Sauna - Mads Ananda Lodahl - E-Book

Sauna E-Book

Mads Ananda Lodahl

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Beschreibung

Ein Hinterhof in Kopenhagen: Hier befindet sich der schwule Saunaclub "Adonis". Die Männer, die dorthin kommen, suchen erotische Zerstreuung, nackte Tatsachen und unkomplizierten Sex. Neu am Empfang ist Johan, der sich neben dem Studium etwas dazuverdient. Sein Job besteht in erster Linie darin, Schlüssel auszugeben, Pornovideos zu wechseln, Handtücher zu waschen und gelegentlich im Cruising-Labyrinth des Clubs nach dem Rechten zu sehen. Als eines Tages der schöne Transmann William vor ihm steht, spürt Johan sofort eine besondere Verbindung zu ihm. Die beiden stürzen sich in eine leidenschaftliche Beziehung, die jedoch bald schon von Williams Selbstzweifeln überschattet wird. Zwar verläuft seine Hormontherapie ohne größere Komplikationen, doch ihm fehlt das Geld für die Brust-OP. Als William beginnt, sich immer mehr aus der Beziehung zurückzuziehen, beschließt Johan, das fehlende Geld im Alleingang aufzutreiben – und sei es auf illegale Weise. So wird die Lovestory zum Underground-Krimi. Mads Ananda Lodahl erzählt in seinem Buch von der Liebe zweier junger Männer, die ihre Beziehung nicht nur als privates Glück, sondern als revolutionären Akt verstehen. "Sauna" verhandelt bodenständig und zärtlich Themen wie Beziehung, Identität und die vielfältigen Formen, in denen sich erfüllte Sexualität ausdrückt. Dabei ist Lodahls Sprache fließend und widerständig wie die Körper seiner Figuren. "Sauna" ist ein roher und unerschrockener Roman, der die Liebe im Postgender-Zeitalter beschwört.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2025

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SAUNA

MADS ANANDA LODAHL

SAUNA

ROMAN

Aus dem Dänischen von Andreas Donat

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem

Titel Sauna bei Gyldendal, Kopenhagen.

© Mads Ananda Lodahl & Gyldendal, Copenhagen 2021.

Published by agreement with Gyldendal Group Agency.

Die Übersetzung wurde aus Mitteln

der Danish Arts Foundation gefördert.

Die Arbeit des Übersetzers wurde

von der Stadt Wien unterstützt.

1. Auflage

© 2025 Albino Verlag, Berlin

Salzgeber Buchverlage GmbH

Wilhelmine-Gemberg-Weg 6 – Haus K

10179 Berlin, Germany

[email protected]

Umschlaggestaltung: Johann Peter Werth

unter Verwendung eines Stills aus dem Film

Sauna von Mathias Broe (Verleih: Salzgeber)

Satz: Robert Schulze

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-398-2

Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:

www.albino-verlag.de

Diseño ePub:

Hipertexto – Netizen https://hipertexto.com.co/

EINS

Versteckt in einem Hinterhaus in der Silkegade, gleich hinter Illum, einen Katzensprung vom Højbro Plads entfernt, liegt der Adonis Sauna Spa & Men’s Health Club. Man geht bis ans hinterste Ende des Hofs, läuft ein paar Stufen hoch, und dort hängt neben einer Türklingel ein kleines, diskretes Schild.

Man klingelt, wird eingelassen und zahlt hundert Kronen für einen Spindschlüssel, ein Handtuch und ein Kondom. Der Schlüssel hängt an einem Gummiband, den man ums Fuß- oder Handgelenk tragen kann, wie im Schwimmbad, und drinnen ist es vorgeschrieben, nackt zu sein.

Hierher kommen Männer, um miteinander Sex zu haben, und ohne es so richtig in Worte fassen zu können, hatte ich schon lange den Wunsch gehabt, diese Art von Kontakten neu zu entdecken. Ich hatte nach einem Ort gesucht, an dem man frei war von jener Angst und Unehrlichkeit, die in der realen Welt Beziehungen vergiftet, und im Adonis war der Umgang mit Sex ein völlig unmittelbarer.

Man ging einfach zu dem Typen, den man wollte, und wenn man ein Nein kassierte, ging man weiter zum nächsten. Es war genug für alle da, also gab es keinen Grund, sauer oder verletzt zu sein, und ich träumte davon, dass hier etwas entstehen konnte, das echter war als das, was ich aus meinem bisherigen Leben kannte.

Ich arbeitete am Einlass. Zweiundzwanzig Jahre alt. Mein Job bestand darin, anderen diesen Traum zu ermöglichen, und darüber hinaus Kaffee und Cowboy-Toasts zu machen, in den VHS-Geräten die Pornofilme zu wechseln und Sperma, Scheiße und manchmal Blut aus den benutzten Handtüchern zu waschen. Ich wurde im Februar 2011 eingestellt.

Meine Mutter rief an und erkundigte sich nach meinem neuen Job. Im Hintergrund konnte ich Erik hören, und die Stimme meiner Mutter verschwand, als er ihr den Hörer aus der Hand nahm.

«Na, Chef! Sind wir fertig eingezogen?»

Fast schrie er.

«Ja», antwortete ich.

