Sandors Figurenspiel - Peter Maibach - E-Book

Sandors Figurenspiel E-Book

Peter Maibach

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Beschreibung

Sandors Grossvater war ein berühmter Holzschnitzer. Oft sass Sandor in der Werkstatt, dann erzählte der alte Mann Märchen. Eines handelte von einem aussergewöhnlichen Baum, aus dessen Stamm der grosse Holzkünstler Xelorin zwölf unterschiedliche Figuren geschnitzt habe. Wenn alle Figuren zusammen richtig aufgestellt seien, würden sie lebendig und ihr Anblick den Besitzer des Figurenspiels mit mit so viel Leben erfüllen, dass er sich nichts weiter mehr wünschen müsste. Aber irgendetwas sei wohl schief gelaufen. Schon bald sei das Spiel auseinander gerissen worden, wären die Teile in alle Winde zerstreut worden. Nur eine einzige, letzte Figur habe der Grossvater für sich ergattern können, bekam der Enkel zu hören. Und tatsächlich, auf einem Regal nahe dem Fenster, neben Farb- und Leimtöpfen stand eine kunstvoll bearbeitete Figur, die lächelnd in den Obstgarten hinaus blickte. Nach Grossvaters Tod bleibt die Pflicht, den Nachlass aufzulösen. Dabei kommt dem erwachsenen Sandor, der schon lange nicht mehr an Märchen glaubt, diese letzte Holzfigur in die Finger. Er findet auch das Kindermärchen niedergeschrieben, Angaben, die es ihm erlauben, das Schicksal der Figuren zu verfolgen. Zudem lernt Sandor Ludmilla kennen, eine Kunstexpertin, die sein Interesse an den Figuren teilt. Das gemeinsame Abenteuer kann beginnen.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Maibach

Sandors Figurenspiel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Impressum

Kapitel 1

- 1 -

Es roch nach Holz, nach Lack und Farbe. Knirschend fuhr der Holzmeissel in den Birnbaumklotz, aus dem grob die Gestalt eines Engels gehauen war. Gleich schlüge es die volle Stunde von der Kirche her: vier Uhr. Grossvater würde sich aufrichten, den Engel freigeben, sich die Schürze glatt wischen, die Brille zurechtrücken. Dann würde er den riesigen Radioapparat einschalten und aus dem Thermoskrug heissen Tee einschenken. Es wäre, wie jeden Werktag, Zeit für den Nachmittagstee. Dazu gäbe es ein Stück Brot und vielleicht auch etwas Käse.

Erwartungsvoll sass ich auf dem viel zu hohen, wackeligen Stuhl, meine Beine reichten noch nicht einmal bis zum Fussboden. Die Fenster waren schon ewig lange nicht mehr geputzt worden. Das gleissend weisse Licht draussen schien den hinteren Bereich der Werkstatt in noch tiefere Schatten zu drücken. Die von Alter und Gebrauch gedunkelten Werkzeuge in ihren Halterungen schienen mit der Wand zu verschmelzen. Undeutlich waren einige seltsam zugeschnittene Holzklötze auszumachen.

Mein Platz war neben der Tür zum Maschinenraum. Sie war stets verschlossen, und der Schlüssel hing an Grossvaters mächtigem Schlüsselbund. «Ist viel zu gefährlich für kleine Jungen. Voller Maschinen. Die schneiden dir glatt alle Finger ab. Dann kannst du nicht mehr Blockflöte üben.» Grossvater lachte dröhnend, als ich verschreckt zusammenzuckte. «Wäre vielleicht gar nicht so schlecht», brummelte er. «Also brav draussen bleiben und fleissig üben!»

Ich betrat diesen Raum erst viele Jahre später zum ersten Mal, neugierig darauf, was vor mir so lange verborgen worden war. Grossvater war beerdigt, und es war meine Pflicht, seinen Nachlass in Villerach zu regeln.

Vier Uhr. Bis zum letzten Glockenschlag war Grossvater durch die Werkstatt geschlurft. Er setzte sich in seinen Lieblingssessel beim Radio, drehte an den Holzknöpfen und schaltete das Gerät ein. Das magische grüne Auge erwachte langsam aus dem Dunkeln, flackerte hell auf, wenn der Sender gut hereinkam. Wie das drohende Augenzwinkern eines Riesen aus der Sagenwelt zog mich die Anzeige in ihren Bann. Mit dem Ausschwingen des letzten tiefen Glockentons klang aus dem Lautsprecher Tanzmusik, leicht und unbeschwert. Grossvater lächelte: «Frank Sinatra, der singt gut. Dann wollen wir mal hören, was es heute gibt.» Ich mochte Grossvaters tiefe, ehrliche Stimme. Ich hätte ihm ewig zuhören mögen.

«Erzähl mir eine Geschichte!», bettelte ich. «Bitte, Grossvater!»

«Mal schauen, mal überlegen, eine Geschichte, soso.» Umständlich hantierte Grossvater mit der Thermoskanne, den Tassen, goss ein, Milch, Zucker, umrühren. Ich rutschte unruhig hin und her, bis mein wurmstichiger Stuhl bedrohlich knackte. Ungerührt schnitt Grossvater das Brot und begann dann, mit einem gefährlich schnellen Messer vom Käse hauchdünne Scheibchen abzuziehen. «Eine Geschichte, also eine Geschichte, keine leichte Sache, so eine Geschichte.» Er stellte das Radio leiser. Erwartungsvoll lehnte ich mich über den Tisch, der Dampf aus der Teetasse schlug mir ins Gesicht.

«Also, Sandor, pass gut auf, das ist eine wichtige Geschichte, da kannst du etwas lernen!» So begannen alle seine Geschichten. Grossvaters Märchen handelten meist von erstaunlichen Dingen und waren mit den seltsamsten Kreaturen bevölkert. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was daraus für meinen Alltag in der Dorfschule zu lernen wäre. Trotzdem brannte ich darauf, Geschichten zu hören. Grossvater wusste das natürlich und benutzte jede Gelegenheit, um mich noch mehr zappeln zu lassen. Jetzt putzte er sich erst einmal umständlich die Nase, fingerte weiter an den Knöpfen des Radios herum, um es schliesslich ganz auszuschalten. Dann nahm er versonnen einen grossen roten Zimmermannsbleistift auf und klopfte damit dreimal auf den Tisch.

