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Jonas und Lena finden eine Schatulle mit einem Buch über die magische Welt von Sargatos und einem Tagebuch, das ein gewisser Hendrik vor siebenundzwanzig Jahren geschrieben hat. Die beiden finden heraus, dass Hendrik einst ein Tor gefunden hatte und zusammen mit Kati und Michael nach Sargatos gelangt war. Kati und Michael werden seit dieser Zeit vermisst – nicht aber Hendrik. Was ist damals passiert? Und gibt es Sargatos wirklich? Jonas und Lena machen sich auf den Weg … ..
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2022
Arian M. Bentrau
Sargatos
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vor langer, sehr langer Zeit
Die Schatulle
Hendriks Aufzeichnungen
Anna
Hendrik
Das Buch
Das Tor des Südens
Kris
Wald der ewigen Dämmerung
Sartos-Stadt
Der äußere Ring
Die Höchste
Nana
Das Tal des Vergessens
Karpron
Minia
Herokal
Kanterea
Der Verrat
Der Tunnel
Die Hände von Fentoss
Der Tempel der Krylim
Arodur
Die Flucht
Seltros Hütte
Zontoba
Personenverzeichnis
Impressum neobooks
Seit Wochen irrte sie bereits umher. Die Angst im Nacken. Das Böse herrschte vor und es gab nichts, was es aufhalten konnte. All ihre Lieben hatte sie verloren. Es gab nur noch sie. Ein junges Mädchen, das nicht ahnte, wie viel Macht es in sich trug. Rein im Herzen und trotz der Trauer, nicht verzweifelnd aber nicht wissend, wohin.
In Dunkelheit aufgewachsen, hatte sie gelernt den Gefahren zu entkommen. Sie hatte gelernt, sich zu verstecken. Sie befand sich im Süden. Darauf hoffend, Menschen zu treffen, denen sie sich anschließen konnte. Tief im Herzen wissend, dass sie etwas oder jemanden suchen musste.
Kassera-Zazanderea, der Name, den ihre Eltern ihr gegeben hatten. Ein Vater, an den sie sich nicht erinnern konnte. Ein Vater, der schon früh dem Bösen zum Opfer gefallen war. Eine Mutter, die sie bereits in der Kindheit gelehrt hatte zu überleben. Eine Mutter, die sie verloren hatte, als sie acht Jahre alt war. Ein Bruder, der sie beschützt hatte. Ein Bruder, den sie sechs Jahre später verloren hatte.
Die Jahre niemals gezählt, wusste Kassera-Zazanderea nicht, wie alt sie war. Sie wusste nur eins: Sie war zu jung zum Sterben.
Von Weitem sah sie es. Dieses Flackern. Kleine Lichtblitze, die einen großen, breiten Bogen bildeten. Das Flackern weckte ihre Neugierde. Vorsichtig näherte sie sich. Was war es? Mit Staunen beobachtete sie, wie es sich in ein strahlendes Leuchten wandelte. Erschrocken versteckte sie sich hinter einem Baum. Woher kam es? Dieser Bogen aus Licht? Es war ein Tor. Kassera sah hindurch. Sie sah in eine fremde Welt. Und was sie sah erstaunte sie. Sie spürte keine Angst mehr. Sie staunte nur. Sie sah zwei Menschen. Es waren ein Mädchen, ein wenig älter als sie selbst, und ein Junge, wohl im gleichen Alter. Sie betraten ihre Welt. Das Leuchten hielt an. Der Junge und das Mädchen standen davor und schienen zu warten. Aber worauf? Immer wieder vorsichtig lugend, beobachtete Kassera das Geschehen.
„Komm hervor, Kassera-Zazanderea.“, sprach der Junge. Er lächelte und Kassera hatte nicht das Gefühl, dass man vor ihm Angst haben musste, also trat sie hervor.
„Wer seid ihr?“ Neugierig näherte sie sich einige Schritte. Statt einer Antwort streckten die beiden ihre Hände vor, um ihr einen Blick auf das zu gewähren, was sie mit den Fingern festhielten. Kassera ging näher heran. Sie wollte begutachten was man ihr entgegenhielt. Als sie schließlich vor ihnen stand und fragend aufblickte, sagte das Mädchen:
„Öffne deine Hand, Kassera“, was Kassera unverzüglich tat. „Nimm dies“, sprach das Mädchen und legte ihr eine kleine, rote Perle in die Hand. „Eine Welt ohne das Gute und die Liebe ist keine Welt, in der du leben solltest.“
Verwundert schaute Kassera auf die kleine Perle. Und noch während sie das tat, legte der Junge ihr eine gelbe Perle in die Hand.
Der Junge sprach folgende Worte: „Nimm dies. Eine Welt ohne das Gute und den Mut ist keine Welt, in der du leben solltest.“
Kassera, die von Kindesbeinen an gelernt hatte, niemals allzu laut zu reden, war zwar nicht auf den Mund gefallen, aber dennoch verschlug es ihr die Sprache. Denn sie spürte etwas. Sie spürte Liebe. Sie spürte Mut. Nicht dass sie vorher keine Liebe in sich getragen hätte. Nicht dass sie vorher keinen Mut gehabt hätte. Aber beides war in dieser Welt, dem dunklen und bösen Sargatos, immer mehr und immer mehr unterdrückt worden und gelangte nun an die Oberfläche.
„Geh in den Westen.“ Der Junge, der beachtlich groß war, hatte sich zu ihr heruntergebeugt und mit seiner Hand ihre Schulter ergriffen.
Fragend schaute sie hoch.
„Dort wirst du den Unseren ein weiteres Mal begegnen. Geh und rette diese Welt.“ Nach diesen Worten drehten sich der Junge und das Mädchen um und schritten zurück durch das Tor, das sich augenblicklich schloss und erlosch.
So lange war Kassera nun bereits unterwegs. So lange und so viel war geschehen. Etlichen Gefahren hatte sie sich stellen müssen. Einzig und allein diese zwei Perlen, tief in ihren Taschen vergraben, erinnerten sie noch an das Geschehen im Süden. Erinnerten sie daran, gen Westen zu gehen.
An einem Bach, zwischen den Büschen kauernd, ruhte sie sich aus und verzehrte den Fisch, den sie kurz zuvor hatte fangen können. Da sah sie es! Dieses Flackern. Und wieder einmal öffnete sich dieser Blick auf ein leuchtendes Tor. Ein Blick in eine andere Welt. Verwundert sah sie, wie ein junges Mädchen hindurchschritt und wartend vor dem leuchtenden Tor stand. Langsam erhob sich Kassera und näherte sich dem Mädchen, das ihr eine kleine blaue Perle entgegenhielt. Kassera beugte sich ein wenig vor, öffnete ihre Hand und schaute das Mädchen erwartungsvoll an, das folgende Worte sprach, während es ihr die Perle gab:
„Nimm dies. Eine Welt ohne das Gute und die Weitsicht ist keine Welt, in der du leben solltest.“ Dann drehte sich das Mädchen um und schritt zurück in die Welt, aus der es gekommen war.
