Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Klassiker der Weltliteratur! eBooks, die nie in Vergessenheit geraten sollten. "Die Hallumer Höhen zeichnen sich am Horizont in so wunderbar schönen und schlichten Linien ab, als habe Gottes Finger diese Linien am Morgen aller Morgen selbst gezogen. Vor Kraft strotzend, wie der Rücken eines Riesentieres, dessen Füße tief in der Erde wurzeln, liegen sie da." Johan Skjoldborg war ein dänischer Dichter und Schriftsteller. Sara zählt zu seinem bekanntesten Werk.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Johan Skjoldborg
Sara
Instagram: mehrbuch_verlag
Facebook: mehrbuch_verlag
Public Domain
Die Geschichte einer Liebe
Die Hallumer Höhen zeichnen sich am Horizont in so wunderbar schönen und schlichten Linien ab, als habe Gottes Finger diese Linien am Morgen aller Morgen selbst gezogen. Vor Kraft strotzend, wie der Rücken eines Riesentieres, dessen Füße tief in der Erde wurzeln, liegen sie da.
Deshalb zieht diese Höhenlinie auch allemal den Blick auf sich, sei es, daß man den Weg benutzt, der dicht daran vorbei führt, oder daß man sie nur in der Ferne, sich leicht und zart von den Wolken abhebend, schimmern sieht.
Bei trübem Wetter stehen die Hügel schwermütig da, als grübelten sie über ihre eigenen Schatten. Der Weg hastet verstohlen an ihnen vorbei dem offenen, sonnigen, flachen Lande zu.
Bei milder Beleuchtung jedoch fesseln diese weiten heidebewachsenen Erdhügel durch ihren Liebreiz; namentlich bei sinkender Sonne liegt es wie ein ewiger Friede auf diesen unberührten Höhen.
Nur hie und da sieht man einen Fußsteig oder einen Hohlweg. Die wenigen Menschen, die hier wohnen, sind kleine Leute, die ein billiges Fleckchen Erde gefunden haben, wo sie untergekrochen sind. Und diese Leute gehen hin und her auf den Fußsteigen mit den schweren Schritten der Armen; still und schweigsam bewegen sie sich in der großen Einsamkeit.
Eines Tages, es ist der erste November, kommt ein junges Mädchen durch die Talsenkung gegangen, die das Langetal heißt; gerade jetzt kommt sie hinter einem vorspringenden Hügelknoten zum Vorschein.
Diese hier geht nicht stille; man könnte weit eher sagen, daß sie über den weichen, halbwelken Grasboden dahintanzt.
Sie mag ungefähr achtzehn Jahre zählen.
Es ist Sara, die Tochter des Weidenhäuslers: – es war nicht leicht gewesen, Namen für all die vielen Kinder zu finden.
Sie ist die Tochter eines arbeitsgewohnten, wetterharten Geschlechts. Hier auf den Sandhügeln ist sie groß geworden. Hier oben gehört sie hin. Sie ist eines der armen Mädel hier draußen von den Höhen, die von klein auf sich ihr Brot bei Fremden verdienen müssen.
Hübsch ist sie nicht mit ihrem rötlichen Haar und den vorspringenden Backenknochen. Doch ihre zarte Haut, ihre blendend weißen Zähne und ihre blitzenden blauen Augen leuchten einem förmlich entgegen. Über ihrer Person liegt ein Schimmer von Unschuld und Gesundheit, und ihre Augen und ihr Mund lassen ahnen, daß sie heimlich im Herzen etwas Teures, Helles trägt.
Sie schreitet über den Erdboden hin als würde sie von irgendetwas in ihrem Innern sanft gehoben. Ihre Hüften sind voll Leben, und eine kitzelnde Unruhe ist in ihren Schultern.
Jetzt geht sie erst nach Hause zu den Eltern und den Geschwistern, und dann soll sie ihre neue Stellung antreten im Wiesenhof unten am Fjord.
... Es war Anders, der Sohn, der sie gedungen hatte. Sie hatten auf ein paar Sommerfesten viel miteinander getanzt, – wie der zu führen verstand ...
Sie lächelt und kann gar nicht ordentlich und vernünftig auf ihren Beinen gehen; sie muß dann und wann 'mal einen kleinen Sprung machen.
