Sara und Sofie - Doris Reckewell - E-Book

Sara und Sofie E-Book

Doris Reckewell

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Beschreibung

In diesem Buch wird die Geschichte von Sofie und deren Mutter Sara erzählt, beide Jüdinnen, die auf ungewöhnliche Weise den Holocaust überlebt haben. Welche Schicksalsfügungen mussten dafür ineinander greifen? Wie haben die beiden Frauen es geschafft, mit den vielen Krisen und Schicksalsschlägen fertig zu werden? Was hat sie angetrieben, befähigt, welche Eigenschaften waren bei ihnen besonders ausgeprägt? Sara, ausgebildete Krankenschwester, verliert ihren Mann in den dreißiger Jahren durch eine Schlägerei mit der SA. Sie wird 1942 nach Theresienstadt deportiert. Trotz ihres hohen Alters wird sie Leiterin der Typhusabteilung. Anfang 1945 meldet sie sich für einen Transport an, der nicht wie alle anderen davor in Auschwitz endet und wird so gerettet. Sofie heiratet und tritt zum evangelischen Glauben ihres Mannes Otto über. Aber nur durch einen mit langer Hand von Otto geplanten Coup entgeht sie der Deportation und verbringt den Krieg sehr zurück gezogen in der Wohnung, während Otto immer wieder unterwegs ist und um diese Reisen ein Geheimnis macht, das Sofie erst nach seinem Tod lüften kann. Im späten Alter erfährt ihr Leben noch einmal eine geradezu zauberhafte Wendung, die sie bis nach Las Vegas bringt.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2022

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In diesem Buch wird die Geschichte von Sofie und deren Mutter Sara erzählt, beide Jüdinnen, die auf ungewöhnliche Weise den Holocaust überlebt haben. Welche Schicksalsfügungen mussten dafür ineinander greifen? Wie haben die beiden Frauen es geschafft, mit den vielen Krisen und Schicksalsschlägen fertig zu werden? Was hat sie angetrieben, befähigt, welche Eigenschaften waren bei ihnen besonders ausgeprägt?

Sara, ausgebildete Krankenschwester, verliert ihren Mann in den dreißiger Jahren durch eine Schlägerei mit der SA. Sie wird 1942 nach Theresienstadt deportiert. Trotz ihres hohen Alters wird sie Leiterin der Typhusabteilung. Anfang 1945 meldet sie sich für einen Transport an, der nicht wie alle anderen davor in Auschwitz endet und wird so gerettet.

Sofie heiratet und tritt zum evangelischen Glauben ihres Mannes Otto über. Aber nur durch einen mit langer Hand von Otto geplanten Coup entgeht sie der Deportation und verbringt den Krieg sehr zurück gezogen in der Wohnung, während Otto immer wieder unterwegs ist und um diese Reisen ein Geheimnis macht, das Sofie erst nach seinem Tod lüften kann. Im späten Alter erfährt ihr Leben noch einmal eine geradezu zauberhafte Wendung, die sie bis nach Las Vegas bringt.

Doris Reckewell wurde nach einem Volkswirtschaftsstudium Journalistin und fing in den 1980iger Jahren an, als freie Autorin zu arbeiten. Nach Theaterstücken, Opernlibretti, Gedichtbänden und einem erzählenden Sachbuch über die Demenz ihrer Mutter legt sie mit „Sara und Sofie“ ihren ersten Roman vor.

„Nicht alles ist frei erfunden, aber alles frei gestaltet.“ Uwe Timm

INHALT

KAPITEL:

Sara, 1933

KAPITEL:

Sofie, 1933

KAPITEL:

Sofie, 1933

KAPITEL:

Sara, 1933

KAPITEL:

Sofie, 1933 bis 1934

KAPITEL:

Sara, 1934 bis 1941

KAPITEL:

Sofie, 1936 bis 1944

KAPITEL:

Sara, 1942

KAPITEL:

Sara, 1942

KAPITEL:

Sara, 1942 bis 1945

KAPITEL:

Sofie, 1944 bis 1945

KAPITEL:

Sara, 1944 bis 1945

KAPITEL:

Sofie, 1945

KAPITEL:

Sara, 1945

KAPITEL:

Sofie, 1944 bis 1945

KAPITEL:

Sara, 1945 bis 1946

KAPITEL:

Sara und Sofie, 1946

KAPITEL:

Sofie, 1952

KAPITEL:

Sara, 1956

EPILOG:

Sofie, 1956 bis 1985

1. KAPITEL

Sara, 1933

Sara band sich gerade die Schürze um, als es klingelte. Das konnte nur Frau Schulte sein, die sich ein Ei „borgen“ wollte. Oder ein Stück Butter? Alle drei bis vier Tage klingelte sie, um sich etwas zu borgen, das sie nie ersetzte.

Aber es war nicht Frau Schulte, die da vor der Tür stand, es war Jockele vom Waisenhaus. Kaum hatte Sara die Tür aufgemacht, rief er mit hochrotem Kopf: „Sie sollen kommen, die Judith möchte Sie sehen. Unbedingt.“ Dann drehte er sich um und rannte weg.

„Aber nun warte doch, wir können doch zusammen gehen“, rief Sara ihm nach. Aber da war Jockele schon die Treppe hinunter gesaust.