«Meldonien, das schöne Meldonien. Ich war nur einmal dort in meinem Leben. Nie mehr werde ich das prächtige Land vergessen können. Du weisst, in Meldonien herrscht ein mildes Klima und besonders die Bäume wachsen ausserordentlich gut und gerade. Am besten gedeihen die Birlinden. Die Stämme sind fest und das Holz ist ebenmässig. Es ist hart, aber dennoch leicht zu bearbeiten. Allerdings nur für den, der die uralten Techniken beherrscht. Im Laufe langer Jahre zog es immer mehr Holzschnitzer nach Meldonien. Sie schnitten unerreichte Kunstwerke aus dem feinen Holz der Birlinden. Sie verbesserten ihre Arbeitsmethoden ständig und gaben ihr Wissen an die nächsten Generationen weiter. Heute noch ist Meldonien berühmt für seine Holzschnitzkunst.

Einer ihrer grössten Meister war Xelorin, der alte, der weise Xelorin, wie man ihn rief. Er besass Erfahrung und Wissen, worum ihn viele beneideten. Xelorin fand die besten Hölzer, lagerte sie perfekt und schnitt Figuren aus dem Holz, die wie lebend wirkten. Selbst der König und die Königin liebten Xelorin und verneigten sich vor seiner Kunst. Xelorin freute die Anerkennung. Er ging den Neidern aus dem Weg, lebte für seine Kunst und hätte ein sorgloses Leben führen können. Allerdings gab es da eine aussergewöhnliche Birlinde, die ihm den Schlaf raubte. Vor Jahren hatte Xelorin sie entdeckt und nach Hause gebracht. Seit sie im Holzlager lag, fand er keine Ruhe mehr. Der Baumstamm wartete stumm und geduldig auf ihn, schwer und geheimnisvoll. Es war zuhinterst im Karrtal gewesen, in einem abgelegenen Urwald, den Xelorin vorher noch nie hatte betreten dürfen. Nur den mächtigsten Zauberern war der Zutritt zu diesem geheimnisvollen Wald gestattet. Und Xelorin war einer der mächtigsten Zauberer, aber dennoch hatte er sich bisher noch nicht zugetraut, diese Wildnis zu betreten. Man hörte von vielen, die sich hinein gewagt hatten, aber nur von wenigen, die wieder herausfanden.

Langsam nur gelang es ihm, sich durch das dichte Gestrüpp zu kämpfen. Eine unheimliche, grüne Dunkelheit herrschte unter den hohen Bäumen. Xelorins Schritte schienen wie ferngesteuert einer Richtung zu folgen. Da war etwas, etwas, das lockte, das ihn zu sich rief. Es war totenstill. Kein Vogel pfiff, kein Windrauschen in den Baumkronen. Xelorin gelangte auf eine Lichtung, auf der hartes, hohes Gras wuchs. Er blieb am Rande stehen, schaute sich ruhig um. Er fragte sich, ob er den Ausgang aus diesem verhexten Wald je wieder finden würde. Sein Blick fiel auf eine kurzstämmige, dicke Birlinde. Xelorin schien es, als ob sie ihn zu sich rief.

Staunend stellte er fest, dass der Baum alleine mitten in der Lichtung stand. Du weisst ja, Sandor, Birlinden lieben Gesellschaft und stehen meistens in Gruppen beisammen. Ihre Äste verflechten sich zu einem dichten Dach. Nur mit Mühe kann man sie fällen und den wertvollen Stamm aus dem Gewirr ziehen. Diese Birlinde aber war anders. Xelorin betrachtete sie aufmerksam, berührte den Baum. Die Rinde fühlte sich spröde an und war fiebrig heiss. Das Holz schien zu vibrieren. Neugierig schritt Xelorin um die Birlinde. Sie schien ihm passend gewachsen und trug nur wenige Äste, und die nur oben in der Baumkrone. Vielleicht ahnte Xelorin bereits, dass dieses Holz Zauberkräfte in sich barg. Er war sich sicher, dass er nie mehr in seinem Leben ein solches Material fände.

Xelorin dachte lange nach. Dann zog er ein rotes Band dreimal um den Baumstamm und verknotete es mit seinem persönlichen Zunftknoten. Du weisst ja, Sandor, nach den ungeschriebenen Gesetzen der Holzschnitzer in Meldonien wurde der Baum dadurch sein Eigentum, und niemand würde es wagen, den Knoten des grossen Xelorin zu öffnen. Mühsam suchte sich der Zauberer einen Weg aus dem Urwald. Als er bereits glaubte, sich verirrt zu haben, stand er überrascht am Waldrand. Nach einigen Tagen kam er mit Waldarbeitern zurück. Sie schlugen sich einen Weg durch den Urwald, betraten die Lichtung. Die Birlinde wurde unter Xelorins Aufsicht gefällt und in sein Holzlager gebracht. Während langer Jahre trocknete der Stamm aus, wartete auf Xelorin und seine hungrigen Sägen und scharfen Messer. Oft stand er neben diesem seltsamen Holz. Noch immer schien der Stamm zu vibrieren, die Rinde war gelb geworden. Xelorin entwickelte besondere Pläne für dieses geheimnisvolle Material. Er würde ein Figurenspiel daraus erschaffen, ein einmaliges Spiel, wie es noch niemand gesehen hatte. Er würde es dem König schenken und der hübschen Königin. Solche Träume hielten Xelorin während Jahren in Bann. Beinahe jeden Abend, wenn er seine Werkstatt abgeschlossen hatte, stellte er sich die Figuren vor und ersann Spielregeln.

«Du musst wissen, Sandor», fuhr der Grossvater fort, nachdem er umständlich Tee nachgegossen hatte, «du musst wissen, dass Meldonien bekannt war für seine vertrackten Brettspiele. Einige sind so kompliziert, dass nur ihre Erfinder sie zu spielen verstehen. Deshalb ist es auch kaum erstaunlich, dass viele dieser Spiele so eingerichtet sind, dass sie von einem einzigen Spieler gespielt werden können.

Xelorin entwarf ein Spiel, welches drei Spieler gleichzeitig spielen würden. Kennst du Halma?», unterbrach sich Grossvater. Ich nickte. «Nun, das Figurenspiel ist ein wenig wie Halma, aber auch ein wenig wie Schach, das dein Vater so gerne spielte. Gespielt wird es auf einem runden Brett mit 166 wabenförmigen Spielfeldern. Sandor, wenn du gut aufgepasst hast, wirst du dich erinnern, dass das Tischchen, an dem wir abends oft Karten spielen, ein solches Muster trägt.

Zwölf Figuren stehen auf dem Brett. Drei Anführer, die Arkaden, und je drei dazugehörige Zeriden. Sie werden an drei unterschiedlichen Spielbrettseiten aufgestellt. Danach wird gewürfelt, Zug um Zug, solange bis eine Gruppe gewonnen hat und sie die vier Felder im Zentrum besetzen kann. Die Spielregeln sind schwer zu erlernen, jede Figur hat ihre eigenen Schrittfolgen, ihre eigenen Gesetze von Stärke und Verletzbarkeit.

