Sarah ...oder wie auch immer - Claudia Schnitzler - E-Book

Sarah ...oder wie auch immer E-Book

Claudia Schnitzler

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Beschreibung

Elena, alleinerziehende Mutter, die mit ihrer vierjährigen Tochter Luise, ihrer Freundin Isabell und deren Sohn in einer Wohngemeinschaft lebt, sucht dringend einen Job. Obwohl sie sowohl ihr Studium zur Modedesignerin, als auch ihre Ausbildung als Schneiderin mit Bravour bestanden hat, findet sie keine Stelle. Als ihre finanzielle Situation außer Kontrolle gerät, sieht sie das Angebot einer Begleitagentur als letzte Möglichkeit für sich und ihre Tochter zu sorgen. Das Leben als Escortdame und gleichzeitig alleinerziehende Mutter bringt sie jeden Tag an ihre Grenzen. Als sie sich in einen verheirateten Kunden verliebt, gerät ihr Leben weiter aus den Fugen und sie fängt an, die Kontrolle über sich und ihr Leben zu verlieren. Nur Isabell steht ihr unermüdlich zur Seite und kämpft darum, dass Elena ins Leben zurückfindet.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2016

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www.tredition.de

Claudia Schnitzler wurde 1967 in Essen geboren. Als Kind zog sie nach Köln, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt.

Nach ihrer kaufmännischen Ausbildung studierte sie nebenberuflich Betriebswirtschaftslehre. Einige Jahre arbeitete sie in der evangelischen Kirche, bevor sie zuerst zur Diakonie als Ausbilderin in der Rehabilitation und schließlich zu einem modernen Topunternehmen als HR-Managerin wechselte. Ende 2014 veröffentlichte sie ihr Buch „Kreisel der Zeit“ und ist seitdem zudem als Schriftstellerin tätig.

Weiteres zur Autorin: www.claudia-schnitzler.de

Sarah … oder wie auch immer

Claudia Schnitzler

Cover

www.tredition.de

© 2016 Claudia Schnitzler

Cover: Andrea Reetz – www.reetz-schmuckdesign.de

Erstlektorat: Media-Agentur Gaby Hoffmann

Abschlusslektorat: Sylvia Grundy

www.claudia-schnitzler.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-2867-5

Hardcover:

978-3-7345-2868-2

e-Book:

978-3-7345-2873-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Lächelnd schaute er auf sie hinab. Ein Schimmer, ein Glanz, lag in seinen Augen. Der Glanz der Leidenschaft, der Lust, aber auch der Wärme, des Wohlfühlens.

„Warte kurz!“, raunte er, ließ ihre Hand los, streifte zärtlich mit der Fingerspitze über ihre leicht geschminkten Lippen und durchquerte mit wenigen Schritten das Hotelzimmer, ging zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Danach knipste er das kleine Licht neben dem Bett an.

Sinnlich fuhr sich die Frau mit der Zungenspitze über die Lippen, den Augenblick auskostend, so, als ob sie die vage Berührung schmecken könne.

Während er auf sie zuging, öffnete der Mann seine Krawatte und warf sie achtlos auf das Bett.

Regungslos, fast ein wenig hilflos, stand die Frau an ihrem Platz vor dem Fußende des großen Bettes und schaute dem Mann entgegen. Ihr schwarzes elegantes Seidenkleid, das ihre Figur vorteilhaft betonte, umschmeichelte ihre weiblichen Rundungen und verlieh ihr etwas Geheimnisvolles. Ihre hohen schwarzen Pumps ließen ihre schlanken Beine noch länger erscheinen. Abwartend und fragend verharrte sie dort. Das warme Licht der Lampe schimmerte auf ihrer Haut und ließ ihr blondes Haar, das ihr lose in leichten Wellen über die Schulter fiel, glänzen.

„Du bist so schön, Sarah“, hauchte der Mann und legte seine Hände auf ihre Schultern, bevor er sich zu ihr hinunter beugte und die junge Frau zärtlich küsste. Ihre Lippen fanden sich zu einem aufregenden Spiel, seine Zunge neckte sie, fordernd, versprechend, forschend.

Genießerisch beugte sich die Frau ihm entgegen. Die Schüchternheit, die Unsicherheit des Augenblickes, war verflogen. Wärme und Wohlbehagen machten sich in ihr breit. Ein ungewohntes, unpassendes Gefühl.

Der Mann zog die junge Frau an sich und fuhr mit seiner Hand über den seidigen Stoff ihres Kleides. Die andere vergrub er in ihrer blonden Lockenmähne, um sie noch näher an seinem Körper zu spüren und seinen Kuss intensiver auskosten zu können.

Sie konnte seine Leidenschaft fühlen.

Während seine Hand ihre Wanderung fortführte und ihren Körper erforschte, fühlte die junge Frau die Wärme seiner Finger durch die Seide, die eine wohlig heiße Spur auf ihrer Haut hinterließen. Langsam strich er mit seiner Hand über ihren Po, erkundete ihre Rundungen und wanderte mit kleinen kreisenden Bewegungen im Zeitlupentempo ihren Rücken empor.

Ihre Haut schien zu brennen, als seine Fingerspitzen die nackten Schultern erreichten. Ein kaum hörbarer Laut der Unwilligkeit kam über ihre Lippen, als der Mann sie ein wenig von sich schob. Während er die dünnen Träger ihres Kleides über ihre Schultern streifte und dabei wie zufällig mit seinen Daumen den Weg der Träger auf ihrer Haut nachzeichnete, ging ein Schaudern durch ihren Körper. Ihre Blicke trafen sich. Das Kleid glitt an ihrem Körper hinab.

