dem sich das blaue Dreieck langsam in Richtung der Kleinstadt Zagora bewegte. Sehr langsam. 70 Kilometer lagen zwischen uns und dem nächsten Krankenhaus. 70 Kilometer voller Sand, einem Bergpass und der permanenten Gefahr durch Fahrzeuge, Fußgänger und Tiere. „Es wird allen Selbstfahrern dringend davon abgeraten, nach Einbruch der Dunkelheit zu fahren“, hatte der Reiseführer uns gewarnt. Es sei „höchst gefährlich“ und berge„unkalkulierbare Risiken“. Es war eine der wenigen Warnungen, die wir wirklich ernst genommen hatten. Und es war die Erste, die wir vor wenigen Stunden über Bord geworfen hatten. Alles war besser als bis zum nächsten Morgen zu warten und Martin bis dahin mit Liebe und Zuneigung zu behandeln, statt mit Medikamenten und medizinischer Weitsicht.
Trotzdem hatte es fast eine Stunde gedauert, bis wir endlich unterwegs gewesen waren. Begleitet von Martins Schmerzensschreien hatte ich Wäsche abgehängt, schmutziges Geschirr eingepackt und unsere Habseligkeiten in den Wohnwagen geräumt. Nicht ordentlich. Nicht mit Liebe, sondern mit der Hektik eines Teenagers, der all seine Sachen in den Schrank warf, damit er seiner Mutter vorführen konnte, dass sein Zimmer aufgeräumt war.
All das hatte mich abgelenkt und den Moment hinausgezögert, an dem ich meine Zurechnungsfähigkeit verlieren würde. Immer wieder blitzten vor meinem inneren Auge Ausschnitte aus dem Wohnwagen auf. Meine ausgestreckte Hand. Der Sturz. Der Schrei. Der Moment, als ich Martin hochzog und sah, wie sein rechtes Bein mit aller Kraft strampelte, während das Linke kraftlos hin und her wackelte. Und sein Gesicht. Sein vor Schmerzen bis ins Unkenntliche verzerrte Gesicht.
Was habe ich ihm angetan?
Bevor ich erneut in die Abgründe meiner Schuld abtauchen konnte, riss mich eine Bewegung aus meinen Gedanken. Direkt vor uns hatte sich ein kleiner dunkelgrau er Fleck aus der hellgrauen Landschaftsmasse abgesetzt, wurde mit jeder Sekunde größer und größer. Fast so, als würde sich ein wildes Tier im Schatten der Wildnis behutsam anschleichen, nur um dann, sobald man kurz den Blick abwendete, schlagartig anzugreifen und uns zu Boden zu reißen. Mit jedem Atemzug wurde der Schatten dunkler, setzte sich mehr vom Hintergrund ab. Er wirkte wie ein langer, dünner und leicht schwankender Turm. Dann sah ich den kleinen orangen Punkt, der davor auf dem Boden tanzte. Es war kein schwankender Turm von Zagora, kein wildes Raubtier, sondern nur ein Moped mit defektem Rücklicht.
Bevor ich einmal tief durchatmen konnte, hatte Maria das Fahrzeug bereits überholt. Keine zehn Sekunden später war sein Licht auch im Rückspiegel nicht mehr zu erkennen und Maria kehrte in ihre konzentrierte Bewegungslosigkeit zurück. Wie ein Roboter, der nach getaner Arbeit in den Standby-Modus schaltet, und darauf wartet, sich bei Bedarf wieder zu aktivieren und uns gegen die Gefahren der Straße zu verteidigen.
Ich war nicht einmal in der Lage gewesen, den Motor anzulassen und den Wagen auf die andere Seite des Campingplatzes zu fahren, hatte ihn in meiner Panik dreimal abgewürgt, bevor Maria zu mir gekommen war, mir den Schlüssel aus der Hand gerissen und mich auf den Beifahrersitz verbannt hatte. Nun fuhr sie uns durch die marokkanische Nacht, während in meinem Kopf der Chor der Dämonen sein schreckliches Lied bereits wieder anstimmte.