Sara band sich die Schürze ab und zog eine Strickjacke über ihre Rotkreuzschwesternuniform. Gut, dass sie sie noch nicht ausgezogen hatte, ohne sie ging sie nicht mehr auf die Straße seit die Braunen dort herrschten. Sie spürte, dass ihr die Tracht Respekt verlieh und fühlte sich durch sie beschützt.

Eigentlich hätte sie den wöchentlichen Tscholent vorbereiten müssen. Rudolf liebte ihn besonders mit Markknochen, Kalbsfuß und Kartoffeln und über Nacht bei kleiner Hitze gegart. Da der Eintopf noch vor Sabbatbeginn aufs Feuer gesetzt werden musste, geriet sie nun unter Zeitdruck. Auch die bestellten Sabbatbrote warteten noch beim Bäcker auf sie, aber wenn Judith sie sehen wollte, musste sie gehen.

Auf der Treppe kam ihr Frau Schulte entgegen, heute zur Abwechslung mal wieder als Dalmatiner. Wie gern würde Sara Judith die drei Kittelschürzen zeigen, in denen Frau Schulte Tag für Tag herum lief. Die heutige war weiß mit großen schwarzen Punkten. Dann hatte sie noch eine mit einem Weihnachtsbaummuster und eine mit beigegelben Streifen, die aussahen wie eine Tapete in einem Frühstücksraum eines herunter gekommenen Hotels. Alle drei hatte sie aus billigen Stoffresten selbst genäht, und alle drei bildeten einen bizarren Kontrapunkt zu ihrer „Nazissenfrisur“, wie Rudolf sie nannte, einem dicken geflochtenen Haarkranz um den Kopf.

„Ach, Frau Weisz, haben Sie wohl noch etwas Butter übrig? Ich hab den ganzen Morgen kleine Hakenkreuze in die Windeln gestickt“, liebevoll strich sie mit den Händen über ihren dicken Bauch, „da habe ich das Einkaufen ganz vergessen.“

„Sie sticken Hakenkreuze in die Windeln?“ Sara war so verblüfft, dass sie stehen blieb.

„Ja, ist das nicht eine famose Idee?“, antwortete Frau Schulte, „unser Kind wird ein Kind der nationalsozialistischen Revolution. Das sagt Walter immer“, fügte sie hinzu.

„Glauben Sie denn, dass Hitler das recht ist, wenn jeden Tag aufs Hakenkreuz geschissen wird?“ rief Sara, während sie weiter die Stufen hinunter lief und so nicht sah, wie Frau Schulte erstarrte und die Hände vor ihren Mund presste, aus dem gerade noch „Mein Gott, was habe ich da getan!“ entwichen war.

Zum Waisenhaus waren es nur fünf Minuten, länger brauchte auch Sara nicht, obwohl sie mit ihren 66 Jahren nicht mehr so gut zu Fuß war und überdies die Schuhe, die sie zur Uniform trug, inzwischen zu klein geworden waren. Vor ein paar Wochen noch hatte die Haut am Überbein ihres linken Fußes immer mal wieder geblutet, aber inzwischen war dort wohl so eine Art Elefantenhaut gewachsen, jedenfalls spürte sie zwar den leisen Schmerz, aber es blutete nicht mehr. Schnell ging sie den langen dunklen Gang entlang zu Judiths Zimmer, das ganz am Ende lag. Niemand war zu sehen, alle saßen wohl schon im Speisesaal. Judith konnte nicht mehr dabei sein, sie lag im Sterben.

Sara klopfte und trat dann ein. Judith saß von vielen Kissen abgestützt in ihrem Bett und sah Sara mit großen glühenden Augen an, in denen sich jetzt ein Lächeln ausbreitete.

„Oh, Tante Sara, wie schön, dass du kommen konntest. Ich musste dem Jockele die Vogelfeder schenken, damit er zu dir lief. Er hat schreckliche Angst vor dir.“

„Vor mir? Angst?“ Jetzt war Sara ehrlich erstaunt. „Vor mir muss man doch keine Angst haben.“

Judith kicherte. „Alle haben Angst vor dir, sogar die Erwachsenen. Nur ich nicht.“

„Na, da bin ich aber beruhigt, dass wenigstens du keine Angst vor mir hast.“ Sara unterdrückte ihr erstauntes Kopfschütteln und setzte sich auf die Bettkante. „Was liegt dir denn auf dem Herzen, mein Kind?“

„Ich weiß jetzt, wie der Zaubertrick geht, von dem du mir erzählt hast, und das wollte ich dir unbedingt noch sagen, bevor – “, sie stockte.

„Bevor du zu Gott kommst, “ antwortete Sara. „wir anderen müssen alle noch warten, bis uns dieses Glück ereilt, aber du wirst es bald erleben.“ Sie strich ihr zärtlich übers Gesicht.

„Aber nun erzähle.“

„Also. – Kannst du mich ein wenig hochschieben, damit ich besser sprechen kann?“ Vorsichtig umfasste Sara Judiths dünnen Leib und zog sie nach oben. Sie schüttelte die Kissen auf und sah dann Judith erwartungsvoll an.