Immer raffiniertere Regeln tüftelte Xelorin aus. Zudem nahm er Mass von der geheimnisvollen Birlinde, fertigte Skizzen der Figuren an und schuf Tonmodelle. Er entwarf das Spielbrett und spielte im Geist bereits ein paar Partien durch. Darüber vergingen die Jahre. Xelorin wurde alt. Er bemerkte es vor allem daran, dass seine Augen immer schlechter wurden. Bald würde er nicht mehr in der Lage sein, seine Kunst auszuüben. Er fühlte, dass es an der Zeit war, sein Lebenswerk zu vollenden. Schon seit längerer Zeit hatte er keine neuen Aufträge mehr angenommen und sich ganz dem Figurenspiel gewidmet.

Dann war es soweit. Im Tempel absolvierte Xelorin das grosse, heilige Ritual mit dem weissen Feuer, das ihn vor allen Fehlern bewahren sollte. Würdevoll schritt der Zauberer danach die Tempelstrasse hinab bis hin zu seiner Werkstatt. Er liess sich seine Birlinde bringen und auf den grossen Sägebock legen. Dann schickte er alle Gehilfen nach Hause. Er wartete, bis er alleine war, schloss sorgfältig Türe und Fensterläden. Im Dämmerlicht, nur wenige flackernde Öllampen spendeten schwaches Licht, stellte er sich neben den Baumstamm. Gleichzeitig mit dem Aussprechen der heiligen Worte setzte er behutsam die Säge an und zerschnitt den Stamm in zwölf gleiche Blöcke. Jedem gab er eine Bezeichnung. Sie trugen jetzt die Namen der zwölf geplanten Figuren. Das Abfallholz würde er für das Spielbrett und die Würfel verwenden. Die Säge, die ihm sonst immer schwer in der Hand lag, schien zu fliegen. Dann begann sein grosses Werk. Nächtelang schnitzte er rastlos an den Figuren. Kaum einmal hielt er inne, um ein paar Bissen zu essen von dem, was ihm von draussen durch einen Fensterspalt gereicht wurde. Kaum fand er ein paar wenige, von fiebrigen Träumen unterbrochene Stunden Schlaf.

Weiter, immer weiter machen, nicht absetzen, nicht aus dem Takt kommen. Bei den drei Arkaden schien eine fremde Hand die Messer zu führen. Es entstanden drei Figuren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine blickte gleichgültig, die andere grimmig vor sich hin, die dritte aber wirkte heiter und gelassen. Auch die neun Zeriden nahmen derart Gestalt an, dass sie sich ihren Arkaden mühelos zuordnen liessen.

Als das Werk vollbracht war, stellte Xelorin das Spiel zum ersten Mal auf. Er war sich bewusst, dass er nochmals den Tempel besuchen sollte. Die Regeln schrieben ein weiteres Feuerritual vor. Doch das dauerte Xelorin zu lange, er wollte keine mehr Zeit verlieren. Die Gier, sein Werk vollendet zu sehen, liess ihn seinen Pflichten gegenüber nachlässig werden. Er hoffte darauf, dass die Götter ihm immer noch wohlgesinnt seien, und warf den Würfel für die erste Spielfigur, einen Zeriden. Dann würfelte er um den Weg, den die Figur nehmen sollte.

Als Xelorin die Figur antippte, erwachten ihr eigener Wille und ihre Kraft, sie setzte sich auf dem vorgeschriebenen Weg in Bewegung. Xelorin zuckte zurück. Er war zwar überrascht, aber auch erfreut und mit sich selbst zufrieden. Dann würfelte er für den nächsten Zeriden, und wieder entwickelte die Figur ein Eigenleben. Schon nach wenigen Würfen hatten sich die Zeriden auf strategisch wichtige Stellungen verteilt. Als Xelorin für den ersten Arkaden würfelte, schien dieser gar nicht erst warten zu wollen und zog gleich von selbst ein Feld weiter und schlug einen feindlichen Zeriden. Jetzt geschahen noch unheimlichere Dinge. In rasender Reihenfolge wechselten die Würfel ihre sichtbaren Zeichen, und wie von Fäden gezerrt kämpften sich die Figuren über das Spielbrett. Schon stand der grimmige Arkade im Zentrum, aber immer noch schlugen seine Zeriden auf ihre Feinde ein.

«Meine Spielregeln! Die Spielregeln einhalten!», krächzte der überrumpelte Xelorin endlich verzweifelt. Doch die Figuren auf dem Spielfeld schlugen sich verbissen und immer schneller. Xelorin sprang auf und stiess zornig das Spielbrett um, die Figuren stürzten auf den Fussboden. Aber selbst hier konnten sie nicht aufhören. Einzeln musste Xelorin die Figuren voneinander trennen und sie gesondert in Kistchen aus dicker Blei Eiche verschliessen.

Nie sollte Xelorin seine Figuren wieder aufstellen. Er war verzweifelt, dass sein letztes grosses Werk so ungeheuerlich geraten war. Monatelang quälte er sich mit Vorwürfen, träumte jede Nacht von der unerwarteten Wendung, die das Spiel genommen hatte. Er warf sich vor, die Regeln missachtet zu haben, zu hastig und verblendet gearbeitet zu haben.

Das Einzige, was er noch tun konnte war die Spielregeln umzuschreiben. Sie sollten so kompliziert werden, dass keiner der drei Arkaden das Zentrum erreichen und über die anderen herrschen konnte. Zudem beschloss Xelorin, die Würfel, welche das Spiel getrieben hatten, zu verbrennen. Am Tag nach Vollmond wäre es günstig. Diesen magischen Tag verbrachte Xelorin im Tempel und wohnte den Zeremonien bei.

Nachdem die letzten Besucher nach Hause gegangen waren, blieb Xelorin lange vor dem heiligen Feuer stehen. Er verbeugte sich tief vor der Flamme und warf die drei Würfel in die Feuerschale. Eine orangenfarbene Stichflamme knallte hoch, fiel wütend zischend in sich zusammen. Der Spuk war vorbei. Von Xelorin aber war nichts mehr zu sehen. Er war mit der Stichflamme im Feuer verschwunden, nicht einmal das kleinste Häufchen Asche war zurückgeblieben.»

