Sarah Seelenfänger - Chris Abraham - E-Book

Sarah Seelenfänger E-Book

Chris Abraham

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Beschreibung

„Alles in Sarah schrie danach, den Raum auf der Stelle zu verlassen und so viel Abstand wie möglich zwischen sich und diesen Mann zu bringen. Andererseits hatte sie ihr Leben lang nach Antworten gesucht. Warum, verdammt noch mal, musste sie ausgerechnet dieser Stefan liefern?!“ Geister zu sehen ist nicht immer von Vorteil, das weiß die 15-jährige Sarah nur zu gut. Aufgrund ihrer Gabe wird sie in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Dort begegnet sie dem zwielichtigen Therapeuten Stefan und lernt die gleichaltrige Sophie kennen. Zwischen den beiden entsteht rasch eine enge Freundschaft. Gemeinsam entdecken sie, dass Sarah eine Seelenfängerin ist – ein Wesen mit der Fähigkeit, Geister nicht nur zu sehen, sondern sie auch an sich zu binden. Doch das ist erst der Anfang, denn der Schlüssel zu ihrem Überleben in einer Welt, in der übernatürliche Kriminelle und ruhelose Geister den Mädchen nachstellen, liegt tief in Sarah verborgen.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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SARAH SEELENFÄNGER

SCHATTENHERBST

CHRIS ABRAHAM

INHALT

1. Stefan

2. Lukas und Hilda

3. Katja

4. Jennifer

5. Ben

6. Egon

7. Helen

8. Familienbande

9. Clara

10. Baby

11. Träume

12. Saskia

13. Pläne

14. Aron und Judith

Epilog

Über den Autor

Impressum

für Steffi

1

STEFAN

Mit einem zarten Knacken brach Timmys Genick. Das Kaninchen zuckte kurz, dann lag es still.

Sarah legte das Tier behutsam ins nasse Laub. Gespannt beugte sie sich vor. Eine Strähne ihres langen, schwarzen Haares strich über Timmys tote Augen. Sein feuchtes Fell roch nach Streu, altem Heu und einer Spur Urin. Das Mädchen wartete. Es wartete darauf, dass Timmy seinen Zauber entfaltete.

Da. Ein kurzes Flackern. Sarah hielt den Atem an. Ein blauer Schimmer überzog das Tier. Er verdichtete sich zu einem Leuchten, das in den folgenden Minuten an Stärke gewann. Der Geist. Er löste sich vom Körper.

„Hey du“, flüsterte Sarah. Zärtlich streckte sie die Hand aus. Es prickelte, als sie den milchig-trüben Dunst berührte, dessen Form grob an ein Kaninchen erinnerte. Das Wesen bemerkte sie nicht. Es hob den Kopf, schnupperte unschlüssig und hoppelte suchend durch die Luft. Der Geist löste sich auf wie Nebel in der Sonne. „Bleib da!“, rief das Mädchen. Es versuchte vergeblich, den geheimnisvollen Hauch festzuhalten. Einen Augenblick später war nichts mehr von ihm übrig.

Sarah kraulte das noch warme Kaninchen und seufzte tief. Ihre Eltern kehrten heute aus dem Urlaub zurück. Bis dahin musste Timmys leblose Hülle verschwunden sein. Unter der Buchenhecke hatte sie eine schlichte Grube ausgehoben. Feierlich legte sie das Tier hinein. Zuletzt warf sie das Grab zu und bedeckte es mit feuchtem Laub.

Das Mädchen verharrte noch einen andächtigen Augenblick. Dann stand es auf, klopfte sich die Blätter von der Jeans und verschwand im Haus.

Natürlich flog Sarah auf. Genauso, wie später mit dem Schäferhund der Nachbarn und anderen Tieren. Aber sie konnte nicht widerstehen. Die Versuchung war einfach zu groß.

Es folgten etliche Sitzungen bei Psychologen, Psychiatern und anderen Nervenärzten. Mit fünfzehn Jahren wurde das Mädchen schließlich in eine Klinik in Hamburg-Harburg eingewiesen.

* * *

Sarah betrat das Patientenzimmer. Sie stellte ihre Reisetasche auf den Boden. Der Raum wirkte großzügig. Er bot genug Platz für zwei Betten, einen Schrank und eine Sitzecke mit Sesseln. Es roch ein wenig muffig. Durch das Fenster drangen gedämpft die Geräusche der Straße herein.

Sie teilte sich ihr Zimmer mit einer etwa gleichaltrigen Patientin. Das andere Mädchen saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett und starrte die Wand an. Es erwiderte Sarahs Gruß nicht und blieb regungslos, als sie ihre Tasche ausräumte und sich einrichtete.

Sarah musterte verstohlen ihre Mitpatientin. Sie sahen sich ähnlich. Das Mädchen war eine Handbreit größer als sie selbst mit ihren ein Meter sechzig. Es war schlank, aber nicht ganz so mager wie Sarah. Beide hatten sie pechschwarzes Haar. Die Patientin versteckte das blasse Gesicht hinter einer welligen, zerzausten Mähne. Sarah hätte viel für solche Locken gegeben. Wenn sie ihre eigenen Haare nicht wusch, hingen sie schlapp und kraftlos herab, wie verkochte Spaghetti. Sie beugte sich vor und erhaschte einen Blick auf dunkle Augen und eine schmale Nase. Das Mädchen hatte die Lippen zusammengepresst. In ihrer verschlissenen Jeans und dem abgewetzten, grünen Tank-Shirt sah es verlottert aus.

Sarah rutschte unauffällig näher. Sie schnupperte. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie hatte miefige Socken und alten Schweiß erwartet. Stattdessen roch ihr Gegenüber angenehm. Ihr Duft erinnerte sie entfernt an Vanille.

Das Mädchen starrte weiter unbewegt aus dem Fenster. Es hatte sich von der Welt zurückgezogen. Irgendetwas Schlimmes war mit ihren Eltern geschehen. Einer der Ärzte hatte so etwas erwähnt.

Sarah legte sich auf ihr Bett und schloss die Augen.

In einem kargen Büro der Klinik tobte Prof. Dr. Neuhaus. „Das können Sie nicht machen!“, schrie er einen blonden Mann in dunklem Anzug an. „Mir ist egal, ob Sie Beziehungen zum Gesundheitsministerium haben! Wir dürfen Sarah Kötter nicht in dem Zimmer lassen. Ihre Mitpatientin hat die eigenen Eltern getötet! Die gehört in die geschlossene Psychiatrie und nicht in unsere offene Anstalt. Sie wird sich umbringen. Oder jemand anderen!“

Der Mann im Anzug betrachtete sein Gegenüber aus blassblauen Augen. Die dünnen Lippen verzogen sich zu einem humorlosen Lächeln. Er nutzte die Pause, die der Psychiater brauchte, um Luft zu holen. „Und sie hatte allen Grund dazu.“

„Grund wozu?“, fragte Professor Neuhaus, kurz aus der Balance gebracht.

„Ihre Eltern umzubringen, nach allem, was die ihr angetan haben. Glauben sie mir, Sie wollen die Details nicht wissen.“

„Aber warum zu uns?“, fragte der Arzt und rang die Hände. „Sie kennen unser Krankenhaus doch gar nicht. Wir haben nicht das Personal für so einen Fall.“

Der Mann schaute sein Gegenüber eindringlich an. „Lassen Sie Sarah Kötter auf jeden Fall weiter mit ihr das Zimmer teilen. Sie sollen sich kennen lernen. Ich übernehme die Therapie und die Verantwortung für beide Patientinnen.“ Damit war das Gespräch beendet.