«Neue Wohnung, neuer Job! Hast du dir auch schon einen Mann geangelt?»

Immer dieses aufgesetzte ‹Mann›, warum konnte er nicht einfach ‹Freund› sagen. Ich sei immer noch Single, antwortete ich, und wenn sich das ändern sollte, würde ich rechtzeitig Bescheid geben. Dann kam wieder meine Mutter an den Hörer. Sie wollte wissen, wann ich meinen Job antreten würde, und ich erzählte ihr, meine erste Nachtschicht sei noch am selben Abend.

«Ist das Nachtarbeit?»

«Ja, aber vielleicht kriege ich später Tagesschichten.»

«Wie heißt das, wo du arbeitest? Damit ich es googeln kann.»

«Adonis Sauna Spa & Men’s Health Club.»

«Warte kurz, ich schreib mir das schnell auf … Spa-Klub, und dann?»

Es war Benjamin, der mir den Job besorgt hatte. Er arbeitete ebenfalls dort, und nachdem ich mein Studium abgebrochen hatte, hatte er mich ins Adonis mitgenommen und seinen Chef gefragt, ob ich ein paar Schichten übernehmen könne. Der Chef war ein großer Deutscher mit blauen Jeans, kurzrasierten Haaren und einem kleinen Silberring im rechten Ohr. «Wann kannst du anfangen?», fragte er.

«Ich kann sofort anfangen.»

Er warf einen Blick hinauf zur Wanduhr.

«Na, das wird nicht nötig sein. In fünf Minuten kommt wer anders. Ich kann dich auf die Springerliste setzen, und wenn eine Schicht frei wird, melde ich mich.»

Er fragte, ob ich meinen Lohn schwarz oder legal haben wolle, und ich entschied mich selbstverständlich für Ersteres. Wir vereinbarten, dass mir Benjamin in meiner ersten Schicht alles erklären würde, dann streckte der Chef die Hand aus, um meine Einstellung zu besiegeln und sich vorzustellen.

«Rolf,» sagte er. Es klang wie ein bellender Hund.

Am Abend meiner ersten Nachtschicht holte ich Benjamin von zu Hause ab. Als ich hereinkam, war seine Mutter gerade auf dem Sprung. Während sie die Reißverschlüsse ihrer Stiefel hochzog, hieß sie mich im Viertel willkommen. Meine neue Wohnung lag nicht weit von ihrer und Benjamins entfernt.

Ohne anzuklopfen, ging ich in Benjamins Zimmer. Er lag in seiner Hängematte und las. Ein süßlicher Geruch von Skunk hing in der Luft. Überall lagen Bücher herum. Mir fiel eins über Astronomie ins Auge, und ein kleines mit Tipps zum Knacken von Schlössern. Als er mich sah, machte er augenblicklich ein Eselsohr in die Seite, die er gerade aufgeschlagen hatte, stieg aus der Hängematte und umarmte mich lange und fest.

«Hast du tagsüber ein bisschen schlafen können?», fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

«Dann wird das ’ne lange Nacht für dich.»

Als wir gegen halb zehn Uhr abends die Silkegade hinunterradelten, hing der Himmel bereits wie ein pechschwarzes Band zwischen den Gebäuden. Wir stellten unsere Fahrräder im Hinterhof ab. Die Luft im Treppenhaus roch nach einer Mischung aus Schweiß und einem mir unbekannten Reinigungsmittel.

Im Hinterzimmer saß ein junger Typ, den ich ablösen sollte, sobald ich meine Einführung hinter mir hatte. Benjamin erklärte, eine Nachtschicht beginne immer mit einer Runde durch das ganze Gebäude. Wir überprüften, ob Sauna und Dampfbad eingeschaltet waren und nicht unangenehm rochen. Warfen einen kurzen Blick in die Toiletten.

Dann gingen wir in den Keller. Das war die Hauptattraktion und der eigentliche Grund für die Leute, hierherzukommen. Benjamin öffnete eine schwarz gestrichene Tür, und eine stickige Wolke aus Körpergerüchen schlug mir entgegen.

«Nach dir», grinste Benjamin. Ich lachte nervös.

Im Keller war es warm und dunkel. Die etwa sechshundert Quadratmeter waren in ein unübersichtliches Labyrinth aus schwarz laminierten Trennwänden unterteilt. Decke und Boden waren ebenfalls schwarz gestrichen, und als einzige Lichtquelle dienten kleine Spots, deren Lichtkegel auf Gemälde von Knaben gerichtet waren, die auf umgestürzten Baumstämmen saßen, Flöte spielten oder Schafe hüteten. Ich hörte mehrere Pornofilme zugleich laufen, dazu ein konstantes Klirren, das vermutlich von den Schlüsselbändern herrührte, die die Leute um ihre Hand- und Fußgelenke trugen. Fürs Erste war keiner der nackten Männer zu sehen, aber ich hörte, dass sie da waren.