„Du hast doch gesagt, dass ihr um einen Tisch herum gesessen seid, und der Mann, der euch die Kartenzaubertricks gezeigt hat, saß mit am Tisch.“

„Richtig, so war es. Er saß mir gegenüber. Von da aus konnte er unmöglich die Karte unter meinen Popo geschoben haben. Aber sie lag da, als ich aufstand, und mit Sicherheit war sie noch nicht da, als ich mich hingesetzt habe.“

„Ja, aber wie hast du dich denn hingesetzt?“, fragte Judith, und der Triumph, die Lösung zu wissen, war unüberhörbar.

„Wie ich mich hingesetzt habe? Das verstehe ich nicht. Ganz normal natürlich.“

„Ja, aber es war doch eine Einladung von dem Mann mit den Zaubertricks, nicht wahr? Das hast du erzählt.“

„Ja, stimmt. Aber die Karte lag noch nicht auf dem Stuhl, als ich mich hinsetzte, das weiß ich genau.“

„Er hat dich doch bestimmt zu deinem Stuhl geleitet.“

„Ja, er zog den Stuhl unter dem Tisch hervor, damit ich mich setzen konnte und blieb hinter dem Stuhl – jetzt weiß ich, was du meinst.“

„Siehst du! Er hat die Karte blitzschnell unter deinen –“ Judith kicherte.

„Popo, kannst du ruhig sagen. Den hat ja nunmal jeder. Er hat sie mir untergeschoben, als er hinter mir stand.“

„Blitzschnell muss das gegangen sein, das muss er lange geübt haben.“ Judiths tiefrote Wangen zeigten Sara an, dass sie das Kind beruhigen musste. Etwas Fieber hatte sie immer, aber es sollte nicht hochschnellen.

„Judith, du bist so klug, das ist ja fast nicht zum Aushalten. Dafür hast du eine Belohnung verdient. Ich komme heute Nachmittag nochmal vorbei und bringe dir ein Stück Kuchen. Wenn Tante Ruth kommt, und du schläfst noch nicht, wird sie böse. Du kennst sie ja.“

„Ach, Tante Ruth tut ja immer nur so als ob sie böse ist. Ihre Augen lachen dabei, wie Sterne funkeln sie dann.“

„Du hast sie durchschaut. Aber verrat ihr das nicht“. Gern hätte Sara Judith jetzt fest an sich gedrückt, aber ihr zerbrechlicher Körper vertrug nur eine vorsichtige Umarmung.

Zu Hause angekommen sah sie, dass Rudolf es an diesem Freitag endlich einmal wieder geschafft hatte, schon mittags heim zu kommen. Sie liebte die Freitagnachmittage, an denen sie den Sabbat gemeinsam vorbereiten konnten, und das abendliche Mahl nur mit ihm einzunehmen, war für sie immer das Schönste. Aber das würde sie nie laut sagen, denn es gehörte ja dazu, Gäste einzuladen, Einsame zum Beispiel, die niemanden hatten, mit dem sie den Beginn des Sabbats würdigen konnten. Davon gab es immer genug. Und vielleicht würde Rudolf ihr gleich sagen, dass noch jemand dazu kommen würde.

Er saß im Wohnzimmer und las die Zeitung. Das hörte sie durch die geschlossene Tür, denn er knurrte so missbilligend und immer lauter vor sich hin, dass seine Abneigung gegen die Lektüre nicht zu überhören war.

Lächelnd öffnete sie die Tür. „Ich war noch im Waisenhaus. Judith wollte mich sprechen. Die Sabbatbrote habe ich schon abgeholt und jetzt setze ich den Tscholent auf. Ach ja, einen Kuchen muss ich auch noch schnell backen, das habe ich Judith versprochen. Möchtest du einen Tee?“

„Schnaps wäre mir lieber“, brummte Rudolf und haute mit dem rechten Handrücken gegen die Zeitung. „Du glaubst es nicht! Da haben…“

„Später. Ich muss mich sputen.“ Sie schloss die Tür hinter sich und setzte sich aufseufzend auf den Stuhl neben der Garderobe. Endlich konnte sie die Schuhe ausziehen und in ihre Hausschuhe schlüpfen.

Als sie sich die Schürze umbinden wollte, klingelte es an der Tür. Ach ja, die Butter, Frau Schulte hatte sie zurück kommen hören.

„Rudolf, mach doch bitte mal auf. Das ist Frau Schulte, sie will sich Butter borgen. Ich hol sie gleich aus der Speisekammer.“

Als sie die Tür zur Speisekammer öffnete, hörte sie ein lautes Poltern. War Frau Schulte auf dem Läufer an der Tür ausgerutscht? Schnell lief sie durch die Küche und prallte in der Tür mit einem Mann in SA-Uniform zusammen.

„Sind Sie Sara Weisz?“

„Ja, aber was ist denn passiert? Wo ist mein Mann?“

„Sie sind verhaftet. Kommen Sie mit.“ Der Mann trat zur Seite, um Sara durch zu lassen.

„Was wird meiner Frau vorgeworfen? Sie können sie doch nicht einfach so verhaften!“ Rudolfs Stimme überschlug sich fast, und Sara sah, dass er von einem zweiten Mann fest gehalten wurde, sich aber heftig dagegen wehrte.

„Lassen Sie mich los! Was erlauben Sie sich!“ Rudolf hatte sich frei gekämpft und stellte sich nun vor den anderen SA-Mann.