Der rote Backsteinbau, ein umgebauter alter Speicher, lag direkt am Hafen. Von außen sah die Klinik einladend aus. In ihrem Inneren strahlte sie den gleichen sterilen Charme aus wie die meisten Krankenhäuser in Deutschland. Personal huschte durch lange, von Neonlicht beleuchtete Flure. Hin und wieder erspähte Sarah einen Arzt in weißem Kittel. Es roch keimfrei, nach einer Mischung aus Reinigungsmitteln und Zahnarzt. In der Kinderabteilung hatte jemand mit ein paar bunten Bildern den verzweifelten Versuch unternommen, die kühle Atmosphäre aufzuheitern.

Die Schwestern und Pfleger waren nett, ohne allzu großes Interesse an der Neuen zu zeigen. Die verständnisvolle Art der Ärzte hasste Sarah jetzt schon. Ihr war nur Recht, dass die heilige Inquisition der Psychiater sie erst am nächsten Tag heimsuchen würde.

Mit ihren fünfzehn Jahren war Sarah ein Fall für die Jugendpsychiatrie. In der Abteilung strandeten hauptsächlich Heranwachsende, die in pubertären Gefühlswogen gekentert waren. Daneben gab es seelisch überladene Patienten mit Ritzwunden an den Armen und essgestörte Teenager.

Sarah verbrachte den Großteil des Tages auf ihrem Zimmer. Immer wieder beobachtete sie verstohlen ihre Mitbewohnerin. Äußerlich schien ihr nichts zu fehlen. Innerlich zerriss sie. Sarah wunderte sich über die Deutlichkeit, mit der sie die Gefühle des Mädchens wahrnahm. Sie spürte seine Todessehnsucht fast körperlich. Selbsthass, Wut und Scham verschlangen den Hunger nach Leben.

Am Abend steigerte sich der Schmerz ins Unerträgliche. Eine Pflegerin kam herein, verabreichte dem willenlosen Mädchen ein paar Brocken Essen und begleitete es zum Waschen. Anschließend saß es auf dem Bett und nestelte abwesend mit den Fingern an der Decke herum. Etwas hatte sich geändert. Das Mädchen hatte einen Entschluss gefasst.

Sarah faszinierte die Entwicklung. Sie wollte um jeden Preis wach bleiben, wollte sehen, was geschehen würde. Irgendwann fielen ihr in der Dunkelheit des Zimmers die Augen zu. Sie sank in einen unruhigen Schlaf.

Mitten in der Nacht schrak sie auf. Ein Rascheln hatte sie geweckt. Es war das Mädchen neben ihr, das sich leise im Bett aufrichtete. Nach einem kurzen Moment schwang es die Beine über den Bettrand und stand auf.

In der Finsternis flüsterte Sarah: „Darf ich zusehen?“

Das Mädchen erstarrte. Nach einer scheinbaren Ewigkeit nickte es.

Sarah griff in der Dunkelheit ihren Pullover, zog ihn über den Schlafanzug und folgte dem Mädchen. Wie ein Geist verschwand es in seinem weißen Nachthemd im Badezimmer.

Die beiden brauchten kein Licht einzuschalten. Der Mond leuchtete durch das Oberlicht des gekachelten Raumes und tauchte die milchige Tür der Duschkabine in bleiches Weiß.

Das Mädchen kauerte sich mit dem Rücken gegen die nackten Fliesen und zog die Beine eng an sich.

Sarah hockte sich an die gegenüberliegende Wand.

Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Dann zog das Mädchen etwas unter dem Nachthemd hervor: eine schlichte Pappschachtel. Es öffnete sie andächtig. Kaltes Mondlicht brach sich an der schillernden Schneide einer Scherbe. Sarah spürte, wie ein Kampf in dem Mädchen aufflammte. Todessehnsucht und Überlebenswille rangen miteinander. Keine der beiden Kräfte gewann die Oberhand.

Nach einer Weile durchbrach eine traurige Stimme die Stille: „Warum?“ Das Mädchen klang ein wenig heiser durch das lange Schweigen.

„Warum was?“, fragte Sarah nach kurzem Zögern.

„Warum willst du dabei zusehen?“

„Weil der Tod so unendlich schön ist“, antwortete Sarah prompt.

„Wieso schön? Er erlöst. Die Bilder hören endlich auf!“ Die Stimme des Mädchens brach. „Diese entsetzlichen Bilder!“ Es presste die Hand auf den Mund und schluchzte. Sein ganzer Körper bebte.

Sarah schob sich ein wenig näher heran und berührte versuchsweise den zitternden Arm. Als das Mädchen nicht zurückzuckte, begann sie zu reden: „Davon weiß ich nichts. Was ich weiß ist, wie schön der Tod ist.“ Sie stockte kurz. „Ich kann den Tod spüren, seit ich denken kann“, fuhr sie sanft fort. „Es ist so eine Art Gabe. Oder ein Fluch, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich spüre das Leben erst so richtig, wenn es verschwindet. Das ist irgendwie traurig, weil ich mit anderen Menschen wenig anfangen kann. Dafür ist es für mich zum Sterben schön, beim Ende dabei zu sein. Wenn du nur einmal erleben könntest, wie wundervoll es ist, wenn das Leben den Körper verlässt. Wie sich der Geist löst. Wie frei er ist, bevor er verschwindet.“

Die Stimme des Mädchens klang unsicher. „Ich habe schon einmal erlebt, wie das Leben den Körper verlässt. Es war schrecklich.“ Nach einer Pause fuhr es fort. „Meine Eltern hatten wieder diesen fetten, alten Kerl eingeladen. Er war so widerlich! Sein Atem stank faulig und sein, sein …“

Sarah wartete geduldig, bis das Mädchen weitererzählte. „Er hat wohl sehr viel Geld für mich bezahlt. Meine Eltern haben mir gesagt, ich sei es ihnen schuldig, nach allem, was sie für mich getan haben. Aber der Kerl war so abartig. Andere waren nicht so schlimm“, fuhr sie fort. Sie hob den Kopf und sah Sarah an. „Manche waren sogar ganz nett. Sie haben mir zumindest nicht so weh getan.“ Das Mädchen starrte in die Dunkelheit. „An dem Abend war es ganz besonders abscheulich. Ich habe mich so geekelt, ich musste mich übergeben. Da hat er gelacht. Er hat laut gelacht und weitergemacht.“

Das Mädchen wimmerte. Es hielt seine Beine umschlungen, wippte vor und zurück. Sarah nahm es behutsam in den Arm. Das Schaukeln und Beben ebbte ab. Schließlich erzählte es weiter: „Es war mitten in der Nacht, als er endlich weg ist. Ich weiß gar nicht, wie ich da hingekommen bin, aber plötzlich stand ich mit einem Küchenmesser im Schlafzimmer meiner Eltern. Ich hab meinem Vater einfach quer über den Hals geschnitten. Er hat sich die Kehle zugehalten. Blut ist zwischen seinen Händen vorgespritzt. Meine Mutter wurde wach und ich hab ihr in die Brust gestochen. Beide haben so eklige Geräusche gemacht. Überall war Blut. Es ist einfach aus ihnen rausgeflossen. Da bin ich nach unten gerannt. Ich hatte wahnsinnige Angst vor der Bestrafung. Ich wollte einfach nicht wieder in dem Loch im Keller eingesperrt werden, verstehst du?“ Sie blickte zu Sarah auf. „Das tut so weh, wenn man nicht richtig sitzen oder stehen oder liegen kann und es wird furchtbar kalt.“ Das Mädchen schaute auf den Boden zu ihren Füßen. „Ich habe mich nicht mehr hoch getraut, sondern einfach die Streichhölzer und Spiritus aus der Garage geholt und alles angezündet.“

Sarah wartete eine Weile. Als das Mädchen stumm blieb, nahm sie dessen Hand und streichelte sie zärtlich. „Ich wäre gerne dabei gewesen“, seufzte sie.