Ein wenig unsicher schaute sie zu dem Fremden hinauf, der im Stande war, solche Leidenschaft in ihr zu wecken. Würde sie ihm gefallen?

Langsam ließ er seinen Blick über ihren Körper gleiten. Die Spitze des schwarzen BHs umschloss ihre wohlgeformten Brüste und schob sie aufreizend ein wenig zusammen. Er umfasste ihre Brüste, die seine Hände perfekt ausfüllten, umkreiste ihre Brustwarzen und befreite sie schließlich von dem hinderlichen Stoff. „Wie wunderbar du bist!“, brachte der fremde Mann mit heiserer Stimme hervor.

Ein leises Stöhnen kam von ihren Lippen. Sie sehnte sich nach seinen Berührungen.

Mit zittrigen Fingern öffnete sie die Knöpfe seines weißen Hemdes. Langsam, den Augenblick auskostend. Ihre Finger zogen Kreise über seine männlich behaarte Brust und umspielten seine Brustwarzen, bis sie sich aufrichteten. Nun entfuhr auch seiner Kehle ein Laut der Wollust, während sie gierig sein Hemd aus seiner Hose zog. Ewig schien es zu dauern, bis sie es schaffte, seine Hose zu öffnen und diese zu Boden fiel. Wie durch einen Nebel nahm sie seinen perfekten Männerkörper wahr.

„Oh, wie wunderbar ist das!“, stöhnte er. Sanft zog der Mann die Frau an ihrer Haarmähne zu sich heran.

„Komm!“, raunte er, als er sie zu dem breiten Bett schob. Mit wenigen Schritten streifte er den Rest seiner Kleidung von seinen Beinen. Wie schön sie aussah, als sie vor ihm in den Kissen lag!

1.

Mit einem leicht resignierten Lächeln reichte Elena den Brief an ihre Mutter weiter, die, wie so oft, am Tisch in der Küche ihrer Tochter saß.

Die gemütliche Wohnküche bildete den Mittelpunkt ihrer geräumigen Wohnung, in der Elena mit ihrer besten Freundin Isabell gemeinsam wohnte. Beide Frauen verband, dass sie alleinerziehende Mütter von Kindergartenkindern waren, kein Händchen für passende Männer besaßen und dass es beiden bisher nicht gelingen wollte, beruflich Fuß zu fassen.

Elena stand am Herd und kochte das Abendessen für die häusliche Gemeinschaft. Spaghetti mit einer lecker duftenden Tomatensauce. Die Kinder würden begeistert sein. Elena verdrängte den Gedanken daran, wie sie die Tomatenflecken aus der Kleidung der Kinder hinaus gewaschen bekommen sollte. Doch Spaghetti galten gerade bei ihren Kindern als das absolute Lieblingsessen. Jeden Augenblick würden ihre vierjährige Tochter Luise und der fünfjährige Leon, der einzige Mann im Haus, wie er derzeit gern mit stolzer Stimme betonte, vom Spielen aus dem begrünten Innenhof der modernen Wohnanlage hochkommen und die Wohnung mit ihrem Lachen und Geplapper erfüllen.

„Wieder nichts?“, fragte Elenas Mutter Barbara mit sorgenvoller Miene.

„Nein, nicht genug Erfahrung.“ Elena seufzte. Die kurze Erklärung reichte. Zu viele Absagen waren in den letzten Monaten bei der jungen Mutter eingegangen.

Nach ihrem Abitur, das sie mit einem Durchschnitt von 1,4 abgeschlossen hatte, erstaunte sie sowohl ihre Mutter wie auch ihre Lehrer mit dem Wunsch, eine Ausbildung zur Schneiderin zu absolvieren. Sie fand eine Lehrstelle in einer kleinen, aufstrebenden Schneiderwerkstatt, die für die Kölner Theaterwelt Kostüme schneiderte. Elena lernte, Stoffe vorzubereiten, Nähte zu setzen, ausgefallene Wünsche zu erfüllen und aus einem Stück Stoff phantasievolle Kunstwerke zu schaffen. Die unmöglichsten Ideen und Entwürfe verwirklichte Elena zum Erstaunen ihrer Lehrherrin. Sie verfügte über Talent und schon bald war sie der jungen Inhaberin eine wertvolle Hilfe.

Mit Beendigung ihrer Ausbildung, die sie wie auch schon ihr Abitur mit Bravour abgeschlossen hatte, bot die Schneidermeisterin der jungen, frisch ernannten Schneiderin eine Stelle an.

Elena lehnte dankend ab. Sie liebte ihre Arbeit, doch sie wollte nicht länger Kostüme schneidern, die auf Ideen von anderen beruhten. Sie wollte ihre Modelle selbst entwerfen, ihre eigenen Ideen umsetzen.

Zur gleichen Zeit lernte sie Frank kennen und verliebte sich bis über beide Ohren in ihn. Sie schrieb sich als Studentin in einer privaten Hochschule für Design in Düsseldorf ein. Ihre Arbeiten waren in der Kölner Theaterwelt bekannt und immer wieder gerne getragen, sodass sie mit ihren Erfahrungen und ihren guten Noten ein Stipendium für sich gewinnen konnte. Alles war leicht. Das Studium erfüllte sie jeden Tag mit Freude und die Nächte mit Frank waren von immer neuen Leidenschaften erfüllt. Die Welt schien ihr zu Füßen zu liegen.