Wir überprüften, ob in den kleinen Kabinen die Fernsehgeräte eingeschaltet waren, dann gelangten wir in eine Ecke mit einer Sitzgruppe aus schwarzem Leder, wo auf einem großen Fernseher ein junger Mann zu sehen war, der sich in einem Wohnmobil einen runterholte. Auf dem Oberarm hatte er ein selbstgestochenes Herztattoo. Wir sahen uns den Film für eine Weile an, als mir ein dicklicher Mann auffiel, der zwischen den beiden Sofas auf dem Boden saß. Er hatte einen buschigen Vollbart und langes, fettiges Haar, und er starrte auf Benjamin, während er sich den Schwanz rieb. Ich stupste Benjamin an, und er richtete die große, gelbe Taschenlampe, die wir dabeihatten, auf den Mann.

«Und, kommt was?», fragte Benjamin.

Der Mann kämpfte ein wenig, dann spritzte er ab.

«Gut gemacht», sagte Benjamin.

Ich sollte Abfall aufsammeln, wenn irgendwo welcher herumlag. Mich versichern, dass niemand auf den Boden gepinkelt oder gekackt hatte. Benjamin bewegte sich routiniert durch die Räume, während er mit mir redete. Aus einer Kabine kam ein Zischen, und mir fiel auf, dass hier unten außer uns niemand redete.

Wir gingen wieder hinauf ins Hinterzimmer, wo ich eine Geldkassette mit Wechselgeld überreicht bekam, das ich zählen sollte. Dann gingen wir an die Kasse und Benjamin drückte auf ein paar Knöpfe, worauf eine Papierschlange herauskam, die wir gut aufbewahren mussten. Das Geld in der Kasse musste gezählt, in einen Umschlag gesteckt und in einen Tresor im Hinterzimmer gebracht werden. Der junge Typ, den wir ablösen sollten, nahm sich einen kleinen Stapel Geldscheine aus dem Tagesumsatz, steckte sie in die Tasche und ging nach Hause. Nun waren nur noch Benjamin und ich im Hinterzimmer. Auf einmal fühlte ich mich unglaublich wohl.

Schon in meiner zweiten Nachtschicht war ich ganz allein. Ich machte meine Runde und überprüfte alles. Passte die Lautstärke der Fernsehgeräte im Keller an. Zählte das Wechselgeld. Wie Benjamin es mir gezeigt hatte, legte ich drei Handtücher auf den Empfangstresen, und darauf jeweils einen Schlüssel und ein Kondom, damit ich für die ersten drei Gäste vorbereitet war. Der erste Mann, den ich hereinließ, war betrunken und sagte, ich sähe aus wie einer, der gern gegen die Wand gefickt werden möchte.

Entsprechend der Türklingel im Treppenhaus, die man benutzte, wenn man reinwollte, gab es in der Umkleide eine Klingel, die man betätigen musste, wenn man rauswollte. Und dann gab es noch eine dritte Klingel an der Bar, für den Fall, dass jemand etwas trinken oder essen wollte. Solange ich nicht auf die Klingeln reagieren musste, durfte ich im Hinterzimmer sitzen und auf meinem Computer Filme schauen.

Als es an der Bar läutete, ging ich hin und sah den betrunkenen Mann von vorhin schwankend am Tresen stehen. Er hielt sein Handtuch in der Hand, und ich sah, dass er am gesamten Körper rasiert war. Er bestellte eine Tasse Kaffee, und ich nahm einen Plastikbecher und befüllte ihn aus der Pumpkanne.

«Willst du mal ein Pferd wiehern sehen?», fragte er, während er wartete.

Ich schaute ihn fragend an, bis ich bemerkte, dass er versuchte, seinen Brustmuskel spielen zu lassen, auf dem er ein Pferdetattoo hatte.

«Ist wohl schon etwas müde», sagte er.

«Was ist deine Nummer?», fragte ich.

Er brummte etwas.

«Deine Nummer?», wiederholte ich. «Für den Kaffee.»

Er lehnte sich über die Theke, nahm den kleinen Block und meinen Kugelschreiber und schrieb eine Sieben und das Wort «Kaffee« darauf. Normalerweise schrieb ich es selbst auf, so behielt ich den Überblick über die Bestellungen an der Bar. Ich notierte mir die Nummer der Schlüssel und schrieb dazu, was die Gäste bestellt hatten, sodass ich am Ende mit jedem abrechnen konnte. Das Pferd schuldete mir jetzt fünf Kronen für den Kaffee.

Er riss den Zettel vom Block und schrieb auf ein neues Blatt seine Telefonnummer.

«Wenn du doch mal ein Pferd wiehern sehen willst, dann ruf einfach an.»

Ich kam oft mit Telefonnummern von meinen Schichten nach Hause, und manchmal traf ich Leute auch anderswo in der Stadt wieder.

Als ich nach meiner vierten oder fünften Nachtschicht nach Hause kam, begegnete ich einem Jungen, der in meinem Aufgang gerade das Treppenhaus putzte. Er kam von hinten auf mich zu und fragte, ob er einen Kuss kriegen könne. Ich weiß nicht, woher er wusste, dass ich schwul war, aber natürlich küsste ich ihn. Er wollte mit mir zum Ficken runter in den Fahrradkeller, aber ich sagte, dafür sei ich zu müde. Es musste ungefähr acht Uhr morgens sein, und ich wollte nur noch ins Bett. Er gab mir seine Telefonnummer, und in den folgenden Wochen kam er drei- oder viermal bei mir vorbei. Danach habe ich nie wieder von ihm gehört.