Mit entsetzter Miene blickte das Mädchen auf.

Sarah fuhr fort: „Ich weiß, dass du mich für verrückt hältst. Alle tun das. Ich wünschte nur, du hättest deine Eltern mit meinen Augen gesehen; das Leuchten, als das Leben ihre Körper verlassen hat. Es hat keine wirkliche Farbe, weißt du, aber es fühlt sich irgendwie bläulich an. Am Anfang ist es ganz deutlich. Manchmal ist es so dicht, dass ich glaube, ich könnte es in die Hand nehmen, aber ich greife immer durch. Leider lässt es schnell nach und irgendwann ist es weg.“

Das Mädchen nahm Sarahs Schilderung hin, ohne sie infrage zu stellen. Es räusperte sich und schluckte hart. Kaum hörbar fragte es: „Dann hältst du mich nicht für ein Monster?“

„Nein“, erwiderte Sarah.

„Ich habe meine Eltern getötet“, murmelte das Mädchen. „Wie soll ich jemals damit leben? Wie soll ich all die grauenhaften Bilder aus dem Kopf bekommen?“ Verloren blickte es auf die Scherbe, die es für einen Moment vergessen hatte. „Ich kann so nicht weiterleben.“

Sarah dachte kurz nach. Ruckartig sah sie auf. „Bewahre den ganzen Mist mitten im Herzen auf“, sagte sie fest. „Mach Wut draus. Lerne, deine Eltern zu hassen, für das, was sie dir angetan haben. Die Wut macht dich stark. Und wenn du stark genug bist, muss dir so etwas nie wieder passieren.“ Sarah überlegte. „Und wenn doch, dann hast du noch mehr Wut und noch mehr Hass.“

Erschrocken blickte das Mädchen Sarah an. „Aber …“, setzte es an.

„Kein Aber!“, fiel Sarah ihr ins Wort und sprang auf. „Entweder du nimmst die Bilder und schmiedest eine Höllenwut daraus, oder du bringst dich hier und jetzt um. Es ist deine einzige Chance!“

„Ich … ich kann nicht“, stotterte das Mädchen.

„Dann stirb. Tu’s. Bring dich um.“

Ungläubig schaute das Mädchen zu Sarah auf. „Ich kann nicht“, wiederholte es und senkte den Kopf.

„Und ob du kannst. Du hast dich jahrelang misshandeln lassen, ohne dich zu wehren! Du hast einfach alles mit dir machen lassen. Feigling!“

Das Mädchen erstarrte. Zorn funkelte in ihren Augen. „Du hast ja keine Ahnung, wie es war!“

„Dich im Selbstmitleid zu baden, hilft dir auch nicht! Los, fang an, gegen deine Eltern anzukämpfen! Oder nimm die verdammte Scherbe und bring dich um!“

„Was weißt du denn schon, du blöde Schlampe!“, brüllte das Mädchen plötzlich. „Was weißt du denn schon, wie es ist, wenn man solche Eltern hat!“

„Und du hast nicht einmal den Arsch in der Hose, diese Eltern zu hassen! Diese abscheulichen Eltern, die dich gefoltert und gequält haben. Diese Eltern, die sich an deinem Leid sattgeglotzt haben. Diese Eltern, die dich an den Abschaum der Menschheit verschachert haben, als ihnen selber nichts mehr eingefallen ist. Diese Eltern verteidigst du immer noch. Du wagst es nicht, dich gegen sie zu stellen, du Waschlappen. Hasse sie, du dumme Kuh. Hasse sie um dein Leben!“

Eine Zeit lang saß das Mädchen stumm und zitternd in der Ecke. Dann nahm sie die Hand, die Sarah ihr entgegengestreckt hatte, zog sich daran hoch, nutzte den Schwung und schlug mit der Faust gegen die Duschtür. Das Plastik splitterte. Sie stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus. Am Ende waren vier kräftige Pfleger nötig, um das schreiende, sich windende und um sich schlagende Mädchen zu bändigen.

Am nächsten Morgen erwachte Sarah von der Sonne, die in ihr Gesicht schien. Geblendet blickte sie zur Seite. In dem Bett gegenüber lag das Mädchen. Es sah friedlich aus, so als sei in der vergangenen Nacht nichts geschehen. Plötzlich schlug es die Augen auf, schaute zu Sarah, lächelte und sagte: „Ich bin Sophie.“

* * *

Der neue Therapeut saß an einem schlichten, weißen Tisch. Der Raum lag im Untergeschoss der Klinik. Durch ein schmales Fenster nahe der Zimmerdecke sah Sarah einen Fetzen Himmel. Graue Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben. An der Wand stand eine Liege, daneben ein Nachttisch mit einer Flasche Wasser und einem Glas darauf.

„Nimm Platz, bitte“, sagte der Arzt und deutete auf einen Stuhl ihm gegenüber. Er trug einen dunklen Anzug unter dem weißen Kittel. Blassblaue Augen lächelten sie aus einem sonnengebräunten Gesicht an. Seine kurzen, blonden Locken und das sorgfältig rasierte Kinn wirkten knabenhaft. Falten um den Mund und auf der Stirn störten den jugendlichen Eindruck. Sarah schätzte ihn auf Ende dreißig.

„Ich bin Stefan“, begrüßte sie der Mann mit ruhiger Stimme. Sein Händedruck war eine Spur zu fest.

„Sarah“, murmelte das Mädchen.

„Ich bin für die nächste Zeit dein Therapeut“, erklärte er. „Obwohl Therapeut es nicht ganz trifft. Ich will gar nicht lange drumherum reden, Sarah, sondern lieber dein Interesse mit einem kleinen Kunststück wecken.“ Mit einer fließenden Bewegung beugte er sich herunter zu einer Aktentasche.

Sarah verdrehte die Augen. Ein kleines Kunststück. Sind wir hier im Zirkus?

Der Arzt holte eine Art Einmachglas aus der Tasche. Es war mit einem Metalldeckel verschlossen, in den ein Gitter eingelassen war. In dem Gefäß saß eine weiße Laborratte, noch ganz jung.

Sarah musterte den Mann. Was kam jetzt? Der Wert des Lebens und so weiter? Das hatte sie ein Dutzend Mal gehört. Als Nächstes wird er: „Schau mal, wie niedlich!“, oder etwas anderes Dummes sagen. Missbilligend lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück.

Doch ihr Therapeut sagte gar nichts. Er zog ein braunes Fläschchen ohne Aufschrift aus der Tasche und stellte es neben das Glas mit der Ratte. Bedächtig drehte er den Gitterdeckel ab, öffnete die Flasche und gab einige Tropfen einer farblosen Substanz in das Gefäß, das er nun mit einem Glasdeckel luftdicht verschloss. Das Jungtier wurde plötzlich unruhig. Es versuchte hektisch mit den Pfötchen die glatte Glaswand hinaufzuklettern. Sarah beugte sich vor. Die Bewegungen des Tieres wurden schwächer und hörten schließlich auf.