Doch leider nicht Frank, der sie sitzen ließ, als sie ihre gemeinsame Tochter in sich trug. Vorbei war es mit der Leichtigkeit und Unbeschwertheit ihres bisherigen Lebens. Sie führte ihr Studium weiter. Als die kleine Luise geboren wurde, übernahm ihre Mutter die Betreuung der Enkeltochter. Elena entwickelte sich zu einem Organisationstalent, doch trotzdem reichte die Zeit nie für all die Dinge, die erledigt werden mussten. Als sie an dem Punkt ankam, an dem sie frustriert ihr Studium aufgeben wollte, trat Isabell mit ihrem dreijähren Sohn Leon in ihr Leben. Sie trafen sich zufällig in einem Café und kamen ins Gespräch. Die beiden Frauen verband die Doppelbelastung vieler Mütter, die zwischen Beruf und Familie einen täglichen Balanceakt zu absolvieren hatten. Sie wurden Freundinnen; schon bald beschlossen sie, in eine Wohngemeinschaft zusammenzuziehen. Sie fanden eine passende Vierzimmerwohnung mit einer großen Wohnküche in einem Neubaugebiet am Rhein. Luise und Leon hingen immer mehr aneinander; den beiden jungen Frauen gelang es, mit Unterstützung von Elenas Mutter, ihre Studien fortzusetzen und kleine Nebenjobs anzunehmen. Das Leben gewann etwas von seiner Leichtigkeit zurück.

Seit einem Jahr nun war Elena Diplom-Designerin, platzte vor Tatendrang und fand trotzdem keine Anstellung. Die Theater in der Umgebung litten unter den Einsparungen der Stadt und waren nicht bereit, Elena eine Chance zu geben, erneut ihr Talent unter Beweis zu stellen. Nach langem Suchen fand sie schließlich einen schlechtbezahlten Job mit miserablen Arbeitsbedingungen in einer kleinen Änderungsschneiderei in der Nähe ihrer gemeinsamen Wohnung. Oft kam es vor, dass Elena zusätzliche Arbeit mit nach Hause nahm, um ihr mickriges Gehalt ein wenig aufzubessern. Ihre alte Ausbilderin hatte bereits eine andere Auszubildende übernommen und konnte Elena mit großem Bedauern keine Stelle anbieten. Wenn sie sehr viel zu tun hatte, gab sie Elena jedoch hin und wieder einen Auftrag, doch dies war keine sichere und ausreichende Einnahmequelle für die junge Mutter.

Die Türklingel schallte durchdringend durch die Wohnung.

Elenas Mutter Barbara zuckte zusammen.

Mit dem Öffnen der Tür war die Wohnung augenblicklich mit Leben erfüllt. Die sandverkrusteten Gummistiefel landeten in der Ecke; sofort schien unter allen Füßen der Sand zu knirschen. Mit dem Sandeimer und seiner gelben Schaufel in der Hand schaffte es Leon gerade noch, seine Jacke an dem kindgerechten Kleiderhaken aufzuhängen, während Luises Jacke direkt bei den Gummistiefeln landete. Bevor sich der Sand in der gesamten Wohnung ausbreiten konnte, nahm Elena den beiden Wirbelwinden die Sandeimer ab und stellte sie zurück vor die Haustür.

„Mama“, schrie Luise ihrer Mutter entgegen, die gerade noch geschickt den lehmverschmierten Kinderhänden ausweichen konnte.

„Stopp“, rief Elena energisch und versuchte, die Kinder mit diesen Worten davon abzuhalten, die Wände mit ihren dreckigen Händen neu zu dekorieren.

„Zuerst geht ihr ins Bad und wascht euch die Hände, danach könnt ihr erzählen.“ Mit diesen Worten schob sie ihre Tochter Richtung Bad.

„Aber Mama, der Kevin …“

„Luise, ich will kein Wort hören, bevor du nicht deine Hände gewaschen hast.“

„Aber der Kevin ist gemein.“

„Ich meine es ernst“, resolut dirigierte sie ihre kleine Tochter zum Bad. „Wasch dir deine Hände, danach kommt ihr beiden zum Essen. Dabei kannst du mir alles erzählen.“

Plappernd bewegten sich die Kinder von dannen. Kevin schien fürs Erste vergessen zu sein.

„Die beiden sind wie Geschwister.“ Barbara schaute den Kindern mit einem Lächeln hinterher.

„Ja, sie hängen aneinander. Überall werden sie für Bruder und Schwester gehalten.“

Die kurze Unterhaltung der Erwachsenen wurde von der Rückkehr der Kinder unterbrochen.

„Ich habe Hunger“, verkündete Leon und setzte sich zu Elenas Mutter an den Esstisch.

„In ein paar Minuten ist das Essen fertig“, lächelte Elena den Jungen an. „Deckt doch schon mal den Tisch!“

Murrend machten sich die Kinder daran, Teller, Besteck und Gläser auf den Tisch zu stellen.

Elena schüttete die Nudeln ab und füllte sie in eine Schüssel um. Den Topf mit der Tomatensauce stellte sie zu der großen Salatschüssel auf den Tisch und füllte die Teller mit den lecker duftenden Nudeln auf.

Hungrig machten sich die Kinder über ihre Mahlzeit her. Luise hatte Mühe, über ihren Teller schauen zu können, fühlte sich aber zu groß, um in ihrem Hochstuhl zu sitzen oder sich mit einem Kissen helfen zu lassen. Sie wollte wie Leon sein, so groß und stark. Sobald das kleine Mädchen saß, sprudelte es bereits wieder aus ihr hervor. „Der Kevin haut und schubst immer.“ Gleichzeitig zu erzählen und ihre Nudeln auf die Gabel zu bekommen, war eine große Herausforderung; somit unterbrach sie ihre Erzählung erneut. Doch Elena kannte die Geschichten um Kevin zur Genüge. Kevin besuchte denselben Kindergarten wie Leon und Luise. Da er mit seinen Eltern ganz in der Nähe wohnte, trafen sich die Kinder zudem öfters draußen beim Spielen. Elena wusste, dass manche Eltern im Kindergarten auf ihre kleine Wohngemeinschaft herabsahen, doch gerade Kevins Eltern merkte man ihre Ablehnung besonders an. Kevins Mutter benahm sich den beiden Frauen gegenüber überheblich und sehr arrogant. Elena konnte sich vorstellen, dass sie auch in Kevins Gegenwart abfällig über ihre kleine Gemeinschaft sprach und sich der kleine Junge deshalb oft grob und ablehnend gegenüber Luise und Leon benahm. Soweit es möglich war, gingen Elena und Isabell Kevins Eltern und denjenigen aus dem Weg, die ein Problem mit ihrer Lebensweise zu haben schienen.