ZWEI

Vom Balkon meiner Einzimmerwohnung hatte ich Aussicht über die gelben und roten Wohnblocks des Kopenhagener Viertels Nordvest. Ich wohnte zum ersten Mal allein. Zur Untermiete, und es war etwas zu teuer, aber dafür wenigstens unbefristet.

Draußen lag alles in dichten Nebel gehüllt, und mein Atem verwandelte sich in der Kälte in kleine Wolken. Unten auf der Straße hörte ich jemanden eine Flasche zerschlagen, dann einen Schrei, dann ein aufheulendes Moped, das davonfuhr.

Drinnen, über meinem Bett, hing ein riesiges Poster, auf dem ein Regenwald abgebildet war, und darunter das Foto einer Schildkröte, die gerade ein Salatblatt verspeiste. Es begleitete mich schon seit Jahren und hing immer so, dass ich es vom Bett aus sehen konnte.

Es hatte etwas Besonderes. Die Schildkröte saß in einer Landschaft mit Bäumen, Steinen, Sonnenlicht und Wasser. Der Bildausschnitt vermittelte mir ein starkes Gefühl der Abwesenheit von Menschen. So war die Welt, wenn sie nichts mit uns zu tun hatte. Die Schildkröte und das Salatblatt existierten einfach irgendwo auf diesem Planeten, während ich zum Beispiel mein Lehramtsstudium abbrach, weil es mich langweilte und ich nicht so recht wusste, was ich damit anfangen sollte, oder sich andere unten auf der Straße eine Schlägerei lieferten.

Ich musste auf Rolf einen guten Eindruck gemacht haben, denn als einer der Festangestellten kündigte, durfte ich dessen Tagschichten übernehmen. Das kam mir gelegen, denn die letzte Reserve aus meinem Stipendium war aufgebraucht. Dank der regelmäßigen Arbeitseinsätze musste ich mir fürs Erste um Geld keine Sorgen machen.

Mittlerweile kam ich mit der Arbeit gut klar. Sie war einfach. Trotzdem: als ich zu meiner ersten Tagschicht erschien, begann Rolf, mir alles nochmal von vorn zu erklären. Anstatt wie bei Beginn der Nachtschicht einfach nur zu überprüfen, ob alles funktionierte, musste nun der ganze Betrieb erst einmal hochgefahren werden.

Im Keller machten wir alle Fernsehgeräte an und das Licht aus. Ich schaltete die Sauna ein, sorgte dafür, dass der Kühlschrank in der Bar gefüllt war und die Etiketten der Flaschen nach vorn zeigten. Außerdem legte ich die aktuellen Tageszeitungen aus, damit alles bereit war, wenn wir um zwölf Uhr öffneten.

Nachdem ich die Kasse gezählt hatte, ging ich hinaus und fing an, die große Waschmaschine mit Handtüchern zu füllen, aber Rolf unterbrach mich.

«Pass auf», sagte er. «In die große Maschine hier passen achtzehn kleine Handtücher oder zwölf große, und in die kleine passen zwölf kleine oder acht große. Okay?»

Ich nickte.

«Der Trockner schafft eine große Wäsche oder zwei kleine. Verstanden?»

Ich nickte erneut.

«Als Festangestellter musst du es richtig machen.»

Im Hinterzimmer lag eine Tabelle mit vier Spalten. Hier sollte ich das Datum eintragen und in der richtigen Reihe ein Kreuz machen machen, je nachdem, ob ich eine große Wäsche, eine kleine Wäsche oder den Trockner gestartet hatte. So sicherte Rolf sich ab, dass wir ihn beim Waschen nicht übers Ohr hauten. Er konnte zählen, wie viele Eintritte und zusätzliche Handtücher an der Kasse gebucht wurden, und das musste dann mit der Anzahl der Kreuze auf der Liste übereinstimmen.

Ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nahm die schmutzigen Handtücher aus der Maschine, und während ich sie wieder hineinsteckte, zählte ich sie. Dann ging ich ins Hinterzimmer und machte Kreuze an die richtigen Stellen. Ich sagte, ich fände das System etwas umständlich, und fragte, ob es nicht ausreichen würde, wenn einfach immer saubere Handtücher da wären. Daraufhin fragte er herausfordernd, ob ich der neue Chef sein wolle, was ich verneinte.

Als ich in die Küche kam, war der Kaffee gerade fertig. Aus der Bar holte ich die große Pumpkanne, füllte sie mit dem frischen Kaffee, nahm mir aus dem Schrank eine Tasse und schenkte mir ein. Dann ging ich hinter die Bar, schaltete in der Sitzecke den Fernseher ein und suchte einen Kanal, auf dem Nachrichten liefen. Auf einmal stand Rolf vor mir. In der Hand hielt er die Tasse, in die ich mir gerade Kaffee eingeschenkt hatte.

«Hast du dir diese Tasse genommen?»

Ich kam nicht zum Antworten.

«Das ist meine Tasse. Du kannst doch wohl Englisch, oder nicht?»

Er hielt die Tasse hoch, und ich las in großen schwarzen Buchstaben die Aufschrift: I’m the Boss. Ich musste laut lachen, aber Rolfs Gesicht war frei von jeder Ironie.

