Sanddünenverliebt - Lotte Römer - E-Book

Sanddünenverliebt E-Book

Lotte Römer

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Beschreibung

Inselfrühling auf Nortrum, eine frische Meeresbrise und ganz viel Gefühl … Frida ist fassungslos, als Kai sich von ihr trennt. Nach so vielen Jahren zu verschwinden, ohne einen Trennungsgrund zu nennen, ist ein starkes Stück. Kein Wunder, dass Frida das kaum verarbeiten kann und immer trauriger wird, besonders, weil Kai sie mit ihrer engen Freundin Nicola betrogen hat. Zum Glück kommt ihre Mutter Helli, die auf Nortrum lebt, zu Frida und nimmt sie mit auf die Nordseeinsel. Dort geht es Frida endlich besser und langsam heilen ihre Wunden. Auch die Nortrumer Männer interessieren sich viel mehr für Frida, als das jemals auf dem Festland der Fall gewesen ist. Was ist nur plötzlich so anders an ihr? Hat sie sich durch den Einfluss der Nordseeinsel so sehr verändert? Und möchte Frida sich überhaupt auf eine neue Liebe einlassen? Frida stellen sich so viele Fragen - und sie findet keine einzige Antwort. Dann taucht auch noch Kai wieder auf und Frida überlegt, ob sie ihm oder doch einem ganz neuen Leben auf Nortrum eine Chance geben soll. *** Ein neuer Band der Erfolgsserie Inselküsse & Strandkorbglück! Das Buch ist in sich abgeschlossen. Aber natürlich trifft man auch Protagonisten aus den Vorgängerbänden wieder.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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SANDDÜNENVERLIEBT

INSELKÜSSE & STRANDKORBGLÜCK

LOTTE RÖMER

KENNST DU SCHON DEN REST DER REIHE „INSELKÜSSE & STRANDKORBGLÜCK“?

Jeder Band kann unabhängig voneinander gelesen werden! Es sind bereits insgesamt NEUN Bände erschienen. Lass dich von den wunderschönen Liebesgeschichten verzaubern!

INHALT

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Epilog

Kennst du schon den Rest der Reihe „Inselküsse und Strandkorbglück“?

PROLOG

Heute wollte ich ein fröhlicher Clown sein, so einer, der Kindern keine Angst machte, sondern sie zum Lachen brachte. Das bedeutete, eine weiße Basis auf mein Gesicht aufzutragen. Dazu wollte ich außerdem mein ganzes Gesicht mit bunten Blumen schmücken. Mein Ziel war nichts Geringeres als ein atemberaubendes Ergebnis.

Die Kamera stand bereit, das Ringlicht war an. Ich liebte es, in meiner Freizeit Masken zu schminken und die Tatsache, dass ich mein Hobby videografisch festhalten und auf meinen sozialen Medien hochladen konnte, gab der Tätigkeit zusätzlichen Sinn. Manchmal verdiente ich damit sogar ein paar Euro dazu.

Da mein Freund Kai nicht daheim war, hatte ich Zeit, die sich wie Kaugummi zog, nur allzu reichlich zur Verfügung, da konnte ich mir besondere Mühe mit dem Schminken geben.

Kai fehlte mir fürchterlich, und die Stunden, bis er heute Abend endlich von seinem mehrtägigen Ausflug in die Berge zurückkäme, schienen mir endlos lang zu sein.

Nach gut dreißig Minuten war ich halb fertig mit der Maske. Der Mund lachte, auf die Wangen hatte ich Luftballons gemalt, die Sommersprossen gaben dem Gesicht einen fröhlichen Touch. Auf die Nase hatte ich statt einer klassischen, roten Clownsnase eine glitzernde Blume gezeichnet. Man konnte schon jetzt sehen, dass meine Maske am Ende gelungen aussehen würde.

Als das Telefon klingelte, riss es mich aus meiner Konzentration. Gerade hatte ich anfangen wollen, den Rest des Gesichts zu gestalten. Ein Blick aufs Display allerdings entlockte mir allerdings sofort ein Lächeln.

„Hi, Mum“, sagte ich in den Hörer.

„Na, mein Schatz? Wie geht es dir?“ Es war immer schön, ihre Stimme zu hören. Wir telefonierten fast täglich.

„Ganz okay“, antwortete ich und stand auf. Ich war niemand, der gut stillsitzen konnte beim Telefonieren. Also würde ich eben in den Keller gehen. Die Waschmaschine belud sich nicht von selbst und sicher würde Kai später auch sein Wanderzeug waschen wollen und es lag locker Wäsche für zwei Ladungen herum. Da konnte ich schon mal anfangen.

„Eine Woche ohne Kai ist eindeutig zu lang für mich“, sagte ich zu meiner Mutter und war schon aus der Wohnung. Sie lachte leise, während ich leichten Schrittes die Treppe hinunterlief.Normalerweise machten wir immer gemeinsam Urlaub, aber eine ganze Woche Skibergsteigen ohne den Komfort einer Dusche war einfach zu viel für mich - oder genau genommen ja eigentlich zu wenig, nämlich zu wenig Luxus. Aber Kai liebte Skihochtouren, da wollte ich ihm die Freude natürlich auch nicht nehmen.

„Siehst du, drum bleibe ich bei Ole auf Nortrum. Ich könnte nie eine Woche ohne ihn sein“, behauptete meine Mutter im Brustton der Überzeugung. Sie kannte Ole noch gar nicht so lange, ein gutes Jahr war das jetzt. Kein Wunder, dass sie noch immer verliebt war wie am ersten Tag.

„Das ist mir allerdings auch schon aufgefallen“, erwiderte ich, steckte mir mein Handy zwischen Schulter und Ohr und begann, die Waschmaschine zu beladen. „Du lässt dich ja hier in Bayern überhaupt nicht mehr blicken.“

Ein leiser Vorwurf schwang in meiner Stimme mit. Ich vermisste meine Mutter fast genauso sehr wie Kai und hätte liebend gern mehr als weniger von ihr gesehen. Aber mein Leben spielte sich nun mal hier im Süden Bayerns ab und ihres an der Nordsee. Das ließ sich im Alltag nicht so einfach vereinbaren.

„Deine Freundinnen vermissen dich übrigens auch“, ließ ich Mama wissen und stopfte noch eine Jeans in die Wäschetrommel, bevor ich sie mit Schwung schloss.

„Meine Freundinnen könnten ruhig mal wieder nach Nortrum kommen, der Reifinger Weiher ist doch schon lauwarm, da ist an Eisbaden gar nicht mehr zu denken.“

„Lauwarm, Ende März! Da lach ich ja.“

„Na ja. Das Meer ist kälter“, erwiderte meine Mutter trocken. Sie war begeisterte Eisbaderin. Und als sie noch hier in Grassau gewohnt hatte, war sie regelmäßig mit ihren Freundinnen beim Eisbaden gewesen. Ich wusste, dass sie jetzt mit Ole auch regelmäßig ins Meer ging - und das zu jeder Jahreszeit.

„Ole und ich waren heute Morgen auch schon beim Schwimmen“, antwortete meine Mutter, als ob sie mich denken gehört hätte. „Du kannst dir das nicht vorstellen, wie schön das um die Jahreszeit ist, wenn die Sonne langsam wieder Kraft hat, die Wellen glitzern …“

„Und der ganze Körper vor Kälte schmerzt“, vollendete ich ihren Satz.

„Also Frida! Du hast wirklich keine Ahnung. Schließlich hast du es noch nie ausprobiert.“

Wo Mama recht hatte, hatte sie recht. Ich öffnete die Schublade für das Waschpulver.

„Komm doch mal wieder nach Nortrum, dann könntest du es endlich mal ausprobieren.“

Sehr schnell war das Gespräch darauf gekommen, dass meine Mutter sich wünschte, ich würde sie mal wieder besuchen - was ganz typisch für den Verlauf unserer Unterhaltungen war. Ich grinste, während ich die Kalkschutztablette in das entsprechende Fach legte.

„Ich überlege es mir“, antwortete ich ausweichend. Nicht, dass ich unbedingt etwas gegen Nortrum gehabt hätte, ganz im Gegenteil, aber die Insel war ja auch nicht gerade um die Ecke.

Mama verstand den Wink mit dem Zaunpfahl problemlos und wechselte das Thema bereitwillig.

„Wie geht es eigentlich meinem Video zum Thema Dachpappe?“

Mama hatte sich mit dem Verlegen von Dachpappe beschäftigt. Was eigentlich einfach wirkte, war doch mit etwas Aufwand verbunden, denn es war auch um Dichtmasse und das Auftragen von Bitumen sowie selbstklebende Schindeln gegangen. Meine Mutter betrieb einen YouTube-Kanal, wo sie Frauen unterschiedliche handwerkliche Fähigkeiten erklärte. Ich war dafür zuständig, die Videos zu schneiden und alles in die richtige Form zu bringen. Wir waren ein Dreamteam und hatten in den letzten zwei Jahren auch ordentlich Geld mit den Videos verdient. Dieses Mal hatte uns eine Bitumen-Firma unterstützt und das Video gesponsert.

„Ist schon fertig. Ich lade es wie immer morgen hoch.“ Sonntag Früh war unser Tag. Da postete ich die Videos.

„Super. Danke, Frida. Was wäre ich nur ohne dich?“

„Verloren“, antwortete ich trocken, auch wenn ich wusste, dass dem natürlich nicht so war. Meine Mutter stand mitten im Leben.