Kassera brauchte einen Moment. Auch diese Perle vermittelte Eindrücke, die sie erst einmal verarbeiten musste. Und dieses Mal war es nicht etwas in ihr, das wieder hervorgeholt werden musste. Nein, es war etwas Neues. Eine Empfindung. Eine Eingebung. Eine Weitsicht. Kassera wusste wohin. Niemand brauchte ihr zu sagen, welchen Weg sie einschlagen musste. Sie wusste es. Sie musste in den Osten. Sie musste in die tiefen Wälder. Dort würde sich ein weiteres Tor öffnen.
So lange war Kassera nun bereits unterwegs. So lange und so viel war geschehen. Etlichen Gefahren hatte sie sich stellen müssen. Einzig und allein diese drei Perlen, tief in ihren Taschen vergraben, erinnerten sie noch an das Geschehen im Süden und Westen. Erinnerten sie daran, gen Osten zu gehen.
Nur knapp dem Tode entkommen und außer Atem hockte Kassera hinter einem Baum. Es dauerte lange, bis sie sich wieder beruhigt hatte und normal atmen konnte. Immer wieder schaute sie vorsichtig hervor, um zu prüfen, ob sie noch verfolgt wurde.
Der folgende Blick fiel jedoch nicht auf einen vermeintlichen Verfolger, sondern auf ein Flackern, das zuvor noch nicht zu sehen gewesen war. Verwundert und voller Erwartung beobachtete Kassera, wie sich dieses Flackern in das strahlende Leuchten des Tores wandelte. Da konnte sie sie wieder einmal sehen. Diese fremde Welt. Und dieses Mal schritt eine wunderschöne blonde Frau heraus, die ihr entgegenlächelte. Wohlwissend, dass die Gefahr nach wie vor auf sie lauern konnte, wagte es Kassera nicht, hinter dem Baum hervorzukommen. Ihr war zwar bewusst, dass diese Frau sie bereits gesichtet hatte, aber dennoch blieb Kassera in ihrem Versteck. Einige Augenblicke rührte Kassera sich nicht von der Stelle und vernahm schließlich:
„Komm hervor, Kassera-Zazanderea!“
Langsam und beinahe ehrfürchtig näherte Kassera sich dieser großen und schönen Frau, die ihr eine grüne Perle entgegenhielt.
„Nimm dies. Eine Welt ohne das Gute und die Hoffnung ist keine Welt in der du leben solltest.“
Dankend nahm Kassera diese Perle entgegen und sogleich spürte sie es. Ein Gefühl, eine Zuversicht. Hoffnung! Sie spürte die Hoffnung, die sie schon fast aufgegeben hatte. Sie durchflutete ihren Körper und entlockte ihr ein Lächeln. Ein Lächeln in einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr lächelten. In einer Zeit, in der die Menschen keine Hoffnung mehr hatten.
Die schöne Frau beugte sich ein wenig vor und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Begib dich nun in den Norden. Suche das nördliche Tor. Eine Perle fehlt dir noch.“ Nach diesen Worten drehte sich die Frau um und schritt durch das Tor, das sich sofort schloss und erlosch.
So lange war Kassera nun bereits unterwegs. So lange und so viel war geschehen. Etlichen Gefahren hatte sie sich stellen müssen. Einzig und allein diese vier Perlen, tief in ihren Taschen vergraben, erinnerten sie noch an das Geschehen im Süden, Westen und Osten. Erinnerten sie daran, gen Norden zu gehen.
Es gab nicht viel Schutz auf diesem kahlen Berg, den Kassera nun erklomm, um das nördliche Tor zu finden. Aber der Weg hinauf war nicht allzu weit. Von Weitem sah sie schon das Flackern. Kaum angekommen, wandelte sich dieses Flackern in das ihr bekannte strahlende Leuchten. Gespannt schaute Kassera durch das Tor und sah, wie ein grauhaariger, hagerer Mann hindurchschritt. Verwundert musterte sie ihn. In Sargatos gab es keine grauhaarigen Menschen. In Sargatos starben die Menschen jung.
Lächelnd hielt der Mann ihr eine durchsichtige Perle entgegen und sagte: „Nimm dies. Eine Welt ohne das Gute und die Fürsorge ist keine Welt, in der du leben solltest.“
Kaum dass sie diese Perle bekommen hatte, spürte sie sie. Die Sorge um die Menschen dieser Welt. Das Bedürfnis, sich um das Wohlergehen derer zu kümmern, die in Elend, Leid und Gefahr lebten. Sie brauchte eine ganze Weile, bis sie sich mit diesem Gefühl vertraut gemacht hatte.
Der Mann schenkte ihr diesen Moment, bevor er sprach: „Und nun gehe hin, suche den Berg Santenea und bringe ihn zum Leuchten.“
Der Berg Santenea. Kassera hatte noch nie von ihm gehört. Sie war noch nie im Norden gewesen. Hier gab es viele Berge. Aber sie wusste wohin. Sie hatte die Weitsicht. Und endlich war der Tag gekommen. Endlich hatte sie diesen Berg gefunden. Drei Jahre waren vergangen, seit sie das leuchtende Tor im Süden gesehen hatte.
Kassera-Zazanderea ging in den Berg und folgte ihrer Bestimmung.
Donnerstag
Jonas lief. Jonas lief, weil er es eilig hatte. Zugegeben, er lief nicht so schnell wie unter normalen Bedingungen. Es hatte wieder einmal geschneit und er musste achtgeben. Grundsätzlich lief er gerne. Er war sportlich und der Sport war sein Hobby. Dieser großgewachsene, siebzehnjährige blonde junge Mann hatte es oft sehr eilig.
Jeder Außenstehende mochte ihn bedauern, doch die Personen, die ihn näher kannten, hatten kein Bedauern für ihn übrig. Sie wussten, dass sein Zeitmanagement eine Katastrophe war. Er vertrödelte die Zeit und bemerkte oft erst zu spät, dass er ja doch, den einen oder anderen Termin hatte, zu dem er nicht zu spät kommen sollte.