„Ich erlaube es nicht, dass Sie meine Frau mitnehmen. Nicht, bevor ich weiß, um was es geht.“

„Gehen Sie zur Seite.“ Der SA-Mann stieß Rudolf von sich, und Rudolf verlor das Gleichgewicht und fiel hin.

„Rudolf, bitte! Es wird sich alles aufklären.“ Sie sah den SA-Mann an. „Mein Mann hat einen hohen Blutdruck, er echauffiert sich sehr schnell.“

Rudolf hatte sich wieder hoch gerappelt. „ So können Sie nicht mit uns umgehen. Das lassen wir uns nicht bieten!“

Der andere SA-Mann lachte. „Das lassen wir uns nicht bieten“, äffte er Rudolf nach, fasste ihn bei den Schultern und schlug seinen Kopf so heftig gegen die Wand, dass Rudolf benommen an der Wand entlang zu Boden rutschte.

„Bitte lassen Sie ihn! Ich komme ja mit. Einen Augenblick bitte. Es wird sich alles klären. Ich muss mir nur noch Schuhe anziehen.“

„Du darfst nicht mitgehen, Sara“, keuchte Rudolf und wollte wieder auf die Beine kommen. Aber der SA-Mann, der jetzt über ihm stand, versetzte ihm einen Tritt in die Seite.

„Schnauze! Wir nehmen deine Kebse jetzt mit. Und du kannst froh sein, dass wir dich nicht auch noch einkassieren.“

„Rudolf! Bitte, ich bitte dich, bleib ruhig!“ Sara beugte sich über ihren stöhnenden Mann und nahm seinen Kopf in beide Hände. Wie immer, wenn er sich aufregte, bekam er innerhalb weniger Minuten direkt unter der Nase einen Hautausschlag. Er nannte ihn ein Geschenk Hitlers, weil er sich vor einigen Jahren, nachdem er begeistert den „Tramp“ von Charlie Chaplin im Kino gesehen hatte, einen kleinen Bart zwischen Lippen und Nase zugelegt hatte, der ihm tatsächlich gut stand. Aber einen Tag nach Hitlers Machtergreifung rasierte er ihn ab, und seitdem musste er mit diesem Ausschlag leben, dessen kleine Eiterpusteln sich als resistent erwiesen gegen jede Art von Behandlung.

Sara gab ihrem Mann die Hand, um ihn hoch zu ziehen. Da packte der Nachäffer sie bei den Haaren und zog sie zurück, sodass sie das Gleichgewicht verlor und auf den Boden plumpste.

„Der bleibt da mal schön sitzen, bis wir weg sind.“

„Nun mal Beeilung! Wir müssen weiter“, sagte der weniger aggressive von den beiden und gab dem anderen ein Zeichen, Sara beim Aufstehen zu helfen. Instinktiv schlug Sara die helfende Hand beiseite und bereute es sofort, denn der SA-Mann grinste sie an und trat Rudolf nochmals in die Seite. Dann hielt er ihr die Hand hin. Sara ergriff sie und ließ sich hochziehen.

„Na also, geht doch“, sagte er lachend.

Keckernd wie eine Ziege würde Judith jetzt sagen, dachte Sara und versuchte hastig, sich die Haare wieder zu einem Dutt zu drehen und gleichzeitig die Hausschuhe von den Füßen zu streifen.

„Nee, dafür ist nun wirklich keine Zeit mehr.“ Der Ziegenbock zeigte zur Wohnungstür. „Ab jetzt, und zwar plötzlich.“

Sara schossen die Tränen in die Augen. So sollte sie vor die Tür gehen, mit derangierten Haaren und Hausschuhen an den Füßen? Aber nein, diesen Triumph würde sie ihnen nicht gönnen. Keine Tränen. Sie atmete durch und konnte gerade noch Rudolf einen beschwörenden Blick zuwerfen, bevor sie, von einem heftigen Stoß in den Rücken getroffen, durch die Wohnungstür stolperte. Auf der Treppe war sie so damit beschäftigt, ihre Hausschuhe an den Füßen zu behalten, dass sie den kleinen Spalt der geöffneten Wohnungstür von Frau Schulte nicht sah und so auch nicht mitbekam, dass eine Person aber doch triumphierte.

2. KAPITEL

Sofie, 1933

Obwohl es schon fast neun Uhr war, saßen Sofie und Otto immer noch am Frühstückstisch. Sofie war noch im Morgenmantel, ihre langen schwarzen Haare hingen ihr, zu einem lockeren Zopf geflochten, über den Rücken. Otto hingegen war schon vollständig angekleidet, elegant wie immer, der dreiteilige Anzug war ihm auf den Leib geschnitten, seine Schuhe glänzten. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt – und sie ja eigentlich auch nicht, obwohl ihr die langen Vormittage mit ihm sehr gefielen –, dass er nicht mehr ins Geschäft gehen durfte. Man hatte ihn aufgefordert, sich von „der Jüdin Sofie Weisz“ scheiden zu lassen, und als er sich weigerte, wurde ihm die ‚weitere Geschäftstätigkeit in leitender Funktion‘ untersagt. Er wollte protestieren, aber sein Bruder Georg, mit dem er gemeinsam ein Baugeschäft betrieb, hatte ihn überzeugt, dass das keine gute Idee sei.