„Halothan“, sagte Stefan. „In geringen Dosen ein Narkosegas, in höheren tödlich.“ Es dauerte ein, zwei Minuten, dann spürte Sarah, wie das kleine Leben den Körper verließ. Das Mädchen starrte gebannt auf die Ratte. Ihr Geist löste sich rasch auf.

„Du spürst es auch, nicht wahr?“, fragte Stefan, der sie genau beobachtete. „Der Leichnam spricht zu dir, er ruft dich“, stellte der Arzt fest. „Ich will dir etwas zeigen.“ Er nahm die Ratte aus dem Glas und legte sie zwischen Sarah und sich auf den Tisch. Stefan streckte die Hand aus.

Sarah hielt den Atem an.

Die feingliedrige Männerhand strich sanft über das weiße Fell und kraulte die tote Ratte hinter den Ohren. Im nächsten Moment zog ein Kribbeln Sarahs Rückgrat hinauf. Dunkelblaue, ölige Fäden lösten sich von den Fingern des Mannes. Sie tasteten nach der Ratte und umschlossen Stück für Stück ihren Körper. Zuletzt drangen sie in den Nacken ein. Sarah zuckte zusammen, als die Ratte den Kopf hob. Sie war definitiv tot, aber nun erfüllte sie fremdes Leben. Stefan hob die Hand ein wenig. Dunkle Energie verband seine Fingerspitzen mit der Ratte. Wie eine Marionette an ihren Fäden stellte er das Tier auf die Pfoten und ließ es ein paar Schritte laufen. Abrupt ballte er die Hand zur Faust und schnitt damit die Kraft ab. Die Ratte lag wieder reglos auf dem Tisch. Sarah schaute in Stefans funkelnde Augen. „Willst du es lernen?“, fragte er lächelnd.

Sarah hatte sich gerade hingelegt, als Sophie wenig später von einer Therapiesitzung zurückkehrte und sich wortlos auf ihr Bett setzte. Vom Kampfgeist des vorherigen Abends war nichts mehr zu spüren.

„Hallo“, durchbrach Sarah die drückende Stille.

Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte Sophie ein tonloses „Hallo“ heraus.

„Wie war es bei dir?“, fragte Sarah vorsichtig.

„Gut.“ Sophies Stimme war kaum hörbar.

Sarah stand auf und setzte sich zu ihr. „Was stellen die mit dir an?“

„Gesprächstherapie. Sie meinen, ich mache Fortschritte.“

„Warum siehst du dann so furchtbar aus? Gestern hast du geglüht, heute bist du ein Haufen Asche.“

„Aggression ist nicht gut für mich, meint Frau Dr. Kieselkamp. Stattdessen gehen wir Stück für Stück meine Vergangenheit durch.“

„Das ist ja grässlich!“, platzte es aus Sarah heraus. „Sollst du all die Tode noch einmal sterben?“

„Ich muss alles aufarbeiten. Angefangen von dem Zeitpunkt, an dem mein Vater mich das erste Mal …“ Sophie brach ab. „Dabei erinnere ich mich daran gar nicht. Ich war noch viel zu klein.“

„Und das soll dich heilen?“ Sarah sprang wütend auf. „Ja, sind die denn vollkommen bescheuert? Was geschehen ist, ist geschehen. Deine Vergangenheit wirst du nicht los.“

Sophie schaute zu Sarah auf. „Meinst du, ich werde nie wieder normal?“

„Was ist schon normal? Aber die Bilder wirst du in sechs Leben nicht mehr los.“

„Und woher willst du das wissen?“, brauste Sophie plötzlich auf. Ein Funke aus der Glut des Vorabends war zurückgekehrt. „Da sind jede Menge Ärztinnen und Ärzte, die studiert haben und meinen, sie kriegen mich zurechtgebogen. Dass alles wieder gut wird!“

„Ach, und was sind deine tollen Ärzte für Menschen? Muttersöhnchen und Papas Lieblinge!“, schimpfte Sarah. „Aufgewachsen so behütet und gepampert, wie du es dir nur vorstellen kannst. Und die wollen dir erzählen, wie du wieder heil wirst? Du bist kaputt! Und du brauchst etwas, um die Risse zu kitten. Ein bisschen Klarlack über die Scherben reicht da nicht!“

Sophie sprang nun ebenfalls auf die Füße. Die beiden Mädchen standen sich mit hochroten Köpfen gegenüber.

„Und woher willst gerade du wissen, was gut für mich ist? Du dämliche, nekrophile Schlampe!“, brüllte Sophie.

Sarahs Zorn war mit einem Mal verflogen. „Weil ich es in dir gesehen habe“, antwortete sie ruhig. „Gestern im Badezimmer, als du dir die Pulsadern aufschneiden wolltest. Die Scherben, aus denen dein Ich besteht, lagen wie ein Puzzle vor mir. Es sah ganz einfach aus und mir war klar, wie du wieder heile wirst.“

Sophie sah sie entgeistert an. Auch ihre Wut war verraucht. „Und was soll ich jetzt machen?“, fragte sie schließlich.

„Das, was ich dir gesagt habe. Nimm die Bilder. Schmiede Zorn daraus. Überlebe. Das Vergangene nur heraufzubeschwören und dir den Hass zu verbieten ist dein Tod.“

Sophie setzte sich auf ihr Bett. „Danke“, sagte sie schließlich. „Ich habe mich selten so lebendig gefühlt wie gerade, als wir gestritten haben. Ich hätte dich am liebsten in Stücke gerissen.“ Sie lächelte. „Es hat sich gut angefühlt.“

Sarah nickte. „Das ist dein Weg.“

„Und Entschuldigung, dass ich dich blöde Schlampe genannt habe.“

„Nur so fürs Protokoll: Du hast dämliche, nekrophile Schlampe gesagt“, erwiderte Sarah mit hochgezogener Augenbraue.

„Das nekrophil hab ich mal irgendwo aufgeschnappt. Gut, gell?“, meinte Sophie grinsend.

Die Mädchen sahen sich an und prusteten los. Sie kicherten, wie zwei ganz normale Teenager. Und beiden tat es unglaublich gut.

„Wie war es bei dir?“, wollte Sophie wissen, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Was haben sie angestellt, damit du die Geister endlich in Ruhe lässt?“

Sarah wurde schlagartig ernst. „Das glaubst du mir nie. Ich musste hoch und heilig versprechen, mit niemandem darüber zu reden. Weil du es mir aber eh nicht abkaufst, kann ich es dir ruhig erzählen, schätze ich.“ Sie betrachtete ihre Hände und dachte an ölige Fäden. „Mein Arzt will mir beibringen, wie man jemanden zurück aus dem Grab holt.“

Sophie sah sie abschätzend an. „Okay, ich denke, du nimmst mich hier übel auf den Arm, aber red weiter.“

„Also, da war dieser Kerl. Groß, blond, gutaussehend.“

„Ah ja, du verarschst mich.“

„Nein, im Ernst. Ist übrigens viel zu alt für mich“, fügte Sarah hinzu. „Der sitzt also mit mir in so einem Therapiezimmer. Plötzlich holt er eine Ratte aus der Tasche. Er tötet sie und lässt sie an Geisterfäden wie eine Marionette über den Tisch laufen.“

„Und weiter?“, bohrte Sophie nach. „Dir nehm ich mittlerweile alles ab. War die Ratte wirklich tot?“

„Ja“, bestätigte Sarah. „Ich habe ihren Geist gesehen. Danach hat der Typ mich vollgequasselt über die Schattenspieler. So nennen die Menschen sich, die die Gabe haben, Tote zu lenken. Er meint, ich wäre einer von ihnen. Es gibt sie wohl schon ewig. Sie halten sich versteckt. Kann man bei dem Hobby ja auch verstehen. Da gruselt es ja sogar mich und ich steh auf den Tod.“

„Ach, er lässt eine Zombieratte auferstehen und schon findest du ihn gruselig? Ist das nicht ein bisschen spießig?“, bemerkte Sophie spöttisch.