„Isst Mama nicht mit?“, wunderte sich Leon auf einmal und damit war das Thema ‚Kevin‘ endgültig vom Tisch.

„Nein, sie geht heute Abend noch aus und zieht sich gerade um“, erklärte Elena; auch Leon schien sich wieder daran zu erinnern, dass seine Mutter von ihren Plänen gesprochen hatte.

„Ach ja“, nuschelte er mit vollem Mund und hatte nur noch Augen für seine Nudeln.

„Wow, du schaust umwerfend aus!“, staunte Elena, als ihre Freundin wenige Augenblicke später die Küche betrat.

Isabell war mit ihren gut 1,80 Meter, ihrer perlweißen Haut, die einen wunderbaren Kontrast zu ihren glatten braunen Haaren bildet und ihrer ausgesprochen weiblichen Figur eine Schönheit. Doch heute Abend sah sie besonders hübsch aus. Ihr Haar schimmerte in einer kunstvoll aufgesteckten Frisur. Wie zufällig schien sich eine kleine Locke gelöst zu haben und betonte ihren langen schmalen Hals.

Ihre Freundin trug ein enganliegendes sandfarbenes Seidenkleid, das ihre Figur betonte.

Das ist purer Sex, dachte Elena, verkniff sich aber die Bemerkung im Beisein der Kinder.

Leon schaute seine Mutter staunend an.

„Bist du schön!“, tat der Junge seiner Mutter kund, bevor die Nudeln auf seinem Teller erneut seine Aufmerksamkeit beanspruchten.

Isabell winkte den Kindern und ihrer Freundin zu und verabschiedete sich in sicherem Abstand vor der Tomatensauce von ihnen. Ihr Lächeln wirkte etwas gezwungen, als sie ihren schwarzen Wollmantel anzog und nach ihrer Handtasche griff.

Elena bemerkte, dass ihre Freundin trotz ihres sensationellen Outfits angespannt war. Sie stand auf, um Isabell zur Tür zu begleiten. Wie schon so oft fiel ihr auf, wie verschlossen Isabell war. Nie erzählte sie, wie sie ihre Abende außerhalb der gemeinsamen Wohnung verbrachte. Elena respektierte ihren Wunsch nach Privatsphäre, machte sich jedoch Sorgen um ihre Freundin. Sie hatte ein ungutes Gefühl; gleichzeitig kränkte es sie auch, dass sich Isabell ihr nicht anvertraute. Sicher, jede von ihnen brauchte ihren Freiraum; das war gut und richtig so, doch machte Vertrauen nicht gerade eine so enge Freundschaft aus, wie sie die beiden jungen Frauen verband? Manchmal fragte sich Elena, ob Isabell ihre Freundschaft als genauso wichtig und eng empfand, wie sie selbst.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie besorgt.

Doch ihre Freundin schüttelte nur leicht ihren Kopf. „Alles in Ordnung! Du bringst doch Leon ins Bett?“

„Sicher, das haben wir ja abgesprochen.“

Isabell öffnete nun die Tür, um die gemeinsame Wohnung zu verlassen.

„Kommst du heute Nacht nach Hause?“, schob Elena noch hinterher, denn diese Frage hatten sie noch nicht geklärt.

„Ich denke, ich werde gegen Mitternacht wieder hier sein“, überlegte Isabell und schloss die Tür hinter sich.

Mit einem unguten Gefühl ging Elena zu ihrer Mutter und den Kindern zum Esstisch zurück.

Nach dem Essen machte sich ihre Mutter auf den Weg nach Hause.

Elena streckte sich mit einem Buch auf Luises Bett aus. Wie jeden Abend warteten die Kinder auf ihre Gute-Nacht-Geschichte.

Leon kuschelte sich, wie üblich, an Elena.

Eine Stunde später saß Elena erneut in ihrer behaglichen Küche. Kerzen verbreiteten ein warmes Licht, ein Glas Rotwein stand vor ihr. Sie machte es sich mit einer Tafel Schokolade gemütlich und griff nach ihrem Buch. Doch unentwegt schweiften ihre Gedanken ab. Warum war Isabell so bedrückter Stimmung gewesen? Elena machte sich Sorgen, sie nahm sich vor, aufzubleiben und auf ihre Freundin zu warten.

2.

Sie musste eingeschlafen sein, denn als sich die Haustür öffnete, zuckte Elena erschrocken zusammen. Ihr Nacken schmerzte, und ihr war kalt. Sie schaute auf die Uhr. Es war ein Uhr in der Frühe; wahrscheinlich hatte sie seit mehreren Stunden fest auf ihrem Platz in der Küche geschlafen.

„Du bist noch wach?“, mit erstauntem Blick betrat Isabell den Raum. Ihre hohen Pumps trug sie in der Hand, um niemanden mit dem Klappern der Absätze zu wecken.

Elena betrachtete ihre Freundin genau. Isabells Frisur hatte sich gelöst; ihre Haare hingen locker über ihre Schultern. Sie sah müde aus.