***
Eine halbe Stunde später kam die Spitze jenes Bergpasses in Sicht, der M’Hamid und die Sahara von Zagora und dem Rest des Landes trennte. Es war kein hoher Berg, nicht vergleichbar mit dem beschwerlichen Weg über das Atlasgebirge.
Dieser Pass hatte, wie ich vorhin in einem Anfall postmoderner Neugierde herausgefunden hatte, nicht einmal einen Namen. Zumindest nicht bei dem digitalen Kartenanbieter meiner Wahl. Aber das machte ihn nicht weniger wichtig. Er war ein Symbol. Ein Zeichen dafür, dass wir den schlimmsten Teil der Strecke hinter uns hatten. Zumindest den schlimmsten Teil des ersten Teils. Aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gerade hofften wir noch, dass unsere Reise inweniger als einer Stunde zu Ende sein könnte, auch wenn dieser Strohhalm, an den ich mich so verzweifelt klammerte, mit jedem Kilometer brüchiger wurde.
Dennoch formte sich in meinem Magen ein warmes Gefühl und verbreitete sich von dort in meinem restlichen Körper. Für einen kurzen Augenblick formte sich sogar ein zartes Lächeln auf meinen Lippen. Denn direkt vor mir erstreckte sich der Garten Eden.
Der Ausblick war selbst in Grauschattierungen unbeschreiblich. Rechts und links reichten mächtige Bergketten bis an den Horizont. Sie umfassten das Gelände wie ein verspielter, barocker Bilderrahmen, dessen Leinwand wir gerade betraten. In seiner Mitte breitete sich die Ebene des Draâ-Tales aus wie in einem Bild von Ansel Adams. Feiner Sand und riesige Steine bildeten eine unregelmäßige, aber harmonische Einheit, unterbrochen nur von gelegentlichen Palmenfeldern. Es wirkte, als hätte jemand eine karge Mondlandschaft mit den Stränden Thailands zu einem inspirierenden Kunstwerk vermischt. Meine Augen huschten von einer Seite des Tals zur anderen, blieben an winzigen Details hängen, an verträumt in der Landschaft stehenden alten Lehmhäusern, an vereinzelten Palmen und dem mächtigen Flussbett, das da lag wie die vertrocknete Hauptschlagader des Tals, das die Landschaft nach den seltenen Regenfällen mit rauschendem Leben versorgte.
Mindestens eine Minute lang saß ich einfach nur da und schaut aus dem Fenster. Ich ließ die schier endlose Weite meine müden Augen umschmeicheln, während ich geistesabwesend Martins Kopf streichelte.
Als ich kurz darauf sprach, erschrak ich fast, so leise und brüchig klang meine Stimme. „Wie geht es dir?“, hauchte ich in die Stille. „Geht so“, antwortet Maria knapp, die Augen immer noch starr auf die Straße vor uns gerichtet. Nach einigen Sekunden fuhr sie fort. „Ich habe Angst, dass ich irgendwann einen Mopedfahrer übersehe. Oder einen Esel. Oder sonst irgendeinen Idioten, der nachts ohne Licht unterwegs ist.“ In ihrer Stimme lag Wut. Das war kaum zu überhören. War sie immer noch sauer, weil ich sie vorhin so erschreckt hatte? Oder realisierte sie gerade, dass ich schuld...
Hektisch suchte ich nach etwas, das ich sagen konnte. Etwas, das ein Gespräch in Gang bringen, das mich ablenken würde, bevor ich erneut in meinen Schuldgefühlen versank. „Danke, dass du fährst.“ Die Worte stürzten geradezu aus meinem Mund. Doch, falls sie es bemerkt hatte, ließ sie sich nichts anmerken. „Selbstverständlich“, antwortete sie fast schon zärtlich, während ihre Augen weiter stur geradeaus blickten. „Außerdem musst du im Krankenhaus ohnehin übernehmen“, fügte sie hinzu. „Ich glaube nicht, dass die hier draußen Englisch sprechen.“
„Stimmt. Aber eigentlich benötigen wir nur ein Röntgenbild“. Dann fügte ich mit völlig unangebrachtem Galgenhumor hinzu: „Und das“, ich konnte mich gerade noch davon abhalten zu grinsen, „können wir auch auf arabisch lesen.“
Normalerweise waren meine dummen Witze Garant dafür, die Stimmung aufzulockern. Nicht heute.
