Sandsturm, Liebesstille - Bianca Savcenco - E-Book

Sandsturm, Liebesstille E-Book

Bianca Savcenco

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Beschreibung

Tripolis, am Vorabend des Arabischen Frühlings. Zwei unterschiedliche Frauen freunden sich an und unterstützen sich in aufwühlenden Zeiten. Aufwühlend ist für Laetizia, eine junge Lehrerin aus Deutschland, alles in Libyen: das patriarchale, abgeschottete System, in dem Frauen einen festen Platz in der Gesellschaft haben - und unverheiratete Ausländerinnen wenig Bewegungsspielraum. Aufwühlend sind die Zeiten für Claire, der Ehefrau eines deutschen Kulturvertreters und dreifachen Mutter, weil ihr Selbstverständnis ins Wanken gerät. Und aufwühlend, gar explosiv, ist die politische Lage, die das Leben aller Beteiligten von einem Tag auf den nächsten dramatisch verändern wird.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Bianca Savcenco

Sandsturm, Liebesstille

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1

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9

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Epilog

Schlussbemerkung

Impressum neobooks

Prolog

Die Tage zerfließen im Licht heißer Frühlingssonne, wenn man nicht weiß, wohin mit sich. Sie lief fremd durch die Straßen ihrer Heimatstadt – die Geschäftigkeit der Menschen, die Banalität ihrer Alltagssorgen stießen sie ab - und begann jedes Mal einen neuen Traum, wenn sie jemanden Rumänisch sprechen hörte, oder Arabisch, oder Amharisch… So viele Horte vergangener Geborgenheit, vergangenen Glücks. Je nachdem, welchen Sprachfetzen sie aufschnappte, wurde sie melancholisch oder es stiegen Bilder vor ihrem inneren Auge auf: wie Salem ihre Älteste auf den Rücken festgebunden hatte, Erbsen palte und dabei sang; wie die Mädchen in Sibiu zum ersten Mal in ihrem Leben staunend Schnee erblickt hatten…. Es waren warme Gefühle, oder eher des émotions doux-amères, denn am Ende dieser Bilder stand immer eine leichte Bitterkeit. Und die Einsicht, dass tief in ihr eine große Verwirrung herrschte, die noch nicht ganz aufgelöst war.

Sie kaufte beim Italiener einen Liter hausgemachter Eiscreme, und dann, verloren auf der sonnigen Straße laufend, konnte sie ihr Auto nicht finden. Sie hatte vergessen, dass sie kein Auto mehr besaß, sie musste mit der Straßenbahn lange fahren, das Eis würde schmelzen.

Wie ein Faustschlag traf es sie, wenn sie das Arabisch der Nordafrikaner hörte, durchsetzt mit französischen Redewendungen. In jeder einzelnen Silbe schien die raue Zärtlichkeit der Welt eingeschlossen zu sein, und das Geheimnis der Liebe. Sie zwang sich dann, nicht aufzublicken, nicht nachzuforschen, woher die Worte kamen. Sie hatte sich verschlossen gehabt, hatte alle Gefühle auf Sparflamme gedrosselt, die Luft angehalten. Sie hatte versucht, auf kleinem Fuß zu leben, nichts zu fordern, um nicht in Verzweiflung auszubrechen, wenn sie daran dachte, wie viel sie gehabt hatte, wie viel Schönes möglich war. Wie viel Gefühl, wie viel Leben, wie viel Glück.

Und dann, ohne dass sie sich weiter dagegen wehren konnte, kamen trotzdem die Momente starker Sehnsucht. Momente, in denen sie angefallen wurde von der Erinnerung. Weil ein Baum die gleichen Blüten trug wie jener, der den Duft in seine Wohnung geweht hatte. Momente, in denen eine vertraute Melodie, ein Männerlachen, das seinem ähnelte (oh Gott, sein dunkles Lachen!), eine Körperhaltung, die seiner glich, sie völlig aus ihrem ohnehin fragilen Alltag herausrissen. Dann fühlte sie sich zu schwach für die sie umgebende Welt, unfähig, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Unpassend, aus einer fremden Zeit gefallen, in Gefühlen schwimmend, die keine Richtung hatten, keine Verankerung, keine Legitimierung. Wenn es besonders schlimm wurde, ging sie in den Wald. Die Natur bot keinen Trost, aber hier konnte sie ihr Leben zumindest aushalten, sich von einer Sekunde zur nächsten hangeln.

Es gab so viele abgenutzte Bilder für Leid. Sie fand das nicht fair, da es suggerierte, man könnte sich darin zuhause fühlen, in einer Sprache, die andere schon benutzt hatten und dadurch auch in Gefühlen, die andere schon erlebt hatten. Aber so war es nicht. Ihr Leid war einzigartig, sie fühlte sich sehr weit weg von den Menschen um sie herum, nichts konnte sie mit ihnen und der Alltagswelt versöhnen. Sie wollte sich die Besonderheit ihrer Situation bewahren, ihre Gefühle davor bewahren, durch Psychoanalyse oder Gespräche mit wohlmeinenden Freunden in die Banalität zu kippen. Es hätte sie vielleicht erleichtert, diese Gefühle zu verkleinern. Aber dann wäre sie mit leeren Händen dagestanden.

Sie wusste instinktiv, dass die unauslöschliche Sehnsucht das Feuer war, das sie am Leben hielt, das ihr den Weg weisen würde. Und von all ihren anderen merkwürdigen augenblicklichen Seinszuständen - Leere, Fremdheit, wütende Raserei - war ihr die Sehnsucht noch am liebsten: weil sie sich nicht zufrieden gab und sie früher oder später zwingen würde, wieder Entscheidungen zu treffen.