Sarah lachte. „Na ja, das eigentlich Beängstigende war nicht einmal die Tatsache, dass die tote Ratte über den Tisch gelaufen ist, sondern diese Energie, mit der er sie gelenkt hat. Die fühlte sich falsch an; oder vielleicht fremd? Ich weiß nicht so genau.“

„Hmm, und wie geht es bei dir weiter?“

„Heute Nachmittag bekomme ich meine erste Lektion, wie ich selbst süße, kleine Rattenzombies erschaffen kann.“

„Klingt wie ein Traumjob. Ist er wenigstens gut bezahlt?“

„Das meiste gibt man dafür aus, dass einen die Leute nicht jagen und ans Kreuz nageln, glaube ich. Die Toten müssen nämlich wirklich ganz, ganz frisch sein, sonst klappt der Trick nicht.“ Mit Grabesstimme und bedeutungsvollem Gesicht fügte sie hinzu: „Das Blut darf noch nicht geronnen sein.“

„Ups, ja, da könnte es Probleme mit dem örtlichen Tierschutzverein geben. Andererseits wärst du der Star auf jedem Schlachthof, wenn die toten Rinder von selbst zur Wurstmaschine laufen.“

Sarah war nicht nach Lachen zumute. „Der Typ meinte, dass der Trick darin besteht, dass das Herz weiter pumpt und die Lungen den Körper mit Luft versorgen. Dann kann man eine Leiche für viele Stunden oder sogar Tage rumlaufen lassen.“

„Eine willenlose Marionette in der Hand des Puppenspielers?“

„Genau. Das hat nichts mit Geistern zu tun. In mir geht etwas voll auf die Barrikaden.“

„Schau es dir an“, riet Sophie. „Wenn du es lernst und es fühlt sich okay an, gut. Wenn nicht, gibst du deinem Prinzen den Laufpass.“

Sarah dachte kurz nach. „So mache ich es. Danke.“

„Keine Ursache.“ Sophie schaute auf die Uhr. „Wir müssen los.“

Die Mädchen standen auf und schlenderten zum Essen. Viel bekamen sie nicht herunter. Die erste Hälfte des Tages lag beiden schwer im Magen.

„Hallo Sarah.“ Stefan saß wieder in dem weißen Raum, in dem sie sich am Vormittag getroffen hatten.

„Hallo.“ Sarah zog sich den Stuhl heran und setzte sich.

„Na, wie hat dir unsere Lektion heute Morgen gefallen?“

„Ich weiß nicht. Es war seltsam.“

Stefan lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was war seltsam?“

„Wie Sie die Ratte haben laufen lassen. Wie eine Marionette.“

„Bitte Sarah, sag Stefan zu mir. Wir Schattenspieler sind alle Teil einer Gemeinschaft. Wie eine Familie. Und ja, zuerst kann es einem beim Einsatz unserer Gabe ein bisschen mulmig werden.“

„Ich muss mich wohl erst daran gewöhnen. Diese Kraft, die Sie … die du benutzt hast, die war mir unheimlich.“

Stefans Augen verengten sich kaum merklich. Eine Falte erschien auf seiner Stirn.

Sarah war sich sicher, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Vielleicht sogar etwas fatal Falsches. Rasch fuhr sie fort: „Ich denke, ich muss diese Kraft erst noch in mir entdecken. Dafür sind wir doch hier, richtig?“

Stefan entspannte sich ein wenig. „Ja Sarah, dazu sind wir hier.“ Er lehnte sich vor und kam dem Mädchen dabei so nahe, dass es unwillkürlich ein Stück zurückwich. Der Mann schien es nicht zu bemerken. „Was du hier lernst, ist unglaublich wichtig für dich. Du musst Kontrolle über deine Gabe bekommen. Wenn du das nicht schaffst …“ Stefan ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen. „Du wärst nicht die Erste, die daran scheitert, ihre Kräfte in Schach zu halten und … stirbt.“ Er lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. „Ich will dir keine Angst machen, aber ich bin viel mehr als nur ein Freund und Teil deiner neuen Familie. Ich bin dein Retter. Dein Retter vor dir selbst. Du musst mir bedingungslos vertrauen. Nur dann findest du die Gabe in dir. Nur dann lernst du, sie zu beherrschen.“ Stefan lächelte schmeichlerisch. Seine Hände umfassten die Tischkante.

Sarah erschienen die Finger wie Krallen eines Katers, der angespannt auf sein Opfer lauert. Würde es versuchen zu fliehen? Ein Anflug von Furcht überkam sie. Schnell unterdrückte sie das Gefühl, bevor es sich auf ihrem Gesicht zeigte. Sie glaubte nicht daran, dass ihre Gabe eine Gefahr für sie darstellte. Vielmehr stellten sich ihre Nackenhaare auf, wenn sie den Mann ansah. Von ihm ging die Bedrohung aus, das spürte sie deutlich. Am einfachsten war wohl, zunächst sein Spiel mitzuspielen. „Okay, dann zeig mir, wie das geht.“

Stefan sah zufrieden aus. „Mit Hilfe einer Hypnose führe ich dich tief in dein Inneres. Dort wirst du eine Art Kammer finden. Ich kann es schwer beschreiben. Du erkennst sie, wenn du sie siehst.“ Stefan sog bedeutungsvoll die Luft ein. „Im zweiten Schritt öffnen wir diesen Raum. In ihm wartet die Kraft auf dich. Ich werde dir beibringen, sie zu kontrollieren. Damit ist deine Ausbildung hier zu Ende. Wir setzen später das Training an einem anderen Ort fort. Ich bleibe dein Mentor und versuche, so oft wie möglich bei dir zu sein.“

Sarah überlegte. So einfach würde sie Stefan also nicht loswerden. Aber je eher sie mit den Übungen fertig war, desto schneller konnte sie von hier verschwinden. Laut sagte sie: „Wie funktioniert das mit der Hypnose?“ Sie versuchte, einen wissbegierigen Eindruck zu machen.

Stefan lächelte. „Du bist neugierig. Sehr gut.“

Die gönnerhafte Stimme drehte Sarah den Magen um.

Ihr Therapeut fuhr fort: „Früher hätten wir viele Wochen lang geübt, bis du genug Vertrauen gefasst hast, um dich ganz und gar fallen zu lassen. Heute gibt es zum Glück dies hier.“ Mit einem Griff in seine Aktentasche zog er ein silbernes Pillendöschen hervor. Er öffnete es und nahm eine Kapsel heraus, die er vor Sarah auf den Tisch legte. „Das ist eine Droge, die dich direkt in deinen eigenen Kopf schleudert. Es ist so etwas wie die Instant-Suppe der tiefsten Hypnose. Einwerfen, sich lösen und genießen. Du wirst meine Stimme weiterhin hören. Ich führe dich auf deiner Reise. Damit sollte uns in ein paar Tagen gelingen, wozu du früher einmal Jahre gebraucht hättest.“

Das Mädchen sah unbehaglich auf die Pille.