„Magst du dich noch ein wenig zu mir setzen und ein Glas Wein mit mir trinken?“, fragte Elena, obwohl Isabell offensichtlich eher ins Bett gehörte.

Zu ihrem Erstaunen willigte Isabell jedoch bereitwillig ein. Sie schwankte leicht, als sie auf Elena zuging. Das war wohl nicht das erste Glas Wein des Abends, das Isabell sich genehmigte.

Elena holte für ihre Freundin ein weiteres Glas, schenkte ihr ein und stellte es vor ihrer Freundin ab.

„Geht es dir gut?“, erkundigte sie sich vorsichtig. Als sie damals zusammenzogen, hatten sie vereinbart, trotz der räumlichen Nähe gegenseitig ihre Privatsphären zu respektieren. Obwohl sie sich sehr verbunden fühlten, hatten sich die jungen Frauen bisher stets an die Verabredung gehalten. Doch jetzt machte sich Elena ernsthaft Sorgen um ihre Freundin. Sie fühlte sich wie in einer guten Wohngemeinschaft auch für das Wohl ihrer Mitbewohnerin verantwortlich.

„Ich bin ein wenig müde“, tat diese mit einem leichten Abwinken ab.

„War der Abend schön?“

Isabell nahm einen kräftigen Schluck und visierte ihre Freundin an.

„Der Abend war in Ordnung. Ich war essen und hinterher in einer Bar.“

„Warst du verabredet? Es ist vollkommen an mir vorbeigegangen, dass es einen Neuen in deinem Leben gibt.“ Isabells letzter Freund Joachim lag nun schon gut sechs Monate zurück. Anfangs hatte er sich rührend um Leon gekümmert, doch nach und nach verlor er sowohl das Interesse an Isabell, als auch an ihrem Sohn. „Was bist du denn so neugierig?“ Isabell schaute genervt zu ihrer Freundin hinüber, leerte das Weinglas in einem Zug und schenkte sich nochmals von dem kräftigen Rotwein nach.

„Isabell, es tut mir leid“, fahrig fuhr sich Elena durch ihre blonden zerzausten Locken. Sie fühlte sich gekränkt; gleichzeitig verstärkte sich immer mehr das Gefühl, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

„Ich will nicht neugierig sein, aber ich mache mir Sorgen. Du bist so häufig fort, siehst immer aus wie ein Model; trotzdem scheinst du nicht wirklich glücklich zu sein.“

Isabell starrte ihre Freundin lange an. „Wen interessiert es, ob ich glücklich bin oder nicht?“ Ihre Stimme klang bitter.

„Mich interessiert es.“ Elena nahm Isabells Hand kurz in die ihre. „Du bist nicht nur meine Mitbewohnerin, sondern auch meine Freundin.“

„Das weiß ich und ich bin so froh, dass es dich gibt“, gerührt stupste sie Elena an. „Ich weiß nur nicht, wie ich das alles auf die Reihe bekommen soll. Ich habe Leon, möchte endlich mein Studium beenden und muss sehen, dass ich irgendwie Geld verdiene, um uns über die Runden zu bringen.“ Erneut füllte sie ihr Weinglas.

Elena beugte sich ein wenig zu ihrer Freundin hinüber. „Kann ich irgendetwas für dich tun? Kann ich dir helfen?“

„Du tust schon genug für mich. Wenn du ab und an auf Leon aufpasst, hilft mir das ungemein.“ Ein kleines zaghaftes Lächeln stahl sich auf Isabells Gesicht, als sie von ihrem Sohn sprach. Sie liebte ihn und würde alles für ihn tun.

„Magst du mir nicht erzählen, wo du heute Abend gewesen bist?“ Elenas Unruhe hatte sich nicht gelegt.

„Warum willst du das wissen?“, Isabells Stimme klang bitter, fast ein wenig aggressiv.

„Isabell, du bist meine Freundin, wir wohnen zusammen, unsere Kinder wachsen wie Geschwister auf“, kurz holte die junge Frau Luft. „Ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht. Ich möchte dir helfen.“

Isabell stieß einen verächtlichen Ton aus. „Ich brauche keine Hilfe, verstehe das doch endlich.“

Erneut versuchte Elena Isabells Hand zu greifen, doch die zog sie weg und griff nach ihrem Weinglas.

„Wenn ich dir schon nicht helfen kann, dann möchte ich dich wenigstens verstehen“, bohrte Elena weiter.

Lange stierte Isabell in das intensive Rot ihres Weines und ließ das Getränk in ihrem Glas kreisen. Mit ihren Gedanken schien sie sich meilenweit entfernt zu haben, bis sie schließlich leise zu sprechen begann.

„Ich brauche Geld“, begann sie. „Mit den kleinen Jobs komme ich nicht zurecht. Alles dauert so lange und am Ende des Monats reicht es noch nicht einmal für meinen Mietanteil.“

Dieses Problem kannte Elena zur Genüge. Wenn ihre Mutter ihr nicht jeden Monat eine beachtliche Summe zustecken würde, bekäme auch sie große finanzielle Probleme. In den letzten Monaten hatte Elena nie bemerkt, dass es Isabell finanziell nicht gut ging. Ja, das Geld war bei ihnen immer knapp. Isabell vernachlässigte ihr Studium für ihre diversen Jobs, doch kamen sie trotzdem irgendwie über die Runden.

„Leons Vater zahlt auch nur noch, wenn es ihm gefällt. Kapiere doch, ich brauche mehr Geld.“

Elena verstand Isabells Sorgen, doch nicht den Hintergrund ihrer abendlichen Termine.

„Isabell, nun sag schon, wo warst du?“, drängte sie erneut.

Wieder schien Isabell eine kleine Ewigkeit zu schweigen und in ihren eigenen Gedanken zu verschwinden. Schließlich fing sie mit leiser Stimme an zu sprechen. Den Blick starr auf die Tischplatte gerichtet.