1

Tripolis, 19. Februar 2011, 14:30, Baumersche Villa

Als Laetizia in das Wohnzimmer von Silke und Ralf Baumer trat, begrüßten die dort anwesenden Gäste sie zwar höflich, aber teilweise mit starrem Gesichtsausdruck, und wandten sich rasch wieder ihren Gesprächen zu. Laetizia folgte Silke in die winzige Küche, wo diese Sektgläser auf einem Tablett arrangierte.

„Wenn wir schon auf dem Vulkan tanzen, dann richtig!“, sagte Silke mit dünnem Lächeln und ließ den Korken knallen. In der Küche standen zwei Bleche mit frisch gebackenem Kuchen; Baumers hatten vor einigen Stunden spontan Freunde und Arbeitskollegen zu sich eingeladen, um Alkoholvorräte zu vernichten, alle noch ein letztes Mal zu sehen und vielleicht auch, um mit ihrer Nervosität nicht allein zu sein.

Laetizia fand das übertrieben. Es hatte zwar Demonstrationen und in der Folge gewaltsame Auseinandersetzungen in Bengasi gegeben, aber alle Kenner der politischen Lage hatten ihr versichert, die Unruhen aus den Nachbarländern würden nicht auf Libyen übergreifen. Bengasi sei weit weg und die Menschen dort schon immer vom Regime vernachlässigt gewesen, woher sich eine (auch historisch bedingte) gewisse Aufsässigkeit erklären lasse. Die Tripolitaner seien aber schlauer, sie hätten viel mehr zu verlieren. Sie würden abwarten, bis Ghaddafi das Problem in Bengasi mit Gewalt oder mit Geld oder mit beidem lösen würde, und so sollten es auch die in Tripolis lebenden Expats halten. Laetizia konnte das nur Recht sein. Ihr würde im Traum nicht einfallen, das Land zu verlassen. Nicht jetzt, wo es so spannend zu werden versprach, politisch wie privat!

„Machst du dir wirklich Sorgen?“, fragte sie deshalb Silke.

„Ob ich mir Sorgen mache? Ha!“ Silke schenkte mit der Rechten Sekt ein und deutete mit dem Kopf auf ihre Linke, in der sie eine Zigarette hielt. „Ich hab wieder angefangen, zu rauchen! Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, Laetizia. Aber es beunruhigt mich enorm. – Kannst du mir bitte die Tür aufhalten?“

„Ah, na endlich! Der Schampus!“ Ralf Baumer stammte aus einer Gegend in Bayern, in der man die Worte sehr dehnte. Aber da er im Prinzip hochdeutsch sprach, hatte Laetizia ihn im Verdacht, die langsame, gedehnte Aussprache nur einem beeindruckenden Auftreten zuliebe bewahrt zu haben. Er war genauso groß und dick wie seine Frau, Silke machte er allerdings Vorwürfe wegen ihrer Figur.

„Freunde!“, rief er aus. „Danke, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid und mit uns gemeinsam einen letzten ruhigen Tag in Tripolis verbringt! Keiner weiß, was is, keiner weiß, wie’s morgen ausschaut; also haltet euch nicht zurück. Wir wollen doch nichts dem Feind überlassen! Heute wird alles ausgetrunken! Hier ist Open House, bis die letzte Schampus-Flasche geleert ist, mein Ehrenwort!“ Laetizia entgegnete amüsiert:

„Ja, glaubst du denn, dass morgen schon die Horden kommen, die euren Alkohol plündern? Es ist nicht mal gesagt, ob die Schule geschlossen ist.“

„Also Laetizia, ehrlich, ich weiß nicht, was ihr euch dabei denkt.“ Carmen, die Frau des Wintershall-GM, blickte sie vorwurfsvoll an. „Die British School und die Gems sind schon seit Donnerstag geschlossen, nur ihr könnt euch nicht einigen. Ich schick meine Kinder morgen nicht in die Schule. Ich besorg mir direkt ein Ticket, und dann: Maasalamah!“ „Heuers sind schon gestern rausgeflogen, die ganze Familie“, sagte ein großgewachsener junger Mann, den Laetizia nicht kannte.

„Ja, was ist denn das für ein Lulu! Wenn Frauen und Kinder sich fürchtn, bitt‘ schön! Aber als Mann muss man doch etwas Durchhaltevermögen zeigen!“, rief Ralf echauffiert.

„Ist er auf eigene Kappe geflogen?“

„RWE hat wohl alle Familienmitglieder evakuiert und jedem Mitarbeiter freigestellt, auch das Land zu verlassen.“

„Shell hat auch schon alle Expats evakuiert.“

„Und was sagt die Botschaft?“

„Jürgen und Frank kommen nachher vorbei. Die müssen heute arbeiten.“

Die Runde verstummte und jeder blickte nachdenklich vor sich hin. Silke ergriff nach einigen Minuten das Wort, sie sah sehr ernst aus.

„Laetizia, um auf deine Frage zurückzukommen: Ich glaube sehr wohl, dass sie als erstes die Häuser hier in Regatta plündern werden, wenn keiner mehr da ist. Die wissen doch, dass die Ausländer alle Alkohol bunkern. Und ich bin lieber nicht mehr da, wenn’s soweit ist.“

„Aber wer soll denn die Häuser plündern?“, fragte Laetizia. „Ihr tut ja so, als ob jegliche staatliche Ordnung schon zusammengebrochen wäre!“

Es klingelte an der Tür. Es waren Lachers, Nachbarn von Baumers, die sich verabschieden wollten. Christian Lacher wirkte sehr nervös.

„Ich fahre jetzt die Familie zum Flughafen. Wir wollen nicht mehr warten, bis es vielleicht zu spät ist… die Flüge ausgebucht sind…. also…“ Er zögerte, dann senkte er die Stimme. „Ein Freund hat mich angerufen, angeblich haben die Aufständischen einen Sohn gefangengenommen.“

„Wo? In Bengasi?“

„Äh ja, oder in Darna, ich weiß nicht genau“, antwortete Lacher fahrig.