«Was hast du mit dem Kaffee gemacht?», fragte ich.

«Weggeschüttet. Hast du keinen neuen gemacht?»

«Doch, der ist in der Kanne.»

Er füllte die Tasse erneut und verschwand ins Hinterzimmer.

Mein Telefon gab ein Pling von sich und ich sah, dass ich eine Nachricht von meiner Mutter bekommen hatte. Sie wollte wissen, wie es mir ging, und ich antwortete, ich sei bei der Arbeit.

«Weiß dein Vater eigentlich, dass du in einem solchen Laden arbeitest?»

Ich stellte mein Telefon auf lautlos und ging ins Hinterzimmer, um es dort abzulegen. Als Rolf mich sah, legte er die Hand um seine Tasse, als hätte er Angst, ich würde sie ihm wegnehmen. Natürlich hatte mein Vater keine Ahnung, dass ich in einer Schwulensauna arbeitete.

Pünktlich um zwölf klingelte der erste Gast. Ich ging zum Einlass und öffnete die Tür, und der Typ mit dem Pferdetattoo kam herein. Er war schon wieder betrunken. Kaum war er in der Umkleide verschwunden, hörte ich Rolf aus dem Hinterzimmer rufen. Ich ging zu ihm hinein.

«Normalerweise lassen wir keine Besoffenen rein», sagte er. «Aber bei dem da ist es okay. Der geht einfach rein und legt sich schlafen.»

«Woher weißt du, dass er es war?», fragte ich.

Rolf zeigte auf einen Computermonitor, der in einem Regal stand. Er war in vier Felder unterteilt, auf denen Bilder von vier verschiedenen Überwachungskameras gezeigt wurden. Er deutete auf eines der Felder, in dem das Treppenhaus vor der Eingangstür zu sehen war.

«Hier kannst du sehen, wer klingelt, bevor du aufmachst», erklärte Rolf. «Damit es keinen Ärger gibt.»

Er zeigte auf ein anderes Feld.

«Hier sehe ich, was an der Kasse passiert. Das kann ich übrigens auch von zu Hause aus überwachen. Läuft alles übers Internet. Nur dass du’s weißt.»

Ich nickte.

Dann setzte ich mich an die Bar, um meine Ruhe vor ihm zu haben. Kurz nach zwei tauschte er schließlich seine billigen Turnschuhe gegen ein anderes Paar aus, das quasi identisch, wenn auch schmutziger war, und ging, ohne sich zu verabschieden. Ich holte seine Tasse aus dem Hinterzimmer, wusch sie aus und füllte mir selbst Kaffee ein. Dann klappte ich meinen Laptop auf und ließ einen Film laufen. Wenn eine der drei Klingeln ertönte, klickte ich auf Pause, ging hinaus, um mich um die Gäste zu kümmern, danach ging ich wieder hinein und schaute weiter.

Wir durften pro Schicht drei Softdrinks trinken, solange wir an den richtigen Stellen Kreuze machten, aber ich trank einfach drauflos. Ich aß auch von den Chips und der Schokolade, die wir verkaufen sollten. Mir war klar, dass Rolf den Schwund bemerken würde, aber letztendlich konnte er nicht wissen, wer es war, der sich nicht an die Vorschriften hielt – an der Bar gab es nämlich keine Kamera.

Am Nachmittag wurde im Keller jemandem übel, und ich musste einen anderen Gast um Hilfe bitten, um ihn an die Bar hochzutragen. Es war ein alter Mann, und ich dachte: «Der kratzt jetzt ab», aber er flehte mich an, keinen Krankenwagen zu rufen.

«Sonst finden sie es raus», sagte er. «Sonst finden sie es noch raus.»

Schließlich rief ich ihm ein Taxi und ließ ihn nach Hause fahren. Der Rest des Nachmittags verlief ruhig. Ein Mann mit Schnauzer und Bierbauch prahlte damit, dass seine Frau und seine Kinder glaubten, er sei auf Geschäftsreise.

Gegen sechs setzte sich ein älterer Mann an die Bar und schaute die Abendnachrichten. Er saß schweigend da, und mein Lächeln blieb unerwidert. Auf seiner Schulter hatte er ein Tattoo von einem Delfin. Wenig später kam ein Grönländer mit langen Haaren und schlaffen Handgelenken herein. Er duschte und verschwand, ohne sich abzutrocknen, in den Keller. Eine Stunde später kam er wieder hoch und setzte sich an die Bar.

Er trug klirrende Armbänder und lange Ohrgehänge, und um seinen Hals baumelte ein Amulett an einem Lederband. Er trank einen kalten Orangensaft, während er mir erzählte, er sei auf der Suche nach der großen Liebe. Die Art von Liebe, die ihm den Boden unter den Füßen wegziehen würde. Ich hätte schöne Augen, fügte er hinzu. Dann reichte er mir die Hand und stellte sich vor.

«Xander», sagte er.