Grossvater goss uns in aller Gemütlichkeit Tee nach. Er lehnte sich zurück und versuchte, seine struppige, graue Mähne zu ordnen. Ich muss ihn mit grossen Augen angesehen haben.

«Wie ging es weiter, Grossvater, erzähl weiter!», bettelte ich ungeduldig. «Was geschah mit den Figuren, wo sind sie hingekommen?»

Er lachte ein tiefes, heiseres Lachen. Seine Augen blinzelten listig. Grossvater schwieg schier unerträglich lange, als müsse er eingehend prüfen, ob er mir wohl sein Geheimnis preisgeben dürfe.

«Übrigens, Sandor, als Xelorin starb und seine Werkstatt ausgeräumt wurde, waren die Spielfiguren und das Brett verschwunden. Man hat sie nie wieder gefunden. Bis auf eine einzige!»

Ich horchte neugierig auf und folgte mit dem Blick Grossvaters Hand. Er wies mit einer weit ausholenden Geste zum Fenster.

«Sie steht dort im Regal, beim Fenster, ganz oben. Schau sie dir nur gut an!»

Grossvater lachte, die buschigen Augenbrauen hüpften wie Eichhörnchen, als er auffordernd mit dem Kinn zum Fenster wies.

Tatsächlich, auf dem Regal, zwischen allerlei Krimskrams, stand eine Figur, aus einem eigenartigen Holz geschnitzt. Sie war mir bisher noch nie aufgefallen. Es war eine kunstvoll gearbeitete Gestalt, die freundlich lächelte. Als ich auf den Stuhl stieg, um sie mir näher anzusehen, schien sie mir zuzunicken.

«Es ist ein Arkade, Sandor. Es ist der gute Arkade», hörte ich Grossvater hinter meinem Rücken flüstern.

Kapitel 2

Ich erkannte Ludmilla sofort wieder, als ich den Auktionssaal betrat. Sie sass in der ersten Reihe. Ich konnte meinen Blick nicht von ihr lösen. Sie trug ihre Locken noch immer hochgesteckt, wie früher, so, wie ich es liebte. Gefärbt, vermutete ich, das vertraute Kupferrot leuchtete beinahe unanständig feurig in der gedämpften, reizlosen Atmosphäre des Auktionssaals. Die rubinbesetzten Ohrringe ihrer Mutter, die stolze Kopfhaltung, die immer noch geraden Schultern, das war unverkennbar Ludmilla. Sie strahlte immer noch dieselbe Energie und Spannkraft wie in unseren ersten Jahren aus. Ihr glattes Gesicht mit den Augen einer Raubkatze und dem grossen spitzbübischen Mund tauchte blitzartig aus meiner Erinnerung auf. Wie jung wir gewesen waren, wie begeistert! Ich erinnere mich, wie Ludmillas herbe Art mich faszinierte. Trotz ihrer anfänglichen Distanziertheit war sie leidenschaftlich und übersprühend, als das Eis gebrochen war. Jetzt, über vierzig Jahre später, wird die Zeit uns beiden die Ecken und Kanten abgeschliffen haben. Unsere Charakterzüge haben sich deutlicher ausgeprägt. Wie wäre es wohl heute, ihre Hand zu halten, wie würde sich ihre Haut anfühlen, wie röche ihr Haar? Ich zog es vor, mich noch ein paar Gedanken lang bei meinem Bild der Vergangenheit zu verweilen. Ich blickte in eine andere Richtung.

***

Eigentlich besuche ich schon lange keine Auktionen mehr. Die fetten Jahre der grossen Abschlüsse sind vorbei und meine Vorstellungen vom Leben haben sich geändert. Ging es mir früher vor allem darum, meine Kunstsammlungen abzurunden, bin ich heute eher in Gesundheitsfarmen und bei den Herren Doktoren anzutreffen als in der Händlerszene. Ich habe viele meiner Kunstschätze abgestossen, behutsam, um den sensiblen Markt nicht aufzuschrecken. Einige wertvolle Stücke sind mir ans Herz gewachsen, nie würde ich mich von ihnen trennen können. Trotz allen Verkäufen wirke mein Haus in Bern wie ein Museum, behaupten die wenigen Freunde, die noch den Weg zu mir finden. Die letzten Geschäfte haben unerwartet hohe Gewinne abgeworfen. Ich kann mich sorglos in die Herbstsonne des Lebens setzen, ohne den Winter fürchten zu müssen. Aus reiner Liebhaberei und den Erinnerungen zuliebe zeige ich mich ab und zu an einer Auktion oder bei ehemaligen Händlerkollegen.

***

In meinem Postfach hatte, unter einigen Rechnungen und Prospekten, die Einladung zu dieser Auktion gelegen. Sie übte eine seltsame Anziehungskraft auf mich aus. Der Auktionator, ein langjähriger Bekannter, hatte ein Kärtchen angeheftet: ‚Die Nummer 24 auf Seite 19 dürfte Sie interessieren, lieber Lendel. Grüsse SF‘.

Neugierig fächerte ich die Katalogseiten über den Daumen. Auf Seite neunzehn sprang mir eine Schwarzweissaufnahme ins Auge. Dieses Spieltischchen kannte ich doch! Mit der Hand deckte ich rasch den Text neben dem Bild zu, ich wollte mein Erinnerungsvermögen prüfen. Die geschwungenen Beine, das seltsame Muster auf der Tischplatte liessen alte Bilder auferstehen. Ein beissender Geruch von Lack und Farbe stieg in der Nase hoch, ich schien trockenen Holzstaub zwischen den Fingern zu spüren, und ich hörte die Glocke von Villerach vier Uhr schlagen. Grossvaters Kartentisch, da war es, das Wabenmuster! Wie manche Stunde waren Grossvater und ich an genau diesem Tisch gesessen! Erinnerungen, die ich tief verschüttet glaubte, schossen aus dem Dunkel wie silbrige Fische, die aus dem Wasser springen und nach Mücken schnappen. Sollte das Spielbrett des Xelorins, wie wir den Tisch als Anspielung auf das Märchen genannt hatten, wieder aufgetaucht sein? Das war wirklich merkwürdig. Handelte es sich hier um eine Kopie? Grossvater war der Meinung gewesen, der Tisch sei verbrannt worden! Oder hatte Hans oder einer seiner dunklen Hintermänner die Finger im Spiel? Ich musste mich am Ohr kratzen, als ich die Beschreibung überflog.