Hektisch stotternd fuhr ich fort. „Was ich... also was ich damit meine, ist“, ich schaute kurz aus dem Fenster und sortierte meine Gedanken. „Eigentlich müssen wir davon ausgehen, dass der Knochen gebrochen ist.“ Die Konsistenz seines Oberschenkels erinnerte an Wackelpudding. Und aus eigener Kraft bewegte er sich keinen Millimeter, egal wie stark Martin mit dem anderen Bein vor Schmerzen gestrampelt hatte. Noch dazu war sein linkes Bein offensichtlich verkürzt. Nicht, dass das mir als ehemaligem Sanitäter aufgefallen wäre. Ein anderer Camper, ein Krankenpfleger, hatte die Diagnose gestellt. Und alles sprach dafür, dass er Recht hatte.
All das erzählte ich Maria zum mindestens fünften Mal am heutigen Abend. Nur, dass jetzt die Worte aus meinem Mund sprudelten. Meine zerschundene Seele war dankbar für die Ablenkung und mein Kopf begann, die Situation Stück für Stück aufzuarbeiten. Wahrscheinlichkeiten. Konsequenzen. Szenarien. Es fühlte sich gut an, nicht über meine Schuld nachdenken zu müssen, sondern rational nach vorne zu schauen und zu überlegen, was wir als Nächstes tun würden. Halbwegs rational. Zumindest klang ich nicht mehr so, als hätte jemand meine Stimmbänder mit Schleifpapier bearbeitet.
„Ich möchte auf keinen Fall“, Marias Stimme war plötzlich so scharf, dass ich unmerklich zusammenzuckte, „dass Martin hier operiert wird. Nicht nach all dem, was ich über das hiesige Gesundheitssystem gelesen habe“. Sie hatte Recht. Abseits der Großstädte entsprachen Krankenhäuser nicht einmal ansatzweise mitteleuropäischen Standards. Hassan, der Besitzer des Campingplatzes in M’Hamid, hatte mir mit fast religiösem Eifer eingeschärft, nur ja kein öffentliches Krankenhaus anzusteuern. Aber es war Sonntagabend. Und wir waren weit weg von touristischen Zentren. Wir hatten also die Wahl zwischen einem öffentlichen Krankenhaus und einer mehrere hundert Kilometer entfernten geöffneten Privatklinik. Und jeder Kilometer war gespickt mit Schlaglöchern, Eseln und todesmutigen Mopedfahrern.
„Ich verstehe dich“, antwortete ich, während ich aus dem Fenster starrte und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. „Wahrscheinlich sollte er, selbst wenn er nur einen Gips bekommt, so schnell wie möglich nach Hause.“
Schnell war jedoch relativ. Zwischen Zagora und Wien lagen rund 4.000 Kilometer auf denen einen auf dem Landweg unter anderem das Atlasgebirge, das Mittelmeer sowie, je nach Weg, die Pyrenäen und Alpen erwarteten. Auch über den Wolken waren es 3.000 Kilometer – die mehreren hundert Kilometer zum nächsten internationalen Flughafen nicht miteingerechnet.
Ich Idiot. Ich egoistischer Vollidiot. Ich hatte unbedingt die Sahara sehen wollen. Nicht Maria. Nicht die Kinder. Ich hatte vorgeschlagen, hier ein paar Tage zu bleiben. Ich wollte Martin die Windel wechseln. Ich wollte nicht, dass er vor mir davonläuft. Ich streckte meine Hand aus. Ich, ich, ich...
... war ein Wrack.
„Stephan?“ Marias Stimme holte mich zurück in die Realität. Hatte Sie gerade etwas gesagt? „Entschuldigung, könntest du das noch einmal wiederholen?“.
„Ich habe gefragt, was die Versicherung genau gesagt hatte“. Die Versicherung. Natürlich. Ich atmete zweimal tief durch und fasste die mittlerweile fünf Telefonate zusammen, die ich in den letzten Stunden geführt hatte.