So hatte man statt seiner einen „Prokuristen“ eingestellt, NSDAP-Mitglied seit 1929 – wie hieß er noch gleich? Ach ja – sinnigerweise Schleicher –, der nun von Büro zu Büro schlich, keine Ahnung vom Bauen hatte, aber alles weiter gab, was er für wichtig hielt. Und an manchen Wochenenden, das war wirklich eine Riesensauerei, ließ er seine Frau von Paul Meineke, dem Fahrer der Firma, mit Georgs Auto zur Schwiegermutter in der Lüneburger Heide zum Kaffeetrinken chauffieren.

Sofie musste innerlich grinsen, Paul hatte erzählt, dass Frau Schleicher, die immer dasselbe Kapotthütchen mit einer auf und ab wippenden Feder trug, sich regelmäßig in diverse Spitzentaschentücher erbrach, die sie dann aus dem Fenster warf. Paul schien sie sehr verängstigt zu sein. Wahrscheinlich schlägt der Schleicher seine Frau, alles Schläger, diese Nazis, hatte er so laut gerufen, dass Georg ihn erschreckt in die Garage gezogen hatte.

Der 350iger Mannheim war eine Limousine, die sein konservativer Bruder gebraucht gekauft hatte. Er hatte zusammen mit Otto das Fahren gelernt, aber schon bei der ersten Ausfahrt mit seiner Frau war Georg im Graben gelandet, und seitdem fuhr den Wagen neben Paul nur noch Otto, der ein begeisterter, rasanter und sehr guter Autofahrer war. Normalerweise hatte er den linken Arm im Fenster liegen, eine Zigarre im Mund und steuerte den Wagen mit der rechten in hoher Geschwindigkeit durch die Stadt. Alle Fußgänger spritzten zur Seite, und die Autofahrer, die ihm nicht die Vorfahrt ließen, belegte er genüsslich mit lauten Flüchen. Völlig angstfrei saß Sofie neben ihm und wartete darauf, dass mal jemand zurück schimpfte, aber das geschah nie. Otto war eine Respektsperson in der Stadt, die Frauen sahen ihm nach, die Männer zogen den Hut vor ihm. Und Sofie liebte ihn.

Einmal hatte er sie auf den Flugplatz, der ganz neu neben der Stadt angelegt worden war, gefahren, war ausgestiegen und gesagt: „Jetzt fährst du.“ Er hatte ihr die Handgriffe gezeigt und ihr dann das Auto überlassen und war zu den Arbeitern geschlendert, die am Rand des Rollfeldes noch letzte Hand anlegten.

Sofie war mit zunehmender Begeisterung und Geschwindigkeit über die große Fläche gekurvt, und es hatte eine Weile gedauert, bis sie sah, dass Otto und die Männer wild gestikulierend auf sie zu liefen. Sie hatte den Wagen angehalten, und da erst hörte sie das Aufjaulen eines Flugzeugmotors direkt über ihr. Jemand hatte schon zweimal vergeblich versucht zu landen und kreiste nun, wahrscheinlich sehr erbost, über dem Flugfeld. Otto war schnell eingestiegen, und lachend brachten sie den Wagen zurück ins Geschäft. Erst zu Haus kam es Sofie in den Sinn, dass die Episode ein böses Nachspiel haben könnte. Aber wie immer passierte nichts. Wenn es überhaupt nötig war, hatte Otto an ein paar Fäden gezogen, und die Sache verlief im Sand.

Lächelnd hörte Sofie Ottos Stimme zu ohne zu erfassen, was er ihr da aus der Zeitung vorlas. Aber dann hörte sie „… die in Deutschland ansässigen Juden in Schutzhaft zu nehmen und in Konzentrationslagern nützlicher Arbeit zuzuführen“, und landete unsanft in der Realität.

Otto faltete die Zeitung zusammen und haute mit ihr einmal heftig auf den Tisch. „Du solltest besser nicht mehr allein auf die Straße gehen. Die bekommen das fertig und sammeln euch ein und bringen euch sonst wohin.“

„Das werden sie nicht wagen!“ brach es aus Sofie heraus, aber schon während sie es sagte, wusste sie, dass das nicht stimmte. Sie würden es sehr wohl wagen.

Otto stand auf und trank den letzten Schluck Kaffee im Stehen.

„Ich muss los, ich muss nach Griefenheim.“

Georg, das hatte Otto Sofie erzählt, war auf die Idee gekommen, dass Otto, statt die hiesigen Baustellen zu betreuen, herumfahren könnte, um mit den auswärtigen Firmen, mit denen sie zusammen arbeiteten, die Vorplanungen zu besprechen. Dort wusste, bisher zumindest, noch niemand von seinem Arbeitsverbot.

Als Otto nach den Autoschlüsseln griff, klingelte das Telefon.

„Das wird Georg sein, ich gehe ran“, sagte er und ging in den Flur.