„Ich arbeite im Escortservice.“

„Im Escortservice?“, wiederholte Elena. „Was heißt das?“

„Was heißt das? Was heißt das?“, wiederholte Isabell genervt, indem sie versuchte, Elenas fragenden Ton zu imitieren.

„Das heißt, ich begleite Herren zu ihren Veranstaltungen oder zum Essen und bin für ihre Unterhaltung zuständig.“

Fassungslos schaute Elena ihre Freundin an, die sich meilenweit von ihr entfernt zu haben schien.

„Du meinst, sie bezahlen dich dafür, dass du sie begleitest?“ Den Begriff „Escort“ kannte Elena, doch sie hatte nie versucht, ihn mit Leben zu füllen.

„Ja, ich begleite sie zum Essen, ins Theater, zu Veranstaltungen ihrer Firmen, was immer sie wollen.“

„Was immer sie wollen?“, bohrte Elena entsetzt nach und ihre Stimme bekam einen schrillen Klang. „Warum brauchen sie für eine Begleitung eine Frau von einem Escortservice?“ Elena war mit der Vorstellung eines Begleitservices überfordert.

„Ach Elena, jetzt sei doch nicht so naiv!“ Endlich schaute Isabell ihre Freundin wieder direkt an. „Viele von ihnen sind fremd in der Stadt. Sie wollen den Abend nicht alleine verbringen. Dann gibt es welche, die möchten mit einer schönen Frau an ihrer Seite gesehen werden. Die Kollegen sollen blass vor Neid werden.“ Versonnen spielte sie mit ihrem leeren Weinglas.

„Wieder andere möchten einfach nur Spaß haben.“

„Was musst du sonst noch tun?“, bohrte Elena weiter. Das Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Isabell schien in einer komplett anderen Welt zu leben. Wie war es möglich, solch ein Doppelleben zu führen?

„Du stellst vielleicht Fragen, Elena“, Isabell goss den letzten Rest Wein aus der Flasche in ihr Glas und trank es in einem Schluck aus. „Was glaubst du denn, was Männer wollen, wenn sie den Abend mit einer hübschen Frau verbracht haben?“ Provozierend fixierte sie ihre Freundin.

Elena merkte, wie sich ihre Wangen röteten. Sie kam sich naiv und altbacken vor. „Du willst sagen, du gehst mit diesen Männern nach dem Essen oder dem Theater oder was weiß ich ins Bett?“ „Ja, sicher, dafür bezahlen sie doch.“ Nun schien sie wieder mit ihren Gedanken weit entfernt zu sein. „Sie wollen sich gut fühlen. Eine junge attraktive Frau an der Seite, die Spaß an ihrer Gesellschaft hat. Hinterher möchten sie zeigen, was sie für tolle Kerle sind.“ Bei diesen Worten schmunzelte Isabell ein wenig.

„Oftmals sind sie wie Leon, wenn er erwachsener Mann spielt. Sie bemühen sich, mir alles so angenehm wie möglich zu machen, halten mir die Tür auf, helfen mir in meine Jacke und sind doch oftmals so unbeholfen.“

Lange musterte Elena ihre Freundin. Diese vertraute wunderbare Frau schien ihr plötzlich fremd zu sein, wie sie lächelnd an ihrem gemeinsamen Tisch saß und von ihren Erlebnissen mit ihren Kunden sprach. Sie schien sie nicht mehr zu kennen.

„Sie bezahlen dich also dafür, dass du sie unterhältst und mit ihnen schläfst“, Elena kam sich zwar bieder vor, doch sie war ehrlich entsetzt. Das alles hatte sie natürlich schon gehört, doch das waren immer bloß Geschichten, die ihr nie nahe gekommen waren.

„Isabell, das ist Prostitution. Das ist furchtbar.“

Elena stand auf und öffnete eine zweite Flasche Wein. Sie brauchte jetzt auch dringend noch einen Schluck. Völlig in ihre Gedanken versunken, goss sie ihnen die Gläser fast bis zum Rande voll und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Unbewusst vergrößerte sie dabei den Abstand zu ihrer Freundin.

„Vielleicht ist es eine Form der Prostitution. Wahrscheinlich schon.“ Sie nahm einen großen Schluck; auch Elena trank den Wein wie Wasser. „Doch ich arbeite weder in einem Bordell noch stehe ich an der Straße. Es ist mehr wie eine Verabredung.“

„Aber das ist ekelhaft.“ Langsam merkte Elena, wie ihr der Wein zu Kopf stieg. Wie musste sich erst ihre Freundin fühlen.

„Nein, ekelhaft ist das nicht. Die Männer, die ich bisher begleitet habe …“

„Du meinst, mit denen du für Geld im Bett warst“, unterbrach Elena ihre Freundin rüde, doch sie schien den Einwand nicht zu bemerken oder wollte ihn ignorieren.

„Sie waren alle irgendwie nett. Männer, die sich eine Escortdame leisten können, haben genug Geld. Meistens waren es erfolgreiche Geschäftsleute. Gepflegt, mit guten Manieren. Sie hatten alle was Nettes. Nein, ekelhaft war keiner von ihnen.“

Elena glaubte, nicht recht gehört zu haben. Ihre Freundin verkaufte ihren Körper und fand das nicht widerlich.

„Oftmals war es so, dass sie sich auch im Bett um mich bemüht haben. Ich glaube, viele wollen selbst vergessen, dass sie Geld für Sex ausgegeben haben. Sie wollen Spaß und sich wohlfühlen.“ Versonnen schaute Isabell in ihr Glas.