Zehn Minuten nach dem Unfall hatte ich das erste Mal angerufen. Bereits nach dem zweiten Läuten hatte eine Frau mit freundlicher, beruhigender Stimme abgehoben. Ich hatte mich für das Gespräch extra ein paar Meter von unserem Wohnwagen entfernt. Dennoch hatten Martins Schmerzensschreie es mir fast unmöglich gemacht, mich zu konzentrieren. Immer wieder hatte mich die Dame am anderen Ende der Leitung auffordern müssen, langsamer zu sprechen, ruhig zu atmen undnoch einmal von vorne zu beginnen. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis ich ihr unsere Situation endlich vollständig geschildert hatte. Ein nicht einmal zweijähriges Kind. An der Grenze zur Sahara. Möglicher Oberschenkelbruch. Wenn sie diese Geschichte berührt hatte, hatte sie sich das nicht anmerken lassen. Ruhig und besonnen hatte sie auf mich eingeredet und mir einen Rückruf innerhalb von fünf Minuten versprochen. Sie müsse nur schnell ein paar Dinge klären.
Danach hatten wir im Viertelstundentakt telefoniert. Krankenhäuser und Kliniken im Umkreis von mehreren hundert Kilometern wurden eruiert, kontaktiert und verworfen. Strecken wurden untersucht, Flughäfen diskutiert, für den Fall, dass er nach Hause transportiert werden musste. Dazu hatte ich ihr immer und immer wieder Martins Sturz beschrieben, die Position des Beins, unseren Verdacht und seine momentane Verfassung. Das Gefühl, der leitende Sanitäter vor Ort zu sein, hatte mir Sicherheit und Stabilität gegeben. Ich hatte etwas zu tun gehabt, war abgelenkt gewesen, während Maria sich um Martin und Julia gekümmert hatte, die die ganze Zeit über neben ihrem Bruder gestanden und seine Hand gehalten hatte.
Während ich bereits den Wohnwagen eingeräumt hatte, hatten wir zum vorübergehend letzten Mal telefoniert. Wir sollten nach Zagora fahren, ins Hôpital Sidi Hssayne Ben Nacer. Dort hätten sie zumindest ein Röntgengerät und könnten eine Diagnose erstellen. Außerdem sei es nur rund hundert Kilometer entfernt.
Ein Katzensprung.
***
Es war knapp vor neun. Wir waren also seit bald eineinhalb Stunden unterwegs. Und immer noch lagen gut zwanzig Kilometer vor uns. Ich starrte aus dem Fenster und betrachte gedankenverloren den Mond, der uns immer noch treu den Weg leuchtete. „Die Hauptstraße entlang bis kurz vor der Stadtausfahrt. Bei der Afriquia Tankstelle links abbiegen. Dann zwei Blocks weiter. Wir können es nicht übersehen“. Immer und immer wieder murmelte ich Hassans Worte. Da unser Navi sich geweigert hatte, die Adresse des Krankenhauses zu akzeptieren, war seine Beschreibung unser einziger Anhaltspunkt. Das und die Hoffnung, dass es inZagora Straßenschilder gab, die nicht nur in arabischen Schriftzeichen geschrieben waren.
Ich durfte seine Worte keinesfalls vergessen, musste vermeiden, dass mein Gehirn auch nur ein winziges Detail daran veränderte. Nur dann würden wir Gewissheit erhalten. Schmerzhafte Gewissheit, die mir gleichzeitig verlockend erschien und Angst machte. Denn trotz des kleinen Schmerzbündels auf meinem Schoß, hoffte ein Teil von mir immer noch, dass alles nur ein böser Traum war, hoffte, dass ich bald aufwachen würde, meinen Kopf schütteln und mir den Schlaf aus den Augen reiben, dann den Arm um Maria legen und wieder einschlafen würde.
Wie um mich für diese Hoffnung zu bestrafen, wanderte mein Blick in meinen Schoß. Zu Martin, der in seinem Transportbett aus Kissen und Decken schlummerte. Seine Beine hingen schlapp hinunter in den Fußraum. Bei jedem Stoß zuckte sein Gesicht zusammen. Doch selten folgte mehr als ein kurzes Wimmern. Schmerzmittel sei Dank.