Sofie blieb sitzen. 11 Jahre waren sie nun schon verheiratet, und jeden Tag hatte sie sich mehr von seiner Lebenszugewandtheit mitreißen lassen. Durch Otto war ihr erst bewusst geworden, wie sehr die strenge Religiosität besonders ihrer Mutter ihre Jugend geprägt hatte. Sie war nicht gläubig und hatte daher nie, wie ihre Mutter es ausdrückte, „den Freiraum für sich entdeckt, den der Glauben schenken kann“. Stattdessen hatte sie die Regeln gelernt und eingehalten, ohne sie mit Inhalt füllen zu können. Ihre Eltern, davon war sie überzeugt, zogen ihre Lebenskraft vor allem aus ihrem Glauben, sie hingegen hatte Lebensfreude erst erfahren, als sie Otto traf.

Es hatte eine Weile gedauert, bis sie gelernt hatte, so unbeschwert und doch herzenstief zu lachen wie Otto es konnte. Die Erkenntnis, für dieses Lachen niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, war wie ein Blitz in sie hinein gefahren, und sie war zwei Jahre nach ihrer Hochzeit zu Ottos evangelischem Glauben übergetreten. Für sie war das ein zwingender Schritt weg aus der orthodoxen Enge in eine für sie neue aufregende Freiheit.

Otto wusste wahrscheinlich gar nicht, was dies für sie bedeutet hatte, Agnostiker, der er war. Sie hatte ihm nie von den furchtbaren Auseinandersetzungen erzählt, die sie mit ihrer Mutter hatte, nachdem sie ihren Eltern mitgeteilt hatte, wen sie zu heiraten beabsichtigte. Sie war dem Sohn eines Schreinermeisters versprochen, der früher bei Rudolf gearbeitet und sich dann selbständig gemacht hatte. Es war geplant, dass mit der Heirat die beiden Geschäfte eines Tages zusammen gelegt und von Julius, dem Junior, geleitet werden sollten. Ihr Vater hatte sie traurig angesehen und gefragt, ob sie sich wirklich sicher sei, sie könne dann mit keiner Unterstützung mehr aus der jüdischen Gemeinde rechnen. Weiter kam er nicht, denn ihre Mutter machte einen Schritt auf Sofie zu, sagte: „Das wirst du nicht!“ und gab ihr eine Ohrfeige. „Du heiratest einen Juden, so wie es sich gehört, und bekommst Kinder, die du zu guten Juden erziehst, so wie wir das mit dir gemacht haben. Trenne dich von dem Mann, Schluss und aus. Und wage ja nicht, dieses Thema nochmals hier anzusprechen.“ Bevor sie die Küchentür hinter sich zuknallte, drehte sie sich noch einmal um.

„Ich reiße dir die Haare aus, wenn du einen Goi heiratest.“

Diese Drohung machte sie zwar nicht wahr, aber ihre Eltern nahmen tatsächlich weder an ihrer Verlobungsfeier noch an ihrer Hochzeit teil. Als Sofie von Kornach nach Gördingen zog, brachen sie jeden Kontakt zu ihrer Tochter ab. Wenn ihr Leben nicht so prall gefüllt gewesen wäre, gefüllt mit der Liebe zu Otto, einer amour fou, die sie jede freie Minute auslebten (eine der ersten offiziellen Handlungen von Sofie als Ehefrau bestand im Kaufen von vier neuen Bettwäschegarnituren), dann hätte sie diese abrupte Trennung von ihren Eltern nicht verkraftet. Bis zur Hochzeit hatte sie Höllenqualen zu Haus durchstehen müssen, ihre Mutter hatte nur das Nötigste mit ihr gesprochen und hätte sie vielleicht sogar noch vor die Tür gesetzt, wenn sie nicht die Zeit für eine Hilfskrankenschwesterausbildung genutzt hätte. Ihr Vater versuchte zu vermitteln und konnte immerhin durchsetzen, dass sich der Schwiegersohn offiziell vorstellen durfte. Da sich aber Sara weigerte, irgend etwas anzubieten und auch das Reden ihrem Mann überließ, war der Besuch schon nach einer halben Stunde beendet.

Fünf Jahre nach der Hochzeit hatte es einen Kongress des Deutschen Roten Kreuzes in Gördingen gegeben, zu dem ihr Vater eingeladen war. Er nutzte die Gelegenheit, wieder Kontakt mit Sofie aufzunehmen, und seitdem hatte auch ihre Mutter das Kriegsbeil begraben, zumindestens den Stiel.

Gedankenversunken, wie sie war, hatte Sofie gar nicht bemerkt, dass Otto hinter sie getreten war und sie von hinten umarmte.

„Die SA hat gestern deine Mutter abgeholt. Ein Nachbar hat es beobachtet und in der Firma angerufen.“

„Was?“ Sofie sprang auf. „Aber wieso denn? Warum sie?“

„Das verstehe ich auch nicht. Es ist wohl besser, du fährst hin. Ich hab das schon geregelt. Paul fährt dich. Ich werde Rudolf anrufen und ihm sagen, dass du kommst.“

„Typisch Papa, dass er mich nicht benachrichtigt. Bloß niemandem zur Last fallen.“ Noch im Gehen zog Sofie ihren Morgenmantel aus und verschwand im Schlafzimmer.

3. KAPITEL

Sofie, 1933

Sofie hastete die Treppe zur Wohnung ihrer Eltern hinauf. Was würde jetzt auf sie, auf ihre Eltern zukommen? Wäre es eine gute Idee, sie nach Gördingen zu holen unter den Schutzmantel von Ottos und Georgs Firma? Aber – Sofie stolperte und fiel der Länge nach hin. Im selben Moment riss Frau Schulte ihre Wohnungstür auf.

