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»Saulins Albtraum: Eine Liebe, die zur düsteren Apokalypse führt!« Eine fesselnde Begegnung mit Sarai lässt Saul glauben, er sei in einem unvergesslichen Traum gefangen. Doch ahnt er nicht, dass dieser vermeintliche Traum der Auftakt zu einem unaufhaltsamen Abstieg in den Abgrund seiner eigenen Existenz ist. Überirdische Schrecken dringen immer tiefer in die Stadt vor und eine bösartige Macht aus der Leere des Alls ergreift Besitz von Saul, zerfrisst sein Leben, seinen Verstand und seinen Körper. Um dem Wahnsinn zu entkommen, schließt er einen verheerenden Pakt mit dem Teufel. Doch dieser Weg führt ihn in die Dunkelheit, raubt ihm seine Menschlichkeit und verwandelt ihn in ein albtraumhaftes Wesen voller Hexerei, Gemetzel und verstörender Grausamkeiten. Das Buch knüpft an Handlungen aus Paul Harras Debütroman "Zwischen den Sternen" an und spinnt einige Fäden weiter. »Hexerei, Gemetzel und unvorstellbare Grausamkeiten: Sauls Transformation in eine Kreatur der Finsternis!« Inhaltszusammenfassung: Saul, ein Mann, der glaubt, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, wird von einer düsteren und bedrohlichen Realität verschlungen. Eine bösartige Macht aus den Tiefen des Universums greift nach ihm und zerstört nach und nach seine Menschlichkeit. Um sein Überleben zu sichern, schließt Saul einen verhängnisvollen Pakt mit dem Teufel. Seine Reise führt ihn in eine albtraumhafte Welt voller Hexerei, Gemetzel und verstörender Grausamkeiten. »Dunkle Mächte und blutige Opfer: Sauls Pakt mit dem Teufel führt ihn in eine albtraumhafte Spirale des Wahnsinns!«
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Veröffentlichungsjahr: 2023
REDRUM
Saulin
2. Auflage
(Deutsche Erstausgabe)
Copyright © 2023 dieser Ausgabe bei
REDRUM BOOKS, Berlin
Verleger: Michael Merhi
Lektorat: Susi Swazyena
Korrektorat:
Stefanie Brandt / Nicole Schumann
Umschlaggestaltung und Konzeption:
MIMO GRAPHICS unter Verwendung einer
Illustration von Shutterstock
ISBN: 978-3-75793-712-6
E-Mail: [email protected]
www.redrum.de
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Paul Harra
Saulin
Zum Buch:
Für Saul fühlt es sich an wie ein Traum, als er Sarai kennenlernt – woraufhin seine Welt beginnt unterzugehen.
Während er sich immer mehr an Sarai verliertund sich überirdische Schrecken immer fester in der Stadt einnisten, greift aus der Leere des Alls eine bösartige Macht nach Saul, die Stück für Stück sein Leben, seinen Verstand und seinen Körper von innen heraus zerfrisst.
Als Menschen um Saul herum sterben und er endgültig im Wahnsinn versinkt, schließt er einen verheerenden Pakt mit dem Teufel.
Es ist ein Weg in die Dunkelheit, der Saul seine Menschlichkeit kostet, und ihn Stück für Stück in ein Wesen wie aus einem Albtraum voller Hexerei, Gemetzel und verstörenden Grausamkeiten verwandelt.
Dieses Buch lässt teilweise Handlungen aus Paul Harras Debütroman "Zwischen den Sternen" einfließen und spinnt einige dieser Fäden weiter.
Zum Autor:
Paul Harra, geboren 1988, hat in Tübingen Englisch studiert und dabei seine Begeisterung für Horror-Literatur aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten entdeckt.
Die Erzählungen von H. P. Lovecraft, Clive Barker und Stephen King haben ihn seither dazu inspiriert, seine eigenen Geschichten über das zu schreiben, was in der Dunkelheit lauert.
Paul Harra lebt und arbeitet in Süddeutschland.
Inhalt
I
Kapitel 1
1.
2.
3.