„Die meisten sind zuvorkommend und anständig.“

Elena schüttelte verständnislos ihren Kopf. Sie konnte ihre Freundin nicht verstehen.

„Warum machst du dann so einen traurigen Eindruck?“, fragte sie erstaunt. Wenn alles so einfach war, wie Isabell es beschrieb, müsste sie doch eine glückliche Frau sein.

„Mache ich das?“, fragte Isabell, doch es klang nicht wirklich wie eine Frage. Es schien so, als ob sie mittlerweile mehr zu sich sprach. „Die Männer bezahlen für ihren Spaß, für ihre Unterhaltung, für einen schönen Körper. Wer ich bin, was mich ausmacht, das interessiert kaum jemanden. Auch wenn ich es manchmal nicht wahrhaben will, ich bin eine Ware, mehr nicht.“ Tiefe Traurigkeit klang aus diesen Worten. „Danach gehen sie zu ihren Frauen, zu ihren perfekten Familien zurück. Manche erzählen von ihren Frauen. Ehefrauen, die es sich gut gehen lassen und von dem Geld leben, das ihr Mann nach Hause bringt. Doch Sex, Liebe und Geborgenheit erfahren die meisten der Männer nicht mehr. Viele der Paare scheinen eher ihr eigenes Leben zu führen.“

Mittlerweile hing Elena an Isabells Lippen.

„Bisher habe ich fast alle Abende ein klein wenig auch genießen können. Ich versuche, mir einzureden, der Mann an meiner Seite sei mein Ehemann. Doch das ist nicht real. Ich versuche, aus dem Geschäft ein Spiel zu machen. Meine eigene Traumwelt. Wir kennen uns nicht und es herrscht, wenn überhaupt, eine aufgesetzte Vertrautheit. Allerdings habe ich Restaurants besucht, die ich mir nie hätte leisten könnte, war in Bars, von deren Existenz ich nichts wusste und habe die großen Hotels unserer schönen Stadt von innen gesehen.“ Mittlerweile schaute Isabell ihrer Freundin offen in die Augen. „Ich schäme mich dafür, dass ich die Abende durchaus genieße, mir meine eigene kleine Traumwelt gönne. Ich schäme mich, wenn ich es genieße, berührt zu werden. Aber am meisten schäme ich mich, wenn ich gleich zu Beginn eines Abends meine Hand ausstrecke und mein Gegenüber mir einen Briefumschlag hineinlegt.“

Elena hielt Isabells Hand nun fest umschlossen.

„Du musstest also noch nie mit irgendwelchen widerwärtigen Männern ins Bett?“, forschte sie, mittlerweile mehr neugierig als entsetzt.

„Doch, es gab welche, die waren unangenehm. Unangenehm in ihrer Person, also nicht ungepflegt oder so. Es gab welche, die ich vom Typ her nicht wirklich sympathisch fand und bei denen es mir verdammt schwer gefallen ist, mich anfassen zu lassen.“

„Wie hast du das ertragen?“

„Ich versuche, an jemanden anderes zu denken, diesen Mann nicht in meinen Geist zu lassen. In diesem Augenblick ist es gut, dass sie nur an meinem Körper interessiert sind. Mich als Ware sehen.“

Immer mehr bemühte Elena sich, sich in die Gedanken Isabells einzufinden. Ihre Freundin verkaufte ihren Körper. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie sich das für sie anfühlen würde. Könnte sie das ertragen?

Sie glaubte nicht, dass sie diese Arbeit schaffen würde, doch entschied sich eine Frau freiwillig dafür? Viele Fragen überschlugen sich in Elenas Kopf, aber sie war sich sicher, dass Isabell ihr die wenigsten beantworten wollte.

„Wie war das erste Mal für dich?“, fragte sie stattdessen vorsichtig.

„Das erste Mal?“, kurz dachte Isabell über die Antwort nach.

„Ich war unsicher. Wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich war vorher wahnsinnig nervös. Ich glaube, ich habe mich den halben Nachmittag vor dem Spiegel gedreht und meinen Körper betrachtet. Ich hatte Angst, dass er mich zurückweisen, sich über mich beschweren könnte. Es war mir nicht klar, was von mir erwartet wurde.“ Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Wir haben uns in der Lobby seines Hotels verabredet. Als ich die Halle betrat, kam er mir entgegen, nahm meine Hand, und alles war irgendwie selbstverständlich. Wir haben wunderbar gegessen und hinterher beim Tanz in der Hotelbar haben wir uns zum ersten Mal geküsst.“ Isabell machte eine kurze Pause, fast so, als ob sie den Moment noch einmal erleben würde.

„Schon im Fahrstuhl konnte er kaum die Finger von mir lassen; kaum waren wir im Zimmer, da lagen wir auch schon im Bett.“

„Und dann?“ Elena hing an Isabells Lippen. Die ganze Geschichte hörte sich nach einem ungewöhnlichen Date an und nicht nach Prostitution.

„Ich musste mich darauf konzentrieren, nicht zu vergessen, in welcher Rolle ich dort war. Pünktlich nach vier Stunden habe ich ihn an eine Bewertung erinnert und bin gegangen. Aus der Traum vom schönen Leben!“ Wieder kehrte die Bitterkeit in die Stimme der Freundin zurück.

Elena verstand ihre Freundin, die in eine Welt eintauchte, zu der sie gerne gehören würde, aber zu der sie nicht zugelassen war. Ausgenommen als Ware.

„Mit wem warst du heute Abend aus?“

„Ich war mit einem Geschäftsmann aus Berlin essen. Er war nicht unangenehm. Eigentlich war er langweilig und nichtssagend.“ Nun kicherte Isabell. Der Wein schien ihr endgültig zu Kopf gestiegen zu sein.