Gegen acht Uhr wurde es so voll, dass mein System mit dem Filmschauen und Auf-Pause-Drücken im Hinterzimmer nicht mehr so recht funktionierte. Ich machte mich an den Haufen Handtücher, der sich inzwischen angesammelt hatte. Sie mussten gewaschen werden, und genau vierundfünfzig kleine Handtücher mussten gefaltet und nach Farbe sortiert ins Regal gelegt werden.

Allmählich bereitete ich mich darauf vor, um zehn abgelöst zu werden. Spulte VHS-Kassetten zurück, kochte frischen Kaffee, füllte den Kühlschrank auf, als es an der Tür klingelte. Herein kam ein Junge mit kurzem blondem Haar und einem Mopedhelm in der Hand. Ich gab ihm ein Handtuch, und als er sich verwirrt umsah, zeigte ich in Richtung Umkleide. Ich sagte, wenn er irgendwelche Fragen habe, könne er jederzeit hoch an die Bar kommen. Er verschwand in der Umkleide, aber einen Augenblick später stand er schon wieder am Einlass, diesmal in Socken. Er hatte seinen Helm nicht in den Spind bekommen.

«Den kannst du hierlassen, ich passe drauf auf», sagte ich.

«Ich muss dich auch noch was anderes fragen.»

Er wolle gern Sportsachen tragen, während er hier war, sagte er. Er hielt sie hoch, um sie mir zu zeigen. Weiße Adidas-Shorts mit blauen Streifen und ein dazu passendes T-Shirt. Ich sagte, das sei eigentlich nicht erlaubt, fügte dann aber mit einem Zwinkern hinzu, dass ich ja nicht sehen könne, was unten im Keller passiere. Er lächelte angestrengt zurück, und ich konnte nicht sagen, ob er arrogant war oder schüchtern, aber mir gefiel die Unsicherheit, die dieses Nicht-Wissen in mir hinterließ.

Während er wieder in der Umkleide verschwand, kam Xander heraus, um seinen Orangensaft zu bezahlen. Er sah die Pornofilme durch, die wir zum Verkauf anboten, und kaufte einen mit Bären und Ottern, dazu einen Dildo.

«Jetzt geht’s nach Hause zu meinem neuen Welpen», sagte er.

Als er gegangen war, lief ich schnell an die Bar, um einen Blick auf den Jungen in seinem Adidas-Outfit zu erhaschen.

Der Mann mit dem Delfin-Tattoo saß immer noch an derselben Stelle. Minuten verstrichen, aber der Junge kam nicht. Er musste in den Keller gegangen sein, während ich mich mit Xander unterhalten hatte.

Nach knapp einer Stunde kam er hoch, um sich an der Bar eine Limo zu kaufen. Er trank sie in seinem Fußball-Outfit, die eine Hand in die Hüfte gestemmt. Er lächelte nicht. Ohne zuerst zu duschen, zog er sich um und kam zum Einlass, um seine Limonade zu bezahlen. Er stand mit der Hand an der Türklinke und wartete, dass ich ihn ins Treppenhaus ließ, aber ich öffnete nicht.

«Ich habe gleich Feierabend», sagte ich. «Willst du nicht noch ein bisschen bleiben?»

«Nein, ich muss los.»

«Kommst du ein andermal wieder?»

«Damit würde ich nicht rechnen.»

«Ist was passiert?»

Er blickte auf die Türklinke.

«Lässt du mich raus?»

Ich öffnete die Tür und er ging.

Um Viertel vor zehn kam Emil, um mich abzulösen. Er machte seine Runde im Keller und überprüfte alles, und als er wieder hochkam, fragte er mich, ob ich Michael Kaffee serviert hätte.

«Wem?»

«Delfin-Michael. An der Bar.»

«Er hat nichts bestellt.»

«Nein, aber wenn er dort sitzt, muss man ihm Kaffee bringen. Er ist wie eine Spieldose, die man aufziehen muss.»

«Kannst du das nicht machen? Ich hab jetzt Feierabend.»

«Das hättest du wohl gern! Wir müssen uns um unsere Stammgäste kümmern. Wir brauchen sie. Geh schnell rein, bring ihm einen Kaffee und erklär ihm, dass du hier neu bist.»

Ich ging zur Bar, blieb kurz stehen und sah fern. Ich kam mir vor wie ein Kind. Machen, was einem gesagt wird. Ich füllte eine Tasse und stellte sie vor Delfin-Michael auf den Tisch. Er zeigte keine Reaktion.

«Ich bin neu hier, ich kenne mich noch nicht bei allem aus.»

Immer noch keine Reaktion.

«Der geht aufs Haus.»

Er warf mir einen kurzen Blick zu, ehe er die Tasse nahm, auf den heißen Kaffee pustete und seine Aufmerksamkeit wieder dem Fernseher zuwandte.

Während Emil im Hinterzimmer war, um sein Wechselgeld zu zählen, klingelte es an der Tür. Es war der Junge mit dem Adidas-Outfit, der zurückgekommen war.

«Du hast deinen Helm vergessen», sagte ich, ehe er etwas sagen konnte.

Als ich ihm den Helm über die Theke reichte, lächelte er endlich. Jetzt sah er aus, als hätte man ihn auf eines der Bilder, die im Scheinwerferlicht im Keller hingen, malen können.

«Krieg ich deine Telefonnummer?», fragte ich.

«Du hast es eilig, was?»