Erster Akt: Heimsuchung
Kapitel 2
II
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Zweiter Akt: Umsessenheit Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
1.
2.
3.
4.
Kapitel 13
Dritter Akt: Wahn
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
III
III-
III--
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
1.
2.
3.
4.
Vierter Akt: Besessenheit
Kapitel 28
IIII
IIII-
IIII--
Kapitel 29
Kapitel 30
VERLAGSPROGRAMM
Paul Harra
Saulin
Am Anfang war er noch ein Mensch. Er streifte jeden Tag durch die Steppe und ging nachts auf die Jagd. Bei Neumond, wenn die Welt dunkel war, tanzte er mit den anderen am Feuer, sang die Lieder der Ahnen, spielte die hölzerne Trommel oder die Knochenflöte. Sobald alle müde um die sterbende Glut saßen, war er es, der die alten Geschichten erzählte.
Er war genau wie die anderen. Aber als er schon zu den Ältesten gehörte, begann man im Stamm, hinter seinem Rücken über ihn zu reden. Wenn er tanzte, zuckten seine Glieder seit einiger Zeit wie im Fiebertraum. Wenn er die Lieder hörte, schluchzte er und jammerte vor sich hin, weit weg von Trost und Nähe. Seine Geschichten waren nicht mehr die alten Geschichten, sondern neue. Immer, wenn er anfing, sie zu erzählen, hielten sich die Kinder die Ohren zu und sogar die Alten konnten nicht mehr schlafen, nachdem sie ihm zugehört hatten.
Er sprach von der schwarzen Schlange, die den silbernen Mond verschlang, davon, was die Totenkopfmotten ihm im trockenen Rascheln ihrer Flügelschläge zuflüsterten. Außerdem sprach er von der Finsternis, die das Licht auslöschte, wie ein Gewittersturm eine einzelne, schwächliche Flamme.
Die einen Stammesangehörigen sagten, ein böser Geist sei durch die Wunde in seinen Schädel gefahren, als er oben in den Hügeln an einem Hang abgerutscht war und sich an dessen Fuß den Kopf an einem Stein aufgeschlagen hatte. Die anderen meinten, er sei nicht mehr derselbe, seit er aus der Höhle gestiegen war, in die er eines Nachts einen Klippdachs verfolgt hatte. Ganz allein war der Jäger dort hineingegangen, weil die anderen den Ort sogar dann fürchteten, wenn die Sonne schien.
Sie sahen ihm dabei zu, wie er immer dünner und dünner wurde, wie er aufhörte zu schlafen und langsam verdreckte, weil er sich nicht mehr unten am Wasserloch wusch. Er ging auch nicht mehr auf die Jagd, half nicht einmal bei den einfachsten Arbeiten. Schlimmer noch – er musste gepflegt werden, seit die Wunde an seinem Kopf wieder angefangen hatte zu nässen. Die meiste Zeit über lag er reglos in der prallen Sonne oder im kalten Licht der Sterne. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Hunger oder Wundbrand ihn töten würden.
Doch die anderen konnten und wollten nicht so lange warten.
Sie ertrugen seinen Anblick nicht mehr, seinen Gestank und die Schreie, die er von Zeit zu Zeit unvermittelt ausstieß und damit das ganze Lager aufschreckte.
An einem kühlen Vormittag trafen sie sich außerhalb seiner Hörweite, um sich zu beraten. Eine Entscheidung wurde gefällt, und als die Sonne fast den Zenit erreicht hatte, sammelten sie Steine auf. Sie gingen dorthin, wo er auf dem Boden lag, schrien auf ihn ein, packten ihn unter den Armen und zogen ihn auf die Beine. Sie stießen ihn vor sich her, weg vom Lager, bis man sie am Horizont nicht mehr ausmachen konnte. Dort, in der offenen Steppe neben einem Dornenstrauch, steinigten sie ihn zu Tode. Als es vorbei war, lag er unter einem Haufen von Felsbrocken begraben. Nur eine zerstörte Hand schaute noch hervor.