„Oh, Frau Gieseking, brauchen Sie Hilfe?“

„Es geht schon, danke“, sagte Sofie, ihren Knieschmerz aber auch ihre Belustigung über die Dalmatinerschürze hinter den Zähnen verbergend, und stieg die letzten Stufen hinauf.

Sie klingelte und schob ihren Vater, der ihr öffnete, sofort in die Wohnung. Die schnelle Bewegung ließ ihn aufstöhnen. Er presste beide Hände an die Schläfen und sah seine Tochter schmerzverzerrt an. Sofie sah, dass ihm Blut aus der Nase lief.

„Papa, was haben sie mit dir gemacht? Bis du verletzt? Warst du schon bei Doktor Goldstein?“

„Das ist alles nicht so schlimm, das wird schon wieder.“ Er hielt sich ein Geschirrtuch, dass schon mit Blut verkrustet war, vor die Nase. „Wir müssen Mama finden. Sie haben sie auf die Ladefläche eines Lastwagens gestoßen und sind auf und davon mit ihr. Wo kann sie nur sein? Ach, ach, ach!“ Er setzte sich auf den Stuhl neben der Garderobe.

„Ich gehe zur Polizei. Ich nehme Paul Meineke mit. Er hat mich hergebracht. Du bleibst hier. Am besten legst du dich hin. Wirklich, leg dich hin. Ich werde Mama schon finden.“ Sie umarmte ihren Vater. „Leg dir ein kaltes nasses Handtuch in den Nacken gegen das Nasenbluten. Aber das muss ich ja wohl einem erfahrenen Rotkreuzmann nicht sagen, oder?“ Sie drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und verließ schnell die Wohnung. Auf keinen Fall sollte er die Angst sehen, die sie bei seinem Anblick überfallen hatte.

Paul wartete in einem Café gegenüber. Sie hatten verabredet, dass sie ihm sagen würde, ob sie wieder mit ihm zurück fahren oder bleiben würde.

„Würden Sie mir einen Gefallen tun, Paul? Würden Sie mit mir zur Polizei gehen, um heraus zu finden, wo meine Mutter abgeblieben ist?“

„Mach ich, ist doch klar“, antwortete Paul ohne zu zögern. „Kennen Sie den Weg? Gehen wir zu Fuß?“

„Es ist nicht weit.“

Paul bezahlte, und gemeinsam verließen sie das Café. Und dann sah er sie, die Blicke, mit denen Sofie bedacht wurde. Jeder, der weg sah, war eine kleine Erholung in dem Meer der lüsternen aber auch aggressiven Blicke. Sie war eine Schönheit mit ihrer zierlichen kleinen Figur, ihren schwarzen Haaren und ihrem schmalen Gesicht mit den großen dunklen Augen. Ihr aufrechter Gang, den sie als junges Mädchen eingeübt hatte. um größer zu erscheinen, unterstrich diese Schönheit noch. Jeder, der sie nicht kannte, musste annehmen, dass sie sie mit Stolz erfüllte, einem herausfordernden Stolz, der kaum jemanden gleichgültig ließ.

Unwillkürlich lief Paul schneller. Er konnte diesen Spießrutenlauf nicht ertragen.

„Bitte, Paul, nicht so schnell. Ich kann nicht so große Schritte machen.“ Sofie zeigte auf ihre hochhackigen Schuhe.

Sofort verlangsamte er seine Schritte. „Bitte entschuldigen Sie, Frau Gieseking, aber –“ Er verstummte.

Sofie drückte seinen Arm. „Ich weiß, wovon Sie sprechen. Wir haben es gleich geschafft.“

Die Tür zum Polizeirevier öffnete sich zu einem großen Raum, der durch eine lange Theke geteilt wurde. Hinter der Theke saßen die Uniformierten an Schreibtischen oder standen hinter ihrem Burgwall und redeten mit den Bittstellern davor, von denen einige auch auf Stühlen entlang der Wand saßen.

Paul, der in die Sozifußstapfen seines Vaters getreten war, erkannte die hier herrschende Hierarchie sofort. Eine Hierarchie, die, wann immer es den Uniformierten gefiel, in Willkür umschlagen konnte, der man ungeschützt ausgeliefert war.

„Das wird nichts, Frau Gieseking. Sie werden Sie warten lassen bis Sie schwarz werden. Gehen Sie mal wieder zu Ihrem Vater, ich mach das hier.“

Sofie wollte protestieren, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. „Bitte gehen Sie schnell, man soll uns hier gar nicht so richtig gemeinsam sehen, verstehen Sie?“

„Danke“, sagte Sofie leise. Vor Erleichterung konnte sie kaum atmen.

Ihr Vater lag auf der Chaiselongue. Er wollte sich aufsetzen, als sie eintrat, aber stöhnend ließ er sich zurückfallen.

„Ich rufe Dr. Goldstein an. Er muss vorbei kommen“, sagte Sofie und machte auf dem Absatz kehrt, um im Flur zu telefonieren.

„Aber nun warte doch mal! Was habt ihr denn heraus bekommen?“

„Paul ist noch dort. Es war sehr viel los, und er meinte, ich solle mich lieber um dich kümmern.“ Nie würde sie ihrem Vater erzählen, wie schrecklich sie die Atmosphäre dort auf dem Revier empfunden hatte.