„Vertrauen, Sarah.“ Stefan sah sie mit blauen Augen an. „Glaub an uns, sonst kommen wir nicht weiter.“

Alles in Sarah schrie danach, den Raum auf der Stelle zu verlassen und so viel Abstand wie möglich zwischen sich und diesen Mann zu bringen. Andererseits hatte sie ihr Leben lang nach Antworten gesucht. Warum, verdammt noch mal, musste sie ausgerechnet dieser Stefan liefern?! Aber wenn dies die einzige Möglichkeit war herauszufinden, wer und was sie war, dann hatte sie keine andere Wahl. Zögernd griff Sarah nach der Kapsel. Stefans Schmollmund verzog sich zu einem breiten Lächeln. „Wenn ich bitten darf.“ Er deutet auf die Liege an der Wand, stand auf und ging zur Tür. Sarah hörte, wie er den Schlüssel im Schloss drehte und abzog. „Wir müssen absolut ungestört sein“, erklärte der Therapeut. Er nahm die Flasche vom Nachttisch, goss ein Glas Wasser ein und reichte es ihr.

Sarah versuchte gar nicht erst, ihre Anspannung zu verbergen.

„Sei nicht so verkrampft, entspann dich.“ Stefans Hand streichelte ihren Arm. Unwillkürlich zuckte sie zurück. Ein gekränkter Ausdruck huschte über Stefans Gesicht. Kühl sagte er: „Nimm bitte die Pille. Wir wollen anfangen.“

Sarah gab sich einen Ruck. Sie schluckte die Tablette herunter und legte sich auf die Liege. Das Letzte, was sie sah, war Stefans schmieriges Lächeln.

„Na, wie war’s?“, fragte Sophie, als Sarah zurück aufs Zimmer kam.

„Ganz gut, glaube ich. Ich erinnere mich nicht so genau an alles. Wir haben eine Art Hypnose gemacht. Stefan hat mir mit einer Pille geholfen abzutauchen. Und dann hat er mich geführt. Also ich war weg, habe aber seine Stimme gehört. Er hat mir gezeigt, wie ich tief in mich reinschauen kann. Es war seltsam. Stefan ist übrigens gar kein so schlechter Typ, wie ich dachte.“

Sophie stutzte kurz, sagte aber nichts.

„Wie war es bei dir?“, erkundigte sich Sarah.

„Ach, nicht so toll. Ich habe denen heftig klargemacht, dass Gewalt durchaus Teil meiner Therapie sein sollte. Daraufhin hat mir die Ärztin gesagt, dass ich direkt in der Geschlossenen lande, wenn ich so weitermache.“

„Oh, das klingt blöd.“

„Na ja, ich habe dann bei den Übungen mitgemacht. Am Ende waren alle halbwegs beruhigt. Für Morgen haben sie mir eine Pause zum Nachdenken verordnet. Danach entscheiden sie, wie es weitergeht.“

„Und, was willst du machen?“

„Na, ich spiele mit und bei der ersten Gelegenheit bin ich hier raus. Kommst du mit?“

„Heute Morgen hätte ich nichts lieber getan. Da wären wir schon unterwegs. Aber Stefan kann mir so viel zeigen. Es ist faszinierend“, stellte Sarah fest.

„Ein paar Tage halte ich hier noch aus, du kannst es dir ja überlegen“, bot Sophie an.

„Ja. Dann weiß ich vielleicht mehr.“

„Unglaublich!“, rief Sarah, als sie am nächsten Tag wieder auf ihr Zimmer kam. „Das war der Wahnsinn. Der Typ ist der Hammer!“

Sophie sah das Mädchen stirnrunzelnd an. „Und diese gruselige Kraft, von der du erzählt hast?“

„Ich habe mich total getäuscht“, fiel Sarah ihr ins Wort. „Stefan ist riesig nett und hat so eine väterliche Art.“

Sophie schaute alarmiert auf, während Sarah munter weiterbrabbelte.

„Mit Hilfe der Hypnose haben wir große Fortschritte gemacht …“

„Sarah?“, unterbrach Sophie den Redeschwall.

Ihre Zimmergefährtin sah auf, redete aber weiter. „Also in diesen Übungen war ich ganz tief in mir …“

„Sarah!“, herrschte Sophie das Mädchen an. Sie bemühte sich um einen normalen Tonfall: „Was war denn das für eine Pille, die Stefan dir gegeben hat?“

„Ach nur so eine kleine, weiße. Hat mir geholfen abzuschalten. Dadurch habe ich gelernt …“

„Sarah verdammt! Kommt dir das nicht komisch vor? Gerade noch gruselt es dich vor diesem Typen, dann gibt er dir eine Pille und im nächsten Moment wachst du auf und findest ihn unglaublich?“

„Was willst du damit sagen?“, fuhr Sarah das Mädchen an. „Ob du es nun glaubst oder nicht. Stefan und ich sind verwandte Seelen! Wir sind füreinander bestimmt. Und er hat mir gestanden, dass er sich in mich verliebt hat. Oh Sophie, es war so romantisch! Er ist echt toll. Du musst ihn näher kennen lernen, dann verstehst du es.“

Ohne Vorwarnung holte Sophie aus und gab Sarah eine Ohrfeige, die ihren Kopf nach hinten rucken ließ. „Wach auf!“, brüllte sie.

Sarah schaute einen Moment fassungslos, dann schrie sie: „Stefan hat mich schon gewarnt, dass ich dir nicht trauen kann. Dass du eine Psychotussi bist, die auf Mitleid macht und anderen das Glück nicht gönnt!“ Sarah sah Sophie aus schmalen Augen an. „Verpiss dich, wenn du neidisch bist! Oder noch besser: Bring dich doch einfach um!“

Langsam erhob Sophie sich. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Entschuldigung, ich wollte dich nicht beleidigen. Ich hoffe, du hast dein Glück gefunden. Tschüss Sarah.“

„Verschwinde!“ Sarah sprang auf und warf die Tür krachend hinter Sophie ins Schloss.

„Sarah, wir haben es fast geschafft. Heute ist es so weit. Wir öffnen den Zugang zu deiner Gabe. Von da an wird es jeden Tag leichter.“ Zärtlich blickte Stefan auf Sarah, die freudestrahlend in seinem Arm hing.

„Stefan, wie soll ich dir nur jemals für all das danken?“ Sarah schmiegte sich dicht an den Mann, der den Zugang zur Kraft in ihr öffnen würde, wie er ihr Herz geöffnet hatte. Sie küsste ihn leidenschaftlich.

Seit dem Streit mit Sophie waren nur wenige Tage vergangen. Stefan und Sarah hatten in der Zwischenzeit intensiv miteinander gearbeitet. Sophie hatte sich nicht mehr blicken lassen. Wo sie die Nächte verbrachte, war Sarah egal.