Jetzt lachte sie. „Kochst du was für Kai heute Abend, wenn er wiederkommt?“

So verliefen unsere Gespräche miteinander meistens: Sie plätscherten locker dahin, wir tauschten Kleinigkeiten aus und wussten, was im Leben der jeweils anderen so passierte.

„Ich habe schon eine Lasagne vorbereitet“, antwortete ich. „Die lieben wir beide.“

„Mmmh, da würde ich jetzt auch gern vorbeikommen.“

Ich verbiss mir einen Kommentar. Schließlich hatte ich gerade erst gesagt, dass ich sie vermisste. Stattdessen fragte ich nach Ole und auch nach Nugget, Mamas Dackel, schloss die Schublade meiner Waschmaschine und startete den Waschvorgang.

Langsam stieg ich die Treppenstufen in Richtung Wohnung wieder hinauf, während meine Mutter mir von Oles neuster Schmuckkreation erzählte, einem Halsband mit einem Anhänger, der Wellenbewegungen darstellte und, ging es nach Mama, ein absolut künstlerisches Meisterwerk war.

Als ich oben ankam, merkte ich, dass die Stimmung in der Wohnung sich verändert hatte. Ein Blick aufs Schuhregal verriet mir, dass Kai schon da war, denn da standen seine Bergstiefel, als wären sie nie weg gewesen und mein Herzschlag beschleunigte sich.

„Mama, ich muss aufhören“, fiel ich meiner Mutter ins Wort. „Kai ist schon daheim!“

„Sehr gut. Grüß ihn von mir. Wir hören uns morgen, wenn die ersten Zahlen da sind.“ Mama sprach natürlich vom neusten Video und wie erfolgreich es war.

„Alles klar, tschüss, Mama!“ Ich legte auf und packte das Handy auf die Kommode im Flur.

„Kai?“, rief ich laut.

Er saß am Küchentisch, den Rucksack neben sich auf dem Boden.

„Oh je. Du siehst ja total zerstört aus. Habt ihr eher abgebrochen? Meine Güte, Kai! Ist was passiert?“

Kreidebleich saß mein Mann am Küchentisch. Ich lief auf ihn zu, wollte ihn umarmen. Aber er hob die Hände.

„Lass mal, Frida“, sagte er leise.

„Wie bitte?“

„Ich geh gleich wieder.“

„Du - wie bitte?“, wiederholte ich mich ungläubig.

„Ich kann nicht bleiben, tut mir leid.“ Kai sah aus, als hätte er einen Geist gesehen. Tiefe Augenringe zeichneten sich in seinem Gesicht ab.

„Was soll das denn heißen?“, fragte ich und starrte ihn an.

„Ich …“ Er sprach nicht weiter. Kai war nur ein Schatten seiner selbst.

„Weißt du was, ich mach dir erst mal einen Kaffee. Du bist ja total erledigt und außerdem hast du sicher Hunger. Ich wollte uns am Abend eine Lasagne machen, aber dann wird das eben ein Nachmittagsessen. Geht ganz schnell, sie steht schon vorbereitet im Kühlschrank. Ach, und Mama lässt dich grüßen.“ Warum redete ich so viel? Voller Handlungsdrang wandte ich mich zum Kühlschrank hin um. Kai mochte Cappuccino, ich würde ihm den besten seines Lebens machen, gleich jetzt sofort. Er wirkte nicht nur körperlich erschöpft, er wirkte mental am Boden zerstört. Schon hatte ich die Dose mit dem Kaffee aus dem Oberschrank genommen.

„Frida!“ Seine Stimme war mit einem Mal laut und dominant. Ein zweites Mal in weniger als fünf Minuten blieb ich wie angewurzelt stehen. Das war überhaupt nicht seine Art, so rumzuschreien. Erschrocken starrte ich ihn an, die Kaffeedose in der Hand, regungslos.

Etwas leiser sprach Kai weiter. „Ich bin nur gekommen, um ein paar Sachen zu packen. Mir ist auf der Bergtour klar geworden, dass ich nicht mehr mit dir zusammen sein will.“

Es klang, als hätte er den Satz auswendig gelernt. Die Worte kamen klar und deutlich aus seinem Mund, aber ich verstand sie nicht. Ich konnte sie einfach nicht verstehen. Kai stand auf.

„Ich packe eben ein paar Sachen“, wiederholte er. Er ging gebeugt, als wäre er um Jahre gealtert. Was passierte hier?

„Kai? Was soll das? Ich koch jetzt erst mal einen Kaffee“, wiederholte ich stur und stellte die Dose auf die Anrichte.

Er war nicht ganz bei sich, bestimmt war er nur total erschöpft. Das war die einzig logische Antwort auf sein Gerede. Wie konnte er so was sagen? Wir waren schließlich ein glückliches Paar!

Kai schüttelte den Kopf, Tränen standen in seinen Augen. „Lass es gut sein, Frida. Du sollst mir keinen Kaffee kochen, du sollst mir überhaupt nichts mehr kochen.“

Ich schaute ihn an. Der Mann, mit dem ich jahrelang Tisch und Bett geteilt hatte, stand da mit vor der Brust verschränkten Armen wie ein Fremder. Der Ausdruck in seinem Gesicht, traurige Entschlossenheit, war neu. Ich hatte meinen Kai noch nie so gesehen. Fassungslosigkeit breitete sich in mir aus. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ich kriegte nicht gegriffen, was hier gerade passierte.

„Ich zieh zu Nikola“, ließ Kai mich wissen.

„Zu Nikola?“, echote ich.

Nikola war seine Großcousine und beste Freundin. Sie gehörte zur Familie, auch zu meiner, verdammt noch mal.

„Genau. Frag einfach nicht, okay? Ich kann es dir nicht erklären. Es ist schwierig.“ Kai klang tatsächlich ein wenig wirr.

Und damit ging er an mir vorbei, peinlich darauf bedacht, mich in dem engen Raum nicht zu berühren, schob er sich am Tisch an mir vorbei und aus dem Zimmer.

Ich lief ihm nicht hinterher. Stattdessen fiel ich kraftlos auf einen Stuhl, nachdem Kai den Raum verlassen hatte. Das leere Viereck des Türstocks behielt ich fest im Blick.

Er würde zurückkommen. Das war doch nichts als ein Scherz. Ich hörte die Schiebetür des Schlafzimmerschranks, ich hörte die Schubladen sich öffnen und wieder schließen. Kais schwere Schritte im Flur klangen dumpf. Er öffnete die Badezimmertür und dann die des Spiegelschranks. Alle Geräusche waren so vertraut und doch so fremd. Schließlich hörte ich die Klospülung rauschen.

Ganz sicher würde Kai gleich ins Zimmer kommen und lachen. Dann würde ich ihm gegen den Oberarm boxen, wegen des saudummen, völlig überflüssigen und kein Stück komischen Scherzes, den er abgezogen hatte. Das jedenfalls versuchte ich mir einzureden, als die Schiebetür des Kleiderschranks ein weiteres Mal in Bewegung gesetzt wurde.

Danach ging Kai an dem Türviereck vorbei, ohne mich auch nur anzuschauen. Er blieb nicht stehen, wurde nicht einmal langsamer. Keine Minute später hörte ich die Wohnungstür leise ins Schloss fallen und ich schnappte nach Luft. Mir war nicht klar gewesen, dass ich vor lauter Anspannung aufgehört hatte zu atmen. Jetzt tat ich keuchende Atemzüge, einen nach dem anderen.

Ich lief auf den Balkon hinaus. Kai trat unten auf die Straße. „Kai!“, rief ich, aber er schaute nicht einmal zu mir herauf, seine Schritte wurden sogar noch schneller.

„Kai!“ Meine Stimme brach. Statt eines Schreis war es mehr ein Krächzen.

Er ging einfach weiter, seine Reisetasche in der Hand, auf sein Auto zu. Kai verließ mich. Er tat es wirklich. Das hier war kein Witz und auch kein Missverständnis - dort unten auf der Straße packte Kai seine Reisetasche in den Kofferraum.

Ich rannte zurück in die Wohnung, lief zur Kommode im Flur und schnappte mir mein Handy. Als ich in den Spiegel blickte, erschrak ich. Das halb fertig geschminkte Clownsgesicht starrte mir entgegen. Es war nicht mehr als eine Fratze. Kai hatte mit mir Schluss gemacht, während ich aussah wie eine Witzfigur, verschmierte Schminke im Gesicht. Aber das alles zählte gerade nicht.

Ich entsperrte mein Smartphone, um Kai anzurufen, aber ich erreichte nur die Mailbox. Anschließend versuchte ich, Nikola zu erreichen, aber die ging nicht dran, mein Klingeln lief ins Leere.

Kai, mein Kai. Was war nur los? Vor einer Woche war alles doch noch in bester Ordnung gewesen - und jetzt das.

Ich lief wieder zurück auf den Balkon, doch Kai und sein Auto waren nicht mehr zu sehen. Kai war weg, wie vom Erdboden verschluckt, als wäre er nie der wichtigste Teil meines Lebens gewesen.

1. KAPITEL

Schatz, das Video ist nicht online, oder? Spinnt die Technik mal wieder?

* * *

Engelchen?

* * *

Frida, was ist da los, warum antwortest du mir nicht?

* * *

Liebling, WAS IST MIT DIR?

* * *

Frida, ich will, dass du dich bei mir meldest!

* * *

Warum hast du Biggi nicht die Tür aufgemacht? Frida! Ich geh ein vor Sorge. Du musst dich endlich bei mir melden, sonst schicke ich dir die Polizei vorbei.