Als ich wieder aufsah, erkannte ich mehrere Lichtpunkte am Horizont: Tamegroute, der letzte Ort vor Zagora. Je näher wir kamen, desto mehr Lichter tauchten auf. Ein paar schwach beleuchtete Mopeds kreuzten den Weg, dahinter kam uns ein Eselskarren entgegen. Neugierig beobachtete ich das Gefährt. Der Fahrer saß auf dem Rücken des Tieres, ließ seine Beine seitlich herunterbaumeln und rauchte entspannt eine Zigarette. Ich blickte in sein Gesicht, dass alt und zerfurcht aussah. Für einen Moment schauten wir uns direkt in die Augen. Der Bauer, der von einem anstrengenden Tag am Markt nach Hause zurückkehrte und der Vater, für den die Reise gerade erst begonnen hatte.
Kurz darauf passierten wir den Ortseingang. Bei unserer letzten Durchquerung war Tamegroute noch voller Leben gewesen war. Bei strahlendem Sonnenschein und über 35 Grad hatten Töpfer und Handwerker entlang der Hauptstraße ihre Kunstwerke präsentiert. Von der kleinen Deko-Tajine, dem traditionellen Tontopf, bis zum riesigen Mosaiktisch hatten alle in einem kräftigen Grün gestrahlt, das die Seele gleichzeitig beruhigt und erwärmt hatte. Doch jetzt war es dunkel und kalt. Die Bürgersteige lagen einsam und verlassen da wie das Filmset eines postapokalyptischen Horrorfilms.
Marokko hatte für Touristen nach Einbruch der Dunkelheit geschlossen. Nur waren wir keine Touristen mehr. Wir waren verzweifelte Eltern, die so schnell wie möglich Hilfe wollten für ihren Sohn. Während wir die Stadt wieder verließen und erneut einer ausgestorbenen Straße folgten, brach Maria die Stille im Inneren unseres Autos. Wenn Martin wirklich so schnell wie möglich nach Wien zurückkehren sollte, hatten wir noch ein wichtiges Detail zu klären.
Wir mussten uns trennen.
***
Wären wir normale Touristen würden wir so schnell wie möglich nach Hause fliegen. Zusammen. Je nach Diagnose entweder im Rettungsflieger oder mit der nächstbesten Linienmaschine.
Aber wir hatten den Abenteuerurlaub gesucht: Mit dem Wohnwagen endlose Weiten erforschen. Kulturen erkunden. Nun einfach nach Hause zu fliegen würde bedeuten, Wohnwagen und Auto zurückzulassen. Zwar hatte uns Hassan angeboten, unseren Fuhrpark bei ihm einzulagern. Aber dafür musste das Auto erst wieder zurück in die Sahara. Und was würden Sand, Staub und Gezeitenin den kommenden Wochen und Monaten damit machen? Von den tickendenbiologischen Zeitbomben Kühlschrank und nicht abgewaschenem Geschirr ganz zu schweigen. Davon abgesehen: Wann würden wir wieder zurückkehren? Würden wir überhaupt zurückkehren wollen? Und vertrauten wir einem Mann, den wir erst vor zwei Tage kennen gelernt hatten, unser mobiles Hab und Gut an, inklusive diverser Dokumente, Erinnerungsstücke und Bargeldreserven?
Doch all diese Gedanken waren ohnehin Zeitverschwendung. Der Grund dafür hatte struppiges Fell und lag schnarchend im Kofferraum. Kyra dürfte in der Flugrettung wohl kaum mitfliegen. Und mit zwölf Jahren war sie zu alt, um drogenvernebelt im Gepäckraum eines Linienfluges zu dösen. Am Ende war es eine beängstigende Vision, die uns davon überzeugte, dass einer von uns beiden hierbleiben und den Landweg nach Hause antreten musste. Es war das Bild eines schlaffen Hundekörpers, der uns in einem kleinen unbeschilderten Raum des Wiener Flughafens übergeben wurde.