„Fangen wir an“, sagte Stefan. Das Mädchen nickte eifrig und schluckte die Pille herunter, das gleiche Ritual wie in den vergangenen Tagen. Sie legte sich hin und wartete auf den entspannten Dämmerzustand, zu dem die Pille ihr verhalf. Ihre Muskeln lockerten sich. Ihr Atem wurde ruhig und gleichmäßig. Wie in einem See tauchte sie langsam ab. Sie ließ sich treiben, bis sie Stefans Stimme aus dem Nichts hörte. Erneut führte er sie behutsam in tiefere Schichten ihres Bewusstseins, bis sie an der Pforte angekommen war, hinter der die Kraft verborgen war. Am Vortag hatte sie das erste Mal diese Ebene ihres Selbst erreicht. Es war keine echte Tür, die nun vor Sarah lag. Es war vielmehr ein innerer Widerstand, der ihr den Weg versperrte.

Stefan erklärte geduldig, wie sie weiter in sich vordringen konnte. Er zeigte ihr, wo sie Druck ausüben, wann sie sich fallen lassen und wie konzentriert vorstoßen sollte.

Sarah spürte Gegendruck. Sie schob. Langsam, ganz langsam gab die Blockade nach, hielt sie aber noch immer zurück. Je mehr Kraft sie aufwandte, desto schwieriger wurde es. Entspann dich!, ermahnte sie sich. Ihr Atem wurde wieder ruhig und gleichmäßig. Sie hörte auf, sich zu bemühen und ließ sich fallen. Schließlich gab sie selbst das Wollen auf.

Ohne Vorwarnung löste sich etwas in ihr. Die Barriere war verschwunden. Vor ihr öffnete sich eine Leere. Kopfüber stürzte sie ins Nichts.

Panik stieg in Sarah auf. Stefans Stimme war weg. Er schien in diesen Raum nicht vordringen zu können. Sarah drehte sich ein paar Mal wild um sich selbst. Das Gefühl des Fallens ließ mit einem Mal nach. Sie taumelte durch eine wohlige, behagliche Schwärze. Die Angst verschwand. Sarah spürte, dass hier keine Gefahr bestand. Sie fing sich, kurze Zeit später driftete sie entspannt durch das Dunkel. Was für ein herrlicher Ort das war, der da mitten in ihr existierte. Die Leere war tröstlich, vertraut.

Leere. Das Wort trieb durch Sarahs Bewusstsein. Keine Kraft. Die mitternachtsblaue Energie, die Tote erweckte, war nicht da. Stefan wird enttäuscht sein.

Stefan. Wie unter einer Lupe betrachtete sie ihre Gefühle für den Mann. Sie zerlegte ihre Zuneigung in Einzelteile. Beiläufig entdeckte sie dabei Worte und Empfindungen, die der Therapeut im Rahmen der Hypnose in ihr Unterbewusstsein eingepflanzt hatte. Sie folgte den fremden Eindrücken, sah, wo sie sich eingenistet hatten. Sie fand Sätze, wie: „… der den Zugang zur Kraft in ihr öffnen würde, wie er ihr Herz geöffnet hatte“ und lachte innerlich auf. Oh mein Gott, wie kitschig! Sie zupfte, sondierte, nahm Wort für Wort, Gefühl für Gefühl und trennte es von ihrem Ich. Bis sie wieder sie selbst war.Zuletzt war von ihrer großen Liebe, von Stefan, nur ein schmieriger Mann mittleren Alters übrig, der sich an ein minderjähriges Mädchen herangemacht hatte. Jemand, der seine Macht missbraucht und psychologische Tricks angewandt hatte, um sich Sarah gefügig zu machen. Ein Dreckskerl, der sie in ein williges Schoßhündchen verwandelt hatte, ähnlich den Zombies, die er erschuf.

All dies registrierte Sarah ohne Aufregung, als ginge sie es kaum etwas an. Sie drehte sich in der herrlichen Leere. Ein Name geisterte aus der Tiefe ihres Bewusstseins empor. Sophie. Die Erinnerung blitzte auf, war wieder verschwunden. Sarahs Herz jagte. Oh nein! Sophie, tu dir nichts an! Sie sah sich hektisch um. Erneut trieb das Wort an ihr vorbei, zum Greifen nah. Sie streckte sich danach, kreiselte um sich selbst und versuchte vergeblich, den Namen einzufangen. Endlich zwang sie sich zur Ruhe, bis alles Tanzen und Drehen um sie herum zum Stillstand kam. Da spürte sie eine sanfte Berührung. Das Wort lag schillernd vor ihr – wie Meeresboden, auf den die Sonne fällt. Sophie. Behutsam nahm Sarah es in die Hand. Als sie es sicher gefasst hatte, begann das Wort aufzusteigen. Sarah hielt sich daran fest. Sie ließ sich langsam, dann immer schneller, zurück in die Besinnung ziehen. Gedankenfetzen flogen an ihr vorbei, als sie voranschoss. Schließlich durchbrach sie die Oberfläche ihres Bewusstseins wie ein Ball, den man unter Wasser gedrückt hatte.

Sarah riss die Augen auf. Sie fuhr hoch und saß kerzengerade auf der Liege. Stefans Hand hatte in ihrem Schritt gelegen. Als er ihren Blick sah, zog er sie rasch zurück.

„Sarah“, raunte er honigsüß. „Was ist passiert? Ich hatte dich verloren.“ Er schaute das Mädchen forschend an. „Da war nichts, oder? Die Gabe ist nicht in dir.“ Er seufzte. „Das hatte ich befürchtet.“

„Nein“, bestätigte Sarah. „Da ist nichts. Aber ich habe andere Dinge gefunden.“ Sarah musterte den Mann angewidert. „Du hast mich benutzt. Du hast mit deinen Tricks meine Gefühle und Gedanken verdreht.“

Für einen Moment sah Stefan überrascht aus. Dann schaute er das Mädchen amüsiert an. „Nur ein Spiel, Sarah, nur ein Spiel. Ich dachte, es würde länger dauern und wir könnten noch ein bisschen Spaß miteinander haben. Auch wenn du leider die Gabe nicht besitzt.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Weißt du, wir beide haben jetzt nämlich ein Problem, du und ich. Du bist keine von uns. Du bist ein Monster. Und wir Schattenspieler sind unter anderem eine Art Kammerjäger. Außerdem weißt du viel zu viel über uns.“ Stefan machte eine dramatische Pause. Er genoss die Situation sichtlich. „Also kann ich dich natürlich nicht am Leben lassen.“

Sarahs Herz raste. Sie sah den Mann mit weit aufgerissenen Augen an. „Das ist nicht lustig!“, brachte sie hervor.

„Nein, das ist es nicht, Sarah. Wenn mein kleiner Trick länger gewirkt hätte, wären noch ein paar schöne Tage für uns beide drin gewesen. Später hätte ich dich im Schlaf getötet. Ohne Angst und Schmerzen. Das geht jetzt nicht mehr.“ Stefan erhob sich.

Sarah zog die Beine auf die Liege und drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Entsetzt blickte sie zu dem Mann auf, der nun bedrohlich vor ihr stand.

„Weißt du, Sarah, ich hole mir jetzt einfach ein bisschen von dem zurück, was mir entgangen ist. Danach töte ich dich.“ Stefan sprach in einem Tonfall, als rede er über das Wetter. „Du bist damit leider aus dem Spiel. Aber mit deinem Körper werde ich noch eine ganze Zeit lang Spaß haben.“

Stefan schlug Sarah ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht. Ihr Kopf flog zurück und prallte hart gegen die Wand. Sie war benommen, alles drehte sich. Übelkeit stieg in ihr auf. Brutale Hände packten sie und warfen sie auf die Liege, pressten ihren Mund zu. Sie bekam keine Luft. Panisch versuchte sie sich zu wehren, sich aufzurichten. Ein weiterer Schlag traf Sarah auf die Brust. Sie fiel hilflos zurück. Der Mann schob sich auf sie. Das ist also das Ende, schoss es ihr durch den Kopf.