Sie kehrten um. Auf dem Weg zum Lager schaute keiner zu dem frischen Grab zurück, das sie geschaffen hatten. Er war nicht mehr bei ihnen, aber für den einen oder anderen fühlte es sich trotzdem so an, als würde er noch zwischen ihnen wandeln. Niemand hatte je das Ding gesehen, das ihn zerstört hatte. Aber sie alle wussten, tief in ihren Herzen: Es war da.
Es begann damit, dass aus der Kolbenpumpe hinter dem Haus nur noch schwarzes Wasser kam. Jedes Mal, wenn Saulin den Hebel nach unten drückte, ergoss sich ein breiiger Schwall davon aus dem dicken Rohrhahn in den Blecheimer darunter. Er ließ es gut sein und ging ein paar Schritte zum Gartenzaun. Von hier aus hatte er einen großartigen Ausblick auf den Pehtam-See. Heute stand keine Wolke am Himmel, er konnte nicht nur das Ufer auf der anderen Seite sehen, sondern sogar den Gebirgszug, der sich vage dahinter am Horizont abzeichnete. Hinter dem Gartenzaun führte der bewaldete Hang direkt zum Wasser hinab. Von dort unten aus der Tiefe des Sees hatte eine Pumpe im Keller bis vor Kurzem Wasser über eine Rohrleitung ins Haus gefördert. Irgendeiner von Saulins Vorfahren hatte die Pumpe einbauen lassen und sie hatte auch gut funktioniert, bis sie vor ein paar Wochen einfach den Geist aufgegeben hatte. Saulin war gerade eingeseift unter der Dusche gestanden, als der Wasserstrahl versiegte. Beim Waschbecken hatte er auch kein Glück und musste sich damit zufriedengeben, die Seife auf der Haut mit einem Handtuch abzutrocknen.
Jetzt kam nicht einmal mehr Wasser aus der Kolbenpumpe im Garten. Es gab auf dem Anwesen zwar noch einen Brunnen, der war aber zugemauert. Moos und Flechten wuchsen darauf. Wahrscheinlich war er schon vor Generationen dichtgemacht worden.
Saulin seufzte und sog die kühle Luft tief in die Lunge. Der Sommer war vorbei und Saulin bemerkte erst jetzt, wie sehr er die Kälte vermisst hatte.
Am späten Abend saß Saulin in der Bibliothek seines Großvaters und las. Er hatte eine interessante Sammlung zusammengetragen, das musste man dem alten Herrn lassen. Natürlich gab es die Klassiker, auch wenn die meisten von ihnen aussahen, als wären sie nie aufgeschlagen worden. In starkem Gegensatz dazu sah die Schundliteratur, mit der die unteren Reihen der Schränke vollgestopft waren, schon ziemlich zerfleddert aus. Da fanden sich Taschenbücher mit schlecht gemalten Ungeheuern oder schrägen Sternenlandschaften auf dem Einband. Horror- und Science-Fiction-Romane machten den Großteil der Sammlung aus. Sexgeschichten über gemäßigte Perversionen gab es aber auch zuhauf.
Ob sein Großvater die Bücher aus zweiter Hand bekommen oder so lange darin herumgelesen hatte, bis sie fast auseinanderfielen, konnte Saulin nicht sagen. Nach allem, was er über ihn gehört hatte, musste Matthew Abbot ein sehr seltsamer Mann gewesen sein. Für Werte sei er eingestanden, hatte es zu Saulin in seiner Kindheit geheißen, Tradition sei ihm wichtig gewesen. Für Saulin klang das, als ob Matthew ein Rassist gewesen war und dass er auf Menschen ohne Geld und ohne altehrwürdigen Familiennamen heruntergeschaut hatte. Das passte auch dazu, wie Saulins Großmutter auf der weniger erlesenen Seite seiner Familie immer über Matthew gesprochen hatte. Außerdem gingen sogar jenen Leuten, die vermeintlich nur Gutes über Matthew zu sagen wussten, schnell die Komplimente aus. Man munkelte, er sei nicht ganz richtig im Kopf gewesen – verbittert und hasserfüllt, spätestens, seit seine Tochter abgehauen war. Wenn die Leute ins Plaudern kamen, fiel ihnen auch wieder ein, dass es ja schon Probleme gegeben hatte, als Matthew noch ein junger Mann gewesen war. Damals wurde er aus der Universität am Nikamew geworfen, weil die schlauen Professoren etwas gegen die Studien einzuwenden hatten, die er dort betrieb. Und dann gab es noch die anderen Gerüchte, die Saulin aufgeschnappt hatte: Gerüchte über die außerehelichen Affären des alten Herrn und über andere, weniger appetitliche Indiskretionen.