***

Seltene Tischlerarbeit von Xaver Lendel (1877 - 1959). Lendel, berühmt für seine sakralen Holzschnitzerarbeiten führte gelegentlich auch profane Tischlerarbeiten für seinen persönlichen Gebrauch aus. Diesen eleganten, runden Kartentisch scheint Lendel schon in seinen frühen Jahren geschaffen zu haben. Der Tisch ist massiv aus Mahagoni gearbeitet und mit Messingeinlagen verziert. Auffallend ist das wabenförmige Muster der Tischplatte, welches aus Intarsien einer nicht näher bestimmbaren Holzart gefertigt ist. 60 cm hoch, Durchmesser 60 cm. Gebotspreis 25’000 Franken.

***

Kurz entschlossen griff ich zum Telefon und buchte auf die Auktion hin in zwei Wochen ein Abteil im Nachtzug von Bern nach Wien. Dann hatte ich Herrn Möll am Draht, Portier seit Urzeiten im Nusshof. Ein angenehmes, nur Eingeweihten bekanntes Hotel eines alten Stils, wie man ihn, wie mir scheint, nur noch in Wien findet.

«Grüss Gott, Herr Doktor, schon lange nicht mehr die Ehre gehabt! Was kann ich für Sie tun?»

«Möll, freut mich, dass Sie immer noch auf dem Posten sind, wir beide gehören ja schon zur alten Garde.»

«Sie doch nicht, Herr Doktor! Belieben Sie den Nusshof zu beehren?»

«Ja, zwei, vielleicht drei Nächte. Wird mein altes Zimmer noch frei sein? Sonst machts auch nichts.»

«Doch, die 317, ja, die wird frei sein, wenn Sie kommen. Sie werden wie gewohnt den Nachtzug nehmen? Wir werden Sie natürlich abholen.»

Der Nusshof, solche Gastfreundschaft ist selten geworden.

«Sehr gut, wie immer. Übrigens Möll, können Sie mir Karten für die Oper besorgen? Und eine Platzreservation im Auktionshaus Gellert, bei SF?»

***

Einmal mehr war ich in meinem geliebten Wien, promenierte durch die vertraute Innenstadt zum Auktionshaus Gellert, nicht weit vom Stephansdom. Grossvaters Kartentisch war wieder aufgetaucht, erstaunlich! Bei Gellert wurde ich empfangen wie ein beliebter Fürst, der aus dem Exil zurückkehrt. SF, niemand nannte den alten Gauner anders, wollte mir einen seiner Assistenten anhängen. Doch ich mochte diese umsatzhungrigen Jüngelchen nicht in meiner Nähe, und ich winkte lächelnd ab: «Danke für Ihren Tipp, SF, aber ich bin wirklich nur privat hier, sozusagen inkognito, eher zum Vergnügen als geschäftlich.» SF wienerte noch etwas in die Richtung, es sei ihm immer ein Vergnügen, mit mir Geschäfte machen zu dürfen, liess mich dann aber höflicherweise alleine. Ich war mir aber sicher, dass er mich im Auge behalten und eines seiner wieselflinken Helferlein auf mich hetzen würde, verzöge ich auch nur eine Miene.

Vor der Auktion fand ich kurz Gelegenheit, einen Blick in die Ausstellung zu werfen. Eindeutig, das war unser Tisch. Unzählige Kartenspiele hatten wir lautstark auf diesen Tisch geklopft oder nachdenklich endlose, einsame Patiencen gelegt. Hatten vielleicht sogar Xelorins Figuren auf einem solchen Brett gestanden? Welche Odyssee musste dieses Möbelstück in den letzten vierzig Jahren erlebt haben? Jetzt verstand ich endlich auch, warum Ludmilla an dieser Auktion teilnahm. Eigenartig, alle meine heutigen Schritte schienen mich immer wieder zu Ludmilla hinzuleiten. Oder sie zu mir her? Schade, dass wir damals nicht wieder zueinander finden konnten.

***

Aber wahrscheinlich hatte ich Ludmilla von Anfang an falsch eingeschätzt. Wir waren so jung, so blutjung gewesen. Könnten wir mit dem heutigen Erfahrungsschatz nochmals an den Start zurück, das gäbe ein Rennen! Ich prüfte mich, ob ich verbittert sei. In meinem Alter ist Verbitterung ein lähmendes Gift, besser, man geht ihm aus dem Weg. Bedauern, es ist eher eine leise Wehmut über das Versäumte, die Abzweigungen, an denen man achtlos vorbeischritt, ohne sie zu prüfen. Zudem schwelte seit langem die Glut der Hoffnung in mir, dass die seinerzeitige Zuneigung vielleicht nicht endgültig vergessen gegangen sei.

***

Kapitel 3

- 3 -

Es war bereits kühl für die Jahreszeit. Es würde erneut ein harter Winter werden, sagten die Wetterfrösche der Zeitungen voraus. Der Regen hatte endlich aufgegeben, aber der Tag blieb grau und verhangen. Hans Sarbach, mein bester Freund aus der Schulzeit in Villerach, hatte mich am Bahnhof in Sendingen abgeholt. Nach Villerach führte nur eine Buslinie, zwei-, dreimal täglich für die Ausflügler. Hans war der Sohn des Lindenwirts und würde wie alle erstgeborenen männlichen Sarbachs eines Tages die Linde übernehmen. Jetzt stand er in Vaters Küche und arbeitete sich langsam zum lokalen Kochgenie hoch, während sein alter Herr in der Gaststube mit den Einheimischen soff und versuchte, den jungen Serviertöchtern an die Wäsche zu gehen.

«Er wird langsam zur Plage, er verdirbt es uns mit der auswärtigen, besseren Kundschaft, und hier oben noch gutes Personal zu finden, wird immer schwieriger. Aber allein von den Einheimischen können wir nicht leben», klagte Hans auf der Fahrt hinauf ins Bergdorf.

Ich schwieg. Vor wenigen Stunden hatte mich sein Telegramm an der Universität erreicht. Eine Dame aus dem Sekretariat war mit einem kalten Lufthauch in den Hörsaal gestürmt, hatte mit dem irritierten Professor getuschelt und mir dann mit ein paar heiser geflüsterten Worten einen Zettel hingeschoben. Ich war wie gelähmt, als ich las, dass Grossvater in seinem 82. Lebensjahr ebenso ruhig wie sanft in eine bessere Welt hinübergewechselt war, wie Hans mitfühlend telegrafiert hatte. Der Professor klopfte energisch auf sein Pult, um dem Getuschel im Saal ein Ende zu bereiten. «Respekt, meine Damen und Herren, Respekt. Unser junger Freund Sandor Lendel hat einen schweren Verlust erlitten. Wir erheben uns, während er das Auditorium verlässt, und ehren so seinen soeben verstorbenen Grossvater, den hoch geschätzten Figurenschnitzer Xaver Lendel aus Villerach.»