Es ist auch niemand da, der sie sieht; sie kann sich daher gehaben wie sie will. Und dann macht sie noch einen kleinen Sprung.
Sie betrachtet ihre netten Knöpfschuhe; sie sind funkelnagelneu. Sie hebt den Rocksaum etwas, um zu sehen, wie sich ihre Füße darin ausnehmen.
Sara war noch nie in ihrem Leben so fein wie heute: braunes wollenes Kleid, schwarze anschließende Tuchjacke und Mütze, Kragen und Muff aus Pelzwerk. Diese Pelzgarnitur war es, die so viel gekostet hatte, daß der ganze Lohn draufgegangen war. Damit würden sie zu Hause nicht einverstanden sein.
Sara seufzt bei dem Gedanken daran. Gleich darauf jedoch spitzt sie den Mund und flötet ein paar Töne.
Jetzt hat sie ein fließendes Wasser erreicht.
Sie ist der Talsenkung gefolgt, die sich – gleich einem launenhaften Fjord – zwischen den Höhen aus- und einbuchtet. Jetzt ist sie an der Stelle angelangt, die sie so gut kennt und wo in alten Zeiten die Leute tief hineinsanken in den Morast. Es ist ein Fleckchen Erde mit schilfbewachsenen Sümpfen und mehreren dunklen Wasserlöchern. Alles steht hier und wächst von selber, ohne daß je eines Menschen Hand daran rührt. Schilf und Gras schießt im Wasser in die Höhe, verfault und wird zu Moorboden. Das von den Höhen herabrieselnde Wasser sickert durch diesen sumpfigen Boden und rinnt später weiter: ein kleiner, klarer Bach.
Hier muß sie hinüber! Sie bleibt stehen. Sie horcht auf das Wasser, welches plätschert und rieselt und rinnt, alles so deutlich hörbar in der tiefen, sie umgebenden Stille. Ein Weilchen hält sie inne; sie scheint aus etwas zu lauschen, das in ihrer eigenen Brust quillt und rieselt und rinnt.
Wie aus einem Traum erwachend, blickt sie auf, seufzt leicht – springt dann über die beiden, nassen Felssteine, durch die der Bach sich hindurchpreßt, und läuft, einmal im Zuge, gleich noch ein Stückchen weiter.
Ihre Hand gleitet an dem Pelzkragen nieder und streichelt den Muff. Sie führt den weichen Pelz schmeichelnd an die Backe und begräbt die Nase darin.
Plötzlich lacht sie laut auf. Um sich etwas Luft zu machen in ihrer Ausgelassenheit, ist sie nahe daran, laut zu rufen. Aber sie besinnt, sich; sie gibt es plötzlich auf, als fürchte sie, daß dort drinnen in den Bergen etwas wach werden könne.
Jetzt schrägt sie hinauf nach dem Schulsteig. Sie muß das Kleid schürzen, damit es nicht zu innig mit dem Heidekraut in Berührung kommt, das zu beiden Seiten des tief ausgetretenen Fußsteiges hängt.
Seitwärts liegen die gewaltigen Sandhaufen, von der Zeit her, als der Skarpholtmann tief unten aus den großen Gruben den Mergel holte. Hier kam Svend Post ums Leben, und hier hatte sich die Hock-Hanne ertränkt. Es waren ihrer wohl noch mehr. Das versteckte Grab, das die Höhen verbargen, hatte es den Leuten angetan.
Flüchtigen Fußes eilt sie daran vorbei.
Eine Schar Krähen zieht gen Osten dem Wäldchen zu, das im Schutze der Berge liegt; die schwarzen Vögel zeichnen sich scharf ab gegen das helle Himmelsgewölbe, dessen Kuppel gleichsam von den höchsten Spitzen ringsum getragen zu werden scheint. Sie beugt sich vornüber und strebt der Spitze zu. Oben angekommen, füllt sie die Brust mit Luft, die sie langsam wieder durch die roten Lippen ausstößt.
Frisch und blühend steht das achtzehnjährige Kind der Heidehügel hier oben und blickt hinaus in die weite Welt. Die fernen Toruper Berge gen Westen gleichen in ihrer Farbe und Zartheit den Wolken; die schweren Erdmassen scheinen zu schweben; sie sehen nicht mehr irdisch aus, sie wirken märchenhaft. Und im äußersten Osten streckt das Möruper Moor sich sehnsüchtig dem Meere entgegen.