Sein jetziger Termin: ein Treffen mit Lena, die etwa fünfzehn Minuten von ihm entfernt wohnte. Vorausgesetzt, er nahm die Abkürzung. Lena, seine treue Freundin. Lena, seine ungeduldige Freundin. Nicht dass die zwei ein Paar gewesen wären. Man könnte ihr Verhältnis eher als geschwisterlich beschreiben. Sie waren zusammen aufgewachsen und als Kinder gemeinsam in den örtlichen Kindergarten und später auch in die gleiche Schule gegangen. Vor zwei Jahren hatten Lenas Eltern beschlossen, aus der angrenzenden Doppelhaushälfte auszuziehen und sich ein Haus im Ort zu kaufen. Lena hatte es dort gut angetroffen, fand Jonas. Sie hatte das komplette Obergeschoss des alten, aber gut instand gesetzten Bauernhauses für sich, da ihre ältere Schwester es vorgezogen hatte, zu ihrem Freund zu ziehen.
Jonas hätte auch mit dem Fahrrad fahren können, was nicht zwingend hieß, dass er bei Lena früher angekommen wäre. Per pedes konnte er die Abkürzung durch das benachbarte Waldstück nehmen, dann noch über zwei umzäunte Weiden laufen. Das ging allemal schneller. Zudem war es bei der momentanen Witterung vernünftiger, das Rad zu Hause zu lassen. Ende Februar war es und seit Wochen hatte sich die Sonne nicht mehr blicken lassen. Dieser Winter währte so lange, dass alle nur noch jammerten. Doch Jonas mochte den Schnee. Er liebte dieses Knirschen des frischen Schnees unter seinen Füßen. Die Welt, so still, so sauber.
Jonas wusste nur zu gut, wie Lena auf sein zu spät kommen reagieren würde, deshalb hatte er es mächtig eilig. Und weil er in Eile war, fiel ihm dieser seltsam flackernde Schein neben dem Eingang des alten Bunkers (als Kind hatte er hier viele Stunden zugebracht) nicht auf. Er achtete nicht auf die Umgebung und war froh, dass er nur mit zehn Minuten Verspätung bei Lena eintraf.
Das Quietschen der alten restaurierten Eingangstür ertönte. Lena stand vor ihm. Sie war eine kleine Person und maß gerade einmal 1,55 Meter.
„Die Tür quietscht“, so Jonas.
„Ich werde es meinem Vater ausrichten.“ Lena grinste. Dieser Dialog war immer der gleiche. Die Tür hatte von Anfang an gequietscht und Lenas Vater unternahm nichts dagegen. Im Gegenteil. Er vertrat den Standpunkt, dass zu so einem alten Haus eine quietschende Eingangstür einfach dazugehörte. Die nächsten Worte, die Lena sprach, klangen jedoch ein wenig ärgerlicher.
„Meine Güte, Jonas, wo warst du, als der liebe Gott die Pünktlichkeit verteilt hat?“ Jonas bemerkte jedoch an ihrem Tonfall, dass sie nicht allzu sauer war.
„Da, wo du warst, als er die Geduld verteilt hat!“, konterte Jonas und zwinkerte ihr zu. Sie war in der Tat der ungeduldigste Mensch, den er kannte.
„Witzig“, kommentierte sie und deutete ihm an, hinaufzugehen, während sie sich auf den Weg in die Küche machte, um ihm etwas zu trinken zu holen.
Während er die Treppe hinaufging, rief sie noch: „Ich habe schon ohne dich angefangen.“
Jonas setzte sich in ihrem Wohn- und Arbeitszimmer vor den PC und las, was sie bereits „zu Papier“ gebracht hatte. Er wusste nur zu gut, dass er ohne Lena aufgeschmissen gewesen wäre. Besonders beim Thema Philosophie. Es ging um Kant und Idealismus und Jonas hatte dem Lehrer ab dem Moment nicht mehr zugehört, als dieser meinte, man solle doch Zweierteams bilden.
Lena, die sich bewusst war, dass sie bei der Abhandlung nichts von Jonas zu erwarten hatte, hatte diese kurzerhand schon komplett erarbeitet. Jonas brauchte nur noch zu lesen und er sollte es ja nicht wagen, auch nur ein kritisches Wort zu äußern.
Er „blätterte“ bis zum Ende der Abhandlung, denn, so war seine Meinung zu der Sache, das Wichtigste kam zum Schluss. Die Verfasser der Abhandlung! Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, las er Lenas letzte Worte: von Jonas Bender und Lena Heinze. Sie hatte sogar seinen Namen zuerst genannt. Na ja, ihr Lehrer wusste wahrscheinlich nur zu gut, wessen Name als Erstes dort stehen musste, aber egal. Er fand es nett von Lena.
Jonas war ein Chaot wie er im Buche steht. Er vergaß ständig irgendetwas und kam grundsätzlich zu spät. Was das anging, war er das komplette Gegenteil von Lena. Sie war zuverlässig, pünktlich und fleißig. Die einzigen Dinge, die Jonas wichtig erschienen, waren sein Sport und sein Äußeres. Mit seinen hellen blauen Augen hatte er schon so manches Mädchenherz schwach werden lassen. Er wusste schon genau, wie er bei den Damen dieser Welt landen konnte. Lena hingegen, legte nicht so viel Wert auf ihr Äußeres. Sie brauchte nicht wie Jonas jede Saison die coolsten Klamotten. Sie trug ihre dunklen leicht gewellten Haare kurz, hatte grüne Augen und konzentrierte sich, noch zumindest, auf Schule und Lernen. Sie hatte mit dem männlichen Geschlecht dieser Welt momentan wenig am Hut. Bis jetzt war ihr noch kein Junge über den Weg gelaufen, für den sie sich ernsthaft hätte interessieren können.
Ein Klirren und ein kurzer Schrei schreckten Jonas auf. Er lief aus dem Zimmer bis zum Treppenansatz und sah Lena auf dem Boden liegen. Neben ihr, ein zerbrochenes Glas und eine Pfütze Eistee.
Sie rappelte sich hoch. „Oje, warum passiert mir so etwas immer?“
„Lass mich überlegen...“, Jonas machte eine schöpferische Pause, „weil du ein Tollpatsch bist?“
„Ja, ja, hast ja recht.“ Lena ärgerte sich über sich selbst, was relativ häufig vorkam, weil sie oftmals tollpatschig war. „Geh und lies die Abhandlung! Ich muss erst das Malheur beseitigen.“
Er ging wieder in ihr Zimmer. Es war einfach riesig und machte über die Hälfte des Obergeschosses aus. Dazu noch ein passendes Bad und ein kleines Schlafzimmer. Letzteres war überflüssig, da Lena meistens auf der Couch schlief.