„Wenn ich telefoniert habe, mache ich uns einen Tee, und dann warten wir auf Paul und Dr. Goldstein.“

Die Praxishilfe sagte Sofie, dass Dr. Goldstein heute Nachmittag sowieso Hausbesuche machen wollte, und als Sofie kurz berichtete, was mit ihrem Vater geschehen war, sagte sie zu, dass er als erstes zu ihnen kommen würde. Erleichtert setzte Sofie das Teewasser auf und fand ihren Vater schlafend vor, als sie zurück ins Wohnzimmer ging.

Am liebsten hätte sie geweint, und das am liebsten noch an Ottos Schulter, wissend, dass er ohne viel Worte alles in die Hand nehmen würde und sie entlastet durchatmen konnte, so wie es ihr Vater getan hatte, als sie die Initiative übernahm. Aber hier in Kornach wäre Otto keine große Hilfe. Hier würde man ihn genauso auflaufen lassen wie jeden anderen. Sie goss den Tee auf, stellte Tassen auf ein Tablett und nahm alles mit zurück ins Wohnzimmer. Ihr Vater hatte sich immer noch nicht gerührt. Wenigstens war das Nasenbluten versiegt. Sie stellte das Tablett ab und beugte sich über ihn. Atmete er überhaupt noch? Er war so blass. Sie ging in den Flur und holte ihre Handtasche. Sie entnahm ihr einen kleinen Handspiegel und hielt ihn vor seinen Mund. Der Spiegel beschlug, und sie ließ sich aufatmend in einen Sessel fallen. Wenn doch nur Dr. Goldstein –

Es klingelte. Und mit dem Klingeln begann ihr Vater sich zu regen.

„Ich mach auf, bleib liegen. Das wird Dr. Goldstein sein.“

„Ja, aber – warum hast du mich nicht geweckt? So kann ich ihm doch nicht gegenübertreten.“ Er versuchte, sich aufzusetzen, fiel aber kraftlos wieder zurück.

Sofie sah dieses vergebliche Bemühen ihres Vaters, Haltung zu zeigen und sich nichts anmerken zu lassen, auch wenn es ihm sehr schwer fiel, und es überflutete sie ein tiefes Mitgefühl für ihn. Otto würde es wohl tatsächlich Liebe nennen, dachte sie und lief zur Tür, denn es hatte inzwischen schon zum zweiten Mal geklingelt.

„Entschuldigen Sie, Dr. Goldstein. Aber ich musste meinen Vater beruhigen, er wollte Ihnen selbst aufmachen. Das wollte ich verhindern.“

„Ja, Sofie, wie schön, dich mal wieder zu sehen!“ dröhnte die Stimme des korpulenten Dr. Goldstein durch den Flur. „Gibt es hier irgendwo einen Aschenbecher für meine Zigarre? Den Rauch will ich unserem Patienten jetzt nun wirklich nicht zumuten.“ Sofie reichte ihm eine Schale, die auf einer Kommode stand. Schon öfters war ihr durch den Kopf gegangen, dass sie sich vielleicht auch darum in Otto verliebt hatte, weil er genauso wie einer der ältesten Freunde ihres Vaters das Zigarrerauchen über alles liebte, und ihr Ottos Zigarrenrauch, ohne dass es ihr zuerst bewusst war, ein Gefühl der Heimeligkeit und des Geborgenseins gab, so wie sie es immer als Kind empfunden hatte, wenn Dr. Goldstein ihren Vater besuchte.

„Es geht ihm schlecht, Dr. Goldstein. Er liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa.“

Sofort verwandelte sich Dr. Goldsteins Jovialität in die Ruhe ausstrahlende Professionalität, die Sofie so an ihm schätzte. Er nahm seine Tasche und eilte ins Wohnzimmer. Sofie wollte ihm folgen, aber er hielt sie zurück.

„Das schaff ich schon allein, Meydl.“ Er schloss die Tür, und Sofie hörte die doch immer so laute Stimme des Doktors nur noch als ein Raunen. Ob ihr Vater überhaupt antwortete, konnte sie nicht hören.

Sie setzte sich auf den Stuhl neben der Garderobe. Die Rotkreuzschuhe ihrer Mutter lagen, einer über dem anderen, unordentlich neben ihr. Verwundert, fast amüsiert stellte sie sie nebeneinander unter den Stuhl. Das hatte sie wirklich noch nie erlebt, dass ihre Mutter Schuhe unaufgeräumt herum liegen ließ, und schon gar nicht ihre klobigen Arbeitsschuhe, für die sich auch ein bisschen schämte und die sie immer unter dem Stuhl versteckte.

Dabei konnten ihre Eltern stolz auf sich sein. Nicht nur, dass ihr Vater ein angesehener und geschätzter Geschäftsmann war, er hatte auch die erste Sanitätskolonne des Roten Kreuzes in Kornach aufgebaut und leitete sie seit fast vierzig Jahren ehrenamtlich. Alle Angestellten von Rudolf waren dabei, ehrenamtlich wie er, und er bezahlte ihnen die verlorene Arbeitszeit, wenn sie einen Einsatz hatten.