Es gibt keine festen Grenzen. Es blaut unendlich nach allen Seiten hin.
Sie späht. In ihren weitgeöffneten Augen liegt es wie erwachende Sehnsucht, und sie steht da wie ein Vogel, der davonfliegen will.
Es liegt ein heidebewachsener kleiner Hügel in der Nähe. Sie steigt hinauf, um besser sehen zu können. Sie muß so hoch hinauf wie nur möglich.
Vor ihr die Ebene, die bis an den Fjord hinabreicht, ist fruchtbar und dicht mit Häusern bestanden. In den Rübenfeldern wird gearbeitet, und alle Windmühlen drehen sich in dem frischen Winde. Ein paar beladene norwegische Schaluppen kreuzen hinauf, und eine Galeasse mit hoch aus dem Wasser ragenden, leeren Schiffsrumpf eilt mit ausgebreiteten Segeln vorwärts, der Fjordmündung zu. Jenseits des blauen Fjordstreifens stehen die nackten, jähen Lehmabhänge merkwürdig träumend ganz draußen im Wasser.
Die Sonne scheint nicht, und doch ist es ein klarer Tag. Es liegt wie ein heller Lichtstreifen über dem Fjord, über dem Flachland, wo die Rübenfelder in den bunten Farben des Herbstes welken, über den weißgetünchten Häuserfronten.
Saras Blick heftet sich auf den Wiesenhof. Hoch und schlank erhebt sich ihre Gestalt dort oben auf dem Hügel, straff vor jugendlicher Erwartung, während sie lange, lange den Bauernhof betrachtet, dessen runde gewölbte Türöffnung ihrer wartet.
Ihr Kopf ist ein wenig seitwärts gebeugt, als horche sie auf einen Ton aus weiter Ferne. Und ihre großen, klaren Augen drücken die Lebensverwunderung des jungen Gemütes aus.
Der Wind preßt das Kleid gegen ihren Körper und gegen die Knie und wickelt es in Falten um ihre Beine. Mit hoher Brust und weitgeöffneten Nüstern trinkt sie die frische Luft in sich hinein, die sausend über die Höhen fährt.
Sie beginnt den Hügel hinabzusteigen, doch wird alsbald ein Laufen daraus, und schneller und schneller geht es die Böschung hinab, daß die Röcke nur so fliegen. Schließlich vermag sie gar nicht mehr innezuhalten. Es sieht fast gefährlich aus. Sie muß stolpern. Sie weiß es, denn ihr wird angst, und trotzdem lächelt sie wie in einem süßen Schauder.
Endlich stürzt sie kopfüber hin und rollt ins Heidekraut. Dort bleibt sie einen Augenblick ganz still liegen. Dann aber ertönt ein helles, übermütiges Lachen, wie ein glucksender Strom unten zwischen den Heidekrautbüscheln.
Nur noch wenige Schritte, und gerade vor ihr liegt das Weidenhäuschen auf halber Höhe eines Berges. Bei diesem Anblick wird ihr Blick so ruhig, so voll Frieden und herzlicher Freude. Es ist das Vaterhaus.
Rings um das Häuschen herum wächst kurzes, immergrünes Gras von der Art, wie man es auf Wällen sieht. Hier will das Heidekraut nicht gedeihen. Das Grüne endet nach unten zu in einer Spitze. Dort liegt der Brunnen, der Quell, das heißt ein offenes Wasserloch, draus die Bewohner des Weidenhäuschen ihr Wasser holen, indem sie einfach einen Eimer hineintauchen. Es war einmal dort ein Garten, doch ist er aufgegeben. Die Menschen sind wohl der Mühe überdrüssig geworden. Man sieht dort nur noch ein paar moosbewachsene Stachelbeerbüsche und eine einzelne Weide, die so alt ist, daß niemand sehen kann, ob sie noch lebt oder ob sie eingegangen ist. Sie krümmt sich gen Osten und die Zweige ebenfalls, wie ein verkrüppeltes altes Weib, dessen Haare wild flattern, das aber noch bis zuletzt den Rücken steif hält.