Seitdem seine Tante Sonja eingezogen war, teilte sich Jonas mit seinem jüngeren Bruder ein Zimmer. Seine Eltern hatten ihm versprochen, dass dies nur vorübergehend wäre. Allerdings währte dieses „Vorübergehend“ bereits vier Monate. Sonja hatte sich von ihrem Mann getrennt oder der hatte sie rausgeschmissen. Genaueres wusste Jonas nicht, aber er vermutete Letzteres. Er fand Sonja echt ätzend! Sie wusste alles besser, konnte alles besser. Egal, was anderen Menschen im Laufe ihres Lebens widerfahren war, sie hatte das Gleiche durchgemacht. Nur, viel, viel schlimmer!
Aber es gab auch einen Lichtblick am Horizont: Seine Mutter hatte ihm heute früh eröffnet, dass sein Vater bereit war, seinen Hobbyraum im Keller auszuräumen, damit Jonas endlich wieder sein eigenes Reich erhielt. Sein Vater nannte dieses Zimmer zwar „seinen Hobbyraum“, aber in Jonas‘ Augen war es nur eine Abstellkammer für unnötige Dinge, die sein Vater im Laufe seines Lebens angesammelt hatte. Die Aussicht, zukünftig durch den Keller in sein Zimmer zu gelangen und auch wieder hinaus, ohne dass dies irgendjemand mitbekam, hatte Jonas‘ Stimmung an diesem Tag enorm erhellt.
Lena stolperte mit einem neuen Glas Eistee ins Arbeitszimmer und konnte sich gerade noch fangen, bevor es zu einem erneuten „Eistee-Unfall“ kam. Jonas saß inzwischen auf Lenas Couch und streichelte ihren Kater Felix, der schnurrend neben ihm lag. Er blätterte in dem alten Wälzer herum, den die beiden unlängst auf dem, bislang unerforschten Speicher gefunden hatten.
Es war Jonas, der vor einigen Tagen auf die Idee gekommen war, den Speicher zu erforschen. Gleich nachdem Lena ihm erzählt hatte, dass dort oben wohl noch diverse Möbel und andere Sachen vom Vorbesitzer wären. Es dauerte nicht lange, bis beide einen fahlen Lichtstrahl unter zwei, drei Bodendielen hervorscheinen sahen. Verwundert hatten sie sich angesehen. Wie sich herausstellte, ließen sich die Dielen problemlos anheben und darunter befand sich eine Schatulle aus Holz. Nur dass diese nicht leuchtete. Das konnte nicht der Grund dafür gewesen sein. Aber sobald sie diesen kleinen Schatz entdeckt hatten, vergaßen sie auch schon, der Ursache des Leuchtens auf den Grund zu gehen. Viel interessanter war natürlich der Inhalt dieser alten Schatulle. Nachdem sie den Staub weggepustet hatten, konnte man eine deutliche Abbildung erkennen.
Neun Männer, die einen Kreis bildeten. Jeder dieser Männer hatte einen langen Stab neben sich stehen. Die Stäbe hielten sie mit der rechten Hand und mit der linken Handfläche berührten sie ihre Brust. Mitten im Kreis stand eine junge Frau und eine alte Frau kniete vor ihr nieder. Die linke Hand der alten Frau lag auf dem Bauch der jungen Frau und in der rechten hielt auch sie einen langen Stab. Etwas abseits befand sich eine weitere kleine Gruppe von Personen. Sie schienen das Geschehen zu beobachten, das sich neben ihnen abspielte.
Jonas und Lena hatten die Schatulle geöffnet. Darin befanden sich ein Buch und ein handgeschriebenes Heft von einer Person namens Hendrik. Es war wie ein Tagebuch geschrieben und auf dem Deckblatt des Hefts war das Jahr vermerkt, an dem es verfasst worden war, was nun bereits siebenundzwanzig Jahre zurücklag. Hendrik hatte das Tagebuch nur kurze Zeit geführt und es endete abrupt.
„Warum liest du die Abhandlung nicht?“, fragte Lena nun.
„Damit bin ich durch. Die ist gut. Danke, Lena.“
„Sicher!“, sagte Lena sarkastisch. Sie glaubte ihm natürlich kein Wort. „Ich finde den Reim am Anfang total interessant.“ Lena setzte sich neben Jonas. „Lies ihn bitte noch einmal.“
Jonas setzte eine verzweifelte Miene auf. Seit sie dieses Buch gefunden hatten, bat sie ihn bei jedem seiner Besuche, den ersten Reim vorzulesen. Das Buch war nicht sehr dick, hatte aber dicke Blätter und einen rotgoldgemusterten Einband. Leider konnte man nicht alle Reime lesen. „Also“, Jonas räusperte sich, „zum 150.Mal!“ Er hob die Augenbrauen, schnitt eine Grimasse und las:
„Verborgen schlief das Tor.
Nun bittet es euch zwei hervor.
So wagt den Schritt und tretet ein,
um einer Sehung Teil zu sein.
Zu zweit müsst ihr das Tor passieren,
in eine Welt der Fantasie,
in eine Welt, wo Böses lauert,
wo vorherrscht die Magie.
Und niemand kehrt allein zurück,
ihr beide müsst es sein.
Nun studiert, was in mir steht,
sonst kehrt ihr niemals heim.“
„Das ist so genial, Jonas!“ Lena sah ihn begeistert an. „Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn wir das lesen.“
„Ist schon klar, Lena.“ Jonas tat genervt. „Verrate mir mal bitte, was wir überhaupt studieren sollen. In dem Buch ist ja nicht allzu viel zu lesen. Über die Hälfte ist unleserlich, wie im Nebel und alles, was wir bisher erfahren konnten, sind merkwürdige Hinweise, mit denen wir nichts anfangen können.“
„Vergiss bitte das Heft und Hendrik nicht“, erinnerte ihn Lena. „Der hat ja auch einiges geschrieben.“
„Ja, aber auch damit lässt sich nicht viel anfangen, außer dass er wohl schon durch dieses Tor in diese Welt gelangt ist und noch einmal dahin wollte.“
„Ja schon“, meinte Lena, „aber wir wissen, dass er nicht allein unterwegs war.“ Sie blätterte im Heft zu den letzten Einträgen von Hendrik und las einen Absatz. „Ich weiß nicht, ob das gut gehen kann. Kati möchte ihren eingebildeten Halbbruder Michael mit rüber nehmen. Was soll der taugen? Nana hat mich gewarnt. Wenn Kati nun doch nicht mehr zurückwill? Vielleicht sollte ich lieber hierbleiben, wer weiß...“
„Aber was soll das beweisen?“, Jonas hatte seine Stimme erhoben und hob die Augenbrauen. „Schade, dass wir nicht wissen, wo sich das Tor befindet. Ich fände es cool, wenn an der ganzen Sache was dran wäre.“
Lena stutzte ein wenig. Bis dahin waren sich beide darüber einig gewesen, dass dieser Hendrik nicht für voll zu nehmen war und dies alles nur ein Scherz war, um leichtgläubige Teenager auf den Arm zu nehmen. Jetzt auf einmal fing Jonas an, über die Existenz eines Tores nachzudenken?