Das Bild hatte sich vervollständigt, als Saulin ein paar Bücher aus einem der unteren Regale in der Bibliothek nahm und dabei bemerkte, dass ein Holzpaneel in der Wandvertäfelung dahinter lose war. Von den Werken, die er in dem Hohlraum dahinter fand, kannte er einige nur vom Hörensagen oder aus Verweisen in anderen Texten. Mit dem Großteil der Bücher war Saulin aber vertrauter, als ihm lieb war. Es war fast schon komisch: Er war in dieses verlassene Landhaus gezogen, um vor solcherlei Dingen zu fliehen und jetzt holten sie ihn ein, als würden sie ihm einen bösen Streich spielen wollen.
Saulin wollte gerade den Sci-Fi-Wälzer umblättern, in dem er an diesem Abend las und der von einer intergalaktischen Reise auf einem riesigen Weltraumwurm handelte, als das Licht ausfiel. Er fluchte leise und stand aus dem bequemen Sessel vor der kalten Feuerstelle auf, um den Sicherungskasten zu suchen. Er aktivierte die Taschenlampenfunktion seiner Kommunikationseinheit und machte sich auf den Weg durch das dunkle Haus. Sicherheitshalber schaute Saulin zuerst in der Küche nach, ob er den Kasten dort vielleicht bisher übersehen hatte. Aber hier hatte er kein Glück. Er ging zur Kellertür und stieg die Treppe zu einem engen Gang hinunter, der mit Gerümpel vollgestopft war. Im Licht von Saulins Kommunikationseinheit lagen hier die schmutzigen und zerbrochenen Hinterlassenschaften von Generationen: Möbel, Spielzeug, Kleider. Als Saulin noch klein gewesen war, hatte seine Großmutter einmal vergessen, die nasse Wäsche aufzuhängen, weil sie an diesem Abend mit einer Erkältung ins Bett gefallen war. Die Wäsche blieb auch am nächsten Tag, wo sie war, in einem Korb in dem kleinen Verhau hinter der Hütte, in der sie beide wohnten. Als Saulin und seine Großmutter über eine Woche später nach der Wäsche sahen, war sie schon verfault und stank erbärmlich nach dem, wonach sie nach dem Waschen eigentlich nicht mehr riechen sollte: den ranzigen Absonderungen von Haut und Körperöffnungen. Genauso stank es hier unten im Keller die ganze Zeit über.
Saulin richtete den Lichtschein auf die Wand des Ganges und fand dort den Sicherungskasten. Gerade wollte er die Hand nach dem Verschluss ausstrecken, als er etwas hörte: Von draußen drang leise Gesang ins Haus und in den Keller herunter. Gesang, der sich nur für den Uneingeweihten so anhörte, als würde er in eine Kirche gehören. Seit er hier wohnte, hatte Saulin die Stimmen auch in anderen Nächten ganz leise am Rand seines Bewusstseins wahrgenommen. Er hatte sich bis jetzt bloß nicht eingestehen wollen, dass sie auch wirklich da waren.