Ich las die Nachrichten der letzten Tage, allesamt von meiner Mutter. Es war also Biggi, die beste Freundin meiner Mutter gewesen, die gestern Abend Sturm geklingelt hatte. Nicht einmal aufgestanden war ich. Kai hatte schließlich einen Schlüssel, also konnte ich ausschließen, dass er es war, der so vehement den Klingelknopf drückte.

In den letzten Tagen hatte ich viel geweint, viele Reels angeschaut und nichts gegessen. Ich stank, und ich wusste es. Denn ich hatte auch nicht geduscht. Mein Kummer hüllte mich ein. So musste sich Eisbaden anfühlen, dachte ich. Nichts als Kälte und stechender Schmerz am ganzen Leib.

Ich ging in den Chat mit Kai. Die verzweifelten Nachrichten, die ich an ihn geschickt hatte, waren nicht einmal durchgegangen, wie mir das einsame Häkchen verriet, zu dem sich, egal wie oft ich den Chat öffnete, kein zweites gesellen wollte. Hatte Kai mich etwa blockiert? Mein Magen zog sich wieder einmal schmerzhaft zusammen und ich krümmte mich zu einer Kugel, das Handy noch in der Hand. Wie konnte er nur? Blitzschnell entschied ich, von Trauer und Frustration getrieben, es ihm nachzutun. Für den Fall, dass er sich überlegen sollte, mich zu kontaktieren, sollte er gefälligst hierherkommen!

Am besten meldete sich die ganze Welt nie mehr bei mir, dachte ich voller Frust. Allerdings kannte ich meine Mutter gut genug, um zu wissen, dass ich bei ihr mit meiner Vogel-Strauß-Taktik nicht weit kommen würde. Wenn ich nicht wollte, dass die Polizei bei mir auftauchte, musste ich mich bei Mama melden.

Alles okay.

Mehr schaffte ich nicht, zu tippen. Dann drückte ich auf Senden. Wie eine so große Lüge in zwei so kleine Worte passen konnte, war mir ein Rätsel.

Ich arbeitete zum Glück ausschließlich für meine Mutter, seit ihre Handwerker-Videos für Frauen so viral gegangen waren. Das aktuelle Video von Mama lag auf meinem Rechner, nicht hochgeladen. Jeder andere Arbeitgeber hätte mir sicher sofort gekündigt, das war mir klar.

Und es war schon Mittwoch, also eigentlich die Zeit, wo ich bereits das nächste Video für meine Mutter schnitt. Allerdings war ich momentan froh, wenn ich es wenigstens aufs Klo schaffte. Mich bis zu meinem Computer zu schleppen kam mir wie eine Weltreise vor.

Immer wieder hämmerte ein einziger Gedanke in meinem Hirn herum: Kai war nicht mehr da.

Es fühlte sich an, als enthielte die Atemluft keinen Sauerstoff mehr. Ich war ein Fisch, der verzweifelt nach Luft schnappte und doch erstickte.

Mein Handy vibrierte in meiner Hand. Mama. Natürlich. Ich legte es einfach zur Seite und zog mir die Bettdecke über den Kopf, darauf wartend, dass es aufhören würde, zu klingeln.

Du hast es so gewollt.

Stand da in kurzen Worten, als ich schließlich doch wieder auf das Display starrte. Ich verdrehte die Augen. Schickte sie mir jetzt trotzdem die Polizei vorbei? Egal. Darum würde ich mich dann kümmern, wenn es so weit war und dieser Moment war nicht jetzt.

Ich musste aufs Klo. Das war im Moment alles, was ich schaffen konnte, weil es unvermeidbar war: Wasser trinken und zur Toilette gehen. Mühsam wühlte ich mich aus dem Bett hervor und schlurfte hinüber ins Bad. Jede Bewegung war so unfassbar schwer. In den Spiegel zu schauen wagte ich nicht. Ich hatte mich zwar irgendwann notdürftig abgeschminkt, aber mit Sicherheit fanden sich noch weiße Farbreste um meine Augen herum.

Schließlich schlurfte ich zurück ins Bett. An wie vielen Abenden waren Kai und ich hier miteinander gelegen, nach dem Sex, aneinander gekuschelt, wie zwei Teile eines Ganzen? Zugegeben, das mit dem Sex war schon ein ganzes Weilchen her, besonders, seit wir uns ein Kind miteinander gewünscht hatten. Ein Kind! Allerdings hatte das für so viel Druck im Bett gesorgt, dass wir irgendwann entschieden, es langsamer anzugehen und nicht mehr immer dann miteinander zu schlafen, wenn wir meinen Eisprung vermuteten. Damit war die Situation rund um den Kinderwunsch, der vor allem Kai plagte, ein wenig entspannter geworden. Denn wir waren so jung, wir hatten ja noch viel Zeit.

Noch mehr schöne Erinnerungsmomente kamen mir in den Sinn:

Wie oft hatte ich mich zu Kai unter die Bettdecke geschlichen, nachts, wenn er schon schlief? Wie viele Male hatten wir morgens nicht aufstehen wollen und waren immer noch mal fünf Minuten liegen geblieben, bis es nicht einmal mehr für eine Dusche, geschweige denn eine Tasse Kaffee gereicht hatte, bevor Kai zur Arbeit gefahren war? Wie oft hatte ich Kai Tee ans Bett gebracht, wenn er krank gewesen war - oder er mir?

Mit einem Mal kam mir das Bett nicht mehr wie ein sicherer Zufluchtsort vor. Es war ein Ort der Trauer. Ich schnappte mir meine Decke und das Kissen und schleppte die Sachen hinüber ins Wohnzimmer auf das Sofa. Das Sofa, auf dem wir Filme angeschaut hatten, das Sofa, auf dem Kai saß, wenn er Zeitung las, das Sofa, auf dem wir mit Freunden Spieleabende verbracht hatten. Freunde, deren Anrufe ich gerade nicht entgegennahm. Denn Nikola hatte versucht, mich zu erreichen, aber ich hatte sie einfach weggedrückt. Ich war stinksauer auf sie, weil sie Kai bei sich aufgenommen hatte.

Als ich da so verloren auf der Couch saß, wurde mir klar, dass die ganze Wohnung geradezu mit Erinnerungen getränkt war. Ich war regelrecht eine Gefangene dieser Erinnerungen. Mit dieser Erkenntnis kamen die Tränen. Als ob ich nicht genug geweint hätte in den letzten Tagen. Mein Leben, jeder Futzel davon hatte sich einfach in Luft aufgelöst, kam mir vor.

Bitte komm heim, Kai.

Mein Handy hatte ich ganz automatisch mit zum Sofa genommen und - natürlich - Kai wieder entsperrt.

Lass mich nicht so allein, bitte nicht auf diese Weise. Sag mir wenigstens, was los ist. Was hab ich falsch gemacht?

Ich ließ das Handy für einen Moment sinken, dann begann ich erneut zu tippen.

Ich liebe dich. Du kannst mich doch nicht einfach verlassen!

Keine zwei Häkchen. Ich schrie in den Äther und blieb ungehört. Fassungslos starrte ich auf das Display, keine Ahnung zum wievielten Mal.

Kurz erwog ich, aufzustehen und zu Nikola zu fahren. Ich tippte mir mit dem Zeigefinger an die Lippen. Warum eigentlich nicht? Ich wartete jetzt seit Tagen untätig. Und wenn Kai erst sah, wie sehr ich litt, würde er doch bestimmt zurückkommen - für mich. Das konnte er doch nicht wollen, dass es mir so miserabel ging!

Wir waren seit einer Ewigkeit zusammen, hatten alle möglichen Hürden des Lebens gemeistert. Da warf man doch nicht einfach alles so hin.

Ich stand auf, band mir die Haare zu einem lieblosen Dutt zusammen. Jogginghose und ausgeleiertes T-Shirt, drüber dann noch einen Pullover von Kai. Er roch nicht nach ihm. Nur nach frisch gewaschen. Dann war ich auch schon aus dem Haus. Meine Augen schmerzten vom Weinen. Aber das störte mich nicht. Ich hatte jetzt eine Mission. Nikola wohnte in Bergen, das war nicht so weit weg. Mit dem Auto war ich nach einer Viertelstunde da und mit jedem Kilometer, den ich näherkam, stieg meine Aufregung.

Nur dass Kai nicht da war. Das erkannte ich daran, dass sein kleiner Mini nicht vor der Tür stand. Nikola wohnte in einem Mietshaus wie Kai und ich, nur im Erdgeschoss. Es dämmerte schon und genau in dem Moment, wo ich die Autotür hinter mir ins Schloss fallen ließ, ging drinnen das Licht an.

Der Klingelknopf war eiskalt, als ich ihn drückte und der Türsummer wurde fast sofort betätigt. Ich trat in das Treppenhaus. Nikola hatte ihre Wohnungstür aufgemacht und nur angelehnt, so dass ich sie jetzt aufstieß.

„Da bist du ja! Essen ist gleich fertig“, rief Nikola von drinnen. Sie klang so glücklich! Aber als sie mich sah, entglitten ihre Gesichtszüge. Ihr Mund formte ein kleines O.

„Ich bin nicht Kai. Auf den hast du offensichtlich gewartet.“ Meine Stimme war so kalt, wie der Klingelknopf es gewesen war.

„Ich hab nicht, also, ich meine … Nein! Kai ist gar nicht da.“ Nikola räusperte sich und lief rot an.