„Vielleicht sollten wir die Schatulle wieder dorthin tun, wo sie hergekommen ist.“ Lena war das Ganze dann doch äußerst suspekt und irgendwie jagte ihr der Gedanke an ein reales Tor Angst ein.
„Aber wieso denn?“, meinte Jonas, entsetzt über Lenas Sinneswandel. „Hast du etwa Angst? DU bist doch diejenige, die sagt, dass dies alles nur Humbug sei und dieser Hendrik wohl die meiste Zeit zugedröhnt war. Was hast du zu verlieren, wenn wir uns weiter hiermit beschäftigen? Außerdem brauchst du mir gar nicht zu erzählen, dass du kein Interesse hieran hast. Von wegen, die Schatulle wieder dorthin tun, wo sie hergekommen ist. Wie oft hattest du das Buch schon in der Hand? Wie oft wolltest du schon den ersten Reim hören?“ Er schaute sie herausfordernd an.
„Und? Du findest das alles normal?“, fragte Lena.
„Hey, auch wenn ich sage, dass ich es toll fände, dieses Tor zu finden, so glaube ich nach wie vor, dass dies alles nur Quatsch ist, okay? Ganz davon abgesehen denke ich, wenn es wirklich ein Tor gegeben hätte, dann hätte Hendrik mit Sicherheit den Standort verraten. Also Lena, bleib ruhig. Es ist nichts passiert und es wird auch nichts passieren. Ich weiß gar nicht, was auf einmal in dich gefahren ist?“ Jonas sah sie fragend an.
Lena seufzte. Sie konnte sich selbst nicht verstehen. Jonas hatte recht. Wieso also diese Aufregung? Sie schwiegen eine Weile und schließlich besann sich Lena wieder. „Ich denke, wir sollten Hendriks Einträge von vorne durchgehen.“
Jetzt lachte Jonas. „Ich habe keine Lust, mir nochmal dieses Liebesgesülze von Hendrik durchzulesen. Kati hier, Kati da, Kati, Kati, Kati!“ Er verdrehte die Augen. „Wenn du etwas Interessantes gefunden hast, dann sag’s mir!“
Jonas nahm sich einen Kandiszucker. Lena war verrückt danach. Sie hatte immer eine Schale mit braunem und eine Schale mit weißem Kandiszucker auf dem Tisch stehen. Manchmal ging er hin und mischte sie zusammen, was Lena immer enorm aufregte, aber heute hielt er sich zurück.
Lena blätterte im Heft wieder zum Anfang zurück. „Also, ich habe das Heft durchgelesen, auch wenn du es blöd findest. Ich finde die Geschichte total romantisch. Hendrik liebt Kati und traut sich nicht, es ihr zu sagen. Es klingt auch so, als würde sie eine Liga höher spielen. Du verstehst?“, fragte sie.
„Ach, du meinst so, wie du und ich, nur umgekehrt?“, fragte Jonas frech und hob die Augenbrauen.
Lena verdrehte die Augen. „Wenn du meinst, du eingebildeter Fatzke“, meinte sie kopfschüttelnd. „Egal, hör zu, ich gehe jetzt mit dir das Heft durch und lese dir die wichtigen Stellen vor, ja?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an und wartete.
Nach kurzer Zeit fragte er: „Worauf wartest du?“
Sie grinste. „Geht doch, dann los!“
„27. April: Kati hat mich heute im Physikunterricht angelächelt. Wir waren im Labor und ich konnte einen Platz neben ihr ergattern. Sie hat absolut keinen Plan vom Thema. Konnte ihr immer wieder helfen. Sie meinte, ich wäre ihr Held, und hat mir zugezwinkert. Ich glaube, sie mag mich. Leider hat sie die Pause wieder mit diesen eingebildeten Idioten verbracht. Nach der Schule hat sie mich gebeten, ihr bei den Hausaufgaben zu helfen. Ich glaube, ich bin rot angelaufen. Hoffe, sie hat es nicht mitbekommen. Werde gleich zu ihr gehen.
27. April: Komme gerade von Kati. Sie ist soooo süß. Ich habe ihre Arbeit zwar fast allein gemacht und sie schien auch kein großes Interesse zu haben, aber ich war mit ihr zusammen - für fast eine Stunde. Leider musste sie weg, so dass ich nicht länger bleiben konnte.
30. April: Konnte es nach diesem Wochenende gar nicht abwarten, endlich in die Schule zu gehen und Kati zu sehen. Sie sah wieder so süß aus. Ihre dunklen Haare glänzten in der Sonne und ihre braunen Augen strahlten. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so schöne Augen gesehen.“
„Hallo?“, unterbrach Jonas Lenas Redefluss. „Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass dieser Eintrag wichtig ist?“ Wieder einmal rollte Jonas genervt seine Augen und Lena grinste ihn an.
„Wahrscheinlich nicht. Aber mir gefällt es, wie Hendrik für Kati schwärmt. Okay, ich lasse den nächsten Absatz weg und mache mit dem Wichtigen weiter.
23. Mai: Ich habe das Tor gefunden und weiß, dass ich eine zweite Person benötige. Es ist nur ein leichtes Flackern zu sehen, aber ich habe große Hoffnung, dass es sich öffnet, sobald die passenden Parameter vorhanden sind. Werde Kati fragen.
26. Mai: Habe Kati überzeugen können. Musste ihr das Buch zeigen. Sie wollte mir nicht glauben. Habe ihr auch das Tor gezeigt. Es hat nur ein wenig geflackert. Ich denke, das hat sie überzeugt. Wir haben das Buch noch einmal studiert. Es ist leider nicht sehr viel zu lesen. Kati meint, dass wir nichts mitnehmen dürften, weil im Buch steht: Kommt, wie ihr seid und ohne Last... Wir gehen heute Abend nochmal hin, ohne Buch. Kati ist mittlerweile total begeistert. Ich hoffe, es passiert wirklich etwas. Glaube ja nicht an Übersinnliches oder Magie, wie es im Buch steht. Aber das ist alles so merkwürdig, dass ich es nicht erklären kann.