Hans riss mich aus meinen Grübeleien: «War schon ein feiner Kerl, der Xaver, dein Grossvater. Er sass oft in der Gaststube, aber nicht bei den Süffeln. Er hat eine gute Küche zu schätzen gewusst. Ich habe dir ein Zimmer richten lassen, wenn du nicht allein im Haus bleiben möchtest.»

«Du bist wirklich ein Freund, Hans, danke. Ich weiss noch nicht. Aber wahrscheinlich ist es besser, ich bleibe bei euch in der Linde.»

«Er ist nach Dorfsitte in seinem Schlafzimmer aufgebahrt, doch die Besuche sind schon vorbei. Ich nehme an, das ist dir recht so?»

Ich nickte. «Und morgen ist die Beerdigung?»

«Ja, um zehn Uhr, soll ich danach etwas in der Linde organisieren? Die Leute hier erwarten das irgendwie.»

«Gut, Hans, mach es einfach so, wie es Brauch ist, sag mir dann, was ich dir schuldig bin.»

«Gut. Du musst dann noch auf das Gemeindeamt, um den Papierkram zu erledigen, das bleibt dir leider nicht erspart.»

«Nachher, Hans, später, ich will ein paar Tage bleiben und alles in Ruhe angehen.»

Hans parkte hinter der Linde. Ich gab ihm meinen Koffer mit aufs Zimmer. Dann schlenderte ich durch die Dorfstrasse, auf Grossvaters Haus zu. Wie mickerig mir heute alles schien; ich trug den Ort und seine Häuser anders in meiner Erinnerung: heller, stattlicher. Ich stieg die Stufen zum Eingang hoch und stand vor der unverschlossenen Türe, durch die so viel Leben gegangen war. Sollte ich anklopfen? Unsinn, niemand würde antworten. Ich war der letzte Stammhalter der Lendels, und ich spürte, wie diese Last immer schwerer wurde. Ich hielt es nicht lange beim aufgebahrten Leichnam aus. So lieb mir Grossvater im Leben gewesen war. Heute war es mir unmöglich, lange bei dem Toten zu verweilen. Ruhelos strich ich durch das alte Haus. In jedem Zimmer entdeckte ich Spuren, Hinweise auf sein Leben. Ich wollte verweilen, darauf warten, dass seine schweren Schritte den Holzboden erzittern liessen und seine Gegenwart ankündigen würden. Unsinn, sagte ich zu mir selber und wischte die Gedankenfetzen weg. Die Erinnerung an den geliebten Menschen schien mir näher und stärker als die Rituale, die über Tod und Verlust hinweg trösten sollen. Ich hielt es nie lange in einem Zimmer aus. Aus dem kargen Schlafzimmer mit dem aufgebahrten Leichnam wechselte ich ins Wohnzimmer. Der Teppich, den ich tiefrot in Erinnerung hatte, war braun und abgewetzt, eine Decke verbarg den zerschlissenen Überzug des Sofas, das in einst stolzem Plüsch den Raum beherrscht hatte. Lange blieb ich in der Tür zu meinem ehemaligen Kinderzimmer stehen. Ich suchte nach Spuren, die in mir Erinnerungen an früher wecken würden. Doch heute schienen mir die vertrauten Gegenstände fremd, als gehörten sie zu einem anderen Leben. Ich schritt zum Büchergestell, strich mit den Fingern den Buchrücken entlang. Meine Kinderbücher – all meine durchgelesenen Nächte.

In der Küche goss ich mir ein Glas Wasser ein. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich alleine sein wollte oder Gesellschaft brauchte. Schliesslich gab ich mir einen Ruck und beschloss, etwas essen zu gehen. Ich stellte das Wasserglas in das Spülbecken, verliess das Haus, ohne abzuschliessen, so wie es im Dorf alle hielten. Dann spazierte ich in die Linde zurück und begab mich in Hans Sarbachs Obhut.

Während ich ass, trauten sich die Einheimischen nicht, mich anzusprechen. Beim Eintreten hatte ich jeden persönlich begrüsst und die gemurmelten Kondolenzen entgegen genommen. Jetzt tuschelten die Alten untereinander und liessen zwischendurch wie unbeabsichtigt verstohlene Blicke zu mir herüber gleiten. Nach dem Essen setzte sich Hans an meinen Tisch, sein breiter Rücken entzog mich den neugierigen Blicken vom Nebentisch.

«Hat‘s geschmeckt?»

«Ausgezeichnet, Hans, in dir steckt wirklich ein Meisterkoch! Ich werde einmal stolz sagen können, dass ich dich seit dem Anfang deiner Karriere kenne!»

«Mach mir keine falschen Hoffnungen, hier je fortzukommen.» Hans nickte diskret zu seinem Vater hinüber, der schon einiges intus zu haben schien. «Das braucht wahrscheinlich mehr Kraft, als ich im Moment habe.»

Ich nickte nachdenklich. Villerach war nicht gerade das Paradies, das stimmte schon.

«Nicht alle haben einen berühmten Grossvater im Rücken.»

«Dafür aber einen besoffenen Alten, was?»

Hans grinste. «Na ja, wir werden sehen. Ich bin ja noch am Lernen. Zuerst schliesse ich mal die Ausbildung zum Küchenchef ab, dann schauen wir weiter. Du hast schon recht, hier komme ich nicht weiter. Aber du, du bist jetzt frei, oder? Was willst du mit dem Haus machen?»

«Daran habe ich noch nicht gedacht. Grossvater hat mir das Studium finanziert, bald werde ich abschliessen können. Ich hoffe, es reicht noch bis dann.»

Hans lachte trocken: «Reicht bis dann, Sandor, du bist gut! Lebst du hinter dem Mond? Der Xaver muss steinreich gewesen sein, was meinst du, warum die Alten dort drüben derart die Köpfe zusammenstecken?»

«Meinst du? Das sind doch alles Sachwerte, und die sind auf die Schnelle nur mit Verlust abzustossen.»

«Genau, und präzis damit rechnen die alten Schlawiner. Lass dich nicht übertölpeln! Die wollen dir etwas abluchsen, um es dann mit Profit selbst zu verhökern.»

«Wahrscheinlich hast du recht. Aber ich mag mich jetzt nicht damit herumschlagen, morgen ist auch noch ein Tag. Komm Hans, erzähl von dir. Ich vermisse tatsächlich den Dorfklatsch, seit ich in Bern lebe. Wie geht es mit deinem Vater? Und wie geht es Lucie?»