Der Nachlassverwalter hatte schon angedeutet, dass mit dem alten Haus und dem riesigen Grundstück, auf dem es stand, etwas nicht stimmte. Saulin war der brieflichen Einladung in das Notariat im Osten der Lichterstadt nur aus reiner Neugierde gefolgt. Die Vorstellung, dass der Großvater ausgerechnet Saulin etwas vermacht haben könnte, war an sich völlig abwegig. Umso überraschter war er zu erfahren, dass er im Testament zum alleinigen Erben der Villa am Pehtam-See bestimmt wurde. Es war dem Nachlassverwalter sichtlich unangenehm, mit der Sache etwas zu tun zu haben. Während er mit Saulin sprach, konnte er ihm kaum in die Augen schauen und wischte sich ständig mit einem Tuch über die Stirn, obwohl sich darauf keine Schweißperlen bildeten. Das war in dem staubigen, kleinen Büro auch schlecht möglich, so stark wie es klimatisiert war. Der Nachlassverwalter ging sogar so weit, Saulin davon abzuraten, das Erbe überhaupt anzutreten. Er sprach von blau zuckenden Lichtern, die man in manchen Nächten von der Stadt aus auf der Hügelkuppe gesehen hatte, auf der das Grundstück lag. Von hellen Schreien aus den Wäldern dort und Gewittern, die darüber viel schlimmer wüteten als in umliegenden Gebieten. Von anderen Geschehnissen, über die man sich besser ausschwieg.
Als Saulin sich dadurch nicht abbringen lassen wollte, bekam er vom Notar ein paar Dokumente sowie einen schweren Schlüsselbund ausgehändigt und quittierte mit seiner Unterschrift, dass er alles erhalten hatte. Zum Abschied gab ihm der Nachlassverwalter kraftlos die trockene, sehr kalte Hand und versprach ihm einen Fahrer zu schicken, der Saulin am Bahnhof in Lordun abholen und zum Haus bringen würde.
Keine Woche später trat Saulin durch den Haupteingang und auf den Bahnhofsvorplatz, wo der Fahrer schon an seinen Wagen gelehnt wartete. Der Mann trug eine Jeansjacke und war unrasiert. Der Kombi hatte eine hellbraune Farbe, die fast fließend in die Rostflecke an den Radkästen überging. Die ganze Fahrt über war der Chauffeur sehr wortkarg und zeigte so gut wie keine Regung auf dem blassen, fast fahlen Gesicht. Erst als sie das Haus auf dem Hügel von einer Biegung in der Straße darunter sehen konnten, meinte Saulin in den Gesichtszügen des Mannes etwas lesen zu können. Zuerst hielt er es für Angst, aber als er kurze Zeit später allein vor der großen Eingangstür stand und den größten der Schlüssel an dem eisernen Ring in das Schlüsselloch steckte, wusste er, was es wirklich gewesen war: Ehrfurcht oder sogar religiöse Verzückung.
Unten im Keller öffnete Saulin den Sicherungskasten und legte den Hauptschalter um. Nichts passierte. Genervt schlug er die Klappe des Kastens so fest zu, dass sie sofort wieder aufsprang, anstatt sich zu schließen. Das machte Saulin noch wütender. Er ließ die Kommunikationseinheit fallen, packte die Klappe, riss sie aus den Angeln und prügelte damit auf den Sicherungskasten ein, bis er von der Wand brach. Saulin fluchte, schrie und trat gegen den Kasten auf dem Boden. Erst als das metallene Gehäuse vollkommen verbeult und verbogen war, ließ Saulin davon ab. Er war völlig außer Atem. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigte und über das Trommeln seines Herzschlages in den Ohren hinweghören konnte, dass der Gesang von draußen lauter geworden war.
Saulin eilte durch den Garten. Hier war es etwas heller, der Halbmond schien durch die Wolkenschleier hindurch. Aber auch so hätte er das Licht der Kommunikationseinheit nicht mehr gebraucht. Nach seinem kleinen Wutanfall im Keller hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. So sehr, dass er jede Einzelheit des schmutzigen Ganges hatte ausmachen können und auch die Tür am anderen Ende, hinter der die mittlerweile nutzlose Pumpe stand.
Den Weg, den Saulin jetzt ging, kannte er von den fast täglichen Spaziergängen, die er in die Umgebung der Villa unternahm. Er schwang sich über den Gartenzaun an der Grenze des Grundstücks und wurde dahinter sofort vom Wald verschluckt. Hier roch es modrig, nach dem verrotteten Laub auf dem Boden, nach nassem Moos. So wie der Herbst riecht – nach Frucht und Fäulnis. Saulin suchte sich einen Pfad zwischen krummen Wurzeln hindurch und über glitschige Steine hinweg, zuerst ein Stück den Hang hinauf, dann den Rest des Weges hangabwärts. Es war leicht, dem Gesang zu folgen, aber auch ohne das kehlige Klagelied hätte er gewusst, wohin er sich wenden musste.