Der kommende Eintrag ist vom gleichen Tag. Soll heißen...“, Lena sah Jonas verschwörerisch an, „es ist keine Zeit vergangen. Zumindest nicht hier auf der Erde.“
„Coole Sache“, meinte Jonas daraufhin. „Würde mich mal interessieren, ob die zwei auch nicht gealtert sind.“ Nachdem Lena nur ein Schulterzucken übrighatte, meinte Jonas: „Okay. Lies weiter, Lena.“
„26. Mai: Wir waren drüben. Wir sind durch den Dämmerwald und dann nach Sartos-Stadt. Wie im Buch gefordert. Es war der Hammer. Das hätten wir uns beide nicht träumen lassen. Das Buch ist wirklich magisch. Vor dem ersten Durchgang konnten wir nur wenige Hinweise im Buch lesen. Der Rest war unleserlich, die Schrift war so hauchdünn, als wenn sie im Nebel liegen würde. Nun kommen weitere Hinweise zum Vorschein.
30. Mai: Wir können uns zurzeit gar nicht auf unser Abenteuer konzentrieren. Die Schule nimmt uns voll in Anspruch. Wenn wir die Prüfungen nicht vergeigen wollen, sollten wir die zweite Reise aufschieben. Nur Kati macht mich verrückt. Sie will am liebsten noch heute durchs Tor, weil sie glaubt, dass die Zeit nur auf unserer Seite wartet.
10. Juni: Ich weiß nicht, ob das gut gehen kann. Kati möchte ihren eingebildeten Halbbruder Michael mit rüber nehmen. Was soll der taugen? Nana hat mich gewarnt. Wenn Kati nun doch nicht mehr zurückwill? Vielleicht sollte ich lieber hierbleiben, wer weiß...
11. Juni: Wir werden gleich aufbrechen. Kati, Michael und ich. Die zweite Aufgabe wartet auf uns.
So, das war alles, was mir wichtig schien“, sagte Lena und nahm einen Schluck Wasser. „Ich denke, Hendrik ist von seiner zweiten Reise nicht zurückgekommen, sonst würde es weitergehen, oder?“
„Könnte sein, oder er hat einfach mit dem Schreiben aufgehört, weil er keine Lust mehr dazu hatte.“
Erneut kamen Zweifel in Lena auf. „Wir könnten auch hiermit aufhören.“
„Ich weiß gar nicht, was du hast? Du weißt anscheinend selbst nicht, ob du das Ganze ernst nehmen sollst oder nicht. Worüber machst du dir Sorgen? Glaubst du an Magie? Nun, ich nicht! Ich finde einfach nur die Vorstellung spannend und irgendwie ist es interessant. Selbst wenn dieser Hendrik das Ganze im Rausch verfasst hat. Spielt doch keine Rolle. Ich finde es einfach genial. Kein Grund sich deswegen aufzuregen, oder?“ Jonas verstand Lenas Zweifel nicht. Was sollte die ganze Aufregung? Was hatte Lena auf einmal?
„Weißt du, Jonas“, seufzte Lena „ich frage mich, warum wir uns überhaupt so lange damit beschäftigen, wenn wir uns doch so sicher sind, dass das alles nur Unsinn ist? Ich glaube, dass wir beide hoffen oder auch befürchten, dass doch etwas Wahrheit hierin steckt.“
Jonas sagte nichts darauf. Klar, Lena hatte nicht ganz unrecht. Weder Lena noch er glaubten ernsthaft an Magie oder magische Welten. Doch er musste sich eingestehen, dass ihn ein wahrhaft existierendes Tor freuen würde. Er behielt diesen Gedanken für sich und hoffte, dass Lena sich besinnen würde. Diese war hin- und hergerissen. Noch war ja nichts passiert, dachte sie. Und wenn schon, was hatte sie zu verlieren?
„Ich sollte das Ganze etwas lockerer sehen. Noch haben wir ja kein flackerndes Tor entdeckt.“
„Und wir werden es wahrscheinlich auch nie entdecken, weil es kein Tor gibt“, meinte Jonas erleichtert.
Er erhob sich langsam von der Couch. „Wie dem auch sei, Lena, ich muss jetzt los. Gibt gleich Abendessen und seitdem Tante Sonja bei uns wohnt, hat jeder pünktlich am Tisch zu sitzen.“ Er wäre lieber bei Lena geblieben. Die konnte sich gleich eine Pizza bestellen, da ihre Eltern nicht zu Hause waren. Hatte die es gut. Sturmfreie Bude, sozusagen.
„Ach du Ärmster, ich wünsche dir trotzdem einen schönen Abend.“ Lena beneidete ihn um sein Familienleben, das sie nicht hatte. Ihre Mutter ging seit ein paar Monaten wieder ihrem Job als Krankenschwester nach und ihr Vater arbeitete sowieso immer ziemlich lang und aß in der Kantine. Lena lebte von Brot und Pizza. Wie schön wäre es, beim Abendessen mit ihren Eltern an einem Tisch zu sitzen. Sie tröstete sich ein wenig mit dem Gedanken, dass ihr Felix, der Schmusekater, Gesellschaft leistete.
Jonas ging wieder über die Weiden zum Wald. Den kürzesten Weg. Fünfzehn Minuten. Wenn er lief, nur zehn. Aber er ging und unterwegs kam ihm ein Mann mit Hund entgegen. Der Mann beobachtete Jonas sehr genau, aber Jonas, der ganz in Gedanken war, bemerkte den Mann gar nicht. Zudem war es schon fast dunkel. Jonas musste aufpassen, wo er hintrat. Er hatte so viele Gedanken im Kopf, dass er von seiner Umwelt nur wenig wahrnahm.
Zu Hause angekommen, warteten schon alle auf ihn und er wurde mit vorwurfsvollen Blicken begrüßt. Während des Essens ergriff Sonja das Wort:
„Na, Jonas, warst du wieder bei deiner Freundin?“
„Sie ist nicht MEINE Freundin. Wir haben für die Schule gelernt!“ Diese Frau kostete ihn den letzten Nerv. Sie war das krasse Gegenteil zu seiner Mutter, die ruhig und freundlich war. Nicht so laut wie Sonja. Manchmal wunderte er sich, wie zwei Schwestern so unterschiedlich sein konnten.
„Ja sicher“, meinte Sonja süffisant und zwinkerte ihm zu.
Er seufzte. Es hatte gar keinen Sinn zu versuchen, mit dieser Frau ein ernst zu nehmendes Gespräch zu führen. Seine Mutter wusste ganz genau, dass Jonas ein Problem mit Sonja hatte und schmunzelte.
„Und, Sonja?“ Jonas hob fragend seine Augenbrauen. „Was macht die Wohnungssuche?“
Seine Mutter schaute etwas verärgert herüber.
„Wieso fragst du?“, lachte Sonja. „Du willst mich doch nicht etwa loswerden?“
„Aber nein, Sonja“, sagte sein Vater schnell, bevor Jonas etwas antworten konnte. „Wir sind froh, dich hier zu haben.“ Er lächelte freundlich.