Das Haus selber sieht zusammengedrückt aus infolge des schweren hohen Strohdaches und der niederen Lehmwände. Unterm Dachfirst kommen ein paar kleine Fenster zum Vorschein; recht kümmerlich und fast wie traurig sehen sie aus.
Es ist nur ein ärmliches Kätnerhäuschen, vom Sturm zerzaust und gebrechlich, und es liegt so geduldig und läßt Wind und Wetter über sich ergehen.
Das Weidenhäuschen ist der Mittelpunkt, von dem aus Fußsteige nach allen Richtungen hin laufen. Die Menschen hier haben sich von jeher ihren Unterhalt von weit her holen müssen. Jakob, der Weidenhäusler, geht getreulich in aller Frühe jeden Morgen und kehrt jeden Abend spät zurück auf diesen Steigen, die er mit seinen eisenbeschlagenen Holzschuhen tiefer und tiefer höhlt. Das tut er nun schon vierzig Jahre lang.
Auf diesen Wegen haben die Eltern ihre Kinder hinausgesandt in die Welt, immer eins nach dem andern, im ganzen zehn an der Zahl. Das erstemal begleitete die Mutter sie so weit, daß sie, zurückblickend, das Vaterhaus nicht mehr sehen konnten. Denn die Mutter weiß aus eigener Erfahrung, welche Macht eine solche Hütte wie das Weidenhäuschen ausübt, wenn ein Kind sie verlassen soll. Waren sie dann die letzte Böschung hinabgeschritten, dann hat sie ihr Kind geküßt und es mit tausend Ermahnungen fortgeschickt. Sie hat genickt und gelächelt, als sei sie vergnügt, während ihr doch die Tränen die Brust zuzuschnüren drohten. Und der kleine Knirps oder das Mädchen haben einen wehmütigen Abschied genommen und sind mit ihrem Bündel auf dem Nacken davongetrabt. Endlich ist noch mehrmals gewinkt worden.
Mit der Erinnerung an eine Mutter, die hoch oben steht und mit der Hand zum Abschied winkt, und dem Bild des Vaterhauses da drinnen in den Bergen zieht das Kind fort.
Und jeden Tag in der Fremde denkt es an das Haus mit dem Weidenbaum und dem grünen Fleck. Jeden Tag nehmen die Gedanken daran an Innigkeit zu, bis sich schließlich über der heimatlichen Hütte ein Glorienschein wölbt, um den alle Schlösser der Welt sie beneiden könnten.
So wird das Weidenhäuschen geliebt von zehn Kindern. Sie tragen es in ihrem Herzen. Und wenn sie, selbst erwachsen, heimkehren, dann eilen sie den Berg hinan, als ginge es zum Stelldichein, nur, um so bald wie möglich die Schornsteinspitze vor Augen zu haben.
An jedem ersten Novembertag sitzen Jakob und Dorte im Weidenhäuschen und warten auf das Kommen der Kinder, die auf all den verschiedenen Fußsteigen eintreffen. Für diese Familie ist dieser Tag der jährliche Festtag geworden. Lange vorher schon gelten ihm alle Gedanken und alle Worte. Jakob und Dorte sprechen von nichts anderem in der ganzen Welt als von den Kindern: ob sie sich gut führen und wie sich ihr Leben überhaupt gestaltet.
Jakob, der Weidenhäusler, versäumt niemals seine Arbeit.
Selbst wenn ihm so elend zu Mute ist, daß er morgens auf dem Fußsteig wie ein krankes Pferd zwischen den Strängen hin und her schwankt, auf seinen Posten verfügt er sich trotzdem. Am 1. November jedoch bleibt er zu Hause. Er schützt Krankheit vor, oder er findet seinem Arbeitgeber gegenüber irgend einen anderen Vorwand; denn er sieht wohl ein, daß er unmöglich den wahren Grund angeben kann. Seinen Tagelohn verlieren, um zu Hause mit seinen Kindern zusammen zu sein, das ist eine Weichherzigkeit, die ein Mann in Jakobs Stellung nicht verantworten kann. Er versucht es auch gar nicht. Er weiß gut, daß es nicht stattfinden darf, er kann nur einfach nicht widerstehen.