Die Wiese mit dem Steinkreis lag nicht einmal tausend Meter vom Haus entfernt und wie dessen Garten war auch sie abschüssig und bot über die Baumwipfel weiter unten am Hang einen Blick auf den See hinaus. Saulin war an Mittsommer hier gewesen, um sich den Sonnenuntergang anzusehen. Am westlichsten Punkt des Steinkreises standen zwei Monolithen, auf denen ein dritter Stein quer lag. Sie sahen aus wie eine offene Tür. Als die Sonne tief genug gestanden hatte, um dort hindurchzuscheinen, hatte Saulin plötzlich eine Vision davon gehabt, was hinter der Tür lag. Eine Vision von Ketten, von Nägeln und rostigen Messern, von blauen Zungen und würgenden Gedärmen. Er war erst in den frühen Morgenstunden zu sich gekommen. Seine Unterhose war vorn feucht und er konnte auf dem Heimweg kaum geradeaus gehen. Zwei Tage lang war er zu nichts zu gebrauchen und zitterte unkontrollierbar am ganzen Leib. Eine Erfahrung, die er nicht unbedingt wiederholen musste.
Heute Nacht war die Wiese nicht so verlassen wie an Mittsommer. Ganz im Gegenteil. Auf den ersten Blick hätte man die verhüllten Gestalten in den weiten, schwarzen Roben für normale Menschen halten können, auch wenn die Proportionen nicht ganz stimmten. Sie waren allesamt viel zu groß und wenn man genauer hinsah, bemerkte man hervorstehende Buckel und scharfe Kanten, die sich unter dem Stoff abzeichneten. Alle hielten sie ihre Hände – oder was auch immer sie anstelle von Händen hatten – in den weiten Ärmeln ihrer Roben verborgen. Ihre Gesichter verloren sich in den tiefen Schatten unter den Kapuzen.
Gusseiserne Schalen, in denen Holzfeuer brannten, erhellten die Steine und den Altar in ihrer Mitte mit flackerndem Licht. Es roch nach Rauch und nach anderen Dingen.
Die Gestalten waren in einem weiten Kreis um den Altar herum aufgestellt. Als Saulin zwischen zweien von ihnen hindurchging, hörte der Gesang auf. Saulin trat vor den Altar. Ausgebreitet darauf lag ein vollständiges Nervensystem, Gehirn und Rückenmark mit Nervensträngen, die rechts und links davon abführten. Es glänzte nass in einem gelblichen Weiß. Auf dem Boden um den großen Steinblock herum lag der Rest: rötlich abgeschabte Knochen, gehäutete Fleischbrocken und Gedärm, von dem in der kalten Nachtluft Dampf aufstieg.
Die größte der Gestalten trat neben Saulin.
»Was wollt ihr?«, fragte er.
Er will, dass du zurückkommst. Saulin hörte das feuchte Schmatzen der Stimme nicht mit den Ohren, sondern fühlte sie in seinen Nerven vibrieren.
»Ich habe ihm gesagt, dass wir miteinander fertig sind.«
SIE wollen, dass du zurückkommst.
Als sie Saulins leises Lachen hörte, konnte er spüren, wie sich die Figur neben ihm verkrampfte.
»Woher wollt ihr das wissen? Ihr Wille ist für euch genauso unverständlich wie für mich.«
Welche Arroganz! Wir haben die Runen befragt und die heiligen Folianten studiert. Die Gestalt deutete mit einem überlangen, schwarz verfärbten Finger auf den Altar. Wir haben Opfer gebracht und in ihren Eingeweiden gelesen.