„Wen?“

„Saadi, glaube ich.“

„Den Fußballspieler?“

„Na den, der diese Brigade anführt.“

„Das ist Chamis! Bist du sicher?“

„Hm, ich hab halt so was gehört… dass sie einen gefangen genommen hätten… also, ich fahr dann mal. Alles Gute noch!“

Nachdem Lachers gegangen waren, redeten alle durcheinander.

„Was sagt denn das Fernsehen?“, fragte Laetizia nach einer Weile.

„Nichts Neues. Die gleichen wackligen Handykamera-Aufnahmen, angeblich aus Bengasi. Demonstranten, denen gezielt in den Kopf geschossen wurde, viel Geschrei. Aber das könnte man irgendwo gefilmt haben“, antwortete Silke.

Laetizia spürte plötzlich, wie sich die Erregung der anderen auf sie übertrug, und das passte ihr gar nicht. In der Sache war sie immer noch der Meinung, dass sie übertrieben, aber sie wusste, dass sie sich leicht von Stimmungen und Schwingungen mitreißen ließ. Deshalb stand sie abrupt auf und sagte zu Silke:

„Ich geh ein bisschen an den Strand. Bis nachher.“

Das Meer war sehr aufgewühlt, ein Sturm bahnte sich an. Laetizia knöpfte ihre Winterjacke zu und band sich einen Schal um den Hals. So kalt hatte sie Tripolis noch nie erlebt. Trotzdem genoss sie es, vom Wind durchgeschüttelt zu werden. Das war ein Chaos, eine Gewalt, die sie respektierte. Sie konnte ihre eigene kleine, künstliche Unruhe gegen den Wind stemmen, der mit jedem Stoß etwas davon abschliff und wegtrug.

Sie wusste, dass sie ein wenig verrückt war – nein, eigentlich wusste sie gar nichts. Manche Freunde nannten sie lachend die Verrückte, aber das war ein Scherz, eine als Scherz verkleidete Wahrheit, wusste sie wirklich, dass sie verrückt war, oder kokettierte sie nur damit, in der Hoffnung, die Verrücktheit sei gerade groß genug, um sie anziehend und interessant zu machen, aber nicht zu groß, um sie zu überfordern? War es nicht anmaßend, so zu denken, vielleicht war sie nicht einmal ungewöhnlich? Wie auch immer, das Meer, in all seinen Verfasstheiten, war das einzige Beruhigungsmittel, das sie akzeptierte. Und das einzige ohne Nebenwirkungen. Im Gegensatz zu Männern.

Laetizia fröstelte, aber sie konnte ihren Blick nicht von den wütenden Wellen losreißen. Es war undenkbar, von hier wegzugehen! Hier war sie frei, der Himmel offen, die Tage unendlich. Ihr Leben in Libyen erschien ihr leicht und trotzdem von einer mysteriösen Bedeutungsschwere, ganz nach ihrem Geschmack.

Das Meer toste nun immer stärker, Wellen und Himmel waren gleichermaßen dunkelgrau, die Gischt war giftig, man musste sich vor ihr hüten! Giftig, wieso giftig? Plötzlich wurde Laetizia übel, eine Sekunde später hatte sie die Vision von Leichen, die an den Strand gespült wurden, unzähligen Leichen, das Meer verfärbte sich schwarzrot von ihrem Blut. Sie wankte einige Schritte zurück, setzte sich in den feuchten Sand, befühlte ihn, machte ihre Jacke auf, um die Kälte zu spüren. Sie brauchte ganz dringend ganz starke sinnliche Erfahrungen, um aus ihrer Phantasie herauszufinden! Sie sah nun keine Körper mehr, aber sie spürte das Böse, das unausweichlich kommen würde. Es war bereits in der Luft, raubte ihr den Atem. Sie war eingesperrt in ihrem Kopf, er dröhnte, und die Kälte, die Rauheit des Sandes drangen nur als abstrakte Information zu ihr durch.

Ach verdammt, warum hatte sie es zugelassen, dass Baumers und ihre Gäste sie mit ihrer Hysterie ansteckten! Sie wusste doch, dass ihr Geist leicht erregbar war, sofort Bilder produzierte, denen sie nicht entrinnen konnte, während die anderen in einigen Stunden vermutlich schon selig betrunken schliefen!

Sie zog ihre Schuhe und ihre Jacke aus, krempelte die Hosenbeine hoch, lief über scharfkantige Steine näher zum Meer. Als sie die ersten Schritte in das eisige Wasser machte, kam die Kälte wie eine Schockwelle und erlöste sie.

2

Als Laetizia an einem sehr heißen Sommertag, Ende August 2010, aus ihrem Flugzeug stieg, um ihre Stelle als Aushilfslehrerin an der Deutschen Schule Tripolis anzutreten, stellte sich bei ihr ein befriedigendes Gefühl ein. Manche Kommilitonen hätten wohl versucht, diese spezielle Stimmung mit der Freude zu erklären, aus dem Dunstkreis des allmächtigen westlichen Kulturimperialismus zu treten. Aber an diesem Begriff hing ein Rattenschwanz an politischen Konnotationen, und so tiefgründig politisch-sozialkritisch wollte sie gar nicht sein, das war ein glitschiges Terrain! –

Vielleicht würde sie das später noch präzisieren können, Laetizia war froh, den Gedankengang nicht rechtfertigen zu müssen, aber in diesem Augenblick war sie von der Freude erfüllt, sich in einer tatsächlich sehr fremdartigen, von der westlichen Denkweise noch nicht verunreinigten Welt zu befinden. Sie bedauerte, dass die europäisch-amerikanische Lebensart vielen Ländern der Welt ihren Stempel aufgedrückt und die autochtone Kultur soweit verwässert hatte, dass sie sich dem Fremden bereits in einer sauberen und genießbaren Form präsentierte, der abstoßenden Spitzen genauso wie der Tiefe beraubt. Umgekehrt fühlte sie sich von der Bilderflut erdrückt, die es in Deutschland von jedem noch so unerschlossenen Land gab: und seien es Fotografien afghanischer Kämpfer oder der letzten Ureinwohner des Amazonas, es waren Bilder, die sich anbiederten, überall aufdrängten. Sie selber hatte schon vor Jahren aufgehört, zu fotografieren. Es überlagerte und verdarb ihr nur den sinnlichen Eindruck.