Es regnete am Tag der Beerdigung. Diese war vorbeigegangen, wie es in Villerach bei allen Beerdigungen Sitte war. Das Dorf hatte seinen berühmten Querkopf verabschiedet, den Holzkopf, wie sie ihn hinter vorgehaltener Hand nannten. Die gesamte Dorfprominenz war von Amtes wegen von der Linde her aufmarschiert. Die kleine Kirche war sehr gut besetzt. Reihum wurden Ansprachen abgehalten, die so heuchlerisch daher kamen, dass ich schon befürchtete, Grossvater würde aus dem Sarg springen und das Pfäfflein und den mickerigen Bürgermeister mitsamt seinen Kumpanen mit Donnerstimme und seinem schweren Spazierstock aus jenem Tempel jagen, für den er so manchen Engel geschnitzt hatte.

Als letzte Rednerin stellte der Bürgermeister Ludmilla vor. Ludmilla Parr, die bekannte Kunstexpertin aus Basel. Ludmilla Parr, die grosse Kennerin des Werkes unseres allseits verehrten Meisters Xaver Lendel. Aus ihrer Feder stammte der viel beachtete Artikel über den Villacher Kirchenaltar. Die wenigen Presseleute auf der hintersten Bank tuschelten und horchten auf, als Ludmilla vor die Gemeinde trat.

Das also war Grossvaters berühmte Ludmilla Parr. Er hatte von ihrem Besuch geschrieben, ein paar dürre Zeilen nur. Bei einem der seltenen Telefonanrufe hatte er zwei, drei Silben verloren über eine Studierte, die ihn dauernd über seine Arbeit aushorchen wolle. Die hatte ich mir aber anders vorgestellt, irgendwie altmodischer. Hübsche Beine, taxierte ich abwesend. Ich kratzte mich am Ohr, als ich so diskret wie möglich die üppige Figur bewunderte. Mollig? Schwer auszumachen unter dem weiten, rostbraunen Pullover. Ludmilla schaute direkt zu mir hin. Ertappt senkte ich den Blick. Ludmilla strich sich eine verwegene Strähne aus dem Gesicht. Sie trug ihre rot schimmernde Lockenmähne hochgesteckt, das gefiel mir ausserordentlich. Ob die Haare wohl gefärbt waren? Ludmillas Katzenblick strich aufmerksam über das Publikum, bis es endlich ruhig wurde. Entspannt und frei, in klaren Worten, die alle verstanden, sprach sie über Grossvaters Werk. Keine Floskeln, eine klare, besonnene Stimme, die unaufdringlich alle Zuhörer in ihren Bann zog. Es schien ein Hauch aus den Hallen der Kultur durch die schlichte Dorfkirche in Villerach zu wehen. Dass ihr alter Holzkopf so wichtig gewesen war, hatten sich wohl die wenigsten Villacher träumen lassen. Ein paar Weiblein seufzten, als unter Glockengeläut Grossvaters Sarg auf den Friedhof getragen wurde.

Ludmilla Parr war die Letzte, die den Friedhof verliess. Geduldig hatte ich am Tor Hände geschüttelt und wie in bleierner Trance mit allen und jedem ein paar belanglose Worte gewechselt.

«Guten Tag, Sie sind Herr Lendel, gell?»

Ich nickte und schüttelte abwesend die Hand. Ich spürte einen festen Druck, eine warme, zierliche Hand. Ich musste mich zwingen, sie wieder freizugeben.

«Ich bin Ludmilla Parr, aber das wissen Sie ja schon. Mein aufrichtiges Beileid.»

Ich murmelte ein paar Silben.

«Übrigens, ich bin ebenfalls beim Lindenwirt abgestiegen, begleiten Sie mich?»

«Sie bleiben in Villerach?»

«Na ja, das Paradies ist Villerach nicht gerade», lästerte sie. Ich musste grinsen.

«Sie kennen Hans? Hans Sarbach?»

«Kennen, kennen, wir haben zwischendurch ein wenig miteinander geplaudert. Und da habe ich mir vorgenommen, Ihre Bekanntschaft zu machen.»

«Welche Ehre für mich, Frau Parr!»

«Nun, da steckt auch ein wenig Eigennutz meinerseits dahinter!» Ihr Lächeln war wirklich zauberhaft. «Nennen Sie mich doch bitte Ludmilla, wir sind ja sozusagen in derselben Branche tätig, wie ich hörte.»

Von wegen ein wenig mit Hans geplaudert, sie musste den armen Kerl gehörig eingewickelt und ihn gründlich über die Familie Lendel ausgehorcht haben.

«Sandor», nickte ich, «aber das wissen Sie wahrscheinlich auch bereits?»

Ludmilla lachte ihr helles, klares Lachen, das mir unter die Haut fuhr und mir die letzten Reste Weihrauchmief aus dem Kopf vertrieb.

«Ich mag nicht in die Linde hocken, dort feiern jetzt die Villacher ihren Holzkopf, wie sie Grossvater heimlich nannten. Hans hat das Leichenmahl für mich organisiert.»

«Kein Problem. Kann ich gut verstehen. Ich hätte aber gerne etwas mit Ihnen besprochen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Treffen wir uns heute Abend zum Abendessen. Ich lade Sie ein, in die Linde, zu Hans. Er pflegt eine ausgezeichnete Küche!»

Ich trödelte herum. Hans hatte mich in das Gemeindeamt aufgeboten, Papierkram wartete. Aber die Büros würden erst in zwei Stunden öffnen. Ich spazierte durch das enge Dorf. Das Lebensmittelgeschäft sah aus, wie wenn es nächstens aufgegeben würde, am Löwen hing ein Schild «zu verkaufen». Viele Gärten, einst ganzer Stolz der Landfrauen, wirkten ungepflegt und schienen zu verwahrlosen. Wie schäbig es hier in so kurzer Zeit geworden war. Ein blühendes Bergdorf mit stolzen Menschen wurde unaufhaltsam zum Altenheim der letzten Generation. In ihren schiefen Häusern gedachten die Rentner besserer Zeiten, die nie wieder kommen würden. Die Jungen zogen talwärts in die Städte. Die Schule war geschlossen. Niedergang schlich über die Berghänge wie zäher Morgennebel. Der Tourismus kam nicht richtig in Schwung, Familien zogen fort, eine Wirtschaft um die andere, ein Geschäft ums andere würden schliessen müssen. Die Buslinie wurde auf Sparbetrieb umgestellt. Immer mehr Häuser standen zum Verkauf. Ein Bergdorf erlitt das Schicksal, in Vergessenheit zu geraten und bald nur noch auf der Landkarte zu existieren.