»Und was ist, wenn ich mich weigere zurückzukommen?«
Die Gestalt wandte sich Saulin zu. Er drehte den Kopf und schaute in die Schatten unter der Kapuze, in das, was man nur mit viel gutem Willen noch als Gesicht bezeichnen konnte. Diesmal fiel die triefende Stimme laut hörbar aus dem missgestalteten Mund des Wesens: »Die Herren des Leeren Fleisches sind immer hungrig.«
Eine Weile lang sah Saulin auf den nächtlichen See hinaus. Dann nickte er der Gestalt zu. Aus einem der Ärmel ihrer Robe zog sie ein langes, dünnes Messer, schnitt aus dem Gehirn auf dem Altar ein Stück heraus und bot es Saulin an. Er nahm es, steckte es sich in den Mund und kaute auf dem gummiartigen Gewebe herum. Als er es hinuntergeschluckt hatte, legte er mit geschlossenen Augen den Kopf in den Nacken und wartete darauf, dass die Droge anfing zu wirken.
Saul flößte dem großen alten Mann auf dem Bett gerade angedickten Tee aus einer Schnabeltasse ein, als die junge Frau durch die Tür des Krankenzimmers eintrat. Sie war klein und schlank, hatte halblanges schwarzes Haar und je eine sternförmige Narbe auf beiden Wangen. Ihre Körperhaltung war sehr gerade, etwas steif sogar. Das Gesicht zeigte keine Regung, aber die Augen … Sie waren dunkelgrün und schienen gefasst in die Ferne gerichtet, auf etwas, das niemand sonst sehen konnte.
All das nahm Saul mit einem einzigen Blick wahr. Die Angst packte ihn tief unter seiner Schädeldecke und breitete sich mit der Geschwindigkeit eines Nervenimpulses in seinem Körper aus. Lauf weg!, das war sein erster Gedanke – aber er blieb.
»Ich bin hier, um meinen Großonkel zu besuchen.« Ihre Stimme war voll und tief. Sauls Mund wurde trocken.
»Kommen Sie herein«, sagte Saul, schneller und sicherer, als er erwartet hatte.
Er zog den Arm zurück, mit dem er den Kranken in einer sitzenden Haltung gestützt hatte, damit er trinken konnte und bettete ihn vorsichtig zurück.
»Störe ich?«, fragte sie. »Ich kann später wiederkommen.«
»Nein, nein. Ich wollte ihm nur gerade etwas vorlesen.«
»Ich habe Zeit.« Die Frau ging zu ihrem Großonkel und legte ihre Hand kurz und unendlich leicht an seine Wange. Ganz anders als Sauls fleischige Hände, die den Kranken den ganzen Tag lang sicher und bestimmt anpackten: beim Rasieren, beim Waschen und Essen geben, wenn sie ihn alle zwei Stunden im Bett umlagerten, damit er sich nicht wund lag.
»Besuchen Sie ihn zum ersten Mal?«, fragte Saul, um die Stille zu füllen. Sie ließ ihm entschieden zu viel Raum für die Gedanken, die auf einmal seinen Kopf füllten.
»Weil ich noch nie hier war?« Die junge Frau zog eine Augenbraue hoch und Saul befürchtete schon, sie könnte seine Frage als Vorwurf verstanden haben.
»Ich bin erst kürzlich vom Festland hergezogen und habe es bisher irgendwie noch nicht geschafft, meinen Großonkel zu besuchen, obwohl ich gar nicht so weit weg wohne. Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich ihn seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Er kam uns nur einmal in der Botschaft von Levisgrad besuchen. Als Kind war ich ziemlich eingeschüchtert von ihm.«
»Das kann ich mir bei Ihnen gar nicht vorstellen«, sagte Saul.
Sie überging sein missglücktes Kompliment und zuckte mit den Schultern. »Damals war er noch etwas anderes.«
Saul nickte. Vitali Volid war ein Staatsmann gewesen, hatte über das Schicksal unzähliger Menschen bestimmt und war kurz davorgestanden, Präsident der Republik zu werden. Jetzt war er nur noch ein Wesen aus Verfall.