Von Libyen gab es kaum Bilder oder Nachrichten (es duldete keine ausländischen Journalisten), es war jahrzehntelang verschlossen gewesen und war selbst jetzt nur nach Durchlaufen eines schwierigen Visaverfahrens und zum Teil nur mit Geleitschutz zu bereisen. Es war ein weißer Fleck in Laetizias Wahrnehmung gewesen, und das hatte sie enorm gereizt. Dort gab es gewiss keine Authentizitäts-Kitsch-Produktionsindustrie, die für Touristen Intensitätsgefühlshäppchen fertigte („Wenn Sie von dieser Stelle den Sonnenuntergang fotografieren, werden Sie einen unvergesslichen Moment erleben.“ „Genießen Sie die reichen Aromen der Landesküche bei einer einzigartigen traditionellen Mahlzeit und lassen Sie sich verzaubern von der einmaligen Schönheit der Landschaft und der Herzlichkeit der Einheimischen.“…)

Dort musste sie gar nicht erst versuchen, von anderen schon erlebte und geschilderte Erfahrungen zu überschreiben – es gab niemanden in ihrem Freundeskreis, der ihr bereits eine anthropologische Analyse hätte liefern können; keine Bilder, Emotionen, an denen sie die Stärke oder Authentizität ihrer Empfindungen hätte messen können, überhaupt nichts, womit sie ihre Eindrücke vergleichen musste!

Es war nicht ihr erster Aufenthalt in Tripolis, sie hatte Anfang April ein zweiwöchiges Praktikum an der Schule absolviert, und da der Schulvorstand verzweifelt nach neuen Lehrern gesucht hatte - niemand, wirklich niemand hatte nach Libyen kommen wollen - war der Vorstandsvorsitzende auf die Idee verfallen, ihr einen Vertrag als Assistenzlehrerin anzubieten. Das war unüblich und auch nur ein Provisorium, aber Laetizia war genau die Richtige für spontane und ungewöhnliche Vorschläge. Ihr Lehramts-Studium hatte sie ohnehin gelangweilt und sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie es fortführen sollte. Ihr Liebesleben war ihr über den Kopf gewachsen, in den letzten Monaten hatte sie mit drei Männern jongliert, einer neurotischer als der andere, sie hatte wirklich genug davon. Aber das hier war etwas ganz Neues. Diesmal durfte sie sich ins Leben werfen, bei einem richtigen Erwachsenenspiel mitmachen: mit Verantwortung, Arbeitsvertrag, gesellschaftlichem Status, möblierter Wohnung am Strand und solchen Sachen. Männer würden dabei keine Rolle spielen. Sie hatte kein Faible für arabische Männer und die deutschen waren alle verheiratet. Umso besser. In diesem Spiel sah Laetizia sich in der Rolle einer ernsthaften jungen Frau, die endlich das Stadium des jungmädchenhaften Dauerverliebtseins überwunden und sich den wesentlichen Dingen des Lebens zugewandt haben würde.

„Wie war dein Flug?“, fragte Beate, eine ältere Kollegin aus der Schule, während sie ihr half, ihren Kofferwagen durch eine partout nicht weichen wollende Menschenmenge zu manövrieren. Alte Männer in weißen Jellabas, jüngere in Jeans und Lederjacken, schwarz verhüllte Frauen mit Mädchen im Rosa-Tüll-Dress auf dem Arm standen dicht gedrängt und beobachteten sie interessiert, fanden es aber anscheinend nicht von Belang, ihnen Platz zu machen.

„Gut. Aber gottseidank war ich eine der Letzten und konnte so den Anderen Richtung Ausgang folgen“, antwortete Laetizia aufgekratzt, „das ist ja wirklich ein Glücksspiel, was würden sie sich denn abbeißen, wenn sie wenigstens am Flughafen einiges auf Englisch beschriften würden? Naja, und einer der fünf Kontrolleure hatte irgendwas an meinem Visum zu monieren, aber da wir uns nicht verständigen konnten, war das Problem auch irgendwann gelöst. Und mein Koffer kam ewig nicht, ich wusste ja nicht mal, an welchem Band ich warten sollte und bin immer hin- und hergelaufen.“ Sie waren aus dem Flughafengebäude hinausgetreten und liefen über die Straße. „Hey, das Wetter ist ja super hier!“ Beate blickte sie skeptisch an und antwortete:

„Super? Das ist so heiß, dass du nach fünf Minuten in der prallen Sonne umfällst!“

Laetizia hatte den letzten Satz laut ausgerufen und begeistert ihre Arme ausgestreckt, nun hatten sich einige Männer auf dem Parkplatz umgedreht. Sie musterten sie grinsend von oben bis unten und riefen ihnen etwas auf Arabisch zu.

„Was haben sie gesagt, Beate, kannst du das bitte übersetzen?“

„Nein, nichts freundliches. Komm, steig‘ lieber ein“, knurrte diese. „Man sollte meinen, dass die sich zumindest im Ramadan etwas zurückhalten“, fuhr sie fort, während sie ihr Auto millimeterweise Richtung Ausfahrt lenkte. Laetizia sah Beate verblüfft zu, wie diese die anderen Stoßstangen, zwischen denen sie eingekeilt war und die sie wegzuschieben drohten, ignorierte und sich stoisch – und im Zeitlupentempo - vorwärts bewegte. Sie war beeindruckt von Beates Gelassenheit hinterm Steuer, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Also griff sie den Gesprächsfaden wieder auf.