In diesem Augenblick wurde mir alles klar. Nikola und Kai. Kai und Nikola.

„Ach, Frida. Es ist nicht, wie du denkst“, sagte Nikola jetzt und kam auf mich zu. Sie sah unverschämt gut aus in ihrem kurzen Kleid mit den hochgesteckten Haaren. Da konnte man schon mal vergessen, dass sie die eigene Großcousine war, dachte ich böse. Denn Nikola und Kai waren ja entfernt verwandt.

Zugleich wurde mir mein eigener Aufzug schmerzhaft bewusst. Jogginghosen, fettige Haare und einige Kilo zu wenig ließen mich im Vergleich bestimmt wie eine knöcherne Vogelscheuche wirken.

„Komm rein, wir reden drüber.“

Mein linker Mundwinkel zuckte. Wie konnte sie es wagen? „Danke. Aber nein.“

„Bitte, jetzt lass mich doch mit dir reden!“, forderte Nikola.

Ich schüttelte den Kopf. „Danke. Kein Bedarf. Mach dir einen schönen Abend.“

„Danke“, antwortete Nikola und lächelte mich an.

Diese Art von Dreistigkeit machte mich nun doch sprachlos.

„Soll ich Kai ausrichten, dass du hier warst?“, wollte Nikola wissen, als ich mich schon umgedreht hatte.

Ich drehte mich zu ihr zurück und hielt ihrem Blick stand. „Ich glaube nicht, dass das noch etwas ändern würde, oder?“

Nikola schaute auf ihre Füße hinunter. Als sie wieder aufblickte, lag in ihrem Blick ein milder Abklatsch des Schmerzes, den ich spürte. „Es tut mir alles so leid, Frida.“

In diesem Moment spürte ich zum ersten Mal seit Tagen etwas anderes als tiefe Trauer. Da war Wut, eine wilde, rote Wut. Denn nicht nur Kai hatte mich hintergangen, sondern auch Nikola, wie sie da stand in ihren Seidenstrumpfhosen und mit dem perfekt geschminkten Gesicht.

„Ich brauch dein Mitleid nicht, Nikola, ganz besonders nicht deins. Werdet ihr mal glücklich.“ Und mit diesen Worten zog ich die Wohnungstür hinter mir ins Schloss, überwand die kurze Distanz bis zur Haustür und schlug sie hinter mir zu, dass es nur so krachte.

* * *

Es klingelte nicht an der Tür. Aber ein Schlüssel wurde am nächsten Morgen ins Schloss gesteckt. Das Geräusch weckte mich und der damit verbundene Adrenalinstoß ließ mich hochfahren.

„Kai!“ Ich sprang vom Sofa auf und rannte in Richtung Badezimmertür.

Nachdem ich es gestern aus dem Auto nicht weiter als bis zum Sofa geschafft hatte, um kraftlos darauf zu sinken und nur noch die Decke über mich zu ziehen, bevor ich mich in den Schlaf geweint hatte, war ich kaum der Anblick, den ich ihm bieten wollte. Ich wollte zumindest schön aussehen bei unserer nächsten Begegnung und stark, als könne mich nichts umwerfen. Jetzt gerade sah ich aber mit Sicherheit eher wie eine Mischung aus verblühter Rose und entlaubtem Apfelbaum aus.

Ein Glück, dass das Schloss der Wohnungstür manchmal klemmte. Ich hörte Kai daran herumfummeln.

Im allerletzten Moment bog ich, bevor sich die Tür schließlich öffnete, ins Badezimmer ab und warf die Tür hinter mir zu. Schnell drehte ich den Schlüssel um. Puh! Gerade noch geschafft. Kai sollte auch ja nicht denken, dass ich nichts Besseres zu tun hatte, als auf ihn zu warten.

Verrückt, wie schnell aus jemandem, den man eigentlich innig liebte, ein Fremder werden konnte.

Ich legte mein Ohr an die Tür und wartete. Die Haustür wurde wieder geschlossen, Schuhe ausgezogen. Ich hörte das leise Geräusch eines Reißverschlusses, der aufgezogen wurde. Dann weitere undefinierbare, kleine Laute, bevor sich schließlich Schritte näherten.

„Frida?“ Das war überhaupt nicht die Stimme, mit der ich gerechnet hatte!

Mein Herz, oh, mein Herz! Ich fing an, laut zu schluchzen. Alles brach aus mir heraus. Ich rutschte mit dem Rücken am Türblatt hinunter und saß schließlich auf den kalten Badezimmerfliesen.

„Mach auf“, verlangte die Stimme und ich gehorchte ihr blind, wie ich es als kleines Kind getan hatte. Erst in diesem Moment wurde mir klar, wie sehr ich sie vermisst hatte.

„Meine Frida“, sagte meine Mutter mit ganz viel Zärtlichkeit in der Stimme und breitete die Arme aus. Und Sekundenbruchteile später lag ich in Mamas Armen. Mama, die einfach hergekommen war, die ganz Deutschland durchquert hatte, um bei mir zu sein, nur weil ich ein paar Handynachrichten unzureichend beantwortet hatte. Dankbarkeit durchflutete mich, während ich ihren Pulli voll heulte.

„Ach, meine Süße.“ Sie strich mir über die Haare, wie man es bei einem Kind tat.

Meine Mutter störte auch nicht, dass ich meine Haare seit Tagen nicht gewaschen hatte, es war, als würde sie es gar nicht merken. Sie drückte mich an sich, als gäbe es kein Morgen und aller Kummer, der sich in mir angestaut hatte, brach aus mir heraus. Mein ganzes Selbst war ein einziges Schluchzen und Weinen. Dicke Tränen liefen mir über das Gesicht und mir war alles egal. Dann sah ich eben hässlich aus beim Weinen.

Mama kannte mich eh in allen Lebenslagen, da musste ich mich nicht verstecken. Erst jetzt, wo ich umarmt wurde, merkte ich, wie dringend ich das gebraucht hatte. Meine Mutter schaukelte mich sanft in ihren Armen, wie ein kleines Kind. Und es tat mir so gut!

Wir saßen eine ganze Weile so da und Mama tröstete mich, bevor ich mich endlich löste und mir die Wangen trocknete. Meine Mutter riss ein Stück Klopapier ab und gab es mir, damit ich mir die Nase schnäuzen konnte.

„Hallo, Frida“, war das Erste, was sie dann sagte und dazu lächelte sie mich einfach nur an auf diese warme Art, die nur Mütter für ihre Kinder haben und die ihnen das Gefühl gab, einfach unvergleichlich und wunderbar zu sein.

„Hallo, Mama.“ Mir gelang ein müdes Lächeln.

„Ich glaube, du hättest mich anrufen sollen.“ Ihre Rüge war berechtigt, das wusste ich. Jetzt, wo meine Mutter da war, ging es mir tatsächlich ein wenig besser.

„Tut mir leid. Aber ich hab mich gefühlt, als hätte, … als hätte …“, ich konnte es nicht aussprechen, sonst hätte ich sofort wieder angefangen zu weinen.

„Was ist denn überhaupt passiert?“

Erst jetzt realisierte ich, dass meine Mutter ja wirklich gar nichts von dem wusste, was geschehen war.

„Kai ist weg.“

„Wie bitte?“ Ich sah Mama an, dass sie das genauso unvorstellbar fand wie ich.

„Er hat mich verlassen.“ Die Worte laut zu sagen, tat weh.

„Was?“ Die Fassungslosigkeit, die ich noch immer angesichts dieser Tatsache spürte, sah ich im Gesicht von Mama widergespiegelt.

„Ja. Er ist zu Nikola gezogen.“

„Zu Nikola?“, echote sie. Natürlich kannte Mama Nikola von diversen Familienfeiern. Was für eine Ironie!

„Aber ich dachte, ihr wärt wirklich füreinander bestimmt“, sagte sie fassungslos.

„Das hatte ich auch gedacht“, erwiderte ich. Schließlich war Kai meine erste große Liebe. Wir hatten uns noch in der Schule kennengelernt, zwei Jahre vor dem Abitur, und seitdem hatte uns nichts mehr trennen können. Bowlingabende, Fahrradtouren, Ausflüge - uns war nie langweilig geworden. Eigentlich hatte ich gedacht, dass der nächste Schritt eine Hochzeit und keine Trennung wäre.

Klar, über die Jahre waren wir ruhiger geworden, besonders was die Intimität anging, aber wir waren ja auch schon acht Jahre zusammen gewesen. Da war das normal. Außerdem war unsere Beziehung von Kuscheln und Zärtlichkeiten geprägt - gewesen. Alles war jetzt gewesen.

Mama stand auf und hielt mir ihre Hand hin. „Na los. Wir gehen in die Küche. Ich brauche Kaffee und Frühstück. So wie du aussiehst, könntest du das auch vertragen. Nichts für ungut, aber du bist schrecklich dünn.“

Ich griff nach ihrer ausgestreckten Hand und sie zog mich auf die Beine. Kraftlos schlurfte ich ihr hinterher. In der Spüle standen die Gläser vergangener Tage, die ich nicht in die Spülmaschine geräumt hatte und ich fragte mich, ob es im Haus noch Brot gab, das nicht schimmelte. Die Kaffeedose stand noch auf der Anrichte.

„Setz dich hin, ich kümmere mich um alles“, befahl meine Mutter. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass ihr Ton keinen Widerspruch duldete.

Sie öffnete den Kühlschrank. Da stand noch die vorbereitete Lasagne drin, die jetzt mit Sicherheit ungenießbar war. Mama ignorierte die Auflaufform, holte Eier und Milch aus dem Kühlschrank.