Jonas sah zu, dass er so schnell wie möglich aß, und nahm die weitere Tischkonversation gar nicht mehr wahr. Sein Bruder Simon war auch ziemlich abwesend, aber das hatte andere Gründe. Der war mit seinen vierzehn Jahren das erste Mal verknallt und hatte nur noch „die eine“ im Kopf.
„Ach, bevor ich es vergesse, Jonas“, sagte seine Mutter. „Hast du dein Smartphone nicht vermisst? Das hat sich heute Nachmittag ein paarmal gemeldet. Vielleicht schaust du mal nach.“
Tatsächlich, Tom hatte ein Treffen für heute Abend abgesagt. Tom war ein Freund und Nachbar. Sie hatten sich gemeinsam einen Film anschauen wollen. Die Aussicht, den Abend hier im Wohnzimmer mit Sonja zu verbringen oder mit seinem frisch verliebten, pubertierenden Bruder in einem Zimmer, gefiel Jonas gar nicht. Er überlegte und es war ihm klar, wo er hinwollte. Er rief kurzerhand bei Lena an, die gerade mit ihrer Pizza fertig war. Sie war auch froh über Gesellschaft und auf ihrer großen Couch, hatte sie allemal ein Plätzchen für ihn. Nur ihre Programmvorstellung für den Abend musste sie ändern. Modelshows waren nichts für Jonas.
Jonas machte sich wieder auf den Weg zu Lena. Er nahm die Taschenlampe mit, da es schon dunkel war. Es schneite wieder und ihm war kalt, also beeilte er sich. Kein Flackern war zu sehen und auch kein Mann mit Hund begegnete ihm unterwegs.
Donnerstag
Sie wachte schweißgebadet auf. Was für ein Traum! So langsam kam sie zu sich und versuchte, sich an das Geträumte, so gut es ging zu erinnern. Sie setzte sich auf und schaltete das Licht ein. Wieso träumte sie von Sebastian, dem Verlobten von Sophie? Sie mochte ihn nicht. Vage konnte Anna sich erinnern. Sie stand auf einem Felsen, auf einem Plateau. Neben ihr stand Sophie. Diese hatte ihren Arm schützend um ihre Schulter gelegt. Anna erinnerte sich an Lena Heinze, eine ehemalige Nachbarin und auch an Jonas Bender, den Nachbarsjungen. Er kämpfte mit Sebastian. Jonas hatte ein Messer und... Ein Klopfen ließ Anna hochschrecken. Sophie steckte den Kopf durch die Tür.
„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte sie Anna, weil sie sich wunderte, dass bei Anna das Licht brannte.
„Alles gut. Ich habe nur schlecht geträumt.“
Sophie stand in der Tür und war sich anscheinend nicht sicher, ob sie sich nach dem Traum ihrer zehnjährigen Schwester erkundigen oder lieber gleich wieder gehen sollte. Dann gab sie sich einen Ruck.
„Hast du von den Eltern geträumt oder wieder von dem weißen Luchs?“
Anna hatte Sophie bereits einige Male zuvor berichtet, dass sie in letzter Zeit immer wieder von einem schnurrenden weißen Luchs träumte. Jeder dieser Träume erschien ihr gleich. Sie selbst schwamm im Wasser und hatte Angst zu ertrinken. Dann lag sie plötzlich auf diesem Luchs. Er war groß. Viel größer als normale Luchse. Auf seinem Rücken liegend, spürte sie dieses angenehme Schnurren, das ihren kompletten Körper leicht vibrieren ließ. Ein schönes Gefühl. Plötzlich hörte der Traum auf und sie erwachte. Genau an dieser Stelle. Das Ganze hatte sie bereits sechs oder siebenmal geträumt und sie ärgerte sich insgeheim darüber, dass sie nicht weiterträumte. Jetzt aber wurde Annas Blick traurig, nachdem Sophie sie an Ihre Eltern erinnert hatte.
„Nein, nur von Jonas Bender.“ Dass Sebastian und Sophie auch im Traum vorgekommen waren, wollte Anna gar nicht erst erwähnen. Dann hätte Sophie wahrscheinlich alles wissen wollen, doch Anna wollte nur schlafen.
„Alles klar.“ Sophie lächelte Anna an. „Dann versuch weiter zu schlafen. Morgen wird ein anstrengender Tag.“
Anna legte sich wieder hin. Sie dachte nicht mehr an den Traum. Sie dachte an den morgigen Tag und wünschte sich, sie könnte sich irgendwo verkriechen. Sie befürchtete, sie würde nicht mehr schlafen können, aber sie täuschte sich. Sie brauchte den Schlaf, den sie bereits in den Nächten zuvor allzu oft vermisst hatte.
Freitag
„Du musst langsam aufstehen. Angela kommt und Sebastian ist auch schon da. Ich habe gerade das Frühstück gemacht. Komm herunter.“ Sophie zog die Jalousien hoch und sah Anna an, die verschlafen hochsah. Die kleine Anna! Sie sah so verletzlich aus und Sophie konnte nicht anders, als sich auf Annas Bett zu setzen und sie in den Arm zu nehmen. Sophie musste weinen und Anna weinte auch, obwohl sie es nicht wollte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Sophie und sie sich, durch die Ereignisse der letzten Tage noch nähergekommen waren.
„Wir schaffen das, okay?“, meinte Sophie.
Anna nickte. Sie sah Sophie an. Sie war so schön. Ihre langen, hellblonden Haare, ihr hübsches Gesicht. Zudem ihre bemerkenswerten Augen. Ein hellblaues und ein grünes. Anna kannte niemanden sonst, der zwei verschiedene Augenfarben hatte. Sie konnte nicht verstehen, wie so eine schöne Frau an so einen doofen Typen geraten konnte. Denn genau das war Sebastian. Sophie hätte jeden haben können, aber ausgerechnet ihn?
Plötzlich bemerkte Anna, dass sich der Blick ihrer Schwester verändert hatte. Sie schien entsetzt zu sein. Anna hatte sich zuvor umgedreht, um auf ihren Wecker zu schauen und dabei war Sophie das Mal aufgefallen, dass ihre Schwester bereits seit ihrer Geburt im Nacken hatte. Annas Mutter hatte das gleiche Mal gehabt. Jedoch hatte sie es unter ihren Haaren stets gut verborgen. Annas Mal hatte sich verändert.
„Was ist los?“ Anna sah ihre Schwester fragend an.
„Lass mich bitte dein Mal sehen.“ Sophie lächelte Anna an, um sie nicht zu beunruhigen. Das Entsetzen merkte man ihr nicht mehr an. Anna schob ihre mittellangen dunklen Haare zur Seite und gewährte ihrer Schwester einen Blick auf das Mal in ihrem Nacken. Sophie betrachtete es genau.