Wenn Jakob eines Abends kurz vor dem 1. November seine Arbeit verläßt, geht er zum Höker und macht dort größere Einkäufe an Kaffee, Zucker, Zwieback und Kringeln. Und dann kauft er auch einen Viertel Liter alten Rum. Das Ungewohnte dieses seltenen Getränks erhöht die Festlichkeit des Tages; sein Duft und die schöne dunkelbraune Farbe beleben den Mut. Aber er begreift gut, daß er hier die Wege der Üppigkeit und des Luxus wandelt; daher steckt er auch heimlich die Flasche in die Tasche, damit niemand sie zu sehen bekommt. Er tut ganz verschämt – aber es ist nun einmal Sitte geworden, daß er am 1. November zu seinem Kaffee ein Gläschen alten Rum genießt. Und vor allen Dingen will er nicht, daß von dem Glanz dieses Tages auch nur ein Titelchen verloren geht.
An diesem ersten Novembertag funkelt Dortes Ofen stärker als an irgend einem anderen Tage des Jahres. Die beiden baumwollenen Vorhänge vor dem Alkovenbett hängen – frischgewaschen – in frischen, steifen Falten.
Tag für Tag, wenn die Zeit heranrückt, ordnet und putzt sie an allem herum, damit alles in bester Ordnung ist. Schon lange vorher sind sich die beiden Alten gegenseitig behilflich, die alte Hütte auszubessern, zu verkleben und zu tünchen und das Dach zu flicken, wo immer es not tut. So sorgfältig wie möglich richten sie alles her und verschönern alles, damit den Kindern auch in Zukunft noch das alte Weidenhäuschen gefällt.
Jakob und Dorte sind am 1. November in aller Frühe auf den Beinen. Es gibt nichts zu tun, aber sie können nicht schlafen. Jakob hat sich rasiert und sich das erste Gläschen Rum genehmigt, er geht jetzt hinaus, um noch einmal nachzusehen, ob auch alles so ist, wie es sein soll; er geht wieder hinein, und er und Dorte unterhalten sich darüber, welch ein Glück es ist, daß das Wetter sich heute so gut anläßt. Fast den ganzen Vormittag sind sie allein. Sie blicken zum Fenster hinaus und auf die alte Uhr.
»Nun dauert's nicht mehr lange, dann kommen sie«, sagt Jakob einmal ums andere.
Sie gehen wohl auch hinaus bis an den Hausgiebel und spähen sehnsüchtig die Fußsteige hinunter.
Der erste, der da kommt, ist Peter. Seine Hosen stecken in ein paar langen, funkelnagelneuen Schaftstiefeln; die Narben des Leders sind noch deutlich sichtbar. Peter ist schon rundrückig. Er stolpert über den Fußboden wie ein alter Mann und setzt sich, als sei er sehr müde.
Und doch ist er nur neunzehn Jahre alt. Aber er hat von jeher zu schwer gearbeitet; seit zwei Jahren verrichtet er schon ganze Knechtsarbeit. Peter will nämlich Geld haben, viel Geld.
»Naa,« sagt der Vater und steckt sich, belebt durch des Sohnes Ankunft, ein frisches Stück Kautabak in den Mund. »Naa, Peter, du hast dir wohl ein paar Stulpstiefel zugelegt?« Jakob beäugt scharf die neuen Stiefel und befühlt das Leder.
»P–ti«, Jakob Weidenhäusler spuckt einen Strahl in weitem Bogen aus, »die sind warm und gut!«
Peter zieht die Strippen hoch, und seine Augen folgen der feinen, roten Saffiankante, die der Schuster als Abschluß oben angebracht hat. »Aber sie waren auch teuer,« seufzt er.
»Ach das kannst du dir schon erlauben, mein Bester. Bei dem Lohn, den ihr heutzutage kriegt – P–ti!«
Peter murmelt: »Na, na.«
»Du bleibst wohl auf deinem Platz, Peter?«
»Ja.«
»Das ist recht; das hab' ich gern!«
»Ach – was, Dreck!«
Peter blickt unentwegt vor sich nieder und ist so merkwürdig schweigsam und verdrossen.
Die Mutter bemerkt es. »Dir ist doch nichts?« fragt sie.
»Ach nein, nichts weiter.«
»Du bist doch nicht etwa krank?« Es zittert wie Angst in ihrer Stimme.