„Wo hast du Mehl?“, fragte sie mich und ich deutete auf eine Schublade.

Minuten später rührte sie schon einen Eierkuchenteig an. Ich kannte jede ihrer Bewegungen. Wann immer wir früher schwierige Momente gehabt hatten, meine ganze Kindheit hindurch, hatte es Pfannkuchen, wie wir sie in Bayern nannten, mit Schokocreme gegeben. Als mein Hamster Berni verstorben war, als ich die Schwimmmeisterschaft nicht gewonnen hatte und tieftraurig darüber gewesen war und auch bei meiner ersten Mathe-Sechs. Wir hatten jedes einzelne Mal miteinander am Küchentisch gesessen, eingerollte Schoko-Pfannkuchen in der Hand.

Und dann hatte Mama irgendwann gesagt: „So lange es Pfannkuchen gibt, kann das Leben uns doch gar nicht wirklich was.“

Keine Ahnung, warum das jedes Mal wieder funktioniert hatte, aber es ging mir danach immer besser, selbst in meinen Teenagerjahren war das das Rezept für kleines Glück gewesen.

Als Mama und ich einander jetzt gegenübersaßen, jede eine Tasse Kaffee vor sich sowie einen eingerollten Pfannkuchen in der Hand, passierte es wieder: Ich fühlte mich ein wenig leichter ums Herz.

„Gut, dass du da bist“, murmelte ich und biss herzhaft in den Eierkuchen. Erst in diesem Moment realisierte ich, wie dringend ich etwas hatte essen müssen. Mein ganzer Körper schien regelrecht nach der Energie zu greifen, die ich ihm zuführte. Meine Füße waren eiskalt gewesen, aber jetzt, wo das Essen langsam im Magen ankam, wurde mir endlich etwas wärmer.

„Sag ihn nicht“, verlangte ich.

„Wie bitte?“ Mama verstand nicht.

„Unseren Satz. Dass das Leben uns nicht wirklich was kann, so lang wir Eierkuchen haben“, nuschelte ich mit vollem Mund.

„Ach so. Du meinst, der gilt nicht bei Weltuntergang?“

Ich nickte. Am liebsten hätte ich wieder zu weinen angefangen. Ich schluckte stattdessen einen weiteren Bissen.

„Jetzt essen wir erst einmal!“, entschied Mama. „Und dann erzählst du mir, was genau passiert ist.“

Wir beendeten unsere Mahlzeit schweigend. Mir fiel etwas ein, bevor ich anfing.

„Wo ist überhaupt Nugget?“

Eigentlich waren meine Mutter und ihr Dackel unzertrennlich. „Der wird von Ole und Björn versorgt, so lange ich weg bin. Er wird langsam alt. Das Reisen wird ihm zu mühsam. Außerdem ist er jetzt ein echter Nortrumer. Er fühlt sich wohl auf der Insel.“

Ich nickte. „Verstehe.“

Mechanisch aß ich meinen Pfannkuchen auf, ohne recht zu schmecken, was ich da kaute und schluckte. Kaum war mein Teller leer, straffte sich die Körperhaltung meiner Mutter.

„So. Jetzt will ich aber wirklich alles wissen.“

Ich nickte schicksalsergeben. Dann umarmte ich meine Kaffeetasse mit den Händen. Sie war noch herrlich warm, wie meine Füße. Erst stockend und dann immer zügiger erstattete ich meiner Mutter Bericht über den Tag, an dem Kai gegangen war. Auch meinen Besuch bei Nikola ließ ich nicht aus und der Gesichtsausdruck von Mama wandelte sich von Mitgefühl immer mehr zu Fassungslosigkeit, je weiter ich mit meiner Erzählung fortschritt.

„Du denkst, er hat was mit Nikola angefangen?“, fragte meine Mutter schließlich geradeheraus.

„Keine Ahnung, was ich denken soll. Hättest du mich vor einer Woche gefragt, was ich über meine Beziehung denke, hätte ich gesagt, dass Kai und ich glücklich miteinander sind. Was ich denke, entspricht also sehr offensichtlich nicht unbedingt den Tatsachen.“

„Ach, Frida.“ Mama standen Tränen in den Augen. Erst jetzt sah ich, dass sie ihren eigenen Eierkuchen kaum angerührt hatte.

Ich konnte meine Mutter einfach nicht gut weinen sehen. „Das wird schon wieder, keine Sorge, Mum.“

Sie nickte eifrig und blinzelte ihre Tränen weg. „Natürlich wird das wieder.“

Wenn ich nur selbst daran geglaubt hätte! Und natürlich sah meine Mutter mir das an der Nasenspitze an.

„Wenn wir erst auf Nortrum sind, wird alles wieder gut“, sagte Mama im Brustton der Überzeugung.

„Wie bitte?“

„Ich nehm dich natürlich mit. Ich könnte dich niemals allein hierlassen in deinem Zustand.“ Sie sprach, als hätte ich da überhaupt kein Mitspracherecht.

„Aber meine Arbeit …“, gab ich trotzdem zaghaft zurück.

„Ha! Als ob du da räumlich gebunden wärst.“

Das stimmte. Ich erstellte kleine Filme, schöne Fotos für Werbepartner, schnitt Videos und beantwortete Kommentare unter ihre Beiträge. Längst hatte ich den Job in der Werbeagentur, für die ich davor tätig gewesen war, gekündigt, und meine Mutter hatte mich in Vollzeit eingestellt.

Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, auch nur im Ansatz die Kraft für eine Reise aufzubringen.

„Ich fahre. Ich packe. Du musst nur ins Auto steigen“, ließ Mama mich wissen, ganz so, als könne sie meine Gedanken lesen.

„Aber …“

„Keine Widerrede. Ich kann dich in so einem Zustand nicht allein lassen. Entschuldige, dass ich es sage, Frida, aber du stinkst zum Himmel. Und das meine ich nicht im metaphorischen Sinne. Es ist besser, wenn ich dich das wissen lasse und nicht jemand anders.“

Auch diesen letzten Ausspruch kannte ich noch aus meiner Kindheit. Nur dass ich dank Mama jetzt peinlich berührt war, angesichts meines Gesamtzustandes.

„Dann dusche ich eben, bevor ich mich wieder hinlege“, antwortete ich dennoch trotzig. Unser Bett, meines und Kais. Die Vorstellung, mich in dieses Bett zu legen, war nicht schön. Aber wenn Mama mich in Richtung Sofa abbiegen sah, würde sie erst recht der Meinung sein, dass ich mit nach Nortrum musste. Meine Mutter hatte klare Ideen vom Leben, und auf dem Sofa zu pennen gehörte nicht dazu.

„Was hält dich denn hier? Wartest du auf Kai?“, fragte sie mich, ohne auf mein Duschvorhaben näher einzugehen.

„Ich wohne hier“, wich ich ihren Fragen aus.

„Wahr. Aber du kriegst nichts auf die Reihe.“ Die trockene Feststellung schmerzte. Vermutlich, weil sie so wahr war. Dinge, die uns auf den Kopf zugesagt wurden, von denen wir wussten, dass sie stimmten und die deshalb schmerzten, waren die schlimmsten.

Ich suchte nach einer Erwiderung. Aber aus meinem Mund kam nur ein lahmer Satz. „Ich mach es ab jetzt besser.“

„Das wirst du ganz sicher, weil du mit nach Nortrum kommst“, beharrte meine Mutter. Sie war stur, das ließ sich nicht anders sagen.

„Mama …“

„Nein, nichts Mama. Ich sage dir das als deine Arbeitgeberin.“

Ich hob fragend die Augenbrauen.

„Du hast diese Woche noch keinen Strich gearbeitet - und ich zahle dich schließlich nicht fürs Nichtstun. Von daher verordne ich dir eine Dienstreise nach Nortrum. Ich brauche eine Kamerafrau und möchte außerdem meine Social Media Managerin im Moment lieber vor Ort haben. Der Frühling ist da, und in diesem Jahr haben wir das Sonderprojekt Garten- und Landschaftsbau.“

„Das ist mir ganz neu“, antwortete ich trocken.

„Weil ich es gerade erst entschieden habe. Ich möchte mich mit Gartengeräten und der Restauration von Strandkörben befassen.“ Mama strahlte mich an. „Und ganz sicher wirst du doch gerade jetzt, in deiner aktuellen Lebenssituation, deinen Arbeitsplatz nicht gefährden wollen?“

Zweifelnd schaute ich meine Mutter an. „Das kannst du ja wohl nicht ernst meinen.“

Mama beugte sich auf ihrem Stuhl nach vorn und sah mir fest in die Augen. „Ich meine jedes Wort, das ich sage.“

Ich hob meine Tasse zum Mund und trank einen Schluck. Der Kaffee war so stark, dass es mich wunderte, dass der Löffel nicht in der tiefschwarzen Flüssigkeit einen fröhlichen Koffein-Tango tanzte.

Genauso wenig wie ich Kraft hatte, meine Tasche zu packen, hatte ich Kraft für diese Diskussion.

„Wann fahren wir?“, fragte ich also stattdessen schicksalsergeben. Es war ja wirklich egal, an welchem Ort meine Traurigkeit mich verschluckte.

Meine Mutter strahlte mich an. Dann prostete sie mir mit ihrer eigenen Kaffeetasse zu. „Endlich hast du ein Einsehen. Wir fahren gleich morgen.“

2. KAPITEL

„Frida, wie sieht es aus mit Frühstück?“ Ole rief durchs Haus und ich hob überrascht den Kopf vom Kissen.