„Er ging mir fast bloß bis zum Kinn; ich konnte die meiste Zeit auf seine Glatze schauen.“

„Er hatte keine Haare?“

„Doch“, kicherte Isabell weiter. „So einen Haarkranz. Er hat versucht, seine Glatze zu kaschieren, indem er seine Haarsträhnen von rechts nach links über seinen Kopf festgelte.“ Jetzt lachte sie lauthals. „Das sah sowas von dämlich aus im Bett. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder abgestoßen sein sollte.“

Wie aus dem Nichts weinte Isabell plötzlich los. Alle Anspannung, die Vorsicht ihr Geheimnis zu wahren, all das fiel in diesem Moment von ihr ab.

Elena stand auf, nahm ihre Freundin in den Arm und wiegte sie sanft wie ein Kind hin und her. Der viele Wein hatte Isabell nach dem Abend als Escortlady den Rest gegeben.

Elena war das ganze Ausmaß von dem, was sie heute Abend erfahren hatte, noch gar nicht richtig bewusst. Im Moment wusste sie lediglich, dass ihre Freundin endlich Vertrauen zu ihr gefasst hatte und sie an ihrer Seite sein konnte. Isabell musste sich nicht mehr verstellen. Elena würde für ihre Freundin da sein.

„Komm mit!“ Bestimmt zog Elena Isabell vom Stuhl hoch und brachte sie zu ihrem Zimmer. Dort angekommen, schlug sie die Bettdecke zurück und streifte ihr das Seidenkleid von den Schultern. Ein verführerischer Traum eines BHs und ein winziger Tanga kamen zum Vorschein. Elena beließ es dabei, half ihrer Freundin in ihr Bett und löschte das Licht. Isabell schien bereits eingeschlafen zu sein, als Elena ihr Zimmer verließ.

Sie selbst lag noch lange wach. Sie dachte an Isabell und über ihr seltsames Leben nach. Nie hätte sie sich vorstellen können, sich mit solch einen Thema auch nur gedanklich zu beschäftigen. Prostitution gehörte zu einer anderen Welt. Leute, die irgendwo auf der Strecke geblieben waren. Drogen schossen ihr durch den Kopf und Kriminalität.

Doch all das gab es hier nicht. Hier gab es zwei kleine Kinder, Nudeln mit Tomatensauce, eine Oma, die regelmäßig zu Besuch kam. Was es hier allerdings gab, war eine andauernde Geldnot, die diese Idylle gefährdete. Was für eine traurige kleine glückliche und falsche Welt!

3.

Träge öffnete Elena die Augen. Es war noch dunkel draußen. Zu früh zum Aufstehen, zu früh, um den Tag anzugehen. Der Wecker war jedoch anderer Meinung; aus dem Radiosender drang ihr gute Laune und Musik entgegen, die nicht zu ihrer verschlafenen Stimmung passen wollte. Sie sehnte sich nach Ruhe und danach, sich noch einmal unter ihre Decke zu kuscheln. Mit der linken Hand schaltete sie den Wecker aus und verbannte damit die Außenwelt aus ihrem Schlafzimmer.

Ruhig lag sie in ihrem großen Bett und lauschte in die Stille der Wohnung hinein. Nichts rührte sich. Isabell war bis in die frühen Morgenstunden mit einem Kunden unterwegs gewesen und erholte sich mit einem tiefen Schlaf von ihrem nächtlichen Auftrag. Elena stellte sich vor, wie die beiden Kinder winzig zusammengerollt in ihren Betten lagen. Abends fanden sie kaum zur Ruhe und morgens kam die Zeit des Aufstehens wie immer viel zu früh. Noch ein paar Minuten der Stille, der Wärme und des Genießens gönnte sich die junge Frau, bevor sie ihre Bettdecke zur Seite schob und die hübschen Beine aus dem Bett schwang. Ihre Füße steckte sie schnell in ihre Plüschhausschuhe. Die Kinder nannten die flauschigen Ungetüme immer „die Hasenpfoten“.

Heute war ein aufregender Tag. Nach mindestens vierzig schriftlichen Absagen war sie zu einem Vorstellungsgespräch in das Düsseldorfer Modedesignerbüro Ernestie eingeladen worden. Ernestie gehörte zu den fünfzig besten Modeschmieden Deutschlands. Es war ein inhabergeführtes Unternehmen, das für Eleganz und außergewöhnliche Modelle stand. Der Inhaber Phillip Ernestie galt in der Branche als ein schwieriger, egozentrischer Typ, aber auch als begnadeter Modedesigner.

Elenas Knie zitterten, wenn sie daran dachte, sich heute bei ihm vorstellen zu dürfen. Die letzten Tage hatte sie damit zugebracht, sich auf das Gespräch vorzubereiten. Die Homepage des Unternehmens kannte sie besser als ihre Handtasche; sie glaubte, jedes der aktuellen Modelle wiedererkennen zu können. Sie hatte ihrem Friseur einen Besuch abgestattet und ihre Garderobe einer genauen Prüfung unterzogen. Am heutigen Tag wollte sie einen selbst entworfenen Rock mit einer passenden Bluse tragen. Der Rock war von der Form her eher klassisch gehalten, doch sie hatte es geschafft, ihn so gewitzt zu nähen, dass er farblich in vielen Nuancen schimmerte und vorteilhaft ihre weibliche Figur betonte.

Auch hatte sie sich überlegt, wie sie den anspruchsvollen Designer von sich überzeugen könnte. Ihre Erfahrungen im Entwerfen und Fertigen von Theatergarderoben würden ihr hier nicht viel weiterhelfen. Dennoch wollte sie ihre Kreativität hervorheben. Sie hatte Ideen und sie war gut darin, diese auch umzusetzen. Darauf wollte sie bauen.