Wir würden also die bislang wichtigste und härteste Zeit für unsere Familie getrennt voneinander verbringen. Wir würden genau dann tausende Kilometer zwischen uns haben, wenn wir uns am meisten brauchten. Und wir würden auch die Kinder voneinander trennen. Denn wer auch immer mitflog, Martin würde seine oder ihre ganze Aufmerksamkeit brauchen, um wieder gesund zu werden.
Natürlich wollte ich bleiben. Nein. Ich musste bleiben. Mein ganzer Körper sträubte sich dagegen, das Land so ruckartig zu verlassen. Es galt noch so viel zu entdecken, so viele Menschen kennenzulernen, Städte zu erkunden und Märkte zu durchstreifen. Der Gedanke, in wenigen Stunden im Flugzeug nach Hause zu sitzen, war fast unerträglich. Dies war mein Abenteuer und ich würde es mir von nichts in der Welt...
Marias Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Ich möchte mitfliegen“, sagte sie mit überzeugter Stimme. Ich dachte darüber nach. Ich sprach Französisch. Ich konnte mich also – im Gegensatz zu ihr – verständigen. Und, so sehr es mich irritierte, auf mein Geschlecht reduziert zu werden, war es für mich einfacher, mich in dieser männlich dominierten Gesellschaft zu bewegen. Alleine mit Wohnwagen, einem dreijährigen Kind und einem alten Hund unterwegs auf Straßen, über Bergpässe und durch Städte, die man nicht kannte, voller Menschen, deren Sprache man nicht sprach und von denen man gerne argwöhnisch betrachtet wurde, diese Aussicht war alles andere als verlockend.
Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto bewusster wurde mir, dass auch mir kein erholsamer Urlaub bevorstand.
21:09 Uhr
Maria hielt das Lenkrad fest umklammert. Die Knöchel an ihren Fingern waren ein schneeweißes Denkmal ihrer Anspannung. Vor uns waren die ersten Anzeichen einer größeren Stadt zu sehen. Zagora. Endlich. Hier würde alles besser werden. Zumindest versuchte eine Stimme in meinem Kopf, mich davon zu überzeugen. Und warum sollte ich es nicht glauben? Martin schlief friedlich, sein Brustkorb hob und senkte sich langsam und rhythmisch. Bald, vielleicht schon in wenigen Minuten, würde er seine Augen öffnen, mich anlächeln und dann aufstehen und davonlaufen wollen.
Ein Schlagloch warf mich zurück in die Realität. Für eine Millisekunde schwebte Martins Körper in der Luft. Dann stürzte er zurück auf das Kissen und sackte in sich zusammen. Sofort riss Martin die Augen auf, holte tief und schnell Luft.
Zu sagen, ich hätte mich mittlerweile an seine Schreie gewöhnt, wäre eine Lüge gewesen. Wenn überhaupt schnitten sie mit jedem Mal tiefer in mein Gehirn, rissen ein weiteres Stück aus meinem Herzen und brachten mich einen kleinen Schritt näher an den Wahnsinn. Irgendwie schaffte ich es trotzdem, ruhig zu bleiben. Ich berührte seine Stirn mit meiner Hand, strich darüber und flüsterte ihm mit bebenden Lippen zu, dass alles wieder gut werden würde. Dann küsste ich seine Wangen und drückte mich so eng an ihn, wie seine Verletzung es erlaubte.
Sein Mund war nun direkt neben meinem Ohr und sein Schmerzensschrei ließ keinen Platz mehr für andere Sinneseindrücke. Er war alles, was ich in diesem Moment sah, hörte, fühlte, roch und schmeckte. Alles war Schrei. Alles war laut. Alles war Schmerz.
Es dauerte fast eine halbe Minute, bis Martin sich wieder beruhigt hatte. Eine halbe Minute, die sich anfühlte, wie eine halbe Ewigkeit. Langsam schloss er seine Augen, riss sie noch ein, zweimal reflexhaft auf, als würde er sich für einen Moment andie Schmerzen erinnern, nur um dann wieder in seinen unruhigen Schlaf zu fallen. Ich atmete tief durch, hob meinen Blick und schaute in die Ferne. Wieder einmal. Der Anblick des prächtigen Sternenhimmels schmerzte. Eine Träne formte sich in meinem Augenwinkel, bereit den langen Weg über meine Wange zu beginnen und einen Schleier der Schuld darauf zu hinterlassen.