Er lächelte noch immer.

«Schon möglich. Also gibst du sie mir?»

«Du kannst mir doch deine geben», antwortete er.

Er zog sein Telefon aus der Tasche, und in diesem Moment kam Emil aus dem Hinterzimmer. Er blickte zuerst auf den Jungen, dann auf das Telefon und dann auf mich. Ich tippte meine Nummer ein und gab ihm das Telefon zurück, dann verabschiedeten wir uns.

«Du bist erst einen Monat hier und gibst den Gästen schon deine Nummer», sagte Emil.

Ich grinste und zog die Augenbrauen hoch.

«Du kleine Schlampe», sagte Emil und lächelte.

Das war ein Kompliment.

DREI

Ein paar Tage später schien die Sonne. Die Leute blieben auf dem Bürgersteig stehen und streckten ihre Gesichter der Wärme entgegen, als wären sie Blumen. Ich stand da und tat dasselbe, als mein Telefon Pling machte und ich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer bekam.

«Willst du mich ficken?», stand da.

Ich gab meine Nummer allen möglichen Leuten, und in der Regel vergaß ich es gleich wieder. Es war wie beim Angeln. In den meisten Fällen hörte man nie wieder etwas von den Typen, aber ab und zu kam es vor, dass einer anbiss.

«Wer bist du?», antwortete ich.

«Ich habe meinen Helm in der Sauna vergessen, falls du dich erinnerst.»

Noch am selben Abend kam er die Treppe hoch in meine Wohnung. Seine Nachricht war ziemlich direkt gewesen, aber als er nun mit dem Helm in der Hand in meinem Zimmer stand und sich umschaute, machte er einen eher schüchternen Eindruck.

«Willst du nicht deine Jacke ausziehen?», fragte ich.

Jetzt hielt er also Helm und Jacke in der Hand.

Ich schob ein paar Sachen auf meinem Schreibtisch beiseite, um Platz zu machen.

«Du kannst das hier hinlegen.»

Er legte seine Sachen ab. Ich fragte, ob er Lust auf Tee hätte, und seine Stimme überschlug sich ein wenig, als er Ja sagte. Ich überließ ihn seiner Verlegenheit und ging Wasser aufsetzen.

«Wohnst du weit weg?»

«Amager.»

«Na, dann ist es ja gut, dass du ein Moped hast.»

«Es ist kein Moped.»

Ich wartete, aber er sagte nichts weiter.

«Okay, was ist es dann?»

«Ein Roller.»

Während das Wasser im Wasserkocher heiß wurde, verlor ich mich in einem Tagtraum darüber, wie es wäre, einen Freund mit einem Roller zu haben. Ich sitze hinten drauf, irgendwo am Strandvejen, unter den Reifen knirscht der Kies, wir parken und setzen uns in der Abendsonne auf einen Wellenbrecher. Er trägt ein Unterhemd, und ich kann seine Achseln riechen. Vor uns pflügt ein Supertanker durch den Öresund, beladen mit Containern voller neuer, silberfarbener Turnschuhe und Klebebandrollen mit Bildern von rosa Teddybären und kleiner, durchsichtiger Gummibälle, die leuchten, wenn man sie schüttelt.

Da hörte ich den Wasserkocher klicken. In meinem Zimmer stand ein tapsiger Junge.

Es war William.

Ich war davon ausgegangen, dass er einfach nur von mir gefickt werden wollte. Er war jedoch so verlegen, dass es nicht einfach war, einen Anfang zu machen. Ich brachte ihm seinen Tee und fragte ihn, ob er ihm schmeckte, was er bejahte, und dann fragte ich, ob er Lust habe, mich eine Runde auf seinem Roller mitzunehmen.

«Okay», antwortete er.

Ich hielt mich während der Fahrt an ihm fest, ich konnte sein Shampoo riechen. Seine Haut war glatt wie Obst, und er hatte einen kleinen Silberohrring. Ich hatte noch nie auf einem Roller gesessen. Ich fühlte mich auf einmal sehr stark.

Wir fuhren durch Nordvest, und als wir uns wieder meiner Wohnung näherten, klopfte ich ihm auf die Schulter. Er ging vom Gas, damit er mich hören konnte. Ich fragte, ob wir nicht noch in den Kiosk gehen und ein Eis kaufen wollten.

«Ist es nicht ein bisschen kalt für Eis?»

«Ach komm. Heute war der erste Sonnentag. Ich lade dich ein.»

William nahm eine Kopenhagenerstange, ich ein «Kung Fu». Bis jetzt hatte er von sich aus kaum etwas gesagt. Trotzdem war etwas an ihm, das mir gefiel, und als ich mein Eis gegessen hatte, gab ich zu, dass es tatsächlich ein bisschen kalt war, und fragte, ob er mit hochkommen wolle, um sich aufzuwärmen. Wir standen noch immer vor dem Kiosk, und ich sagte es mit einem schiefen Lächeln, um ihm zu verstehen zu geben, was mir unter Aufwärmen vorschwebte.

«Vielleicht fahre ich einfach nach Hause», antwortete er.

Ich setzte mich auf den Roller und sah ihn ungeduldig an.

«Du kommst jetzt mit hoch.»