Normalerweise kam meine Mama mit Kaffee ins Zimmer, als würde ich krank sein und sie wäre die Krankenschwester. So ging das schon die ganze Woche.

„Frida? Hast du mich gehört?“, schrie Ole ungeduldig - und laut.

Ich wollte Mama, nicht Ole. Mama, die mir über die Wange strich, als wäre ich noch mal zehn Jahre alt und die mit leiser Stimme vorsichtig mit mir sprach. Schnell zog ich die Bettdecke bis unters Kinn.

„Frida?“ Mit Sicherheit stand Ole, Mamas Lebensgefährte, unten an der Treppe und schaute erwartungsvoll zu mir herauf. Er war wie Mama. Aufgeben lag Ole nicht in der Natur. Er würde mich rufen, bis ich antwortete.

„Ich komme“, antwortete ich laut genug, dass er mich hören konnte. Auch wenn mir überhaupt nicht danach war, irgendwo hinzugehen.

„Prima. Du kannst gleich die Eier machen und den Speck braten.“

Ich? Ich sollte helfen, Frühstück zu machen? Das war neu. Das hatte ich seit Wochen nicht mehr getan. Aber natürlich war es legitim, dass ich mich endlich mal nützlich machte hier im Haus.

Wie in Zeitlupe schälte ich mich aus dem Bett. Die Mühe, die Vorhänge aufzuziehen, machte ich mir erst gar nicht. Ich sah auch so, dass die Sonne unverschämt kräftig für Anfang April vor sich hin strahlte, als hätte sie den ersten Preis in einer Schönheitskonkurrenz gewonnen. Der schmale Streifen Licht reichte aus, um meine Jogginghose und einen Hoodie anzuziehen. Anstatt mich zu kämmen, fuhr ich mir mit den Fingern durch die kinnlangen Haare.

Seit ich hier auf Nortrum angekommen war, blieb ich in Oles Haus, wo auch meine Mutter lebte, als wäre ich ein Einsiedlerkrebs und das Haus mein Schneckenhäuschen.

Leise öffnete ich die Tür und schlüpfte hinaus in den hellen Flur.

„Frida?“

„Ich komm schon“, antwortete ich ohne rechte Motivation. Wie müde ich klang. Dabei war ich schon eine Weile wach gelegen. Noch immer dachte ich die ganze Zeit an Kai, von dem ich nichts gehört oder gesehen hatte. Trotzdem war auf mein Smartphone zu starren gerade eine meiner liebsten Beschäftigungen. Ab und zu schrieb mir eine Freundin, aber da ich in den letzten Jahren fast meine gesamte Freizeit mit Kai verbracht hatte, hatte ich Freundschaften vernachlässigt und es wäre mir falsch vorgekommen, diesen lockeren Freundschaften jetzt wegen meiner Trennung etwas vorzujammern.

Nikola hatte ich auf meinem Handy gesperrt. Sie hatte sehr klar die Seite von Kai bezogen, was angesichts der Umstände kein Wunder war. Ich wollte ihre blöden Ausreden nicht hören.

Das Gefühl von Einsamkeit wurde dadurch trotzdem noch größer. Nikola war schließlich ein häufiger Gast bei Kai und mir gewesen. Sie war Familie. Und ich hätte gedacht, auch meine. Dabei hatte ich nur Mama, Nugget und Ole, den ich ja auch erst seit einem guten Jahr kannte.

„Frida? Kommst du langsam mal die Treppe runter oder willst du für immer da oben stehen?“ Ole grinste mir entgegen und da merkte ich erst, dass ich mit dem Geländer in der Hand oben am Treppenabsatz verharrt hatte beim Denken.

„Oh, äh, ja, ich komme.“ Das machte mich nun doch ziemlich verlegen.

„Sehr gut. Helli sagt, du machst sehr gute Arme Ritter. Außerdem sind wohl deine Eier mit Speck legendär. Und weil doch Björn und seine Flora heute mit uns brunchen, hatte ich auf deine Hilfe gehofft.“

Ich hatte für einen kurzen Moment das Gefühl totaler Überforderung. „Es kommen auch noch Gäste?“

„Na klar. Björn hat deine Mutter quasi adoptiert. Wir sehen uns häufig, alle vier. Normalerweise gibt es immer Dienstag einen Canasta-Abend. Aber Helli dachte, du bräuchtest noch etwas Ruhe, deshalb haben wir in den vergangenen zwei Wochen mal eine Pause gemacht.“

Oles Worte machten mich betroffen. Solche Umstände - und das alles wegen mir.

„Ich hab nicht gewusst, dass ihr …“

„Oh, ich habe es auch keineswegs erzählt, um dir Vorwürfe zu machen, meine Liebe. Ich wollte nur verdeutlichen, dass wir gern Besuch haben, in diesem Fall eben Björn und Flora - und natürlich auch dich. Außerdem habe ich mir überlegt, dass ich es schön finden würde, wenn wir einmal alle zusammen kämen.“ Ole legte mir für einen Moment den Arm um die Schulter und zog mich zu sich.

„So, und jetzt gehen wir in die Küche“, entschied er.

„Na gut.“ Wie hätte ich ihm widersprechen können, wo er so gastfreundlich war? Mir blieb ja quasi gar nichts anderes übrig, als aus der Versenkung aufzutauchen.

„Wo ist denn Mama?“

„Ich hab sie auf einen Spaziergang mit Nugget geschickt. Der Hund musste dringend mal wieder in die Dünen.“ Ole lachte leise. „Am liebsten geht er nach wie vor mit Helli Gassi, obwohl er mich jetzt schon so lange kennt.“

Die Küche war hell und freundlich eingerichtet. Eine dieser Küchen, die so aussah, als würde sie die ganze Zeit „Koch in mir!“ Brüllen. Auf der Arbeitsplatte lag eine gut gefüllte Bäckertüte, da war ein Obstteller, der liebevoll zu einer Blüte dekoriert worden war und da war auch schon eine Wurst - sowie auch eine Käseplatte.

„So. Was brauchen wir alles für deine Ritter?“, wollte Ole wissen.

Ich zuckte mit den Schultern. „Weißbrot, Eier und Milch. Das Geheimnis liegt weniger in den Zutaten. Hast du braunen Zucker? Das ist das Einzige, das man womöglich als etwas Besonderes bezeichnen könnte.“

„Na klar hab ich braunen Zucker, was denkst du denn?“ Ole grinste mich an. Mir fiel auf, dass ich noch nie Zeit mit ihm ohne meine Mutter verbracht hatte, aber dass ich als Frau sofort verstand, was Mama zu Ole hingezogen hatte. Er war einfach jemand, dessen Ausstrahlung Güte und Liebe verriet.

Mit sorgsamen Bewegungen stellte er alle Zutaten auf die Arbeitsfläche und reichte mir eine Schüssel. „Verrätst du mir deinen Trick?“

„Karamellisierter Zucker. Dann werden die außen nämlich knusprig. Und beim Anbraten nicht an der Butter sparen.“

„Das ist alles?“, fragte er überrascht. Ole schnitt schon ein Baguette für die Ritter in Scheiben, während ich Eier in eine Schüssel aufschlug.

Ich lachte und war selbst von dem Geräusch meines Lachens überrascht. Es war eine Weile her, seit ich es gehört hatte. „Na, ich hab doch gesagt - es ist ganz einfach.“

Wir lächelten einander zu und mir wurde klar, dass ich Ole wirklich mochte, nicht nur als Mann meiner Mutter, sondern als Mensch. Wie er da sorgfältig das Brot klein schnitt und dabei jede seiner Bewegungen Achtsamkeit verriet, gefiel mir. Jetzt, wo ich hier in der Küche stand, merkte ich auch, dass es mir guttat, mit den Händen zu arbeiten, mal was anderes zu tun als am Rechner zu sitzen. Die Butter war in der Pfanne geschmolzen und ich gab die ersten Brotscheiben hinein, die ich in der Ei-Milch-Mischung gewendet hatte.

Als es an der Tür klingelte, lachte Ole leise. „Das sind mit Sicherheit Flora und Björn. Die zwei kommen meistens zu früh.“

„Wie das?“, wollte ich wissen.

„Na ja. Pünktlichkeit ist ihnen sehr wichtig, das ist eine Sache. Aber die zweite ist, dass Björn immer helfen will.“

Ich hatte Björn sicher schon kennengelernt bei einem meiner Inselbesuche, aber, Asche auf mein Haupt, ich bekam ihn gerade nicht einsortiert. Erst als er jetzt in der Küche vor mir stand, mit seinem Seemannsbart und dem passenden Norwegerpullover, wusste ich sofort wieder, wer er war. Bei ihm hatte meine Mutter gewohnt, als sie auf die Insel gekommen war. So hatte sie ihn kennengelernt und die beiden waren Freunde geworden.

„Min Deern, da bist du ja endlich“, begrüßte er mich, als wäre er mein Großvater und breitete seine Arme weit aus. Da war eine Herzlichkeit, die mich nicht nur überraschte, sondern mich auch richtig freute. Wie hätte ich mich nicht in seine wollige, weiche Umarmung fallen lassen sollen? Wie nicht das breite Grinsen erwidern, das sich unter seinem weißen Bart fast versteckte? Eine Pfeife hing in seinem Mundwinkel und ich erinnerte mich daran, dass Mama mir einmal erzählt hatte, dass er sie niemals anzündete, aber meistens bei sich trug.