„Es sieht wie ein Auge aus. Mama hat zwar immer gesagt, dass es ein ganz normales Muttermal sei. Aber jetzt wäre es doch besser, wenn sich das ein Arzt mal ansehen würde. Sorg dich nicht, Anna. Wahrscheinlich nichts Schlimmes. Nur zur Sicherheit.“ Sophie lächelte ihre Schwester erneut beruhigend an.
„Weißt du, Sophie, ich denke auch, dass es nichts Schlimmes ist. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es eine Bedeutung hat.“
Was meinte Anna damit? Für Sophie war jetzt nicht der richtige Moment nachzufragen. Sie war einfach nur froh, dass sie ihrer Schwester keinen Schrecken eingejagt hatte. Sie nahm sich vor, gleich in der kommenden Woche mit Anna zum Arzt zu gehen.
Sophie ging hinunter und Anna ins Bad. Anna stellte fest, dass ihre Augen immer noch ziemlich geschwollen waren. Sie konnte gar nicht zählen, wie oft sie in den letzten Tagen geweint hatte. Und heute? Ihr graute vor diesem Tag. Heute wurden ihre Eltern beerdigt, die vorige Woche bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Sie waren auf der Autobahn unterwegs gewesen. Durch den frisch gefallenen Schnee hatte sich ein Stau gebildet, weil manche Autos und Lastwagen nicht mehr weiterkamen. Ein LKW-Fahrer hatte das Stauende übersehen und war auf den Wagen ihrer Eltern aufgefahren. Ihr Vater war auf der Stelle tot gewesen. Ihre Mutter hatte man schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Sophie und Anna hatten die letzten Stunden noch bei ihr verbracht. Obwohl ihre Mutter im Sterben gelegen hatte, war sie doch für einen Moment noch klar und ansprechbar gewesen. So hatte es zumindest Anna empfunden. Sophie war davon überzeugt, dass ihre Mutter nicht mehr gewusst hatte, was sie sagte. Anna dachte an jenen Augenblick im Krankenhaus zurück.
„Anna?“, Ihre Mutter hatte sehr leise gesprochen. „Deine Zeit rückt näher. Du musst bald gehen. Und vergiss das Licht nicht! Anna, bitte, denk an das Licht. Hör auf deinen Instinkt. Alles wird gut, mein Schatz.“
„Was für ein Licht, Mama? Ich weiß nicht, was du meinst.“ Anna hatte ihre Mutter fragend angesehen. Doch diese hatte nur gelächelt.
„Du wirst es bald wissen, meine Kleine.“ Dann hatte ihre Mutter den Kopf zu Sophie gedreht „Hör auf deine Schwester, Sophie. Sie wird den Weg kennen. Zweifle nicht an ihr.“
Sophie hatte ebenfalls nachfragen wollen, was das zu bedeuten hatte, doch von da an hatte ihre Mutter das Bewusstsein verloren und auch nicht wiedererlangt.
Nun wurden ihre Eltern beerdigt. Und immer noch war nicht klar, wie es mit Anna weitergehen sollte. Am liebsten wäre sie hiergeblieben. Hier lebten ihre Freunde. Hier ging sie zur Schule. Entweder blieb sie bei Sophie oder sie kam zu Angela. Sophie war ihre ältere Halbschwester. Dreiundzwanzig Jahre alt und das erste Kind ihres Vaters. Sophies Mutter war früh gestorben und der Vater hatte wieder geheiratet. Anna und Sophie kamen sehr gut miteinander aus, aber seit Sophie Sebastian kennengelernt hatte, verbrachte sie ihre Zeit nicht mehr so oft zu Hause. Zudem merkte man Sebastian an, dass er für Anna nichts übrighatte. Anna hatte Angst, dass Sophie sie nicht haben wollte. Anna wollte nicht zu Angela. Angela war die Schwester ihres Vaters. Annas Mutter hatte keine Geschwister gehabt. Angela war zwar nett, aber sie wohnte zu weit weg. Anna würde wegziehen müssen und das wollte sie nicht. Sie seufzte, schaute ein letztes Mal in den Spiegel und ging hinunter.
Sebastian saß am Frühstückstisch und hatte es noch nicht einmal nötig, auf ihr „Guten Morgen“ zu antworten. Er ließ sich von Sophie bedienen und war wieder einmal der Pascha, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie sich Sophie oder auch Anna fühlten, heute, am Tag der Beerdigung ihrer Eltern.
Anna war froh, als Angela kam. Diese schloss Anna gleich in ihre Arme und Anna musste wieder einmal weinen. Na, vielleicht war es ja doch besser, wenn sich alle so wie Sebastian verhielten, dann brach sie zumindest nicht ständig in Tränen aus.
So saßen sie am Frühstückstisch. Anna, Sophie, Angela und Sebastian. Der Einzige, der etwas aß, war Sebastian. Wenigstens ihm hatte es den Appetit nicht verdorben.
„Iss doch wenigstens das halbe Brötchen, damit du nicht mit leerem Magen gehst“, sagte Sophie und musterte Anna besorgt.
„Es tut mir leid, Sophie, aber ich habe das Gefühl, dass mir schlecht wird, wenn ich jetzt etwas esse. Außerdem isst du ja auch nichts.“
Sophie nickte verständnisvoll und Angela tätschelte Annas Hand.
„Du musst auch nichts essen. Ich bekomme auch nichts runter. Nach der Beerdigung, wird es dir bessergehen.“
„Umso besser!“ Sebastian nahm sich noch ein Brötchen. „Bleibt mehr für mich.“ Er scherzte.
Angela schüttelte missbilligend den Kopf und sah zu Sophie. Die sagte aber nichts und versuchte, den Blickkontakt mit ihrer Tante zu vermeiden. Sebastian war mit seiner lauten Art so manches Mal peinlich, aber Sophie tolerierte es.
Er arbeitete bei der Bank und hatte es mit seinen achtundzwanzig Jahren schon weit gebracht. Er war der Bereichsleiter in der Kreditabteilung und Sophie bewunderte ihn. Sie selbst befand sich im Medizinstudium und jobbte nebenbei noch als Kellnerin. Sie hatte viel zu wenig Zeit für Sebastian und der Umstand, dass ihre Eltern nicht mehr lebten, vereinfachte die Sache nicht. Sie wusste, dass Anna gerne bei ihr bleiben wollte, befürchtete aber auch, nicht genügend Zeit für ihre zehnjährige Schwester zu haben. Ebenso war ihr bewusst, dass Sebastian niemals damit einverstanden wäre, wenn sie Anna hier wohnen ließ.