Als wir in mein Zimmer kamen, machte ich Musik an, zog meinen Pulli aus, setzte mich im T-Shirt aufs Bett und versuchte, scharf auszusehen. William saß auf der Kante meines Schreibtischstuhls und nestelte an einem losen Faden seiner Hosennaht herum. Ich starrte ihn an. Er schaute überall sonst hin, nur nicht zu mir.

«Magst du nicht hier rüberkommen?»

Er zögerte.

«Ich glaube, ich gehe lieber nach Hause.»

«Jetzt komm schon her.»

Ich lächelte.

Langsam zwängte er sich aus seiner Jacke, kam zu mir herüber und setzte sich auf die Bettkante, die Hände im Schoß. Als ich mit der Fingerspitze leicht über seinen Arm strich, ging ein Zucken durch seinen Körper, aber er wich nicht zurück, also legte ich ihm eine Hand auf den Rücken und streichelte ihn weiter. Er war total angespannt und steif. Ich lehnte mich an ihn und küsste seinen Hals. Er hielt den Atem an, doch auch jetzt leistete er keinen Widerstand.

Ich drehte sein Gesicht zu mir, um ihn auf den Mund zu küssen. Er erwiderte den Kuss. Still, sanft, behutsam. Er war hart, zugleich aber auch weich und fein, stark und eigenartig und unfassbar schön, und so zog ich ihn aufs Bett und fuhr mit meiner Hand seinen Hals entlang in Richtung Brust. Mit einem Ruck setzte er sich auf.

«Das … äh …»

Er sah sich verwirrt um, griff nach seiner Jacke und fummelte an ihr herum. Er versuchte, sie anzuziehen, aber er bekam seinen Arm nicht in den Jackenärmel.

«Ich glaube, ich fahre wirklich besser nach Hause.»

Ich setzte mich auf und versuchte, seinen Blick einzufangen.

«Alles okay mit dir?»

Er sagte nichts.

«Stimmt was nicht? Hab ich was falsch gemacht?»

«Ich … Es ist nur so, dass …»

Er fasste sich an den Kopf, und ich stand auf und hielt seine Hände. Das Ganze war irgendwie peinlich.

«Es ist völlig in Ordnung, wenn du doch keine Lust hast.»

«Ich hab Lust», sagte er schnell. «Eigentlich sogar sehr.»

Er blickte zur Decke.

«Also, wo liegt das Problem?»

«Ich muss dir was sagen.»

Kurz schaute er zu mir, dann wieder weg.

«Es ist nämlich so, dass ich … FTM bin.»

«FTM?»

Er sah mich prüfend an.

«Weißt du, was das bedeutet?»

«Ja, ich denke schon. So ungefähr jedenfalls.»

Bilder schossen mir durch den Kopf. Ich versuchte herauszufinden, ob ich mich in irgendeinem dieser Bilder wiederfinden konnte.

«Das bedeutet doch, dass du als Mädchen geboren wurdest, aber jetzt ein Junge bist, richtig?»

«Ja. Oder … ja. So ungefähr. Ich hab halt noch den Körper, mit dem ich geboren wurde. Mit Brüsten und … na ja … da unten.»

Er deutete auf seinen Schritt, während sein Blick durchs Zimmer flackerte. «Also, wenn du mich ausziehst, wirst du nicht das finden, was du dir vielleicht erhoffst.»

Ich streichelte seine Hand. Es fühlte sich auf eine Weise viel zu intim an und gleichzeitig auch ein bisschen, als würde ich ihn trösten.

«Okay, ich muss kurz …», sagte ich, während ich nachdachte.

«Ich verstehe, wenn du nicht willst», sagte er, aber dann hatte ich plötzlich das Gefühl, genug nachgedacht zu haben.

«So ist es nicht, William. Ich bin eigentlich keiner, der sich irgendwas Bestimmtes erhofft. Ich finde dich schön, und du machst einen echt süßen Eindruck. Also nehmen wir die Dinge doch einfach, wie sie kommen, und schauen mal, was passiert. Und wenn du obendrein auch noch ein Moped hast, ist das ja sowieso schon mehr, als ich mir jemals erhofft hätte.»

William lachte. Und ich lächelte. Wir waren beide nervös.

«Es ist immer noch kein Moped. Und es ist auch nicht mein Roller. Ich habe ihn nur von einem Freund geliehen, der im Skiurlaub ist.»

Ich zog eine enttäuschte Grimasse.

«Man kann eben nicht alles haben», sagte ich.

Wir küssten uns, und er entspannte sich ein wenig. Dann zog er sich zurück und sah mich wieder an.

«Also soll das heißen, es ist für dich okay, dass ich trans bin?»

«Natürlich ist es okay», sagte ich. «Aber es ist für mich das erste Mal, also kann es sein, dass du mir ein bisschen helfen musst. Und falls es irgendetwas gibt, das du nicht möchtest …»

Da lehnte er sich an mich und küsste mich heftig, während er gleichzeitig meine Hand nahm und sie in seinen Schritt presste. Ich spürte den weichen Stoff seiner Jogginghose in meiner Handfläche und bekam eine Ahnung davon, was sich darunter befand, und von da an ging alles ziemlich rasch und von selbst.