„Guten Tag“, erwiderte ich fast schüchtern und Björn zögerte nicht, mich ein weiteres Mal in seine Arme zu reißen. Hinter ihm stand eine kleine, kurzhaarige Frau in einem Ungetüm von Wintermantel, der jetzt im April möglicherweise etwas zu warm war, aber ich wollte mir nicht anmaßen, das Inselwetter zu beurteilen, ohne in den letzten Wochen draußen gewesen zu sein. Flora lächelte mich an und gab mir eher schüchtern die Hand.

„Moin“, sagte sie dazu. Die kleine Frau roch nach Blumen. Wie passend. Dieses Pärchen wirkte, als wäre es geradewegs einem Inselmärchen entstiegen. Das Gesicht der Frau legte sich in viele kleine Fältchen, wenn sie lächelte und ihre Augen lächelten auch mit. Ich mochte Flora auf Anhieb. Was für ein süßes Paar die beiden waren! Ihr Anblick versetzte mir einen kleinen, schmerzhaften Stich, als Björn seiner Flora den Arm um die Schulter legte.

„Das duftet ja herrlich bei euch.“ Björn strahlte mich an.

„Oh. Mist!“ Ich drehte mich zum Herd um. Hoffentlich war es noch nicht zu spät.

„Puh, Glück gehabt“, entfuhr es mir. Die Brotscheiben waren goldbraun und sahen köstlich aus. Ich hatte sie zum perfekten Zeitpunkt gewendet. Schnell gab ich in die Mitte der Pfanne ein Häufchen braunen Zucker, um ihn zu schmelzen, während es in der Pfanne verheißungsvoll zischte.

„Herrlich, arme Ritter habe ich schon ewig nicht mehr gegessen.“ Flora strahlte. Sie sah aus wie ein altes, junges Mädchen, wie sie dastand und sich freute. Ich fühlte mich sofort zu ihr und Björn hingezogen.

„Wo ist Helli?“, fragte Björn unverwandt. „Und gibt es noch was zu tun?“

Er rieb sich schon die Hände vor lauter Tatendrang.

„Nö. Für dich nicht“, mischte sich Ole ein. „Aber du kannst mal wieder Schnüsch machen, wenn wir bei euch Karten spielen.“

Was Schnüsch war, wusste ich: Eine Art Gemüseeintopf, der mit Sahne verfeinert wurde.

Der Zucker war flüssig geworden und ich schob die Brotscheiben darüber. So würden die Brote herrlich kross. Zum ersten Mal seit Tagen verspürte ich echten Appetit.

Als Mama schließlich von ihrem Spaziergang zurückkam, konnte sie ihre Freude darüber, mich am Tisch zu sehen, nicht verstecken. Sie umarmte mich, als käme ich von einer mehrwöchigen Weltreise zurück.

Nugget sprang sofort auf den Schoß von Björn, der gerade dabei war, seinen fünften armen Ritter zu vertilgen. Er lachte laut und dröhnend und aß einfach einhändig weiter, während Nugget sich auf seinen Oberschenkeln einrollte. Flora hatte einen Milchbart vom Cappuccino, während sie begeistert davon erzählte, dass sie in diesem Jahr eine neue Rosensorte in ihrem Garten anbauen wollte und Ole erzählte von einer Gemeinderatssitzung, bei der jemand ein Affengehege als neues Touristenhighlight vorgeschlagen hatte, in Anlehnung an die Pinguine, die in einem österreichischen Skiort als neue Winterattraktion geplant waren. Mama lachte sich halb kaputt und hing an Oles Lippen.

Björns Pfeife lag mitten auf dem Esszimmertisch zwischen Obstteller und Wurstplatte, und ich biss in eine Brötchenhälfte mit dick Butter und Sanddornmarmelade, die herrlich süßsauer auf meiner Zunge tanzte. Es war mein zweites Brötchen und während ich von einem zum anderen schaute, während Ole mit den Händen skizzierte, wie das Gehege für die armen Affen aussehen hätte sollen, wie ich sie alle lächeln, Einwände vorbringen und essen sah, spürte ich, wie sich etwas in mir, das die ganze Zeit zum Zerreißen gespannt war, langsam auflöste.

Als Flora und Björn sich schließlich verabschiedeten und den kleinen Weg am Strandkorb in Oles Garten vorbei in Richtung Straße gingen, Flora bei Björn untergehakt, drehten sie sich noch einmal zu uns um. Ole, Mama und ich winkten ihnen zu und Björn winkte zurück, seine Pfeife wieder im Mundwinkel.

„So, ich geh eben den Tisch abräumen und spülen“, sagte Ole, nachdem er die Haustür geschlossen hatte. „Ihr Mädels könnt ja mal das Video von dieser Woche besprechen.“

Das war tatsächlich wichtig. Denn es sollte schön werden draußen und Mama plante eine Sonderedition Strandkorbpflege und -restauration für die Außenbereichs-Serie.

Wir setzten uns also ins Wohnzimmer aufs Sofa.

„Geht es dir gut?“, wollte Mama wissen. „Ole hat mir nichts von dem gemeinsamen Brunch verraten. Ich hätte es niemals erlaubt, aus Rücksicht auf deinen Zustand.“ Sie runzelte die Stirn.

„Ich schätze, er wollte helfen. Aber wenn er damit deine Grenzen überschritten hat, dann …“

Ich lachte leise. „Nein, Mama. Ich bin in Ordnung.“

Sie nickte. „Na gut. Du siehst irgendwie … anders aus.“

Natürlich sah sie das. Ihr prüfender Blick ruhte auf mir und sie strich mir mit der Hand über die Wange.

„Weißt du was? Ich glaube, dieses Frühstück war genau das, was ich gebraucht habe. Wir sollten uns bei Ole bedanken.“

„Ja?“ Ihre besorgte Miene hellte sich auf.

„Absolut. Ich bin heute zu einer Erkenntnis gekommen.“

„Die da wäre?“

„Ein Teil von mir hätte gern so eine alte, wunderschöne Liebe wie die von Flora und Björn gehabt, aber ich fange langsam an, das Ende mit Kai irgendwie zu akzeptieren.“

Und da war er wieder, mein Kaikummer. Nur, dass er jetzt ein klein wenig anders aussah.

Mama lachte, und ich schaute sie verblüfft an.

„Warum lachst du? Hättest du mir und Kai das nicht zugetraut?“

Sie schüttelte den Kopf. Ihr Gesichtsausdruck bleib amüsiert. „Flora und Björn sind erst seit einem guten Jahr zusammen, so wie Ole und ich. Ihre Art von alter, wunderschöner Liebe, wie du es so schön formuliert hast, kannst du also problemlos noch erreichen im Leben, denn die beiden sind eher ein frisch verliebtes Paar.“

Ich zuckte mit den Schultern angesichts meiner Fehleinschätzung des Paares. „Dann schätze ich, dass Liebe kein Alter kennt.“

„Ganz sicher nicht“, antwortete Mama überzeugt.

„Vielleicht. Immerhin eins hab ich heute ganz sicher gespürt: Dass mein Leben nicht zu Ende ist. Es wird irgendwie weitergehen. Auch wenn ich es mir noch nicht so ganz vorstellen kann.“

„Weißt du was? Darauf stoßen wir an. Ich hol uns einen Piccolo.“

„Das klingt nach einem Plan.“ Wir hatten das früher schon zu besonderen Anlässen gemacht - mit einer Mikromenge Sekt miteinander angestoßen.

„Und dann will ich wissen, wie du diese Sanddornmarmelade machst - die ist nämlich absolut köstlich.“

Mama war schon aufgestanden. Sie lachte schon wieder: ein leichtes, freies Lachen. „Nichts einfacher als das.“

* * *

Und irgendwie blieb ich da, auf dieser kleinen Nordseeinsel, und meine Pläne, nach Hause zu fahren, schmolzen wie Eis in der Sonne. Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Vielleicht war es nur, weil mir der Grund zum Heimfahren fehlte. Schließlich wartete im Chiemgau niemand mehr auf mich. Also wurde es langsam, aber sicher Mai und zwei Wochen waren vergangen, einfach so. Kein einziges Mal sagte Ole, dass ich gehen sollte. Stattdessen lehrte er mich Canasta, denn das konnte man auch zu fünft spielen und Björn machte Schnüsch, diesen herrlichen Eintopf, den ich sofort liebte. Wir verbrachten wunderschöne Abende bei Björn, saßen in seinem alten Reetdachhaus, und im Küchenofen knisterte ein Feuer, obwohl schon der Sommer kam und wir alle in T-Shirts dasaßen. Nur wegen der Gemütlichkeit, sagte er dazu und grinste verschmitzt. Und es war tatsächlich wahnsinnig gemütlich, wenn die Flammen an den Holzscheiten leckten und es leise vor sich hin knackte.

Langsam, aber sicher heilte ich, während der Mai auf uns zu kam, jeden Tag ein klein wenig mehr. Ich begann, die Insel zu erkunden. Meine Mutter nahm mich mit auf Spaziergänge mit Nugget und zeigte mir die Strände, die Robben und den Leuchtturm. Sie wollte mich auch vom Eisschwimmen überzeugen - aber es gab Grenzen.

Wir gingen am Inselcafé vorbei und am Hundeladen. Einmal sahen wir dabei zu, wie am Strand ein Musikvideo gedreht wurde. Als ein Paar sich dabei leidenschaftlich vor der Kamera küsste, hakte Mama mich einfach unter und zog mich weiter.