„Ach, ihr habt ja gerade Ramadan! Und, wie ist das so?“, fragte sie.

„Na, wie soll’s schon sein! Kopfschmerzen hab ich den ganzen Tag, weil ich zu wenig schlafe und zu spät esse!“

„Aber du fastet doch gar nicht, oder?“

„Nein, aber, meine Liebe“, gab Beate leicht gereizt zurück, „ meine ganze Family fastet, und jeden Abend gibt es Festessen, und das muss ja jemand kochen, gell? Und in der Schule gibt es schon die ersten Sitzungen…. Die werden schon sehen, was sie davon haben, die Schule so früh beginnen zu lassen, Ende August und mitten im Ramadan! Da ist doch sowieso niemand auf der Spur.“

Sie hatten endlich das sture Gedrängel und Gehupe des Parkplatzes hinter sich gelassen und fuhren auf einer breiten Straße.

Laetizia hatte vergessen, wie dreckig Libyen war. Wenn sie es irgendwie hätte beschreiben müssen, wäre ihr nur Müll in verschiedenen Ausprägungen eingefallen. Cola-Dosen, Plastiktüten, Essensabfälle, Möbelskelette. Dann einige Ziegen, die an dornigem Gestrüpp knabberten, in der Ferne weidende Kamele, und wieder Abfallhaufen. Plastikflaschen, rostendes Metall, ein blutiges Schafsfell, Alufolie, Hühnerknochen, kaputtes Geschirr, die Trommel einer Waschmaschine. Orangenplantagen.

Ein dreckig-braunes Dorf. Was gab es in den kleinen Läden zu kaufen? Oder waren es Werkstätten? Ein Auspuff war auf ein Schild gemalt, dahinter konnte man in eine dunkle Höhle blicken. Der Metzger war am großen, frisch geschlachteten Rinderkopf zu erkennen, der hoch über dem Ladeneingang aufgehängt war.

Kinder rannten unvermittelt auf die Straße und Beate bremste fluchend. Junge Männer lehnten untätig an den Häuserwänden, Frauen waren kaum zu sehen. Sie verließen das Dorf wieder und Laetizia rief plötzlich erfreut:

„Oh schau mal, wie schön. Was blüht denn da um diese Jahreszeit?“

Mitten in staubiger Umgebung schienen einige Bäume große, strahlend-weiße Blüten zu tragen.

„Was? Hahahahaha, hahahahaha. Laetizia, Schätzchen, guck mal genauer hin. Da blüht was, hahaha, hahahaha! Das ist ja zu komisch!“

Als sie nahe daran vorbei fuhren, erkannte Laetizia, dass ihre vermeintlichen Blüten aus Müll bestanden. Die verdorrten Äste der Bäume waren übersät mit weißen Plastiktüten und Hunderten Fetzen von Toilettenpapier; anscheinend standen sie in einer Windschneise, die stetig den Dreck vom Dorf hinüberwehte.

„Oh!“

Die Schule hatte Laetizia eine kleine möblierte Wohnung in einem ummauerten und bewachten Compound angemietet, das sie hier Camp nannten. Nachdem sie im April bei einem Lehrer in einem libyschen Viertel gewohnt hatte, in dem man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße gehen konnte, wusste sie den Komfort des Camps zu schätzen.

Noch bevor sie ihre Koffer auspackte, ging sie hinunter an den Strand, der menschenleer war. Ob es den anderen Campbewohnern wohl zu heiß war? Zu viele Steine? Nicht idyllisch genug? Egal, was kümmerten sie die anderen. Ein unendlicher Himmel, das Mittelmeer vor der Haustür, die Zukunft spannend - sie würde sich ganz bestimmt von nichts und niemandem ihre Laune vermiesen lassen. Ach, das war einfach zu herrlich!

3

Laetizia staunte jeden Tag aufs Neue, wie sonnig-strahlend, interessant und angenehm sich ihr Leben in Tripolis präsentierte. Sie fuhr jeden hellen, warmen Morgen (außer mittwochs, da hatte sie frei) mit dem Bus der Wintershall-Ölgesellschaft in die Schule. Die Atmosphäre war familiär, ihre Kollegen freundlich und hilfsbereit. Sie unterrichtete Deutsch für die Klassen 5 bis 8, wobei die 5. und 6. Klasse sowie die 7. und 8. jeweils zusammengelegt waren und trotzdem nicht mehr als sechs Kinder umfassten. Es war eine sogenannte Zwergenschule mit insgesamt nur 45 Schülern, mit hohen Schulgebühren und Spenden der Ölfirmen am Leben erhalten. Und die Schüler selber, sie kam aus dem Staunen nicht heraus, die waren das Sahnetopping: ausnahmslos wohlerzogen, ruhig, konzentriert und gehorsam (in was für einer Welt lebten die denn?).

Beate hatte ihr eine tunesische Putzfrau vermittelt, die zwar genauso wie die Libyerinnen nur Arabisch sprach, aber die Dame wusste, was zu tun war, und Laetizia sorgte sich nicht weiter darum. Sie ging jeden Abend schwimmen im warmen, ruhigen Meer und schrieb anschließend, mit Blick auf den Sonnenuntergang vor ihrem Fenster, vor Glück strotzende Mails nach Deutschland.