Aber vielleicht war es ja nur meine düstere Stimmung, die mir Villerach in diesem trüben Licht erscheinen liess. Ich bummelte zum Dorf hinaus, stieg hinauf zu meinen Lieblingsplätzen von damals. Ich setzte mich trotz der kühlen Witterung auf die verwitterte Bank, auf welchem Grossvater und ich oft Rast gemacht hatten. Grossvater war immer auf der Suche nach einem ausgefallenen Stück Holz gewesen, wenn wir durch die Wälder wanderten. Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, dass ich alleine auf der Welt stand, dass ich mich nicht mehr auf Grossvaters Rückhalt verlassen konnte. Erst jetzt gelang es mir zu weinen. Ich weinte, aus Trauer und wahrscheinlich auch zu einem guten Teil aus Selbstmitleid. Erst jetzt konnte ich mich von Grossvater endgültig verabschieden. Ich würde mein Leben energisch in die Hand nehmen und es so führen, dass Grossvater stolz auf mich sein könnte, ja genau, ein echter Lendel würde ich sein.

***

Heute registriere ich erstaunt, wie weit weg das alles gerückt ist. Grossvater hatte grosszügig für mich vorgesorgt. Zudem war ich Alleinerbe, wie mir der säuerlich wirkende Bürgermeister an jenem Nachmittag nach der Beerdigung im Gemeindeamt eröffnete. Er hatte etwas von Dorfmuseum und Tourismus und Ehrenbürger geschwafelt. Ich hatte an die Warnungen von Hans gedacht und versprochen, darüber nachdenken zu wollen, später einmal, nach der Trauer, einfach später.

***

Die Auktion zog sich hin. Um eine hässliche Vase wurde gefeilscht, als handelte es sich um den Gralsbecher. Ludmilla wurde unruhig, rutschte auf ihrem Sitz hin und her. Ich hatte einen Sitzplatz zuhinterst im Saal ausgesucht. Aber wahrscheinlich spürte sie dennoch, dass ich sie heimlich beobachtete. Das hatte sie immer sofort gefühlt und ungehalten reagiert. Vorsorglich wechselte ich den Sitzplatz und zwang mich, nicht ständig nach Ludmilla auszuspähen. Als übernächstes Objekt müsste eigentlich der Spieltisch versteigert werden. Ich war gespannt, ob Ludmilla mitböte. Wie weit würde sie mitgehen? Und überhaupt, wie weit wollte ich denn gehen? Ludmilla oder ich, wer würde den Zuschlag erhalten?

Der Tisch durfte keinesfalls in fremde Hände geraten, das musste ich verhindern. Zulange hatte ich bloss zugeschaut, zu lange schon war ich träge und unbeteiligt geblieben. Ich spürte, wie die Sammelleidenschaft wieder erwachte, wie mir heiss wurde, wie der Trieb, einen begehrten Gegenstand zu ersteigern, sich jäh aufbäumte.

***

Die Linde in Villerach war berühmt für ihre Jagdspezialitäten. Hans hatte einen zarten Rehrücken zubereitet, der selbst eingeschworene Wildmuffel unruhig werden liess. Ludmilla und ich hätten an Hans bedenkenlos die höchsten Prämierungen vergeben: Sternchen, Pfännchen, Kochmützen und was sonst noch alles herhalten musste, um exzellente Kochkunst zu bewerten.

Wir sassen an einem ruhigen Tisch weit ab von den Stammgästen. Der Lindenwirt hatte uns einen ausgezeichneten Roten empfohlen, einen Gigondas. Ich erinnere mich daran, weil ich überrascht war, in der Villacher Linde auf solche Weinqualität zu stossen. Aber dem alten Sarbach musste man ehrlicherweise zugute halten: Rotwein war wirklich sein Metier. Dann übernahm Hans die Regie für den Abend und trug uns ein Festmahl auf, wie es in besten Häusern serviert wurde.

«Ein Meister, wir erleben die Geburtsstunde eines Meisters!», rief Ludmilla entzückt, als Hans sich kurz zu uns setzte. Er strahlte wie ein Marienkäfer, Anerkennung war hier oben rares Gut. Als Ludmilla kurz auf die Toilette verschwand, beugte er sich zu mir: «Heiss, die rote Hexe, wie? Leider steht sie mehr auf die Familie Lendel!»

«Grossvater? Was treibt ihr eigentlich hier oben, während ich mir den Rücken krumm studiere! Hans, was um Himmelswillen habt ihr alles von mir erzählt?»

«Bloss ein wenig getratscht, und nur Gutes! Ein feines Mädchen! Sie ist jedoch etwas älter als du. Aber sie steht mit beiden Füssen auf dem Boden. Apropos, nicht schlecht, was, Herr Kunststudent? Appetitlich, äusserst angenehme Erscheinung», Hans grinste, «und klug!»

«Ja, sie hat ein Semester bei Professor Etter studiert, so wie ich», warf ich ein. Hans klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Ich blickte warnend, Ludmilla kam zum Tisch zurück. Hans verschwand wieder in seinem Reich hinter den klirrend nachschwingenden Küchentüren.

«Über unschuldige Mädchen herziehen, so geht das bei euch Männern!», lachte Ludmilla. Der Wirt brachte eine weitere Flasche Gigondas. Als er mit der leeren Flasche wieder weggeschlurft war, strich Ludmilla mit einer weiten Geste das Tischtuch vor sich glatt, als wären dort Krümel wegzuwischen. «So, Sandor, Enkel des Xavers, diese Flasche ist meinem Plan und uns beiden gewidmet.»

Ich muss überrascht aufgeschaut haben.

«Ich weiss, es scheint vielleicht etwas roh, so kurz nach einer Beerdigung schon Zukunftspläne zu schmieden, ich gebe es zu, und es tut mir auch echt Leid. Aber siehst du, Sandor, dort vorne am Stammtisch sitzen die Gierigen. Sie warten nur darauf, dich über den Tisch zu ziehen. Bestimmt hat dir der Bürgermeister von seinem Museum erzählt. Und vom erhofften touristischen Aufschwung? Von deiner Kindheit im Dorf? Dankbarkeit, Ehre, auf immer und ewig?»

Ich musste grinsen, nickte aber nachdenklich. «Hans ist derselben Ansicht.»

«Hans versteht sehr gut, worum alles geht. Er, Grossvater und ich sassen oft beisammen. Grossvater wünschte, dass wir drei Jungen zusammenhalten würden. Gemeinsam schafft ihr es, pflegte er unsere Gespräche zu beenden.»

«Mir ist das alles etwas zu hoch, und es geht mir viel zu schnell.»