»Was genau hat er?«, fragte sie. »Zu meiner Schwester und mir sagte man immer nur, er sei sehr krank.«
»Chorea Huntington. Eine Erkrankung des Gehirns, die sich auf die Muskeln auswirkt. Deswegen presst er seine Arme so an den Körper.«
»Ist es erblich bedingt?«
Saul antwortete nicht sofort. »In aller Regel schon. Aber wenn weder ein Großelternteil noch ein Elternteil betroffen sind, stehen die Chancen gut, dass die Krankheit nicht vererbt worden ist.«
Sie nickte. »Bekommt er mit, was wir sagen?«
»Vielleicht.« Saul war sich ziemlich sicher, dass das Einzige, was Vitali mitbekam, große Schmerzen waren. Schmerzen, wenn Saul ihn im Krankenbett herumschob und -zog. Wenn er ihm die Beine auseinanderdrückte, um ein Kissen dazwischen zu schieben, weil sie so verkrampft waren, dass sie sich sonst aneinander zerquetschten. Wenn er Vitalis Vorhaut zurückschob und ihm mit einem nassen Lappen den Penis reinigte.
Bei seinem Vielleicht richtete die junge Frau einen kurzen Blick auf Saul, den ersten, seit sie den Raum betreten hatte. Saul fühlte sich wie bei einer Lüge ertappt, auch wenn ihr Gesichtsausdruck immer noch kein Gefühl verriet.
»Du wolltest ihm etwas vorlesen?«
»Ja. Das hat er so verfügt, als er noch bei sich war. Dass man ihm jeden Tag vorliest. Er hat sogar eine Liste mit Büchern vorgelegt. Ich nehme fast immer dasselbe Buch. Er mochte es anscheinend am liebsten.« Saul hatte das beklemmende Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Und sie hatte ja recht. Es ergab wenig Sinn, einem Mann etwas vorzulesen, der außer Schmerzen vermutlich nichts mehr wahrnahm.
Noch bevor er ausgesprochen hatte, war die junge Frau zu einem Ohrensessel am offenen Kamin geschlendert und hatte sich hineinfallen lassen.
Saul ging zum Bücherregal, fand das Buch an seiner üblichen Stelle und zog es zwischen den anderen Bänden heraus. Neben dem Krankenbett stand ein einfacher Stuhl für die Pflegekräfte. Saul setzte sich darauf und klappte das Buch bei dem Foto auf, das als Lesezeichen diente. Das Foto hatte Vitali dort hinterlassen und Saul ließ es unauffällig in eine Tasche seiner weißen Uniform gleiten. Der große alte Mann hätte wohl kaum gewollt, dass seine Großnichte sah, was es darstellte: eine Frau mit Augenbinde, nackt und gefesselt. Saul konnte nur hoffen, dass das Bild gestellt war.
Saul fand den Absatz wieder, an dem er am Vortag stehen geblieben war und begann vorzulesen.
Vor langer Zeit, als die Erde noch jung und der Mond noch nicht in zwei Teile zerbrochen war, lebte am westlichen Rand der Runden Steppe, dort, wo sie an die Berge grenzte, ein Mann in einem kleinen Dorf. Sein Name war Elasch und er bewohnte eine Rundhütte aus Lehm und Stroh. Sie stand allein auf einem flachen Hügel, abseits der Behausungen seiner Nachbarn. Elasch war ein Bauer, aber er besaß nur ein kleines Hirsefeld und ein noch kleineres Gemüsebeet. Dazu eine einzige Ziege, die an einem Pfahl festgebunden war und Tag für Tag so lange drum herum wanderte, bis sich das Seil langsam an dem Holz aufwickelte und sie zuletzt schier erdrosselte.
Die anderen Dorfbewohner mieden Elasch, wo sie konnten. Nur wenn es sich nicht vermeiden ließ, warf man im Dorf die Würfel aus Rinderknochen und schickte den Verlierer den Hügel hinauf. Sobald in der Regenzeit eine Hütte in Gefahr war, weggespült zu werden und man starke Hände brauchte, sobald ein Wildschwein erlegt werden musste, das Freude daran fand, die Felder zu verwüsten, ging man zu Elasch und bat ihn um Hilfe.