Einmal hatten die Eltern einer Schülerin sie zu einer Poolparty eingeladen, es hatte ihr nicht gefallen. Sie war neugierig gewesen, aber was sie vorfand, waren alte Knacker in wichtigen Positionen, blasiert daherredend, mit ihren mittelalten, auf jung gestylten Frauen (viele kannte sie von der Schule, wenn sie mittags ihre Kinder abholten), die sie mit einem Lächeln auf den Lippen argwöhnisch betrachteten. Alle schienen sich zu kennen, begrüßten sich überschwänglich, erzählten von tollen Entdeckungen und vergangenen oder kommenden gesellschaftlichen Highlights. Trotz des übertriebenen Gelächters schien niemand so richtig Spaß zu haben, vor allem schien es niemandem in den Sinn zu kommen, ins Wasser zu springen. Und so schwitzte Laetizia mit ihrem Bikini unterm Sommerkleid, offenbar die Einzige, die wirklich geglaubt hatte, bei einer Poolparty mit nächtlichen 30°C würde im Pool geschwommen werden, und traute sich nicht mehr, als ihre Beine ins laue Wasser baumeln zu lassen. Die übrigen Gäste waren freundlich zu ihr, aber auf eine herablassende, ausgrenzende Art, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass einige Frauen sie permanent diskret beobachteten

Sie hatte noch nichts von der Stadt gesehen, da sie die ersten Wochenenden mit Unterrichtsvorbereitung beschäftigt gewesen war; ihre Einkäufe hatte sie im Regatta-Shop erledigt. Man hatte ihr gesagt, dass im Ramadan ohnehin nur Allah wüsste, wann die Geschäfte aufmachten (es sei denn natürlich nachts, nach Sonnenuntergang), und sie sollte sich Stadtbesichtigung und ähnliches für später aufbewahren. Ein älterer, nicht unattraktiver Lehrer hatte sie zu einem Ausflug nach Leptis Magna mitnehmen wollen, aber sie hatte abgesagt, weil sie nicht zu viel Nähe zu ihren Kollegen haben, Privates und Berufliches streng trennen wollte. In der Zwischenzeit hatte sie erkannt, dass das ein Fehler gewesen war, niemand schien sich hier um diese Grenze zu scheren. Viele duzten sich, die Lehrerinnen hatten auf der Party mit den Vätern ihrer Schüler geschäkert und die Mütter, die die Lehrer schon länger kannten, führten die Elterngespräche im Café statt in der Schule durch. Sie war noch einmal auf den älteren, offenbar alleinstehenden Kollegen zugegangen, aber er hatte ausweichend und unbestimmt reagiert.

Dann kam das Aid al-Fitr, das große Fest zum Ende des Ramadan, und Laetizia hatte plötzlich ein verlängertes Wochenende. Es war ihr klar, dass sie das unmöglich nur im Camp verbringen konnte, sie hätte es sich nicht verziehen, wenn sie in ihrem bequemen Ausländerleben verharrt hätte; sie musste das Land kennenlernen, dafür war sie ja schließlich da. Sie beschloss, alleine nach Leptis Magna zu fahren. Die Schule hatte ihr auch ein Auto gestellt, und der Weg nach Leptis schien leicht zu finden zu sein.

Wenn sie ehrlich sein sollte: es bereitete ihr Bauchschmerzen, zum ersten Mal in Libyen – wo alles ausschließlich auf Arabisch beschriftet war - Auto zu fahren, und dann noch die Stadt zu verlassen. Aber Angst stand überhaupt nicht zur Debatte, das passte nicht in ihr Selbstbild. Sie hatte vor Jahren, zeitgleich mit dem Verzicht aufs Fotografieren, beschlossen, sich vor nichts mehr zu fürchten, es war ja doch meistens grundlos und lächerlich. Seither betrachtete sie angstbesetzte Momente wie eine sportliche Herausforderung. So auch in diesem Fall: irgendwann müsste sie ja mit dem Autofahren anfangen, und ihr schwach ausgeprägter Orientierungssinn sollte auch keine Entschuldigung sein.

Sie hatte Glück, wegen des Feiertages war kaum Verkehr auf der Straße, und nach Leptis Magna musste sie nur östlich aus der Stadt hinausfahren, immer die Küste entlang.

Leptis war eine beeindruckende römische Ausgrabung, eine komplett freigelegte, riesengroße weiße Stadt. Und im Gegensatz zu vergleichbaren Sehenswürdigkeiten, wie z.B. Ephesos, menschenleer. Der Regatta-Strand verlassen, Leptis verlassen; das war wohl die Exklusivität Libyens.

Ist das nicht einzigartig, diesen Kulturschatz ganz allein in Ruhe genießen zu können, dachte sie, während sie durch die Kolonnaden streifte oder die filigrane Steinmetzarbeit auf den antiken Säulen bewunderte, darauf wartend, eine ästhetische Erfüllung zu verspüren. Sie stellte sich nicht ein. Stattdessen erwachte in ihrem Bauch eine Ungenügsamkeit, die sie unruhig machte. Sie hatte erwartet, auf viele Besucher zu treffen, die sie zweifellos lästig gefunden hätte - aber was nun? Sie war sehr unzufrieden mit sich, und wusste nicht, warum.

Auf dem Heimweg nach Tripolis suchte sie einen Strand, den Beate ihr beschrieben hatte. Um ihn zu finden, hatte sie bei der Abfahrt aus Leptis ihren Kilometerzähler eingestellt und war exakt nach 15 Kilometer an einer schmalen, unbeschilderten Straße rechts abgebogen. Nach einer Weile ging die Asphaltstraße in einen weichen Sandweg über, und Laetizia stellte, wie von Beate empfohlen, den Wagen dort ab, um zum Meer zu laufen. Sie gelangte zu einer Anhöhe und sah auf eine von Palmen gesäumte Bucht.Im feinen hellgelben Sand waren an mehreren Stellen Reste von Lagerfeuern zu erkennen, das Meer glitzerte edelsteinblau, mit weißen Schaumkrönchen auf den Wellen. Eine leichte Brise raschelte in den Palmkronen, nirgends gab es Touristen, Schilder, Imbissbuden. Nach einigen Minuten, die die Augen brauchten, um den unvermeidlichen, weiträumig verstreuten Plastikmüll aus dem Blickfeld zu löschen, konnte man sich dem leisen Charme des Ortes öffnen.