Plötzlich stieß Stefan einen markerschütternden Schrei aus. Das auf dem Mädchen lastende Gewicht verschwand.

Sarah schnappte keuchend nach Luft. Wie durch einen Nebel sah sie Sophie neben sich stehen. Sie hielt eine Brandschutzaxt in den Händen. Ein Racheengel, der über Stefan aufragte. Der Mann krümmte sich vor ihren Füßen und schrie wie aufgespießt. Seine Beine blieben leblos. Die Axt hatte das Rückenmark durchtrennt. Wut loderte in Sophies Augen. Sie holte zu einem weiteren Hieb aus.

Sarah hob den Arm. „Nein!“

Sophie verharrte in der Bewegung und schaute herüber. Schließlich warf sie die Axt zu Boden, griff nach Sarahs Arm und zog das Mädchen hoch. „Wir müssen hier raus. Bist du okay?“

Sarah nickte. Alles drehte sich. Ihr war schlecht. Fast wäre sie zusammengesackt, doch Sophie stützte sie. Zusammen stolperten sie auf den Flur. Stefans Stöhnen verfolgte sie. Sie kamen nur schleppend voran, da Sarah sich kaum auf den Beinen halten konnte. Die beiden waren noch nicht weit gekommen, da hörten sie ein Schlurfen. Die Mädchen blickten sich um.

Im Flur hinter ihnen stand Stefan. Mit abgehakten Bewegungen stakste er hinter den Mädchen her. Sarah spürte die dunkle Energie, mit der Stefan sein Rückenmark kittete. Seine eigenen Beine waren nun Marionetten, die der Mann unbeholfen an den Fäden führte. Eine Waffe mit Schalldämpfer glänzte in seiner Hand. Es gab einen Knall, wie ein Sektkorken, der aus einer Flasche ploppt. Neben den Mädchen platzte Putz von der Wand. Sophie zog die taumelnde Sarah in einen abzweigenden Korridor, ehe Stefan ein zweites Mal schießen konnte.

„Wir müssen hier weg! Er wird seine Beine bald besser im Griff haben“, keuchte Sarah panisch.

„Musst du mir nicht sagen“, gab Sophie knapp zurück. Sie wirkte kühl und beherrscht. „Los weiter, durch die Tür da vorne, bevor er um die Ecke ist.“

Sophie zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und schloss auf. „Rein hier.“ Sie schob Sarah in den Raum und sperrte hinter den beiden ab.

„Generalschlüssel. Hab ich von der Putzfrau stibitzt. Hat dir vorhin in deinem Liebesnest den Arsch gerettet.“

Sie standen in einem Büro. Die Fenster nahe der Zimmerdecke waren vergittert. Eine Sackgasse. Draußen hörten sie Stefans Stimme. Er telefonierte.

„Verdammt, sie sind mir entwischt. Ich brauche Verstärkung. Jeden, den wir haben. … Nein, ich bin sicher, sie ist eine von ihnen. … Ja, eine Seelenfängerin. Sie hat sogar schon eine Krähe an sich gebunden. … Ja. … Nein, ein Mädchen bei ihr auf dem Zimmer. Sie zeigt alle Anzeichen. … Ich dachte, die kleine Schlampe würde sich umbringen. Dann hätten wir sie zum Üben genommen.“

Sophie lächelte Sarah säuerlich an.

Stefan redete weiter. „Nein, verdammt. Ich hatte alles unter Kontrolle. Wieso sollte ich da … Nein. Der Mann im Safiental war viel stärker als sie und damals war es kein Problem.“ Seine Stimme klang nun kleinlaut. „Nein. … Ja, es war mein Fehler. …“ Noch leiser: „Ja“. Dann legte er auf.

Die Mädchen hörten ihn den Gang hinunterhumpeln. Als er außer Hörweite war, öffnete Sophie lautlos die Tür. Sarah zitterte am ganzen Körper. „Mein Gott, er hat auf uns geschossen!“, flüsterte sie, als sie in die Richtung eilten, aus der Stefan gekommen war. Sie sah Sophie von der Seite an. „Und du bist völlig gelassen!“

„Ich würde mir das Gequatsche lieber für später aufsparen, Sarah.“

Wortlos liefen sie den Flur hinunter, bis Sophie plötzlich anhielt. „Da rein!“ Die Mädchen stolperten in ein Wäschelager. „Hier, zieh das an.“ Sophie warf Sarah einen grasgrünen Kasack und eine ausgebeulte Stoffhose gleicher Farbe zu. Die Mädchen zogen sich rasch um. Ihre Kleidung stopften sie in einen Wäschesack, den Sophie sich unter den Arm klemmte. Zurück auf dem Flur wollte Sarah losrennen. Sophie stoppte sie. „Nicht so schnell. Das fällt auf.“ Die beiden eilten zu einem Treppenhaus. Sie hatten gerade das Erdgeschoss erreicht, als sich ihnen ein Pfleger in den Weg stellte. „Hey, ihr da!“, rief er. Sarah wollte sich umdrehen und weglaufen, aber Sophie hielt sie mit kräftigem Griff am Arm fest. „Ja?“, fragte sie mit ruhiger Stimme.

„Was glaubt ihr, was ihr hier macht? Die grünen Sachen dürft ihr nur in den Operationssälen da hinten anziehen.“ Der Mann deutete die Treppe hinunter. „Die haben außerhalb des OPs nichts verloren!“ Als er Sarahs Gesicht sah, stutzte er. „Was ist denn mit dir passiert? Und wer seid ihr überhaupt?“

Sarahs Wange war angeschwollen und verfärbte sich bläulich, wo Stefan sie geschlagen hatte.

„Praktikantinnen“, log Sophie, ohne zu zögern. „Wir durften bei einer Operation zugucken. Meine Freundin ist umgekippt. Das Blut war wohl nichts für sie. Ich bringe sie an die frische Luft.“

„Oh, ach so. Mann, sieht ja schlimm aus. Geht nachher unbedingt in die Notaufnahme, die sollen mal draufschauen“, meinte der Pfleger.

„Ja, danke. Machen wir“, versprach Sophie. Sie waren nur wenige Schritte weit gekommen, als sich der Mann noch einmal zu ihnen umdrehte.

„Ach übrigens: Ich komm grad vom Haupteingang. Da ist der Teufel los. Zwei Patienten aus der Klapse oben sind ausgetickt und abgehauen.“

„Alles klar“, erwiderte Sophie. „Wir passen auf.“

Der Mann nickte und ging die Treppe hinab.

Die Mädchen liefen weiter und gelangten in eine Halle, von der Aufzüge zu den anderen Ebenen abgingen. Zigarettenqualm stach ihnen in die Nase. Eine Glastür führte ins Freie. Sophie betätigte den Türöffner und grüßte die vor der Tür rauchenden Schwestern und Pfleger freundlich. „Sie ist umgekippt“, erklärte Sophie und deutete auf Sarah. „Wir drehen eine Runde um den Block.“ Im nächsten Moment waren sie um die Ecke gebogen und entkommen.

2

LUKAS UND HILDA

Kaum waren sie außer Sichtweite, rannten die Mädchen los.

---ENDE DER LESEPROBE---