Auf dieses Signal hatten meine Dämonen gewartet. Die ganze Zeit über hatten sie sich im Hintergrund gehalten, hatten ihre Kräfte geschont, um meiner Seele im richtigen Moment den Todesstoß zu versetzen.
Jetzt war es soweit. Von allen Seiten ertönten ihre Schreie, ihre Vorwürfe und Beschimpfungen. Sie kratzten mit ihren spitzen Fingernägeln an der Hülle meines Bewusstseins, zerfetzten jeden Gedanken, den sie in die Finger bekamen und verwandelten ihn in ein schillerndes Beispiel meines Versagens. Mir wurde schwindlig, ich verlor die Orientierung, saß gleichzeitig im Auto und im Wohnwagen; Ich sah Zagora vor mir und hob Martin vom Boden auf, während er sich vor Schmerzen krümmte und sein Oberschenkel hin und her waberte wie Gummi. Ich hörte die Stille unseres Autos und seine Schmerzensschreie, die immer wieder unterbrochen wurden vom Knacken des kleinen, zarten Zweiges in seinem Oberschenkel.
Wie ein Ertrinkender, der sich ein letztes Mal an die Oberfläche kämpfte, bevor er endgültig in den Fluten versank, startete ich einen verzweifelten Rettungsversuch und tat das Einzige, was mir in diesem Moment noch helfen konnte. Ich öffnete meinen Mund. Und so wie der dem Tod Geweihte einen abschließenden, tiefen Atemzug nahm, formten meine Stimmbänder einen letzten Hilferuf. „Scheiße.“
„Was ist los?“, fragte Maria mit einem abwesenden Ich-kann-mich-gerade-eigentlich-wirklich-nicht-auf-dich-konzentrieren-Tonfall. Ihre Antwort war die Einladung, die ich gebraucht hatte.
„Ich weiß nicht ... ich ... ich kann nicht mehr“. Die Worte kamen quälend langsam, fielen fast aus meinem Mund, als würde jedes einzelne von einer Klippe in die Brandung stürzen. In der Stille, nachdem auch die letzte Silbe verklungen war, verlor ich endgültig die Kontrolle über meine Gefühle. Wie bei einem Platzregen schossen die Tränen aus meinen Augen. Ich wimmerte, saugte immer wieder laut Luft ein, nur um kurz darauf erneut zu schluchzen, wie in einem schlechten Hollywoodfilm.
In meinem Kopf herrschte Chaos. Mein Bewusstsein lag in Trümmern, zerfetzt von den Dämonen, die weiter darin wüteten. Zwei Atemzüge später konnte ich zumindest einen konkreten Gedanken fassen. „Was ... bin ich für ein Mensch?“, fragte ich Maria mit verzweifelter Stimme. „Erst breche ich dir das Herz und dann unserem Sohn das Bein.“ Prägnanter hätte ich die letzten sechs Monate nicht zusammenfassen können.
Trotzdem versuchte Maria mich aus der Spirale aus Selbstgeißelung und Selbstmitleid zu befreien. „Das war ein Unfall“, erklärte sie mir in einem Tonfall, der zugleich sanft war und dennoch durch meine Gedanken schnitt. Trotzdem verpufften die Worte zwischen uns. Wirkungslos. Ich hatte ihn gehalten. Erst meine Berührung hatte den Sturz verursacht. Ich versuchte, es ihr zu erklären, musste immer wieder unterbrechen, um Luft zu holen, oder Tränen aus meinem Gesicht zu wischen. Doch Maria gab nicht auf. „Das hätte mir genauso passieren können“. War es aber nicht. Es war mir passiert. Mir. Mir. Tausendmal mir. Ich hatte Martin verletzt. Ich hatte ihm unvorstellbare Schmerzen zugefügt. Ihm, einem Kind, das noch nicht einmal verstand, was Schmerzen waren. Geschweige denn, dass sie auch einmal wieder aufhören konnten.
Jetzt redete Maria auf mich ein, sprach mir Mut zu, kämpfte mit mir gegen meine Ankläger.