Davon war Laetizia weit entfernt. Sie war nicht annähernd in der Verfassung, Nuancen wahrzunehmen. Ihr Kopf glühte rot von dem Fußmarsch in der Hitze, ihr Herz pochte und sie stellte irritiert fest, dass sich hier, entgegen den Erwartungen, zu viele Menschen befanden. Genauer gesagt, einige Dutzend einheimische Männer, die interessiert ihre Ankunft zur Kenntnis nahmen. Was sollte das überhaupt? Beate hatte doch erzählt, am Feiertag seien alle daheim. Na, wahrscheinlich waren das die jungen Unverheirateten, die noch bei Mutti wohnten und rausgeschickt worden waren, bis das Essen fertig war. Die würden sie schon nicht auffressen. Laetizia ging mit hoch erhobenem Haupt zum Strand hinunter und versuchte, die Männer zu ignorieren. Was unmöglich war, weil deren Blicke sich an ihr festgesaugt hatten und sie nicht mehr losließen. Sie wurde unvermeidlich noch röter. Und ärgerlich. Rechts von ihr entdeckte sie zwei Zelte und davor eine Großfamilie, vermutlich südamerikanischer Herkunft, die dicke Mama im Bikini. Erleichtert, nicht die einzige Frau am Strand zu sein, ließ sich Laetizia in deren Nähe nieder, obwohl der Platz schattenlos war. Sie entledigte sich schnell ihrer langen Kleidung und legte sich hin. Da die Männer sie immer noch genüsslich lächelnd betrachteten, wagte sie es nicht, sich einzucremen; es kam ihr zu aufreizend vor.

Sie hatte sofort die Augen geschlossen, irgendwie war ihr alles zu viel. Gleißende Sonne, heiß beißende Luft, die Männer mit ihren hungrigen Blicken, auch zu viel Schönes, wie sollte sie dieses überraschende Südseepanorama bloß verarbeiten? Erst als das Rauschen der Brandung das Rauschen des Blutes in ihrem Kopf zu übertönen begann und die Hitze sie unruhig machte, öffnete sie wieder die Augen und setzte sich abrupt auf. Eine Gruppe von sechs jungen Männern war näher gekommen, hatte sich nur wenige Meter neben ihr niedergelassen, und einige hatten ihr Handy auf sie gerichtet. Machten die etwa Fotos von ihr? Nein, noch schlimmer: nach den Bewegungen ihrer Handys zu urteilen, filmten sie sie!

„No!“, schrie sie empört. Die Männer lachten. Laetizia sah sich hilfesuchend nach den Latinos um, aber die waren mit Essen beschäftigt. „No, stop it!“ Die Männer dachten gar nicht daran, lachten nur noch mehr und rempelten sich gegenseitig an. Laetizia betrachtete sie kurz. Alle vielleicht Anfang zwanzig, mit zurückgegelten, halblangen Haaren und einem selbstgefälligen Zug um den Mund, manche schon mit Bauchansatz. Sie sprang auf und lief zum Meer, stürzte sich gierig in das prickelnde Wasser, schwamm einige Züge und blickte sich erst dann wieder um. Da waren sie wieder, direkt neben ihr!

„Hello, hello, whats ya name? You beautiful, very beautiful!“

„Leave me alone!“, schrie sie laut. Die Männer lachten, hocherfreut über die Kommunikation. Laetizia hatte eine wütende Litanei im Kopf, aber sie hatte das Gefühl, jeder Kommentar von ihr würde sie nur noch mehr ermuntern. Also schwamm sie zuerst im Zickzack hin und her und dann weiter ins offene Meer hinaus, viele Minuten lang, in der Hoffnung, sie dadurch abzuschütteln. Sie blieben tatsächlich zurück und balgten sich im brusttiefen Wasser wie kleine Jungs, riefen ihr aber immer wieder etwas zu.

Als sie zu ihrem Handtuch zurücklief, lagen sie auch wieder im Sand, zückten ihre Handys und riefen durcheinander:

„You bitch!“

„You are so hot!“

„Ah, sexy, sexy!“ Einer machte obszöne Bewegungen mit der Zunge und alle lachten erhitzt. Die Großfamilie neben ihr reagierte nicht. Laetizia zog sich, ohne sich abzutrocknen, hastig ihre Tunika und die Leinenhose über ihren nassen Bikini, packte ihre Sachen zusammen und flüchtete vom Strand, im Kopf eine brennende Ohnmacht.

Im Auto wurde sie ruhiger und ärgerte sich über ihre nasse Hose und das nasse Bikini-Oberteil, das sich hellblau unter ihrer weißen Tunika abzeichnete. Hoffentlich musste sie nicht irgendwo aussteigen, so würde sie garantiert wieder alle Blicke auf sich ziehen! Ihre Haut fühlte sich trotz Klimaanlage weiterhin heiß an, sie hatte sich vermutlich einen Sonnenbrand zugezogen. Als sie an einer Ampel anhalten musste, betrachtete sie sich im Rückspiegel. Tatsächlich, das totale Tomatengesicht!

Sie fuhr geistesabwesend ein Stückchen vor, weil das vor ihr haltende Auto nach einer kurzen Wartezeit weitergefahren war, über Rot, unter großem Gehupe in die viel befahrene Kreuzung hinein. Sie schüttelte den Kopf, heute wunderte sie gar nichts mehr. Da registrierte sie im rechten Augenwinkel ungewöhnliche Bewegungen auf dem Bürgersteig, eine aufgebrachte, schnell näher kommende Menschenmenge. Nein, wieder nur Männer, ärmlich gekleidet, zerlumpt, zum Teil barfuß, manche mit weißen Fetzen auf dem Kopf, die wohl mal Turbane gewesen waren. Brüllende, ineinander verkeilte Körper. Wutverzerrte dunkelhäutige Gesichter, ein sehr roter Mund, die Masse schob sich hin und her, eine hart vorschnellende Faust, jemand fiel zu Boden. Jetzt rannte ein Mann weg, auf die Ampel zu. Die anderen hinterher, ein Stein flog, noch mehr Steine, über ihr Autodach, Laetizia duckte sich, der Mann rannte an ihr vorbei. Hinter ihr hupte es durchdringend, Steinhagel, Laetizia gab zitternd Gas.