Wir sahen Surfer und besuchten - aus beruflichen Gründen - eine Werkstatt, in der Strandkörbe hergestellt wurden. Aus Tagen wurden Wochen und plötzlich hatte ich schon einen ganzen Monat auf Nortrum verbracht und es war Mitte Mai. Die Zeit vergeht so schnell, dachte ich mir irgendwann und dass das nicht nur ein Spruch alter Leute war. Denn die Zeit tat genau das: Sie verging schnell.

Mittlerweile verstand ich die Inselliebe meiner Mutter. Mir hatten es besonders die Dünen angetan. Sand, der sich auftürmte, ständig Wind und Wetter ausgesetzt seine Form veränderte, so dass nur die Veränderung als Konstante übrig blieb. Ich liebte es, in den Dünen spazieren zu gehen, dem Dünengras dabei zuzusehen, wie es sich vom Wind bespielen ließ und ab und zu, wenn ein erschrockenes Kaninchen weghoppelte, liebte ich es umso mehr. Hier draußen war man meistens alleine und konnte nachdenken.

Ich hatte aufgehört, an meinem Handy zu hängen, denn schließlich war das verschwendete Zeit.

Viele Dinge, die mit Kai zu tun hatten, sah ich mittlerweile klarer, und ich hatte ihn jetzt wieder blockiert. Das war einfacher auszuhalten, denn so konnte er mich gar nicht mehr kontaktieren.

Wir hatten schon seit ein paar Monaten nicht mehr miteinander geschlafen gehabt. Das hätte mir ja wohl auffallen müssen! Stattdessen hatte ich es auf die Dauer unserer Beziehung geschoben und die Augen vor den offensichtlichen Tatsachen verschlossen. Kai war immer öfter lang im Büro geblieben - noch so eine Sache, die die Frage in mir aufwarf, ob er mir schon länger mit Nikola untreu gewesen war. Leider gelang es mir noch nicht immer, mein Gedankenkarussell anzuhalten.

Heute hatte ich Nugget bei meinem Spaziergang dabei, weil Mama mit Ole eine neue Halskette kreieren wollte. Ab und zu half sie ihm. Längst hatte er sie mit der Schmuckkreation angesteckt. Kein Wunder, jetzt, wo Mama handwerkliche Tätigkeiten liebte. Früher konnte sie ja nicht einmal mit einem Akkuschrauber umgehen. Das hatte sich nach dem Ende ihrer letzten Beziehung drastisch geändert, so dass sie jetzt sogar beruflich handwerkliche Tätigkeiten präsentierte, um auch anderen Frauen diesen Weg zu ebnen. Für mich war meine Mutter ein echtes Vorbild für Selbstständigkeit und Emanzipation geworden - und ihre erfolgreichen Social-Media-Kanäle verrieten, dass es nicht nur mir so ging.

Der Hund lief schön an der Leine neben mir her über die Promenade, und ich genoss den weiten Blick auf das Meer bis zum Leuchtturm hinüber. Es war später Nachmittag und die Sonne zeichnete einen glitzernden Streifen auf das Wasser, das heute außergewöhnlich ruhig dalag. Jemand ruderte mit seinem Stand Up Paddleboard vorbei, was hier an der Nordsee ein seltener Anblick war. Der Mann war breitschultrig und hatte rabenschwarze Haare. Er war voll und ganz in seine Tätigkeit vertieft. Mit vollen, gleichmäßigen Bewegungen steuerte er sein Board, den Blick in die Ferne gerichtet. Man konnte selbst vom Ufer aus das Muskelspiel seiner Arme und des seitlichen Rückens beobachten. Er stand so stabil, als wäre er nicht auf einem wackeligen Brett im Wasser, sondern auf einer betonierten Straße. Das bewunderte ich. Nugget zog plötzlich an der Leine und ich war so überrascht von der Kraft des kleinen Dackels, dass er mich bis an den Rand des Promenadenwegs zog. Dort begann er, wild in Richtung des SUP-Boards zu kläffen, bis ich ihm ein leises, aber sehr bestimmtes „Aus“ zuteilwerden ließ. Dann ließ sich der Hund zum Glück weiterführen.

Was für ein herrlicher Sonnenuntergang das heute war! Die Tage waren merklich länger geworden. Das goldene Licht hatte eine ganze eigene Magie. Ich kam an ein paar Strandkörben vorbei und musste an die Werkstatt denken, wo ich mit meiner Mutter gewesen war. Wie hatte der Besitzer noch mal geheißen, der uns herumgeführt hatte? Nils? Jedenfalls war er ein netter Typ gewesen und ich wusste jetzt, dass drei Tage Handarbeit in einem Strandkorb steckten. Die Basis bestand aus Kiefernholz, es gab Maschinen, die der Strandkorbbauer schon von der Vorgängergeneration der Baumeister ererbt hatte und die Marke Eigenbau waren.

Für die Restauration eines alten Strandkorbes, den meine Mutter extra besorgt hatte, hatte Mama im ersten Video der Gartenreihe den Umgang mit dem Hochdruckreiniger gezeigt, eine Fähigkeit, die man universell im Garten gut gebrauchen konnte. Der Strandkorb war mehr der nostalgische Aufhänger, um am Ende der Videoreihe ein supertolles Endergebnis zu haben. In den kommenden Videos würden sie sogar die vorhandenen Stoffteile ersetzen und mit robustem Markisenstoff neu beziehen.

Nils war so freundlich gewesen, Mama da Tipps zu geben und ihr zu zeigen, wie man ohne großen Verschnitt die alten Stoffe des Korbs als Schablonen benutzen konnte. Im Gegenzug würde meine Mutter die Webseite seines Geschäfts verlinken. Nils war für über ein Jahr ohnehin ausgebucht, aber gegen neue Kundschaft, das sagte er mit einem breiten Grinsen, konnte er als guter Geschäftsmann nichts einwenden.

Wenn ich gleich nach Hause käme, würde ich anfangen, das erste Video zu schneiden und anschließend war heute wieder einer der Canasta-Abende. Björn wollte selbstgebackene Kekse mitbringen. Schön langsam bekam ich wieder etwas mehr Fleisch auf die Rippen, was angesichts der Tatsache, wie sehr mich meine neue Familie fütterte, kein Wunder war.

„Hallo!“, rief ich durchs Haus, als ich heimkam und nahm Nugget von der Leine, der sofort in Richtung Wohnzimmer davonrannte. Dort also war meine Mutter. Ich grinste breit, schlüpfte aus meinen Stiefeln und hängte die Jacke an die Garderobe.

„Willst du auch einen Tee?“, hörte ich Mama mir entgegenrufen. Ein Gefühl wohliger Gemütlichkeit durchströmte mich.

„Unbedingt!“, rief ich zurück.

Dann schlüpfte ich in meine Hausschuhe. Es roch verführerisch. Das ganze Haus war von dem herrlichen Duft erfüllt.

„Tee und Scones“, informierte mich Mama mit Begeisterung in der Stimme. Im Wohnzimmer herrschte schon Dämmerlicht, so dass meine Mutter Kerzen angezündet hatte. Sie saß unter einer dicken Decke und hielt ihre riesige Teetasse in den Händen. Auf dem Couchtisch stand ein Tablett mit Scones und der mittlerweile vertrauten Sanddornmarmelade.

„Was für ein Stilbruch! Darf man das überhaupt kombinieren?“ Ich lachte. Neuerdings lachte ich wieder häufiger. Und gehörte zu Scones nicht Orangenmarmelade?

„Das kann ich machen, wie ich möchte. Ich bin schließlich ein freier Mensch.“ Mama grinste. „Und jetzt hol dir eine Tasse.“

Ich tat, wie mir geheißen.

Mama schenkte mir gerade ein, als Ole aus dem Keller auftauchte, sein hellblondes Haar stand ihm wirr nach allen Seiten ab.

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Mama in seine Richtung.

„Eine Bestellung. Ich hab tatsächlich eine Schmuckbestellung vergessen, kannst du dir das vorstellen? Dabei waren wir den ganzen Nachmittag im Keller!“ Er sah ehrlich betroffen aus, weil er normalerweise ein überaus korrekter Mensch war.

„Das kann ich mir tatsächlich überhaupt nicht vorstellen“, gab Mama zurück.

„Siehst du!“ Ole griff sich in die Haare und zog daran. Kein Wunder, dass er aussah wie ein Rosettenmeerschweinchen auf Koks.

„Jetzt beruhig dich doch mal.“

„Mich beruhigen? Ich war beauftragt, eine Halskette mit passendem Anstecker anzufertigen.“

„Ungewöhnliche Kombi“, warf ich ein.

„Nicht für eine Hochzeit. Da fällt den Leuten alles Mögliche ein.“ Erst jetzt fielen mir die Schweißflecken auf, die sein Hemd unter den Achseln zierten. Der ruhige Ole war tatsächlich völlig außer sich.

„Oh, oh. Es war eine Terminarbeit?“

„Ja. Das Brautpaar hat ein Rosenmotiv als Tischdeko. Und sie wollten, dass auch der Anstecker für immer ist. Also hat der Bräutigam als Überraschung für die Braut Kette und Anstecker geordert.“

„Wann musst du fertig sein?“

„Heute!“

„Ach herrje.“

„Ich komm mit in den Keller“, entschied Mama spontan und war auch schon aufgestanden, mitsamt dem Eimer, den sie als ihre Teetasse bezeichnete.

---ENDE DER LESEPROBE---