In ihrer Wohnung angekommen, legte sie sich aufs Bett und weinte. Danach duschte sie lange. Vom Fenster ihres Wohnzimmers konnte sie den Sonnenuntergang über dem Meer sehen. Alle Töne des Harmonieregenbogens, von rosa bis hellblau. Wie schmerzhaft friedlich und weich er aussah, durfte er so lügen? Sie legte eine CD von Shakira auf und tanzte, tanzte obsessiv bis zur Erschöpfung. Sie würde sich doch nicht von einigen Männern fertig machen lassen, ob sexuell unterversorgt oder von weiß der Geier was für Aggressionen besessen, das wäre ja gelacht! –

Dennoch war da dieser Haarriss in ihrer Rolle, die sie sich für Libyen zugelegt hatte. Obwohl sie nicht verstand, warum.

4

Am Sonntag in der Schule war sie wieder gut aufgelegt und freute sich über ihre wohlbehüteten Schülerinnen, die ihr von ihren Feiertagserlebnissen in Tunesien, Malta oder London berichteten. In der Pause saß sie auf der Bank und betrachtete die ihr unbekannten Bäume. „Maulbeeren und Orangen“, erklärte ihr Beate. „Ab dem Frühjahr tragen sie Früchte. Das heißt, eigentlich schon ab Ende Januar. Und die Orangenblüte vorher – ein Traum! Aber lass dich bloß nicht von den Kiddies erwischen, wie du von den Maulbeeren naschst. Das ist streng verboten, weil die so eine Sauerei machen. “

Nach dem Unterricht wurde sie von Marie, einer jungen Kollegin, gefragt, ob sie sie in den Herbstferien auf einen Wüstentrip begleiten wollte. Laetizia sagte hocherfreut zu und wertete es als Zeichen, endlich in sozialer Hinsicht wie auch in der Erkundung des Landes voranzukommen. Ein Vater von einem von Maries Schülern, ein Shell-Geologe, dessen Familie die Ferien lieber in Deutschland verbringen wollte, würde sie ebenfalls begleiten.

Als um 13 Uhr die Kinder abgeholt wurden, kam eine Dame im Chaneljäckchen auf sie zu. Sie war Laetizia aufgefallen, weil sie jeden gut zu kennen schien. Vom Privatchauffeur - für die Ehefrauen, die durch die Sicherheitsbestimmungen der Firmen ihrer Männer vom selbständigen Autofahren enthoben wurden - bis hinauf zum Direktor, mit jedem hielt sie ein kleines Pläuschchen. Die Dame drückte ihr mit einem Kopfnicken eine Einladung in die Hand. Ah, schon wieder eine Poolparty, direkt nach den Ferien.

*

Der Beginn der Wüstenreise präsentierte sich reichlich strapaziös und spröde, mit langen Wartezeiten am Flughafen - nur um dann festzustellen, dass der Flug abgesagt wurde - und einem neuen Flug am nächsten Tag. Aber nicht nach Ghat, ihrem Zielflughafen, sondern nach Sebha, viel östlicher. Sie mussten in einem einfachen Hotel übernachten und am nächsten Tag erst noch eine achtstündige Fahrt in einem engen Allradfahrzeug hinter sich bringen, ehe sie ihren Zielort erreichten.

Maridat war ein Steinmeer aus tausenden, einzeln aus dem goldenen Wüstensand emporragenden schwarzbraunen Felsen. Vor zwei Stunden hatten sie die Asphaltstraße nach Ghat verlassen, waren quer durch die Wüste gefahren, nach dem TPS, dem Tuareg Positioning System, wie ihr Führer lachend erklärt hatte. Am Anfang des - wie sollte man es nennen? - Ortes, der Kultstätte, der Felsenansammlung (ein Berg war es ja nicht) hatten sie Halt gemacht und Laetizia hatte sich einen Überblick verschaffen können, bevor der wilde Ritt über steile Dünen und durch enge Felspforten hindurch begonnen hatte: ein unendlicher Steinwald, soweit das Auge reichte, Schwarz auf Gold, ein Labyrinth aus verzauberten, zu Stein erstarrten Bäumen, Wächtern, Fabelwesen?

Während die Tuareg das Nachtlager aufbauten, suchte Laetizia einen Platz zwischen den Felsen, weit genug von den Zelten entfernt, wo sie ihr Geschäft verrichten konnte. Als sie zurückkehren wollte, glühte die untergehende Sonne die Umgebung dramatisch rot an, und bereits beim Betrachten des Panoramas, bei der Überlegung, dass die Endlosigkeit der Felsformationen im Sand sie an die gleichmütige, erhabene Unendlichkeit des Meeres erinnerte, da war ihr bereits klar, dass sie den Weg zurück nicht finden würde. Sie lief trotzdem los, stur, die beginnende Unruhe unterdrückend, der Sonne den Rücken zugekehrt – das war ihr Orientierungspunkt gewesen, wie kindisch, von der Sonne weg, mit der Sonne im Rücken, konnte man trotzdem in tausend verschiedene Richtungen laufen. Nach fünfzehn Minuten war es völlig dunkel und sie musste sich eingestehen, dass sie sich tatsächlich verlaufen hatte. Nun konnte sie es auch wagen, um Hilfe zu rufen, ohne sich lächerlich zu machen.

„Taher! Taher!“ Das war der Name des Führers, der ihr noch geraten hatte, sich nicht zu weit vom Lager zu entfernen, da in den Felsen Geistern hausen und kein Targi nachts kommen und sie suchen würde, sollte sie verloren gehen. Sie wusste nicht, ob das ein Scherz gewesen war.